Reden ist Silber, Küssen ist Gold

Reden ist Silber, Küssen ist Gold

Erscheinungstag:Mi, 27.07.2011
Bandnummer:25499
Bestellnummer:1001125499
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Reden ist Silber, Küssen ist Gold von: Susan Mallery

Über diesen Roman:

Deutsche Erstveröffentlichung

Skye Titan dachte immer, aller guten Dinge sind drei ... Ihr Vater will sie erneut an einen reichen Mann verheiraten, der es aber auch auf ihre Schwester abgesehen hat. Über ihre Stiftung werden üble Gerüchte gestreut, die ihr Lebenswerk zerstören könnten. Und Mitch, der einzige Mann, den sie je geliebt hat, kehrt nach neun Jahren endlich wieder in seine Heimat zurück. Nur leider erkennt sie ihn in dem verbitterten Mann überhaupt nicht wieder. Wäre da nicht ihre achtjährige Tochter Erin, hätte Skye überhaupt nichts mehr zu Lachen. Also beschließt Skye, ihr Leben endlich wieder selbst in die Hand zu nehmen - für Erin, für sich und für ihre große Liebe.

"Rasant geschrieben mit glaubhaften Charakteren ... eine Geschichte, bei der man es kaum erwarten kann zu erfahren, wie es weitergeht." Romance Reviews Today

"Fünf Sterne! Einfach fantastisch." Good Reads

"Es gibt nichts Schöneres, als es sich mit einem neuen Buch von Susan Mallery gemütlich zu machen." The Romance Readers Connection

