1. KAPITEL
„Oh, Dr. Roberts, ich habe hier etwas für Sie. Von Kate.“
Nick blieb am Empfang stehen und nahm verblüfft den verschlossenen Briefumschlag, den Sue ihm reichte. Merkwürdig …
„Ist sie schon weg?“
„Nein, aber auf dem Sprung. Sie wollte Jem von der Freizeit abholen. Soll ich sie suchen?“
„Danke, nicht nötig.“ Er warf wieder einen Blick auf den Brief, nickte den Patienten im Wartebereich zu, als er an ihnen vorbei in sein Sprechzimmer ging, und schloss die Tür hinter sich. Während er sich in seinen Schreibtischsessel fallen ließ, schlitzte er mit dem Zeigefinger den Umschlag auf.
Er enthielt ein einziges Blatt Papier, beschrieben mit ihrer eleganten, energischen Handschrift. Nick entfaltete es und begann zu lesen.
Lieber Nick,
Chloe und allen anderen Kollegen und Freunden werde ich meine Entscheidung in den nächsten Tagen mitteilen, aber Du sollst als Erster erfahren, dass ich beschlossen habe, Penhally Bay zu verlassen. An den Primary Care Trust habe ich bereits geschrieben und gekündigt. Ich verkaufe mein Haus, und Jem und ich ziehen im Laufe des Sommers in die Nähe meiner Mutter in Bristol um, sodass er das neue Schuljahr direkt dort beginnen kann.
Ich werde die Praxis und alle, die hier arbeiten, sehr vermissen, aber für uns wird es Zeit, ein neues Leben anzufangen. Hier gibt es nichts mehr für uns.
Dir möchte ich für all die Unterstützung und Freundlichkeit danken, die Du mir im Laufe der Jahre geschenkt hast.
Leb wohl,
Deine Kate
Wie vor den Kopf geschlagen las er den Brief ein zweites Mal. Verdammt, sie kann nicht einfach gehen! Aufgebracht schob Nick seinen Sessel zurück, stand auf und marschierte zum Fenster. Er presste die Hand auf das kalte Glas. Ein stürmischer Wind war plötzlich aufgekommen, und mit ihm ging ein heftiger Aprilschauer nieder. Die Tropfen prasselten auf Autodächer, und überall rannten Leute, um vor dem Unwetter Schutz zu suchen.
Auch Kate. Sie riss die Wagentür auf, und als sie auf den Fahrersitz schlüpfte, hob sie den Kopf. Ihre Blicke trafen sich, hielten sich einen Moment fest, verschleiert vom Regen, dann schüttelte sie kaum merklich den Kopf und schlug die Tür zu. Gleich darauf flammten die Scheinwerfer auf, und Kate fuhr davon.
Nick merkte erst jetzt, dass er die Luft angehalten hatte, und atmete bebend aus. Abrupt wandte er sich vom Fenster ab, um nicht frustriert die Faust durch die Scheibe zu stoßen. Kates Brief lag auf dem Schreibtisch, schien ihn zu verspotten, und er griff danach, knüllte ihn zusammen und schleuderte ihn Richtung Papierkorb. Der Papierball fiel daneben, und Nick hob ihn leise fluchend auf. Warum will sie gehen? Ausgerechnet jetzt, wo ich dachte, eine Chance …
Es klopfte an der Tür, und Doris Trefussis steckte lächelnd den Kopf ins Zimmer.
„Tee für Sie, Dr. R.“, verkündete sie munter und stellte ein Tablett auf den Tisch. „Und ein paar von Hazels Ingwerkeksen.“
„Danke, Doris“, sagte er knapp und hielt den Atem an, bis sie wieder verschwunden war. Er würde dran ersticken, wenn er jetzt etwas essen müsste! Nick ließ sich in seinen Sessel fallen und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Dann strich er den zerknitterten Brief glatt und las ihn noch einmal.
Es ergab einfach keinen Sinn.
Vielleicht half der Tee, einen klaren Kopf zu bekommen.
Nick nahm den Becher, trank einen Schluck und sah aus dem Fenster. Es herrschte Stillwasser, der Zeitpunkt des Wechsels zwischen Flut und Ebbe, und von den Windböen getroffen schwangen die Boote im Hafen hin und her. Er kannte das Gefühl. Seit Annabels Tod vor fünf Jahren war er wie eins dieser Boote, verankert im Leben und doch hierhin und dorthin geschleudert … zutiefst unsicher, was seine Zukunft betraf.
Eine Zeit lang hatte er geglaubt, dass Kate heiraten würde, aber dann gab es Gerüchte, dass es zwischen ihr und Rob Werrick aus war. Nick sah seine Chance: Kate und er beide verwitwet, der Rivale aus dem Rennen, vielleicht könnten sie jetzt … Und nun das, aus heiterem Himmel. Er hätte nie gedacht, dass Kate Penhally Bay – und ihn – für immer verlassen würde.
Sie durfte nicht gehen. Ausgeschlossen. Sie war hier geboren, aufgewachsen, hatte ihr ganzes Leben hier verbracht. Nick kannte sie, seit sie zwölf war, und hatte sich drei Jahre später das erste Mal mit ihr verabredet. Da war er siebzehn gewesen. Mit achtzehn war er zum Studium fortgegangen, fest entschlossen, danach wieder zu ihr zurückzukommen. Aber dann war er Annabel begegnet, und alles hatte sich geändert.
Bis auf Kate. Sie war dieselbe geblieben, herzlich, humorvoll und freundlich. Nur in ihren sanften braunen Augen meinte er manchmal einen vorwurfsvollen Ausdruck und leise Enttäuschung zu lesen. Vielleicht bildete er es sich aber auch nur ein, denn jedes Mal, wenn sie ihn ansah, empfand er Schuldgefühle.
Nick schloss die Augen. Ja, in den vergangenen mehr als dreißig Jahren gab es weiß Gott genug, dessen er sich schuldig gemacht hatte.
Er faltete den Brief zusammen und steckte ihn in die Tasche. Vielleicht sollte er heute Abend zu ihr gehen und versuchen, ihr das Ganze auszureden. Nein, wozu, dachte er grimmig. Kate hatte sich entschieden, und wahrscheinlich war es für alle das Beste.
Aber ich werde sie vermissen. Freundliche, kluge Kate, die immer für ihn da gewesen war. Kate, die zuverlässig und kompetent jahrelang seine Praxis gemanagt hatte, bevor sie in ihren Beruf als Hebamme zurückging, geschätzt und geliebt von den werdenden Müttern, die sie betreute.
Kate, in die er sich vor so vielen Jahren verliebt hatte.
Er hatte sie geliebt und wieder verloren. Aus eigener Dummheit. Nur bei dem Gedanken daran fühlte sich seine Brust an wie in einen Schraubstock gezwängt. Nick versuchte, sich vorzustellen, wie es ohne sie wäre … in der Praxis, in seinem Leben. Es gelang ihm nicht. Nein, sie durfte nicht gehen. Das konnte er nicht zulassen.
Hier gibt es nichts mehr für uns.
Nur einen emotional gestörten alten Esel wie mich, dachte er. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sie gehen zu lassen, mehr stand nicht in seiner Macht. Die Sache mit Würde und Anstand über die Bühne zu bringen, das war das Einzige, was er tun konnte.
Nick stellte den Becher ab, marschierte zur Tür und riss sie auf. „Mr. Pengelly, bitte!“
Er versuchte sich zu konzentrieren, als der Patient ihm seine Beschwerden beschrieb, aber der Brief schien ein Loch in seine Tasche zu brennen und ging ihm nicht aus dem Sinn.
„Da ist aber was los.“ Mr. Pengelly deutete mit seinem feisten Doppelkinn zum Fenster.
„Hmm?“ Nick tauchte aus seinen Gedanken auf, und da hörte er es auch, das Heulen der Sirenen, das den rauschenden Regen übertönte, Oliver Fawkners schnelle Schritte, als er zu seinem Wagen direkt vor Nicks Fenster rannte, einstieg und vom Parkplatz raste. Oliver hatte heute Notdienst und war wohl von der Rettungsleitstelle verständigt worden, dass dringend ein Arzt gebraucht wurde.
„Die Sirenen“, antwortete Mr. Pengelly überflüssigerweise.
„Ja“, sagte Nick und blendete das Geschehen draußen aus, während er seinen Patienten untersuchte. Er maß den Blutdruck, horchte ihm die Brust ab und bat ihn, sich auf die Waage zu stellen. Mr. Pengelly war der perfekte Kandidat für einen Herzinfarkt. Leider hatten sämtliche Ratschläge, die Nick ihm in den vergangenen Jahren gegeben hatte, nichts gefruchtet.
