Weißer Engel, rotes Blut
Gestern noch hat er dich sanft gestreichelt. Heute klebt Blut an seinen Händen!
Niemals wird Brenna den grauenhaften Anblick vergessen: Ihr Freund White Bird beugt sich über eine Mädchenleiche, das blutige Messer noch in der Hand! Heilfroh ist sie, als sie mit ihrer Mom wegzieht. Doch zwei Jahre später kehrt sie an den Ort des Grauens zurück, denn das Haus ihrer Großmutter soll verkauft werden. Seltsam, wie feindselig die Clique der ermordeten Heather sie empfängt! Und White Bird? Seit Jahren sieht Brenna ihn zum ersten Mal wieder. Er ist gefangen in dunklen Visionen – die er mit Brenna teilt, als sie ihn besucht! Was sie sieht, raubt ihr den Atem …
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Leseprobe
Aus: Weißer Engel, rotes Blut von Jordan Dane
Vor zwei Tagen hatte meine Mom mir mitgeteilt, dass ich in den Sommerferien mit ihr nach Oklahoma fahren sollte. Ich wollte nicht zurück, aber sie behauptete, ich wäre zu jung, um allein zu bleiben. Dabei traute sie mir ganz einfach nicht. Kein Wunder.
"Wann hörst du endlich auf, mir die Schuld für das, was passiert ist, in die Schuhe zu schieben?", brüllte ich sie an. Am liebsten hätte ich ihr irgendetwas ins Gesicht geschleudert. Stattdessen drehte ich mich um und rannte in mein Zimmer.
"Brenna, komm sofort zurück!", rief meine Mutter mir hinterher.
Das konnte sie vergessen.
Ich war total ausgerastet, hatte mich nicht mehr unter Kontrolle gehabt. Dieser Blick meiner Mutter … Sie war enttäuscht von mir.
Und sie hatte Angst. Vor mir und um mich.
In meinem Zimmer knallte ich die Tür so heftig hinter mir zu, dass im Flur das Foto meiner toten Oma von der Wand fiel. Glassplitter flogen die Treppe hinunter.
Ich kümmerte mich nicht darum.
Ich stürzte in mein Bad und übergab mich, bis nur noch bitterer Gallensaft die Speiseröhre hinaufstieg. Das passierte mir immer, wenn ich das Gefühl hatte, mein Leben nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Aber ich wollte nicht, dass Mom etwas davon mitkriegte.
Abends, als ich es mal wieder nicht aushielt, kletterte ich in Boxershorts und T-Shirt aus dem Fenster und lief über das freie Feld hinter unserem Haus zum Friedhof.
Ich rannte und schrie, bis ich glaubte, mir würde die Lunge würde platzen. Als ich nicht mehr konnte, ließ ich mich auf den Rücken fallen und starrte in den dunklen Himmel. Ein Schweißfilm bedeckte meinen Körper.
Meine Mutter hatte mir keine Wahl gelassen. In zwei Tagen würden wir zurück nach Shawano fahren, in eine Stadt, aus der ich vor zwei Jahren nicht schnell genug hatte wegkommen können.
Wenn ich nur daran dachte, wurde mir wieder übel. Ich kriegte keine Luft mehr. Mir war schwindelig, mir brannte die Lunge. Ich musste mich zwingen, an etwas anderes zu denken, sonst hätte ich mich übergeben.
Ich stellte mir White Bird vor, wie er ausgesehen hatte, bevor der Albtraum passiert war. Es beruhigte mich. Damals hatte es mir allerdings nur Ärger eingebracht, dass ich mich mit ihm eingelassen hatte. Der Sheriff hatte geglaubt, ich würde mit White Bird unter einer Decke stecken.
Meinen Freund der Polizei auszuliefern, war mir nicht leicht gefallen. Ich konnte nicht fassen, dass White Bird, dem ich bedingungslos vertraut hatte, so etwas getan hatte. Ich wusste überhaupt nicht mehr, was ich glauben sollte. Ich hatte vorher noch nie eine Leiche gesehen. Und seitdem hatte ich wie unter Schock gestanden. Ich hatte der Polizei erzählt, was ich gesehen hatte. In den Sekunden, in denen ich überlegt hatte, ob ich die Polizei rufen sollte, hatte sich mein Leben für immer geändert.
Nachdem der Befragung vom Sheriff hatte ich gehen dürfen. Ich war nicht offiziell angeklagt worden, aber für die Leute der Stadt war ich trotzdem schuldig. Das Geschäft meiner Mutter, sie war Immobilienmaklerin, ging den Bach runter. Und obwohl sie nie ein Wort darüber verlor, wusste ich, dass sie mir die Schuld dafür gab.
