DIE VALENTINSÜBERRRASCHUNG
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Leseprobe
... AUS DEM ROMAN "DIE VALENTINSÜBERRASCHUNG" von Shannon Donnelly
1. KAPITEL
"So, das war der letzte Stich. Und es sieht vollkommen aus, Dorothea … absolut vollkommen. Nie hat eine Braut ein hübscheres Hochzeitskleid besessen."
"Glaubst du wirklich, Phoebe?" Sich nach allen Seiten drehend, betrachtete Dorothea ihre Erscheinung im Spiegel. "Ich muss sagen, für ein selbst geschneidertes Kleid sieht es in der Tat sehr gut aus."
"Es ist vollkommen", wiederholte Phoebe zufrieden. Auf dem Boden kniend, setzte sie sich nun zurück auf die Fersen, um das himmlische Gewand aus Gaze und Tüll ihrer Schwester zu bewundern. "Gewiss hätte keine Londoner Schneiderin bessere Arbeit leisten können als wir beiden. Wenn du nicht heiraten würdest, könnten wir mit diesem Kleid als Ausstellungsstück ein Geschäft eröffnen und damit unser Vermögen machen! 'Geschwister Fairchild Modeatelier'. Ja, das klingt gut, findest du nicht? Ich werde Gus sagen müssen, dass seine Absicht, dich zu ehelichen, meine geschäftli-chen Pläne empfindlich behindert."
Dorothea lachte, dann blickte sie sich erneut im Spiegel an. "Es fällt mir schwer zu glauben, dass ich Gus morgen tatsächlich heiraten werde, Phoebe", gestand sie. "Noch bei unserer Verlobung schien es mir, als würde dieser Tag nie kommen. Dass er nun bevorsteht, erscheint mir so unwirklich wie ein Traum."
"Also, ich will wohl hoffen, dass dein Traum der Wirklichkeit entspricht", sagte Phoe-be fröhlich. "Sonst hätten wir ein wunderschönes Kleid, einen herrlichen Hochzeits-kuchen und eine stattliche Anzahl Hochzeitsgeschenke, mit denen wir nichts anzu-fangen wüssten."
Sie stand auf und löste die Schleife ihrer Schürze, die sie über dem gelben Wollkleid trug. Fast ebenso groß gewachsen wie ihre Schwester, glich sie ihr auch im Ausse-hen. Beide Mädchen hatten von langen Wimpern beschattete dunkle Augen, ein herzförmiges Gesicht und braunes Haar, das sich üppig lockte. Dorothea ws Figur war ein wenig üppiger als Phoebes, ihr Gesicht war runder, sanfter gezeichnet. Der größte Unterschied zwischen ihnen lag indes in Phoebes Augen. In denen glitzerte nämlich der Schalk. Dieses schelmische Funkeln stand auch jetzt in ihrem Blick, als sie ihre ältere Schwester prüfend musterte.
"Sag mir nicht, du willst in letzter Minute einen Rückzieher machen, Dorry!", meinte sie. "Aber auch diese Medaille hat zwei Seiten, wie es so schön heißt. Wenn du dich entschließt, den armen Gus letztendlich doch nicht zu heiraten, könnte ich deine Hochzeitsrobe auf dem Dorffest morgen Abend tragen. Damit wäre ich zweifellos die Ballkönigin!"
Dorothea blickte entsetzt drein, dennoch konnte sie sich das Lächeln nicht ganz ver-kneifen. "Natürlich werde ich keinen Rückzieher machen!", sagte sie. "Du beliebst wohl zu scherzen, Phoebe. Ich wollte lediglich zu verstehen geben, wie unfassbar es mir erscheint, mich morgen mit Gus zu vermählen. Von meinem Hochzeitstag habe ich so lange geträumt, nun ist er tatsächlich gekommen."
"Morgen", stimmte Phoebe zu, während sie Nadel, Faden und Schere aufhob. "Am Valentinstag. Großtante Gertrude bezeichnete es gestern Abend als ausgesprochen sonderbar, sich ausgerechnet den Februar für eine Hochzeit zu wählen. Sie meinte, du und Gus hätten besser daran getan, bis zum Frühling zu warten."
