DIE LIEBESDIENERIN

DIE LIEBESDIENERIN

Erscheinungstag:Mi, 26.05.2010
Bandnummer:35017
Bestellnummer:1000735017
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Roman:
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DIE LIEBESDIENERIN von: Anna Zabel

Über diesen Roman:

Die 24jährige ehemalige Klosterschülerin Fabrizia Benigini soll noch bis zu ihrer Hochzeit auf Wunsch ihres Vaters als Bankkauffrau in der Schweizer Niederlassung der Banca Catholica arbeiten. Und nicht nur das: Sie soll auch als Jungfrau in die Ehe gehen. Fabrizias Verlobter Pino hält sich strikt an diese Anweisung, obwohl Fabrizias erotische Phantasien immer ausschweifender werden. In der Bank trifft sie auf ihre Kollegin Olga, die sich ihrer nicht nur in beruflicher Hinsicht annimmt, sondern sie anhand eines Kreises potenter Bankkunden mit allem vertraut macht, was zu einem raffinierten Liebesspiel gehört. Fabrizia findet zunehmend Gefallen am heimlichen Spiel mit der Lust, bis eines Tages der faszinierende Gianni Tornatore die Bank betritt und ihr gefährliches Spiel aufdeckt.

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Leseprobe

Aus: DIE LIEBESDIENERIN von ANNA ZABEL

1. Kapitel (Auszug)

Der Monte Brè ragte in den strahlenden Himmel, ein milder Wind kräuselte die Oberfläche des Sees und brach den Widerschein der Sonne. Es war paradiesisch schön. Trotzdem entfuhr Fabrizia ein tiefer Seufzer. Sie lag auf der Wiese, die zum Ufer hin steil abfiel. Hinter ihr setzte langsam das allabendliche Treiben ein. Die Luganesen verstanden es zu leben. Zumindest behaupteten das die Lifestyle-Magazine, mit denen Fabrizia sich auf ihren Aufenthalt in dieser Welt der Reichen und Schönen vorbereitet hatte. Viel genützt hatte es ihr bisher jedoch nicht, obwohl sie schon drei Tage hier war, die Nächte nicht zu vergessen. Frustriert wandte sie den Kopf zur Seite. Ein Grashalm kitzelte ihre Nasenspitze, sie musste niesen und richtete sich auf. Gerade rechtzeitig, um einen ungemein attraktiven jungen Mann zu entdecken, der geradewegs auf sie zukam. Fabrizia durchströmte ein Gefühl von Stolz, denn dieses Prachtstück von Mann war ihr Verlobter. Doch dann kehrte das andere Gefühl zurück. Warum nur machte Pino es ihnen so unglaublich schwer? Schließlich waren sie verlobt und würden in wenigen Monaten verheiratet sein. Worauf wartete er?
Pino beugte sich über sie, griff nach ihren Händen und zog sie hoch.
„Cara mia!“, sagte er. „Ich habe dich doch gewarnt.“ Er begann ihre Hände zu reiben. „Gegen Abend wird es empfindlich kühl. Du bist nicht mehr in Sizilien, vergiss das nicht.“
„Wie könnte ich das vergessen?“ Trotzig wandte sie das Gesicht von ihm ab und schaute zur Promenade, wo eine Reihe junger oder auch nicht mehr ganz so junger Frauen garantiert gern mit ihr getauscht hätte. Aber das tröstete sie nicht. Wetten, dass sie ES alle längst getan hatten oder dem großen Mysterium wenigstens schon einmal den Saum gelupft und gesehen hatten, was dieses Leben an Wonnen für sie bereithielt?
Fabrizia seufzte erneut.
Tröstend strich Pinos Hand über ihre Wange und glitt seitlich über ihren Hals. Es war eine sehr gepflegte Hand, das war er schon seiner Stellung schuldig. Aber es war auch eine Hand von einer gewissen Rauheit, die Fabrizias Fantasie umgehend belebte und ihren Puls höher schlagen ließ. Sie achtete kaum auf das, was er sagte. Es war ohnehin nichts wirklich Neues.
„Ich weiß ja, cara mia, dass die Umstellung sehr groß für dich ist“, sagte er und zählte nicht zum ersten Mal jene Dinge auf, von denen er fest zu glauben schien, dass seine Verlobte sie mehr als alles andere vermisste. Es begann mit der glutvollen Sonne ihrer Heimat Sizilien und endete beim Schoß ihrer großen Familie, die allgegenwärtig war. In Cefalù und ebenso in Palermo führte kein Weg an den Beniginis vorbei.
Im Grunde, dachte Fabrizia schwermütig, galt das für die ganze Insel, wenn man wie sie Benigini hieß. Vierundzwanzig Jahre lang war sie eine Gefangene ihrer Heimat gewesen. Gut, wenn sie die Internatszeit in Luzern abzog, waren es nur fünfzehn Jahre. Andererseits war auch im Internat jeder ihrer Schritte überwacht worden. Sie hatte eine „höhere Tochter“ zu sein, und das duldete keine Abweichungen vom Pfad der Tugend.
„Du siehst traurig aus, piccola.“ Seine Fingerkuppen näherten sich ihren Brüsten, die sich ihm prompt entgegenreckten.
„Du bist ja bei mir“, flüsterte sie und hielt seine Hand fest, die sich schon wieder von ihr lösen wollte. Fürchtete er, verbotenes Terrain zu berühren? Es fing doch gerade an, interessant zu werden. Ihre Hüften drängten sich gegen die seinen. Er fühlte sich gut an, sehr gut …
