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Heiratsantrag in Cannes - Kapitel 8
"Heirate mich", wiederholte Carlo, dieses Mal noch eindringlicher.
Es waren die schönsten Worte, die Estrella in ihrem ganzen Leben gehört hatte. Er kannte ihre Träume und Ziele und wollte trotzdem sein Leben mit ihr teilen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, als sie ihm antwortete: "Ich kann nicht."
Seine Hände umschlossen ihre Arme. "Warum nicht?"
"Ich wäre eine schreckliche Ehefrau."
"Das glaube ich nicht!"
Sie küsste ihn zart auf den Mund. "Doch, besonders für einen Gabellini. Ihr seid eine wohlhabende und einflussreiche Familie, genau wie die Galváns in Argentinien. Ihr alle repräsentiert etwas, das ich nicht mehr will!"
"Cara …"
"Nein, Carlo!" Ihre Augen brannten vor ungeweinten Tränen. "Bitte diskutiere nicht weiter mit mir. Es würde alles nur noch schlimmer machen. Wir haben unterschiedliche Ziele im Leben!"
Die zwischen ihnen entstandene Spannung war beinahe unerträglich, als Carlo und Estrella nach Cannes zurückfuhren. Vor dem Carlton brachte er den Wagen zum Stehen und wandte sich mit grimmigem Gesichtsausdruck an Estrella. "Ich kann nicht verstehen, warum du glaubst, unsere Ehe könnte nicht funktionieren."
"Was zwischen uns ist, wird keinen Bestand haben. Es ist unmöglich!" Ihre Augen wurden feucht. "In weniger als einer Woche wird Cannes wieder sein Alltagsgesicht zeigen. Die Poster werden verschwinden, die roten Teppiche aufgerollt, und all die Besucher werden nicht mehr die Straßen bevölkern. Unsere Beziehung ist ein Teil des im Augenblick herrschenden Zaubers, aber das ist nicht die wirkliche Welt, zumindest nicht meine Welt. Die ist in Tamil Nadu."
Ihre Worte ließen Carlo erbleichen. Deutlich konnte Estrella die Angst, sie zu verlieren, in seinen Augen lesen.
"Du musst nicht unbedingt nach Indien gehen, um den Kindern zu helfen. Zum Beispiel könntest du hier Hilfsfonds gründen. Es ist ohne Weiteres möglich, die Menschen auf das Schicksal der Kinder aufmerksam zu machen, auch wenn du nicht ständig vor Ort bist."
"Nur wenn ich dort bin, kann ich bestimmen, was mit den Spenden geschieht, und ob das Geld auch den Kindern zugutekommt. Es reicht nicht nur zu hoffen, dass alles gut geht. Ich muss mich selbst darum kümmern."
Carlo presste die Lippen zusammen. "Du gibst uns einfach keine Chance!"
Die ersten Tränen kullerten über ihre Wangen. Mit einer schnellen Bewegung wischte Estrella sie fort. "Ich kann einfach nicht, Carlo. Aber ich liebe dich. Ich werde dich immer lieben!"
"Dann trennen sich unsere Wege nun also?"
Estrella fühlte sich so elend wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Es tat unendlich weh, aber sie hatte versprochen, sich für die Waisenkinder einzusetzen. "Wie wäre es, wenn wir auf ein Wiedersehen hoffen?"
"Das ist mir zu unbestimmt."
"Gut, dann nicht." Sie beugte sich zu Carlo hinüber, um ihn ein letztes Mal zu küssen. Seine Stärke, Wärme und Großzügigkeit würden ihr immer im Gedächtnis bleiben. "Niemals werde ich vergessen, was du für mich und die Kinder aus Tamil Nadu getan hast", flüsterte sie ihm ins Ohr. Noch bevor er etwas erwidern konnte, war sie aus dem Wagen geschlüpft und durch die breite Eingangstür im Hotel verschwunden.
Spät an diesem Abend wurden zwei Umschläge unter Estrellas Zimmertür durchgeschoben. Der erste enthielt eine auf schwerem Büttenpapier gedruckte Einladung von Carlos Bank für die Premiere von Estrellas Film "Ein Herz" am Abend des folgenden Tages im Riviera.
Mit zitternden Händen entnahm sie dem zweiten Umschlag ein Erste-Klasse-Ticket nach Neu-Delhi. Es war, wie sie unter heftigem Schluchzen feststellte, kein Rückflug gebucht.
Am nächsten Abend machte Estrella sich mit äußerster Sorgfalt zurecht. Heute Abend würde sie Carlo ein letztes Mal begegnen, bevor sie ihn für immer verließ. Trotz ihres geschickten Make-ups wirkte ihr Gesicht im Badezimmerspiegel bleich. In Carlos Nähe zu sein und ihn nicht berühren und küssen zu dürfen, war die grausamste Strafe, die sie sich vorstellen konnte.
In Gedanken versunken, betrachtete Estrella ihr extravagantes Abendkleid im Spiegel. In der Kreation aus champagnerfarbenem Satin würde sie heute Abend ein letztes Mal die Rolle des glamourösen Models spielen und für die Presse posieren, um sicherzustellen, dass "Ein Herz" so viel Aufmerksamkeit wie möglich erhielt.