Ein aufmüpfiger Ausdruck trat in Dorotheas Augen. "Das ist gar nicht sonderbar! Ich ziehe es vor, jetzt zu heiraten, statt bis zum Frühling zu warten. Der Valentinstag ist ein besonderer Tag für mich. Am Valentinstag im letzten Jahr hat sich Gus in mich verliebt."
"Vermutlich kannst du mir sogar die genaue Stunde nennen", meinte Phoebe in ne-ckendem Ton.
Dorothea nickte feierlich. "Das kann ich tatsächlich. Ich war in dieser Woche bei den Kettlewells zu Gast. Wir Mädchen unterhielten uns über den Valentinstag. Es war der Abend davor, und Johanna Kettlewell erzählte von einem alten Brauch, wonach der Mann, dem ein Mädchen am Valentinstag zuerst begegne, für das kommende Jahr als sein Valentinsschatz gelte. Nun, ich wusste bereits, wie sehr ich Gus Early moch-te, mehr als die anderen Gentlemen, also vertraute ich mich Johanna an. Früh am nächsten Morgen gingen wir zusammen hinunter. Ich hielt die Augen sorgsam ge-schlossen, während sie mich führte. Sie brachte mich in den Salon, schloss die Tür und achtete darauf, dass niemand eintrat, bis sie Gus allein in die Halle kommen sah. Daraufhin gab sie mir ein Zeichen, ich kam heraus und erklärte ihm, dass er mein Valentinsschatz sei. Von da an war er sehr aufmerksam mir gegenüber. Womit ich meine, dass er mir mehr Aufmerksamkeit schenkte, als es die Höflichkeit gebot."
"Fürwahr?", sagte Phoebe. Ihre Stimme klang immer noch neckend, die Augen hatte sie indes gebannt auf ihre Schwester gerichtet.
"Fürwahr, ja", bestätigte Dorothea ernst. "Ich denke, hinter diesen alten Traditionen steckt manchmal mehr, als die Menschen glauben wollen. Du wirst natürlich über mich lachen, dennoch bin ich mir gewiss, hätte ich Gus nicht zu meinem Valentinss-chatz gemacht, hätte er sich nie in mich verliebt."
Phoebe lachte nicht. Mit gedankenverlorenem Blick räumte sie ihre Nähutensilien fort.
Am späten Nachmittag, als sie sich zum Dinner umzog, stand der gedankenvolle Ausdruck noch immer in ihren Augen. Die Fairchilds waren eine gut situierte Familie, wenn auch weit davon entfernt, sich wohlhabend nennen zu können. So musste Phoebe sich ohne Hilfe ankleiden, wenn sie nicht eine ihrer jüngeren Schwestern davon überzeugen konnte, ihr zur Hand zu gehen. Noch drei jüngere Schwestern hatte sie. Tina, die Nächstälteste nach ihr, zählte siebzehn Jahre und musste sich ebenfalls fürs Dinner vorbereiten. Also hatte sie ihre beiden jüngsten Schwestern Anthea und Allegra um Unterstützung gebeten. Allerdings mangelte es den elfjähri-gen Zwillingen, die noch die Schulbank drückten, häufig an Zuverlässigkeit. Heute waren beide zudem verstimmt darüber, dass ihre Mutter es ihnen verwehrte, mit den anderen zu speisen. Dieses Privileg wurde ihnen gewöhnlich gewährt, wenn die Fa-milie unter sich war. Wegen Dorotheas bevorstehender Hochzeit hatten sie jedoch Gäste. Mr. Augustus Early, der glückliche Bräutigam, den alle nur Gus nannten, wür-de ihnen mit seinen Eltern Gesellschaft leisten. Auch einige Freunde und Verwandte, welche eine weite Anreise auf sich genommen hatten, um der Hochzeit beizuwoh-nen, würden am Tisch sitzen und die Gastfreundschaft der Fairchilds in den nächsten Tagen in Anspruch nehmen.
