Mir ein fertiges Manuskript abzuringen,
dazu braucht es einen guten Lektor.
Mich dazu zu bringen, das Manuskript gutgelaunt von Grund auf zu überarbeiten,
dazu braucht es einen großartigen Lektor.
Mir ein überarbeitetes Manuskript abzuringen, das doppelt so gut ist wie die erste Fassung, dazu braucht es einen ganz außergewöhnlichen Lektor.
Dieses Buch ist Caitlin Alexander gewidmet,
meiner ganz außergewöhnlichen Lektorin.
PROLOG
Im Lauf ihrer langen, glanzvollen Laufbahn war Bryony Asquith Gegenstand zahlreicher Artikel in Zeitungen und Zeitschriften. Darin wurde ihre Erscheinung fast immer als distinguiert und einzigartig beschrieben wurde, wobei auch stets die dramatische weiße Strähne in ihrem sonst rabenschwarzen Haar Erwähnung fand.
Die neugierigeren unter den Reportern fragten oft nach, wie sie zu der weißen Strähne gekommen sei. Darauf lächelte sie immer nur und berichtete kurz, in ihren Zwanzigern habe es eine Phase gegeben, in der sie sich furchtbar überarbeitet habe. „Das kam daher, dass ich tagelang nicht geschlafen hatte. Meine arme Zofe, sie war vollkommen außer sich.“
Bryony Asquith war tatsächlich Ende der zwanzig gewesen, als es passierte. Sie hatte tatsächlich zu viel gearbeitet. Und ihre Zofe war tatsächlich ziemlich außer sich geraten. Aber wie bei jeder Lüge wurde auch hier ein entscheidender Faktor verschwiegen: In diesem Fall handelte es sich um einen Mann.
Er hieß Quentin Leonidas Marsden. Sie hatte ihn schon ihr Leben lang gekannt, doch ehe er im Frühling 1893 in London auftauchte, hatte sie nie einen Gedanken an ihn verschwendet. Innerhalb weniger Wochen nach dem Wiedersehen machte sie ihm einen Heiratsantrag. Nach einem weiteren Monat waren sie Mann und Frau.
Von Anfang an hieß es, dass sie doch gar nicht zueinander passten. Er war der attraktivste, beliebteste und begabteste der fünf attraktiven, beliebten und begabten Söhne des siebten Earl of Wyden. Bei ihrer Heirat war er vierundzwanzig und hatte bereits zahllose Vorträge vor der Londoner Gesellschaft für Mathematik gehalten, ein Stück im St. James’s Theater aufgeführt und eine Expedition nach Grönland unternommen.
Er war witzig, war überall begehrt und wurde allseits bewundert. Sie hingegen redete nur sehr wenig, war nirgends begehrt und wurde nur von einem sehr eingeschränkten Kreis von Menschen bewundert. Im Prinzip missbilligte die Gesellschaft ihren Beruf – und die Tatsache, dass sie überhaupt einen hatte. Die Tochter eines Gentlemans ließ sich zur Ärztin ausbilden und ging dann jeden Tag zur Arbeit – jeden Tag, wie irgendein x-beliebiges Dienstmädchen –, war das denn wirklich nötig?
Es gab andere ungewöhnliche Paare, die allen Unkenrufen zum Trotz zusammenblieben. Ihre Ehe aber ging elend schief. Zumindest was sie anging; sie war diejenige, die sich elend gefühlt hatte. Er hielt einen weiteren Vortrag vor der Gesellschaft für Mathematik, brachte eine viel beachteten Bericht über seine Abenteuer in Grönland heraus und wurde mehr denn je mit Lorbeeren überschüttet.
Bei ihrem ersten Hochzeitstag hatte sich die Lage weiter verschlimmert. Sie verriegelte die Tür zu ihrem Schlafzimmer und er, nun, ihrer Meinung nach übte er sich wohl nicht gerade in Enthaltsamkeit. Sie aßen nicht länger gemeinsam zu Abend. Sie redeten nicht einmal mehr miteinander, wenn sie sich zufällig begegneten.
So hätte es noch jahrzehntelang weitergehen können – wenn er nicht eine gewisse Bemerkung hätte fallen lassen, und zwar nicht ihr gegenüber.
Es war an einem Sommerabend, etwa vier Monate nachdem sie ihm zum ersten Mal seine ehelichen Rechte verweigert hatte. Sie kehrte früher als sonst nach Hause, vor Mitternacht, weil sie mittlerweile seit siebzig Stunden wach war – eine kleine Ruhrepidemie und eine Serie merkwürdiger Ausschläge hatten sie ans Mikroskop gefesselt, wenn sie nicht gerade Kranke behandelte.
Sie bezahlte den Droschkenkutscher und blieb dann einen Augenblick vor ihrem Haus stehen, reckte den Kopf und streckte prüfend die Hand aus, um die Regentropfen zu spüren. Die Nachtluft roch aufgeladen. In der Ferne grollte bereits der Donner. In der Ferne sah man Wetterleuchten – abtrünnige Engel, die mit Luzifer zündelten.
Als sie den Kopf senkte, stand Leo vor ihr und betrachtete sie kühl.
Er raubte ihr wortwörtlich den Atem: Sie bekam keine Luft mehr und hatte das Gefühl, ersticken zu müssen. Er weckte alle Begehrlichkeit, die in ihr steckte – und sie hatte eine Menge davon, versteckt in den dunklen Winkeln ihres Herzens.
Wenn sie allein gewesen wären, hätten sie sich zugenickt und wären ohne ein weiteres Wort aneinander vorbeigegangen. Doch Leo hatte einen Freund dabei, einen redseligen Kerl namens Wessex, der seine Galanterie gern an Bryony ausprobierte, obwohl Galanterie in etwa so viel Wirkung auf sie hatte wie eine Impfung auf einen Zementblock.
Sie hätten erstaunliches Glück im Spiel gehabt, berichtete Wessex, während Leo sich die Handschuhe glatt strich, immer wieder, einen Finger nach dem anderen, wie ein verstörter Kammerdiener. Mit wundem Herzen und bleierner Seele starrte sie auf seine Hände.
„… wahnsinnig klug, wie du das formuliert hast. Wie genau hast du es noch einmal ausgedrückt, Marsden?“, erkundigte sich Wessex.
