Marionetten der Finsternis
Kettenkarussell und Zuckerwatte! Seiner Cousine zuliebe ist Chase mit auf den Jahrmarkt gegangen. Aber als er Emily entdeckt, gefällt ihm der Abend. Seit langem ist Chase in sie verliebt … Gerade will er auf sie zugehen, da sieht er voller Entsetzen, dass Emily und ihre Freundin von grotesken Clowns verschleppt werden! In halsbrecherischem Tempo folgt Chase ihnen – und erstarrt: Die fiesen Fratzen der Entführer sind keine Masken, sondern echt! Welche dunkle Macht hat diese Gruselgestalten zum Leben erweckt? Und warum Emily? Chase weiß nur eins: Er muss sie retten
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Leseprobe
Aus: Marionetten der Finsternis von Benjamin Knight
"Was für ein wunderbarer Abend", sagte Chase. "Es ist Sommer, der Mond scheint, und ich bin ganz allein mit meiner … Cousine."
Jayla lächelte. "Danke, dass du mit mir zum Jahrmarkt gegangen bist, Chase. Wenn du Nein gesagt hättest, hätte ich nicht gewusst, was ich tun soll."
"Gern geschehen." Chase hatte ohnehin nichts anderes vorgehabt. Er hatte schon seit Monaten keine richtige Verabredung mehr gehabt. Seine letzte Freundin, Zaria, hatte vor einiger Zeit mit ihm Schluss gemacht. Er sei ihr zu langweilig gewesen, so hatte sie die Trennung von ihm begründet. Chase war völlig vernarrt in Zaria gewesen, und als sie Schluss gemacht hatte, hatte es ihn tief getroffen. Jetzt fragte er sich, ob er sich überhaupt noch mal verlieben könnte.
Plötzlich rief Jayla: "Chase, sieh mal da drüben!"
"Was ist denn?" Chase drehte sich in die Richtung, in die Jayla deutete.
"Die Clowns!", rief Jayla aufgeregt. "Sieh dir die Clowns an!"
Chase sah genauer hin und erkannte, was sich ein Stück entfernt abspielte. Vier riesige Clowns liefen hinter zwei verängstigten Mädchen her, die vielleicht achtzehn Jahre alt waren.
Chase erkannte die Mädchen. Es waren Emily Brandon und Meagan Harper.
Emily. Lieber Gott, doch nicht Emily!
Er war in Emily verknallt, seit er denken konnte. Schon in der ersten Klasse hatte er für sie geschwärmt. Jetzt waren sie im ersten Collegejahr. Zumindest fast, die Kurse würden im September beginnen.
Emily war groß, blond, bildhübsch und hatte wunderbare blaue Augen.
In letzter Zeit hatte er oft gedacht, sie wäre die Einzige, die ihm wieder auf die Beine helfen könnte. Seit Zaria mit ihm Schluss gemacht hatte, kam er sich wie ein totaler Versager vor. Emily könnte das bestimmt ändern. Sie könnte ihm einen Grund geben weiterzuleben. Nur wusste sie natürlich nicht, was er für sie empfand.
Meagan war genauso groß und beinahe ebenso hübsch, hatte aber kurzes dunkles Haar und große braune Augen. Die beiden Mädchen waren seit Jahren beste Freundinnen.
Bei Jayla brauchte er sich nicht befangen zu fühlen, schließlich war sie seine Cousine. Sie war erst vor Kurzem nach Crocker City gezogen. Er mochte sie und fand, dass sie umwerfend aussah, aber zwischen ihnen würde nie etwas laufen.
Allerdings Emily Brandon? Mit ihr würde er gern etwas anfangen. Wenn er das College schaffte und einen guten Job fand, würde sie ihn hoffentlich endlich bemerken. Er konnte sich ein gemeinsames Leben mit Emily gut vorstellen.
Und jetzt waren vier Clowns hinter ihr und Meagan her. Vier wirklich furchteinflößende Clowns.
Chase war groß und schlank, hatte kurzes braunes Haar und grüne Augen. Sogar ihm kamen die Clowns riesig vor. Sie wirkten eher wie Monster als wie normale Menschen.
Abgesehen von ihren Clownsgesichtern. Selbst aus der Entfernung erkannte Chase, dass keines ein Lächeln zeigte. Ihre Gesichter waren sogar noch erschreckender als alles andere an ihnen. Chase fragte sich, wie sie wohl ohne ihre Schminke aussahen.