"Das ist nicht gerecht", beschwerte sich Anthea, während sie sich Phoebes Schal über die Schultern drapierte und im Spiegel bewunderte. "Ich kann einfach nicht ver-stehen, warum wir nicht unten speisen dürfen. Du, Tina und Dorothea dürfen es ja auch."
"Immer wird uns der ganze Spaß verwehrt", klagte Allegra, während sie geschäftig in Phoebes Retikül stöberte. "Anthea und ich sind elf Jahre alt. Mit elf Jahren sind wir wahrlich alt genug, um unten am Dinner teilzunehmen, selbst wenn wir Gäste haben. Denkst du nicht auch, Phoebe?"
Erwartungsvoll schauten beide die ältere Schwester an. Aber Phoebe schien sie gar nicht gehört zu haben. Mit kritischen Blicken betrachtete sie prüfend ihr Spiegelbild. Erst als Allegra sie anstieß, schreckte sie auf und wirbelte herum. "Wie bitte? Was meint ihr?", fragte sie, von einer Schwester zur anderen blickend. "Allegra, was tust du den da? Hör auf, in meinem Retikül zu kramen!"
"Bitte sehr", sagte Allegra und legte das Täschchen ab. "Aber Anthea und ich wollten wissen, ob du nicht auch findest, dass wir alt genug sind, um mit Gästen zu speisen. Glaubst du nicht auch, mit elf Jahren ist man alt genug dafür?"
"Ihr zwei wollt unten speisen?", meinte Phoebe ungläubig. "Macht euch nicht lächer-lich. Erinnert euch doch nur daran, was das letzte Mal geschehen ist, als wir Gäste hatten und Mama euch erlaubte, mit uns zu dinieren. Ihr habt den ganzen Käseku-chen aufgegessen, noch bevor ein anderer zugreifen konnte. Nicht einmal ein Stück habt ihr für die anderen übriggelassen. Dann hat Anthea auch noch ihr Glas ver-schüttet, das Wasser lief über das ganze Tischtuch."
"Das war ein Versehen", sagte Anthea.
"Heute Abend essen wir auch ganz bestimmt nicht den ganzen Käsekuchen auf", fügte Allegra hinzu. "Damals war ich erst zehn, da wusste ich es noch nicht besser."
"Nun, selbst wenn du es jetzt besser wüsstest, glaube ich nicht, dass Mama dies ris-kieren würde. Außerdem ist tatsächlich kein Platz für euch am Tisch. Es ist bereits fast zu eng, mit Großtante Gertrude, Onkel Andrew, Tante Lydia und Cousine Phyllis, die bei uns zu Besuch sind. Auch Gus wird uns natürlich mit seinen Eltern beehren. Und ich glaube … ich denke, auch Mr. Harris wird uns heute Abend Gesellschaft leis-ten."
Bei der Erwähnung des letzten Namens hatte sich ein befangener Ton in Phoebes Stimme geschlichen. Ihre Schwestern bemerkten es nicht, obwohl Anthea der Form halber fragte: "Wer ist Mr. Harris?"
"Oh, ihr habt Mr. Harris wahrscheinlich noch nicht kennengelernt, Mädchen. Er war bei uns noch nicht zum Dinner, aber ich bin ihm schon einige Male bei den Earlys begegnet. Er ist einer von Gus' ältesten Freunden, er wird morgen sein Trauzeuge sein."
"Nein, ich kenne ihn nicht", sagte Anthea. "Aber ich habe ihn schon gesehen. Heute Morgen als Gus kam, um mit Dorothea zu sprechen, hat er ihn begleitet. Er hat einen Backenbart und sein Haar lockt sich auf hübsche Weise wie das eines Mädchens."
"Das tut es nicht!", rief Phoebe entrüstet. "Ich finde, er trägt sein Haar ausgespro-chen elegant."
"Er hat Locken wie ein Mädchen", wiederholte Anthea. Kichernd begann sie zu sin-gen: "Mr. Harris hat Locken wie ein Mädchen. Mr. Harris hat Locken wie ein Mäd-chen."
