Cora


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Dunkel wie der Tod - Kapitel 2

Mrs. Fallon schaute ihren Mann finster an und errötete noch tiefer.
"Ah ja", bemerkte Viola.
"Das wird ja immer seltsamerer", sagte Gracie.
Oje. Nell und Viola sahen sich an.
"Ich glaube, dass Gracie jetzt gern anderswo spielen möchte", meinte Viola. "Vielleicht könnten wir ja Miss Parrish bitten …"
Miss Edna Parrish, mittlerweile über achtzig, war einst Violas Kinderfrau gewesen und dann die ihrer Söhne. Manchmal sah sie auch nach Gracie, verbrachte ihre Vormittage nun jedoch lieber mit Bibellektüre oder ihrer Näharbeit.
"Nein!" Gracie schlang ihre Arme um Nells Hals. "Ich will nicht zu Miss Parrish. Ich will bei Miss Sweeney bleiben!"
"Ist es denn nicht langsam an der Zeit, dass Hortense ihren Mittagsschlaf macht?", fragte Nell sie.
"Nein! Nein. Noch nicht", befand Gracie. Für gewöhnlich bettete sie ihre Lieblingspuppe in ihre Wiege, sobald das zweite Frühstück ins Kinderzimmer hinaufgebracht wurde.
"Aber fast", meinte Nell und hob das kleine Mädchen von ihrem Schoß. "Vielleicht mag Mrs. Fallon dir ja helfen, Hortense ins Bett zu bringen."
Mrs. Fallon hielt die Puppe noch immer im Arm. Kurz zögerte sie, dann sagte sie lächelnd: "Aber ja. Ich … ja, gerne doch. Sehr gern." Sie schaute so dankbar drein, dass Nell sich fast ein wenig schuldig fühlte, da sie doch nur einen Vorwand suchte, sie für eine Weile loszuwerden.
Die Aussicht auf etwas Abwechslung bei ihrer täglichen Aufgabe schien Gracie zu gefallen. Sogleich nahm sie Mrs. Fallon bei der Hand und zog sie mit sich fort.
"Es scheint somit", meinte Nell, während Mr. Fallon sich abermals dem Teller mit den Sandwiches zuwandte, "als gäbe es einen Mann zu viel im Leben Ihrer Stieftochter."
Er schnaubte abfällig und schnappte sich schließlich das Sandwich seiner Wahl. "Die hat sich doch schon die Lippen angemalt, da hat sie noch kurze Kleidchen getragen. So eine war das und war sie schon immer gewesen."
War? "Glauben Sie denn, dass sie tot ist?"
Er kaute und schluckte und klaubte sich dann noch ein Sandwich vom Teller. "Mit so einer nimmt es nie ein gutes Ende, und mehr sag ich dazu nicht."
"Erzählen Sie mir etwas über den Ehemann", forderte Nell ihn auf. Viola verfolgte die Befragung schweigend, froh darüber, dass Nell es so machte, wie sie es für angemessen hielt – und gewiss der Grund, weshalb sie ihre Gouvernante hinzugeholt hatte. Seit letztem Winter, als Nell geholfen hatte, die wahren Umstände jenes Mordes aufzuklären, dessen Will verdächtigt worden war, konnte Viola den "scharfen Verstand" ihrer Gouvernante gar nicht hoch genug preisen.
"Er ist Hochseefischer, wochenlang auf See, manchmal auch Monate. Die beiden war’n seit einem Jahr zusammen. Der Himmel weiß, was er sich dabei gedacht hat, so eine wie Bridie zu heiraten. War eine von denen, die man an die Kandare nehmen muss." Er stopfte sich das Sandwich in den Mund und fügte dann als Nachgedanken hinzu: "Ist eine von denen."
"Jimmy, nicht wahr?"
"Sullivan. Jimmy Sullivan. Meine Frau glaubt, er würde über’s Wasser wandeln können, aber der ist gewiss auch kein Heiliger, das kann ich Ihnen sagen. Da brennt öfter mal die Sicherung durch, bei dem Jimmy Sullivan, und Boxer ist er auch. Verdient sich bei Wettkämpfen in der Stadt mit den bloßen Fäusten einen guten Penny."
