Ausgeblutet

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Erscheinungstag:Fr, 07.08.2009
Bandnummer:25334
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Ausgeblutet von: ALEX KAVA

Über diesen Roman:

Quer durch die USA verschickt ein Wahnsinniger Briefe mit einem tödlichen Virus. Selbst vor dem FBI macht er nicht Halt. Ist Profilerin Maggie O’Dell auch infiziert? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt: Gelingt es, das Virus und den anonymen Täter aufzuhalten, ehe eine Epidemie ausbricht? Während die Ärzte verzweifelt nach dem richtigen Impfstoff suchen, muss Maggie aus ihrer Isolationszelle heraus ein psychologisches Profil des Killers erstellen, um ihn zu überführen. Denn während seine ersten Opfer bereits qualvoll verblutet sind, tauchen ständig neue grauenvolle Briefe auf...

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Leseprobe

Ausgeblutet

Maggie O'Dell beobachtete ihren Chef, Assistant Director Cunningham, wie er seine Brille zurechtrückte und den Karton voller Donuts, der vor seinem Büro stand, mit Argusaugen betrachtete, als wäre der Entschluss, zuzugreifen, eine Entscheidung auf Leben und Tod. Fairerweise musste sie einräumen, dass der Leiter der Verhaltensforschungsabteilung immer so aussah, wenn er seine Entscheidungen fällte. Es war sein typischer Gesichtsausdruck, der ihr seit jeher vertraut war. Dieses ernste Pokergesicht mit den Falten auf der Stirn und um seine durchdringend blickenden Augen. Und die Art, wie er sich mit dem Zeigefinger auf die dünne, fast unsichtbare Oberlippe tippte.

Er stand dort mit durchgedrücktem Rücken und leicht gespreizten Beinen, die gleiche Haltung, die er einnahm, wenn er seine Glock abfeuerte. Kaum eine halbe Stunde nach acht hatte er bereits die Ärmel seines vorbildlich gebügelten Hemdes aufgerollt, aber peinlich genau und ordentlich umgeschlagen. Schlank und durchtrainiert, könnte er wahrscheinlich das ganze Dutzend Donuts verspeisen, ohne dass es sich auf seinen schmalen Hüften bemerkbar machte. Lediglich sein grau meliertes Haar gab einen Hinweis auf sein Alter. Maggie hatte gehört, er könne spielend zwanzig Kilo mehr stemmen als seine Rekruten, obwohl er um die dreißig Jahre älter war als sie. Also konnten es wohl nicht die Kalorien sein, die sein Misstrauen hervorriefen.

Maggie blickte an sich herunter. In vieler Hinsicht hatte sich ihr Erscheinungsbild dem ihres Bosses angepasst. Gebügelte Hosen, ein kupferfarbenes Kostüm, das mit ihrem rötlichen Haar und den braunen Augen harmonierte, aber nicht zu auffällig war, eine aufrechte Haltung, die Selbstbewusstsein verriet. Manchmal, das wusste sie, übertrieb sie ein bisschen. Alte Gewohnheiten legte man schwer ab. Vor zehn Jahren, als aus der Medizinstudentin Maggie ein Special Agent geworden war, hing ihr Überleben in der Branche davon ab, inwieweit sie sich in die Gruppe der männlichen Kollegen einfügen konnte. Keine verrückte Frisur, wenig Make-up, maßgeschneiderte Kostüme, aber nicht zu figurbetont. Zwar war das FBI keine Behörde, die Frauen für ihre Attraktivität bestrafte, doch Maggie wusste sehr genau, dass man so etwas dort auch nicht gerade belohnte.

In letzter Zeit hatte sie allerdings bemerkt, dass ihre Kleidung ein bisschen locker an ihr herunterhing, nicht notwendigerweise ein Resultat ihres übertriebenen Versuchs, ihre Figur zu verbergen, sondern eher der Stress. Seit Juli hatte sie ihr Fitnessprogramm ziemlich gesteigert, vom Fünfkilometerlauf auf sechs Kilometer, dann weiter bis auf acht. Manchmal drohten ihr die Beine zu versagen, aber sie zwang sich, weiterzumachen. Ein klarer Kopf war das bisschen Muskelkater schon wert. Das redete sie sich jedenfalls ein.