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Leseprobe

Aus: REDEN IST SILBER, KÜSSEN IST GOLD von SUSAN MALLERY

"Ich möchte, dass Sie meine Tochter heiraten."
Skye Titan hatte schon genügend Schwierigkeiten damit, ein kleines Tablett
mit zwei Getränken sowie einen Teller mit Häppchen in einer Hand zu balancieren,
während sie die andere nach dem Griff der Bibliothekstür ausstreckte. Die plötzlich
einsetzende Atemnot erleichterte das Vorhaben nicht gerade.
Noch vor dreißig Sekunden hätte sie es nicht für möglich gehalten, dass
irgendeine Äußerung ihres Vaters sie noch überraschen könnte. Aber da hatte sie
sich geirrt.
So viel zum Thema Erniedrigung, dachte sie und überlegte, ob Jed Titans
Aussage bedeutete, dass er einen Schwiegersohn kaufen oder eine Tochter
verkaufen wollte. Bei ihm konnte man nie sicher sein.
"Izzy?", fragte der andere Mann, dessen Stimme trotz der dicken Tür zwischen
ihnen klar zu verstehen war.
"Nein. Skye."
"Oh."
Skye wartete ungeduldig.
Oh? War das alles? Ihr Ärger wuchs, je mehr Sekunden verstrichen.
"Ich denke, das könnte auch funktionieren", sagte die andere Stimme endlich.
Skye gab ein ärgerliches Schnauben von sich. Das waren mal Worte, die ihr
Herz schneller schlagen ließen. So unglaublich charmant. Wie sollte sie es bloß
schaffen, sich T.J. Boone nicht sofort an den Hals zu werfen, sobald sie die
Bibliothek betrat?
Wäre sie eine etwas weniger gut erzogene Gastgeberin und pflichtbewusste
Tochter gewesen, hätte sie jetzt die Tür aufgestoßen, ihnen beiden die Drinks ins
Gesicht geschüttet und danach das Haus auf Nimmerwiedersehen verlassen.
"Egoistischer Bastard", murmelte sie vor sich hin. Sie war selbst nicht sicher,
ob sie damit T.J. oder ihren Vater meinte. Verdient hatten es beide.
Sie zwang sich, ruhig durchzuatmen, stellte sich dann vor, wie sie in der
großen Badewanne in ihrem ans Schlafzimmer angrenzenden Badezimmer versank.
Schaum bis zum Kinn, ein Glas Weißwein dazu, um ihre Nerven ein bisschen zu
beruhigen. Sie war gelassen und hatte sich unter Kontrolle. Sie würde das Richtige
tun, weil sie nun einmal so war. Das brave Mädchen, verdammt. Diejenige, die
Leuten wie ihrem Vater und T.J. Getränke servierte.
Skye öffnete die Tür zur Bibliothek und trat ein. Die beiden Männer standen
neben dem Billardtisch. Jed machte sich gar nicht erst die Mühe, ihre Ankunft zu
bemerken, während T.J. sich nicht ganz wohl in seiner Haut zu fühlen schien. Als
überlege er, ob sie wohl gehört habe, wie wenig begeistert er über sie gesprochen
hatte.
Sie lächelte, als sie dem erfolgreichen Geschäftsmann seinen Drink anbot,
und wünschte sich, vorher noch einmal hineingespuckt zu haben.
"T.J.", sagte sie.
"Skye."
Mit seinen blonden Haaren und den blauen Augen war er ein durchaus
attraktiver Mann. Groß und sehr gut gekleidet. Er war ein echter Texas-Boy und
bestimmt sehr charmant, aber das war schwer festzustellen, solange dieses völlig
ohne Begeisterung geäußerte "Ich denke, das könnte auch funktionieren" noch in
ihrem Kopf rotierte.
Sie stellte die Appetithäppchen auf den kleinen Tisch in der Ecke. "Kann ich
noch etwas für euch tun, Daddy?", fragte sie.
"Danke, das ist alles, Skye."
"Dann wünsche ich eine gute Nacht."
Damit hatte sie ihren Gastgeberpflichten Genüge getan. Während ihre Wut –
wenn auch unhörbar – immer noch in ihr tobte, verließ sie die Bibliothek und ging die
Treppen hinauf. Im zweiten Stock begab sie sich in den letzten Raum auf der linken
Seite. Tagsüber war es ein helles, offenes, in Grundfarben gehaltenes Zimmer. Ein
großes Bett stand vor dem Fenster, aus dem man einen ungestörten Ausblick über
die Weiden hatte. Nachts kamen die Schatten hervor, doch die sieben Jahre alte Erin
hatte keine Angst vor der Dunkelheit. Sie hatte vor gar nichts Angst. Eine
Eigenschaft, die sie von ihrem Vater geerbt haben musste, dachte Skye neidisch.
Zusammengerollt wie ein kleines Kätzchen lag Erin schlafend unter ihrer
Bettdecke. Skye setzte sich auf den Bettrand und betrachtete ihr Kind.
"Ich liebe dich, mein Mäuschen", flüsterte sie.
Erin rührte sich nicht.
Skye stand auf und ging die paar Schritte hinüber zu ihrem eigenen
Schlafzimmer. Ihre ein Jahr jüngere Schwester Izzy lag ausgestreckt auf dem großen
Bett und schaute fern. Sie stellte den Ton ab, als Skye den Raum betrat.
