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Leseprobe
Aus: Ein kleines Lächeln für das große Glück von Kate Hardy
1. KAPITEL
Sirenengeheul dröhnte durch die Feuerwache, und aus den Lautsprechern drang der vertraute hohe Pfeifton.
Eine Übung? Tom sah zur Uhr. Es war kurz nach zwei, Freitagnachmittag.
Da kam schon die Durchsage: "Wagen 54 und 55 gehen raus. Ein Brand in der Grundschule von Penhally Bay. Es sollen Kinder eingeschlossen sein."
Joeys Schule.
Tom lief es eiskalt über den Rücken. Hoffentlich ist es nur eine Übung.
Aber es war keine, das wusste er. Übungseinsätze fanden immer in der King Street 3 in St. Piran statt, und unter dieser Adresse befand sich zufällig die für die gesamte Gegend von St. Piran zuständige Feuerwehrzentrale.
Also ein echter Einsatz.
Mit langen Schritten eilte er zu Wagen 54. Der Rest des Teams war schon dabei, sich die Schutzkleidung anzuziehen: Hosen, Jacken, Helme. Steve, der Leiter der Wache, saß vorn beim Fahrer und tippte etwas in den Computer, um Details abzufragen.
"Was haben wir, Chef?" Tom schwang sich auf den Sitz neben ihn.
Die Mannschaft war vollzählig, die Türen gingen zu, und das Löschfahrzeug raste mit Blaulicht und Sirene die Straße entlang Richtung Penhally Bay.
Steve blickte auf den Monitor. "Explosion und Feuer in Penhally Bays Grundschule. Der Anruf kam von Rosemary Bailey, der Schulleiterin. Es brennt in einem Flur am Lagerraum, und die dahinter liegenden Räume sind nicht zu erreichen – zwei Klassenzimmer, die zum Glück nicht mehr besetzt waren, aber auch der Ruheraum und der Toilettenbereich. Noch weiß keiner, ob sich dort jemand aufhält. Sie sind dabei, die Kinder anhand der Namenslisten aufzurufen."
"Was ist in dem Lagerraum?"
"Der ist voll mit dem ganzen Zeug für den Kunstunterricht, also leicht entzündliches Material, Klebstoffe, die giftige Dämpfe entwickeln können, und weiß der Henker, was noch", kam die grimmige Antwort. "Tom, du führst den Trupp an, und du, Roy, übernimmst die Atemschutzüberwachung." Auf dieser Kontrolltafel wurde vermerkt, welche Feuerwehrmänner im Gebäude waren, wie lange sie sich dort aufhielten, und wann sie zurückgerufen werden mussten, weil ihr Sauerstoffvorrat zur Neige ging. "Die anderen folgen Tom. Wir fangen mit den Tanks in den Wagen an und gehen dann an einen Hydranten."
"Okay, Chef", erklang ein vielstimmiger Männerchor.
"Und wenn wir Verstärkung brauchen?", fragte Tom. Zu einem Brand fuhren immer zwei Löschfahrzeuge raus, weitere kamen zeitlich versetzt, je nach Bedarf.
"King Street steht in Bereitschaft. Und die Sanitäter sind bereits unterwegs."
Standardprozedur, dachte Tom.
"Nick Roberts wird auch da sein", fügte Steve hinzu.
Tom kannte den Arzt schon von anderen Einsätzen. Auf den Mann war Verlass. Ihn konnte so schnell nichts erschüttern, und er verlor auch in den schlimmsten Krisen nie den Überblick.
"Ausgezeichnet." Tom war froh, dass sein Trupp die Sache in die Hand nahm. Da konnte er sich selbst davon überzeugen, dass es seinem Neffen gut ging.
Joey war alles, was ihm von seiner großen Schwester geblieben war, nachdem sie und ihr Mann vor einem Monat bei einem Autounfall tödlich verunglückt waren. Am Neujahrstag. Sie zu verlieren, hatte ihm das Herz in Stücke gerissen. Und die Vorstellung, dass dem lieben kleinen Jungen, den seine Schwester ihm anvertraut hatte, etwas zustoßen könnte …
Tom weigerte sich, den Gedanken zu Ende zu denken. Joey war nicht bei den eingeschlossenen Kindern, sicher nicht.
Trotzdem musste er die ganze Zeit an die besonderen Gefahren denken, denen Kinder bei einem Feuer ausgesetzt waren. Allein physisch litten die kleinen Körper stärker unter der Hitze als Erwachsene. Und sie konnten ihre Angst nicht kontrollieren. Jeder geriet bei einem Feuer in Panik … bei dem dicken dunklen Qualm sah man die eigene Hand nicht vor Augen, die Hitze und das Rauschen und Knacken der Flammen waren unerträglich. Kinder wurden von diesen Sinneseindrücken überwältigt, bis sie nicht mehr in der Lage waren, Anweisungen zu befolgen. In ihrer Angst hörten sie sie einfach nicht.
