Anonym - Briefe der Lust

Anonym - Briefe der Lust

Erscheinungstag:Do, 01.12.2011
Bandnummer:35040
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Anonym - Briefe der Lust von: Megan Hart

Über diesen Roman:

Ein anonymer Brief weckt die Sehnsucht nach Unterwerfung in Paige DeMarco. Hemmungslos gehorcht sie den erotischen Aufforderungen auf edlem Papier: Sie kleidet sich aufreizend, befriedigt sich selbst, ohne zum Höhepunkt zu kommen … Immer neue Nachrichten findet Paige in ihrem Briefkasten, immer gewagter und erregender werden die Befehle. Bis sie eines Tages plötzlich ausbleiben – und Paige einen neuen, ungeahnt dominanten Zug an sich entdeckt. Sie beginnt ein gefährlich heißes Spiel …

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aus dem Roman: Anonym - Briefe der Lust

1. KAPITEL

Manchmal denke ich daran, wie es damals war.
Er kam heraus. Ich ging hinein. Wir bewegten uns aneinander vorbei wie Schiffe auf dem Meer, so wie sich jeden Tag die Wege Hunderter von Fremden kreuzen. Der Augenblick dauerte nicht länger, als es brauchte, um einen Schopf dunkler zerzauster Haare und das Funkeln dunkler Augen zu sehen. Als Erstes fielen mir seine Kleider auf, die khakifarbenen Cargohosen und das langärmlige schwarze T-Shirt. Dann bemerkte ich seine Größe und die Breite seiner Schultern. Innerhalb weniger Sekunden wurde ich mir seiner auf jene besondere Weise bewusst, auf die Männer und Frauen einander wahrnehmen, und ich drehte mich auf den Spitzen meiner Kitten Heels um und folgte ihm mit meinem Blick, bis sich die Türen des "Speckled Toad" hinter ihm schlossen.
    "Soll ich warten?"
    "Hm?" Ich sah Kira an, die vor mir gegangen war. "Worauf?"
    "Auf dich. Damit du umkehren und hinter dem Kerl herlaufen kannst, wegen dem du jetzt sicher ein steifes Genick hast." Sie grinste und zeigte auf die Tür, aber ich konnte ihn durch das Glas nicht mehr sehen.
    Ich kannte Kira seit der zehnten Klasse. Damals hatte uns unsere unerwiderte Liebe zu einem älteren Schüler namens Todd Browning verbunden – überhaupt hatten wir eine Menge gemeinsam gehabt. Schreckliche Frisuren, einen schlechten Geschmack, was Kleider betraf, und eine Schwäche für dicke Lidstriche. Wir waren Freundinnen gewesen, aber ich wusste nicht, als was ich sie jetzt bezeichnen sollte.
    Ich ging weiter in den Laden hinein. "Halt den Mund. Ich habe ihn kaum bemerkt."
    "Wenn du es sagst." Kira neigte dazu, ziellos umherzustreifen. Jetzt ging sie zu einem Regal voller Krimskrams, von dem ich niemals auch nur ein einziges Stück gekauft hätte. Sie hob einen Plüschfrosch hoch, der ein Herz zwischen seinen Beinen hielt. Auf das Herz war mit funkelnden Buchstaben MOM gestickt. "Wie wäre es damit?"
    "Schönes Glitzern. Aber aus vielen verschiedenen Gründen kommt es nicht in Frage. Ich bin schon fast entschlossen, ihr einen von diesen hier zu kaufen." Ich wandte mich einem Regal mit Porzellanclowns zu.
    "Himmel. Sie würde jeden einzelnen davon hassen. Ich bin sehr dafür, dass du einen nimmst." Kira prustete los, und ich stimmte in ihr Lachen ein.
    Ich versuchte, ein Geburtstagsgeschenk für die Frau meines Vaters zu finden. Sie verriet niemals ihr wahres Alter und bestand an jedem ihrer Geburtstage darauf, dass ihr "Neunundzwanzigster" gefeiert wurde. Das sagte sie stets mit einem neckischen Lächeln und versäumte nie, die Beute einzusammeln. Nichts, das ich kaufen konnte, würde sie beeindrucken, aber dennoch war ich wild entschlossen, das perfekte Geschenk für sie zu besorgen.
