Liebesroman des Monats Juni 2008» zurück

Leseprobe
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Der Kuchen, ein knuspriger Traum aus Krokant mit Kaffeebohnensplittern, sah schon himmlisch aus, bevor sich die dunkle Schokolade in schmalen Streifen darüber ergoss und ein zartes Gitter zeichnete. Nur noch eine Hand voll roséfarbener runder Körner – und das Wunderwerk war komplett. Die 23-jährige Luisa Vogt seufzte zufrieden auf. Rosa Pfeffer als Abrundung, das war die genialste Idee seit ... na, eben seit Urzeiten. Noch mit geschlossenen Augen tastete sie nach Papier und Stift, zwei Dingen, die immer neben ihrem Bett bereit lagen. Nur diesmal nicht. Komisch. Luisa öffnete die Augen, um sie sofort wieder zu schließen, denn ein scharfer Schmerz schoss ihr durch den Kopf. Wie entsetzlich hell es hier war! Oh weh, den letzten Cocktail hätte sie sich gestern wohl besser verkniffen. Welcher war das eigentlich gewesen? Black Russian? Nein, das war der erste. Sheridans auf Eis? Coffeemintkiss? Luisa stöhnte auf und legte sich eine Hand auf die Stirn. Doch zu spät. Katze, ihr brauner Labrador, hatte seine Chance gewittert. Erfreut hechelte er ihr sein Guten Morgen ins Ohr und platzierte einen ebenso liebevollen wie feuchten Kuss auf ihre Nase.
"Brrr, Katze, wie oft soll ich dir das denn noch sagen, erst Zähneputzen, dann Knutschen!"
Doch Luisas Lieblingsvierbeiner – überglücklich, dass sein Frauchen endlich wach war – hüpfte voller Begeisterung mit seinen dreißig Kilo Lebendgewicht auf das Bett. Offenbar hatte er den gestrigen Kneipenbummel hervorragend überstanden.
"Macht, dass ihr von mir runterkommt!", kam da eine verschlafene Stimme unter dem zweiten Kissen hervor. "Alle beide!" Jetzt öffnete Luisa doch die Augen. Sie war definitiv nicht zu Hause. Und neben ihr lag Molly, ihre beste Freundin. Durch einen Wust an mehrfarbigen Haarsträhnen blinzelte diese etwas derangiert in den neuen Tag.
"Ich hatte gerade so schön geträumt!", seufzte Molly enttäuscht und kuschelte sich wieder unter ihre Decke.
"Ich auch!! Stell dir vor: endlich wieder ein Rezept! Warte, Krokant und Kaffeebohnensplitter und ..." Plötzlich sprang Luisa aus dem Bett und rannte zu Mollys Schreibtisch. Hier kritzelte sie in Windeseile auf die Rückseite eines Flyers das Rezept für den Kuchen, den sie eben noch im Halbschlaf fast hatte riechen können.
"Kaffeebohnen, ich hätte es wissen müssen!" Nun setzte sich auch Molly auf. "Langsam wirst du mir echt unheimlich. Wenn du wenigstens zwischendurch mal von einem knackigen Typen träumen würdest!"
Luisa klemmte sich ein paar ihrer widerspenstigen blonden Locken hinters Ohr.
"Knackige Typen kann ich nicht backen", erklärte sie abwinkend, als sie ihre Aufzeichnungen höchst zufrieden in ihre Handtasche steckte. Darin befanden sich neben dem Schlüsselbund, dem Portemonnaie und einem Labello mit Schokogeschmack ihre ständigen Begleiter – die Tarotkarten, die Molly ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Nachher musste sie unbedingt mal nachgucken, was die Karten über die Zukunft des eben erfundenen Rezepts zu sagen wussten!
"Schade eigentlich, denn wenn jemand das Zeug dafür hätte, dann wohl du. Wäre eine absolute Marktlücke!" Molly gähnte herzhaft. Dann musterte sie Katze und deutete anklagend auf den aufgedrehten Labrador.
"Ich glaube, irgendwo in der Küche sind noch ein paar Dosen Hundefutter. Oder willst du warten, bis sich Katze meinen armen Herrn Paul gänzlich einverleibt hat?" Schmollend betrachtete Molly ihren Stoffpapagei, auf dem Katze just in diesem Moment mit dem unschuldigsten Blick der Welt herumkaute. Mit Herrn Paul teilte Molly sich bereits seit vielen Jahren das Bett, auch wenn sie mit ihren 24 Jahren schon längst aus diesem Alter war. Aber das war ihr egal, sie hing eben an Herrn Paul. Nun ja, zugegeben, wenn sie Männerbesuch bekam, wurde der Schmusevogel natürlich in den Kleiderschrank verbannt.