"Anthea!", brauste Phoebe auf. "Wenn du noch ein weiteres Wort gegen Mr. Harris sagst, werde ich dafür sorgen, dass du frühestens mit achtzehn wieder unten mit uns speisen darfst, vielleicht sogar besser erst mit zwanzig!"
"Phoebe ist in Mr. Harris verliebt", bemerkte Allegra scharfsinnig. "Deshalb will sie nicht, dass du dich über seine Locken lustig machst."
"Phoebe mag Männer mit Locken wie Mädchen", neckte Anthea. "Sie findet sie aus-gesprochen elegant."
Die Wangen blutrot, gelang Phoebe dennoch ein Lachen. "Nun werdet ihr fürwahr albern, Mädchen. Natürlich bin ich nicht in Mr. Harris verliebt. Ich kenne ihn ja kaum." In bester Älterer-Schwester-Manier fuhr sie fort: "Ich muss sagen, ich bin mit Mama einer Meinung. Ihr beiden solltet heute Abend tatsächlich euer Dinner besser im Kin-derzimmer verzehren. Ihr würdet uns nämlich alle in ziemliche Verlegenheit bringen, wenn ihr solch kindische Sachen über Mr. Harris bei Tisch äußert."
Wie sie gehofft hatte, lenkte dieser Vortrag ihre Schwestern ab und rief ihnen ihren vorherigen Verdruss wieder in Erinnerung. "Das würden wir doch nicht tun", sagte Allegra. "Bei Tisch würden wir solche Dinge natürlich niemals erwähnen."
"Wir sind alt genug, um das zu wissen", fügte Anthea hinzu. "Ich muss schon sagen, ich finde es nicht gerecht. Tina darf am Dinnertisch speisen, und sie ist erst siebzehn. Sie ist bloß sechs Jahre älter als Allegra und ich."
Während Phoebe sich ankleidete und letzte Hand an ihre Frisur anlegte, ließen sich die beiden weiter darüber aus, wie ungerecht die Entscheidung ihrer Mutter doch sei. Aber Phoebe hörte den beiden kaum zu. Ihre Gedanken kreisten um Mr. Randolph Harris. Sie fragte sich, ob er bei dem Dinner heute Abend wohl anwesend sein wür-de.
Natürlich war sie nicht in ihn verliebt. Diese Bemerkung ihrer Schwestern war lächer-lich. Wie konnte sich ein Mädchen in einen Mann verlieben, mit dem es kaum mehr als ein Dutzend Mal gesprochen hatte? Noch dazu, da sich diese Gespräche auf Sätze beschränkten wie "Guten Morgen", "Guten Abend" und "Wie geht es Ihnen?" Das war, wie Phoebe sich noch einmal selbst versicherte, einfach lachhaft. Gut, sie konnte nicht abstreiten, dass sie in Mr. Harris' Gesellschaft etwas verspürte, das sie noch nie zuvor in Gegenwart eines Mannes verspürt hatte. Jede noch so kleine Äu-ßerung von ihm schien eine Botschaft in sich zu tragen, die weit über die bloßen Worte hinausging. Wenn er sie aus dunklen Augen grüblerisch anblickte, während er mit wundervoller Baritonstimme fragte: "Wie geht es Ihnen, Miss Phoebe?", dann geriet sie regelrecht ins Stottern.
Solche Gelegenheiten ließen sie vermuten, sie wäre vielleicht auf dem besten Weg, sich in Mr. Harris zu verlieben, so lächerlich dieser Gedanke auch sein mochte. Wohl nur die Liebe konnte eine solch dumme Schüchternheit in ihr hervorrufen. Schließlich unterhielt sie sich mit den anderen Herren ihrer Bekanntschaft ohne jegliche Schwie-rigkeit. Tatsächlich hielt man sie allgemein sogar für ein scharfsinniges, kluges Mäd-chen, das sich in jeder Gesellschaft sicher zu bewegen wusste. Doch sobald Mr. Har-ris auftauchte, fiel alle Sicherheit von ihr ab. Das hatte sich bei zahlreichen Anlässen in den letzten Jahren erwiesen.