Das Sirenengeheul hielt an. Muss ein schwerer Unfall sein, dachte er flüchtig und sah seinen Patienten eindringlich an. „Mr. Pengelly, ich denke, wir sollten uns noch einmal über Ihre Lebensweise unterhalten. Sie sind stark übergewichtig, treiben keinen Sport, nehmen Ihre Medikamente nicht regelmäßig, und dann kommen Sie zu mir und klagen über Schmerzen in der Brust. Wenn Sie selbst nichts unternehmen, ist ein Herzinfarkt vorprogrammiert. Wir müssen Ihren Cholesterinwert noch einmal überprüfen. Er war schon beim letzten Mal zu hoch, und Sie rauchen immer noch, oder?“
„Aber weniger, Doc.“
„Wie viele am Tag?“
Er zögerte. „Nur noch zwanzig.“
Nur? „Das sind zwanzig zu viel, Mr. Pengelly. Lassen Sie sich vorn einen Termin geben für morgens, nüchtern zum Cholesterintest, und zwar so bald wie möglich. Das Ergebnis besprechen wir dann. Bis dahin sollten Sie für mehr Bewegung sorgen und sich auf jeden Fall für einen Raucherentwöhnungskurs anmelden …“
„Da muss es ordentlich gekracht haben. Hören Sie den Rettungshubschrauber?“
Während Mr. Pengelly wieder zum Fenster zeigte, klingelte das Telefon, und Nick griff stirnrunzelnd nach dem Hörer, ungehalten darüber, dass der Patient ihm anscheinend nicht zuhörte.
„Entschuldigen Sie mich einen Moment … Roberts.“
„Hier ist Sue. Tut mir leid, dass ich störe, aber Oliver hat gerade angerufen. Kate hatte einen Unfall, und Jem wird gerade per Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen. Oliver meinte, Sie sollten lieber hinfahren.“
Nick hatte das Gefühl, dass der Boden unter ihm wegsackte. „Was ist passiert? Wie schlimm …?“
„Kopf- und Beckenverletzungen, hat Oliver gesagt. Ihm war ziemlich wichtig, dass Sie ins St. Piran fahren, Nick. Kate braucht Sie. Ach ja, und Sie möchten ihr ausrichten, dass er sich um den Hund kümmert. Sie soll sich keine Sorgen machen.“
Nick murmelte ein Danke und legte auf. „Mr. Pengelly … es tut mir leid, aber ich werde im Krankenhaus gebraucht. Denken Sie an den Termin, und wir sprechen uns wieder, sobald das Laborergebnis da ist.“
„Okay, Doc, mache ich … essen Sie die Kekse da nicht?“
Der Mann war ein hoffnungsloser Fall. „Bedienen Sie sich“, knurrte Nick, stand auf und eilte zum Empfang.
„Mr. Pengelly braucht einen Termin für einen Cholesterintest, nüchtern, so schnell wie möglich, mit anschließender Besprechung der Werte“, sagte er zu Sue. „Ich fahre ins Krankenhaus. Können Sie Sam bitten, meine Sprechstunde zu übernehmen?“
Er wartete ihre Antwort nicht ab und hielt sich auch nicht damit auf, seinen Mantel zu holen, sondern marschierte mit langen Schritten zur Tür und in den strömenden Regen hinaus.
Die Fahrt zum St. Piran brachte ihn fast um.
Sein Magen war ein einziger Knoten, Adrenalin schoss durch seine Adern, und sein medizinischer Sachverstand bombardierte ihn mit Hiobsbotschaften, eine schlimmer als die andere. Nick stellte sich vor, was bei diesem Unfall alles passiert sein konnte, welche Folgen es haben könnte, und ihm war nur noch schlecht.
Er tippte Bens Nummer in die Freisprechanlage. Sein Schwiegersohn war leitender Chefarzt der Notaufnahme, und Nick wollte ihn vorwarnen. Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf dem Lenkrad, während er darauf wartete, dass Ben an sein Handy ging.
„Wir erwarten sie jeden Moment, Nick“, kam Ben gleich zur Sache. „Ich höre den Helikopter, wir gehen gleich raus. Fahr vorsichtig, wir treffen uns in der Notaufnahme.“
„Okay. Und, Ben … sieh dir Kate mal an, bitte. Oder lass es einen Kollegen machen. Sie saß bei Jem im Wagen, ich weiß nicht, ob sie verletzt ist. Sag ihr, dass ich unterwegs bin.“
„Natürlich. Ich muss los, bis nachher.“
Die Leitung war tot. Nick arbeitete sich durch den Verkehr und erreichte schließlich das St. Piran, stellte den Wagen davor ab und lief ins Gebäude. Wahrscheinlich würde er ihn mit einer Parkkralle am Reifen wiederfinden, aber darüber konnte er sich später Gedanken machen.
Ben hatte jemanden geschickt, der ihn vorn erwartete und direkt zum Schockraum führte. Als die Tür aufschwang, blieb Nick wie erstarrt stehen. Erinnerungen überfielen ihn, Gefühle bedrängten ihn. Ich kann das nicht, dachte er wie gelähmt. Nicht hier, nicht in diesem Raum …
Du musst. Er registrierte die hektische Betriebsamkeit, hörte Ben Anweisungen geben, die das Team schnell und routiniert befolgte, wie eine gut geölte Maschine. Eine Maschine, von der das Leben des Jungen abhing?
Dieselbe Maschine und derselbe Mann, die um Annabels Leben gekämpft … und verloren hatten?
Großer Gott.
Sie schnitten Jem die Kleidung vom Leib, schoben den durchnässten Stoff beiseite, um sich seine Verletzungen genauer anzusehen. Die ganze Zeit sprachen sie beruhigend mit ihm, und Nick zog sich das Herz zusammen, als er Jem da so liegen sah, schmal und blass. Sein Sohn …
Bitte, lass ihn nicht sterben. Bitte …
„Okay, Kreuzprobe für zehn Einheiten, und holen Sie fünf Einheiten 0 negativ und ein paar Blutkonserven. Wir müssen ihn röntgen, das volle Programm, angefangen mit Kopf, Wirbelsäule und Becken. Was ist mit Schmerzmitteln?“, fragte Ben. „Wie viel hat er schon?“
„Drei Milligramm Morphin intravenös, aber sein Blutdruck fällt. Sollen wir …“
Die Stimmen traten in den Hintergrund, während Nick zwei Dinge gestochen scharf wahrnahm. Das eine war Jems kleiner Kopf in der HWS-Schiene, das Gesicht, das unter der Sauerstoffmaske fast zu verschwinden schien, voller Schrammen und Prellungen. Das andere war Kate, der die regennasse Kleidung am Leib klebte. Sie stand ein paar Schritte abseits, mit angstvollem Blick, und ließ ihren Jungen nicht aus den Augen.
Nick ging zu ihr, und sie packte aufschluchzend seine Hand. Er drückte sie, wollte Kate in die Arme nehmen und ihr versichern, dass alles gut werden würde. Aber wie konnte er ihr das versprechen, wenn er selbst nicht sicher war? Vielleicht wollte sie auch nicht von ihm getröstet werden, glaubte ihm vielleicht sowieso nicht?
Abgesehen davon bezweifelte er, dass er überhaupt ein Wort herausbringen würde. Seine Zunge fühlte sich an wie am Gaumen festgeklebt.
Er nahm sich zusammen, konzentrierte sich auf die Fakten. „Habt ihr schon die FAST-Untersuchung gemacht?“
Ben schüttelte den Kopf. „Nein, aber das kommt jetzt.“
„Fast?“, murmelte Kate.
„Ultraschall“, erklärte Ben. „Zeigt uns, womit wir es zu tun haben.“
Zum Beispiel freie Flüssigkeit im Bauchraum, Blut, meistens von gerissenen Arterien, Knochensplitter … Übelkeit stieg wieder in ihm auf, und Nick fuhr sich mit der freien Hand übers Gesicht.
Der Röntgenassistent bereitete die Untersuchung vor, und Ben glitt mit dem Schallkopf über Jems schmalen, leicht geschwollenen Bauch. Nick starrte auf den Bildschirm und zuckte zusammen. Freie Flüssigkeit in Mengen. Verdammt.
Man reichte ihnen Bleischürzen. Ben schien sich gedacht zu haben, dass sie den Traumaraum nicht verlassen würden. Als die Röntgenbilder kurz darauf auf dem Computermonitor erschienen, holte Nick scharf Luft.
Selbst aus der Entfernung konnte er die Frakturen an Jems linker Hüfte sehen, die gesplitterten, verschobenen Beckenknochen.
„Okay, das muss erst gerichtet werden“, entschied Ben. „Ist das Ortho-Team frei?“
„Nein. Sie machen sich gerade fertig, damit sie ihn dann übernehmen können“, erwiderte die verantwortliche Schwester. „Soll ich Josh holen?“
„Ja, bitte … und verständigen Sie den Anästhesisten, sagen Sie ihm, es ist dringend.“
„Wer ist Josh?“, fragte Kate, noch immer kreidebleich.