Und dann hatten die Clowns Emily und Meagan erwischt. Etwa vierzig Meter entfernt von der Eiche, unter der Chase und Jayla geparkt hatten, lagen die Mädchen hilflos auf dem Boden.
Hinter den Clowns sah Chase die bunten Jahrmarktzelte und einen halb leeren Parkplatz.
Der Jahrmarkt gastierte den ganzen Sommer über in der Stadt. Jeder konnte ihn besuchen, der Eintritt kostete nur fünf Dollar.
Chase fragte sich, was es Emily und Meagan kosten würde, den Clowns zu entkommen.
Dabei hatten die Mädchen keine Chance. Die Clowns hatten sie zu Boden gestoßen, sie lagen mit dem Gesicht nach unten auf der Erde. Die Clowns zogen ihnen die Arme auf den Rücken und fesselten sie an Händen und Füßen.
Emily trug einen kurzen weißen Rock und ein rotes Oberteil, Meagan ein rosafarbenes Top zu einer blauen Shorts.
"Wir müssen ihnen helfen!", rief Jayla.
"Was sollen wir denn machen?", fragte Chase.
Er war beileibe kein Feigling, glaubte jedoch nicht, dass er gegen die vier riesigen Clowns etwas ausrichten könnte. Gegen einen hätte er vielleicht eine Chance gehabt, vielleicht sogar gegen zwei.
Aber nicht gegen vier! Außerdem waren sie echte Brocken. Sie waren noch größer als die Jungs im Footballteam seiner Highschool. Sie wirkten riesig.
Chase überlegte hektisch, was er tun konnte, war jedoch völlig ratlos. Er kam sich wie ein Feigling vor, obwohl ihm klar war, dass er nicht einfach hinlaufen und etwas sagen konnte.
Die Clowns hatten die Mädchen mit Leichtigkeit überwältigt. Chase und Jayla würden sie wahrscheinlich genauso leicht packen können. Und dann hätten sie nicht nur zwei, sondern gleich vier Gefangene.
"Ruf die Polizei!", forderte Jayla ihren Cousin auf.
"Ruf du an", antwortete Chase.
Jayla wählte den Notruf, bekam aber kein Netz. Der Jahrmarkt fand in einem kleinen Tal statt, in dem die meisten Handys nicht funktionierten.
"Das ist doch verrückt!", rief Jayla. "Wir können nicht einfach dabei zusehen, wie irgendwelche Typen zwei Mädchen entführen."
Jayla kannte Emily und Meagan nicht. Sie war erst in diesem Sommer nach Crocker City gezogen, in die gleiche Straße, in der Chase wohnte. An diesem Abend war sie mit ihrem Cousin ausgegangen, hoffte jedoch, bald einen netten Jungen kennenzulernen. Beiden war klar, dass sie sich nur die Zeit miteinander vertrieben, bis sie sich in jemanden verliebten.
Plötzlich fuhr ein weißer Lieferwagen mit ausgeschalteten Scheinwerfern auf die Clowns zu.
Chase hörte sie wild schreien, konnte aber nicht verstehen, was sie riefen. Als der Wagen hielt, öffnete einer der Clowns die Hecktüren. Emily und Meagan wurden hochgerissen und grob in den Lieferwagen gestoßen. Die Türen wurden zugeknallt, die Clowns stiegen vorne ein, dann fuhr der Wagen los.
"Wir müssen sie verfolgen", flüsterte Jayla aufgeregt.
Chase nickte. Genau das hatte er vor. Er fühlte sich nicht gerade heldenhaft, aber er wollte auch nicht zulassen, dass Emily etwas zustieß. In den letzten Monaten hatte er sich oft vorgenommen, endlich seinen Mut zusammenzunehmen und ihr zu sagen, dass er sie liebte. Er wollte den Rest seines Lebens mit ihr verbringen – nachdem sie sein gebrochenes Herz geheilt hatte.
Er hatte sogar ein kurzes Lied für sie geschrieben:
Emily, oh Emily,
du siehst mich nicht,
doch ich wart auf dich.
Ich warte nur auf Emily.
Emily, oh Emily,
was machst du mit mir,
ich bin verrückt nach dir,
ich würd' alles tun für Emily.
Natürlich hatte er es ihr noch nie vorgesungen. Sie schien ja nicht mal zu wissen, dass es ihn gab. Trotzdem summte er das Lied ständig vor sich hin, wenn er an sie dachte. Und das kam häufig vor, seit er nicht mehr mit Zaria zusammen war. Vielleicht würde er Emily mit dem Lied für sich gewinnen.