„Ich sagte, ein guter Spieler tritt mit einem Plan an den Tisch“, erwiderte Leo ungeduldig, „während ein schlechter Spieler sich mit einem verzweifelten Gebet und voll blinder Hoffnung an den Tisch setzt.“
Ihr war, als hätte man sie aus großer Höhe fallen lassen. Plötzlich verstand sie ihr Verhalten nur zu gut. Sie hatte gespielt. Und ihre Ehe war das Spiel, auf das sie alles gesetzt hatte. Denn wenn er sie liebte, würde sie dadurch ebenso schön, begehrenswert und bewundernswert wie er. Und sie würde damit all diejenigen ins Unrecht setzen, die sie nie geliebt hatten.
„Genau!“, rief Wessex aus. „Das war’s!“
„Wir sollten Mrs. Marsden nun etwas Ruhe gönnen, Wessex“, sagte Leo. „Sie ist bestimmt erschöpft nach ihrem langen Arbeitstag im edlen Dienst am Menschen.“
Sie warf ihm einen scharfen Blick zu. Er sah von seinen Handschuhen auf. Selbst in diesem trüben Licht verströmte er nichts als magische Anziehungskraft und Glanz. Sie stand immer noch vollkommen in seinem Bann und würde sich davon wohl auch nicht mehr lösen.
Als er nach London gekommen war, hatte sich die gesamte Damenwelt in ihn verliebt. Er hätte so anständig sein sollen, Bryony auszulachen und ihr zu erklären, dass eine altjüngferliche Ärztin kein Recht hätte, einem Apoll einen Antrag zu machen, so groß ihr Erbe auch sein mochte. Er hätte ihr nicht dieses schiefe Lächeln schenken und sagen dürfen: „Na los, ich bin ganz Ohr.“
„Gute Nacht, Mr. Wessex“, sagte sie. „Gute Nacht, Mr. Marsden.“
Zwei Stunden später, als der Sturm an den Fensterläden rüttelte, lag sie zitternd im Bett – sie hatte lang in der Badewanne zugebracht, so lang, bis das Wasser ebenso kalt war wie die Nacht.
Leo, dachte sie, wie jede Nacht. Leo. Leo. Leo.
Sie fuhr auf. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass diese Beschwörung seines Namens ihr verzweifeltes Gebet war, ihre blinde Hoffnung, geronnen zu einem einzigen Wort. Wann war die bloße Begierde zur Besessenheit geworden? Wann war er ihr Opium geworden, ihr Morphium?
Es gab viele Dinge, die sie ertragen konnte – die Welt steckte voll verschmähter Frauen, die dennoch hoch erhobenen Hauptes durchs Leben gingen. Aber an sich selbst konnte sie diese erbärmlichen Bedürfnisse nicht ertragen. Sie wollte nicht sein wie diese elenden Wracks, die ihr bei der Arbeit begegneten, die sich nach ihrem persönlichen Gift verzehrten, ihre Abhängigkeit liebevoll nährten, obwohl sie ihnen doch den letzten Fetzen Würde raubte.
Er war ihr Gift. Seinetwegen hatte sie alle Vernunft, alle Urteilskraft fahren lassen. Wenn sie ihn entbehren musste, konnte sie weder essen noch schlafen. Auch jetzt erinnerte sie sich voll Sehnsucht an die wenigen Momente allumfassenden Glücks, die sie mit ihm hatte erleben dürfen, als hätten sie noch immer eine Bedeutung, als glänzten sie noch immer makellos inmitten der Trümmer ihrer Ehe.
Aber wie konnte sie sich von ihm befreien? Sie waren verheiratet – die Hochzeit lag erst ein Jahr zurück, eine prachtvolle Veranstaltung, für die sie keine Kosten gescheut hatte, denn die ganze Welt hatte ja erfahren sollen, dass sie diejenige war, der er vor allen anderen den Vorzug gegeben hatte.
Draußen grollte Donner, so laut wie Artilleriegeschütze. Im Haus war alles ruhig und still. Von der Treppe oder aus dem Zimmer nebenan war nicht das geringste Knarren zu hören – von ihm hörte sie inzwischen überhaupt keine Geräusche mehr.
Die Dunkelheit erstickte sie förmlich.
Sie schüttelte den Kopf. Wenn sie nicht darüber nachdachte, wenn sie jeden Tag bis zur Erschöpfung arbeitete, konnte sie so tun, als wäre ihre Ehe keine vollkommene Katastrophe.
Dabei war sie doch genau das. Eine vollkommene Katastrophe, kalt wie Grönland und ungefähr genauso fruchtbar.
Beim nächsten Blitz kam ihr mit einem Mal die Lösung. Eigentlich war es ganz einfach. Sie verfügte über genügend Mittel, um die besten Rechtsanwälte damit zu beauftragen, irgendeine nachträgliche Ungültigkeitsklausel für die Hochzeit zu fabrizieren. Dies und eine kleine Lüge – Diese Ehe wurde nie vollzogen – würde ausreichen, um die Ehe für ungültig zu erklären.
Dann konnte sie von ihm loskommen, von den furchtbaren Konsequenzen des größten und einzigen Glücksspiels in ihrem Leben. Dann könnte sie vergessen, dass sie ins Herz getroffen worden war, dass sie mit ihm nichts als schwärende Enttäuschung erlebt hatte, die ebenso unerquicklich war wie ein Malariasumpf auf dem indischen Subkontinent. Dann könnte sie wieder frei atmen.
Nein, könnte sie nicht. Sie könnte ihn niemals verlassen. Wenn er sie anlächelte, ging sie wie auf Rosen. Die wenigen Male, wo sie ihm erlaubt hatte, sie zu küssen, hatte hinterher alles viele Stunden lang nach Milch und Honig geschmeckt.
Wenn sie um eine Annullierung der Ehe bat und sie bekam, würde er eine andere heiraten, und dann wäre diese andere seine Frau und würde ihm die Kinder schenken, die Bryony nicht bekommen konnte.
Sie wollte nicht, dass er sie vergaß. Sie würde alles ertragen, nur um ihn zu halten.
Sie konnte dieses verzweifelte, schniefende Geschöpf nicht ausstehen, in das sie sich verwandelt hatte.
Sie liebte ihn.
Sie hasste sowohl ihn als auch sich selbst.
Fröstelnd schlang sie die Arme um sich, wiegte sich vor und zurück und blickte in die Schatten, die sich einfach nicht auflösen wollten.
