Liebesroman des Monats Februar 2010» zurück

Leseprobe
1. Kapitel aus dem Roman "Bei Kummer – diese Nummer" von Julie Kistler
"Diese verdammten Jones-Brüder!" Nell McCabe, in ganz Chicago bekannt als stets gelassene und nicht aus der Ruhe zu bringende Moderatorin der allmorgendlichen Ratgebersendung Tell Nell, zerknüllte das Memo von der Marketing-Abteilung, warf es zu Boden und trampelte darauf herum.
Amy, ihre Produzentin, blieb in der Tür stehen. "Schlechter Zeitpunkt?"
"Seit die den Sender gekauft haben, ist jeder Zeitpunkt schlecht. Und es wird immer schlimmer."
Mit einem leisen Aufschrei bückte Amy sich nach dem Memo und zog es unter Nells Fuß hervor. "O nein! Erzähl mir nicht, dass sie uns jetzt auch noch feuern!" Während Amy das Schreiben zu glätten versuchte, ging Nell auf und ab.
"Vielleicht wäre es sogar besser, wenn sie uns hinauswerfen", murmelte sie. "Sie wollen meine Einschaltquoten erhöhen. Ich fand meine Quoten ganz gut. Aber was soll's, ich habe mitgemacht, oder?" Ihre Stimme wurde lauter. "Sie meinten, mein Image wäre zu bieder, also musste ich neue Fotos machen lassen. Was spielt es denn für eine Rolle, wie ich aussehe? Ich bin im Radio! Aber es ist gute PR, haben sie gesagt, also dachte ich mir, okay, Nell, gib ihnen eine Chance. Und dann kamen sie mit dem Make-up, der neuen Frisur und dem schrecklichen Kleid an. Ich möchte nicht wissen, wie ich auf diesen neuen Fotos aussehe."
Amy zog eine Augenbraue hoch. "Nell, dieses Memo und die Idee mit den neuen Fotos stammen beide von diesem schleimigen Drake Witley, unserem Marketingchef. Mit den Jones-Brüdern hat das nichts zu tun. Außerdem bitten sie dich doch nur zu einer Besprechung. Was ist daran so schlimm?"
"Die Jones-Brüder haben Drake eingestellt, oder? Und diese Einladung habe ich um fünf vor halb drei bekommen, obwohl die Besprechung schon um zwei angefangen hat. Das ist eine Falle, wetten?"
"Nell, du leidest langsam unter Verfolgungswahn."
Nell schüttelte den Kopf. Als Moderatorin von Tell Nell gab sie allen Anrufern mit Liebeskummer oder Problemen in ihrer Beziehung Ratschläge. Sie hörte sich alle Sorgen an, blieb immer verständnisvoll und mitfühlend. Erzähl Nell davon, hieß es in der Werbung für ihre Sendung. Gemeinsam können wir den holprigen Weg zur Liebe ebnen.
Aber seit ein paar Wochen war es mit ihrer Ruhe und Gelassenheit vorbei. Seit diese beiden Firmen schluckenden und Frauen verführenden Piraten ihren Radiosender gekauft hatten. Die Jones-Brüder.
"Vielleicht sind die Jones-Brüder noch gar nicht in der Stadt", wandte Amy besänftigend ein. "Ich habe sie noch nie zu Gesicht bekommen, du etwa? Heute Paris, morgen Rio. Glaubst du, die beiden haben Zeit, um sich persönlich um unseren kleinen alten Sender zu kümmern?"
"Irgendjemand hat die Zeit gehabt, den armen Marvin vom Wetter zu entlassen", entgegnete Nell. "Und weshalb? Um Platz für diese neue Klatschsendung zu schaffen. Paddy O'Herlihy hat auch dran glauben müssen." Sie hob die Hände. "Und jetzt muss ich zu einer Marketing-Besprechung …" Sie schüttelte den Kopf. "Um zu überlegen, wie wir unsere Shows noch heißer und angesagter machen können", zitierte sie aus der Einladung.
"Komm schon, Nell. Es ist doch nur eine Meeting. Du weißt gar nicht, um was es geht."
"Ich weiß, dass Tell Nell weder heiß noch angesagt ist, und genau so gefällt mir meine Show."
Sie liebte ihren Beruf und hatte das Gefühl, etwas Nützliches zu tun. Schließlich brauchte jeder jemanden, der ihm zuhörte, oder nicht? Vielleicht sogar heiße, angesagte Leute …
Nein. Sie würde nicht hingehen.
Leider war Amy schon dabei, sie aus ihrem Zimmer und den Flur entlang zu schieben. "Nun hör es dir doch erst einmal an", riet ihre Produzentin. "Ich glaube nicht, dass sie uns auch noch hinauswerfen wollen."
"Hoffentlich nicht", seufzte Nell. Was sollte sie ohne Tell Nell tun? Seit sie zwanzig war, arbeitete sie als Radiomoderatorin und half Hörern, die sie um ihren Rat baten. Sie konnte nichts anderes.