Ich habe diesen Jungen nie gemocht. Jetzt siehst du, was du davon hast, dass du dich mit ihm eingelassen hast.
Diese Worte standen unausgesprochen im Raum. Und ich werde nie den Blick meiner Oma vergessen, als wir nach North Carolina gezogen sind. Danach hatte ich oft mit ihr telefoniert, aber ich hatte ihr angehört, dass sie mich für schuldig hielt. Es war die Hölle. Als sie gestorben ist, bin ich nicht zur Beerdigung gegangen, weil ich mir eingebildet habe, sie könnte etwas dagegen haben. Meine Mutter schien jedenfalls erleichtert darüber zu sein. Jetzt wollte sie das Haus meiner Oma verkaufen.
Während ich auf dem Acker lag und nach Luft schnappte, musste ich zugeben, dass ich neugierig war und erfahren wollte, was aus White Bird geworden war.
Drei Tage später, morgens, auf der Autobahn
"Hast du Hunger? Wie wäre es mit Frühstück?"
Die Stimme meiner Mutter riss mich aus den Gedanken. Am zweiten Tag unserer Reise hatte ich die ganze Zeit aus dem Autofenster gestarrt.
"Von mir aus", murmelte ich.
Mom tankte und hielt danach vor einer kleinen Raststätte. Drinnen stank es nach Zigaretten und ranzigem Öl. Alle starrten uns an. Das war nichts Neues für mich. Ich war eben nicht das typische nette Mädchen von nebenan.
Ich stand nicht auf Markenklamotten, sondern auf Sachen aus dem Second-Hand-Laden. Je gammliger, desto besser. An diesem Tag trug ich eine zerfetzte Jeansjacke, darunter ein Top und Leggins, in die ich Löcher geschnitten hatte. Dazu ein kariertes Halstuch, ein Basecap und schwarze Bikerstiefel. Eine Sonnenbrille vervollständigte das Outfit. Ich versteckte mich gern hinter den dunklen Gläsern.
Mom steuerte auf einen freien Tisch am Fenster zu. Ich schlenderte hinter ihr her und ließ mich auf die Bank fallen.
Mom redete weiter auf mich ein. Ich kriegte nur die Hälfte davon mit, weil ich mit den Gedanken ganz woanders war. Doch plötzlich stutzte ich.
"Weißt du, ich habe gehört, der Junge sitzt immer noch in einer geschlossenen Anstalt." Mich nervte, dass sie White Bird immer nur "den Jungen" nannte. "Sie sagen, er muss wohl für den Rest seines Lebens da bleiben."
"Immer noch? Heißt das, er ist da drin, seit …" Ich schaffte es nicht, den Satz zu Ende zu bringen. Die ganze Zeit, seit ich nach North Carolina abgehauen war, hatte White Bird in einer psychiatrischen Klinik gesessen. Beim Gedanken daran spürte ich einen dicken Klumpen im Magen. Ich fühlte mich noch mieser als sonst.
Und das sollte schon was heißen.
"Ja. Deshalb musstest du auch keine Aussage vor Gericht machen. Der Fall wurde nie verhandelt wegen … seines Zustandes", erklärte Mom.
Ich hatte mich so sehr im eigenen Elend gesuhlt, dass ich den Prozess total vergessen hatte. "Warum hast du mir nichts …" … davon erzählt, verdammt noch mal! Ich wollte den Frust an meiner Mutter auslassen, doch stattdessen starrte ich aus dem Fenster und murmelte: "Ach, vergiss es."
"Er spricht kein Wort. Der Junge sitzt einfach nur da und starrt vor sich hin." Meine Mutter sah von ihrem Salat auf. "Vielleicht hörst du das nächste Mal auf mich, wenn ich dir sage, dass jemand nicht richtig im Kopf ist."
Mom hatte so eine Art, einem noch ein Messer in die offene Wunde zu rammen. Und ihr Timing war wie immer perfekt.
Ich war dreizehn gewesen, als ich White Bird zum ersten Mal begegnet war.
Ich war am Flussufer entlanggeschlendert und hatte einen Vogel mit einem gebrochenen Flügel entdeckt. Er flatterte und hüpfte wie wild, um einer Katze zu entkommen, die Jagd auf ihn machte.
"Hey, lass ihn in Ruhe!", rief ich.
Mit erhobenen Händen versuchte ich die Katze zu verscheuchen. Die verzog sich fauchend in die Büsche. Ich bückte mich, um den Vogel einzufangen, doch das arme Tier hüpfte im Kreis und piepste panisch.