    "Wenn die Dinger nicht so teuer wären, würde ich darüber nachdenken. Sie sammelt dieses Limoges-Zeug. Wer weiß, vielleicht fährt sie auf einen Keramikclown ab." Ich berührte den Schirm einer seiltanzenden Monstrosität.
    Kira hatte Stella einige Male getroffen, und beide waren voneinander absolut nicht beeindruckt gewesen. "Ja, gut. Ich sehe mich mal bei den Zeitschriften um."
    Ich murmelte eine Antwort und suchte weiter. Miriam Levy, die Eigentümerin des "Speckled Toad", führt eine große Auswahl an Dekorationsartikeln, aber deshalb war ich eigentlich nicht da. Ich hätte in jedes Geschäft gehen können, um nach einem Geschenk für Stella zu suchen. Ihr hätte ein Gutschein für ein Nobelkaufhaus wie "Neiman Marcus" gefallen, obwohl sie natürlich über die Summe, die ich mir leisten konnte, die Nase gerümpft hätte. Ich war nicht wegen der Porzellanclowns in Miriams Laden gekommen, und auch nicht, weil es nur einen halben Block vom Riverview Manor entfernt lag, wo ich wohnte.
    Nein, ich war wegen des Papiers in Miriams Laden gekommen.
    Pergament, handgearbeitete Grußkarten, Notizbücher, Blöcke mit exquisitem, zartem Papier, so dünn wie Seide, Bögen, die für das Beschreiben mit Füllfederhaltern gedacht waren, und fester Karton, der so gut wie alles aushalten konnte. Papier in allen Farben und Größen, jedes auf seine ganz eigene Art perfekt, wie geschaffen für Liebesbriefe und Trennungsnachrichten, Kondolenzschreiben und Gedichte. Und nirgendwo war auch nur eine einzige Schachtel mit schlichtem weißem Druckerpapier zu finden. Etwas so Primitives bot Miriam in ihrem Geschäft nicht an.
    Ich habe eine Art Schreibwaren-Fetisch. Ich sammle Papier, Stifte, Karten. Setzt man mich in einem Schreibwarengeschäft aus, kann ich dort mehr Zeit und Geld verschwenden als die meisten Frauen in Schuhläden. Ich liebe den Geruch von guter Tinte auf teurem Papier, das Gefühl einer schweren Leinenkarte zwischen meinen Fingern. Am allermeisten aber liebe ich den Anblick eines jungfräulichen Bogens, der darauf wartet, beschrieben zu werden. In jenen Momenten, bevor man den Stift auf das Papier setzt, scheint alles möglich.
    Das Beste am "Speckled Toad" ist, dass Miriam das Papier sowohl blattweise als auch paketweise verkauft. Meine Papiersammlung enthält Bögen aus cremefarbenem Leinen mit Wasserzeichen, einige handgeschöpfte Blätter aus Pflanzenfasern und Karten mit Scherenschnitt-Szenen. Ich besitze Stifte in jeder Farbe und Größe. Die meisten von ihnen waren eher preiswert, haben jedoch etwas – die Tinte oder die Farbe –, das mich reizte. Viele Jahre kaufte ich mein Papier und meine Stifte in Antiquitätengeschäften oder fand es auf Grabbeltischen und in Gebrauchtwarenläden. Als ich das "Speckled Toad" entdeckte, war es, als hätte ich mein persönliches Nirwana gefunden.
    Wenn ich etwas kaufe, stelle ich mir immer vor, dass ich es für einen wichtigen Anlass benutzen werde. Etwas Bedeutendes. Liebesbriefe, geschrieben mit einem Füllfederhalter, der sich wie selbstverständlich in die Hand schmiegt, und anschließend mit einem purpurroten Band umschlungen und einem scharlachroten Siegel versehen. Ich kaufe diese Dinge, ich liebe sie, aber ich benutze sie kaum jemals. Selbst anonyme Liebesbriefe benötigen einen Empfänger … und ich hatte keinen Geliebten.