Jetzt war sie siebenundzwanzig. In dem Alter war es nicht so leicht, sich noch einmal komplett anders zu orientieren. Wenn das Marketing nun wirklich vorhatte, ihrer Sendung ein neues Gesicht zu geben … Was würde sie tun? Zähneknirschend mitmachen oder von sich aus kündigen?
Sie wünschte, sie hätte die Zeit, darüber nachzudenken. Aber aus dem Besprechungsraum drangen ungeduldige Stimmen. "Wo bleibt die Frau denn nur?", hörte sie Drake Witley jammern.
Ihr blieb nichts anderes übrig, als hineinzugehen.
Sie holte tief Luft und öffnete die Tür.
An den Fenstern standen zwei Fremde. Ihr stockte der Atem, und ihr Herz schlug schneller. Das waren sie.
Die Jones-Brüder.
Nell war ihnen noch nie begegnet, aber die beiden waren die neuen Eigentümer, kein Zweifel. Sie trugen elegante Maßanzüge, einer sogar eine Sonnenbrille, der andere einen lässigen Dreitagebart. Die beiden vertrieben sich die Zeit damit, mit Dartpfeilen auf ein altes Werbeposter des Senders zu werfen.
Sie wirkten groß, laut, aufdringlich und übermächtig.
Der Dunkelhaarige, der mit dem Bart und den äußerst blauen Augen, sah über die Schulter und grinste, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. Ihre Blicke trafen sich höchstens eine Sekunde lang, aber das reichte aus, um ihr den Atem zu rauben.
Du meine Güte! Kein Wunder, dass die beiden immer bekamen, was sie wollten. Noch nie im Leben hatte sie eine so geballte Ladung männlicher Energie gesehen.
Nell zwang sich, überallhin zu sehen, nur nicht zu den Fenstern. Irgendwie herrschte in dem großen Konferenzraum plötzlich Sauerstoffmangel, also würde sie einfach flacher atmen müssen, solange diese beiden Typen mit den unglaublich weißen Zähnen und dem teuflischen Lächeln da waren.
Hinter dem langen Tisch stand Drake Witley, die Hände auf der Lehne eines Stuhls, umgeben von den Mitarbeitern, die er mitgebracht hatte. Er versuchte, Nell zugleich freundlich anzulächeln und verärgert anzufunkeln.
"Endlich, Miss McCabe", sagte er und spitzte die Lippen. "Wir haben auf Sie gewartet."
"Ich habe das Memo gerade erst bekommen", begann sie, aber er wedelte mit der Hand.
"Schon gut. Was halten Sie davon?"
"Wovon?", fragte sie verwirrt.
"Davon!", erwiderte er und zeigte mit dem Daumen über die Schulter.
Nell traute ihren Augen nicht. Bei all den männlichen Hormonen, die hier in der Luft lagen, hatte sie noch gar nicht gesehen, was an der Wand hinter Drake Witley hing. Ein riesiges Foto. Es zeigte eine Frau, die in einem sehr kurzen roten Rock auf einer Samtcouch lag und verführerisch in einen Telefonhörer flüsterte.
Sie ging näher heran. Und wich entsetzt zurück. "O nein."
Das durfte nicht wahr sein. War das wirklich … sie?
Nein, unmöglich. Sie kniff die Augen zusammen. Das wilde Haar, der Schlafzimmerblick, die feucht glänzenden Lippen … Hatten sie ihren Körper etwa unter einen anderen Kopf montiert?
Nell schaute genauer hin. Nun, die Figur war nicht gerade reif für den Playboy, aber trotzdem … Cremig weiße Haut lugte unter einem ziemlich gewagten Teil aus roter Seide hervor. Sie fühlte, wie ihre Wangen sich erwärmten. Der Busen, dessen Ansatz in dem äußerst verführerischen Dekolleté zu erkennen war, war eindeutig üppiger als ihr eigener. Hatten sie etwa einen anderen Körper unter ihren Kopf montiert?
"Das bin ich nicht", sagte sie, obwohl sie sich an den Fototermin erinnerte. Sicher, sie hatte ein hautenges Kleid getragen, auf so einer Couch gelegen und einen Hörer in der Hand gehalten, aber … Okay, sie war es. Trotzdem … nicht einmal ihre Mutter hätte sie in der Aufmachung wieder erkannt. "Zum Glück", murmelte sie.
"Na?", drängte Drake.
"Es ist … riesig", brachte sie heraus.
"Natürlich. Sonst wirkt es am Bus nicht."
"Am Bus? Soll das etwa heißen … das da soll an einem Bus durch Chicago fahren?"
"Nicht an einem Bus, sondern an vielen. Und es kommt auf Plakatwände. Überall. Die ganze Stadt wird über Sie reden." Aus den Augenwinkeln heraus sah Nell, dass die halb gelangweilte, halb belustigte Stimme einem der Jones-Brüder gehörte. Dem mit den blauen Augen, dem Bart und dem sexy Lächeln. Sie wagte nicht, ihn anzusehen. Die Stimme richtete schon genug Unheil in ihr an.