Mit einem schnellen Griff rettete Luisa Herrn Paul, und verschwand mit Katze in der Küche. Vielleicht hätte sie ihm damals doch einen anderen Namen geben sollen? Einen, der ein bisschen mehr nach Hund klang? Luisa hatte sich nun mal so sehr einen Stubentiger gewünscht, war aber ausgerechnet gegen Katzen allergisch.
Tatendurstig marschierte Luisa anschließend zurück ins Schlafzimmer. Hangover oder nicht, sie war ein ausgesprochener Morgenmensch. Molly dagegen lehnte müde in den Kissen, ihr heiß geliebter Plüschvogel saß mittlerweile neben ihr auf dem Nachttisch.
"Das war wohl ein bisschen zu viel der Recherche gestern, was?" Mit schlechtem Gewissen erinnerte sich Luisa, dass sie es gewesen war, die auf einen kleinen Absacker zum Feierabend bestanden hatte. Bei einem war es dann natürlich nicht geblieben.
"Hättest du mich wenigstens nur Bier trinken lassen, davon muss man höchstens aufs Klo!", seufzte Molly und rieb sich die Augen.
"Erinnere mich nicht dran!" Ja, es war lustig gewesen gestern. Zu zweit waren sie losgezogen und hatten die Schanze unsicher gemacht. Wann Luisa auf die Idee verfallen war, den optimalen Cocktail mit Kaffeearoma zu finden, daran erinnerte sie sich nicht mehr genau. Aber sie hatte sich eifrig durch verschiedene der süßen, alkoholischen Sahnegetränke geschlürft und Molly musste ihr dabei assistieren. Abgesehen davon, dass es Luisas Traum war, irgendwann einmal ein schnuckeliges Café zu eröffnen, in dem sie ihre eigenen süßen Kreationen anbieten würde, hatte sie auch eine nicht zu leugnende Schwäche für Kaffee. Schon als sie noch gar keinen trinken durfte, war sie in der Lage gewesen, gleich mehrere unterschiedliche Sorten am Duft zu erkennen. Kein Wunder also, dass sie Kaffeerösterin geworden war. Dass sie jetzt auch noch in dem Traditionshaus Hansen Kaffee arbeiten durfte, empfand sie als ein Riesenglück. Hier konnte sie nicht nur ihren Geschmackssinn verfeinern, sondern auch alles lernen, was eine echte Kaffeemamsell so nötig hatte. Außerdem mochte sie ihre Kollegen und ihren Chef Maximilian Hansen, der mit seinem Namen für fairen Handel bürgte.
Luisa wollte gerade ins Bad, um sich zu duschen, als ihr Blick auf die Uhr fiel.
"Oh Mist! Schon sieben!" Sie legte eine Blitzdusche ein, stibitze ein frisches T-Shirt aus Mollys Kleiderschrank und zog sich in Windeseile an. Schließlich war es nicht geplant gewesen, dass sie nicht zu Hause übernachten würde.
"Wie jetzt, erst sieben? Ich hätte noch mindestens zwei Stunden schlafen können!", Molly schüttelte entrüstet den Kopf, dass die ungestylten Haare nur so flogen. Molly war Friseurin und zeigte sich nur äußerst ungern ohne perfekt gestylte Frisur.
"Ich muss dringend los", Luisa setzte ihren bettelnden Blick auf, von dem sie wusste, dass Molly ihm nur schwer widerstehen konnte. "Würdest du mit Katze Gassi gehen? Bitte???" Und weil Molly nicht wirklich überzeugt aussah, fügte sie noch hinzu: "Uns ist letzte Woche eine der Röstmaschinen ausgefallen und jetzt müssen wir dringend aufholen. Sonst können wir die Lieferfrist nicht einhalten!"
"Was heißt denn hier 'wir’?" Molly ließ keine Gelegenheit verstreichen, ihre Freundin ein bisschen aufzuziehen. "Du bist doch nur dort angestellt. Oder hast du hinter meinen Rücken mit dem Chef angebandelt? Immerhin, so wie du immer über diesen ach so großartigen Maximilian Hansen sprichst ..."
"Quatsch!" Luisa schlüpfte in ihren Pulli, "Herr Hansen ist ein toller Mann, aber doch nicht so. Eher ... naja, wie eine Art Vorbild Außerdem ist er ja schon fast 60."
"Schon klar, zu alt!", verstand Molly.
Luisa zeigte Molly gut gelaunt einen Vogel und wandte sich zur Tür. "Red keinen Käse, Herr Hansen ist glücklich verheiratet, schon urlange! Der könnte mein Vater sein!"
Bei dem letzten Satz hielt Luisa eine Sekunde inne. Ihr Vater war nun schon mehrere Jahre tot, aber sie vermisste ihn noch immer.
"Ach, so eine Romanze wäre doch wirklich mal was Aufregendes gewesen", hörte sie Molly noch murmeln, als sie mit einem "Danke!" und einem "Bis heute Abend" die Wohnung verließ.
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