    Und außerdem, wer schreibt denn überhaupt noch? Handys, Instant Messenger und das Internet haben das Briefeschreiben überflüssig gemacht, jedenfalls fast. Dennoch besitzt eine handgeschriebene Nachricht etwas Besonderes. Etwas sehr Persönliches, das danach schreit, ernst genommen zu werden. Etwas, das weit über eine in Eile auf einen Zettel gekritzelte Einkaufsliste oder eine Unterschrift auf einer Grußkarte aus Massenfertigung hinausgeht. Und doch würde ich wohl niemals eine so bedeutsame Nachricht schreiben, ging es mir durch den Kopf, während ich mit den Fingerspitzen über den seidig-glatten Rand eines Blocks Schreibpapier mit Prägung strich.
    "Hallo, Paige. Wie geht's?" Miriams Enkel Ari stapelte gerade einige Pakete auf dem Boden hinter dem Verkaufstresen auf. Dabei verschwand er und tauchte gleich darauf wieder auf wie ein Kastenteufel.
    "Ari, mein Lieber. Ich habe noch eine Auslieferung für dich." Miriam trat durch die mit einem Vorhang versehene Tür hinter dem Tresen und sah ihren Enkel über ihre schmale Lesebrille hinweg an. "Jetzt sofort. Und bleib nicht wieder zwei Stunden weg, wie beim letzten Mal."
    Er rollte mit den Augen, nahm jedoch den Umschlag aus ihrer Hand entgegen und küsste sie auf die Wange. "Ja, Grandma."
    "Guter Junge. Nun zu Ihnen, Paige. Was kann ich heute für Sie tun?" Miriam schaute Ari mit einem liebevollen Lächeln nach, bevor sie sich mir zuwandte. Wie immer war sie tadellos zurechtgemacht, kein Härchen, das nicht an seinem Platz gewesen wäre. Miriam ist eine echte Dame. Sie ist mindestens siebzig und besitzt so viel Stil, wie ihn nur wenige Frauen haben, gleich welchen Alters.
    "Ich brauche ein Geschenk für die Frau meines Vaters."
    "Ah." Anmutig legte sie ihren Kopf schief. "Ich bin sicher, Sie finden das perfekte Geschenk. Aber falls Sie Hilfe brauchen, lassen Sie es mich wissen."
    "Danke." Ich war schon so oft hier gewesen, dass sie wusste, wie sehr ich es liebte, im Laden herumzustreifen.
    Die nächsten zwanzig Minuten verbrachte ich damit, die neuen Lieferungen feinsten Schreibpapiers zu betrachten und zu liebkosen. Dieses Papier konnte ich mir nicht leisten, ganz gleich, wie sehr ich es mir auch wünschte.
    Kira stöberte mich im hinteren Teil des Ladens auf. "Nun, Indiana Jones, wonach suchst du? Nach dem verlorenen Schatz?"
    "Das weiß ich dann, wenn ich es gefunden habe." Ich warf ihr einen kurzen Blick zu.
    Kira blickte zur Decke. "Ach je, lass uns doch einfach ins Einkaufszentrum gehen. Du weißt doch, dass es Stella völlig egal ist, was du ihr schenkst."
    "Aber mir ist es nicht egal." Ich konnte Kira nicht erklären, wie wichtig es mir war, Stella zu … nun, ich würde sie nicht beeindrucken können. Ich konnte sie nicht beeindrucken, und es würde mir auch niemals gelingen, sie nicht zu enttäuschen. Oder ihr nicht wieder einmal zu beweisen, dass sie recht hatte. Aber genau das war es, was ich wollte: ihr zeigen, dass sie sich irrte.
    "Du bist manchmal furchtbar stur."
    "Das nennt man entschlossen", murmelte ich, während ich ein letztes Mal das Regal betrachtete, vor dem ich stand.