Eine heisere Stimme hielt mich zurück. "So machst du ihm noch mehr Angst."
Ich drehte mich um und hatte schlagartig weiche Knie. Der Junge, der vor mir stand, hatte langes dunkles Haar und trug verwaschene Jeans mit einem Ledergürtel, der wie selbstgemacht aussah. Auf sein grau-weiß bedrucktes T-Shirt waren bunte Bänder genäht, die im Wind flatterten. Dieselben Farben entdeckte ich in seinen Ledermokassins.
Er war braun und sah aus, als würde er viel Zeit im Freien verbringen. Er strahlte eine unglaubliche Ruhe aus. Und er strotzte vor Selbstvertrauen. Ganz anders als die Jungs, die ich aus der Schule kannte.
"Kann ich dir helfen?", fragte er. Ich nickte. "Dann mach mal Platz."
Ich trat einen Schritt zurück. Er hockte sich neben den verletzten Vogel und redete beruhigend auf ihn ein. Der Vogel neigte den Kopf und hüpfte auf seine Hand.
Als ich sah, wie sanft er mit dem winzigen Vogel umging, wusste ich, dass ich keine Angst vor ihm haben musste.
"Ich werde seinen Flügel schienen. Willst du mir helfen?"
Ich nickte. Eine Stimme in meinem Kopf, die sich ziemlich nach Mom anhörte, warnte mich davor, mit ihm zu gehen. Aber wenn ich diesem Jungen in die Augen sah, ging es mir wie dem Vogel. Ich wusste einfach, dass er mir nichts tun würde.
"Hi, ich heiße Brenna", stellte ich mich vor. "Und du?" Er war mindestens zwei Köpfe größer als ich.
"In der Stadt nennen sie mich Isaac Henry, aber mein indianischer Name ist White Bird."
Das war meine erste Begegnung mit White Bird. Hätte ich damals gewusst, was ich jetzt weiß, hätte ich die Beine in die Hand genommen und wäre gerannt.
Aber nicht wegen mir. Um seinetwillen.
Shawano, Oklahoma
Ein paar Stunden später verließen wir die Autobahn. "Am besten wir kaufen noch ein paar Lebensmittel ein, bevor wir zu Oma fahren", schlug Mom vor, als sie in die Hauptstraße von Shawano einbog.
Die Stadt hatte sich nicht verändert. Sie schien nur irgendwie kleiner zu sein, als ich sie in Erinnerung hatte. Nachdem wir an einem kleinen Supermarkt angehalten hatten, gingen wir hinein. Ich warf die wenigen Dinge, die ich brauchte, in den Wagen und überließ Mom den Rest, während ich zurück zum Eingang schlenderte. Dort hatte ich eine Telefonzelle gesehen. Neben dem Apparat lag ein uraltes Telefonbuch.
Sobald ich gefunden hatte, wonach ich gesucht hatte, schaute ich mich kurz um, bevor ich die Seite aus dem Telefonbuch riss. Ich faltete sie zusammen und steckte sie in die Hosentasche.
"Schatz, können wir gehen?" Ich zuckte zusammen, weil ich meine Mutter nicht gehört hatte. "Was machst du da?"
Ich drehte mich um. "Nichts", schwindelte ich. "Ich habe nur ein bisschen im Telefonbuch geblättert."
"Hast du jemanden gefunden, den du kennst?"
"Nein."
Derek Bast trainierte am Fitnessgerät in der Garage seine Armmuskeln, als das Handy piepte und er eine SMS erhielt. Er ignorierte es, wie bei den Malen zuvor. Das Training war ihm wichtig, er wollte es nicht jedes Mal unterbrechen, wenn er einen Anruf oder eine SMS kriegte. "Die sollen mich in Ruhe lassen." Sein Kumpel Justin stand hinter ihm, um ihm mit den schweren Gewichten zu helfen.
Als das Handy Sekunden später wieder piepte, wurde er neugierig. Er stand auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Warte mal, ich lese mal eben die SMS." Derek rief die letzte Nachricht auf.
Ich habe Brenda Nash gesehen. Warum ist sie wieder da???? Wir müssen uns treffen. Du weißt schon wo. SOFORT!!!
Derek verzog das Gesicht. "Das war es für heute, Justin. Schluss mit dem Training."
"Was? Ich wollte gerade …"
"Ich sagte, Schluss für heute, du Idiot!" Wütend warf er seinem Kumpel das Handtuch an den Kopf. "Ich habe was zu erledigen."