„Josh O’Hara, ein neuer Kollege“, sagte Ben. „Er ist klasse, ich kenne ihn seit Jahren. Traumaspezialist, mit solchen Sachen hat er Erfahrung. Wir müssen das Becken erst stabilisieren, bevor wir Jem bewegen, und dann muss er sofort nach oben in den OP, wenn wir die Blutungen hier nicht stoppen können. Dafür brauchen wir eine Unterschrift von dir, Kate. Warum unterzeichnest du nicht das Formular und holst dir einen Tee …“
„Blutdruck fällt“, vermeldete eine Schwester.
Ben runzelte die Stirn und beugte sich über den Jungen. „Hey, Jem, bleib bei uns, komm schon, du schaffst das. Geben wir ihm 250 Milligramm 0 negativ. Kate, du weißt nicht zufällig seine Blutgruppe?“
Mit verzweifelter Miene schüttelte sie den Kopf. „Nein, keine Ahnung. Ich bin 0 positiv.“
„Die Ergebnisse sind da“, sagte jemand. „Er ist B negativ.“
B negativ? Das Rauschen in Nicks Ohren wurde stärker.
Ben fluchte leise. „Verdammt. Wir haben unsere Vorräte heute Morgen aufgebraucht. Ich weiß nicht, ob sie schon wieder aufgefüllt wurden.“ Er warf Nick einen bekümmerten Blick zu.
Der schluckte. „Ich habe B negativ“, sagte er. Verschwunden waren in diesem Moment auch die letzten Spuren eines Zweifels. „Jack auch. Wir sind beide Blutspender.“
Ben verlor keine Zeit. „Gut. Ruf Jack an und frag ihn, ob er heute spenden kann. Danach regeln wir alles Weitere mit der Hämatologie. Das verschafft uns zwei Einheiten. Und während der OP können wir sein Blut aus dem Bauchraum absaugen, es entsprechend aufbereiten und ihm wieder zuführen. Wenn nötig, geben wir ihm zusätzlich 0 negativ, aber sobald der Fixateur externe dran ist, sollte die Blutung aufhören.“
Oder auch nicht. „Ich spende zwei Einheiten“, erklärte Nick und sah, wie Kate sich ihm zuwandte, den Atem anhielt. Nein, er würde es nicht sagen. Nicht laut, vor allen Leuten.
Hinter ihnen flog die Tür auf, Nick drehte sich um und sah direkt in Jacks Augen.
„Kate, Dad … hi. Was ist los?“, fragte er. „Ich war draußen in einem der Untersuchungszimmer, und eine Schwester sagte, Jem sei hier.“
„Ist er“, sagte Nick nur.
Jack warf einen Blick auf die Röntgenbilder, zuckte zusammen und musterte das Kind auf der Rollliege. „Oh, verflucht“, sagte er leise. „Armer Kleiner. Was hat er?“, wandte er sich an seinen Schwager.
„Beckenfraktur auf jeden Fall, vielleicht Bauch- und Kopfverletzungen. Gut, dass du da bist, wir wollten dich sowieso anrufen. Wir sind knapp mit B negativ. Wann hast du zuletzt gespendet?“
„Warte … vor drei Monaten? Nein, kurz vor Weihnachten, also sind es fast vier.“ Jack seufzte und blickte auf seine Armbanduhr. „Ich habe gleich eine wichtige Besprechung und bin schon spät dran. Könnt ihr mich rufen, wenn ihr mich wirklich braucht?“
„Wir brauchen dich.“ Nick senkte die Stimme. „Er ist dein Bruder, Jack.“
Ungläubig starrte sein Ältester ihn an. „Jeremiah? Kates Sohn? Er ist …?“
„Auch mein Sohn“, sprach er zum ersten Mal die Wahrheit aus, die er so lange vor sich her geschoben hatte. Nick spürte, wie Kate seine Hand drückte.
Die Worte hingen in der Luft, und Jacks Gesicht wurde ausdruckslos. „Na, dann sollten wir mal die Ärmel hochrollen“, meinte er nach einer langen Pause.
Nick merkte erst jetzt, dass er die Luft angehalten hatte, und atmete mit einem erleichterten Seufzer aus. „Danke.“
Jack wandte sich ihm zu, ein eisiger Blick in den blauen Augen. „Du brauchst dich nicht zu bedanken“, sagte er tonlos. „Ich tue es nicht für dich.“ Er drehte sich zu Ben um. „Gib mir fünf Minuten, ich muss ein paar Anrufe erledigen.“
„Kein Problem, wir behelfen uns erst mal mit 0 negativ.“
Jack nickte knapp und marschierte aus dem Schockraum, wobei er mit ausgestreckter Hand wütend die Tür nach draußen aufstieß. Nick schloss die Augen. Er hatte gewusst, dass es eines Tages herauskommen würde, und er hatte auch nicht damit gerechnet, dass es leicht werden würde. Aber so … während Jeremiahs Leben am seidenen Faden hing …?
„Hallo zusammen, was haben wir denn hier?“
Herein kam ein großer, verwegen gut aussehender Mann mit einem charmanten irischen Akzent. Er beugte sich über Jeremiah und lächelte freundlich. „Hallo, Jem, ich bin Josh. Ich sehe mir nur schnell deine Röntgenaufnahmen an, und dann schicke ich dich schlafen, damit ich dein Becken richten kann, okay? Wenn du wieder aufwachst, wirst du weniger Schmerzen haben.“
Jem stieß einen kläglichen Laut aus, den man als Zustimmung deuten konnte, und Kate schluchzte leise auf.
Nick drückte wieder ihre Hand. „Es wird alles gut“, versicherte er nicht nur ihr, sondern auch sich selbst. „Ganz bestimmt“, fügte er hinzu und hoffte inständig, dass es keine Lüge war.
Josh sah auf und blickte sie an. „Sie sind die Eltern?“
Beide nickten, und Nicks Herz hämmerte. Was für eine Ironie des Schicksals …
„Okay. Sie müssen eine Einverständniserklärung unterschreiben, und dann sollten Sie sich in den Angehörigenraum bringen lassen und dort einen Tee trinken.“
„Ich will keinen Tee, ich will hier bei meinem Sohn bleiben!“, widersprach Kate heftig. „Ich bin Hebamme, Sie brauchen mich nicht in Watte zu packen.“
„Aber wir wollen Sie auch nicht vom Fußboden aufsammeln. Außerdem ist es eine sterile Prozedur. Sie können bleiben, bis die Narkose wirkt, dann müssen Sie gehen, tut mir leid.“
Nick legte ihr den Arm um die verkrampften Schultern und drückte sie sanft. „Er hat recht“, sagte er, obwohl er drauf und dran war, mit dem jungen Arzt zu diskutieren, damit sie doch bleiben konnten. „Du solltest nicht dabei sein. Und du musst dich noch durchchecken lassen.“
„Mir geht’s gut.“
„Das wissen wir nicht genau. Nick hat recht, du musst dein Genick überprüfen lassen“, mischte sich Ben ein. „Und deine Füße. Du warst eingeklemmt. Erst kümmern wir uns um Jem, und wenn er im OP ist, sehe ich mir dich mal an, ja? Bis dahin solltest du etwas Warmes trinken und ein paar Kekse essen. Du stehst noch unter Schock.“
Als der Anästhesist eintraf, hatte sie das Formular unterschrieben. Kate hielt die Hand ihres Sohnes und redete liebevoll mit ihm, bis die Narkose ihn in einen tiefen Schlaf versetzte. Dann führte Nick sie nach draußen, den Flur entlang zum Warteraum für die Angehörigen.
„Ich bringe Ihnen gleich einen Tee“, versprach die zierliche Krankenschwester mit einem reizenden Lächeln. „Wie trinken Sie ihn?“
„Heiß und süß, so muss er doch sein, oder?“, fragte Kate bebend und versuchte, das Lächeln zu erwidern.
Nick brachte kein Wort hervor. Das letzte Mal, als er in diesem Zimmer gestanden hatte, war Annabel kurz zuvor gestorben, und jetzt durchlebte er wieder die schrecklichen Minuten wie vor fast genau fünf Jahren. Schmerz, Verzweiflung, Schuldgefühle, alles strömte wie eine erstickende Flut auf ihn ein. Mit dem Aufbau seiner Praxis beschäftigt, hatte er nicht gemerkt, wie krank Annabel gewesen war. Und sie hatte es ihm nicht gezeigt, wollte ihm nicht zur Last fallen. Bis es zu spät war.
Sie starb an einem Blinddarmdurchbruch, und Ben hatte sie nicht retten können.
2. KAPITEL
Kate umklammerte die Teetasse mit beiden Händen und zwang sich, ein paar Schlucke zu trinken.
