DONNA CLAYTON
Wer ist der Vater von Jennys Baby?
Als Jenny im Krankenhaus erwacht, kann sie sich an nichts mehr erinnern. Bei einem Sturz verlor sie das Gedächtnis. Wer sind die beiden Männer, die an ihrem Krankenbett wachen? Und wer von den beiden ist wirklich der Vater ihres ungeborenen Kindes? Jenny kann nur inständig hoffen, dass es ihr geliebter Luke ist …
CAROL GRACE
Der Beste für dich – ich!
Männer zum Heiraten sind Mangelware in dem Städtchen Harmony. Trotzdem ist Suzy hier auf der Suche nach einem Ersatzvater für ihren kleinen Sohn. Eigentlich hat sie ihren Idealmann längst gefunden: Sheriff Brady, groß, stark, solide. Aber er verweigert sich standhaft. Erst als Suzy einen Anderen kennen lernt, gerät Brady in Panik. Bekommt er noch eine Chance?
SHERRYL WOODS
Sturm der Gefühle
Für die Kinderärztin Kelsey bricht die Welt zusammen, als ihr Ex-Mann ihren gemeinsamen Sohn entführt. Sie engagiert den Privatdetektiv Dylan Delacourt, um ihn zurück zu holen. Erst allmählich erkennt sie, dass Dylan scheinbar Verständnis für ihren Ex-Mann aufbringt. Und obwohl Kelsey sich stürmisch in Dylan verliebt hat, zieht sie sich enttäuscht zurück …
Donna Clayton
Wer ist der Vater von Jennys Baby?
1. KAPITEL
Jenny kam langsam zu sich. Ihr war, als habe sie eine Ewigkeit im Tiefschlaf gelegen. Der warme Nebel drohte allerdings, sie in die schützende Tiefe des Schlummers zurückzuholen. Gleichzeitig war die Unruhe um sie herum viel zu störend und verwirrend, sodass sie doch den Schlaf abschüttelte, der sie ins Vergessen zurückziehen wollte.
Nur mit größter Anstrengung gelang es ihr, die Augen zu öffnen, und sofort wurde sie von dem grellen Licht direkt über ihr geblendet. Sie stöhnte gequält und drehte sich von der schmerzenden Helligkeit weg. Die Bewegung löste jedoch eine Welle der Übelkeit in ihr aus. Schnell kniff sie die Augen zu und verharrte wieder reglos.
„Sie kommt zu sich. Schnell, holen Sie den Arzt.“
Die Stimme des Mannes war ihr unbekannt, aber die offensichtliche emotionale Erregung in seiner Stimme jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Unwillkürlich fragte sie sich, wer er wohl sei.
Die Frage löste jedoch eine ungezählte Menge neuer Fragen in ihrem Kopf aus, der sich wattiert anfühlte. Wo bin ich? Was ist passiert? Warum tut mir jeder einzelne Muskel in meinem Körper weh? Und warum schaltete niemand dieses grelle Licht aus?
„Jenny, nun mach schon, wach auf!“
Eine andere Stimme, das erkannte sie. Ebenfalls männlich, aber weicher als die erste, weniger zornig. Auch diese Stimme war emotionsgeladen, und plötzlich bekam sie eine Gänsehaut. Zum ersten Mal, seit sie aufgewacht war, verspürte sie Angst.
Lediglich ihr Überlebensdrang zwang sie, die Augen noch einmal zu öffnen. Wenn irgendwo Gefahr lauerte, wollte sie ihr ins Gesicht sehen.
Was für ein komischer Gedanke! Sie legte eine Hand über die Augen, um sich vor der Helligkeit zu schützen. Das unbestimmte Gefühl, dass sie sich in Gefahr befand, verschwand wieder wie ein Nebel, der von der Sonne aufgesogen wurde, und sie richtete all ihre Energie darauf, die grauen Schatten jenseits des Lichts zu erkennen.
„Kannst du denn nicht sehen, dass sie geblendet wird?“
Dies war wieder der erste Mann, dessen Stimme da so ärgerlich klang und der nun das Licht über ihr zur Seite schob. Ihre Sinne waren einen Moment lang überfordert, während sie versuchte, ihr Umfeld in sich aufzunehmen.
Weiß. Alles war weiß. Die Wände, die Bettwäsche, die uniformierten Schwestern … Ein Krankenhaus!
„Krankenhaus“, flüsterte sie, aber der Klang ihrer Stimme war ihr fremd. Ihr war, als höre sie sich selbst zum ersten Mal. Komisch, warum konnte sie den Klang ihrer eigenen Stimme nicht erkennen? Panik ergriff sie, das Herz klopfte gegen ihre Rippen im Gleichklang mit dem pochenden Schmerz in ihrem Kopf. Um die Angst niederzukämpfen, die sie zu überwältigen drohte, zwang sie sich, die Augen zu öffnen und ihren Blick auf etwas Konkretes zu richten.
Ein Gesicht.
Der Mann stand am Fußende des Bettes direkt vor ihr. Er war gebräunt und hielt sich offensichtlich viel im Freien auf. Trotz der angespannten, beinahe adlerartigen Züge seines Gesichtes sah er gut aus. Das Licht brachte sein rabenschwarzes Haar zum Schimmern, und seine tiefdunklen Augen strahlten vor Intensität. Sie war überzeugt, dass er der Mann war, dessen Stimme sie zuerst gehört hatte.
„Es war ein Unfall“, erklärte er ihr. „Du bist den Abhang hinuntergestürzt.“ „Ha, nur du, Luke, kannst das, was Jenny zugestoßen ist, als Sturz bezeichnen.“
Sie wandte den Blick von dem dunklen, ärgerlich wirkenden Mann zu dem anderen, der Luke angesprochen hatte und neben ihr am Bett stand. Ihm gehörte die Stimme, die ihr vorhin die merkwürdige Angst eingejagt hatte. Nun wunderte sie sich jedoch, warum sie so reagiert hatte. Er wirkte absolut nicht furchterweckend.
Sein sandfarbenes Haar war zerzaust, und ein fröhliches Lächeln blitzte in seinen braunen Augen, als er sie anschaute. „Du bist gute zweihundert Meter einen Abhang hinuntergerutscht, Jenny. Wir haben dich mehrere Stunden lang gesucht und nicht gefunden. Glaub’ mir, wir waren zu Tode erschrocken.“
Da war sie wieder, fiel es ihr auf. Diese Nervosität in seiner Stimme. Warum nur macht sie mir solche Angst? Erneut spürte sie Panik in sich aufsteigen. Seltsamerweise suchte sie das Gesicht des dunklen, ärgerlichen Mannes, um bei ihm Beruhigung oder Trost zu finden.
Offensichtlich hatte der Mann namens Luke ihren Gefühlsaufruhr bemerkt, denn er warf dem blonden Mann einen wütenden Blick zu.
„Sei still, Chad!“, fuhr er ihn an.
Doch Chad blieb nicht still. Im Gegenteil, seine Nervosität schien zuzunehmen, da sie sich jetzt nicht nur in seiner Stimme, sondern auch in seinem Blick abzeichnete.
„Alles wird wieder gut“, fuhr Chad fort. „Du kommst nach Hause, und alles wird bestens, nicht wahr, Jenny?“
Sie öffnete den Mund, um ihn etwas zu fragen, aber schon griff Chad nach einem Glas, das auf dem Nachttisch stand.
„Möchtest du einen Schluck Wasser?“ Er hielt ihr das Glas entgegen.
Die Verwirrung in ihrem Kopf war mehr, als sie ertragen konnte. Sie presste die Handflächen gegen die Schläfen, und obwohl jede Faser ihres Körpers schmerzte, rutschte sie in die entfernteste Ecke ihres Betts, um sich so weit wie möglich von den beiden Männern zu entfernen.
„Warum nennst du mich so?“ Die Frage entschlüpfte ihr völlig unvermittelt. Nur am Rande nahm sie wahr, dass die Krankenschwester sich leise entfernt hatte.
„Dich wie nennen? Meinst du deinen Namen, Jenny? Nun, weil du so heißt. Was hast du denn?“ Dann warf er ihr einen wissenden Blick zu. „Jetzt ist nicht der richtige Augenblick für Spielchen.“
Sein nervöses Lachen wirkte auf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Merkte er denn nicht, was in ihr vorging? Konnte er nicht begreifen, dass die ganze Welt aus den Fugen geraten war?
„Würdest du endlich den Mund halten, Chad!“
Lukes scharfer Befehl brachte den jüngeren Mann zum Schweigen, aber ihre eigene Furcht nahm dadurch nur noch zu. Sie fühlte sich wie ein hilfloses, in eine Ecke gedrängtes Tier, dem der Fluchtweg abgeschnitten war.
„Hör mich bitte in Ruhe an.“
Lukes ruhiger, aber bestimmter Ton weckte ihre Aufmerksamkeit. Durch das trommelnde Geräusch in ihrem Kopf hindurch bemerkte sie, dass die anfängliche Wut in seinen Augen sich in tiefe Besorgnis zu verwandeln schien, so als wolle er sie mit seinen Worten besänftigen.