Am nächsten Morgen saß sie noch im Bett, die Arme um die Knie geschlungen, als ihre Zofe hereinkam. Molly ging im Zimmer herum, öffnete Vorhänge und Fensterläden, ließ den Tag herein.
Sie goss Bryony Tee ein, trat ans Bett und ließ das Tablett fallen. Scherben klirrten.
„Oh, Madame. Ihr Haar! Ihr Haar!“
Stumm sah Bryony auf. Molly eilte durch das Zimmer und kehrte mit einem Handspiegel zurück. „Sehen Sie, Madame. Sehen Sie.“
Bryony fand, dass sie beinahe passabel aussehe für jemanden, der seit über drei Tagen nicht mehr richtig geschlafen hatte. Dann sah sie die Strähne in ihrem Haar, zwei Zoll breit und schneeweiß.
Der Spiegel fiel ihr aus der Hand.
„Ich hole Silbernitrat und rühre ein Färbemittel an“, sagte Molly. „Niemand wird etwas auffallen.“
„Nein, kein Silbernitrat“, erwiderte Bryony mechanisch. „Das ist schädlich.“
„Dann eben Eisensulfat. Ich könnte auch ein bisschen Henna mit Ammoniak mischen, aber ich weiß nicht, ob …“
„Ja, tun Sie das“, erklärte Bryony.
Als Molly das Zimmer verlassen hatte, hob Bryony den Spiegel auf. Sie sah seltsam aus, seltsam und seltsam verletzlich – das Elend, das sie so sorgfältig verborgen hatte, war durch die durchsichtig schimmernde Strähne weißen Haars plötzlich für alle Welt sichtbar geworden. Und sie konnte niemand anderen dafür verantwortlich machen. Sie selbst hatte sich das angetan, mit ihrer unerbittlichen Bedürftigkeit, ihren Wahnvorstellungen, ihrer Bereitschaft, alles für eine sagenhafte Erfüllung aufs Spiel zu setzen, die ihre fiebrige Fantasie ihr vorgaukelte.
Entschlossen legte sie den Spiegel weg, schlang die Arme um die Knie und begann wieder, sich vor und zurück zu wiegen. Ein paar Minuten blieben ihr noch, ehe Molly mit dem Färbemittel zurückkam, ehe sie ein Treffen mit ihm vereinbaren musste, um die Auflösung ihrer Ehe ruhig und sachlich zu besprechen.
Aber davor würde sie sich eine letzte Schwelgerei erlauben.
Leo, dachte sie. Leo. Leo. Leo. So hätte es nicht enden dürfen.
So hätte es nicht enden dürfen.
1. KAPITEL
Rumbur-Tal
Bezirk Chitral
Nordwestliches Grenzgebiet von Britisch-Indien
Sommer 1897
In der hellen Nachmittagssonne hob sich die weiße Strähne wie eine unfruchtbare Furche von ihrem tiefschwarzen Haar ab. Sie begann rechts an der Stirn, zog sich über den Hinterkopf und wand sich in einer auffälligen und gespenstischen Arabeske durch ihren Knoten im Nacken.
Sie rief eine merkwürdige Reaktion in ihm hervor. Kein Mitleid; für sie würde er genauso wenig Mitleid empfinden wie für den einsamen Himalaja-Wolf. Auch keine Zuneigung, dem hatte sie mit ihrer Gefühllosigkeit und Herzenskälte ein Ende bereitet. Vielleicht war es eher eine Art Nachhall, eine Erinnerung an die Hoffnungen aus unschuldigeren Tagen.
Gekleidet in eine weiße Bluse und einen dunkelblauen Rock, saß sie zwischen zwei Angelruten, die in zehn Fuß Abstand voneinander aufgepflanzt waren, einen Eimer Wasser neben sich, in der Hand einen Zweig, mit dem sie in dem rasch dahinsprudelnden Wasser müßig Muster zog.
Auf der anderen Seite des Flusses erstreckte sich die golden leuchtende schmale Schwemmlandebene – sie trug den Winterweizen, der bereitstand zur Ernte. Dahinter stieg das Land an; wie verwitterte Bauklötze türmten sich kleine, eckige Häuser aus Holz und Stein übereinander an den Hang. Jenseits des Dorfes schmiegte sich ein Wäldchen von Aprikosen- und Walnussbäumen an die immer steiler aufragenden Hügel, und dann zeigte sich das Rückgrat der Berge selbst, strenge Felsen, auf denen nur noch vereinzelt Büsche oder die eine oder andere Himalaja-Zeder wuchsen.
„Bryony“, sagte er. Er hatte Kopfschmerzen, doch er musste mit ihr reden.
Sie erstarrte. Der Zweig wurde von der Strömung davongetragen, blieb an einem Felsen hängen, drehte sich einmal um sich und trieb dann weiter. Den Blick immer noch auf den Fluss gerichtet, schlang sie die Arme um die Knie. „Mr. Marsden, wie unerwartet. Was hast du in diesem Teil der Welt zu suchen?“
„Dein Vater ist krank. Deine Schwester hat mehrmals nach Leh gekabelt, und als von dir keine Antwort kam, hat sie mich gebeten, nach dir zu suchen.“
„Was fehlt meinem Vater denn?“
„Ich weiß nichts Genaues. Callista sagte nur, dass die Ärzte keine große Hoffnung haben und dass er dich sehen möchte.“
Sie erhob sich und drehte sich endlich zu ihm um.
Auf den ersten Blick wirkte ihre Miene äußerst ruhig und freundlich. Dann jedoch bemerkte er, wie trostlos der Ausdruck ihrer grünen Augen war, wie bei einer Nonne, die kurz davor stand, ihren Glauben zu verlieren. Sobald sie das Wort ergriff, schwand der Eindruck ergebener Melancholie, denn sie hatte die abweisendste Stimme, die er je gehört hatte – nicht unfreundlich oder laut, sondern vollkommen selbstgenügsam und wenig interessiert an allem, was nicht mit Krankheiten zu tun hatte.
Aber im Augenblick schwieg sie. Sie erinnerte ihn an einen steinernen Engel, der mit sanftem, beständigem Mitgefühl über die Verstorbenen wachte.
„Du glaubst Callista?“, fragte sie, worauf sich die Ähnlichkeit verflüchtigte.