So gesehen nahm es denn auch nicht wunder, wenn Mr. Harris ihr bis zum heutigen Tage kaum einen Blick geschenkt hatte. Selbstverständlich war er höflich, wenn sie sich trafen, aber er hatte auch deutlich gemacht, dass er sie für ein Kind hielt, das seiner besonderen Aufmerksamkeit nicht wert war. Auch dies war wohl nicht unge-wöhnlich, da Mr. Harris bereits mindestens dreiundzwanzig Jahre zählte und ein in-tellektueller Mann von hoher Bildung und ausgesuchter Eleganz war. Seine Garde-robe war ausgesprochen aufsehenerregend. Nie trug er schlichte Krawattentücher oder langweilige Gehröcke wie die anderen Herren, sondern auffallend schicke Wes-ten, farbenfrohe Fräcke und Halstücher, die sich kunstvoll und voluminös bauschten..
Indes war seine Kleidung nicht das einzig Außergewöhnliche an ihm. Zugleich war er fraglos der attraktivste Mann, den Phoebe je erblickt hatte. Groß und dunkel, mit Ba-ckenbart und edlen Gesichtszügen. In seinen melancholischen Augen schien das Wissen der Welt zu liegen. Sein braunes Haar war in der Tat lockig, aber keinesfalls "wie bei einem Mädchen", versicherte sich Phoebe. Vielmehr fiel es ihm in sanften Wellen in die Stirn, auf solch romantische Art und Weise, die man mit Worten nicht beschreiben konnte.
Mr. Harris umgab fürwahr eine romantische Aura, die ihn von den anderen Herren ihrer Bekanntschaft unterschied, mehr noch sogar als seine äußere Erscheinung. Auf den ersten Blick konnte man erkennen, dass er keinen solch prosaisch nüchternen Beruf ausübte wie Pastor, Offizier oder Notar. Tatsächlich musste er das auch nicht, da er ein Anwesen im Norden Englands geerbt hatte, was ihm das Leben eines Gentleman, ein Leben im Müßiggang, gestattete. Phoebe hatte einige Erkundigun-gen eingeholt, allesamt bestätigten ihren Eindruck, dass Mr. Harris der vollkommene Mann für sie war. Das einzig Unvollkommene an ihm war, dass er sie nicht für eben-so vollkommen zu halten schien. Doch daran gab sie ihm keine Schuld. Ein solch unvergleichlicher Mann musste sie ja für gewöhnlich halten. Sie war ein bloßes Kind verglichen mit ihm, war nie in den Genuss gekommen zu reisen, sich zu bilden oder auch nur eine Saison lang in London zu weilen, die ihr städtisches Flair verlieh. Sie besaß kein besonderes Vermögen und wenn auch leidlich hübsch, war sie keines-wegs eine unvergleichliche Schönheit, ganz zu schweigen von der außerordentlich verdrießlichen Tatsache, dass sie in seiner Gegenwart nicht einmal in der Lage war, durch den klugen Verstand, den Gott ihr mitgegeben hatte, zu glänzen.
Allerdings hatte Phoebe sich geschworen, all dies zu ändern. Mit nunmehr neunzehn Jahren war sie fast ebenso groß wie Dorothea, und mit der neuen Frisur, so meinten alle, würde sie auch sehr viel hübscher aussehen. Zwei Jahre schon hatte sie das Schulzimmer hinter sich gelassen, also würde sie wohl kaum mehr Selbstbewusst-sein entwickeln, als sie jetzt besaß. Noch während Gus ihr erzählte, der unvergleich-liche Mr. Harris würde bei der Hochzeit sein Trauzeuge sein, hatte sie beschlossen, dieses Mal Eindruck auf ihn zu machen. Allerdings keinen x-beliebigen Eindruck, wie sie sich in Erinnerung rief, sondern einen guten Eindruck. Ein schlechter Eindruck wäre schlimmer, als gar keinen Eindruck zu hinterlassen. Deshalb hatte sie beson-ders viel Zeit damit verbracht, ihr Haar zu frisieren und ihr Kleid auszuwählen. Au-ßerdem hatte sie einige kluge Dinge einstudiert, die sie sagen könnte, wenn sich heute Abend die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Mr. Harris ergab.