Carlo ließ sie mit seinem Wagen abholen. Schon auf dem Weg zum Riviera sah sie Scheinwerfer, die den Strand erhellten. Carlo hatte an alles gedacht. Während sie über den roten Teppich schritt, flammten die Blitzlichter von mindestens einem Dutzend Kameras auf. Es waren so viele Presseleute versammelt, wie sie es sonst nur von den Premieren der großen Studios kannte.
Innerhalb kürzester Zeit hatte Carlo es geschafft, dies alles zu organisieren – allein für sie! Estrella war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. Sie war überwältigt von seinem Engagement und von unendlicher Dankbarkeit erfüllt. Nie wieder würde sie einen Mann wie ihn treffen!
Carlo begrüßte sie in dem am Strand aufgebauten weißen Pavillon. Wie bei jeder anderen Gala war auch hier Abendkleidung angesagt, und er trug seinen Smoking. Schmerzhaft klopfte Estrellas Herz, als sie ihn betrachtete. Er wirkte so stark und imposant, und er tat alles, um ihren Traum wahr werden zu lassen.
"Du siehst großartig aus", flüsterte sie, sich vorbeugend, um ihn auf die Wange zu küssen.
Er drehte den Kopf, sodass der Kuss auf seinem Mund landete. "Ich liebe dich."
Wie gern hätte sie ihrer Sehnsucht nachgegeben, aber es war unmöglich. Sie musste ihren Weg weitergehen, zum Wohle der Kinder.
"Ich liebe dich auch", gestand sie leise, bevor eine Gruppe internationaler Investoren sie in Beschlag nahm.
Später ging das strahlende Scheinwerferlicht in dem weißen Zelt aus, und Estrellas Dokumentation wurde dem hochkarätigen Publikum vorgestellt.
Es war ein großer Erfolg. Am Ende der Vorführung sprach man sogar davon, den Film für den Oscar zu nominieren. Auf jeden Fall war sein Bekanntheitsgrad erheblich gestiegen, da die internationale Presse und viele Fernsehsender darüber berichteten.
Schließlich ging die glanzvolle Party ihrem Ende entgegen. Die Gäste verabschiedeten sich, und Estrella kehrte in ihr Hotel zurück. Die wehmütigen Gedanken so gut es ging verdrängend, zog sie bequeme Reisekleidung an, packte ihre Koffer und bezahlte schließlich ihre Rechnung.
Wenig später passierte sie schon die Sicherheitskontrollen des Flughafens von Nizza. Während sie darauf wartete, an Bord zu gehen, entdeckte sie ein bekanntes Gesicht. Sie konnte es nicht fassen. Was tat Carlo hier?
"Warum bist du hier?", wollte sie erstaunt wissen.
Er tat erschrocken. "Estrella, du bist auch hier?"
"Lass die Spielchen. Warum bist du hier?", wiederholte sie ihre Frage, gerade als die Passagiere zum Einsteigen aufgerufen wurden.
Carlo stand auf. "Nun, ich werde jetzt ins Flugzeug steigen und nach Indien fliegen."
"Das geht nicht. Da will ich hin!"
Er stieß einen leisen Pfiff aus. "Das nennt man Schicksal."
"Es ist nicht richtig."
"Doch." Carlo hielt ihr seine Bordkarte unter die Nase. Sein Platz war genau neben ihrem. "Ich habe ein Ticket, einen Platz in diesem Flugzeug, und ich werde mich an Bord begeben!"
"Aber warum?"
"Weil du nach Indien fliegst und ich bei dir sein möchte. Schließlich muss doch jemand auf dich achtgeben!"
Unglaublich, was dieser Mann aus Liebe zu ihr tat! Zum ersten Mal wurde es Estrella bewusst, wie groß seine Liebe war. Er hielt zu ihr und unterstützte sie in allem, was sie tat. Ein Leben lang war sie eine Einzelkämpferin gewesen, und sie fand es einfach himmlisch, ihn nun an ihrer Seite zu wissen. Doch was gab er alles auf!
"Was ist mit deiner Firma und deiner Familie …"
"Das ist schon in Ordnung. Ich tue es für dich, Estrella, aber auch für mich selbst. Wenn ich diesen Kindern helfen kann, bin ich mit allen Konsequenzen dazu bereit."
Estrellas Augen füllten sich mit Tränen. "Dort wo wir hingehen gibt es keine Luxushotels."
Liebevoll nahm er sie in seine Arme. "Das weiß ich, cara. Es macht mir nichts aus, in einem Schlafsack unter einem Moskitonetz zu schlafen und abgekochtes Wasser zu trinken."
"Es gibt dort eine Menge Ungeziefer."
"Das macht auch nichts." Er grinste. "Ich nehme es sogar mit einem Heuschreckenschwarm auf, wenn ich dafür das nächste Jahr mit dir verbringen darf."
Sie lachte glücklich. "Du willst also nur ein Jahr mit mir zusammen sein?"
"Das kommt darauf an, ob du mich heiraten wirst."
"Ja, ich möchte dich heiraten!" Sie schlang die Arme um seinen Nacken. "Carlo Gabellini, ich werde dich heiraten, dich immer lieben und den Rest meines Lebens mit dir verbringen."
"Das möchte ich schriftlich haben!"
Estrella lachte. Ihr Herz war so leicht wie seit Jahren nicht mehr. "Das ist nicht nötig. Wir beide sind füreinander bestimmt. Das ist unser Schicksal."
– Ende –
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