„Die Krankenschwester geht gerade einen Arzt suchen.“ Er legte ihr eine Hand aufs Schienbein. Die Berührung schien trotz der Baumwolldecke zu brennen. Nur mit Mühe konnte sie ein Stöhnen unterdrücken. Sofort nahm er die Hand wieder von ihrem Bein.
„Ich bin Luke“, fuhr er fort. „Luke Prentice, dein Ehemann. Und das hier ist mein Bruder Chad.“
Ihr Ehemann? Hatte er das wirklich gesagt? Warum aber kannte sie ihn nicht? Sie konnte sich an keine Hochzeit erinnern. Ebenso wenig konnte sie sich an eine Hochzeitsreise erinnern. Wie könnte sie das Glück eines Hochzeitstages vergessen? Das konnte nur ein grausamer Scherz sein. Tränen der Verwirrung traten ihr in die Augen.
„Das ist verrückt, Luke.“ Chad fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Sie weiß, wer wir sind und …“
„Dann sieh’ sie dir genau an!“, fauchte Luke seinen Bruder an. „Offensichtlich hat sie schreckliche Angst. Sie weiß doch nicht einmal mehr ihren eigenen Namen und mustert uns, als seien wir Fremde für sie.“ Dabei holte er tief Luft, um sich zur Ruhe zu zwingen. „Ist schon gut, Jenny. Der Arzt wird gleich hier sein. Er wird dir helfen. Du kommst schon wieder in Ordnung.“
Ihr war, als versuchte er, sich ebenso wie sie zu beschwichtigen. Offensichtlich durchlebte er gleichfalls einen Schock.
„Natürlich kommt sie wieder in Ordnung“, bestätigte Chad. Seine Stimme hatte sich dabei so verändert, dass es sie erstaunte. Jener Unterton, der ihr anfänglich Angst eingejagt hatte, war ganz und gar verschwunden, sodass sie sich fragte, ob sie ihn sich nicht nur eingebildet hatte.
Vorsichtig wagte sie einen kurzen Blick in Chads Gesicht, aber sie konnte darin nichts Furchterregendes entdecken, sondern lediglich ein freundliches Lächeln. Dann ließ sie den Blick zu Luke wandern. Wieso glaube ich, dass dieser Mann mit den schwarzen Augen weniger gefährlich für mich ist?, überlegte sie. Verwirrt strich sie sich mit den Fingerspitzen über die Stirn. „Mein Kopf tut mir weh.“ „Wo zum Teufel bleibt denn der Doktor?“ Luke machte einen Schritt auf die Tür zu. In diesem Augenblick betrat ein älterer Mann in einem strahlend weißen, aber leicht verknitterten Arztkittel das Zimmer.
„Es wird auch langsam Zeit“, murrte Luke.
„Hallo, Doktor Porter“, grüßte Chad fröhlich.
Der Arzt ignorierte die beiden Männer und trat an Jennys Bett.
„Nun, Jenny Prentice“, begann er, „die Krankenschwester hat mir berichtet, Sie hätten Probleme mit Ihrem Gedächtnis. Es scheint, als litten Sie an einer Amnesie, einem leichten Gedächtnisschwund.“
Ein leichter Gedächtnisschwund? Würde ihr Kopf nicht so schmerzen, hätte sie laut aufgelacht.
„Lassen Sie mich einen Blick in Ihre Augen werfen!“ Der Arzt fischte eine kleine Taschenlampe aus seiner Kitteltasche und leuchtete ihr damit zuerst ins rechte und dann ins linke Auge. „Die Pupillenreflexe sind gut“, stellte er fest. „Was können Sie mir über sich sagen, Jenny Prentice?“, erkundigte er sich.
Sie hatte den Eindruck, als habe er ihren Namen wiederholt, um sie daran zu gewöhnen. Aber alles um sie herum erschien ihr so fremd, so ganz und gar nicht vertraut, dass sie weiterhin schwieg.
„Können Sie mir sagen, wie alt Sie sind?“, fragte er.
Sie schüttelte vorsichtig den Kopf.
„Den Namen unserer Stadt?“
Erneut schüttelte sie den Kopf.
„In welchem Bundesstaat leben Sie?“
Diesmal gab sie sich gar keine Mühe zu antworten, sondern biss sich auf die Unterlippe, um die Tränen zurückzudrängen. Wie konnte ihr Gedächtnis nur so leer sein?
„Was ist mit diesen beiden Kerlen hier im Zimmer?“ Der Arzt deutete mit dem Kopf in Richtung der beiden Männer an ihrem Bett. „Erkennen Sie sie?“
„Ich weiß, dass ihre Namen Luke und Chad sind“, antwortete sie langsam. „Und Luke hat mir gesagt … Er hat gesagt, er sei mein Ehemann.“
„Gut.“ Doktor Porter strich über ihre Hand. „Das ist zumindest ein Anfang.“ Dann wandte er sich an Luke. „Ich möchte Jenny über Nacht zur Beobachtung hier behalten.“ Er verzog das Gesicht zu einem Lächeln. „Ein paar gute Nachrichten kann ich jedenfalls beisteuern. Die Röntgenaufnahme ergibt keine Anzeichen einer Gehirnerschütterung, und ihr Sturz scheint dem Baby keinen Schaden zugefügt zu haben.“
Plötzlich wurde es im Zimmer ungemütlich still.
„Dem was?“ Auf Lukes Miene zeichnete sich Erstaunen ab.
Sie verharrte reglos. Der Arzt hatte soeben gesagt, sie sei schwanger. Das war wirklich etwas viel auf einmal. Ihr Name war Jenny Prentice. Sie war verheiratet, und in ihr wuchs ein Baby. Angesichts all dieser Neuigkeiten war es erstaunlich, dass sie nicht auf der Stelle ohnmächtig wurde. Vielleicht war es ihr starker Überlebenswille, vielleicht ein angeborener mütterlicher Instinkt, jedenfalls konzentrierte sie sich plötzlich auf ein einziges Wort: Baby. Spontan legte sie beschützend eine Hand auf ihren Bauch. Sie erwartete ein Kind!
„Jenny!“ Enttäuschung spiegelte sich in Lukes Augen. „Warum hast du mir nichts davon gesagt?“
Sie konnte ihn jedoch nur hilflos anblicken. Gleichzeitig fragte sie sich, welche Frau ihrem Mann wohl derart wunderbare Nachrichten vorenthalten würde.
„Vielleicht habe ich es nicht gewusst.“ Sogar in ihren eigenen Ohren klang ihre Stimme schwach. Sie blickte zum Arzt und hoffte, dass er ihre Worte bestätigte.
Der ältere Mann schüttelte jedoch den Kopf. „Sie sind vor zwei Wochen wegen eines Schwangerschaftstests in meine Praxis gekommen. Also wussten Sie schon seit einer Weile das Ergebnis.“
„Ich verstehe das alles nicht“, sagte Luke.
Ihr war, als durchbohre er sie förmlich mit seinem Blick. Sie konnte ihm jedoch nicht helfen, da sie die ganze Sache ebenso wenig verstand und zudem völlig überrumpelt war von der Leere in ihrem Gedächtnis.
„Vielleicht kann ich Licht in diese Angelegenheit bringen.“
Unwillkürlich sahen alle zu Chad.
„Es tut mir leid, Luke, dass du auf diese Weise davon erfährst“, fuhr Chad fort. „Aber ich nehme an, Jenny hat niemandem etwas erzählt, weil …“ Er schob die Hände in die Hosentaschen und seufzte, bevor er fortfuhr: „Nun, um es kurz zu machen: Ich denke, ich bin der Vater des Babys.“
Jenny schlüpfte in eine abgetragene Jeans. Sie hätte Stein und Bein schwören können, sie habe die Hose nie vorher gesehen, aber als sie den Knopf schloss und den Reißverschluss hochzog, musste sie feststellen, dass sie wie angegossen saß.
Alles war so seltsam, jede Handlung erschien ihr neu und noch nie vorher ausgeführt. Die ganze Welt um sie herum war ein fremder Ort. Dennoch wusste sie, was Jeans waren, als die Krankenschwester sie ihr brachte und ihr sagte, ihr Mann habe ihr Kleidung vorbeigebracht. Sie hatte auch gewusst, wofür die Zahnbürste, die Haarbürste und der Kamm dienten. Obwohl man ihr allerdings gesagt hatte, diese Gegenstände seien alle ihr Eigentum, war ihr, als sähe und benütze sie diese Dinge zum ersten Mal in ihrem Leben.
Der Aufenthalt über Nacht im Krankenhaus hatte sich auf vier Tage verlängert. Nach der schrecklichen Szene, die sich zwischen den Prentice-Brüdern an jenem Tag abgespielt hatte, als sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, hatte Jenny Doktor Porter gebeten, ihr noch etwas Zeit zu lassen. Allein. Dankenswerterweise hatte der ältere Mann ihren Wunsch erfüllt.