Doch es ging nicht nur um Stress, sondern mehr um all die Fälle, die sich in den letzten Monaten so angesammelt hatten und ihr das Hirn vernebelten. Auf ihrem Schreibtisch stauten sich die Akten, und ein Fall im Besonderen, vom Juli, kletterte immer wieder an die oberste Stelle in diesem Stapel: ein ungelöster Mord in einer Toilette des O'Hare International Airport von Chicago. Ein Priester war erstochen worden, ein Priester namens Michael Keller, der Maggie schon seit vielen Jahren beschäftigt hatte.

Keller gehörte zu den sechs Pfarrern, die unter Verdacht standen, Jungen sexuell zu belästigen. Innerhalb von vier Monaten waren alle sechs ermordet worden, und jeder nach dem gleichen Schema. Der Mord an Keller im Juli war der letzte. Maggie wusste aus erster Hand, dass der Killer für immer mit dem Töten aufgehört hatte, dass er es versprochen hatte. Sie sagte sich auch, dass man nicht erwarten konnte, einen klaren Kopf zu haben, wenn man mit Mördern Geschäfte machte.

Das war die dunkle Seite dieses Nebels. Auf der hellen, oder zumindest der anderen Seite, gab es etwas, oder besser gesagt jemanden, der ihre Gedanken zu sehr beherrschte. Jemanden namens Nick Morrelli. Sie schob sich an Cunningham vorbei, griff nach einem mit Schokolade überzogenen Donut und biss hinein.
"Normalerweise schnappt mir Tully die mit Schokolade immer vor der Nase weg", sagte sie, als Cunningham sie mit hochgezogenen Augenbrauen ansah. Aber dann nickte er, als würde ihm ihre Erklärung einleuchten.
"Wo ist er denn überhaupt?", wollte sie wissen. "Er hat in einer Stunde einen Gerichtstermin."
Eigentlich lag es ihr nicht, ihre Kollegen zu kontrollieren, aber wenn Tully nicht hinging, um seine Aussage zu machen, dann blieb es an ihr hängen, und heute wollte sie ausnahmsweise frühzeitig gehen. Sie hatte nämlich Pläne fürs Wochenende. Sie und Detective Julia Racine wollten wieder einen Ausflug nach Connecticut machen. Julia, um ihren Vater zu besuchen, und Maggie, um sich mit einem gewissen Gerichtsanthropologen namens Adam Bonzado zu treffen, der hoffte, Maggie von den Blumensendungen mit Karten, E-Mails und Nachrichten auf ihrem Anrufbeantworter ablenken zu können, mit denen sie ein äußerst hartnäckiger Nick Morrelli in den vergangenen fünf Wochen bombardiert hatte.
"Der Gerichtstermin ist verlegt worden", erklärte Cunningham, als Maggie schon fast wieder vergessen hatte, worüber sie eigentlich sprachen. Es musste ihr wohl anzusehen sein, denn Cunningham fuhr fort: "Tully hatte eine wichtige familiäre Angelegenheit zu regeln."
Cunningham entschied sich für einen Donut mit Guss. Während er seinen Blick immer noch prüfend auf den Inhalt der Schachtel gerichtet hielt, fuhr er fort: "Du weißt ja, wie das ist, wenn Kinder in die Pubertät kommen."
Maggie nickte, aber eigentlich wusste sie es nicht. Ihre Familienpflichten beschränkten sich auf einen weißen Labrador Retriever namens Harvey, der ganz zufrieden war, wenn er zweimal täglich gefüttert und möglichst oft hinter den Ohren gekrault wurde und wenn ihm ein Plätzchen am Fußende ihres riesigen Bettes gehörte. Heute Nachmittag würde er ausgestreckt und glücklich auf dem Lederrücksitz von Julia Racines Saab liegen und es genießen, dass er dabei sein durfte.

Sie fragte sich, welche Erfahrungen Cunningham in dieser Beziehung hatte. Sie konnte sich nicht erinnern, dass ihr Boss jemals wegen einer "familiären Angelegenheit" zu spät gekommen wäre. Nach den zehn Jahren, die Maggie mit ihm zusammenarbeitete, wusste sie nichts über die Familie des stellvertretenden Leiters. Auf seinem aufgeräumten Schreibtisch fanden sich keine Fotos, nichts in seinem Büro gab irgendwie Aufschluss. Es war ihr bekannt, dass er verheiratet war, hatte aber seine Frau nie kennengelernt. Maggie wusste noch nicht einmal ihren Namen. Es war nun mal so, dass sie nicht zu denselben Weihnachtsfeiern eingeladen wurden, geschweige denn, dass Maggie überhaupt zu irgendwelchen Weihnachtsfeiern ging.

