HABE MUTTER, BRAUCHE VATER

HABE MUTTER, BRAUCHE VATER

Erscheinungstag:So, 10.02.2008
Bandnummer:25268
Bestellnummer:1000825268
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HABE MUTTER, BRAUCHE VATER von: Susan Mallery

Über diesen Roman:

" ""Nur noch dreizehn Jahre … dann kann ich endlich wieder Sex haben."" Elissa hat sich geschworen, ihr Liebesleben so lange zurückzustellen, bis ihre Tochter Zoe volljährig ist. Die Kleine ist da allerdings ganz anderer Meinung, denn Walker Buchanan, der nette Mieter aus der Wohnung über ihnen, ist genau der Mann, den sie sich immer als Vater gewünscht hat. Nur leider glaubt Walkers herrschsüchtige Großmutter, dass sie da auch noch ein Wörtchen mitzureden hat …"

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Leseprobe

Habe Mutter, brauche Vater

1. KAPITEL
Es ist leider eine unbestreitbare Tatsache, dass eine Frau für gewisse Fälle einfach einen Mann braucht … oder zumindest die Kraft zwei starker Oberarme. Pech für Elissa Towers, dass gerade jetzt so ein Fall vorlag.
"Irgendwie habe ich das Gefühl, es lässt dich kalt, wie viel ich zu erledigen habe und dass Zoe am Nachmittag zu einer Geburtstagsparty will. Das ist wichtig für eine Fünfjährige. Ich will nicht, dass sie diese Party verpasst", murmelte Elissa, während sie sich mit ihrem ganzen Gewicht auf den Kreuzschlüssel stemmte. Sie jammerte ständig über die fünf Kilo, die sie seit mindestens drei Jahren zu viel auf den Hüften hatte. Man sollte meinen, dass sie sich momentan als nützlich erweisen würden – sozusagen als Hebelkraft. So konnte man sich täuschen.
"Beweg dich!", schrie sie die Mutter am Rad ihres platten Reifens an. Nichts. Die Mutter gab keinen Millimeter nach.

Sie feuerte den Kreuzschlüssel auf den feuchten Boden in der Hauseinfahrt und fluchte.Sie war selbst schuld. Als sie das letzte Mal bemerkt hatte, dass der Reifen Luft verlor, war sie zu Randys Bremsen- und Reifencenter gefahren, wo Randy höchstpersönlich das Loch geflickt hatte. Sie hatte in einem erstaunlich sauberen Warteraum gesessen, in Klatschmagazinen geblättert – ein seltenes Vergnügen – und keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, dass er die Radmuttern mit einer dieser verdammten Maschinen anzog. Sie bat ihn sonst immer, sie von Hand festzuziehen, damit sie den Reifen beim nächsten Platten selbst abmontieren konnte.
"Brauchen Sie Hilfe?"
Die Frage kam aus dem Nichts und erschreckte sie so sehr, dass sie das Gleichgewicht verlor und sich mitten in eine Pfütze setzte. Sie spürte, wie ihre Jeans und ihr Slip das Wasser aufsogen. Na toll. Wenn sie jetzt aufstand, würde es so aussehen, als hätte sie sich in die Hose gemacht. Warum konnte ihr Samstag nicht mit einer unerwarteten Steuerrückzahlung und einer Schachtel Konfekt beginnen, die ein Unbekannter ihr vor die Tür gelegt hatte?

Sie warf einen Blick auf den Mann, der nun neben ihr stand. Zwar hatte sie ihn nicht kommen hören, aber als sie an ihm hochsah – hoch und immer höher –, bis sich ihre Blicke trafen, erkannte sie ihren Nachbarn, der kürzlich über ihr eingezogen war. Er war ein paar Jahre älter als sie selbst, braun gebrannt, gut aussehend und – soweit man es auf den ersten Blick feststellen konnte – perfekt gebaut. Nicht unbedingt der Typ Mann, der sich eine Wohnung in dieser etwas schäbigen Gegend nahm. Sie rappelte sich auf, wischte sich die Jeans ab und stöhnte, als sie den feuchten Fleck auf ihrem Hinterteil spürte.
"Hi", sagte sie lächelnd und trat vorsichtig einen Schritt zurück. "Sie sind, äh …"
Verflucht, Mrs. Ford, ihre Nachbarin, hatte ihr gesagt, wie er hieß. Und auch, dass er kürzlich seinen Dienst bei der Army quittiert hatte, zurückgezogen lebte und offenbar arbeitslos war. Keine Kombination, bei der sie sich sonderlich wohlfühlte.
"Walker Buchanan. Ich wohne über Ihnen."