„Ich hasse gezuckerten Tee“, sagte sie. Sie sah auf, versuchte zu lächeln und tapfer zu sein. Doch seine Miene war verschlossen, ausdruckslos, und Kate spürte, wie die Angst mit eisiger Hand wieder nach ihr griff.
„Nick? Er wird es schaffen.“ Er muss, dachte sie, verzweifelt bemüht, nicht zusammenzubrechen. Ben war zuversichtlich gewesen und Josh auch.
„Nick?“
Er atmete tief durch und drehte ihr den Kopf zu. „Entschuldige, ich war meilenweit weg.“
Meilenweit weg? Während die Ärzte versuchten, bei seinem Sohn die lebensbedrohlichen Blutungen zu stoppen? Wo zum Teufel war Nick mit seinen Gedanken? Und dieser Ausdruck in seinen Augen …
Er sah sich im Zimmer um. „Ich war seit Jahren nicht hier. Hat sich nichts verändert. Immer noch dieselben hässlichen Vorhänge.“
Und da begriff sie. Dieses Zimmer erinnerte ihn an Annabels tragischen Tod. „Oh, Nick, es tut mir so leid“, sagte sie mitfühlend.
„Schon gut. Es ist fünf Jahre her“, wehrte er ab. „Wichtiger ist, wie geht es dir? Was meinte Ben mit deinen Füßen? Wo warst du eingeklemmt?“
„Nicht schlimm, nur zwischen den Pedalen. Mir geht es gut.“
Nick schien davon nicht überzeugt, denn er kam zu ihr herüber, setzte sich neben sie und blickte ihr forschend in die Augen. „Wie ist es passiert?“
„Er war mit seiner Klasse auf einer Freizeit gewesen, und ich wollte ihn von der Schule abholen. Es war meine Schuld … ich habe auf der anderen Straßenseite gehalten, ihn angerufen, er kam rausgelaufen und ist eingestiegen, und dann bin ich auf die Fahrspur zurück. Ich konnte kaum etwas sehen, es regnete in Strömen, aber ich habe auch kein Scheinwerferlicht gesehen. Und ich weiß noch, wie ich dachte, nur ein Idiot wird bei diesem Wetter ohne Licht fahren, also muss die Straße frei sein. Im nächsten Moment gab es einen gewaltigen Schlag, und wir rammten seitwärts einen Wagen, die Airbags gingen auf und …“
Sie verstummte und senkte den Kopf.
Einen Moment später war alles vorbei gewesen. Sie hatte nichts tun, nichts mehr ändern können. Doch für den Rest ihres Lebens würde sie diese wenigen Sekunden nicht vergessen. Wie in Zeitlupe spielten sie sich auch jetzt wieder vor ihrem inneren Auge ab. Sie hörte das metallische Knirschen, den Aufschrei ihres Kindes und den dumpfen Knall, bevor sich der Airbag in ihr Gesicht presste.
„Ach, Kate“, sagte er leise, und sie sah auf, in seine tiefgründigen dunkelbraunen Augen, die seine Gefühle sonst so gut verbargen. Aber nicht jetzt. Kate las Mitgefühl und noch etwas in ihnen, das sie nicht benennen konnte. „Es tut mir so leid“, fuhr er fort. „Es muss furchtbar gewesen sein.“
Sie versuchte, stark zu bleiben, nicht der Versuchung zu erliegen, sich in diesem sanften Blick zu verlieren. „Ich begreife einfach nicht, dass ich den Wagen nicht gesehen habe.“
„Du hast gesagt, da wäre kein Scheinwerferlicht gewesen.“
„Ich habe keins gesehen, aber …“
„Dann ist es auch nicht deine Schuld.“
„Erzähl keine Märchen, Nick“, erwiderte sie ungehalten. „Ich habe einen dicken Geländewagen gerammt, weil ich bei eingeschränkter Sicht auf die Straße gefahren bin. Jem hätte auf der Stelle tot sein können.“
Nick presste kurz die Lippen zusammen. „Bestimmt ist er mit überhöhter Geschwindigkeit gefahren, Kate.“
„Kann sein. Trotzdem ist es meine Schuld.“
„Tu es nicht“, warnte er. „Glaub mir, es ist nicht gut, die Schuld allein auf sich zu nehmen. Es kann dich zerstören.“
So wie dich deine Schuldgefühle nach Annabels Tod fast zerstört hätten? Kate schluckte die Antwort wieder hinunter und blickte zur Uhr. Die Zeiger hatten sich kaum bewegt, obwohl ihr das Warten schon wie eine Ewigkeit vorkam.
„Jem ist in guten Händen, Kate.“
„Ja, ich weiß.“ Sie lächelte schwach und hob die Hand, um ihm über die Wange zu streichen. Die Bartstoppeln kratzten an ihrer Haut, raue Männlichkeit, die sie plötzlich als unendlich tröstlich empfand. Nicks Stärke tat ihr gut. Kate musste sich zurückhalten, ihn nicht zärtlich mit dem Daumen zu streicheln, wie sie es bei Jem tun würde. Bei jedem, den sie liebte.
Hastig ließ sie die Hand sinken. „Das mit Jack tut mir leid.“
„Ich wusste, dass er es mir übel nehmen wird“, antwortete er achselzuckend. „Aber das macht nichts. Er hat mir schon so vieles übel genommen, damit kann ich leben.“
Das ist nicht wahr, Nick. Sie wusste, dass er sich etwas vormachte. „Er ist ein guter Kerl, Nick, er wird sich damit abfinden. Und er wird es nicht an Jem auslassen. Auch seine Geschwister nicht.“
Er nickte, stand auf und schob die Hände tief in die Hosentaschen, bevor er ans Fenster trat und in den strömenden Regen hinaussah. „Oh, natürlich nicht. Sie werden ihn in ihre Mitte nehmen und ihm das Gefühl geben, dass er zur Familie gehört. So sind sie. Da schlagen sie nach Annabel.“ Sein Blick fiel auf den Tisch mit den Tassen. „Trink deinen Tee, bevor er kalt wird.“
Kate ließ ihn das Thema wechseln und hob ihre Tasse an den Mund. Wozu ihn bedrängen? Nick war kein Mann, der gern Gefühle zeigte, geschweige denn lang und breit über sie reden wollte. Und heute, sie konnte es sich genau vorstellen, drohte er in Gefühlen zu ersticken.
Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie presste unwillkürlich die Hand aufs Herz. Dabei spürte sie, dass ihr die Brust an der Stelle wehtat. Das muss vom Sicherheitsgurt kommen, dachte sie. Die Haut war dort immer noch empfindlich, obwohl die Brustoperation und die folgenden Bestrahlungen schon einige Monate her waren.
Kate verspürte eine plötzliche Unsicherheit. Dr. Bower hatte ihr im Januar zwar bestätigt, dass der Krebs überwunden war, aber eine Garantie für die Zukunft bedeutete das nicht. Wenn mir etwas zustößt, braucht Jem seinen Vater, dachte sie. Falls er überlebt …
„Dein Tee wird auch kalt, Nick“, sagte sie abrupt, um den schrecklichen Gedanken im Keim zu ersticken.
Er setzte sich wieder neben sie, nahm einen Schluck und sagte unerwartet: „Josh O’Hara ist ein Freund von Jack aus der Londoner Zeit. Ein fähiger Kollege. Ben hat auch mit ihm zusammengearbeitet und ihn deshalb hergeholt, als die Stelle frei wurde. Und Ben wird es nicht zulassen, dass Jeremiah …“ Nick unterbrach sich mitten im Satz, als die Tür aufging und Ben hereinkam.
Kate stellte klirrend die Tasse ab. Ihr Hals war vor Angst auf einmal wie zugeschnürt. „Wie geht es ihm?“, stieß sie hervor.
„Er ist stabil, sein Blutdruck niedrig, aber noch okay. Josh und der Anästhesist haben ihn deshalb zum CT gebracht, um sich ein genaues Bild von seinen Verletzungen zu machen. Danach kommt er sofort in den OP.“ Er lächelte aufmunternd. „Und jetzt kümmern wir uns um dich, Kate. Komm mit.“
Sie stand auf und merkte erst jetzt, wie sehr ihre Beine zitterten. Das Schwächegefühl wurde schlimmer, in ihrem Kopf hallte ein Echo wider. Er ist stabil. Unendliche Erleichterung überschwemmte sie und ertränkte auch den letzten Rest ihrer Selbstbeherrschung. Kate wollte Luft holen, aber sie konnte nur schluchzen, Tränen liefen ihr über das Gesicht, immer mehr.
Da spürte sie Nicks starke Arme um sich und lag im nächsten Moment an seiner breiten Brust. Sie fühlte sich so unbeschreiblich sicher und geborgen, dass sie für immer so bleiben wollte. Wenn sie sich bei Nick anlehnte, wenn er sie hielt, dann konnte ihr doch nichts passieren, oder?