Damals hatte sie schreckliche Angst verspürt, als sich die beiden Brüder gestritten hatten, nachdem sie von ihrer Schwangerschaft erfahren hatten. Der Arzt konnte gerade noch dazwischentreten, bevor Luke und Chad handgreiflich werden konnten. Dennoch, der Zorn und die schmerzlichen Anklagen, die zwischen den beiden Männern hin- und hergeflogen waren, hatten eine schreckliche Erinnerung in ihr hinterlassen.
Was ist das für eine Frau, die eine Affäre mit dem Bruder ihres Mannes vor dessen Augen hat?
Denk jetzt nicht darüber nach, befahl sie sich. Aber das Schlimme war, dass es in ihrem Gedächtnis nichts gab, auf das sie sich stattdessen konzentrieren konnte. Ihr Gedächtnis war einfach weg. Also wanderten ihre Gedanken immer wieder zu den beängstigenden Anschuldigungen, die die beiden Brüder ausgestoßen hatten.
Jeden Tag kam der Arzt und stattete ihr einen Besuch ab. Er überprüfte ihre Schürfwunden und Blutergüsse. Und jeden Tag erkundigte er sich, ob sie irgendwelche Fragen über sich, über ihr Leben oder über ihr Dasein vor dem Unfall hatte. Und jeden Tag verneinte sie entschieden.
Jenny war noch nicht so weit. Sie wollte nicht wissen, wer sie war, was sie getan hatte, wen sie verletzt hatte. Die Andeutungen, die sie aus dem Streit der Brüder entnommen hatte, reichten, um ihr Angst vor der Wahrheit einzujagen. Nicht, dass etwas tatsächlich ausgesprochen worden war, aber die Tatsache, dass Chad erklärt hatte, er sei wahrscheinlich der Vater des Kindes, war mehr als genug gewesen.
Sie versuchte, ihre Gedanken abzulenken und griff in die Tasche, die ihre Kleidung enthielt. Das weiße, ärmellose Oberteil, das sie über den Kopf streifte, roch leicht nach Geißblatt. Betupfte sie normalerweise mit diesem blumigen Parfüm ihre Handgelenke und Ohrläppchen? Fand Luke diesen Duft verführerisch? Die Frage überraschte sie. Wieso beschäftigte es sie, was Luke Prentice verführerisch fand oder nicht, wo noch so viele Fragen unbeantwortet waren, seit sie in dieser neuen, unbekannten Existenz aufgewacht war. Wie eine Schlafwandlerin ging sie zu dem großen Fenster und starrte hinaus.
Sie ließ den Blick über die Landschaft schweifen. Die Berge in der Ferne waren dicht mit Bäumen bewachsen. Der Name des Gebirgszugs war ihr nicht bekannt. Sie hatte sich nicht zugestanden, dem Arzt oder den Schwestern diese einfache Frage zu stellen, geschweige denn eine der tausend anderen, die sie beständig quälten. Das Einzige, was sie wusste, war, dass die Berge sie beruhigten. Sie hatte bereits Stunden hier am Fenster gestanden und bei ihrem Anblick Trost gefunden. Auch jetzt wartete sie darauf, dass sich dieses Gefühl der Leichtigkeit wieder einstellte. Doch ihre Gedanken kamen heute nicht zur Ruhe. Wie sollten sie auch, wo man ihr am Morgen gesagt hatte, sie könne sich nicht länger hier zurückziehen.
Jenny legte eine Hand auf ihren Bauch, um die aufsteigende Panik niederzukämpfen, als sie sich erneut Doktor Porters Blick ins Gedächtnis rief, wie er ihr in seiner sanften, väterlichen Art klargemacht hatte, dass sie das Krankenhaus als Zufluchtsort benützte. Er hatte ihr entschieden erklärt, sie müsse nun nach Prentice Mountain zurückkehren. Vielleicht würde ja das einst so vertraute Ski-Hotel ihr helfen, ihr Gedächtnis wieder anzukurbeln. Andererseits hatte er ihr keine Versprechen hinsichtlich ihrer Amnesie gemacht. Verletzungen des Gehirns, so hatte er erklärt, seien von der Medizin noch immer nicht ausreichend erforscht.
Also war Jenny Prentice – so hatte sie in den vergangenen Tagen gelernt, sich zu nennen – gezwungen, sich damit zu abzufinden, dass sie sich möglicherweise nie von ihrem Gedächtnisverlust erholen würde. Zudem beschäftigten sie die Abschiedsworte des Arztes.
„Sie waren nie der Typ, der den Kopf in den Sand gesteckt hat, Jenny“, hatte er gesagt. Und damit hatte er sich verabschiedet, um seine Besuchsrunde im Krankenhaus zu beenden.
Doktor Porter hatte ihr also klargemacht, dass die alte Jenny kein Feigling gewesen war. Während sie nun am Fenster stand und hinausschaute, freute sie sich über die Vorstellung, dass sie stark war. Dennoch verleitete der Gedanke sie nicht zur Eile, mehr über sich selbst herauszufinden. Was würde sie wohl entdecken? Dass sie eine treulose Ehebrecherin war? Jemand, der den Mann täuschte und anlog, mit dem sie eigentlich den Rest ihres Lebens gemeinsam verbringen wollte?
Die Fragen waren erschreckend. Fast so erschreckend wie der schmerzliche Ausdruck in Lukes Gesicht während ihrer letzten Begegnung. Nie würde sie die Qual vergessen können, die in seinen Augen gestanden hatte, als der Arzt beide Brüder ermahnte, ihr Krankenzimmer zu verlassen.
Seither hatte sie auf ihre ausdrückliche Bitte hin keinen der beiden Prentice-Männer mehr gesehen. Doch nun würde man ihre Bitte nicht mehr länger respektieren. Sie war ab sofort gezwungen, sich ihrem Leben und ihrem Verhalten in der Vergangenheit zu stellen. Dabei war es unwichtig, dass sie sich nicht mehr an diese Dinge erinnerte.
Zum tausendsten Mal in den vergangenen vier Tagen wanderten ihre Gedanken zu ihrem Baby. Wenn sie sich mit der Hand über den Bauch strich, fühlte er sich flach und muskulös an. Wer war der Vater dieses winzigen Wesens, das in ihr wuchs? Die Frage rief ihr Lukes Gesicht und seinen gequälten Blick vor Augen. Sein schmerzverzerrter Ausdruck war offensichtlicher Beweis, dass er nie Verdacht geschöpft hatte, seine Frau und sein Bruder hätten miteinander geschlafen, und schon gar nicht, dass Chad sich als Vater des Kindes ausgeben würde. Sie schloss die Augen. Welche Frau war zu so etwas fähig?
Denk einfach nicht daran, befahl sie sich stumm.
„Jenny!“
Sie erkannte sofort Lukes sonore Stimme. Erstaunt öffnete sie die Augen und drehte sich zu ihm um. Mit ihm hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte angenommen, er würde nie wieder mit ihr sprechen wollen.
Nun, er war also hier. Überraschung Nummer eins.
Und dann fiel ihr etwas anderes auf. Er sah überhaupt nicht verärgert aus. Oder verletzt. Nichts wies darauf hin, dass er vor gerade mal vier Tagen zutiefst von ihr erniedrigt worden war. Überraschung Nummer zwei.
Überraschung Nummer drei war, dass er sie sogar anlächelte. Es war nur ein kurzes Lächeln, aber gleichzeitig überwältigend. Sofort spürte sie, wie sich tief in ihrem Innern ein Funke entzündete.
Als sie bemerkte, dass er auf ihre Füße starrte, fragte sie: „Was ist?“
„Der Arzt hat gesagt, dein Sturz könne möglicherweise die alte Jenny ausgelöscht haben, aber mir scheint, sie hat sich nicht allzu weit entfernt.“
„Wie kommst du darauf?“
„Deine nackten Füße.“ Sein Lächeln verwandelte sich in ein schelmisches Grinsen, und der Funke in ihr brannte heftiger. „Ich hatte immer Mühe, dich dazu zu bringen, Schuhe zu tragen“, erklärte er. „Besonders im Sommer.“
Plötzlich spürte Jenny eine starke körperliche Anziehung zu diesem Mann. Wie konnte das passieren? Wieso fühlte sie sich so stark zu Luke hingezogen, wenn sie doch angeblich eine Affäre mit seinem Bruder gehabt hatte? Irritiert errötete sie, und sie senkte den Kopf. Hatte die alte Jenny Prentice eine so niedrige Moral, dass sie mit zwei Männern gleichzeitig schlafen konnte? Abscheu erfüllte sie. Was für eine Sorte Frau bin ich?, fragte sie sich erneut.
„Komm jetzt, Jenny!“, forderte Luke sie auf.
Seine angespannte Stimme verriet ihr, dass er ihr Unbehagen gespürt hatte. Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu. Mittlerweile hatte sich sein Lächeln verflüchtigt, und seine Augen wirkten kühl.
„Zieh deine Schuhe an.“ Er ging zum Bett und hob die Reisetasche auf, die ihre wenigen persönlichen Habseligkeiten enthielt. „Und dann lass uns nach Hause fahren!“
Es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.