Allein. Er hatte nie Besuch und verließ seine Wohnung nur selten. Na toll. Klasse. Aber sie war gut erzogen, also lächelte sie höflich und sagte: "Hallo, ich bin Elissa Towers." In jeder anderen Situation hätte sie einen besseren Ausweg aus ihrem Dilemma gefunden, aber diese Radmutter bekäme sie auf keinen Fall allein locker. Und sie konnte schlecht hier stehen bleiben und die Reifen-Götter um Hilfe anflehen.
Sie deutete auf den Reifen. "Wenn Sie einen Augenblick Ihre männlichen Kräfte unter Beweis stellen könnten, wäre das fantastisch."
"Meine männlichen Kräfte?" Um seine Mundwinkel zuckte es.
"Sie sind ein Mann, und das hier ist eine Männersache. Passt doch perfekt."
Er verschränkte seine beeindruckend muskulösen Arme vor seiner ebenso beeindruckenden Brust. "Wo sind bloß all die Frauen hin, die unabhängig und gleichberechtigt sein wollen?"
Aha, hinter diesen dunklen Augen steckte also ein Gehirn, und vielleicht gab es da auch so etwas wie Humor. Das war gut. Die Nachbarn von Serienmördern sagten immer, der Typ wäre total hilfsbereit und freundlich gewesen. Elissa war sich nicht sicher, ob man Walker als freundlich bezeichnen konnte, was sie auf eine merkwürdige Weise beruhigte.
"Tja, wir hätten wohl zuerst unseren Oberkörper trainieren sollen. Außerdem haben Sie sich angeboten zu helfen."
"Stimmt."
Er hob den Kreuzschlüssel auf, hockte sich neben den Reifen und lockerte die erste Schraube mit einer einzigen Bewegung. Elissa sah ihm frustriert zu und fühlte sich unfähig. Die anderen drei Schrauben folgten im Nu.
"Danke", sagte sie und lächelte ihn an. "Alles andere schaffe ich allein."
"Wenn ich schon mal dabei bin", erklärte er, "kann ich den Reservereifen auch gleich montieren. Dauert nur ein paar Sekunden."
Dachte er zumindest.
"Tja, Sie werden lachen", sagte sie, "aber ich habe keinen Reservereifen. Er ist so furchtbar groß und wuchtig und zieht mit seinem Gewicht das Auto nach unten."
Er richtete sich auf. "Sie brauchen aber einen."
Das wusste sie selbst, aber warum erklärte er ihr das? "Danke für den Tipp, aber da ich keinen habe, bringt er mir leider nicht sehr viel."
"Was werden Sie jetzt tun?"
"Ich sag erst mal Danke." Sie schaute demonstrativ zur Treppe, die zu seiner Wohnung führte. Da er sich nicht von der Stelle rührte, fügte sie hinzu: "Ich möchte Sie nicht länger aufhalten."
Sein Blick wanderte von ihr zu dem großen Trolley, der neben ihr in der Einfahrt stand. Er verzog missbilligend den Mund.
"Sie werden diesen Reifen auf keinen Fall allein irgendwohin schleppen", sagte er bestimmend.
Eindeutig nicht freundlich, dachte sie. "Ich schleppe nicht, ich ziehe. Außerdem mache ich das nicht zum ersten Mal. Meine Werkstatt ist keinen Kilometer entfernt. Ich gehe hin, Randy flickt den Reifen, und ich gehe wieder nach Hause. Das ist ganz einfach. Und obendrein ein gesunder Spaziergang. Also danke für Ihre Hilfe und einen schönen Tag noch."
Sie griff nach dem Reifen, doch er trat dazwischen.
"Ich nehme ihn", sagte er.
"Nein danke. Wie gesagt, ich schaffe das schon."
Er war mindestens fünfzehn Zentimeter größer und bestimmt gut dreißig Kilo schwerer als sie – jedes Gramm davon Muskelmasse. Als sich sein Blick verfinsterte und er sie grimmig ansah, hatte sie das Gefühl, er wolle sie einschüchtern. Es gelang ihm gar nicht schlecht, aber das wollte sie ihn nicht merken lassen. Sie war hart. Sie war entschlossen. Sie war …
"Mommy, kann ich einen Toast haben?"
Perfektes Timing.
Sie drehte sich zu ihrer Tochter um, die in der Wohnungstür stand. "Sicher, Zoe. Warte, ich helfe dir. Ich bin gleich da."
Zoe lächelte. "Okay, Mommy." Die äußere Tür mit dem Fliegengitter fiel krachend zu.
Elissa drehte sich nach Walker um und musste feststellen, dass dieser Kerl den Moment ihrer Unaufmerksamkeit dazu genutzt hatte, mit ihrem Reifen zu seinem äußerst teuren und in dieser Wohngegend äußerst deplatzierten Geländewagen zu marschieren.
"Sie können den Reifen nicht nehmen", sagte sie, während sie ihm nachlief. "Er gehört mir."