Nick stand ein paar Sekunden steif da, doch dann bewegte er sich, legte sanft die Hand an ihren Hinterkopf, drückte ihn an seine Schulter und sprach beruhigend auf Kate ein.
Es muss schrecklich für sie sein, dachte er, bis ihm einfiel, dass es nicht nur ihr, sondern auch sein Sohn war. Emotionen stürmten auf ihn ein, doch er verdrängte sie mit Gewalt. Kate brauchte ihn, er musste jetzt für sie da sein. Um seine Gefühle konnte er sich später kümmern.
„Willst du nicht ins Labor gehen und dir das Blut abnehmen lassen?“, schlug Ben vor, nachdem Kate sich wieder gefangen hatte und von einer Schwester zum Röntgen gebracht wurde. „Ich achte schon auf Kate.“
„Wartet Lucy nicht zu Hause auf dich?“
Ben lächelte. „Nicht mehr … ich habe sie angerufen und ihr erzählt, was passiert ist.“
„Alles?“ Das Herz hämmerte ihm gegen die Rippen.
„Nein. Das wollte ich dir oder Jack überlassen.“
„Sie wird von mir enttäuscht sein.“
„Ich weiß nicht“, meinte sein Schwiegersohn nachdenklich. „Anfangs vielleicht, aber sie hat schon öfter gesagt, wie gut du und Kate zusammenpasst. Sie weiß, dass ihr eine Zeit lang zusammen wart, bevor du Annabel kennengelernt hast. Vor gut einer Woche hat sie sich sogar gefragt, warum ihr nicht ein Paar werdet. Schließlich seid ihr beide ungebunden.“
Nick lachte, aber es klang hohl. „Daraus wird nichts. Kate geht weg. Sie hat beim PCT gekündigt und will Penhally Bay verlassen.“
„Ist das wahr?“
Nick zuckte mit den Schultern. „Sie hat es mir heute gesagt … das heißt, sie hat mir einen Brief geschrieben.“ Dass sie es ihm nicht persönlich erzählt hatte, tat immer noch weh.
„Das tut mir leid“, sagte Ben.
„Warum sollte es das?“
„Sag du’s mir.“ Seine Stimme klang eine Spur sanfter.
Unruhig wich Nick seinem Blick aus. „Sie gibt sich selbst die Schuld“, sagte er statt einer Antwort. „Sie meint, sie hätte kein Scheinwerferlicht gesehen und wäre deshalb rübergefahren.“
Ben ließ sich nichts anmerken und schwenkte sofort auf den Themenwechsel ein. „Bei dem Regen ist die Sicht eingeschränkt, aber ich vermute, der andere Fahrer hatte nicht nur vergessen, das Licht einzuschalten, sondern ist auch viel zu schnell gefahren. Dafür gibt es Zeugen. Außerdem war er nicht angeschnallt, und der Wagen hatte keine Steuerplakette. Wir behalten den Mann zur Beobachtung über Nacht hier, und die Polizei war schon bei ihm. Es war definitiv nicht Kates Schuld.“ Er wandte sich zum Gehen. „Ich kümmere mich um sie. Geh du zum Blutspenden, wir sehen uns hinterher.“
Nick machte sich auf den Weg in die Hämatologie und traf dort auf Jack.
Der musterte ihn aufmerksam. „Geht’s dir gut?“
„Ja. Ben ist bei Kate.“
„Wann hast du zuletzt etwas gegessen?“
Fast hätte Nick aufgelacht. Im ersten Moment hatte er geglaubt, dass Jack sich mitfühlend nach seinem Wohlbefinden erkundigt hätte. Aber nein, er wollte nur wissen, ob er für die Blutspende körperlich fit war.
„Heute Mittag.“ Er überlegte, was, und erinnerte sich vage an ein Sandwich. Die Hälfte hatte er liegen lassen … es schien eine Ewigkeit her zu sein. Ich hätte Hazels Kekse essen sollen, statt sie Mr. Pengelly zu überlassen, dachte er. „In der Notaufnahme habe ich ein bisschen Tee getrunken.“
„Hier.“ Jack zog eine schmale Packung Kekse aus der Tasche. „Iss das und hol dir am Wasserspender etwas zu trinken, sonst kippst du um, wenn sie dir Blut abzapfen.“ Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab.
Nick folgte ihm, füllte unterwegs am Wasserspender einen der Pappbecher, und bald darauf lag er auf einer der Liegen, von seinem Sohn durch einen Vorhang getrennt.
„Gut, dass Sie regelmäßig spenden, Dr. Roberts“, sagte die junge Frau freundlich. „Das erspart uns Arbeit und Zeit. Ich vermute, dass sich seit dem letzten Mal nichts geändert hat?“
„Nein, nichts.“ Abgesehen davon, dass sein jüngster Sohn mit dem Tode rang und Kate beschlossen hatte, Cornwall zu verlassen. „Nehmen Sie zwei Einheiten.“
Damit war sie nicht einverstanden, Nick widersprach, und so ging es hin und her, bis Jack sich barsch einmischte.
„Tun Sie es einfach, er wird nicht nachgeben. Nehmen Sie von mir auch zwei.“
„Sind Sie sicher? Ich würde es gern vermeiden, aber andererseits sind wir wirklich knapp an B negativ. Sie müssen doch heute Abend nicht mehr arbeiten?“
„Nein, ich habe für heute Feierabend, und morgen liegt nicht viel an“, antwortete Jack. „Wenn alle Stricke reißen, kann mein Oberarzt für mich einspringen.“
„Und ich bleibe vorerst hier im Krankenhaus, bis es Jem besser geht“, fügte Nick hinzu.
Falls es ihm besser gehen wird, fügte er im Stillen hinzu. Oh, verdammt, er muss wieder gesund werden. Er hatte ihm noch so viel zu sagen, so viel verlorene Zeit aufzuholen. Nick erschien es wie eine hämische Ironie des Schicksals, dass er Jem verlieren könnte, jetzt, da er endlich akzeptierte, dass der Junge sein Sohn war.
Er legte den Kopf zurück und schloss die Augen. Ich ertrage es nicht, schon wieder jemanden aus meiner Familie zu verlieren, dachte er. Und Kate auch nicht. Nick pumpte mit der Hand, damit das Blut schneller aus ihm herausfloss und er so bald wie möglich wieder bei ihr sein konnte …
„Gebrochen ist nichts, aber sie hat ein leichtes Schleudertrauma und ein paar ordentliche Prellungen“, erklärte Ben und nahm Nick beiseite. „Vor allem am rechten Knöchel. Und der Gurt hat Spuren hinterlassen. Die Haut ist da, wo sie die Krebsoperation hatte, sowieso noch ziemlich empfindlich. Ich habe ihr ein Schmerzmittel gegeben, aber ein Beruhigungsmittel wollte sie nicht – obwohl sie immer noch unter Schock steht.“
„Sie kann ziemlich stur sein.“
„Genau wie du.“
Nick verzog das Gesicht. „Topf und Deckel, meinst du?“
Ben grinste. „Geh rein zu ihr, sie wartet schon auf dich. Ach, und gib mir deine Autoschlüssel, damit ich den Wagen wegfahren lassen kann. Er steht im Weg, die Sanitäter sind schon sauer.“
Sie war eingeschlafen.
Das dachte er jedenfalls, doch als er ans Bett trat, schlug sie die Augen auf.
„Hast du etwas Neues gehört?“
Nick schüttelte den Kopf. „Nein. Er ist noch beim CT. Bist du so weit okay, dass wir runtergehen können?“
Kate stieß ein humorloses Lachen aus, das ihm durch und durch ging. „Klar. Mein rechter Knöchel tut ziemlich weh, aber ich habe Arnika-Gel in meiner Handtasche, damit kann ich ihn nachher einreiben. Gehen wir.“
„Ich kann es auch jetzt machen, wenn du willst“, bot er an, während er sich gleichzeitig fragte, ob er es ertragen würde, über ihre weiche, warme Haut zu streichen … und gleichzeitig zu wissen, dass er kein Recht hatte, Kate zu berühren, zu halten … zu lieben?
„Nicht jetzt“, antwortete sie. „Später vielleicht. Ich möchte zu Jem.“
„Warte, ich hole einen Rollstuhl.“
„Sei nicht albern, Nick.“ Sie schwang die Beine vom Bett und verzog das Gesicht, als sie die Füße in die feuchten Schuhe zwängte. „Ich kann laufen, mir geht’s gut.“
Es ging ihr nicht gut, natürlich nicht. Aber sie hat Mumm, dachte er bewundernd. Nick nahm ihre Hand und hakte sie bei sich unter, damit Kate sich auf ihn stützen konnte. Langsam machten sie sich auf den Weg zur Radiologie. Er fühlte sich seltsam leicht im Kopf und überlegte, ob es doch keine so gute Idee gewesen war, gleich zwei Einheiten Blut zu spenden. Eigentlich sollte er etwas essen und trinken, aber dazu war keine Zeit.