"Hast du in deinem Zimmer keinen Fernseher?", fragte Skye.
"Doch, aber es bringt mehr Spaß, deinen zu benutzen. Wer ist der Mann?"
"T.J. Boone. Und er will dich."
Izzy setzte sich auf, ihre dunklen Locken umrahmten ihren Kopf wie ein
Heiligenschein. "Wovon redest du?"
Skye ging ins Badezimmer und ließ Wasser in die Badewanne laufen.
Während der heiße Strahl sich in die Wanne ergoss, fügte sie ein nach Jasmin
duftendes Badeöl hinzu, das sofort einen herrlichen Schaum erzeugte.
"Jed hat T.J. eröffnet, dass er es gerne sähe, wenn dieser eine seiner Töchter
heiraten würde. T.J. dachte, es ginge um dich, aber Jed hat ihn informiert, dass ich
diejenige bin, auf die er bietet. T.J. hat eine sehr lange Pause gemacht, bevor er
zustimmte, dass es mit mir wohl auch in Ordnung ginge." Skye kehrte ins
Schlafzimmer zurück und fluchte leise. "Hab ich daran gedacht, eine Flasche Wein
mit heraufzubringen? Natürlich nicht."
Izzy sprang auf die Füße. "Wovon redest du? Natürlich will er dich. Du bist
wunderschön."
Nun, das war wohl ein bisschen übertrieben, aber Skye hatte nicht vor, das
Kompliment zurückzuweisen.
"Es ist egal", seufzte sie. "Ich werde nicht zulassen, dass Jed mir einen
Ehemann aussucht. Den Trip hab ich schon hinter mir."
"Und du hast das T-Shirt gekauft", ergänzte Izzy hilfreich.
Sie hatte mehr als das getan. Sie hatte den fraglichen Mann geheiratet, weil
ihr Vater es so gewollt hatte. Weil es das Richtige war oder damals zumindest zu
sein schien.
"Ich habe Rückgrat", behauptete Skye, sie war unzufrieden mit ihrem Leben,
wusste aber nicht genau, warum. "Da bin ich mir sicher. Wenn ich kein Rückgrat
hätte, könnte ich ja nicht aufrecht gehen. Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt, Witwe
und alleinerziehende Mutter. Sollte ich nicht diejenige sein, die über ihr Leben
bestimmt?"
"Bist du doch auch." Izzy zuckte mit den Schultern. "Also irgendwie
zumindest."
"Wie wunderbar. Ich bin das Vorbild für Fußabtreter auf der ganzen Welt."
"Du bist kein Fußabtreter."
Skye schüttelte den Kopf. "Entschuldige. Ich sollte alleine in meinem
Selbstmitleid schwelgen und dich da nicht mit hineinziehen. Warum gehst du nicht
nach unten und flanierst ein wenig vor T.J. auf und ab? Zeig ihm, was er niemals
haben wird."
Izzy runzelte die Stirn. "Geht es dir gut? Ich bleibe gerne hier und leiste dir
Gesellschaft."
"Nein, danke. Ich werde jetzt in die Badewanne gehen und mich in dem Meer
der Verleugnung treiben lassen." Denn T.J.s offensichtliche Zurückweisung war nicht
der einzige Grund für ihre schlechte Laune. Es war ihr Vater, der wieder einmal
annahm, er könne ihr Leben kontrollieren. Weil sie ihn gelassen hatte … und zwar
mehr als einmal.
"Sky-ye." Izzy dehnte das Wort in zwei Silben. "Lass es nicht so weit kommen,
dass ich 'The Sun Will Come Out Tomorrow' singe, bis du um Gnade bettelst. Denn
glaub mir, das werde ich tun."
Skye lachte. "Okay. Ich reiße mich zusammen. Und nun ab mit dir, sorge für
ein bisschen Unruhe da unten. Danach werden wir uns beide besser fühlen. Es geht
mir gut, wirklich. Ich brauche nur ein wenig Schlaf. Morgen früh wird alles schon
wieder anders aussehen."
"Versprochen?"
"Großes Indianerehrenwort."
Izzy zögerte noch einen Moment, dann ging sie. Skye kehrte ins Badezimmer
zurück und stellte das Wasser ab. Ihre Haare steckte sie hoch, zog sich aus und ließ
sich ins heiße Wasser gleiten. Aber so fest sie auch die Augen schloss und
versuchte, ihren Atem zu beruhigen, hörte sie doch immer wieder das Gespräch
zwischen T.J. und Jed. Und wurde wieder wütend. Vor allem auf sich. Darauf, dass
sie jemand war, der immer das tat, was man ihr sagte.
Weil sie die brave Schwester war. Diejenige, die die Regeln befolgte. Die das
tat, was von ihr erwartet wurde.
"Ich hasse solche Leute", sagte sie laut in den leeren Raum hinein. Also
warum war sie eine von ihnen geworden?
Izzy wartete, bis T.J. die vordere Veranda des Hauses betrat. Sie war damit
aufgewachsen, im Schatten zu lauern, ihre älteren Schwestern heimlich zu
beobachten, die immer den ganzen Spaß zu haben schienen. Sie war es gewohnt,
unsichtbar zu sein.
Als sie sicher war, dass er sie nicht bemerkt hatte, schlich sie sich von hinten
an und sagte laut "Hi". Es fiel ihr schwer, nicht zu lachen, als er vor Schreck
zusammenzuckte.