"Ich stehle ihn ja nicht", antwortete er beinahe gelangweilt. "Ich bringe ihn zur Reparatur. Wohin gehen Sie normalerweise?"
"Das werde ich Ihnen nicht sagen." Ha! Das sollte genügen, um ihn zu stoppen.
"Gut. Dann fahre ich dahin, wohin ich will." Er legte den Reifen in den Wagen und warf die Heckklappe zu.
"Warten Sie! Halt!" Wann genau hatte sie die Kontrolle über das Geschehen verloren?
Er drehte sich zu ihr um. "Haben Sie wirklich Angst, dass ich mit Ihrem Reifen verschwinde?"
"Nein, natürlich nicht. Nur, ich …"
Er wartete geduldig.
"Ich kenne Sie doch gar nicht", fuhr sie ihn an. "Ich erledige meinen Kram selbst. Und ich möchte nicht in Ihrer Schuld stehen."
Es überraschte sie, dass er nickte. "Das kann ich nachvollziehen. Wohin soll ich also den Reifen bringen?"
Er gab offensichtlich nicht nach. "Randys Bremsen- und Reifencenter." Sie beschrieb ihm den Weg. "Aber warten Sie hier einen Moment. Ich gebe Ihnen ein Paar Ohrringe mit."
"Für Randy?" Er zog die Augenbrauen hoch.
"Für Randys Schwester. Sie hat Geburtstag." Sie holte tief Luft, weil sie es nur ungern erklärte. "Damit bezahle ich Randy."
Sie erwartete, dass Walker etwas erwidern oder zumindest einen weiteren seiner schlauen Kommentare dazu abgeben würde. Stattdessen zuckte er nur mit den Achseln.
"Holen Sie sie."

Die Fahrt zu Randys Bremsen- und Reifencenter dauerte drei Minuten. Als Walker seinen Wagen abstellte, sah er einen kleinen älteren Mann mit Bierbauch, der ihn bereits erwartete.
Randy persönlich, dachte Walker und stieg aus.
"Sie haben Elissas Reifen?", fragte der Mann.
"Hinten."
Randy begutachtete Walkers BMW X5. "Nehme an, Sie wollen den verkaufen", sagte er.
"Bis jetzt habe ich noch nicht daran gedacht. Aber vielleicht irgendwann."
"Nicht schlecht, Ihre Reifen." Randy ging um den Wagen herum und öffnete die Heckklappe. Als er Elissas Reifen sah, stöhnte er auf. "Was ist los mit dem Mädchen? Wo sie arbeitet, ist gerade eine Baustelle. Ich schwöre, sie findet jeden Nagel, der da auf der Straße rumliegt. Und er landet immer in diesem einen Reifen. Er besteht schon aus mehr Flicken als Gummi."
Auch aus mehr Flicken als Profil, dachte Walker, als er den abgefahrenen Reifen betrachtete. "Sie sollte ihn austauschen."
Randy sah ihn an. "So, meinen Sie? Tja, aber das Geld wächst nun mal nicht auf Bäumen. Hey, die Zeiten sind für uns alle nicht leicht, oder? Haben Sie meine Ohrringe mit?"
Walker zog das kleine Kuvert aus der Brusttasche seines Hemds und reichte es ihm. Randy schaute hinein und pfiff anerkennend. "Sehr schön. Janice wird begeistert sein. Okay, geben Sie mir zehn Minuten, ich mach den Reifen fertig."
Erst hatte Walker seiner Nachbarin gar nicht helfen wollen. Er hatte die Wohnung kurzfristig gemietet, um in Ruhe und ungestört überlegen zu können, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen wollte. Er kannte keinen seiner neuen Nachbarn, und so sollte es eigentlich auch bleiben.
Außer einer kurzen, aber erstaunlich effektiven Befragung durch die alte Dame, die unter ihm wohnte, hatte er fast sechs Wochen lang mit niemandem dort Kontakt gehabt. Bis er Elissas Kampf mit den Radmuttern beobachtet hatte.
Er hatte vorgehabt, sie zu ignorieren. Aber es war ihm nicht gelungen – ein Charakterfehler, an dem er arbeiten musste. Und jetzt – angesichts dieses glatten Reifens, der höchstwahrscheinlich platzen würde, sobald sie mit Tempo 100 über die Autobahn fuhr – merkte er, dass er nicht einfach so tun konnte, als ginge es ihn nichts an.
"Geben Sie mir einen neuen", brummte er.
Randy zog die buschigen Augenbrauen hoch. "Sie kaufen Elissa einen Reifen?"
Walker nickte. Das Beste wäre, er würde beide Hinterreifen austauschen. Aber er hatte nur den einen dabei.