    "Man nennt es stur wie ein Esel und entschlossen, es nicht zuzugeben. – Ich warte draußen auf dich."
    Ich schaute kaum auf, als sie ging. Mir war klar gewesen, dass Kiras geringe Aufmerksamkeitsspanne sie nicht gerade zur idealen Begleiterin für diesen Einkaufsbummel machte, aber ich hatte es schon viel zu lange aufgeschoben, Stella ein Geschenk zu besorgen.
    Seit ich aus unserer Heimatstadt Harrisburg weggezogen war, hatte ich Kira nur selten getroffen. Eigentlich hatten wir uns vorher auch nicht oft gesehen. Als sie mich angerufen hatte, um zu fragen, ob ich sie treffen wollte, war mir keine Ausrede eingefallen, die nicht gemein und kaltherzig geklungen hätte. Sie würde draußen vor dem Laden ganz zufrieden sein, während sie ein oder zwei Zigaretten rauchte, also wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder der Suche zu, weiterhin entschlossen, genau das Richtige zu finden.
    Im Laufe der Jahre hatte ich herausgefunden, dass es nicht zwingend das Geschenk selber war, das Stellas Billigung fand, sondern etwas, das noch weniger greifbar war als der Preis. Mein Vater kaufte ihr alles, was sie sich wünschte, und was sie nicht von ihm bekam, kaufte sie sich selber. Es war also unmöglich, ihr etwas zu kaufen, das sie wollte oder brauchte. Gretchen und Steven, die Kinder meines Vaters aus seiner ersten Ehe mit Tara, wählten den bequemen Weg und brachten ihre Kinder dazu, Stella etwas zu basteln, wie zum Beispiel eine mit Fingerfarben bemalte Grußkarte. Meinen Halbgeschwistern gelang es, mit ihren planlosen Versuchen davonzukommen, während die Erwartungen an mich deutlich höher waren. Stellas eigene Jungen waren noch zu klein, um sich Gedanken über ein Geschenk zu machen.
    Es ist immer irgendwie von Nutzen, wenn man versucht, hohen Erwartungen gerecht zu werden.
    Da stand ich nun also, starrte vor mich hin und zermarterte mir den Kopf, welches Geschenk genau das richtige wäre. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die Frau meines Vaters ist keine üble Person. Sie hat nie aufgehört, zu versuchen, mich, so wie Gretchen und Steven, zu einem Teil ihrer Familie zu machen. Wobei es selbstverständlich und nur natürlich war, dass ich ihr nicht so viel bedeutete wie ihre eigenen Söhne Jeremy und Tyler. Aber meine Halbgeschwister hatten alle bei meinem Vater gelebt. Ich nie.
    Dann sah ich es. Das perfekte Geschenk. Ich nahm die Schachtel vom Regal und öffnete den Deckel. Drinnen lag auf tiefblauem Seidenpapier ein Stapel blassblauer Briefkarten. In der unteren rechten Ecke jeder Karte glitzerte ein stilisiertes S umgeben von fast unmerklich funkelnden Sternchen. Die Umschläge hatten dasselbe Sternenmuster und waren von Silberfäden durchzogen, die sie zum Leuchten brachten. Außerdem lag noch ein Füllfederhalter in der Schachtel. Ich nahm ihn heraus. Er war zu leicht, und die kleine Quaste am oberen Ende wirkte zu verspielt, aber er war nicht für mich. Es war der perfekte Stift für Finger mit manikürten Nägeln, die Dankeskarten schrieben, in denen über jedem i statt eines Punktes ein Herzchen stand. Es war der perfekte Füller für Stella.
    "Ah, Sie haben also etwas gefunden." Miriam nahm die Schachtel entgegen und löste sorgfältig das Preisschild vom Boden. "Eine sehr gute Wahl. Bestimmt kommt es hervorragend an."
    "Das hoffe ich." Ich glaubte tatsächlich, dass es ihr gefallen würde, aber ich bemühte mich, mir nicht zu sicher zu sein, weil das zwangsläufig zu einer Enttäuschung führen musste.