Tom sandte ein Stoßgebet zum Himmel. Bitte, lass Joey in Sicherheit sein.
"Hallo, Tommy." Flora lächelte freundlich, als Trish Atkins, die Gruppenleiterin der Dreijährigen, ihr das nächste Kind zur Schutzimpfung brachte. "Deine Mummy hat dir bestimmt erzählt, warum ich heute hier bin. Diesmal nicht mit meinem Zaubermaßband, um zu sehen, wie groß du schon bist, sondern, weil ich dir zwei Spritzen geben muss, damit du nicht krank wirst."
Tommy nickte. "Tut das weh?"
"Es piekt ein bisschen. Du darfst auch laut Aua sagen und Trishs Hand ganz fest drücken, aber es geht schnell vorbei. Du musst nur eine Sekunde still halten. Schaffst du das?"
"Ja", flüsterte er.
"Guter Junge." Sie fragte ihn, welchen Arm sie nehmen sollte und wo er sitzen wollte. Er entschied sich für Trishs Schoß.
"Du bekommst ein Kätzchen, habe ich gehört?", fragte sie, um ihn abzulenken. Wenn sie ihn dazu brachte, über das neue Haustier zu reden, würde er wirklich nur einen kleinen Pieks merken. "Welche Farbe hat sein Fell?"
"Schwarz."
"Hast du schon einen Namen?"
"Au!" Tommys Unterlippe begann zu zittern, als die Nadel in seinen Arm glitt, aber dann sagte er: "Klecks. Wegen dem großen weißen Fleck auf dem Rücken."
"Das ist ein hübscher Name." Sie lächelte ihn beruhigend an. "Hat es auch Spielzeug?"
"Eine rote Maus. Die quiekt, wenn man draufdrückt. Aua!"
"Schon fertig … du warst wirklich tapfer, Tommy. Deshalb bekommst du noch einen Sticker. Möchtest du dir einen aussuchen?"
Der glitzernde Raketensticker fesselte ihn so sehr, dass er ganz vergaß zu weinen. Genau darauf hatte Flora gehofft. Als er wieder zu den anderen gegangen war, notierte sie die Impfungen auf seiner Karte und wollte Trish gerade bitten, das nächste Kind hereinzubringen, als ein Knall sie aufschreckte. Wenige Sekunden später schrillte der Feueralarm los.
Flora ließ alles stehen und liegen und eilte in den Gruppenraum des Kindergartens. Die Kinder wurden bereits nach draußen in den Garten gebracht. Einige Mädchen weinten und klammerten sich an ihre Freundin. Durch das große Fenster sah Flora die Leiterin Christine Galloway mit einer Liste in der Hand. Anscheinend machte sie schon eine Anwesenheitskontrolle.
"Ich glaube, jetzt sind alle draußen, aber ich wollte mich noch mal vergewissern", ertönte Trishs Stimme vom anderen Ende des Raums her.
"Soll ich in den Waschräumen nachsehen?", bot Flora an.
"Ja, danke, das wäre toll."
Sobald sie sicher waren, dass sich niemand mehr im Gebäude aufhielt, schnappte sich Flora ihre Schwesterntasche und ging mit Trish zu Christine und den anderen Erzieherinnen. Mit Blaulicht und Sirenengeheul rasten zwei Feuerwehrwagen heran, und da entdeckte sie den Rauch, der aus der benachbarten Grundschule quoll.
"Ich laufe besser rüber, falls jemand verletzt ist und Hilfe braucht", verkündete sie. Flora arbeitete in der Gemeinschaftspraxis und betreute Kindergarten und Schulen in Penhally Bay. Sie kannte jedes Kind, und bei dem Gedanken, dass einem von ihnen etwas zugestoßen sein könnte, sank ihr das Herz in die Zehenspitzen.
"Sagen Sie uns Bescheid, wenn wir helfen können", meinte Christine. "Und machen Sie sich keine Gedanken wegen Ihrer Unterlagen. Ich nehme sie mit zu mir ins Büro, sobald wir wieder reingehen können."
"Vielen Dank."
Als Erstes begegnete Flora ihrem Chef Nick Roberts. "Nick, was ist passiert? Ich habe nebenan die Kinder geimpft, als es plötzlich fürchterlich geknallt hat. Und dann ging der Alarm an."