Aber vorher musste er sie vor den Clowns retten.
"Willst du nicht lieber aussteigen?"
"Wieso das denn?"
"Vielleicht ist es besser, wenn du nicht mitkommst. Es könnte gefährlich werden."
"Chase, wir müssen die Mädchen retten", antwortete sie. "Fahr schon los!"
"Ich will ihnen ja nachfahren. Aber ich möchte dich nicht in die Sache mit hineinziehen."
"Quatsch! Ich stecke doch schon mittendrin. Immerhin sitze ich hier neben dir." Nachdem sie losgefahren waren, forderte sie ihn auf: "Versuch mal, näher heranzukommen, damit wir das Nummernschild lesen können."
Entschieden schüttelte Chase den Kopf. "Nein, wir halten lieber Abstand. Wenn wir so nahe ranfahren, dass wir sie sehen können, können sie uns auch sehen. Und wer weiß, was sie dann machen."
"Wir müssen aber ihr Nummernschild lesen", widersprach Jayla aufgeregt. "Jetzt bräuchten wir einen Peilsender an ihrem Wagen, dann müssten wir ihnen nicht so dicht folgen."
"Dafür müssten wir aber erst mal ganz dicht heran, um den Sender anzubringen", wandte er ein.
Außerdem kannte er niemanden, der so etwas besaß. Solche Geräte waren etwas für Spione und Privatdetektive, aber nicht für junge Leute wie seine Cousine und ihn.
"Stimmt, du hast recht." Jayla seufzte niedergeschlagen. "Ich wünschte nur, ich wäre nicht so hilflos."
Was glaubst du wohl, wie die beiden sich fühlen? fragte Chase sich im Stillen. Seine Sorge galt vor allem Emily, aber auch um Meagan machte er sich Gedanken. Sie wirkte offener als Emily und war wirklich nett.
Aber verliebt war er in Emily. Und jetzt konnte er für sie zum Helden werden und ihr das Leben retten. Dabei wusste er gar nicht, was die Clowns mit den Mädchen vorhatten. Wollten sie die beiden am Ende sogar umbringen?
Da fiel Chase ein Zeitungsartikel ein, in dem er etwas über Menschenhandel in der Gegend gelesen hatte. Crocker City lag im Süden von Texas, ganz in der Nähe der mexikanischen Grenze. Angeblich war eine Reihe von Leuten entführt und als Sklaven nach Mexiko verkauft worden, vor allem junge Mädchen.
In der Highschool hatte man ihnen immer wieder eingeschärft, sie sollten vorsichtig sein, wenn sie unterwegs waren.
Aber wer hätte gedacht, dass Clowns Menschen von einem Jahrmarktsgelände entführten?
Das ergab keinen Sinn. Oder doch?
Vielleicht, dachte Chase. Ein Jahrmarkt wäre eine gute Tarnung. Tagsüber konnten die Clowns dort arbeiten und abends junge Mädchen entführen, um sie über die Grenze zu verschleppen und zu verschachern.
Falls es hier überhaupt um Menschenhandel ging.
Chase zitterte am ganzen Körper. Er hatte Angst, dass er Emily nie wiedersehen würde, wenn er den Lieferwagen aus den Augen verlor. Dann würde sie vielleicht für immer verschwinden.
Um zur nächsten asphaltierten Straße zu gelangen, musste der Lieferwagen einen weiten Bogen schlagen. Er fuhr langsam, und so konnte Chase ihn leicht beobachten.
Als der Lieferwagen eine Straßenlaterne passierte, gelang es Chase, einen genaueren Blick auf das hintere Nummernschild zu werfen. Es war vollkommen verdreckt und unlesbar. Die Clowns schienen alles genau geplant zu haben. Für den Fall, dass sie jemandem auffielen, hatten sie das Nummernschild unkenntlich gemacht. "Ich schätze, das machen die nicht zum ersten Mal", murmelte Chase.
"Was denn?", fragte Jayla.
"Ich glaube, sie wollen die Mädchen nach Mexiko bringen und verkaufen."
"Ernsthaft?" Jayla konnte sich nicht erklären, was gerade passierte. Ihr war nur klar, dass die Mädchen in großer Gefahr schwebten. Sie stellte sich vor, wie es sein musste, wenn man von vier riesigen Clowns entführt und in einen fremden Wagen geworfen wurde.