Der ältere Mann baute sich vor ihm auf. "Woher kennen Sie eigentlich Elissa und Zoe?"
Zoe? Walker stutzte. Dann erinnerte er sich an das Kind, das er gesehen hatte. Elissas Tochter.
Er war dem Kerl eigentlich keine Erklärung schuldig. Dennoch hörte er sich sagen: "Ich wohne über ihr."
Randys Blick verfinsterte sich. "Elissa ist eine Freundin von mir. Machen Sie ihr keine Schwierigkeiten."
Walker war klar, dass er es mit dem alten Mann selbst nach einer durchzechten Nacht aufnehmen konnte und danach immer noch fit genug wäre, eineinhalb Kilometer unter vier Minuten zu laufen. Randys Drohgebaren wirkte also beinahe lächerlich – wenn es nicht so aufrichtig gewesen wäre. Der Mann mochte Elissa und sorgte sich um sie.
"Ich tue ihr nur einen Gefallen", sagte Walker ruhig. "Wir sind Nachbarn, weiter nichts."
"Na gut, dann ist es okay. Elissa hat nämlich schon genug hinter sich. Sie hat es nicht verdient, dass jemand ihr Probleme macht."
"Das sehe ich genauso."
Walker hatte keinen blassen Schimmer, wovon die Rede war – aber Hauptsache, sie unterhielten sich nun wieder halbwegs friedlich miteinander. Randy hob den platten Reifen auf und trug ihn zur Werkstatt.
"Ich habe ein paar gute Reifen, die auf jeden Fall um einiges sicherer sind als dieser hier. Und weil es für Elissa ist, mache ich Ihnen einen guten Preis."
"Vielen Dank."
Randy schaute ihn von der Seite an. "Ich werfe ein bisschen Dreck drauf. Vielleicht merkt sie dann nichts."
Walker erinnerte sich, wie empfindlich sie wegen des fehlenden Reservereifens reagiert hatte. "Vermutlich keine schlechte Idee", sagte er.

"Nicht so fest, Liebes", sagte Mrs. Ford ruhig, während sie einen Schluck Kaffee nahm. "Das ist schlecht für die Masse."
Elissa klatschte das Nudelholz auf den Teig. Sie wusste, dass ihre Nachbarin recht hatte. "Ich kann nicht anders. Ich ärgere mich. Hält er mich wirklich für so dämlich? Glaubt er, ich merke nicht, dass er meinen alten Reifen durch einen neuen ausgetauscht hat? Sind alle Männer so? Glauben die etwa, dass Frauen keinen blassen Schimmer von Reifen haben? Oder hält er nur mich für blöd?"
"Ich bin sicher, er wollte einfach nur helfen."
"Wer ist er, dass er mir helfen will? Ich kenne ihn doch überhaupt nicht. Wie lange wohnt er hier? Einen Monat? Wir hatten vorher nicht einmal miteinander geredet. Und jetzt kauft er mir plötzlich einen Autoreifen? Was soll der Blödsinn?"
"Ich finde es romantisch."
Elissa musste sich sehr beherrschen, nicht die Augen zu verdrehen. Sie mochte die alte Dame sehr, aber, Himmel, Mrs. Ford würde es wahrscheinlich auch romantisch finden, Gras wachsen zu sehen.
"Er hat einfach über meinen Kopf hinweg Entscheidungen getroffen. Wer weiß, was er dafür im Gegenzug erwartet." Was immer er auch erwartete, er würde es nicht bekommen, sagte sich Elissa.
Mrs. Ford schüttelte den Kopf. "Da liegst du falsch, Elissa. Walker ist ein sehr netter Mann. Ein Ex-Marine. Er hat gesehen, dass du Hilfe brauchst, und er hat geholfen."
Genau das hatte Elissa am meisten geärgert. "Hilfebedürftig" zu sein. Es wäre schön, wenigstens ein einziges Mal etwas für schlechte Zeiten oder einen platten Reifen auf der hohen Kante zu haben.
"Ich will ihm nichts schuldig sein."
"Du willst niemandem etwas schuldig sein. Du bist eine unabhängige Frau. Aber er ist ein Mann, meine Liebe. Männer helfen Frauen nun mal gern."
Mrs. Ford war fast neunzig, sehr klein und gehörte zu den Frauen, die noch immer Taschentücher mit Spitzenborte verwendeten. Sie war in einer Zeit aufgewachsen, in der sich Männer um die Mühen des Lebens kümmerten, während man von Frauen hauptsächlich erwartete, dass sie gut kochten und hübsch dabei aussahen. Die Tatsache, dass so ein Leben viele Frauen in den Alkohol oder Wahnsinn getrieben hatte, war nur eine unerfreuliche Randerscheinung, über die die feine Gesellschaft kein Wort verlor.