    "Sie wissen immer ganz genau, was jemand braucht, nicht wahr?" Miriam lächelte, während sie die Schachtel in einen hübschen Beutel steckte und ihn mit einer Schleife verzierte, die sie mir nicht berechnen würde.
    Ich lachte. "Oh, davon weiß ich nichts."
    "Doch, das tun Sie", behauptete sie mit fester Stimme. "Ich kenne meine Kunden. Ich beobachte sie. Viele kommen hierher und suchen nach irgendetwas, finden es aber nicht. Sie finden immer, was Sie suchen."
    "Das heißt nicht, dass es dann auch das Richtige ist", erklärte ich ihr und bezahlte mit ein paar glatten Scheinen frisch aus dem Geldautomaten.
    Miriam schaute mich über ihre Brille hinweg an. "Meinen Sie wirklich?"
    Ich gab ihr keine Antwort. Wie kann irgendjemand wissen, ob das, was er tut, das Richtige ist? Jedenfalls bevor es zu spät ist, um noch etwas zu ändern.
    "Manchmal glauben wir, wir wüssten ganz genau, was ein anderer Mensch sich wünscht oder braucht. Aber dann …", sie seufzte und hielt mir einen Stapel hübsches Briefpapier hin, das in einer Schachtel mit einem Klarsichtdeckel lag, "… finden wir heraus, dass wir uns geirrt haben. Das hier habe ich für einen meiner Stammkunden zurückgelegt, aber er mochte es nicht."
    "Was für ein Pech. Ich bin sicher, jemand anders wird es nehmen." Es wunderte mich nicht, dass ein Mann das Papier nicht wollte. Es war mit geprägten Blumen verziert, deren Ränder golden leuchteten, und erschien mir ein wenig zu feminin für einen Mann.
    Miriam schaute mir direkt in die Augen. "Sie vielleicht?"
    Abwehrend wedelte ich vor der Schachtel mit dem Blümchenpapier herum und schob dann die Hände in die Taschen meiner Jeans, während ich meinen Blick durch den Laden schweifen ließ. "Das ist nicht unbedingt mein Stil."
    Lachend räumte sie das Papier beiseite. Sie hatte ihre Nägel dunkelrot lackiert, passend zu ihrem Lippenstift. Hoffentlich würde ich in ihrem Alter ebenso stilsicher sein. Verdammt, ich wäre schon damit zufrieden gewesen, vom nächsten Tag an wenigstens halb so modebewusst zu sein wie sie.
    "Nun, wie wäre es mit einer Kleinigkeit für Sie selber? Ich habe ein paar neue Notizbücher. In Wildleder gebunden. Mit Goldschnitt. Und einem Bändchenverschluss", ratterte sie herunter und deutete auf den Warenständer. "Schauen Sie sie sich an."
    Ich stöhnte. "Sie sind herzlos, ist Ihnen das klar? Sie wissen ganz genau, dass Sie es mir nur zeigen müssen und … oh. Ohhh!"
    "Hübsch, nicht wahr?"
    "Ja." Ich betrachtete nicht die Notizbücher, sondern eine rote Lackschachtel, deren Deckel mit Schleifen befestigt war. In das polierte Holz war ein Muster aus rot-blauen Libellen gebeizt. "Was ist das hier?"
    Ich strich über den glatten Deckel und öffnete ihn. In dem Kästchen lagen auf schwarzem Satin ein kleines Tonschälchen, ein kleiner Behälter mit roter Tinte und mehrere Pinsel mit Holzgriffen.
    "Oh, das ist ein Kalligraphie-Set." Miriam kam um den Tresen herum, um ebenfalls den Inhalt der Schachtel zu betrachten. "Diese Sets kommen aus China. Aber dieses hier ist ein ganz besonderes. Dazu gehören auch Papier und Füllfedern, nicht nur Pinsel und Tinte."