2. KAPITEL
Nach Hause. Das Wort sollte normalerweise Gefühle der Sicherheit und Wärme, Glück und Lachen, Zweisamkeit und Familie erwecken. Doch Jenny empfand nichts dergleichen. Stattdessen verkrampfte sich ihr Magen, als sie daran dachte, nun an einen Ort zu gelangen, an den sie sich nicht erinnern konnte, mit einem Mann zu leben, der ein Fremder für sie war.
Als sie aus dem Krankenhaus trat, wärmte Sonnenschein ihre Wangen. Sie schloss die Augen und hob das Gesicht zum Himmel. Für eine Sekunde konnte sie den warmen Sonnentag genießen, bevor Luke sie weiterdrängte, indem er die Hand auf ihren Nacken legte.
Es war eine unschuldige Bewegung, dessen war sie sich sicher, eine, die er vermutlich hunderte Male als ihr Ehemann gemacht hatte, aber das Kribbeln, das ihr nun über den Rücken lief, veranlasste sie, die Augen aufzureißen. Gleichzeitig spürte sie, wie ihr die Knie weich wurden.
„Wir haben eine etwa halbstündige Fahrt vor uns“, erklärte er ihr und lenkte sie in Richtung Parkplatz.
Zu Jennys Erleichterung konnte sie immer noch ganz normal einen Fuß vor den anderen setzen. Die Hitze seiner Hand an ihrem Nacken schien ihr brennender als die Sommersonne, und dennoch empfand sie sie nicht als unangenehm. Im Gegenteil, sie löste eine angenehme Wärme in ihrem Bauch aus.
Trotzdem beschleunigte sie ihren Schritt, um der Wirkung seiner Hand zu entkommen. Das Letzte, was sie wollte, war, dass dieser Fremde, ganz egal wie gut aussehend er auch sein mochte, bemerkte, wie sehr sie körperlich auf ihn reagierte. Er mochte ihr Ehemann sein, aber sie kannte diesen Mann nicht.
„He!“, rief er aus.
Sie hielt inne und drehte sich zu ihm um.
„Du bist gerade an unserem Bronco vorbeigegangen. Na ja, macht nichts“, fügte er schnell hinzu. „Wie konntest du es auch wissen.“ Luke hielt ihr die Beifahrertür des großen, vierradgetriebenen Geländewagens auf, damit sie einsteigen konnte. Dann ging er auf die Fahrerseite und setzte sich hinters Lenkrad.
„Es ist schon komisch“, meinte sie, als sie den Sicherheitsgurt anlegte. „Ich erinnere mich, dass ich einen Sicherheitsgurt tragen muss, aber ich habe nicht die geringste Vorstellung, in welcher Stadt ich mich befinde. Ich weiß, dass das dort drüben ein Rosenstrauch ist und das eine Kiefer, aber ich erinnere mich nicht an den Namen des Gebirgszugs dort drüben.“ Sie deutete zum Horizont.
Luke drehte den Zündschlüssel im Schloss, schaute dabei jedoch zu ihr. „Hat dir der Arzt nicht angeboten, diese Lücken für dich aufzufüllen?“
„Doch, durchaus. Aber ich hatte viel zu viel Angst, Fragen zu stellen“, flüsterte sie.
„Das klingt so gar nicht nach der Jenny, die ich kenne.“
Erst hatte Doktor Porter ihr erzählt, sie sei nicht die Person, die vor der Wahrheit zurückschrecke, und nun äußerte Luke dieselbe Ansicht.
„Begreifst du denn nicht, dass die Frau, die du gekannt hast, nicht hier ist?“ Tränen der Verzweiflung traten ihr in die Augen. „Ich kann mich nicht an sie erinnern. Ich kenne sie nicht, und ich weiß nicht einmal, ob ich sie kennen will.“
„Jenny, hör auf damit!“ Er umschloss mit seinen kräftigen Fingern ihr Handgelenk.
„Nicht“, bat sie leise und befreite sich aus seinem Griff. Seine Berührung erweckte sofort einen Hunger in ihr, der sowohl verwirrend wie auch erregend war.
Wieso ist das so? Warum nur reagiere ich so heftig auf ihn, wenn …? Jenny schob den Gedanken beiseite. Sie war noch nicht bereit. Es gab einfach viel zu viele andere, grundlegende Fragen, die eine Antwort erforderten. Fragen wie beispielsweise: Wer war Jenny Prentice? Wird diese Frau jemals wieder zurückkehren? Und was würde geschehen, wenn sie nicht mehr zurückkam? Wer war der Mann, der neben ihr saß? Was für eine Ehe hatten sie miteinander geführt? Der Gedanke erzwang sofort eine weitere Frage. Was würde er von ihr als seiner Frau erwarten?
Ich kann nicht mit einem total Fremden ins Bett gehen. Panik erfasste sie.
Der Gedanke an Sex erinnerte sie an etwas anderes. Wer war der Vater des Kindes, das sie in sich trug? Unwillkürlich legte sie die Hände auf ihren Bauch. Für Jenny war diese letzte Frage die wichtigste von allen.
„Ich verstehe gar nicht, warum du überhaupt hier bist“, bemerkte sie in einem Anfall von aufrichtiger Gefühlsaufwallung. „Du hättest jemanden schicken sollen, der mich abholt – nach allem, was ich dir und unserer Ehe scheinbar angetan habe.“ Sie schüttelte den Kopf. „Es muss sehr schmerzhaft für dich sein zu glauben, ich hätte möglicherweise mit deinem Bruder geschlafen.“
Sie presste die Lippen aufeinander. Eigentlich hatte sie gar nicht vorgehabt, so viele ihrer Selbstzweifel preiszugeben. Wieso hatte sie sich dazu hinreißen lassen? Es zog ihr die Brust zusammen, als sie sah, wie sein Blick sich vor Schmerz verdunkelte.
„Zuallererst sollst du wissen, dass ich nicht glaube, du und Chad hätten eine Affäre gehabt. Ich bin der Vater des Kindes, das du erwartest. Das habe ich auch bereits vor vier Tagen gesagt, als du von deinem Sturz aufgewacht bist, und ich wiederhole es hiermit.“
Aber während er dies sagte, konnte Jenny den Zweifel in seinen Augen erkennen. „Warum aber hat dein Bruder dann …“
Luke brachte sie durch eine Handbewegung zum Schweigen. „Um das alles herauszufinden, haben wir noch reichlich Zeit. Im Augenblick bist du immer noch verletzt und musst dich auskurieren.“ Er legte den Rückwärtsgang ein und fuhr den Bronco aus dem Parkplatz. „Die Antworten auf die komplizierten Fragen werden wir später finden. Jetzt beschäftigen wir uns erst einmal mit den einfachen Dingen.“
„Den einfachen Dingen?“
„Ja.“ Er lenkte den Wagen auf die Straße. „Das Einfachste im Augenblick ist die Frage, wo wir uns befinden. Und damit wollen wir anfangen. Wir sind in Olem, Pennsylvania. Genau gesagt auf der North Street. Und diese Berge dort vorne sind die Pocone Mountains. Siehst du diesen herausragenden Gipfel dort?“ Er deutete nach Nordwesten. „Das ist Prentice Mountain, unser Ziel. Dort wohnen wir.“
Eine gute halbe Stunde befuhr Luke eine kurvenreiche Straße und nützte dabei jede Gelegenheit, sie auf die Sehenswürdigkeiten hinzuweisen.
Olem sei im Sommer ein unbedeutender Ort, erklärte er. In der Ski-Saison hingegen würden sich die sportbegeisterten Leute mit eigenen Ferienhäusern hier einfinden. Außerdem lockte der bereits florierende Tourismus jedes Jahr mehr Gäste in diese Gegend. Dabei deutete er auf zwei Ski-Resorts, die an der Strecke nach Prentice Mountain lagen. Jenny fiel auf, dass Luke sich von dieser Konkurrenz offensichtlich nicht bedroht fühlte. Stattdessen sprach er von deren Betreibern wie von Freunden, was sie irgendwie freute. Dabei konnte sie gar nicht verstehen, warum sie so empfand.
Außerdem stellte sie fest, dass sie den Klang von Lukes klangvoller Stimme genoss. Er hörte sich heute so anders an als der zornige Mann, den sie vor vier Tagen an ihrem Bett im Krankenhaus vernommen hatte.
Das ist es, wurde ihr plötzlich klar. Die Tatsache, dass die Schärfe in seiner Stimme fehlte, hatte sie eingelullt. Luke erschien ihr heute ein völlig anderer Mensch verglichen mit der Person, die er vor vier Tagen gewesen war.
Zu gern wäre sie der Sache auf den Grund gegangen, aber in diesem Augenblick lenkte Luke den Wagen von der Straße auf eine Zufahrt und hielt dann vor einem kleinen Farmhaus.
„Hier wohnen Bud und Mary“, erklärte er. „Du und ich, wir sind beide ganz verrückt nach den frischen Tomaten, die Bud verkauft. Ich dachte, ich hole uns einige fürs Abendessen.“
Er öffnete die Tür, und instinktiv wollte Jenny die ihre ebenfalls aufmachen.