„Er müsste gleich rauskommen, sie sind fast fertig“, erklärte ihnen eine Krankenschwester.
Warten bekam ihr gar nicht. Kate wurde noch nervöser, ihr Magen schien voller Bleigewichte zu sein, und die Schmerzmittel, die Ben ihr gegeben hatte, wirkten nicht. Jedenfalls nicht genug. Sie bewegte vorsichtig den Kopf, rollte mit den Schultern, aber die Verspannung blieb.
Kein Wunder, aus Angst vor schlechten Nachrichten war sie gespannt wie eine Sprungfeder.
„Ich kann hier nicht sitzen bleiben“, sagte sie zu Nick und stand in dem Moment auf, als die Türen aufschwangen. Josh und der Anästhesist schoben Jem heraus, und der Radiologe kam herüber.
Er nickte Nick zu und wandte sich an Kate. „Mrs. Althorp?“
„Ja.“ Kate drückte die zitternden Knie durch und spürte im nächsten Moment Nicks Hand auf ihrer Taille. Dankbar lehnte sie sich an ihn und löste den Blick von Jem und dem Spalt in den Tüchern, wo das Metallgestänge, das sein Becken zusammenhielt, zu sehen war. „Wie geht es ihm?“, fragte sie ängstlich.
„Er hat Glück gehabt, außer der Beckenfraktur konnten wir keine weiteren Verletzungen feststellen. Eine Hirnblutung ist ausgeschlossen, deshalb kann er direkt nach oben in den OP gebracht werden. Am besten begleiten Sie ihn. Sie müssen ein paar Formulare unterschreiben, falls Sie das noch nicht erledigt haben, und ich vermute, dass Sie oben auf Neuigkeiten warten wollen, oder?“
Kate nickte und blickte wieder zu ihrem Sohn. Sie wollte ihn so gern berühren, mit ihm sprechen, aber er war noch betäubt von der Narkose. Trotzdem beugte sie sich über die Rollliege und legte ihm die Hand auf die Wange. Beruhigt spürte sie seine Wärme.
„Jem? Ich bin’s, Mum“, sagte sie sanft. „Du wirst wieder gesund, mein Schatz, ganz bestimmt. Ich bin bei dir, hörst du? Ich hab dich lieb …“
Ihr versagte die Stimme, und Nick drückte Kate an sich, während sie hinter den anderen zum Fahrstuhl gingen.
Minuten später beobachtete sie, wie er in den OP-Saal gerollte wurde, und dann führte Nick sie zu der Stuhlreihe. Das lange Warten begann …
„Das ist also dein Schwiegervater?“
Ben brummte nur zustimmend, und Josh fuhr fort: „Zuerst habe ich ihn für den Vater des Jungen gehalten. Ich nehme an, er und die Mutter sind befreundet?“
Ben seufzte und ließ den Füller sinken. „Sie sind auch Kollegen. Sie kennen sich seit einer Ewigkeit.“
Josh nickte. „Ich weiß, dass du nicht immer gut mit ihm klargekommen bist. Jack erwähnte mal, dass er …“
„Schwierig sein kann?“
Josh grinste. „So höflich hat er sich nicht ausgedrückt.“
„Das glaube ich gern.“ Ben lachte auf. „Aber das haben wir zum Glück hinter uns.“
„Sicher? Auf dem Weg in den Schockraum bin ich Jack begegnet. Er stürmte den Flur entlang und machte ein Gesicht, als wollte er jemanden erwürgen. Haben sie sich gestritten?“
Ben ging nicht darauf ein. Stattdessen schraubte er die Kappe auf seinen Füller, lehnte sich im Stuhl zurück und wechselte das Thema. „Gute Arbeit, Josh“, meinte er. „Die Beckenfixierung, sehr ordentlich. Du wirst für die Abteilung eine Bereicherung sein.“
Josh verstand den Wink mit dem Zaunpfahl. „Danke. Ich hoffe, ich kann auch alle anderen davon überzeugen.“
„Machen sie es dir schwer?“
Er zuckte mit den breiten Schultern. „Einige. Nicht alle. Wieso auch nicht? Ich bin der Neue, da sind sie nun mal misstrauisch.“
„Was wirklich Blödsinn ist. Ich rede mit ihnen.“
„Nein, nein, lass nur. Ich werde Doughnuts mitbringen, viel lächeln, länger arbeiten. Du weißt ja, wie das läuft … Süßholzraspeln für einen guten Zweck.“
„Glaub nicht, dass du mich damit beeindrucken kannst. Ich weiß, was ich an dir habe, und die Sympathie der anderen erringst du eher, wenn du deine Sache gut machst. Rette ein paar Leben, das wirkt am besten.“
„Das mache ich noch zusätzlich.“ Josh lächelte, froh darüber, dass Ben mit ihm zufrieden war. Das Thema Nick Roberts war vergessen, als er das Zimmer verließ, fest entschlossen, ein paar Skeptiker für sich zu gewinnen.
Warum verging die Zeit nur so langsam?
Kate betrachtete die Wanduhr, und es kam ihr vor, als würden die Zeiger im Schneckentempo über das Zifferblatt kriechen. Sie rutschte unruhig auf dem gepolsterten Kunststoffstuhl hin und her, ließ den Kopf zurücksinken und seufzte leise.
„Er wird wieder gesund, Kate“, sagte Nick zum wohl hundertsten Mal.
Sie nickte nur und bewegte vorsichtig ihren schmerzenden Knöchel.
„Gib mir die Arnikasalbe.“
Sie holte die Tube aus ihrer Handtasche, reichte sie ihm und zog ihr Hosenbein ein Stück hoch, während sie gleichzeitig den Schuh abstreifte. Nick drückte sich einen großzügigen Klecks Gel in die Handfläche und ging vor Kate in die Hocke, sodass sie den Fuß auf seinem Oberschenkel abstützen konnte. Unter ihrer Fußsohle spürte sie feste, harte Muskeln. Kein Wunder, Nick joggte regelmäßig lange Strecken im Moor, Meile um Meile.
Als er sich jetzt vorbeugte, sah sie im offenen Hemd den Puls an seiner Kehle pochen, schnell und stet. Angetrieben von Adrenalin, das auch durch ihren Körper strömte und sie hellwach in Alarmstimmung versetzte …
Kate legte ihm die Hand auf die Schulter, und er erstarrte. „Danke, Nick“, flüsterte sie. „Für alles.“
„Sei nicht albern.“
„Doch, ich meine es ernst. Wir müssen reden, Nick.“
Er quetschte noch mehr Salbe aus der Tube und begann, ihren anderen Fuß einzucremen, dort, wo sich bereits ein kleiner Bluterguss bildete.
„Worüber?“
„Hast du meinen Brief bekommen?“
Er schwieg, rieb weiter ihren Fuß ein, mit langsamen, kreisenden Bewegungen, bis die Salbe in die Haut eingezogen war. Dann stand er auf, um sich am Waschbecken in der Ecke die Hände zu waschen.
Umständlich schlüpfte sie in ihre Schuhe und fragte sich, wie lange es dauern würde, bis das Leder wieder trocken war. Sie fröstelte, als sie daran dachte, wie sie im strömenden Regen gestanden hatte, während die Feuerwehrmänner Jem aus dem Auto schnitten.
„Nick?“
Immer noch stumm trocknete er sich die Hände ab und begann, in dem kleinen Warteraum hin und her zu gehen, von einer Wand zur anderen, wie ein Löwe im Käfig. Gelegentlich fuhr er sich durchs Haar und zerzauste es noch mehr. Es steht ihm, dachte sie flüchtig. Die silbergrauen Strähnen in dem schimmernden dunklen Haar verliehen ihm ein distinguiertes Aussehen und betonten seine markanten männlichen Züge. Gesichtszüge, die Jem von ihm geerbt hatte. Er würde eines Tages ein gut aussehender Mann sein, ihr Sohn … und Nicks.
Nick hörte auf, herumzutigern, atmete einmal tief durch und blieb vor Kate stehen. Forschend betrachtete er ihr Gesicht, aber ihre Miene verriet nichts. Ihre warmen goldbraunen Augen begegneten ruhig seinem Blick, wie immer.
„Darf ich fragen, warum du weggehst?“, fragte er bemüht ausdruckslos.