„Sollte ich das nicht?“
„Nur wenn du im Herbst 1895 im Sterben lagst.“
„Wie bitte?“
„Das hat sie behauptet. Sie sagte, du hieltest dich irgendwo in der amerikanischen Ödnis auf, lägst im Sterben und wolltest mich ein letztes Mal sehen.“
„Ach so“, sagte er. „Ist das eine Angewohnheit von ihr?“
„Bist du verlobt?“
„Nein.“ Obwohl er es eigentlich sein sollte. Er kannte eine ganze Reihe schöner, liebevoller junger Damen, von denen jede eine passende Ehefrau abgeben würde.
„Callista behauptet das aber. Und dass du dem armen Mädchen mit Freuden den Laufpass geben würdest, wenn ich dich nur darum bäte.“ Sie sah ihn nicht an, als sie das sagte, sondern hatte den Blick auf den Boden gerichtet. „Tut mir leid, dass sie dich in ihre Lügengeschichten verwickelt hat. Und ich bin dir wirklich sehr dankbar, dass du diese weite Reise auf dich genommen hast …“
„Aber es wäre dir lieber, wenn ich auf der Stelle umkehren und verschwinden würde?“
Schweigen. „Nein, natürlich nicht. Du musst dich ausruhen und mit neuen Vorräten versorgen.“
„Und wenn ich mich nicht ausruhen und mit neuen Vorräten versorgen müsste?“
Sie schwieg und wandte sich von ihm ab. Dann bückte sie sich, hob eine Angel auf und zog etwas an Land, das sich zappelnd wehrte.
Wochenlang war er durch die unwirtlichsten Gegenden der Erde gezogen, hatte auf dem kalten, harten Boden geschlafen, nur ein paar Handvoll wilde Beeren gegessen oder das, was ihm vor das Gewehr kam, damit er sich nicht mit einer Schar Kulis belasten musste, die all die Gegenstände schleppten, die für einen sahib auf Reisen gemeinhin als unentbehrlich galten – und das war ihre Antwort.
Etwas anderes durfte man von ihr einfach nicht erwarten.
„Selbst wer dreimal lügt, kann einmal die Wahrheit sprechen“, sagte er. „Dein Vater ist dreiundsechzig. Ist es denn so unwahrscheinlich, dass ein Mann in seinem Alter kränklich ist?“
Mit einer geschickten Drehung des Handgelenks nahm sie den Fisch vom Haken und warf ihn in den Eimer. „Nach England ist es eine sechswöchige Reise, und das auf die geringe Chance hin, dass Callista die Wahrheit gesagt hat.“
„Aber wenn sie die Wahrheit gesagt hat, wirst du es immer bereuen, nicht gefahren zu sein.“
„Da bin ich mir nicht so sicher.“
Die gleichmütige Haltung, mit der sie fast der gesamten Schöpfung begegnete, hatte ihn einst fasziniert. Er hatte sie für kompliziert und außergewöhnlich gehalten. Aber nein, sie war einfach kalt und gefühllos.
„Die Reise braucht nicht unbedingt sechs Wochen zu dauern“, meinte er. „Man kann sie auch in vier Wochen hinter sich bringen.“
Sie sah ihn an; ihre Miene war unnachgiebig. „Nein, danke.“
Von Gilgit, wo er friedlich seinen Geschäften nachgegangen war, waren es dreihundertsiebzig Meilen nach Leh und ebenso viele zurück nach Gilgit, und dann zweihundertzwanzig Meilen nach Chitral. Meist hatte er an einem Tag drei Etappen zurückgelegt, manchmal vier. Er hatte ganze fünfzehn Pfund abgenommen. Und er war seit Grönland nicht mehr so müde gewesen.
Zum Kuckuck mit ihr.
„Also schön.“ Er verneigte sich leicht. „Dann wünsche ich noch einen guten Tag, meine Liebe.“
„Warte“, sagte sie – und zögerte.
Er drehte sich halb zu ihr um.
Als sie sich in ihn verliebt hatte, war er ein wunderbarer junger Mann gewesen, schön wie ein dunkelhaariger Adonis und verspielt wie ein junger Dionysseus. Gegen Ende ihrer Ehe hatte er bereits einiges von dem trügerisch engelhaften Liebreiz seines Äußeren verloren. Sein Profil war kantiger und ausdrucksvoller geworden und erinnerte nun an die trostlosen Höhenzüge, hinter denen sich die Täler der Kalasha verbargen.
„Brichst du jetzt schon auf?“, fragte sie. Sie wusste nicht, welche Antwort sie hören wollte – aber es wäre ungehobelt gewesen, ihm nicht wenigstens eine Tasse Tee anzubieten.
„Nein. Ich habe versprochen, mit deinen Freunden, Mr. und Mrs. Braeburn, Tee zu trinken.“
„Du hast sie schon kennengelernt?“
„Sie waren es, die mich zu dir geführt haben“, erwiderte er. Sein Ton war nüchtern, doch eine Spur ungeduldig.
Plötzlich war sie besorgt. „Und was hast du ihnen von uns erzählt?“
Er hatte den Braeburns doch bestimmt nicht von ihrer kurzen, unglücklichen Ehe erzählt.
„Ich habe ihnen gar nichts erzählt. Ich habe ihnen eine Fotografie von dir gezeigt und gefragt, ob ich dich hier vielleicht finden könnte.“
Sie blinzelte. Er besaß eine Fotografie von ihr? „Was für eine Fotografie?“
Er schob die Hand in Tasche, zog einen quadratischen Umschlag heraus und hielt ihn ihr hin. Seine Miene war so erschöpft, dass sie ihr gar nichts verriet. Einen Augenblick zögerte sie, dann wischte sie sich die Hände mit einem Taschentuch sauber, ging zu ihm und nahm den Umschlag entgegen.
Sie öffnete die nur eingesteckte Lasche und zog die Fotografie heraus. Ihre Augen begannen zu brennen. Es war ein Hochzeitsbild. Ihr Hochzeitsbild.
„Woher hast du das?“
Einen Tag nachdem sie um die Annullierung ihrer Ehe gebeten hatte, war er aus ihrem Haus im Londoner Stadtteil Belgravia ausgezogen und hatte dabei seinen Abzug des Hochzeitsbildes auf seinem Nachttisch stehen lassen. Sie hatte es gemeinsam mit ihrem Abzug verbrannt.