Sie erhob sich von ihrem Stuhl vor dem Frisiertisch und betrachtete sich im Stand-spiegel. Ihr kurzärmeliges Kleid mit dem rosaroten Blütenmuster war keinesfalls auf-sehenerregend, aber es sah hübsch aus und schmeichelte ihr. Das rosarote Band, das sie in ihre braunen Locken geflochten hatte, passte sowohl zur Farbe ihres Klei-des wie auch zur Röte ihrer Wangen. Sie wünschte, statt der Korallenkette würde ein edleres Geschmeide ihren Hals zieren, doch im Haushalt der Fairchilds gab es nur wenige wertvolle Schmuckstücke, die an diesem Abend sämtlich von Dorothea und ihrer Mutter getragen werden würden. Und so soll es auch sein. Denn schließlich ist es ein besonderer Abend für sie, mehr noch als für mich, mahnte sich Phoebe.. Den-noch hätte sie gerne das Perlencollier und die dazu passenden Ohrringe getragen oder Mutters Topasgeschmeide. Durch die Korallenkette wirkte sie leider schauder-haft jung und, wie sie fürchtete, ein wenig naiv.
Nun, dann muss ich Mr. Harris eben zeigen, dass ich gebildeter bin, als ich aussehe. Ich werde seine Bewunderung mit meinem Verstand und Charme gewinnen. Tief in ihrem Herzen indes glaubte sie jedoch nicht daran, denn in seiner Gegenwart hatte sie bisher kaum Charme und Verstand versprüht. Sie wünschte, es gäbe einen einfa-cheren Weg, ihn für sich einzunehmen. Dann fiel ihr Dorotheas Erzählung ein, wie sie am Morgen des Valentinstages auf Gus gewartet hatte. Mit dieser List hatte ihre Schwester nicht nur die Aufmerksamkeit von Gus gewonnen, er hatte ihr schließlich sogar einen Heiratsantrag gemacht. Natürlich hatte dies nicht nur das Befolgen eines altmodischen, dummen Brauchtums bewirkt. Aber immerhin hatten sie dadurch ihre Liebe füreinander entdeckt. Und ich werde gewiss nicht über etwas spotten, das den Beginn einer Liebesbeziehung zwischen Mr. Harris und mir möglich machen könnte, dachte Phoebe.
Jedoch wohnte Dorothea damals als Gast im selben Haus wie Gus, rief sie sich in Erinnerung. Mr. Harris hingegen logierte bei den Earlys, nicht bei ihnen. Wie sollte sie es da bloß anstellen, ihm morgen in der Früh zu begegnen? Da müsste sie eben-falls bei den Earlys zu Gast sein.
Da dies jedoch unmöglich zu bewerkstelligen war, wandte sich Phoebe wieder ihrem Spiegelbild zu. Sie zupfte eine Locke über dem Ohr zu Recht, glättete ihren Rock und nahm der protestierenden Anthea ihr Schultertuch ab. "Ich brauche es doch, du dummes Ding. Im Speisezimmer ist es kühl, und mein Kleid hat kurze Ärmel."
"Wenn es dir im Speisezimmer nicht gefällt, nehme ich gerne deinen Platz ein", bot Allegra großzügig an.
Phoebe lachte. "Nein, da wird kein Schuh draus! Ich werde es im Speisezimmer schon aushalten, auch wenn es dort kühl ist."
"Ihre Bewunderung für Mr. Harris wird sie gewiss wärmen", sagte Anthea schelmisch.
Phoebe fühlte die Röte in ihre Wangen steigen. "Guten Abend, Mädchen", erwiderte sie knapp, während sie hastig das Zimmer verließ, ohne sich die Mühe zu machen, das Tuch um ihre Schultern zu legen.


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