„Warum?“, wiederholte sie. „Ich dachte, das wäre längst klar, Nick. Dachtest du, dass ich ewig warte, bis du dich entschieden hast? Dass du deinen Sohn gelegentlich sehen kannst, ohne ihm sagen zu müssen, dass du sein Vater bist? Oder, um es auf den Punkt zu bringen … damit du deinen anderen Kindern nicht gestehen musst, dass wir etwas miteinander hatten, als ihre Mutter noch lebte?“
„Ein Mal“, erwiderte er tonlos. „Nur ein einziges Mal. Es ist ja nicht so, dass wir eine Affäre gehabt hätten, Kate.“
„Nein, das nicht. Wir hatten es nicht geplant“, sagte sie sanft. „Wir haben einfach Trost gesucht, bei jemand, dem wir vertrauten. Aber wir waren verheiratet … gut, ich war wohl zu dem Zeitpunkt schon Witwe, aber du hattest Annabel. Trotzdem haben wir uns geliebt.“
Und ein Kind gezeugt.
Nick wandte den Blick ab. „In der Nacht damals konnte keiner von uns klar denken.“
„Und danach hast du es verdrängt, als könntest du es damit ungeschehen machen. Deshalb nehme ich Jem und gehe, fange ein neues Leben an.“
„Mit Rob?“, zwang er sich zu fragen, obwohl er gehört hatte, dass es aus war zwischen Kate und dem Lehrer. „Kommt er auch mit?“
Ein schuldbewusstes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Nein. Er hat jemand Besseres verdient als mich.“
„Wer hat Schluss gemacht, du oder er?“ Nick konnte die Frage nicht zurückhalten.
„Ich. Er hatte mich gebeten, seine Frau zu werden, aber ich habe Nein gesagt. Ich kann ihn nicht lieben, nicht so, wie er es verdient hat.“ Traurig blickte sie vor sich hin. „Also gehen Jem und ich und fangen woanders neu an.“
Eine gigantische Faust presste sein Herz zusammen, und einen Augenblick lang bekam er kaum Luft. Aber wenn es das ist, was sie will, dachte er, dann muss sie es eben tun. Vielleicht ist es das Beste. Für alle.
„Du hast recht. Tu, was du tun musst, Kate, ich halte dich nicht zurück.“
„Das wirst du auch nicht, Nick.“
„Was ist mit Jem? Sehe ich ihn dann überhaupt noch?“
Sie lachte spöttisch auf. „Was soll mit ihm sein? Er weiß nicht, dass du sein Vater bist, ich werde es ihm erst erzählen, wenn er achtzehn ist. Und was das Sehen betrifft – hier bist du ihm doch aus dem Weg gegangen. Es würde sich also nichts ändern, oder?“
„Das ist lächerlich. Natürlich sehe ich ihn, sogar oft.“
„Nicht, wenn du es vermeiden kannst. Sei ehrlich, Nick, er erinnert dich daran, dass du schwach geworden bist, und das magst du nicht.“
Ja, er wollte vergessen, dass er Annabel betrogen und James’ Andenken entehrt hatte. Aber das bedeutete nicht, dass er nicht sehen wollte, wie sein Kind aufwuchs … „Wie zum Teufel soll ich es meinen Kindern erklären? Sie werden kein Verständnis dafür haben!“
„Du könntest ihnen sagen, dass du auch nur ein Mensch bist.“
Nick schnaubte. „Oh, das wissen sie längst.“
„Ach, und für dich geht es nur darum, was sie denken? Was meinst du, wie Jem sich fühlen wird, wenn er herausfindet, dass er dir weniger bedeutet als deine anderen Kinder? Nur weil sie ehelich sind? Deshalb sind sie nicht besser als er, Nick.“ Ihre Stimme klang sanft, aber jedes Wort war wie eine Pfeilspitze, die mitten ins Schwarze traf. „Ich mag nicht mehr“, fügte sie matt hinzu. „Sobald es Jem besser geht, ziehen wir von hier weg, und du wirst nie mehr von mir hören.“
Von einer grenzenlosen Furcht erfüllt, dass er Kate nie wiedersehen würde, setzte er sich neben sie. Die Stühle standen so dicht, dass er Kates Wärme spürte. „Ich dachte, ich soll in seinem Leben eine Rolle spielen?“
„Schon, aber nicht so. Er hat mehr verdient als ab und zu ein bisschen Aufmerksamkeit von dir.“ Auf einmal füllten sich ihre Augen mit Tränen. „Ich kann nicht mehr, Nick. Bitte, lass mich gehen.“
Lass mich gehen …
Nick sah ihr in die Augen, sah erschrocken, wie die erste Träne auf den Boden tropfte. Kate weinte so gut wie nie. Er hielt es nicht aus, wenn sie weinte. So wie damals vor zwölf Jahren, in jener dunklen, stürmischen Nacht, als er Kate in die Arme genommen und gehalten hatte. In dieser Nacht war Jem gezeugt worden.
Gallebitter stieg Bedauern in ihm auf. Nick erhob sich, um seine unruhige Wanderung wieder aufzunehmen.
Er konnte Kate unmöglich gehen lassen.
Aber was sollte er tun, damit sie blieb?
3. KAPITEL
Die Türen schwangen auf, und Lucy und Jack kamen den kurzen Flur entlang.
„Wie geht es ihm?“ Lucy wandte sich an Kate, ohne ihren Vater anzusehen.
„Er ist noch im OP. Sie haben die Blutung stoppen können und operieren ihn jetzt am Becken. Anscheinend hat er noch Glück gehabt …“
Sie unterbrach sich, das Wort passte einfach nicht. Wie um Himmels willen konnte man das, was Jem passiert war, überhaupt als Glück bezeichnen? Kate spürte, wie Nick näher heranrückte und ihr den Arm um die Schultern legte. Seine Wärme gab ihr Geborgenheit, die scharfe Auseinandersetzung war im Augenblick vergessen, und Kate lehnte den Kopf an seine Brust. Sie hörte sein Herz schlagen, ein beruhigendes Geräusch, ganz im Gegensatz zu der angespannten Atmosphäre, die zwischen Nick und seinen Kindern herrschte.
„Ich bin froh, dass ihr gekommen seid“, sagte er zu Lucy.
„Ben hat mich gebeten, dir die Autoschlüssel wiederzugeben. Der Wagen steht auf dem Personalparkplatz.“ Sie ließ sie in seine Hand fallen. „Außerdem bin ich nicht deinetwegen hier, sondern wegen eines kleinen Jungen, der offensichtlich mein Bruder ist. Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Wie hast du dich aufgeführt, als Mum starb, Ben die Hölle heißgemacht, weil er sie nicht gerettet hat – und die ganze Zeit, hinter ihrem Rücken …“
„Lucy, so war es nicht. Es war nur ein Mal, nach dem Sturm. Kate war verzweifelt, ich auch, und da ist es …“
„Einfach passiert, meinst du?“ Sie klang ungewohnt hart. Völlig anders als die Lucy, die Kate kannte.
Aber wer reagierte in einer Situation wie dieser schon normal?
Nick ließ Kate los, und sie hob den Kopf, sah Jack und Lucy an.
„Es war nicht nur seine Schuld, sondern auch meine. Ich war auch verheiratet – und James war gerade im Meer ertrunken. Was wir getan haben, war unverzeihlich, aber glaubt mir, es ist nie wieder vorgekommen.“
„Mit dir nicht, aber vielleicht mit anderen?“
Bei Jacks Frage holte Nick tief Luft. „Nein“, entgegnete er bestimmt. „Es gab keine anderen. Bis auf dieses eine Mal, als Kate und ich vor Kummer und Trauer nicht wussten, was wir taten, habe ich eure Mutter niemals betrogen. Ich habe sie geliebt.“
„Komische Art, das zu zeigen“, schnaubte Jack.
„Nicht, Jack“, bat Lucy. „Es spielt keine Rolle mehr. Aber was ich nicht verstehe …“, fuhr sie nach einer kleinen Pause fort. „Warum hast du uns nie erzählt, dass er unser Bruder ist? Warum hast du elf Jahre ein Geheimnis daraus gemacht?“
„Zwei. Ich habe es erst vor ungefähr zwei Jahren erfahren.“
Die Augen der Geschwister richteten sich auf Kate.