„Charlie gab es mir, als ich durch Delhi kam.“ Charles Marsden war Leos zweitältester Bruder. Einst war er Repräsentant der Briten in Gilgit, einer weiteren Basisstation an der Nordwestgrenze Indiens gewesen, im Moment war er der persönliche Adjutant von Lord Elgin, dem Generalgouverneur und Vizekönig von Indien. „Vermutlich hat er nicht verstanden, was ich ihm sagen wollte, als ich es bei der Abreise stehen ließ. Er hat es mir später per Post nachschicken lassen.“
„Was haben die Braeburns denn gesagt, als du ihnen das Bild gezeigt hast?“
„Dass ich dich flussaufwärts an der Mühle beim Fischen finden würde.“
„Haben sie dich … haben sie dich erkannt?“
„Ich glaube, ja“, erwiderte er kühl.
Das konnte doch alles nicht wahr sein. Der Mann, der einmal ihr Ehemann gewesen war, stand in Wirklichkeit gar nicht vor ihr, nach Pferd riechend, voll Straßenstaub, mit einer vor Müdigkeit heiseren Stimme. Er wollte nicht, dass sie mit ihm mitkam. Und er hatte sie vor den freundlichen, anständigen Braeburns nicht als Heuchlerin bloßgestellt.
„Und was willst du ihnen jetzt gleich sagen, wenn du mit ihnen Tee trinkst?“
Er lächelte. Es war kein sehr angenehmes Lächeln. „Das hängt ganz von dir ab. Falls wir gleich nach dem Tee aufbrechen, würde ich eine wunderbare Geschichte über eine erzwungene Trennung erfinden, über herzzerreißende Sehnsucht und ein freudiges Wiedersehen hier an diesem unwegsamen Ort. Andernfalls sage ich ihnen, dass wir geschieden sind.“
„Wir sind nicht geschieden.“
„Lass doch die Haarspaltereien. Im Prinzip war es eine Scheidung, auch wenn es nicht so hieß.“
„Sie werden dir nicht glauben.“
„Und dir werden sie glauben, wo du ihnen bis eben noch die trauernde Witwe vorgespielt hast?“
Sie atmete tief durch und wandte den Kopf. „Das lässt sich nicht ändern. Für mich bist du auch gestorben.“
Hin und wieder kam es vor, dass sie bei den banalsten Tätigkeiten – etwa wenn sie sich den Schuh band oder einen medizinischen Fachartikel las – praktisch aus dem Nichts von einer fast körperlich spürbaren Erinnerung überrollt wurde.
Die Blume, die er an jenem Abend im Knopfloch stecken hatte, als er sie zum ersten Mal geküsst hatte – eine Stephanotis, strahlend weiß und so winzig und lieblich wie eine Schneeflocke.
Die Regentropfen auf warmer Wolle, als sie die Hand auf seinen Arm gelegt hatte – er war mit ihr auf den Gehsteig getreten, um sie bis zur Kutsche zu begleiten – und die wunderbare Stille, die eintrat, als er lächelnd durch den offenstehenden Schlag der Kutsche sagte: „Nun, warum nicht? Mit dir verheiratet zu sein wäre keine Quälerei.“
Das beinahe regenbogenbunte Sonnenlicht, das sich auf der Kette seiner emaillierten Taschenuhr brach, die sie ihm zur Verlobung geschenkt hatte. Er hielt sie hoch in die Luft und starrte darauf, während sie ihn darum bat, sie bei der Annullierung ihrer Ehe zu unterstützen.
Meist waren diese aufwallenden Erinnerungen jedoch nichts als Phantomschmerzen, nervöse Fehlzündungen von längst amputierten Gliedern.
Für mich bist du auch gestorben.
Er bewegte sich, als hätte sie ihn zurückgestoßen. Als würde er zurückzucken. Doch seine Antwort klang vollkommen gelassen. „Also gut, dann eben geschieden.“
2. KAPITEL
Mr. und Mrs. Braeburn stammten ursprünglich aus Edinburgh. Mr. Braeburn war ein presbyterianischer Pfarrer und interessierte sich brennend für alles, was zwischen der russischen und der indischen Grenze lag. Mrs. Braeburn hatte irgendwann lachend erklärt, sie habe Mr. Braeburn in dem Glauben geheiratet, sie werde einmal den Blumenschmuck in der Kirche arrangieren und kranke Gemeindemitglieder mit Suppe versorgen, und nun verbringe sie den Großteil ihrer Ehe damit, kreuz und quer durch den Himalaja zu wandern. Während der letzten zehn Monate hatten sie im Rumbur-Tal gelebt und die Welt der Kalasha studiert, des letzten nicht missionierten Volksstamms am Hindukusch – eine heidnische Insel im Meer des Islam.
Da das Trockensteinhaus der Braeburns kaum größer war als ein Briefkasten, wurde der Tee draußen eingenommen. Dem Kommandanten – dem kleinen portugiesischen Koch der Braeburns – war es gelungen, seit Leos Ankunft einen Kuchen zu backen. Mit Eiern, erzählte Mrs. Braeburn, die er sich vor zwei Tagen heimlich im muslimischen Nachbardorf besorgt hatte, da nach der Religion der Kalasha der Genuss von Eiern und Hühnern verpönt war.
Leo lächelte pflichtschuldig, als er vom Einfallsreichtum des Koches erfuhr. Mrs. Braeburn erwiderte das Lächeln nervös. Offenbar wartete sie darauf, dass Bryony zurückkehrte. Und dann würde er endlich mit Fragen bombardiert werden.
Als Bryony erschien, verstummte das Gespräch. Sie trug die Angeln in der rechten Hand, in der linken den Eimer. Damals mit fünfzehn war sie oft angeln gewesen. Ganze Tage hatte sie allein verbracht, mit einem Korb belegter Brote und einer Wasserflasche. Er war damals elf gewesen, hatte sie von der anderen Seite des Flusses beobachtet und sich gewünscht, er wüsste, was er zu dem stillen, tiefernsten Mädchen vom Landsitz nebenan sagen sollte.
Für mich bist du auch gestorben.
Für sie hatte er nie richtig existiert, bis auf die wenigen wunderbaren Wochen vor der Hochzeit in jenem weit zurückliegenden Frühling im Jahre 1893.