"Wir wissen noch nicht, wie es passiert ist, aber es brennt." Er deutete auf die Feuerwehrmänner, die aus dicken Schläuchen Wasser auf das Gebäude spritzten.
"Wurde jemand verletzt?"
"Das kann im Moment niemand sagen. Die Schulleiterin holt gerade alle nach draußen und geht die Namen durch."
Flammen schlugen aus dem Gebäude. "Das ist der Flur am Lagerraum", sagte Flora besorgt. "Die Sachen da drin brennen wie Zunder." Sie hoffte inständig, dass sich in dem Trakt niemand mehr aufhielt.
Die Feuerwehrleute taten alles, um den Brand unter Kontrolle zu bringen. Einige von ihren trugen Atemschutzgeräte, andere richteten die Wasserschläuche auf das Feuer. Ein Mann brüllte irgendetwas von einem Hydranten.
Zwei Krankenwagen hielten vor der Schule. Sanitäter und zwei Ärzte sprangen heraus, eine Frau und ein Mann. Die Frau kannte sie, es war Megan Phillips, die auch in Penhally Bay wohnte.
"Josh O'Hara, Chefarzt der Notaufnahme im St. Piran", sagte der Mann knapp. "Und das ist Megan Phillips, pädiatrische Oberärztin."
Josh war groß und athletisch gebaut, hatte tiefblaue Augen und schwarze, leicht zerzauste Haare, die ihm verwegen in die Stirn fielen. Er lächelte nicht, aber wenn er es tat, da war sich Flora sicher, würde jedes weibliche Herz unter neunzig schneller schlagen! Und der irische Akzent verstärkte seinen männlichen Charme noch.
Flora hatte Megan zwar schon ein paar Mal gesehen, aber viel wusste sie nicht über sie, weil die Ärztin ziemlich zurückgezogen lebte. Deshalb war sie erleichtert, als ihr Chef sie vorstellte.
"Flora Loveday arbeitet bei uns als Krankenschwester und betreut die Schulen. Zum Glück war sie gerade nebenan, um die Kindergartenkinder zu impfen. Flora, willst du Megan begleiten, und ich gehe mit Josh?"
"Ja, natürlich."
Ihr fiel auf, dass Megan und Josh einander kaum ansahen. Beide wirkten angespannt. Entweder hatten sie noch nie zusammengearbeitet, oder sie kannten sich und kamen nicht gut miteinander klar. Hoffentlich ließen sie sich dadurch nicht von ihrer Aufgabe ablenken!
Megan lächelte sie nervös an. "Wollen wir?"
Flora nickte. "Der Sammelpunkt bei Feueralarm ist am äußersten Ende des Schulhofs, hinter dem Gebäude", erklärte sie.
"Dann fangen wir dort an und sehen nach, ob jemand unsere Hilfe braucht. Als Schulschwester kennen Sie doch bestimmt jeden hier, oder?"
Flora spürte, wie ihre Wangen warm wurden, und seufzte stumm. Wenn sie doch nur nicht immer so schnell rot werden würde. Sie wusste, dass sie dann wie ein linkischer Dummkopf aussah, und das war sie nicht! Sie war eine gute Krankenschwester und konnte wunderbar mit Kindern umgehen. Nur bei Erwachsenen, die ihr fremd waren, konnte sie ihre Schüchternheit anfangs nicht überwinden. Albern eigentlich, in ihrem Alter …
Sie nahm sich zusammen. "Ja, natürlich", bestätigte sie.
Als sie um die Ecke kamen, sahen sie eine Frau an der Wand lehnen. Sie war kreidebleich und hielt sich den Arm.
"Patience, das ist Megan, eine der Ärztinnen aus dem St. Piran. Megan, das ist Patience Harcourt, sie unterrichtet in der dritten Klasse", machte sie die Frauen schnell miteinander bekannt. "Was ist mit Ihrem Arm passiert, Patience?"
"Ich war in den Lagerraum gegangen und wollte Materialien holen. Als ich das Licht anknipste, gab es einen Knall. Ich habe sofort nach dem Feuerlöscher gegriffen, aber bevor ich etwas tun konnte, schlugen schon die Flammen hoch. Ich habe gesehen, dass ich wegkomme, und die Brandschutztür zugeschlagen." Sie verzog das Gesicht. "Zum Glück hatte die eine fünfte Klasse Sport, und die andere war im Computerzimmer."
"War auch niemand im Ruheraum?"
Patience wurde noch eine Spur blasser. "Ich hoffe nicht, aber ich weiß es nicht."
"Lassen Sie mich mal Ihren Arm sehen", meinte Megan. "Oh, da haben Sie sich aber böse verbrannt."