„Und du? Hast du es gewusst? Ich meine, wie konntest du sicher sein, dass er nicht von James ist? Hast du einen Gentest machen lassen?“
„James ist nicht sein Vater. Du brauchst dir Jem nur anzusehen, Lucy. Die Augen, der Mund … als Jem drei, vier Jahre alt war, sah er genauso aus wie Jacks kleiner Freddie. Und ich weiß noch, wie deine Brüder in Jems Alter waren, die Ähnlichkeit ist verblüffend. Außerdem hatten James und ich uns testen lassen, weil wir keine Kinder bekamen. Wir haben sogar darüber gesprochen, ein Kind zu adoptieren. Wozu dann ein Gentest? Abgesehen davon war James A positiv“, setzte sie hinzu. „Das ist wohl Beweis genug.“
Lucy ließ sich auf einen der Kunststoffstühle fallen. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie Kate anklagend ansah. „Das heißt, du weißt seit über elf Jahren, dass er Dads Kind ist, und hast es ihm erst vor zwei Jahren gesagt?“
Kate streckte die Hand aus, ließ sie aber resigniert wieder sinken, als Lucy ihre wegriss. „Was sollte ich denn tun? Er war glücklich verheiratet, er hatte schon drei Kinder … Ich hätte eine Familie zerstört, wer bin ich denn?“
Jack lachte humorlos auf. „Die Mutter seines Sohnes?“
Sie blickte ihn fest an. „Genau. Ich war weder seine Geliebte noch seine Frau, sondern die Mutter eines Kindes. Und ich habe nicht nur versucht, dieses Kind zu schützen, sondern auch dich, seine anderen Kinder und seine Ehe. Welchen Sinn hätte es gehabt, die Wahrheit zu verkünden, wenn ich damit alle Beteiligten unglücklich gemacht hätte? Jem ist behütet aufgewachsen, und ich habe ihm alle Liebe gegeben, die er braucht.“ Ihr versagte die Stimme, sie schluchzte auf. „Und jetzt wäre er fast gestorben …“
Nick legte ihr wieder den Arm um die Schultern und drückte sanft ihren Kopf an seine Schulter. „Nicht weinen, Kate“, sagte er beruhigend. „Er wird wieder gesund.“
Sie hoffte es so sehr. Kate wusste nicht, was sie tun würde, wenn ihrem Jungen etwas zustieß …
Da spürte sie, wie Lucy sie leicht berührte. „Es tut mir leid, Kate. Ich wollte dich nicht aufregen, aber ich … Ich bin aus allen Wolken gefallen, als ich hörte, dass er mein Bruder ist. Und ich habe solche Angst um ihn.“
„Ich weiß.“ Kate drückte ihre Hand. Sie liebte Nicks Tochter, hatte ihre Kinder auf die Welt geholt. Sie hätte es nicht ertragen, wenn Lucy sich von ihr abgewendet hätte.
Die breiten Türen gingen auf, und Kates Herz setzte einen Schlag aus, als sie dem Mann in OP-Kleidung entgegenblickte, der nun auf sie zukam.
Nick erhob sich langsam. Kate rührte sich nicht, hielt den Atem an, und dann sah sie den Chirurgen lächeln, während er den Mundschutz abnahm. Ihr Herz fing an zu hämmern, sie war grenzenlos erleichtert und ungeduldig zugleich, die Neuigkeiten zu hören.
Er nickte Jack zu und trat zu ihr, die Hand zur Begrüßung ausgestreckt. „Mrs. Althorp … ich bin Martin Bradley. Ich habe gerade Ihren Sohn operiert.“
Mechanisch schüttelte sie ihm die Hand. „Wie geht es ihm?“
„Den Umständen entsprechend gut.“ Er setzte sich neben sie. „Die Operation ist erfolgreich verlaufen. Im vorderen Bereich der linken Hüfte waren zwei Knochen gebrochen, deshalb die starken Blutungen. Aber die Schambeinfuge, die Knorpelverbindung zwischen den vorderen Beckenhälften, war noch intakt, sodass Ihr Junge ziemlich schnell wieder auf die Beine kommen sollte.“
„Es sind wirklich keine Nerven geschädigt?“
„Davon können wir ausgehen. Ich bin zuversichtlich, dass nach erfolgter Heilung keine Schäden zurückbleiben werden. Zurzeit bekommt er noch Bluttransfusionen, doch das ist reine Routine. Haben Sie Fragen?“
„Nein. Aber ich möchte zu ihm.“
„Selbstverständlich. Er ist noch benommen, aber es geht ihm gut. Er wird sich freuen, Sie zu sehen.“
Kate nickte. Ihre Beine fühlten sich plötzlich an wie aus Pudding, und sie war froh, dass sie saß. Nick hielt ihr die Hand hin, um ihr aufzuhelfen, und schlang den Arm um ihre Taille, als sie gemeinsam zum Aufwachraum gingen.
Beim ersten Blick auf ihren Sohn holte sie bebend Luft. Jem lag da, umgeben von Röhren, Drähten und Infusionsschläuchen, an der Wand hinter ihm blinkten Überwachungsgeräte, und sein schmales, von Blutergüssen bedecktes Gesicht war so blass, dass es sich kaum vom weißen Kopfkissen abhob.
Liebevoll strich sie ihm das Haar aus der Stirn und beugte sich vor, um ihm einen Kuss zu geben. „Jem? Hier ist Mum, mein Schatz. Du wirst bald wieder gesund. Schlaf jetzt, ruh dich aus.“
Die Finger in ihrer Hand zuckten, und von Jem kam ein leiser Laut, der wie ein Ja klang. Dann seufzte er und schien wieder einzuschlafen. Kate knickten die Beine ein vor Erleichterung.
Doch Nick war da und stützte sie. Sie wollte sich nicht auf ihn verlassen, aber jetzt, da es in ihrem Leben drunter und drüber ging, war er wie ein Felsen im sturmgepeitschten Meer, ein Anker, den sie dringend brauchte. Also lehnte sie sich an ihn und ließ sich von ihm halten. Eine Minute nur, dachte sie flüchtig, während sie ihren Sohn betrachtete und endlich daran glaubte, dass er leben würde.
„Mehr werden Sie von ihm nicht hören“, sagte Dr. Bradley leise. „Wir haben ihm starke Beruhigungs- und Schmerzmittel gegeben.“
„Und wie geht es weiter?“, wollte Nick wissen.
„Ein bis zwei Stunden behalten wir ihn hier, um sicherzugehen, dass er stabil ist und nicht noch einmal in den OP muss. Danach bringen wir ihn auf die Kinderintensivstation, aber nur für die Nacht, damit wir seine Blutwerte konstant überwachen können. Morgen sollte er auf Station verlegt werden können. Dort bleibt er schätzungsweise zwei Wochen. Und dann sehen wir weiter. Machen Sie sich keine Sorgen, er wird wieder gesund. Sie müssen ihm nur Zeit lassen.“
Kate wollte lächeln, aber ihre Gesichtsmuskeln schienen ihr nicht zu gehorchen. Ihr fiel ein, dass sie immer noch mehr oder weniger in Nicks Arm hing, und sie richtete sich auf. „Danke“, sagte sie und streckte die Hand aus. „Danke für alles.“
Er schüttelte sie kräftig. „Gern geschehen. Schön, dass Sie nicht allein sind – Sie haben sogar den halben Roberts-Clan bei sich, einschließlich Lucy. Ich habe Sie lange nicht gesehen“, wandte er sich an die junge Ärztin. „Geht es Ihnen gut?“
„Ja, sehr“, erwiderte sie mit einem Lächeln, aber Kate sah, dass es ihre Augen nicht erreichte. „Ich bin ziemlich beschäftigt. Wir haben zwei Kinder.“
„Richtig, Ben hat es mir erzählt. Freut mich, Sie wiedergesehen zu haben. Gut, dass Mrs. Althorp so viele Freunde hat, die ihr jetzt beistehen.“
Natürlich widersprach niemand, und dann ließ Martin Bradley sie allein. Bis auf das leise Piepen und Zischen der Geräte und das entfernte Klingeln eines Telefons in einem der Nebenräume herrschte Stille.
Lucy brach das Schweigen zuerst. „Also … ich muss los, Ben ist mit den Kindern allein. Annabel ist stark erkältet, und Josh ist auch nicht auf dem Damm. Er zahnt und hatte letzte Nacht leichtes Fieber. Ich melde mich, okay?“
„Klar, tu das“, meinte Jack. „Ich werde auch nach Hause fahren. Die Kinder habe ich heute noch gar nicht gesehen, und Alison schlief noch halb, als ich um sechs aufstand. Morgen sehe ich nach Jem, aber falls bis dahin irgendetwas sein sollte oder du etwas brauchst, ruf mich an, Kate, okay?“
„Danke, Jack.“
Als die Tür hinter den Geschwistern zuschwang, wich die Anspannung, die Kate bei Nick gespürt hatte.
Er sah sie an und lächelte matt. „Ich habe dir doch gesagt, dass er wieder gesund wird.“
Sie erwiderte das Lächeln tapfer. „Ich weiß. Ich habe es nur nicht gewagt, dir zu glauben.“ Ihr Blick glitt wieder zu Jem. „Du brauchst nicht zu bleiben, Nick.“
„Doch.“
„Wozu? Der Chirurg hat es gesagt, Jem ist außer Gefahr.“
„Ich lasse dich nicht allein, Kate. Ich werde für dich, für euch beide da sein, so lange ihr mich braucht
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