Er beobachtete, wie sie an den Frauen in ihren bunt bestickten schwarzen Kleidern vorüberging, die Wasser in die Kanäle für die Weizenfelder leiteten, an Frauen in bunt bestickten schwarzen Kleidern, die Maulbeeren vom Baum auf bereitliegende Decken schüttelten, Frauen in bunt bestickten schwarzen Kleidern, die Heu machten, damit die Tiere im Winter zu fressen hatten.
Mrs. Braeburn hatte erwähnt, dass sich die Männer der Kalasha auf den hoch oben gelegenen Sommerweiden aufhielten. Leo nickte, ohne ihre Worte richtig aufzunehmen. Bryony reichte den Eimer und die Angeln an den Kommandanten weiter, der auf der Veranda stand und Karotten hackte, und sagte dabei leise: „Leider bringe ich nur einen mit.“ Und dann kam sie endlich an den Tisch.
Er erhob sich. Die Gelenke taten ihm weh bei der Bewegung – die lange Reise forderte ihren Tribut. Das Fieber, das ihn seit der Abreise von Chitral an diesem Morgen quälte, hatte ein wenig nachgelassen. Ihn fror nun nicht mehr, aber die Kopfschmerzen hatten sich noch nicht gelegt. Er wünschte sich jetzt, dass er sich in Ayun noch etwas Phenacetin besorgt hätte.
„Mrs. Marsden“, murmelte er und zog ihr einen Stuhl heraus.
Ihre Mundwinkel verkrampften sich. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu und sah dann zu den Braeburns hinüber, als wollte sie abschätzen, wie viel von der Wahrheit bereits herausgekommen war.
„O wie schön, jetzt sind alle da“, sagte Mrs. Braeburn eine Spur zu munter.
Sie goss Bryony Tee ein, welche die Tasse entgegennahm, sie dann aber sofort abstellte. „Haben Sie noch etwas von Ihrem besonderen Whiskey, Mr. Braeburn?“
Mr. Braeburn räusperte sich. „Aber ja.“
„Ob Sie uns wohl ein Schlückchen davon servieren würden?“
Wie sie sich auch entschieden hatte – sie brauchte dazu offenbar alkoholische Unterstützung.
„Aber natürlich“, sagte Mr. Braeburn ein wenig erstaunt. „Ich wollte ihn zum Dinner anbieten, aber vermutlich könnte man ihn genauso gut jetzt trinken.“
Er winkte dem Kommandanten. Der eilte ins Haus und kam kurz darauf mit einer Flasche Whiskey und vier kleinen Gläsern zurück.
Mr. Braeburn goss ein. „Worauf sollen wir trinken?“
„Auf liebe Erinnerungen“, sagte Bryony und erhob ihr Glas. „Mr. Marsden und ich reisen ab, sobald meine Sachen gepackt sind. Ich möchte diesen Moment nutzen und Ihnen für Ihre großartige Freundschaft danken.“
„So bald?“, keuchte Mrs. Braeburn. „Aber warum denn?“
Bryony warf Leo einen finsteren Blick zu. „Das kann Ihnen Mr. Marsden weitaus besser erklären als ich.“
Steif und angespannt nahm sie auf der anderen Seite des Tisches Platz. Früher einmal hatte diese Spannung, die ihn immer ein wenig an eine frisch aufgezogene Uhr erinnerte, auf ihn äußerst erotisch gewirkt; er hatte damals gedacht, sie brauche nichts als ein wenig körperliche Leidenschaft, um sie glücklich, zufrieden und entspannt zu machen.
Das Leben hatte schon seine eigene Art, einen Menschen Demut zu lehren.
Bryony konnte die atemlose Spannung, welche die Tischrunde einschließlich ihrer selbst ergriffen hatte, fast körperlich spüren – sie hatte keine Ahnung, was er sagen würde. Aber er hatte es nicht eilig, die Neugier der Runde zu befriedigen. In aller Seelenruhe verspeiste er erst einmal den Kuchen auf seinem Teller.
Dann griff er nach seinem Whiskeyglas. Statt es jedoch aufzunehmen, drehte er es nur ein wenig herum. Zum ersten Mal fiel ihr Blick bewusst auf seine Hände. Bei ihrer Heirat hatte er die Hände eines Gentlemans besessen. Jetzt jedoch waren seine Finger rau und aufgesprungen, und an den Knöcheln zeigten sich Schnitte und Verfärbungen.
Aber dann lächelte er sein Publikum an, und sie vergaß darüber seine Hände: Das Lächeln war einfach umwerfend, ebenso warm, wie es gnadenlos war, und in seine Augen trat dieses absolut unwiderstehliche Leuchten. Das war der Leo, der London im Sturm erobert hatte.
„Es ist eine lange Geschichte“, sagte er und nahm einen Schluck von Mr. Braeburns Whiskey, „daher erzähle ich Ihnen nur die Kurzfassung. Mrs. Marsden und ich wuchsen auf benachbarten Gütern in den Cotswolds auf. Allerdings spielen die Cotswolds in dieser Geschichte so gut wie keine Rolle. Denn wir verliebten uns nicht in der grünen, unverschmutzten Idylle, sondern im grauen, rußigen London. Es war natürlich Liebe auf den ersten Blick, ein Hunger der Seele, der sich nicht verleugnen ließ.“
Bryony begann innerlich zu zittern. Das war nicht seine Geschichte, die er da erzählte, sondern ihre, die Geschichte einer alten Jungfer, die der Pracht und dem Charme eines jungen Mannes erlegen war.
Er warf ihr einen Blick zu. „Du warst der Mond meines Lebens, deine Stimmungen diktierten die Gezeiten meines Herzens.“
Bei diesen Worten schlugen die Wellen auch über ihrem Herz zusammen, obwohl sie nichts als Lügen waren.
„Ich glaube nicht, dass ich je Stimmungen hatte“, sagte sie streng.
„Nein, natürlich nicht. ‚Anmutiger, gemäßigter bist du‘ – während die Gezeiten meines Herzens immer höher stiegen und gegen den Damm meiner Selbstbeherrschung schlugen. Denn ich habe dich mit äußerster Maßlosigkeit geliebt.“
Mrs. Braeburn neben ihr errötete, und ihre Augen glänzten. Bryony war außer sich vor Zorn über diese zungenfertige Ansprache, noch zorniger allerdings auf sich selbst, weil seine Worte sie so schmerzlich süß berührten.