"Tolles Foto", meinte Drake Witley. "Keine Ahnung, wie er das so hinbekommen hat."
Nell war nicht sicher, wie sie darauf reagieren sollte, aber sie brauchte es auch nicht.
Denn in diesem Moment pfefferte der Jones-Bruder mit der Sonnenbrille einen Dartpfeil in das Poster. "Du hast verloren, Griff!", verkündete er triumphierend.
"Hundert Dollar und das Haus in Palm Beach?", erwiderte der Blauäugige, von dem selbst Nell wusste, dass er der ältere Bruder war. "Okay."
Kindische Männer und ihre kindische Spielchen, dachte sie und holte tief Luft. Bringen wir es hinter uns.
"Na gut, Mr. Witley", begann sie. "Sie wollten mir das Foto zeigen. Ich habe es gesehen. War es das?"
"Keineswegs." Drake lächelte und entblößte seine kurzen, spitzen Zähne. "Das Beste kommt noch."
Er schob die extrem modische Streberbrille höher auf die Nase, setzte sich und wartete, bis seine Mitarbeiter es ihm geflissentlich nachmachten. "Nehmen Sie doch Platz, Nell. Es gibt da etwas zu besprechen."
Ihr blieb keine andere Wahl. Jetzt hatte sie die Jones-Brüder im Rücken und das grauenhafte Foto vor Augen, aber das ließ sich nicht ändern.
Witley faselte etwas von aktuellem Hörerprofil, sinkendem Marktanteil, abnehmenden Werbeeinnahmen und neuer Zielgruppe, doch Nell hörte nicht hin, bis er davon anfing, wie er ihre Einschaltquoten rapide in die Höhe treiben wollte. Gegen höhere Einschaltquoten hatte sie nichts.
Außerdem war da der kleine Abschnitt in ihrem Vertrag, nach dem sie keinerlei Einfluss auf Werbung und Promotion hatte. Ihr Image gehörte dem Sender, und er konnte damit machen, was er wollte. Sie hatte keine Chance …
"Es wird Ihnen gefallen, da bin ich sicher", fuhr Witley fort und schlug eine der Mappen auf, die ihm einer seiner Handlanger hinschob. "Mit dem Einverständnis unserer neuen Eigentümer …" Er sah zu den Jones-Brüdern hinüber, die sich wieder ganz auf ihre Wurfpfeile zu konzentrieren schienen. "Also, wir haben ein neues Konzept entwickelt, das bei den Hörern ganz groß ankommen wird."
"Ein neues Konzept?", fragte Nell. "Was soll das heißen?"
Schwungvoll schlug er die Mappe auf. "Das will ich Ihnen sagen … die Hot Zone."
Nell wartete ab, aber es kam nichts mehr. "Die … Hot Zone?", wiederholte sie.
"Genau. Tell Nell ist gestorben", verkündete er. "Ab jetzt werden wir die Anrufer einladen, in die Hot Zone kommen! Hitze, Leidenschaft, Dramatik! Darauf werden sie abfahren."
Das übliche Marketing-Geschwätz, dachte Nell erleichtert. "Also reden wir über eine Namensänderung?"
Witley sprang auf. "Über das Konzept, Baby", erwiderte er. "Die Hot Zone wird etwas noch nie Dagewesenes. Die Anrufer werden Ihnen ihre schärfsten Geheimnisse verraten. Der Äther wird knistern. Stellen Sie sich Ihr Foto in ganz Chicago vor. Mit der Überschrift Ruf mich an! in großen roten Buchstaben. Und darunter einer unserer neuen Slogans. Bei der Hot Zone glüht der Hörer – den finde ich am besten. Super, was? Wir haben noch mehr auf Lager."
"Glüht der Hörer?", wiederholte Nell. "Bei meiner Show?"
"Natürlich nicht über Nacht." Witley runzelte die Stirn. "Wir arbeiten schon daran, wie wir den Programminhalt langsam, aber sicher auf unsere neue Zielgruppe ausrichten. Aber erst kommt die neue Werbekampagne. Und dann …" Er beugte sich vor und senkte die Stimme. "… geht es erst richtig los. Kleine Geschenke. Die Hörer können sich in der Sendung verabreden. Alles läuft auf den absoluten Höhepunkt zu."
Nell blinzelte. "Und was soll das sein?"
"Der Valentinstag", erklärte er gereizt. "Die Hot Zone wird eine Riesenaktion starten. Etwas, das die Welt noch nicht gesehen hat. Ein Fest der Liebe. Und Sie werden mittendrin sein, in vorderster Front. Sie und die Hot Zone werden Kult, warten Sie es nur ab."
"Wow." Bisher war ihre Show ohne Werbung ausgekommen. Keine Poster an Bussen und erst recht kein … Fest der Liebe. "Das klingt interessant."
Drake Witley lächelte, und seine schmalen Lippen zogen sich zu einem Strich zusammen. "Aufregend, dynamisch, heiß!"
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