„Bleib’ sitzen“, bat er. „Der Stand ist gleich da drüben.“ Er deutete darauf. „Ich bin sofort zurück.“
Luke ging zu dem Verkaufsstand, und Jenny hörte, wie er den Farmer grüßte. In diesem Augenblick trat eine Frau aus dem Haus und trocknete sich die Hände an ihrer Schürze ab.
„Hallo, Jenny“, rief sie und winkte. „Ich freue mich, dich wohlbehalten wiederzusehen.“
Jenny errötete. Offensichtlich kannte sie diese Frau. Zaghaft hob sie die Hand zum Gruß.
Die Frau ging auf den Gemüsestand zu und gesellte sich zu Bud und Luke. Aufgrund der mitleidigen Blicke, die alle drei gelegentlich zu ihr herüberwarfen, war Jenny klar, dass sie über sie sprachen. Sie kam sich wie eine Außenseiterin vor. Erkannten sie denn nicht, dass sie die Fremden waren und nicht sie, Jenny? Seufzend schloss sie die Augen. Was soll das eigentlich, hielt sie sich dann vor. Ich bin diejenige, die sich verändert hat.
Luke stieg wieder ein. „Mary backt uns einen Zitronenkuchen“, berichtete er und stellte eine Papiertüte, gefüllt mit reifen Tomaten, zwischen die beiden Vordersitze. „Es ist dein Lieblingskuchen“, erklärte er.
Sie warf noch einen schnellen Blick auf das Paar, während Luke anfuhr. „Was hast du ihnen denn gesagt?“, fragte sie ein wenig zu scharf. „Sie haben mich ja angesehen, als hätte ich eine ansteckende Krankheit.“
„Das ist lächerlich, Jenny. Natürlich haben sie nicht …“
„Ich bin nicht lächerlich!“
Sie bemerkte, wie er ärgerlich den Kiefer anspannte. Ich kann es auch nicht ändern, dachte sie trotzig. Schließlich ist das nichts im Vergleich zu der Qual, die ich gerade durchmache.
„Jenny“, begann er erneut. „Bud und Mary sind unsere Nachbarn, unsere Freunde. Sie sind auch deine Freunde und machen sich Sorgen um dich. Ich musste ihnen doch irgendetwas erzählen.“
„Und was hast du ihnen erzählt?“ Dabei ließ sie ihm jedoch keine Zeit zu antworten, sondern fuhr in hysterischem Ton fort: „Arme, arme Jenny. Sie hat sich den Kopf angeschlagen, und peng! hat sich ihr früheres Leben einfach in Luft aufgelöst.“
Sie spürte, wie Panik sie erfasste. Wie eine Lawine schienen ihre Emotionen über sie hereinzubrechen und sie einen steilen Abgrund schrecklicher Panik hinunterzustürzen.
„Ich habe überhaupt nichts dergleichen gesagt“, widersprach er. „Aber ich musste ihnen von deinem Gedächtnisschwund berichten.“
„Sie denken, ich sei verrückt“, schrie Jenny jetzt. „Habt Mitleid mit der armen Idiotin!“ Ihr war zwar klar, dass sie Unsinn redete, aber dennoch war sie hilflos der Lächerlichkeit ausgeliefert, die aus ihr heraussprudelte.
Luke bemühte sich um einen sanften Ton, der sie beruhigen sollte. Doch dadurch reizte er sie nur noch mehr. „Mary musste es erfahren, insbesondere, da ich sie gebeten habe, an den Nachmittagen auszuhelfen. Sie wird für uns kochen und das Haus sauber halten, bis du dich wieder gesund und wohl fühlst.“
„Ich will aber nicht, dass Mary kommt. Ich will überhaupt keine Hilfe. Glaub mir, ich komme sehr gut allein zurecht.“
„Jenny!“, mahnte er leise.
„Ich bin bestens in der Lage, selbst zu kochen und sauber zu machen. Auf das Mitleid anderer kann ich verzichten. Ich bin nicht hilflos, und ich kann es nicht ertragen, so behandelt zu werden.“
Nur am Rande nahm Jenny wahr, dass er den Bronco von der Straße gelenkt und den Motor abgestellt hatte. Schnell löste Luke erst seinen und dann ihren Sicherheitsgurt. Dann zog er sie an sich.
Sie leistete keinen Widerstand. Sie wäre auch gar nicht dazu in der Lage gewesen. Seine Umarmung fühlte sich viel zu sehr wie der sichere Hafen an, den sie so sehr benötigte. Genau das hatte sie vermisst, seit sie in diesem schrecklichen Albtraum lebte.
„Ich will keine Hilfe“, wiederholte sie hartnäckig, aber ohne die Hysterie, die vorher in ihrer Stimme gelegen hatte.
„Pssst!“ Er drückte sie fest an sich. „Ist ja schon gut.“
Sie spürte seinen gleichmäßigen, starken Herzschlag an ihrem Ohr. Langsam atmete sie tief durch. Sicher denkt er, nun bin ich endgültig verrückt geworden. „Ich habe Angst“, gab sie flüsternd zu.
„Ich weiß.“
Sie zitterte am ganzen Körper. So saß sie eine ganze Weile an ihn geschmiegt. Obwohl ein warmer Hochsommertag herrschte, benötigte sie verzweifelt die Hitze, die von ihm ausging. Sie drang in ihre Knochen und taute dort das Eis ihrer Furcht auf.
Er strich ihr weder übers Gesicht noch über die Haare. Er flüsterte auch keine liebevollen Worte, sondern hielt sie ganz einfach fest und vermittelte ihr seine Stärke.
Lukes Schweigen war wohltuend für sie. Allmählich nahm sie das Zwitschern der Vögel in den Bäumen und das gelegentliche Rauschen vorbeifahrender Autos wahr. Und als sie sich kräftig und ruhig genug fühlte, schob sie ihn sanft wieder von sich.
Ein fast nicht zu ertragendes Gefühl der Peinlichkeit überwältigte sie, als sie diesen Fremden ansah, der ihr Ehemann sein sollte. Sie zwang sich jedoch, seinem Blick nicht auszuweichen. „Es tut mir so leid.“
„Ist schon gut. Aber ich muss darauf bestehen, dass Mary zu uns kommt“, fuhr er entschieden fort. „Ich muss auf dem Ski-Gelände arbeiten. Wir müssen Bäume für vier neue Abfahrten fällen, die vor dem ersten Schnee fertig sein sollen. Chad und ich müssen die Arbeiter beaufsichtigen. Wenn du den ganzen Tag allein im Haus bist, mache ich mir Sorgen. Das verstehst du doch sicherlich, oder?“
Jenny nickte stillschweigend.
„Gut.“ Er musterte ihr Gesicht. „Wie geht es dir jetzt?“
„Besser“, versicherte sie ihm, obwohl sie sich dessen gar nicht sicher war.
Sanft strich er ihr mit den Fingern übers Kinn und legte dann die Hände wieder ans Lenkrad. „Bist du bereit, einen weiteren Schritt vorwärts zu tun?“
„Einen weiteren Schritt?“ Gänsehaut überlief sie.
Er blickte zur Windschutzscheibe hinaus. „Wir sind ja zu Hause.“
Sie folgte seinem Blick. Am Ende der Straße, in die Luke eingebogen war, stand ein Wegweiser, auf dem „Ski-Resort Prentice Mountain“ zu lesen stand.
Unwillkürlich klammerte sich Jenny am Sitz fest. Sie wollte stark sein und sich den Fragen stellen, die ihr bevorstanden. Gleichzeitig hatte sie das Gefühl, als würde eine rasende Fahrt in einer Achterbahn sie erwarten.
Die dicht mit Bäumen bestandene Asphaltstraße führte mehrere Meilen den Berg hinauf. Dann schien der Wald zurückzuweichen und gab den Blick auf das Ski-Resort frei.
Jenny sah Schilder, welche die Skifahrer zu einem großen Parkplatz auf der linken Seite leiteten. Und dann wunderte sie sich über ein großes Gebäude etwas weiter oben auf dem Berg.
„Kommt dir das irgendwie bekannt vor?“
Stumm schüttelte sie den Kopf.
„Die ursprüngliche Unterkunft, der noch aus roh behauenen Balken errichtete Teil, wurde von meinem Vater gemeinsam mit meinem Großvater gebaut. Dann fügten Dad und ich vor etwa zehn Jahren den Steinbau hinzu.“
„Dein Vater und dein Großvater“, sagte sie.„Wann werde ich sie sehen? Leben sie hier?“
„Nein“, antwortete er. „Mein Großvater starb, als ich noch ein kleiner Junge war. Dad hingegen starb vor drei Jahren.“
„Das tut mir leid.“ Ihre Aufmerksamkeit wurde von dem luxuriösen Ski-Hotel gefesselt. „Ich würde es gern besichtigen.“
Luke lenkte jedoch den Wagen in einen als Privatstraße markierten Weg. „Lass uns zuerst nach Hause gehen.“
„Wir wohnen also nicht im Hotel?“
Luke warf ihr ein kurzes Lächeln zu, und sofort wurde sie von einer gewissen Erregung erfasst. Ja, diese Erregung verdrängte sogar die Furcht, die sie vor ihrer Heimkehr verspürte.