„Unsere Hochzeit war die glücklichste Stunde in meinem Leben, das Wissen, dass wir nun für immer zusammengehören. Die Kirche war voller Hyazinthen und Kamelien, die Menschen drängten sich noch auf den Eingangsstufen, denn die ganze Welt wollte sehen, wer dein stolzes Herz am Ende erobern konnte.
Aber leider hatte ich dein stolzes Herz dann doch nicht ganz erobert, nicht wahr? Ich konnte es nur einen Augenblick mein Eigen nennen; bald gab es Ärger im Paradies. Eines Tages sagtest du zu mir: ‚Mein Haar ist weiß geworden. Das bedeutet mir, dass ich weit weg gehen muss. Finde mich, wenn du kannst. Erst dann kann ich wieder dein werden.‘“
Ihr Herz begann laut zu pochen. Woher wusste er, dass sie das Weißwerden ihres Haars tatsächlich zum Zeichen genommen hatte, ihn zu verlassen? Nein, das wusste er nicht. Er hatte die ganze Sache von A bis Z erlogen. Aber sogar Mr. Braeburn war gefesselt von dieser albernen Geschichte. Sie hatte vergessen, wie faszinierend Leo sein konnte, wenn er ein Publikum in seinen Bann ziehen wollte.
„Also habe ich nach ihr gesucht. Vom Nordpol bis zu den Tropen, von den Gestaden Chinas bis nach Neuschottland. Mit unserem Hochzeitsbild in der Hand fragte ich weiße, rote, braune und schwarze Menschen: ‚Ich suche eine englische Ärztin, meine verschollene Liebste. Haben Sie sie gesehen?‘“
Er sah ihr in die Augen, und sie konnte den Blick nicht abwenden. Sie war genauso gebannt wie die unglückseligen Braeburns.
Leo war nicht allein gekommen – er hatte die nötige Begleitung in Chitral angeheuert, sodass Mrs. Marsden eine bequeme Reise haben werde, erklärte er den Braeburns. Die Kulis, die er mitgebracht hatte, begannen kurz nach dem Tee, Bryonys Zelt abzubauen.
Das robuste wasserdichte Zelt war im Sommer offen und kühl. Und im Winter trug es mannhaft eine dicke Schicht Schnee, während sie mit Hilfe ihres schwersten Mantels und zweier Petroleumöfchen verhindern konnte, dass ihr das Blut über Nacht in den Adern gefror.
Bryony durchbohrte ein scharfer Schmerz, als ihr Zelt auseinandergenommen wurde. Vielleicht war es auch Furcht: Sie hatte Angst, mit ihm zu gehen.
Das abgebrochene Zelt offenbarte sein schäbiges Innenleben: ein Feldbett, zwei Schiffskoffer, Klapptisch und -stuhl. Auf dem Tisch befanden sich außerdem eine Sammlung alter Medizinjournale und ihre Medizintasche. Auf dem einen Schiffskoffer lagen ein paar Toilettenartikel, auf dem anderen ihr Strohhut, ein Schultertuch und zwei Paar Handschuhe.
Lässig nahm er ihren Hut und drehte ihn in seiner schwieligen Hand. Die Knöchel der anderen Hand streiften die Krempe. Sie schluckte. Die Geste war so intim, beinahe als berührte er ihr Haar. Ihre Haut.
Er legte den Hut zurück, ging zu seinem Pferd und kehrte mit einem brandneu aussehenden Hut zurück. „Ich habe mir erlaubt, dir den hier zu kaufen. Weiter drunten holt man sich schnell einen Sonnenbrand, wenn man nicht aufpasst.“
Der Hut, den er ihr hinhielt, war praktisch ein Helm, hinten mit einem aufgerollten Stoffstück versehen, das als Nackenschutz diente, vorn mit einem Schleier, falls die Sonne zu grell wurde.
Dieser Übergriff erzürnte sie: Lang bevor er das Rumbur-Tal betreten hatte, hatte er schon gewusst, wie er sich bei ihr durchsetzen würde.
Sie gab ihm den Hut zurück. „Von einem Gentleman kann ich keine Kleidungsstücke annehmen.“
Die Ausrede war praktisch. Er war nicht mit ihr verwandt – oder verheiratet. Daher hatte er kein Recht, ihr derartige Dinge zu kaufen.
Er sah auf den zurückgewiesenen Hut. „Meines Wissens gilt diese Regel nicht für einen Gentleman, der mit einem geschlafen hat.“
Bei den letzten Worten hob er die Wimpern. Daraufhin durchfuhr sie eine derartige Hitze, dass es ihr nicht gelang, ihm die wohlverdiente Ohrfeige zu geben.
„Du, mein Lieber, bist kein Gentleman“, erklärte sie. „Und vielen Dank, ich werde dieses hässliche Ding nicht aufsetzen.“
Einen Moment lang sah er sie an. Seine Augen waren grau wie der Morgennebel, und sie konnte nicht sagen, ob sein Blick Abscheu oder Belustigung verriet oder etwas Dunkles, Leidenschaftliches, das sich nicht so leicht einordnen ließ.
„Wie du willst“, sagte er. „Lass uns deine Sachen packen.“
Alles, was sie besaß, trug sie entweder am Leib, oder es wurde von einem Kuli oder Maultier transportiert. Kaum eine Stunde nach dem Tee schüttelten sie den Braeburns die Hand und verabschiedeten sich mit dem Versprechen, regelmäßig zu schreiben.
Nachdem sie Mrs. Braeburn ein letztes Mal umarmt hatte, stieg Bryony auf das Pferd, das Leo für sie mitgebracht hatte. Er reichte ihr die Zügel.
„Ich hoffe, du bist jetzt glücklich“, sagte sie so leise, dass nur er es hören konnte.
Er warf ihr ein schiefes Grinsen zu, das vertraut und distanziert zugleich war. „Oh, maßlos.“
3. KAPITEL
Der Nachmittag war kühl, der Himmel wolkenlos. Das Rumbur-Tal, das zwischen zwei hohen Gebirgszügen lag, senkte sich rasch Richtung Südosten. Sie folgten dem Fluss, der blau und bei stärkerem Gefälle auch weiß schäumend bergab gurgelte, und kamen an unzähligen Dörfern vorbei – Grom, Maldesh, Batet, Kalashgram, Parakal.