„Die Leute“, mahnte er leise und sah zur Promenade hin. „Es ist nicht auszuschließen, dass man uns auch in Lugano erkennt. Schließlich sind deine und meine Familie …“
„Dann lass uns ins Hotel zurückgehen“, fiel sie ihm ins Wort, umschloss seine Hand und zog ihn einfach mit. Sie musste es schaffen, seinen Widerstand zu brechen, sonst würde sie noch verrückt.
„Hast du Hunger?“, wollte er wissen.
„Großen Hunger“, erwiderte Fabrizia, was nicht einmal eine Lüge war.
Allerdings stand ihr der Sinn weder nach den vollbrüstigen Vercelli-Tauben noch nach den betörend duftenden Trüffeln, deren Genuss Pino ihr auf dem Weg zum Hotel ausmalte und dabei bewies, dass er auch kulinarisch nichts dem Zufall überließ. Pino hatte sich sogar mit dem Koch vertraut gemacht und erfahren, dass er vom Gault Millau zum Schweizer Koch des Jahres 2000 gekürt worden war.
„Na, läuft dir da nicht schon das Wasser im Mund zusammen?“ Pinos Hand fasste ihren Ellenbogen und hielt ihr die schwere Tür auf, die in die Lobby des exklusiven Hotels führte.
Die Frage nach den Zimmerschlüsseln, die in diesem Haus traditionsbewusst an wuchtigen Messingbirnen hingen, erübrigte sich, denn an der Rezeption kannte man sie längst. Pino nahm beide Schlüssel entgegen.
Sie betraten den Aufzug, der innen rundum verspiegelt war. Die Spiegel zeigten Fabrizia das Bild eines jungen Paars, dem der Wind die Haare ein wenig zerzaust hatte. Ansonsten sah Pino perfekt aus. Kein Grasfleck, nicht eine einzige Knitterfalte in der hellen Leinenhose und dem weit geschnittenen weißen Hemd, das fantastisch mit seinem südländischen Teint harmonierte.
„Sind wir nicht ein ausnehmend schönes Paar?“, sagte Pino und strahlte sein Konterfei zufrieden an.
„Du bist der geborene Sizilianer“, erwiderte sie. „Allerdings bist du es nur rein äußerlich. Da wetteiferst du wirklich mit der Sonnenglut um die Wette. Aber dahinter erwartet einen die personifizierte Vorsicht.“
„Ich bin Banker, genau wie dein Vater und mein Vater. Wir tragen große Verantwortung.“
„Und deshalb darf man keinen Spaß haben?“
Sie fragte sich, warum sie das sagte. Nichts als Kinderkram, einer Benigini nicht würdig. Sie sollte es besser wissen. Immerzu war ihr eingetrichtert worden, was eine Benigini tat und was nicht, die Liste war endlos. Dennoch war Fabrizia felsenfest davon überzeugt, dass man auch als der Spross einer der einflussreichsten sizilianischen Familien im Leben auf seine Kosten kommen sollte. Vorausgesetzt, man war ein Mann oder hübsch. So hübsch, dass einem die Männer auf der Straße hinterherpfiffen und Dinge sagten, die ein anständiges Mädchen nicht einmal verstehen durfte.
„Wir sind da.“ Pino trat einen Schritt zurück, dabei war wahrlich Platz genug für sie beide. Auch die Aufzüge waren in diesem Hotel überproportioniert. Er schien nicht gerade traurig darüber zu sein, dass er um eine Antwort auf die Frage nach dem Spaß-haben-Dürfen herumkam. Oder war ihm das Ganze zu banal?
Sie stolperte aus dem Aufzug und wäre vermutlich hingefallen, hätte Pino sie nicht galant aufgefangen.
„Ich war wohl in Gedanken“, murmelte sie.
„Ja, das habe ich gemerkt.“ Ein winziges Grübchen bildete sich in seiner linken Wange, ließ das markante Gesicht weicher, zugänglicher erscheinen. „Einen Moment lang habe ich gedacht, du hättest etwas gegen das Imperium, dem die Beniginis und Camerottas dienen. Aber natürlich ist das lachhaft.“
„Wieso ist das lachhaft?“, sagte sie und überlegte, was sie wirklich davon hielt, dass sich die Macht des Geldes durch ihre Heirat konzentrieren würde.
„Das liegt doch auf der Hand.“ Pino steckte einen der beiden Schlüssel ins Schlüsselloch und öffnete die zweiflüglige Tür zu Fabrizias Suite. „Ab morgen gehörst du selbst dazu, auch wenn du uns momentan nur inkognito hilfst, und dies auch nur so lange, bis unser erstes Kind unterwegs ist.“ Er sah auf sein Handgelenk. Die Uhr war ein Vermögen wert, trotzdem wirkte sie nicht protzig. „Sagen wir, in einer Dreiviertelstunde? Dann hast du Zeit genug, dich zum Essen hübsch zu machen.“
Ohne ihre Antwort abzuwarten, ging er einige Meter bis zur nächsten Doppeltür. Hier residierte er.
Fabrizia nickte schwach. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Auch das war nichts Neues für sie. In dem einen Moment schwebte sie über den Wolken, im nächsten absolvierte sie eine Bauchlandung. Doch so schnell gab sie nicht auf. Sie überlegte, was sie an diesem vorläufig letzten Abend zu zweit fernab von Sizilien anziehen sollte, welches Parfüm sie wählen sollte, ob und wie viel sie trinken konnte, um für den großen Augenblick bereit zu sein. In dieser Nacht sollte es passieren, das war ihr erklärter Vorsatz. Pino würde am nächsten Tag wieder abreisen.