Cunningham behandelte sein Privatleben als genau das, was es war – privat. Und in vielerlei Hinsicht handhabte Maggie es genauso. Auf ihrem Schreibtisch standen ebenfalls keine Fotos. Während ihrer Scheidung hatte sie auf ihrer Arbeitsstelle nie ein Wort darüber verloren. Wenige Kollegen wussten überhaupt, dass sie verheiratet gewesen war. Diesen Teil ihres Lebens trennte sie vom Job. Das musste sie tun. Aber für Greg, ihren Exmann, stellte das einen Beweis für die Lage der Dinge dar, ein weiterer Grund für die Scheidung.
"Wie kannst du jemanden lieben und einen so wichtigen Teil deines Lebens aussparen?"
Darauf hatte sie keine Antwort gehabt. Sie war nicht in der Lage gewesen, es ihm zu erklären.
Manchmal wurde ihr klar, dass sie diese Unterscheidung nicht einmal besonders gut beherrschte. Sie wusste nur, dass sie als jemand, der kriminelles Verhalten analysierte und kategorisierte, jemand, der täglich dem Bösen nachjagte, der Stunden damit verbrachte, sich in den Kopf von Killern hineinzuversetzen, diesen Teil seines Lebens vom Privaten trennen musste, um nicht zu zerbrechen. Das schien ein geeignetes Oxymoron zu sein: etwas trennen, um ganz zu bleiben.
Sie fragte sich, ob Cunningham das seiner Frau hatte erklären müssen. Wenn ja, war er offensichtlich mit seiner Argumentation erfolgreicher gewesen als Maggie. Ein Grund mehr, um sich seine verschlossene Art anzueignen.
Nein, Maggie wusste nicht, wie Cunninghams Frau hieß und ob er Kinder hatte, welches sein Lieblings-Footballteam war und ob er an Gott glaubte. Und das war es auch, was sie an ihm bewunderte. Letztendlich konnte man umso weniger verletzt werden, je weniger die anderen von einem wussten. Das war eine der seltenen Möglichkeiten, Schaden von sich abzuwenden, etwas, das Maggie sehr schmerzlich hatte erfahren müssen, etwas, das sie leider nur zu gut gelernt hatte. Nach ihrer Scheidung hatte sie niemanden mehr zu dicht an sich herangelassen. Es war nicht notwendig, Privat- und Berufsleben zu trennen, wenn es kein Privatleben gab.
"Warte." Cunningham umfasste Maggies Handgelenk, bevor sie ein zweites Mal abbeißen konnte.
Er warf seinen Donut auf den Tresen und zeigte in die Schachtel. Maggie erwartete schon, eine Kakerlake oder ähnlich Schreckliches zu sehen. Stattdessen erblickte sie lediglich die Ecke eines weißen Umschlags ganz unten am Boden des Kartons. Durch das Loch eines Donuts konnte sie Teile einer Blockschrift erkennen. Unter den Agents war eine Schachtel mit Donuts ein beliebtes Geschenk, wenn man jemandem zu irgendwas gratulieren wollte. Wenn sich also darin eine Karte in einem Umschlag befand, sollte das niemanden beunruhigen.
"Weiß einer von euch, wer diese Schachtel mit den Donuts gebracht hat?", erkundigte sich Cunningham laut genug, sodass jeder ihn hörte, bemühte sich jedoch, die Sorge, die Maggie in seinem Blick lesen konnte, nicht durchklingen zu lassen.
Einige hoben die Schultern, manche murmelten ein "Nein". Alle machten mit ihrer Arbeit weiter. Hier gehörte keiner zur schüchternen Sorte. Wenn einer von ihnen es verdient hätte, hätte er sicher die Anerkennung entgegengenommen. Aber wer auch immer diese Schachtel mit dem Gebäck gebracht hatte, war wieder gegangen, und diese Erkenntnis verursachte bei Cunningham ein nervöses Zucken im linken Auge.