"Ich habe Randy angerufen", sagte Elissa, während sie den Teig vorsichtig in die Form legte und am Rand festdrückte. "Er hat mir gesagt, dass der Reifen vierzig Dollar gekostet hat. Aber gutmütig, wie er ist, hat er mich sicher angelogen. Bestimmt hat er fünfzig gekostet."
Sie hatte genau zweiundsechzig Dollar in ihrer Geldbörse, wovon sie den Großteil für die Lebensmittel brauchte, die sie heute Nachmittag kaufen musste. Auf ihrem Konto war derzeit Ebbe, aber in zwei Tagen würde sie ja ihr Gehalt bekommen.
"Wenn ich mir einen neuen Reifen leisten könnte, hätte ich mir selber einen gekauft", grummelte sie.
"Es ist jedenfalls ein nützlicheres Geschenk als Blumen", warf Mrs. Ford ein. "Oder Schokolade."
Elissa lächelte. "Glaub mir, Walker will nichts von mir."
"Woher willst du das wissen?"
Elissa war sich ziemlich sicher. Er hatte bloß geholfen, weil … weil … Sie runzelte die Stirn. In Wahrheit wusste sie es nicht. Vielleicht, weil sie bei ihrem Kampf mit den störrischen Radmuttern sein Mitleid erregt hatte.
Sie rollte den zweiten Teig aus. Die Blaubeeren waren lächerlich billig gewesen. Sie hatte kurz am Obststand angehalten, nachdem sie Zoe zur Geburtstagsparty gebracht hatte. Bis sie ihre Tochter wieder abholen musste, hatte sie gerade so viel Zeit, um die Böden für drei Obstkuchen vorzubereiten.
"Ich mache die Kuchen fertig, wenn ich vom Einkaufen zurück bin", sagte Elissa mehr zu sich selbst als zu ihrer Nachbarin. "Vielleicht sollte ich ihm einen vorbeibringen …"
Mrs. Ford lächelte. "Ausgezeichnete Idee. Stell dir vor, wie beeindruckt er sein wird, wenn er eine Kostprobe deiner Kochkünste bekommt."
Elissa stöhnte. " Kann es sein, dass du eine ziemliche Kupplerin bist?"
"Eine Frau in deinem Alter so ganz allein? Das ist doch nicht normal."
"Ich bin gern ein bisschen schrullig. Es hilft mir, am Boden zu bleiben."
Mrs. Ford schüttelte den Kopf und trank ihren Kaffee aus. Sie stellte die Tasse auf den Tisch und stand langsam auf. "Ich muss gehen. Auf QVC fängt gleich 'Schön mit Tova' an. Mein Parfum von 'Tova' geht langsam zur Neige, ich muss wieder welches bestellen."
"Ist in Ordnung, geh ruhig", sagte Elissa.
Mrs. Ford ging zur Tür, die ihre beiden Wohnungen verband. Dann blieb sie stehen. "Meine Einkaufsliste habe ich dir gegeben, oder?"
Elissa nickte. "Ja, sie ist in meiner Geldbörse. Ich bring dir alles vorbei, wenn ich wieder da bin."
Die alte Dame lächelte. "Du bist ein gutes Kind, Elissa. Was würde ich bloß ohne dich tun?"
"Und ich erst ohne dich?"
Mrs. Ford ging in ihre eigene Küche und machte die Tür hinter sich zu.
Elissa war anfangs ein wenig verwundert gewesen, dass es eine Verbindungstür zwischen ihrer eigenen Wohnung und der ihrer Nachbarin gab. Aber das hatte sich rasch geändert. Mrs. Ford mochte zwar schon sehr betagt und etwas altmodisch sein, aber sie war klug, fürsorglich und ganz vernarrt in Zoe. Sie hatten sich alle drei rasch angefreundet, und Elissa und Mrs. Ford hatten ihren Alltag so organisiert, dass ihnen beiden geholfen war.
Mrs. Ford machte Zoe morgens fertig für den Kindergarten und richtete ihr das Frühstück. Elissa besorgte die Einkäufe für ihre Nachbarin, fuhr sie zu Arztterminen und sah regelmäßig nach ihr. Nicht dass Mrs. Ford besonders viel Zeit zu Hause verbrachte. Sie war sehr engagiert im Seniorenzentrum, und einer ihrer vielen Bekannten war garantiert immer dazu bereit, sie abzuholen – sei es nun, um Bridge zu spielen, sich alte Fotos anzusehen oder um einen Ausflug in ein Spielcasino zu machen.
" So wie sie möchte ich auch mal sein, wenn ich groß bin", sagte Elissa, während sie die drei Kuchenformen zum Herd trug.
Vorher musste ihr allerdings erst einfallen, woher sie das Geld nehmen sollte, um den neuen Reifen zu bezahlen, und was sie ihrem Nachbarn sagen würde, damit er verstand, dass sie niemals, unter keinen Umständen, an ihm interessiert sein würde.