Sie hätte sicher eine Todesangst. Immer noch hatte sie das Bild vor Augen, wie die Mädchen hilflos und an Händen und Füßen gefesselt auf der Erde gelegen hatten.
Mann, bin ich froh, dass es nicht mich erwischt hat, dachte Jayla schaudernd.
Die beiden Mädchen in dem Lieferwagen standen unter Schock. Tränen liefen ihnen über die blassen Wangen.
Emily hielt das Ganze für einen Irrtum.
"Die haben uns bestimmt mit jemandem verwechselt", sagte sie zu Meagan.
"Für … für wen halten die uns denn?", fragte Meagan. Sie war so verängstigt, dass sie stotterte.
"Ich hab keine Ahnung, wer diese Typen sind oder was das soll", gab Emily zu. "Aber wieso sollte jemand ausgerechnet uns entführen?"
"Vielleicht haben sie uns ausgesucht, weil es schon spät ist und wir allein waren", überlegte Meagan. "Die anderen Mädchen waren alle in Begleitung von Jungs. Die meisten waren in kleineren Gruppen unterwegs. Wir waren als Einzige dumm genug, allein rauszugehen."
"Wir waren nicht dumm", widersprach Emily.
Aber vielleicht waren sie das doch.
Vielleicht hätten sie lieber mit ein paar Jungs rausgehen sollen oder zumindest in einer größeren Gruppe. Dann hätten die Clowns sie bestimmt nicht entführt.
"Ich hab Angst. Ich glaube, die bringen uns um", stöhnte Meagan. Vor Furcht klang ihre Stimme ganz rau.
"So'n Quatsch!", rief Emily. "Niemand wird hier umgebracht. Wir kommen hier wieder raus."
"Wie denn?"
Emily überlegte kurz, dann fragte sie: "Wie fest haben sie deine Hände gefesselt?"
Meagan zerrte versuchsweise an dem Seil. "Sehr fest. Sie werden schon langsam taub."
"Meine auch." Emily klang unsicher. "Wenn wir uns mit dem Rücken zueinander legen, können wir uns vielleicht gegenseitig befreien."
"Einen Versuch ist es wert", sagte Meagan. "Bleib da, ich komm zu dir."
Emily blieb still liegen und fragte sich, was sie sonst noch machen konnten. Erst einmal mussten sie versuchen, Hände und Füße von den Fesseln zu befreien. Aber selbst dann waren sie immer noch in dem Lieferwagen gefangen.
Und dann die Clowns – das waren echte Riesen! So große Männer hatte sie noch nie gesehen.
Aber Emily wollte keine negativen Gefühle aufkommen lassen. Sie musste positiv denken. Auch wenn sie davon überzeugt war, dass sie bald sterben würden.
Nachdem Meagan herübergerobbt war, konnten sich die Mädchen endlich an den Händen berühren.
"Wir können es nicht gleichzeitig versuchen. Eine von uns muss anfangen."
"Dann versuch du es zuerst", forderte Meagan sie auf. "Meine Finger sind ganz taub."
Meine auch, dachte Emily, aber das wollte sie nicht zugeben. Entschlossen machte sie sich daran, das dünne Seil um Meagans Handgelenke zu lösen. Es war mit mehreren Knoten gesichert, die extrem fest zugezogen waren.
Ihre Hände waren mittlerweile so taub, dass sie ihre Finger kaum noch spürte. Sie konnte das Seil um Meagans Handgelenke berühren, es aber nicht lockern.
"Die haben dich echt gut verschnürt, Meagan", stöhnte Emily.
"Ich weiß. Bekommst du die Knoten auf?"
"Ich versuch's", antwortete Emily. Aber die Fesseln gaben kein Stückchen nach. Sie waren so fest geknotet, dass Emily sie nicht lösen konnte. Wahrscheinlich hätte es nicht einmal geholfen, wenn sie gesehen hätte, was sie tat.
"Die bringen uns um", sagte Meagan leise, während ihr noch mehr Tränen über das Gesicht strömten.
"Niemand bringt uns um!", widersprach Emily. Nur zu gern hätte sie geglaubt, was sie da sagte.
Sie waren zu jung, um zu sterben.
Aber sie steckten in einer wirklich üblen Lage. Jetzt konnte sie nur noch ein Wunder retten.
Und an Wunder hatte Emily noch nie geglaubt.