„Nein“, bestätigte er. „Das Geschäft erfordert zu viel Zuwendung, besonders in der Hochsaison. Da braucht man einen Platz, um sich zurückziehen zu können, auch wenn er nur eine Viertelmeile weiter weg ist. Wie mein Vater schon immer gesagt hat: typisch Prentice-Familie. Vielleicht sollte ich dich allerdings warnen. Dies ist der Familiensitz der Prentices. Das heißt, Chad lebt ebenfalls hier.“
Sie hatte also offensichtlich gemeinsam mit beiden Brüdern unter einem Dach gewohnt. Jenny versuchte, sich an den Gedanken zu gewöhnen, ohne von Panik erfasst zu werden.
„Es ist ein großes Haus“, versicherte er ihr. „Du hast genug Platz, um dich zurückzuziehen.“
Schweigend fuhren sie bis vors Haus. Jenny bemühte sich, mit dem Gedanken vertraut zu werden, dass sie beide Prentice-Männer sehen würde, tagein, tagaus.
Luke parkte den Geländewagen, stieg aus und öffnete ihr die Beifahrertür. Dann griff er mit der einen Hand nach ihrer Reisetasche und legte ihr die andere Hand auf den Nacken in einer schon fast vertrauten Weise.
Kaum hatte Jenny drei Schritte gemacht, als sie ein Flattern in ihrem Magen spürte. Gleichzeitig begann ihr Herz heftig zu pochen bei der Vorstellung, dass sie gleich die Schwelle dieses ihr fremden Hauses überschreiten würde, in dem sich Tausende von Fragen verbargen.
Sie hielt inne. „Ich kann nicht“, flüsterte sie. „Ich bin noch nicht bereit.“
Glücklicherweise nahm Luke die Hand von ihrem Nacken, sodass wenigstens die Hitzewellen in ihrem Körper verebbten. Sie konnte sich jedoch nicht dazu überwinden, einen weiteren Schritt auf die Haustür zu zu machen. Bittend blickte sie ihn an. Sie hoffte so sehr, dass er begreifen würde, wie groß ihre Angst war.
„Ich weiß, dass dies nicht leicht für dich ist, aber Abwarten macht es auch nicht einfacher.“
Jenny blickte einen Moment lang zu Boden und dann wieder in seine Augen. Er hatte recht. Ausreden und ein Aufschub erleichterten ihr das Heimkommen auf keinen Fall. Entschlossen holte sie tief Luft und ging weiter.
Luke hielt ihr die schwere Eichentür auf. Mit aufeinandergepressten Lippen trat sie ein und blickte sich um.
Der Boden war mit dem blauen, für Pennsylvania typischen Granit gefliest. Man konnte diesen Bereich weniger eine Eingangshalle als einen Flur bezeichnen, der die Vorderfront des Hauses entlangführte. Von einer Galerie mit hohen, schmalen Fenstern drang Licht herein. Das Ende des Gangs öffnete sich in einer Art Bibliothek, einem kleinen, gemütlichen Raum, dessen Wände aus Bücherregalen bestanden. Am anderen Ende des Flurs war ein Zimmer, in dem ein alter englischer Tisch mit dazu passenden Stühlen aus der Queen-Anne-Epoche stand, wohl das Esszimmer.
„Das ist es also“, stellte Luke fest. „Unser Zuhause.“
Sie spähte ins Wohnzimmer, das sich direkt dem Eingang gegenüber befand. Der an den blauen Granit angrenzende taubengraue Teppich gab dem Raum eine formelle Atmosphäre, die Jenny irgendwie unangenehm war. Reglos stand sie da und lauschte der Stille.
Lukes Hand auf ihrer Schulter riss sie aus ihren Gedanken.
„Ist alles in Ordnung?“
Erst jetzt bemerkte sie, dass sie den Atem angehalten hatte, als warte sie auf etwas. Aber auf was?, fragte sie sich.
„Natürlich“, antwortete sie abwesend und lächelte kaum wahrnehmbar.
Worauf habe ich gewartet? Die Frage nagte an ihr. Hatte sie erwartet, dass der Anblick des Hauses ihre Erinnerungen zurückbringen würde? Eine Bilderflut der vergangenen Jahre? Sie spürte, wie Enttäuschung sich in ihr breitmachte, während sie sich umsah, auf Geräusche lauschte und hoffte, etwas Vertrautes ausfindig zu machen. Sie erlebte jedoch kein Wiedererkennen. Stattdessen kam sie sich wie eine Fremde vor. Dabei sollte dieses Haus ihr Heim sein.
„Du musst etwas Geduld haben.“ Luke strich ihr mit der Hand über den Arm.
Offensichtlich hatte er ihr die Enttäuschung im Gesicht abgelesen.
„Vielleicht fühlst du dich im Augenblick noch fremd hier, aber du wirst neue Erinnerungen und neue Erlebnisse sammeln. Und diese neuen Erfahrungen werden dieses Haus für dich wieder zu einem Heim werden lassen.“
Du wirst neue Erinnerungen und neue Erlebnisse sammeln. Er hatte ganz bewusst nicht wir gesagt. Jenny musterte das Gesicht ihres Mannes.
Er lächelte, und jede düstere Botschaft, die er ihr vielleicht hatte zukommen lassen wollen, löste sich im Nichts auf, als die Hitze seiner Hand auf ihrem Ellbogen sich über ihren Unterarm, ihr Handgelenk und dann bis in die Fingerspitzen ausbreitete. Diese Hitze war nichts im Vergleich zu der, die seine Hand auf ihrem Nacken erweckt hatte. Das jetzt war eine versengende Glut.
„Soll ich dich durchs Haus führen?“
Er muss es doch sehen!, dachte Jenny. Sicherlich merkt er, dass seine Berührung etwas in mir entflammt hat. Etwas Rätselhaftes, beängstigend Erotisches. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück. Verlegen fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen und überlegte fieberhaft eine Antwort.
„Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gern selbst auf Entdeckungsreise gehen.“ Zu ihrem Erstaunen klang ihre Stimme ganz normal.
Luke nickte, aber seine Lippen waren zu einer schmalen Linie gepresst. „Wie du willst.“ Er blickte auf die Reisetasche, die er noch immer in der Hand hielt. „Die bringe ich nach oben, und dann will ich noch den Wagen hinter dem Haus parken.“
Er klang zwar nicht kurz angebunden, aber dennoch spürte Jenny, dass ihr Wunsch, das Haus allein zu erforschen, ihn verletzt hatte.
„Da ist sie ja!“
Ihr Schwager tauchte neben der Tür zur Bibliothek auf. Offensichtlich war er aus dem hinteren Teil des Hauses gekommen.
Bevor Jenny etwas sagen konnte, begann Luke: „Chad, was machst du denn hier? Du solltest doch die Arbeiter oben auf dem Berg beaufsichtigen.“
„Immer mit der Ruhe.“ Chad warf seinem Bruder ein schnelles Lächeln zu. „Du denkst viel zu sehr an die Arbeit. Von dem vielen Stress wirst du noch einen Herzanfall kriegen.“
„Irgendjemand muss sich auf die Arbeit konzentrieren und dafür sorgen, dass die Bäume gefällt werden. Andernfalls sind die Abfahrten bis zum Winter nicht fertig“, erwiderte Luke scharf.
Jenny beobachtete, wie sein Kiefer sich anspannte, während er Chad anstarrte. Dabei entging ihr nicht, dass durch den Ärger über seinen Bruder Lukes Gesichtszüge scharf und habichtartig wurden.
„Die werden schon rechtzeitig fertig sein“, erwiderte Chad ungerührt. Als er sich an Jenny wandte, trat ein warmer Ausdruck in seinen Blick. „Ich wollte unbedingt hier sein, um dich zu Hause willkommen zu heißen. Wie geht es dir? Einigermaßen gut?“
Jenny war überrascht. Sie war davor zurückgeschreckt, Chad wiederzusehen, allein aufgrund der Furcht, die sie vor ihm gehabt hatte, als sie vor ein paar Tagen im Krankenhaus aufgewacht war. Aber nun schien er ernsthaft um sie besorgt.
„Ich bin …“
„Wie glaubst du denn, wie sie sich fühlt?“, polterte Luke los. „Sie ist noch immer voller blauer Flecke. Das Letzte, was sie brauchen kann, ist, mit einem Haufen Fragen überfallen zu werden.“
„Aber Luke, ich wollte doch nur sehen, wie es ihr geht.“
„Der Punkt ist aber, dass du an diesem Nachmittag überhaupt nicht hättest zurückkommen dürfen“, wies Luke ihn zurecht. „Jemand sollte dort oben sein und die Arbeiter beaufsichtigen. Sie kosten uns einen Haufen Geld.“
„Du weißt ganz genau, dass sie von mir keine Befehle entgegennehmen.“
„Das kommt nur davon, weil du nicht genügend Zeit dort oben …“
„Das würde die Sache auch nicht ändern“, unterbrach Chad seinen Bruder. „Sie nehmen Anweisungen ausschließlich von dir entgegen.“
Jenny blickte ständig von einem zum andern, bis ihr davon ganz schwindlig wurde.