Niemals, jede Wette. Nicht einmal, wenn er nackt bei ihr auftauchte. Obwohl, ehrlich gesagt, wenn er so vor ihr stünde, würde sie wahrscheinlich schon einen Blick riskieren. Immerhin hatte sie seit Jahren keinen nackten Mann mehr zu Gesicht bekommen. Und er sah überdurchschnittlich gut aus.
"Ich brauche keinen Mann", murmelte Elissa und schaltete am Herd die Uhr für die Backzeit ein. "Mir geht's gut. Ich habe alles im Griff. Nur noch dreizehn Jahre, bis Zoe erwachsen ist und aufs College geht. Dann kann ich wieder Sex haben. Und bis dahin habe ich keusche Gedanken und bin eine gute Mutter."
Wahrscheinlich sie würde trotzdem an ihren Nachbarn denken und sich vorstellen, wie er nackt aussah. Sollte sie jemals doch ein Mann in Versuchung führen, hätte sie nichts dagegen, wenn er es wäre.

Zoe war um acht Uhr im Bett und schlief eine halbe Stunde später bereits tief und fest. Elissa schnappte einen der Blaubeerkuchen und ihre letzten fünf Dollar und ging hinauf zu Walker.
Trotz der absoluten Stille in der Wohnung über ihr wusste sie, dass er da sein musste, denn sein Wagen stand vor dem Haus. Sie hatte auch nicht gesehen, dass ihn jemand abgeholt hätte. Es war nicht so, dass sie auf der Lauer gelegen hätte. Keineswegs. Vielleicht hatte sie ein Auge auf das Kommen und Gehen in ihrer Nachbarschaft gehabt – aber nur, weil Wachsamkeit eine Bürgerpflicht war. Die Tatsache, dass sie sich ziemlich sicher war, Walker allein anzutreffen, war lediglich eine Begleiterscheinung ihrer Aufmerksamkeit zum Wohle der gesamten Nachbarschaft.
Nicht dass es sie interessierte, ob er sich mit einer Frau traf. Aber samt Kuchen und fünf Dollar bei ihm aufzutauchen war merkwürdig genug, dass es schon ihm allein – ohne eine zweite anwesende Person – schwer zu erklären sein würde. Obwohl vermutlich keine Frau, mit der sich Walker traf, sie als besondere Konkurrenz empfinden würde. Elissa wusste genau, wie sie aussah – wie das nette Mädchen von nebenan. Es machte ihr nichts aus. Aufgrund ihres Aussehens neigten ihre Kunden eher dazu, sie zu beschützen, als aggressiv zu sein, und das machte das Leben ein gutes Stück einfacher.
"Genug gezögert?", fragte sie sich und zwang sich dazu, sich wieder auf die aktuelle Situation zu konzentrieren. Nämlich darauf, dass sie bereits oben auf der Treppe zu Walkers Wohnung angelangt war und einen halben Meter vor seiner Tür stand. Falls er sie kommen gehört hatte, könnte er sie jetzt beobachten und würde sich wahrscheinlich fragen, warum sie immer noch nicht anklopfte.
Also klopfte sie und wartete. Dann ging die Tür auf, und da stand er. Direkt vor ihr.
Er sah toll aus. Sein T-Shirt spannte sich über die breiten Schultern und seine muskulöse Brust. Keine Frage, diese Muskeln waren der Grund, weshalb er die Radmuttern bezwungen hatte, ohne ins Schwitzen zu kommen. Seine Jeans waren alt, ausgebeult und ausgebleicht. Er sah Elissa mit seinen dunklen Augen an, ohne eine Miene zu verziehen. Doch sein Blick wirkte nicht wie der eines Furcht einflößenden Axtmörders. Eher distanziert und vorsichtig.
"Hi", sagte sie, als er weiter nur stumm dastand. "Ich, äh, habe einen Kuchen gebacken." Sie hielt ihm das Tablett hin. "Mit Blaubeeren", fügte sie hinzu, für den Fall, dass Zweifel bezüglich der Obstsorte der Grund war, dass er ihr das Ding nicht aus der Hand nahm.
"Sie haben mir einen Kuchen gebacken …", sagte er leise. In seiner Stimme lag der Hauch einer Frage – deutlicher konnte man allerdings heraushören, dass er sie offenbar für verrückt hielt. Es ärgerte sie. Nicht sie war diejenige, die die Regeln gebrochen hatte.
"Ja, einen Kuchen." Sie streckte ihm das Tablett immer noch entgegen. Als er es ihr endlich aus der Hand nahm, hielt sie ihm eine zerknitterte Fünfdollarnote vor die Nase.