"Meine Güte", rief er und drehte sich zu ihr um. "Sie haben mich zu Tode
erschreckt."
"Gut. Wenn ich es richtig verstanden habe, werden wir bald Bruder und
Schwester sein. Sehr cool. Ich wollte schon immer einen älteren Bruder haben. Sie
können mir dann alle möglichen Sachen beibringen."
T.J. überragte sie um gute fünfundzwanzig Zentimeter, aber Izzy ließ sich
davon nicht einschüchtern. Sie war nicht hier, um fair zu kämpfen, und sie würde
jeden Vorteil nutzen, um diesen Idioten zu Fall zu bringen. Ihn zu erschrecken war
nur ein netter Bonus gewesen.
"Bruder und Schwester?"
"Sie werden doch Skye heiraten, oder nicht? Zumindest hat sie mir das
erzählt."
Dieses Mal fielen T.J.s Flüche weitaus deftiger aus. "Sie hat es gehört. Das
sollte sie nicht."
Er stand auf der obersten Stufe, und Izzy überlegte kurz, ihm einen kleinen
Stoß zu versetzen, nur um ihn die Treppe hinunterfallen zu sehen. "Sie haben
gezögert, als Jed Ihnen Skye angeboten hat. Ich kann es nicht fassen, dass Sie den
Nerv hattest, auch nur eine Sekunde nachzudenken. Sie ist zehn Mal so viel wert wie
Sie."
"Warten Sie. Mein Zögern hatte nichts mit Skye zu tun. Sie ist eine
wunderschöne Frau."
"Also haben Sie sich Gedanken über Ihre Ausstattung gemacht?", unterbrach
ihn Izzy mit einem maliziösen Lächeln.
"Ich habe versucht, Ihrem Vater meinen Standpunkt klarzumachen." Er lehnte
sich an den Balken neben der Treppe. "Und nur fürs Protokoll, es hat noch keine
Beschwerden über meine Ausstattung gegeben."
"Die meisten Frauen sind zu höflich, sich darüber direkt zu beschweren. Wir
erzählen es uns nur gegenseitig, wenn wir enttäuscht worden sind."
Er hob eine blonde Augenbraue. "Sie haben eine ganz schön scharfe Zunge."
"Ich habe eine ganze Menge Dinge, die Sie niemals zu sehen bekommen
werden."
"Wollen Sie wetten?"
Izzy gefiel es, dass er genauso gut austeilte, wie er einsteckte. Aber ihr gefiel
nicht, dass er mit Jed Umgang hatte, über eine Hochzeit mit Skye sprach und mit ihr
flirtete.
"Es wird Jed nicht sehr gefallen, dass Sie versuchen, seine Töchter
gegeneinander auszuspielen. Glauben Sie mir, er ist kein Mann, den man verärgern
will."
"Vielleicht ist es ihm egal, welche seiner Töchter ich heirate."
"Mich könnten Sie niemals einfangen, und wenn doch, wären Sie mit mir
vollkommen überfordert."
"Das klingt nach einer Herausforderung."
Sie ignorierte diese Aussage. "Lassen Sie mich eins klarstellen: Wenn Sie
meine Schwester noch einmal verletzen, T.J., wird Ihnen der direkte Augenkontakt
mit einer Schlange wie eine Wohltat vorkommen."
Er starrte einen Augenblick auf ihre Füße und ließ dann seinen Blick langsam
an ihr hinaufgleiten. "Sie glauben, Sie können es mit mir aufnehmen?"
"Sogar an einem schlechten Tag. Ich kämpfe mit harten Bandagen."
"Ich auch, kleines Mädchen."
Sie beschloss, sich das für spätere Zwecke gut zu merken. "Ich werde meiner
Schwester von unserer kleinen Unterhaltung berichten. Die Titan-Schwestern sind
untereinander sehr loyal. Das sollten Sie immer im Kopf behalten."
"Sie stecken voller Ratschläge. Warum glauben Sie, dass ich sie brauche?"
"Weil man Ihnen den Amateur vom Schiff aus ansieht."
Mitch Cassidy hielt am Tor zur Ranch an. Er war zwar hier aufgewachsen, aber seit
über neun Jahren nicht mehr hier gewesen. Er hatte ein paar Veränderungen
erwartet – das Leben hatte so eine Art, weiterzugehen, ob man es nun wollte oder
nicht –, aber das hier war denn doch eine Überraschung.
Er starrte auf die Wörter über den offenen Metalltoren. Die Tore waren mit
keinem Zaun verbunden, sondern standen nur zur Zierde dort. "Cassidy Ranch.
Heimat von zertifiziertem organischem Rindfleisch und frei laufendem Geflügel."
"Was zum Teufel …"
Er wusste nicht, was ihn am meisten ärgerte. Der Ausdruck "zertifiziert" oder
"organisch" oder "Geflügel".
"Hühner? Wir haben gottverdammte Hühner?"
Er hasste Hühner. Sie waren laut und dreckig. Und das hier war Texas. Seine
Familie züchtete Rinder, und das schon seit fast hundert Jahren. Sie waren die
Quelle des Cassidy-Vermögens. Wenn irgendeine Rancherfrau für ein paar Eier oder
ein Mittagessen Hühner züchten wollte, wurden die dummen Vögel irgendwo auf der
entferntesten Ecke des Grundstücks gehalten, damit man sie nicht sah. Und nun
posaunte man sie hier groß auf dem Eingangstor heraus.