„Wenn du ihnen zeigen würdest, wie man …“
„Es wäre besser gewesen, wenn du mich nach Olem hättest fahren lassen, um Jenny abzuholen!“
„Bitte!“ Sie presste die Finger an die Schläfen.
Sofort trat eine bedrückende Stille ein. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass sie so laut gesprochen hatte. Stirnrunzelnd blickte sie zuerst zu Chad und dann zu Luke. „Tut mir leid“, flüsterte sie. „Mir scheint, ich bekomme Kopfschmerzen. Gibt es irgendwo eine Möglichkeit, wo ich mich hinlegen kann?“
„Natürlich.“
Beide Männer hatten geantwortet und gleichzeitig einen Schritt auf sie zu gemacht. Dann hielten sie inne und starrten sich an. Jenny befürchtete schon einen neuen Wortwechsel, aber dann griff Luke in seine Hosentasche und warf Chad die Autoschlüssel zu.
„Bitte parke den Bronco in der Garage“, forderte Luke seinen Bruder mit schneidender Stimme auf. „Ich bringe Jenny nach oben. Während sie sich ausruht, können wir zur Arbeit zurückkehren. Wir treffen uns an deinem Lieferwagen.“
Jenny wusste, sie würde eine weitere Runde Streit nicht ertragen können. Und offensichtlich hatte ihre Miene sie verraten, denn Chads Blick wurde sanfter.
„Ruh dich gut aus“, wünschte er ihr zum Abschied. „Wir sehen uns dann beim Abendessen wieder.“
Sie nickte, und während er sich zur Tür wandte, folgte Jenny Luke nach oben.
Eine bleierne Müdigkeit nahm ihr plötzlich jegliches Verlangen, das Haus anzusehen, die Räume nach Antworten auf die Dutzende von Fragen zu durchforschen, die sie seit Tagen verfolgten. Im Augenblick wollte sie nur noch die Augen schließen und sich in den Schlaf flüchten.
Ihr Schlafzimmer war geräumig und hatte sogar eine eigene Sitzecke mit einer einladenden Couch und einem dazu passenden Sessel, einem kleinen Fernsehapparat, einem Bücherregal sowie einem Schreibtisch. Der Boden war mit einem meergrünen Teppichboden ausgelegt und verlieh dem Raum eine ruhige Kühle.
„Es ist sehr hübsch hier“, stellte sie fest.
Luke setzte ihre Reisetasche nahe der Schranktür ab. „Über deinen Geschmack hat sich noch nie jemand negativ geäußert.“
„Habe ich das Zimmer eingerichtet?“
„Ja.“
Jenny nahm auf der Bettkante Platz und strich mit der Hand über den makellos weißen Bettüberwurf. Dann blickte sie zu Luke hoch, der sie beobachtete, wie sie mit den Fingern den Stoff berührte.
Plötzlich durchfuhr es sie wie ein Blitz. Das Bett. Sie saß auf dem Bett, das sie als Mann und Frau miteinander geteilt hatten. Sie und Luke hatten in diesem Bett geschlafen. Hatte sie auch seinen Bruder in dieses Bett gelockt? Allein der Gedanke daran erweckte Übelkeit in ihr. Vermutlich wurde Luke bei der Vorstellung daran ebenfalls anders. Der Schmerz in seinen Augen war ihr nicht entgangen, auch wenn er versuchte, ihn zu verbergen.
„Jenny.“
Lukes Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sein muskulöser Körper wirkte angespannt. Was dachte er nur über sie?
„Ich wollte, alles wäre anders“, meinte er gequält. „Ich hoffte so sehr, deine Heimkehr würde …“
Er vollendete seinen Satz jedoch nicht, sondern presste die Lippen aufeinander. Dann strich er sich mit einer Hand durchs Haar.„Ruh’dich aus“,meinte er dann.„Später am Nachmittag wird Mary kommen und nach dir schauen. Wir sehen uns zum Abendessen wieder.“
Mit diesen Worten machte er auf dem Absatz kehrt und ließ sie allein.
Jenny schlüpfte aus den Schuhen und legte sich aufs Bett. Ihr größter Wunsch im Moment war, die Augen zu schließen und sich den sanften Flügeln des Schlafs zu überlassen. Ihr Verstand hatte jedoch eine andere Vorstellung, die sie nicht ignorieren konnte.
Da gab es zwei Brüder in diesem Haus, die sich wie zwei Hunde um einen Knochen stritten. Da war eine offensichtlich zerrüttete Ehe. Und da war ein Kind. Instinktiv legte Jenny eine Hand auf den Bauch. Ein Kind, das zwei Männer beanspruchten.
Und der Drehpunkt all dieser Probleme war sie – eine Frau ohne Erinnerung daran, wie es zu dieser Situation überhaupt hatte kommen können. Himmel, wie werde ich jemals wiedergutmachen können, was ich diesen Menschen angetan habe?
3. KAPITEL
Jenny schlug die Augen auf und seufzte tief. Das Zimmer war von den sanften Violett- und Grautönen des Zwielichts erhellt. Sie hatte offensichtlich den ganzen Nachmittag geschlafen. Ihre Muskeln fühlten sich angenehm schwer an, aber ihr Verstand war wach, ihr Denken klar, und ihr war, als müsse jeden Augenblick etwas geschehen. Sie setzte sich auf und strich sich das Haar aus dem Gesicht. In diesem Augenblick öffnete Luke die Tür einen Spalt und spähte herein.
Er runzelte entschuldigend die Stirn. „Ich wollte dich nicht wecken, sondern nur mal nachsehen …“
„Ich war schon wach“, beruhigte sie ihn und rätselte, ob sie aus einem Gefühl der Erwartung heraus aufgewacht war, wenige Sekunden bevor Luke in ihr Zimmer gekommen war. „Kaum zu glauben, dass ich so lange geschlafen habe.“
Da war es wieder, dieses hinreißende Lächeln, das wie ein Stromschlag auf sie wirkte. Dieses Lächeln, das Lukes Züge sanft und sein gut aussehendes Gesicht noch anziehender werden ließ.
„Du sollst dich ja auch ausruhen“, betonte er, und von seinen dunklen Augen ging eine wohltuende Wärme aus. Die Besorgnis, die sie in seinem Blick lesen konnte, erregte sie. Sie begehrte diesen Mann, und zwar auf sehr körperliche Weise. Der Gedanke schockierte sie. Gleichzeitig wurde Jenny ihr Äußeres mehr als bewusst.
„Ich sehe schrecklich aus.“ Sie wich seinem Blick aus und kämmte sich mit den Fingern das Haar.
„Du bist wunderschön.“
Er hatte das Kompliment so leise ausgesprochen, dass sie sich nicht einmal sicher war, ob sie ihn recht verstanden hatte. Jenny suchte seinen Blick und sah darin eine Aufrichtigkeit, die ihr den Atem raubte. Sie wusste nicht, was sie sagen oder wie sie reagieren sollte. Hoffentlich hörte er nicht das laute Klopfen ihres Herzens in der absoluten Stille des Raumes.
Schließlich trat Luke näher ans Bett. „Was macht dein Kopfweh?“
„Es ist weg.“ Plötzlich wurde ihr klar, dass sie, nachdem sie von quälenden Gedanken verfolgt eingeschlafen war, sich nun erstaunlich erholt fühlte. „Ehrlich gesagt fühle ich mich sogar recht gut.“
„Das freut mich zu hören.“
Der seidige Ton in seiner Stimme jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Auch war er nun so nah, dass sie seinen warmen Geruch wahrnehmen konnte, eine verlockende Mischung aus holzigem Rasierwasser und dem frischen Duft einer Seife. Sein schwarzes Haar schimmerte feucht. Um die Spannung zu verjagen, die sie zu überwältigen drohte, knipste sie die Nachttischlampe an. Das künstliche Licht half jedoch nicht, die Funken zu vertreiben, die die Luft zwischen ihnen zum Knistern brachte.
„Hast du Hunger?“
„Ich komme fast um davon“, gestand sie und freute sich über das zuversichtliche Lächeln, das sie zustande brachte.
„Mary hat ein Huhn gebraten und einen Kartoffelsalat gemacht. Außerdem gibt es dicke Bohnen, und sie hat auch an den versprochenen Zitronenkuchen gedacht.“ Dabei strich er sich gedankenverloren mit der Hand über die Brust.
Unwillkürlich malte Jenny sich aus, wie sich seine Brustmuskeln unter ihren Fingern anfühlen würden. Dabei fiel ihr auf, dass Luke sie erwartungsvoll ansah, als habe er ihr eine Frage gestellt und warte auf die Antwort. „Äh, wie meinst du?“
Er lachte. „Vermutlich hält dich der Sandmann noch ein wenig fest.“
„Vermutlich“, ergriff sie die Ausrede, die er ihr angeboten hatte.