"Sie bezahlen mich, damit ich Ihren Kuchen esse?"
"Natürlich nicht. Ich bezahle Sie …" Sie brach ab und holte tief Luft. Innerhalb von zwei Minuten war ihre Stimmung von Dankbarkeit in Ärger umgeschlagen. "Sie haben mir einen Reifen gekauft. Dachten Sie wirklich, mir würde der glänzende neue Gummi nicht auffallen? Schätzen Sie nur mich so ein oder Frauen im Allgemeinen? Wenn ich ein Mann wäre, hätten Sie das nicht getan."
"Sie hätten meine Hilfe nicht gebraucht, wenn Sie ein Mann wären."
"Kann sein." Es war sogar sehr wahrscheinlich. Aber darum ging es nicht. "Sie haben den Reifen heimlich montiert. Und Sie haben ihn sogar mit Dreck bespritzt, damit er nicht so neu aussieht. Nur damit Sie es wissen – ich finde das alles ziemlich merkwürdig."
Er lächelte. Nur ganz leicht, aber irgendwie ließ ihn das Lächeln offener und zugänglicher erscheinen. "Das war Randys Idee."
"Das sieht ihm ähnlich."
Er trat einen Schritt zurück. "Möchten Sie hereinkommen oder lieber hier zwischen Tür und Angel mit mir darüber reden?"
"Hier ist es schon okay. Ich komme ja nicht, um mit Ihnen zu plaudern."
Das Lächeln verschwand. "Elissa, ich habe Sie schon verstanden. Es ist Ihnen nicht recht, dass ich einen Reifen gekauft habe. Aber Ihrer war so oft geflickt, dass es gefährlich war. Ich hätte mich nicht darum kümmern sollen, aber ich konnte nicht anders. Entschuldigen werde ich mich dafür nicht. Ich habe nichts damit bezweckt und will auch nichts dafür." Er sah auf den Kuchen. "Außer den hier. Der riecht gut."
Es gefiel ihr, dass er ihren Reifen nicht gegen sie verwendete. Himmel, wie oft in ihrem Leben hatte sie das schon behaupten können?
"Ich weiß, dass Sie es gut gemeint haben", sagte sie nach einigem Zögern. "Aber Sie haben nicht das Recht, sich in mein Leben einzumischen. Ich habe Randy angerufen, um herauszufinden, was der Reifen gekostet hat. Bestimmt hat er mir eine Summe genannt, die zehn Dollar unter dem Preis liegt, daher werde ich Ihnen fünfzig Dollar zurückzahlen. Es wird eine Weile dauern, aber der Kuchen soll zeigen, dass ich es ernst meine – und hier ist die erste Rückzahlung."
Er betrachtete den zerknitterten Geldschein. "Ich will Ihr Geld nicht."
"Und ich will Ihnen nichts schulden." Sie mochte nicht gerade viel Geld haben, aber sie bezahlte ihre Rechnungen rechtzeitig und überzog ihr Konto nie – außer in Notfällen, wenn es um Kopf und Kragen ging.
"Sie sind stur", sagte er.
"Vielen Dank. Ich habe hart daran gearbeitet, um so zu werden."
"Was, wenn ich Ihnen nun sage, dass mir das Geld egal ist?", fragte er.
Was sollte denn das nun wieder heißen? Hatte er so viel davon? Sie seufzte bei dem Gedanken. Im nächsten Leben würde sie ganz bestimmt auch reich sein. Der Wunsch stand ganz oben auf ihrer Liste. Aber in diesem Leben …
"Aber mir ist es nicht egal", erwiderte sie.
"Na gut. Aber Sie brauchen es mir nicht bar zurückzuzahlen. Wir vereinbaren einen Tauschhandel."
Kalte Wut stieg in ihr auf. Hier war sie also – die Wahrheit. Hinter diesem attraktiven Gesicht steckte ein abscheulicher, gemeiner, herzloser Dreckskerl. Er war genau wie fast alle Männer auf dieser Welt.
Natürlich. Warum überraschte sie das überhaupt? Sie hatte sich kurz zu Walker hingezogen gefühlt, und aufgrund ihres reichen Erfahrungsschatzes wusste sie, dass schon deshalb etwas mit ihm nicht stimmen konnte. Sie hatte mit einem schweren Charakterfehler gerechnet. Aber so etwas hatte sie nicht erwartet.
"Nicht einmal, wenn Sie der letzte männliche Überlebende nach einem Atomkrieg wären", zischte sie. "Sie glauben doch nicht im Ernst, ich lasse mich auf so etwas ein …" Am liebsten hätte sie ihm eine geklebt. "Es war ein Reifen. Es ist nicht so, als hätten Sie mir eine Niere gespendet."
Er besaß tatsächlich die Frechheit, sie anzulächeln. "Sie würden mit mir schlafen, wenn ich Ihnen eine Niere spenden würde?"