Er zog einen Kuli aus seiner Brusttasche und schob ihn in das Loch des Donuts, um ihn vorsichtig anzuheben und den Brief freizulegen. Maggie kam es verdächtig vor, dass man ihn unter die Donuts gelegt hatte, sodass er erst gefunden würde, wenn fast alles bereits aufgegessen wäre. Plötzlich hatte sie einen bitteren Geschmack im Mund. Es war nur ein Bissen, sagte sie sich. Dann fragte sie sich sofort, wie viele ihrer Kollegen bereits mehrere davon gegessen hatten.
"Manchmal schickt jemand aus einer anderen Abteilung eine Schachtel mit einer Gratulationskarte", bemerkte sie in der Hoffnung, dass sich ihre Annahme als richtig herausstellen würde.
"Das hier sieht nicht nach einer Gratulationskarte aus." Cunningham hob mit spitzen Fingern eine Ecke des Briefes an.
MR. F.B.I.-AGENT stand da auf der Mitte des Umschlags in einer Schrift, als hätte ein Erstklässler sich im Schreiben von Blockschrift geübt.
Cunningham legte den Umschlag so vorsichtig auf den Tresen, als habe er etwas Zerbrechliches in der Hand. Dann trat er einen Schritt zurück und blickte sich wieder um. Ein paar Agents warteten vor dem Fahrstuhl. Cunninghams Sekretärin Anita nahm den Hörer des Telefons ab, als es klingelte. Niemand achtete auf den Chef, dem man, abgesehen von winzigen Schweißtröpfchen auf der Oberlippe, die aufkommende Panik nicht anmerkte.
"Milzbranderreger?", fragte Maggie leise.
Cunningham schüttelte den Kopf. "Der Umschlag ist nicht versiegelt. Nur die Lasche eingeschoben."
Der Fahrstuhl klingelte und lenkte beide kurz ab.
"Für eine Bombe ist er zu flach", stellte Maggie fest.
"An der Schachtel ist auch nichts befestigt."
Ihr fiel auf, dass sie redeten, als versuchten sie ein harmloses Kreuzworträtsel zu lösen.
"Was ist mit den Donuts?", fragte Maggie schließlich. Der eine Bissen lag ihr wie ein Stein im Magen. "Meinst du, sie sind vergiftet?"
"Könnte möglich sein."
Ihr Mund wurde trocken. Sie hoffte, ihr Verdacht würde sich als ungerechtfertigt erweisen. Es könnte ein Scherz unter Kollegen sein. Das schien eigentlich naheliegender, als dass ein Terrorist sich Einlass nach Quantico verschafft hatte und bis in die Abteilung für Verhaltensforschung vorgedrungen war.
Nachdem Cunningham beschlossen hatte, den Brief zu öffnen, dauerte es nur zwei Sekunden – vielleicht auch drei –, bis er die Lasche vorsichtig mit einem Buttermesser herausgezogen hatte. Wieder nur mit spitzem Zeigefinger und Daumen zog er das darin liegende Papier heraus. Es war einmal in der Mitte gefaltet und zu beiden Seiten noch einmal etwa einen Zentimeter eingeschlagen.
"Apothekerfaltung", bemerkte Maggie, und wieder zog sich ihr der Magen zusammen. Cunningham nickte. In Zeiten vor den praktischen Plastikschachteln hatten die Apotheker Medizin in einfaches weißes Papier gelegt und so gefaltet, dass Pillen oder Puder nicht herausrutschten, wenn man den Umschlag öffnete. Maggie war es nur aufgefallen, weil sie das von dem Anthrax-Killer-Fall gelernt hatte. Jetzt fragte sie sich, ob sie nicht zu voreilig gewesen waren, den Umschlag einfach zu öffnen.
Cunningham nahm das Papier, ohne die Faltung an den Seiten zu öffnen, und schob die Enden ein Stück zusammen, um zu sehen, was sich darin befand. Kein Puder oder irgendwelche anderen Stoffe. Maggie sah lediglich dieselbe Blockschrift, mit der auch der Umschlag beschrieben war, diese merkwürdige Handschrift, die wie die eines Kindes aussah.
Cunningham öffnete das Papier mit seinem Kugelschreiber. Es waren kurze, einfache Sätze, untereinander angeordnet.

SAGT GOTT ZU MIR.
HEUTE WIRD ETWAS ZUSAMMENBRECHEN.
IN DER ELK GROVE 13949.
UM ZEHN UHR MORGENS.
DAS SOLLTET IHR NICHT VERSÄUMEN.
ICH BIN GOTT.
PS: EURE KINDER SIND NIRGENDS MEHR SICHER.

Cunningham warf einen Blick auf seine Armbanduhr, dann sah er Maggie an. "Wir brauchen ein Bomben- und ein Sondereinsatzkommando", sagte er vollkommen beherrscht. "Wir sehen uns in fünfzehn Minuten draußen am Eingang." Dann drehte er sich um und ging in sein Büro zurück, so lässig, als würde er sich auf einen ganz alltäglichen Einsatz vorbereiten.