    Sie hob den oberen Teil des Kästchens hoch und zeigte mir einen Stapel Papier, der mit rotem Seidenband umwickelt war, und ein rotes Satinsäckchen mit Zugband, in dem ein Satz Füller mit Messingfedern steckte.
    "Das ist wunderschön." Ich zog meine Hände weg, obwohl ich die Federhalter, die Tinte und das Papier gern berührt hätte.
    "Genau was Sie brauchen, stimmt' s?" Miriam ging wieder um den Tresen herum und setzte sich auf ihren Stuhl. "Wie für Sie gemacht."
    Ich warf einen Blick auf das Preisschild und schloss mit Nachdruck den Deckel des Kästchens. "Ja. Aber nicht heute."
    "Nein?" Miriam schaute zur Decke. "Wie kommt es, dass Sie so genau wissen, was alle anderen brauchen, aber nicht, was Sie brauchen? Wirklich schade, Paige. Sie sollten es kaufen."
    Von dem Geld, das dieses Kästchen kostete, konnte ich meine Kreditkartenrechnung bezahlen. Ich schüttelte den Kopf und legte ihn dann schief. "Warum sind Sie so überzeugt, ich wüsste, was alle anderen brauchen? Das ist eine ziemlich gewagte Behauptung."
    Miriam riss eine Tüte Pfefferminzdrops auf und steckte sich einen in den Mund. Sie lutschte einen Augenblick an dem Bonbon, bevor sie mir antwortete. "Sie waren schon ziemlich oft hier. Ich habe erlebt, wie Sie Geschenke aussuchen und wie Sie Dinge für sich selber kaufen. Mir gefällt der Gedanke, dass ich Menschenkenntnis besitze. Dass ich verstehe, was Menschen brauchen und was ihnen gefällt. Warum stehen in meinen Regalen wohl solche Scheußlichkeiten herum? Weil es eine Menge Leute gibt, denen so etwas gefällt."
    Ich folgte ihrem Blick in Richtung eines Regals, in dem weitere Porzellanclowns standen. "Etwas haben zu wollen, heißt nicht unbedingt, dass man es auch bekommen sollte."
    "Dass Sie etwas unbedingt haben möchten, bedeutet nicht, dass Sie sich die Freude versagen sollten", erklärte Miriam in heiterem Ton. "Gönnen Sie sich das Kästchen. Sie haben es verdient."
    "Ich wüsste nicht, was ich damit schreiben sollte."
    "Briefe an einen Liebsten", schlug sie vor.
    "Ich habe keinen Liebsten." Wieder schüttelte ich den Kopf. "Tut mir leid, Miriam. Ich kann das heute nicht kaufen. Vielleicht ein andermal."
    Sie seufzte. "Gut, gut. Verbieten Sie sich die Freude, etwas Schönes zu besitzen. Glauben Sie, dass Sie das nötig haben?"
    "Ich glaube, ich muss erst einmal meine Rechnungen bezahlen, bevor ich mir Luxusartikel kaufe."
    "Aha. Vernünftig." Sie neigte den Kopf zur Seite. "Praktisch veranlagt. Nicht sehr romantisch. So sind Sie."
    "Das erkennen Sie an dem Papier, das ich kaufe?" Ich stemmte die Hände in die Hüften. "Ich bitte Sie!"
    Miriam zuckte die Achseln, und in diesem Moment konnte ich ganz genau sehen, wie sie als junge Frau gewesen war. Dickköpfig, anmutig, schön. "Ich kann es an dem Papier erkennen, dass Sie nicht kaufen. Wenn Sie erst einmal eine alte Dame sind, werden Sie auch so weise sein wie ich."
    "Das hoffe ich doch", erklärte ich lachend.
    "Und ich hoffe, Sie kommen demnächst wieder vorbei und kaufen sich das Kästchen. Es ist für Sie bestimmt, Paige."
    "Ich werde ganz sicher darüber nachdenken. In Ordnung? Reicht Ihnen das?"
    "Wenn Sie das Papier kaufen", erklärte Miriam mir, "werden Sie ganz sicher etwas finden, das es wert ist, darauf niedergeschrieben zu werden."