"Sie wissen, wie es gemeint ist. Mir reicht's. Ich schicke Ihnen das restliche Geld per Post."
Sie drehte sich um und wollte gehen. Doch plötzlich stand er zwischen ihr und der Treppe. Wie um alles in der Welt war er so schnell dahin gekommen?
Seine dunklen Augen suchten ihre. Aus seinem Gesicht war aller Humor gewichen.
"Abendessen", sagte er leise. "Ich habe von ein paar Abendessen geredet. Sie kochen jeden Abend, das rieche ich hier oben. Ich lebe seit Wochen nur von Tiefkühlkost und den übrig gebliebenen Menüs meiner Schwägerin. Das war es, was ich mit Handel gemeint habe. Und nur das."
Obwohl er sie nicht berührte, spürte sie seine Nähe. Er war so viel größer als sie – eigentlich hätte sie Angst haben müssen. Gut, sie war ein bisschen nervös, aber das war etwas anderes.
Abendessen also … tja, das klang plausibel. Je länger sie darüber nachdachte, desto vernünftiger erschien ihr dieser Handel. Denn wer würde Sex erwarten, nur weil er einen billigen Reifen gekauft hatte?
"Tut mir leid", sagte sie und senkte den Blick. "Ich dachte, Sie …"
"Das habe ich schon kapiert. Aber das wollte ich nicht. Ich würde niemals …"
Was würde er niemals? Mit ihr schlafen wollen? Nicht dass sie zurzeit diesbezüglich aktiv wäre oder es in naher und auch fernerer Zukunft vorhatte – aber warum war das für ihn so abwegig? Sie mochte nichts Außergewöhnliches sein, aber sie war ziemlich hübsch. Und intelligent. Und auf Intelligenz kam es doch an, oder?
Vielleicht hatte er eine Freundin. Vielleicht war er verlobt. Vielleicht war er schwul.
Über den letzten Gedanken musste sie schmunzeln. Irgendwie konnte sie sich nicht vorstellen, dass Walker schwul war.
"Beginnen wir noch mal von vorn", sagte er. "Ich habe den Reifen gekauft, weil ich der Meinung war, dass Ihrer keinen weiteren Flicken mehr verträgt. Randy hat ihn mir für fünfundvierzig Dollar verkauft. Ich nehme den Kuchen und das Geld an. Sie können sich mit der Rückzahlung so viel Zeit lassen, wie Sie wollen. Vergessen Sie, was ich wegen des Abendessens gesagt habe, okay? Das mit dem Geld ist in Ordnung."
Er machte alles richtig. Warum also hatte sie das Bedürfnis, mit ihm zu streiten?
"Einverstanden", sagte sie.
"Dann haben wir eine Abmachung."
Er nahm das Kuchentablett in die linke Hand und streckte ihr seine rechte entgegen, damit sie es mit einem Handschlag besiegeln konnten.
Sie legte ihre Hand in seine und nickte. "In Ordnung."
Seine Finger waren warm und kräftig. Sie spürte ein leichtes Flattern in ihrem Bauch. Die unerwartete Reaktion ließ sie die Hand wegziehen und einen Schritt zurücktreten.
Die Gefahr hatte viele Gesichter. Diese spezielle war zu groß, zu stark und viel zu sexy für sie und ihren Seelenfrieden. Sie hatte immerhin noch dreizehn Jahre Zölibat vor sich. Mit Walker in ihrer Nähe würde es sich nicht gerade leichter durchhalten lassen.
Nicht dass sie sich nahe waren. Nein, so weit käme es noch.
"Ich, äh, sollte jetzt gehen", murmelte sie und ging an ihm vorbei zur Treppe. "Lassen Sie sich den Kuchen schmecken."
Sie eilte zurück in ihre Wohnung, schloss rasch hinter sich ab und lehnte sich dann an die Tür, bis ihr Herz aufhörte, wie verrückt zu klopfen.
Erst in diesem Augenblick bemerkte sie, dass sie die fünf Dollar, die sie ihm hatte geben wollen, immer noch in der Hand hielt. Unter gar keinen Umständen würde sie heute Abend noch einmal zu ihm nach oben gehen. Sie würde das Geld in seinen Briefkasten stecken.
Es war offensichtlich, dass sie um Walker einen großen Bogen machen musste. Oberflächlich betrachtet mochte er ein netter Mensch sein, aber eins wusste sie nach wie vor: Wenn sie sich zu einem Typen hingezogen fühlte, dann stimmte ganz sicher irgendetwas nicht mit ihm. Und im Moment konnte sie sich keine weitere Katastrophe mit einem Mann leisten. Sie bezahlte immer noch für die letzte.
Im wahrsten Sinn des Wortes.