Justin zuckte zusammen. Wie ein geprügelter Hund verzog er sich. Derek war für seine Wutausbrüche bekannt. Mit ihm legte sich keiner freiwillig an.
Nachdem Justin gegangen war, knallte Derek die Garagentür zu und stürmte in sein Zimmer, um zu duschen und sich umzuziehen. Brenda Nash war wieder da. Sie konnte ihm das ganze Leben versauen. Das durfte er nicht zulassen.
Als Mom und ich zu Omas Haus kamen, war die Sonne ganz untergegangen. Die alte Villa war das größte Gebäude der Straße. Ich erkannte sie fast nicht wieder. Meine Oma hatte es ganz schön verkommen lassen. Im Garten wucherte Unkraut, und das Haus hatte dringend einen Anstrich nötig. Einige Treppenstufen und das Terassengeländer sahen morsch aus. Im Erdgeschoss waren zwei Fensterscheiben kaputt.
Innen sah es bestimmt nicht viel besser aus. Es würde einiges zu tun geben, bevor Mom das Haus verkaufen konnte.
"Warte hier, bis ich drinnen das Licht angemacht habe." Mom kramte in ihrer Handtasche nach den Schlüsseln, während ich ausstieg.
"Mom, das ist ja eine richtige Bruchbude."
"So übel ist es sicher nicht." Sie versuchte krampfhaft, gute Laune zu verbreiten. "Hey, was ist los mit dir? Wo ist deine Abenteuerlust geblieben?"
"In North Carolina. Ich habe vergessen, sie einzupacken." Mit verschränkten Armen lehnte ich mich ans Auto.
"Rühr dich nicht von der Stelle! Wenn wir hier bleiben, musst du mir helfen, die Lebensmittel reinzutragen", rief Mom über die Schulter.
Ich seufzte leise. Meine Mutter verschwand in der alten Villa. Normalerweise hatte ich keine Angst vor der Dunkelheit, aber in dieser Stadt jagte mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken.
Ein paar Stunden später – kurz vor Mitternacht
Nachdem wir gegessen und die Betten bezogen hatten, lag ich im Dunklen in meinem Zimmer und lauschte auf die Geräusche der alten Villa. Ich hätte schwören können, die Schritte meiner Oma zu hören, wie sie die Treppe runterging und vor meiner Tür stehenblieb. Irgendwie beruhigte mich der Gedanke, dass sie noch im Haus war.
Als ich sicher war, dass meine Mutter schlief, schlich ich mich aus dem Zimmer. Ich hatte mich nicht umgezogen, nur das Halstuch und die Sonnenbrille abgelegt und statt der Stiefel knöchelhohe Sneakers angezogen. Und wie üblich nahm ich das Handy mit. Nach der stickigen Luft in der alten Villa war sogar die Schwüle draußen eine Erleichterung.
Ich lief durch die Straßen von Shawano zum Haupteingang des Friedhofs. Das gesamte Gelände war von einer Mauer umgeben, die aussah, als würde sie jeden Moment zusammenfallen. Wie üblich war es kein Problem für mich, darüber zu klettern.
Mit der Taschenlampe, die ich aus Moms Auto genommen hatte, leuchtete ich über die Grabsteine auf dem neueren Teil des Friedhofs. Ich suchte nach einem Namen. Als ich ihn gefunden hatte, holte ich tief Luft und kniete mich neben das Grab.
Mit den Fingern fuhr ich über den eingravierten Namen. Ich versuchte, mich an ihr Gesicht zu erinnern, schaffte es aber nicht.
"Es tut … mir leid", flüsterte ich. Ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte.
Ich zog die herausgerissene Telefonbuchseite aus der Jeans und leuchtete mit der Taschenlampe darauf. Die einzige psychiatrische Klinik lag am Standrand von Shawano. Darum würde ich mich morgen kümmern. Ich wollte mich vergewissern, ob Mom recht hatte und White Bird tatsächlich in dieser Klinik vor sich hin vegetierte.
Ich hoffte, dass sie sich irrte.
Ich stellte mir sein Lächeln und die sanften braunen Augen vor, aber die Erinnerung daran, wie er sich über die Leiche gebeugt hatte, schob sich davor.
Es jagte mir eine Heidenangst ein, dass er seitdem traumatisiert war und niemand zu ihm durchdringen konnte. Aber mir ging es ja nicht viel anders. Mein Leben war seit diesem Tag auch nicht mehr wie vorher. Ich musste wissen, warum er das getan hatte. Deshalb war ich zum Friedhof gekommen, um Kontakt mit der einzigen Person aufzunehmen, die sonst noch dabei gewesen war.