Sein linker Fuß schmerzte. Er streckte die Hand aus, um ihn zu reiben, nur um
sich eine halbe Sekunde später daran zu erinnern, dass er keinen linken Fuß mehr
hatte. Die Unterschenkelamputation war der Grund dafür, dass er kein SEAL mehr
war. Der Grund dafür, dass er nun endlich wieder nach Hause kam.
Er fluchte noch einmal, legte einen Gang ein und nahm den Weg zum
Haupthaus. In einer perfekten Welt würde er still und leise auf die Ranch
zurückkehren, sich einfach wieder in das Leben einfügen, und niemand würde es
bemerken. Leider konnte man dem Leben zwar vieles nachsagen, aber nicht, dass
es perfekt war.
Er fuhr den fast eine Meile langen Weg entlang. Rechts und links weiße
Zäune, so weit das Auge reichte. Pferde zur Rechten, Preisbullen zur Linken.
Reichtum und Wohlstand auf vier Hufen.
Als er an einer Baumgruppe entlang um eine Kurve fuhr, sah er das Haus, in
dem er aufgewachsen war. Es war ein ausgedehntes, zweistöckiges Gebäude mit
einer umlaufenden Veranda. Hüfthohe Blumen bewegten sich im leichten Wind. Ein
Bild wie von einer Postkarte. Mitch wünschte sich fast, es wäre so.
Fidela stand auf der Veranda, leicht nach vorne gebeugt, als wolle sie die
genaue Sekunde seiner Ankunft abpassen. Dann rannte sie los, seinem Truck
entgegen, und zwang ihn, kurz vor dem Haus anzuhalten.
Sie ging zwar schon auf die fünfzig zu, aber sie hatte die Schnelligkeit einer
Sechsjährigen und erreichte seine Tür, bevor er umständlich aus der Fahrerkabine
geklettert war. Er landete auf Schotter und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren,
als seine Beinmuskeln sich bemühten, ihn auf der neuen und schmerzhaften
Prothese aufrecht zu halten.
"Du bist wieder da!" Tränen füllten Fidelas braune Augen. "Endlich! Seit du
weggegangen bist, habe ich gebetet und gebetet. Gott ist es schon leid, dass ich ihn
immer wieder um deine Sicherheit anflehe. Du hättest mich auch ein bisschen
unterstützen können, weißt du. Zum Beispiel, indem du nicht so gefährliche
Aufgaben übernimmst. Aber nein, du musstest ja unbedingt meinen Glauben auf die
Probe stellen."
Sie umfasste sein Gesicht mit ihren Händen, strich ihm dann über die Schulter
und seine Arme entlang, als wollte sie sichergehen, dass er wirklich da war.
"Du bist größer als damals, aber so dünn. Mitch, in deinen Augen liegt so viel
Traurigkeit. Aber jetzt bist du zu Hause, ja? Zu Hause bei mir und Arturo. Die Ranch
wird dich heilen, und ich werde dir alle deine Lieblingsgerichte kochen, bis du zu dick
bist, um auf einem Pferd zu reiten."
Sie lächelte durch ihre Tränen, dann umarmte sie ihn mit einer Kraft, die ihm
die Luft aus den Lungen quetschte.
Sie war schon Teil seines Lebens, bevor er geboren worden war. Arturo hatte
sie als junge Braut auf die Ranch gebracht. Sie hatte seiner Mutter geholfen, und
Arturo hatte sich um die Ranch gekümmert. Seine Eltern waren nie lange an einem
Ort geblieben, und wenn sie zu einer ihrer vielen Reisen aufgebrochen waren, hatten
sich Arturo und Fidela um ihn gekümmert.
Er erwiderte ihre Umarmung, langsam, zögernd, erinnerte sich und wünschte
sich gleichzeitig, vergessen zu können. Vorsichtig versuchte er, die Balance zu
halten, seinen Schwerpunkt dahin zu verlagern, wo er hingehörte. Alles so einfache
Dinge, die er früher für selbstverständlich gehalten hatte.
"Ich habe Enchiladas und Bohnen gemacht, so wie du sie am liebsten magst.
Außerdem gibt es Kuchen und Flan und alle deine Lieblingsspeisen. Ich habe dir
auch schon ein Zimmer im Erdgeschoss gerichtet. Natürlich nur für den Moment. Das
hat der Arzt gesagt, als er anrief. Es ist nur für den Moment."
Mitch fragte sich, was der Arzt wohl noch alles gesagt hatte. Er wusste, dass
er ein schwieriger Patient gewesen war. Das ganze Gerede darüber, dass alles aus
einem bestimmten Grund passierte und, wenn Gott eine Tür schloss, er irgendwo ein
Fenster öffnete, hatte ihn nicht interessiert. Mitch wollte kein Fenster. Er wollte sein
Leben zurück, so wie es war, bevor die Explosion ihm die untere Hälfte seines Beins
genommen hatte.
"Ich muss los." Er löste sich aus Fidelas Umarmung und wandte sich wieder
seinem Truck zu. "Ich bin bald wieder da."
Sie schaute ihn an, ihre Lippen zitterten unter einem Gefühl, das er lieber nicht
bestimmen wollte. Mitleid, sehr wahrscheinlich. Und warum auch nicht?