„Ich habe gefragt, ob ich dir etwas zu essen auf einem Tablett nach oben bringen soll“, wiederholte er. „Oder willst du zu uns nach unten kommen?“
„Ich komme hinunter.“ Da fiel ihr ein, dass Luke Mary erwähnt hatte. „Ist sie noch da? Mary, meine ich.“
Er schüttelte den Kopf. „Sie musste gehen, um Bud das Abendessen zu richten. Aber sie war enttäuscht, weil sie keine Gelegenheit hatte, mit dir zu reden.“
Erleichterung durchflutete sie, dass sie sich im Augenblick keiner weiteren neuen Erfahrung stellen musste. Was sagte man denn zu Leuten, die mehr über einen wissen als man selbst?
Offensichtlich erriet Luke ihre Gedanken. „Es wird schon alles gut. Wir müssen ganz einfach Schritt für Schritt vorgehen.“
Dass er „wir“ sagte, zeigte ihr, dass sie in dieser Sache nicht allein war. Dennoch blieb sie weiterhin auf der Hut. Nur zu gut erinnerte sie sich daran, wie er vor wenigen Stunden sehr verärgert und schroff reagiert hatte. Luke war kein einfach zu ergründender Mann.
„Nicht dass ich Angst habe, Mary zu begegnen. Es ist nur, dass ich …“ Von seiner Miene konnte sie ablesen, dass er verstanden hatte, warum sie noch nicht in der Lage war, es mit der ganzen Welt auf einmal aufzunehmen.
„Chad ist auch unten“, bereitete er sie auf die Begegnung mit seinem Bruder vor. „Er hat den ganzen Nachmittag nur von dir gesprochen und will sich selbst ein Bild davon machen, dass es dir gut geht. Ich hoffe, das wird dir nicht zu viel.“
Seine Besorgnis verlieh Jenny ein Gefühl der Sicherheit. Ihr Mann würde die Situation sicher nicht außer Kontrolle geraten lassen.
Mein Mann. Die Vorstellung, dass sie verheiratet war, kam ihr irgendwie komisch vor.
„Ich will dich nicht anlügen und dir auch nichts vormachen, aber ich habe etwas Bammel.“
„Es besteht kein Grund dafür. Darin kannst du mir vertrauen.“
„Ich vertraue dir, Luke.“
Er blickte sie einen Moment nachdenklich an. Dann schob er die Hände in die Hosentaschen und schaute zu Boden.
„Ich will mir wenigstens noch schnell die Haare bürsten“, erklärte sie. „Und mich mit etwas kaltem Wasser frisch machen. In ein paar Minuten bin ich unten. Einverstanden?“
Luke nickte und verließ das Zimmer.
Jenny tappte ins Badezimmer, nahm einen Waschlappen vom Regal, feuchtete ihn an und rieb sich damit übers Gesicht. Dann putzte sie sich die Zähne und bürstete das Haar. Anschließend starrte sie im Spiegel ihr Bild an, das ihr immer noch genauso wenig vertraut war wie vor vier Tagen, als sie das Bewusstsein wiedererlangt hatte. Jenny Prentice war ein unbekanntes Wesen. Um die Frau kennenzulernen, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, brauchte Jenny Informationen. Sie ging zur Tür. Es war Zeit, die beiden Männer zu konfrontieren, die ihr die Tatsachen liefern konnten, die sie so dringend benötigte.
Das gebratene Huhn war saftig und zart. Nachdem sie einen ersten Bissen versucht hatte, bemerke Jenny, wie hungrig sie war.
„Es schmeckt köstlich“, lobte sie.
Luke nickte. „Mary ist eine ausgezeichnete Köchin.“
„Du aber auch“, meinte Chad. „Am Herd zu stehen hat dir immer viel Spaß gemacht.“
Jenny schenkte ihrem Schwager ein unbeholfenes Lächeln. Bei seinem Kompliment fragte sie sich, was für Gerichte sie normalerweise zubereitete.
„Deine besondere Spezialität war Brot backen“, klärte Luke sie auf und lud sich einen großen Löffel Kartoffelsalat auf den Teller.
Chad kicherte. „Daran konnten wir immer erkennen, wenn du dich über etwas aufgeregt hast. Dann standst du nämlich in der Küche, die Arme bis zu den Ellbogen im Teig, um all deine Wut hineinzukneten.“ Er grinste sie an. „Luke und ich, wir haben uns dann immer vorgestellt, wie es wäre, unter deine geballten Fäuste zu geraten.“
Also habe ich meine Aggressionen durch Brotbacken abreagiert. Wie interessant, überlegte Jenny.
Sie blickte auf, als Chad erneut kicherte. „In den letzten Monaten hast du mehr Brot gebacken als in den …“
Ein scharfer Blick von Luke ließ ihn mitten im Satz innehalten.
„Habe ich nicht gesagt, dass heute Abend nur leichte Konversation betrieben wird?“
Ein rebellischer Ausdruck trat in Chads Blick. „Ich wollte keine Unruhe stiften“, erklärte er Jenny und wandte sich dann seinem Bruder zu. „Aber vielleicht will sie ja wissen, was hier alles vor sich gegangen ist.“
„Ich möchte dich noch einmal daran erinnern“, fuhr Luke ihn schneidend an, „dass …“
„Muss der große Bruder mal wieder das letzte Wort haben?“, unterbrach jetzt Chad. „Das mag vielleicht richtig sein, wenn es ums Prentice-Resort geht, aber das hier ist eine persönliche Angelegenheit, etwas, wobei ich mir keine Vorschriften machen lasse.“
Jenny spürte, wie ihre Nerven zu zittern begannen. Entschlossen legte sie die Gabel auf den Tellerrand. Sie hatte nicht erwartet, dass der Abend so schnell unangenehm werden würde. Was hatte Chad gemeint, als er davon sprach, Luke würde das letzte Wort haben, was das Prentice-Resort anging? Sie war davon ausgegangen, dass das Ski-Resort sich im Besitz der ganzen Familie befand.
„Ich wollte dich lediglich daran erinnern, dass Doktor Porter uns geraten hat, nichts zu überstürzen. Jenny braucht Zeit, sich zu erholen und wieder zu Kräften zu kommen.“
„Sie braucht es vor allem, die Wahrheit herauszufinden. Und je schneller sie das tut, desto besser für uns alle“, wies Chad seinen Bruder zurecht.
Luke wischte sich mit der Serviette über die Lippen. „Du willst es wohl unbedingt auf einen Streit ankommen lassen. Aber ich gehe darauf nicht ein. Nicht heute Abend. Wenn du mich unbedingt schreien hören willst, dann erfülle ich dir diesen Wunsch gern, kleiner Bruder. Aber morgen. Oben auf dem Berg, wo wir beide unter uns sind. Jenny will ich dem jedenfalls nicht aussetzen. Schon gar nicht, wo alles so neu und fremd für sie ist.“
Die Drohung einer Auseinandersetzung am morgigen Tag schien Chads Kampfeslust zu verringern, und sie setzten ihr Abendessen eine Weile lang stillschweigend fort.
Jenny kam sich wie in einem bösen Film vor, dessen Ausgang sie nicht absehen konnte. Sie wollte erfahren, was sich in diesem Haus vor ihrem Unfall abgespielt hatte, ganz egal, wie schlecht sie am Ende dabei wegkam. Gleichzeitig wollte sie keine weiteren Streitigkeiten zwischen Chad und Luke hervorrufen.
Sie nahm einen Schluck von ihrem Eistee. Dabei kam ihr der Gedanke, dass diese Auseinandersetzung möglicherweise erst der Anfang war. Es gab keine Möglichkeit, der Sache aus dem Weg zu gehen. Schon gar nicht, nachdem sie – und ihr Baby – sich in so aussichtsloser Lage befanden und zwischen diesen beiden Männern standen.
Luke und Chad versuchten, eine höfliche Unterhaltung aufzunehmen, indem sie von der Arbeit auf dem Berg berichteten. Jenny bemühte sich, ihnen aufmerksam zuzuhören. Aber der Gedanke an ihr Kind beschwor Fragen herauf, die sie ganz einfach nicht ignorieren konnte.
War ihr Baby in der Sicherheit und Wärme einer liebevollen Ehe gezeugt worden? Oder war es das Ergebnis einer außerehelichen Affäre? Zweifel schnürten ihr die Kehle zusammen, und sie empfand tiefe Scham.
Die plötzliche Stille am Tisch riss sie in die Gegenwart zurück. Sie blickte von Luke zu Chad und wieder zu Luke. Ihnen war offensichtlich nicht entgangen, dass sie mit ihren Gedanken völlig woanders gewesen war. Auf dem Gesicht ihres Mannes lag ein verständnisvoller Ausdruck, während Chad sich eher darüber zu amüsieren schien.
„Jetzt gibt es noch Kuchen und Kaffee“, verkündete Luke und erhob sich, um die Teller zusammenzustellen.
Jenny wollte ebenfalls aufstehen, aber Luke legte ihr eine Hand auf den Unterarm. „Du bleibst sitzen. Ich bin in einer Minute zurück.“
Sobald Luke mit dem Geschirr außer Hörweite war, beugte Chad sich vor und sagte: „Ich möchte dic
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