Vögel sangen in den Rhododendren, die im Frühling in hellrosa Blüte stehen würden. Wasserräder knarrten geschäftig. Kalasha-Frauen mit ihrem kunstvollen, mit Kaurischnecken besetzten Kopfputz und den üppigen Perlenketten bereiteten an den Feuerstellen auf der Veranda ihrer winzigen Häuser das Abendessen.
Das Tal war nicht direkt das verlorene Paradies – die Kinder der Kalasha erzielten aufgrund ihrer Schönheit und Fügsamkeit auf dem Sklavenmarkt in Chitral hohe Preise, die Viehherden der Kalasha fielen oft den aggressiveren Nachbarn zum Opfer –, aber an jenem Tag war alles friedlich, sonnenbeschienen und idyllisch. Dann rückten die Felswände enger zusammen. Die Felder, Häuser und Ziegenställe nahmen ab und verschwanden dann ganz. Sie verließen das Rumbur-Tal am Zusammenfluss der Flüsse Bumboret und Rumbur und betraten eine schmale Schlucht, in der weder Bäume noch Gras wuchsen. Weit unten rauschte ungeduldig der Fluss; rote und graue Felsen schlossen die Sonne aus. Ihr Pfad schlängelte sich an den Felsen entlang, wie es der Laune der Natur gefiel.
Als es dämmerte, erreichten sie die weite Schwemmlandebene des Chitral-Tals. Vor ihnen lag die Stadt Ayun, umgeben von Reisfeldern; das Stadtbild unterschied sich beträchtlich von den offenen Bauten der Kalasha, die Bryony inzwischen so gewohnt war. Hier waren die Häuser alle von hohen Mauern umgeben, um die Bewohnerinnen vor fremden Blicken zu schützen. Auf den Straßen sah man nur Knaben und Männer.
„Ich habe die übrigen Kulis am Ortsrand zurückgelassen“, sagte Leo. „Wir brauchen nicht in die Stadt hineinzugehen.“
Sie war gleichzeitig erleichtert und verärgert. „Du hast das alles ja sehr gut geplant, was?“
„Es kann nie schaden, für alle Eventualitäten gewappnet zu sein“, erwiderte er ungerührt.
Er hatte ihren Führer vorausgeschickt, einen wettergegerbten Mann namens Imran, um die anderen Kulis von ihrer Ankunft in Kenntnis zu setzen. Als sie dann ins Lager ritten, hielt ein Diener schon ein feuchtes Handtuch für Bryony bereit, damit sie sich den Straßenstaub aus dem Gesicht wischen konnte. Während sie ihren Tee trank, wurde eimerweise heißes Wasser in die Badewanne gegossen, die im Badezelt aufgestellt worden war. Und nachdem sie sich gewaschen und angezogen hatte, wurde ihr ein Teller mit heißen Pakoras gereicht, verschiedenes Gemüse, das erst in Kichererbsenmehl gewendet und dann frittiert wurde. Damit konnte sie den ersten Hunger stillen, während Leo badete und die Köche das Abendessen zubereiteten.
Sie setzten sich beinahe zur selben Zeit zum Essen, zu der sie auch mit den Braeburns das Dinner eingenommen hatte. Mrs. Braeburn genoss diese Tageszeit, wenn der Rauch der Holzfeuer in die kühle Luft aufstieg und sich im Dämmerlicht die ersten Glühwürmchen zeigten.
Zum Dinner gab es Mulligatawny-Suppe, Hähnchenschnitzel und Lammcurry mit Reis. Bryony hielt den Blick beim Dinner eisern auf ihr Essen gerichtet, um durch ihr Verhalten Distanz zu schaffen. Doch er ignorierte ihre Bemühungen.
„Was hast du dir nur dabei gedacht?“, fragte er, in demselben zuckersüßen Ton, in dem er sie mit einem Sommertag verglichen hatte. Anmutiger, gemäßigter bist du. „Leh zu verlassen, ohne deine Familie mit einem Wort davon in Kenntnis zu setzen? Und warum warst du überhaupt in Leh – braucht man in Delhi etwa keine Ärzte mehr?“
Sie spielte mit dem Gedanken, ihn einfach zu ignorieren. „In Delhi war es zu heiß“, erklärte sie schließlich.
Die Hitze war in der Tat schrecklich gewesen. Dennoch hätte sie die Temperaturen allein durchaus ertragen können. Was sie dagegen nicht ertragen konnte, war die Tatsache, dass gleichzeitig Leos Bruder in der Stadt weilte – jeder schien nicht nur zu wissen, wer sie war, sondern auch, dass ihre Ehe böse geendet hatte. Sie war nicht Tausende von Meilen gereist, bloß um am Ende wieder die Londoner Gesellschaft vorzufinden.
„Als die Herrnhuter Missionare in Leh nach einer Vertretung für ihren Arzt suchten, der auf Heimaturlaub fahren wollte, dachte ich, dass das Klima dort für mich bekömmlicher sein könnte.“
Und die Einsamkeit.
Leh war die Hauptstadt von Ladakh, ein wasserarmes Gebiet im Hochgebirge im Osten von Kaschmir, das auch als Klein-Tibet bekannt war. Bryony hatte sich unter Leh ein verschlafenes Dorf vorgestellt, das seinen Zenit schon vor Langem überschritten hatte. Stattdessen war es immer noch ein geschäftiger Ort, bei dem sogar Karawanen aus dem fernen Ost-Turkestan Halt machten. In Sichtweite des verlassenen Palastes, von dessen Dachbalken immer noch lange Gebetsfahnen flatterten, trieben Kaufleute aus Yarkant und Srinagar Handel mit ihren Kollegen aus Lahore und Amritsar.
Ruhig und verschlafen war eher das Haus der Herrnhuter Missionsstation, ein besserer Kuhstall. Dort bekehrten ein paar tapfere, naive Christenmenschen etwa einen Ladakhi im Jahr und vergaßen allmählich ihre Heimat.
Bryony hatte nicht vorgehabt, nach Rückkehr des Missionsarztes dort zu bleiben. Allerdings hatte sie die Aussicht auf Delhi auch nicht sehr froh gestimmt. Als ein paar deutsche Bergsteiger nach einer Expedition auf dem Weg nach Rawalpindi in Leh Station machten, hatte sie ihnen ein Zelt abgekauft – einzig aus dem Grund, dass ein Zelt, Sinnbild für das Nomadenleben, der Unruhe in ihrem Inneren entsprochen hatte. Eine Woche später kamen die Braeburns in der Missionsapotheke vorbei.