Die Lehrerin deutete mit dem gesunden Arm zum Pausenhof hinüber. "Ich kann warten, kümmern Sie sich lieber erst um die Kleinen."
"Die Wunde muss versorgt werden, je eher, desto besser", widersprach Megan sanft. "Kann Flora das eben machen? Dann sehe ich nach den Kindern."
Die Kinder zitterten vor Kälte. Ihre Lehrerinnen hatten keine Zeit verloren, sie aus der Gefahrenzone zu bringen. Keines trug eine Jacke, und einige hatten nur ihr Sportzeug an. Alle machten ein ängstliches Gesicht, manche weinten.
"Sie sollten dicht aneinanderrücken, um sich gegenseitig zu wärmen", sagte Megan. "Ich gehe zu Ihnen. Flora, kommen Sie nach, wenn Sie hier fertig sind?"
"Mache ich." Wieder stieg ihr das Blut ins Gesicht, und sie wandte sich schnell ihrem Koffer zu, um Brandsalbe und einen sterilen Verband für Patience herauszusuchen.
Tom hielt den Wasserstrahl in die Flammen. Er hatte nicht die geringste Ahnung, ob Joey auf dem Schulhof in Sicherheit war. Die Ungewissheit war kaum zu ertragen, aber er hatte hier eine Aufgabe zu erledigen, und seine Kameraden verließen sich auf ihn.
Ich schwöre, wenn er heil da rauskommt, dann kümmere ich mich besser um ihn, versprach er stumm seiner toten Schwester. Ich höre bei der Feuerwehr auf und suche mir einen anderen Job, bei dem ich mehr für ihn da sein kann.
Die Schulleiterin eilte zu ihnen herüber.
"Sind alle in Sicherheit?", fragte Steve sie.
"Ich weiß es nicht." Rosemary Bailey hatte tiefe Sorgenfalten im Gesicht. "Aus der Vorschulklasse fehlen noch ein paar."
Tom stockte der Atem. Joey ist in der Vorschule. "Wo ist Joey?", fragte er eindringlich.
"Er ist nicht bei den anderen. Eine Gruppe war in den Ruheraum gegangen, um Lesen zu üben. Wahrscheinlich ist er auch dabei."
"Der Ruheraum am Ende des Flurs?" Der jetzt durch die Flammen abgeschnitten ist.
"Ja."
"Wie viele Kinder halten sich dort auf?", wollte Steve wissen.
"Fünf und Matty Roper, unser Referendar in der R 2."
R 2, das war Joeys Klasse. Tom kannte Matty. Zwei Mal wöchentlich saß er mit ihm zusammen, um über Joey zu sprechen. Der Junge tat sich schwer in der Schule, beteiligte sich an nichts und wirkte sehr in sich zurückgezogen, und sie überlegten gemeinsam, wie sie ihm helfen konnten.
Und jetzt waren die Kinder und Matty vom Feuer eingeschlossen.
Auch Joey.
"Okay, ich gehe rein", verkündete Tom entschlossen. "Gary, übernimmst du meinen Schlauch?"
Steve packte ihn bei der Schulter. "Du gehst nirgendwohin."
"Mein Neffe sitzt in dem Raum da fest." Tom wurde wütend. "Ich lasse ihn nicht im Stich!"
"Das verlangt auch niemand von dir, Tom. Aber keiner geht in diesen Flur, bevor wir den Trakt nicht stabilisiert haben – das ganze Ding könnte einstürzen."
Steve hatte absolut recht. Und doch drängte es Tom mit aller Macht, sich dem Befehl seines Chefs zu widersetzen. Wie konnte er hier draußen warten, während sein Neffe in diesem Raum zu ersticken drohte!
"Tom, ich weiß, wie dir zumute ist, aber du kannst dich jetzt nicht von Gefühlen leiten lassen."
Normalerweise tat er das auch nicht. Tom war durchaus in der Lage, alles andere auszublenden und sich allein auf die Brandbekämpfung zu konzentrieren. Ruhig und besonnen führte er andere durch kritische Situationen. Doch das hier war etwas anderes. Es ging um Joey, die letzte Verbindung zu seiner geliebten älteren Schwester. Und er hatte versprochen, für den Jungen zu sorgen und ihn zu beschützen.
"Entweder du machst deinen Job als Truppführer und bringst den Brand unter Kontrolle", sagte Steve freundlich, aber bestimmt, "oder du übergibst den Job an jemand anders und fährst zur Wache zurück."
Und dann würde es noch länger dauern, bis er erfuhr, ob Joey in Sicherheit war. Das Warten war schlimmer als alles andere. "Gut, Chef", gab er nach. "Ich bleibe auf meinem Posten."