"Hat er seine Fäuste auch einmal gegen Bridie gerichtet?", wollte Nell wissen.
"Ein- oder zweimal. Sie hat’s nicht anders gewollt – andern Männern schöne Augen gemacht, betrunken nach Hause gekommen … Kann man ihm ja kaum verdenken, wenn er so eine wie Bridie im Zaum halten muss. Selbst meine Frau hat zu ihr gesagt, dass sie selbst Schuld hat. Wollte sie auch davon abbringen, sich rumzutreiben, während Jimmy auf See war. Ehebruch ist Sünde, hat sie ihr gesagt, und dass sie es besser wissen sollte."
"Wusste Jimmy, dass sie ihm untreu war?"
"Er hat sich’s wohl gedacht, wegen den Gerüchten und wie sie mit andern Männern umging und so. Sie hat aber immer alles abgestritten, und einem hübschen Mädel glaubt ein Mann ja alles, was sie will, dass man ihr glaubt. Aber er war halt öfter weg, als dass er daheim war, und wenn die Katze aus dem Haus ist …"
"Es gab also noch andere Männer außer Mr. Hines?"
"Oh, sie war schon immer recht freizügig – zumindest bis dann letzten Mai dieser Virgil aufgetaucht ist. Ich wusst ja nie, wie sie alle heißen, die andern, aber den ganzen Sommer über hieß es dann auf einmal nur noch ’Virgil dies’ und ’Virgil das’."
"Seit wann wohnt sie wieder zu Hause?"
"Seit Juni. Jimmy war ’n paar Tage früher heimgekommen und hat die beiden erwischt. Bridie hat er ein blaues Auge geschlagen, aber Virgil hat er in Frieden gelassen. Meinte, er wüsste, dass es alles Bridies Schuld sei, sie wär’ halt wie ’ne läufige Hündin … Oh, ’tschuldigung", brummelte er und schaute Nell und Viola verlegen an.
"Wir sind durchaus nicht so leicht zu schockieren", versicherte Viola ihm und warf Nell ein feines Lächeln zu.
"Er hat Mr. Hines einfach so laufen lassen?", fragte Nell.
Mr. Fallon nickte. "Meinte nur, dass kein Mann so einer wie Bridie widerstehen könnte, wenn sie ihm ihren … äh, also sich an ihn heranmachte. Er machte Virgil keinen Vorwurf. Hat ihm gesagt, er könne sie haben, solang sie ihm nie wieder unter die Augen käme, und klug beraten wär’ er, wenn er sie mit ein paar Schlägen zur Vernunft bringt, denn was anderes versteht sie nicht."
"Wissen Sie, ob Mr. Hines diesen Rat befolgt hat?", erkundigte sich Nell.
Er schüttelte den Kopf. "Sie lebt seit Juni bei uns, und ich hab seitdem keine blauen Flecken mehr an ihr gesehen, aber vielleicht gehört er ja zu denen, die erst mal abwarten und dann richtig zuschlagen, wenn’s nicht mehr anders geht."
Oder zu denen, die dorthin schlagen, wo man es nicht sieht, dachte Nell bei sich.
"Wenn die beiden zusammen durchgebrannt sind", fuhr Fallon fort, "und sie ihn genauso zum Narren hält wie Jimmy … tja, wer weiß, was dann geschieht."
Er nahm sich noch ein Sandwich und fügte hinzu: "Oder schon geschehen ist."

"Sie tut mir leid", bemerkte Viola, nachdem die Fallons gegangen waren.
"Mrs. Fallon?"
Sie nickte. "Und Bridie. Es ist so leicht, sie ein gefallenes Mädchen zu nennen und als unwürdig abzutun, aber meist ist derlei doch …"
"Viel komplizierter?", vermutete Nell und lächelte. Sie hörte diesen Ausspruch nicht das erste Mal von Viola, für die das Leben nicht nur in Schwarz und Weiß bestand, sondern unendlich viele Farbschichten verschiedenster Töne und Nuancen bereithielt. Und hatte nicht Mr. Hewitt auch sie einst vor der Schande einer jugendlichen Verfehlung bewahrt, als er sie heiratete, obwohl sie ein Kind – namentlich Will – von einem anderen Mann erwartete? Wie Nell selbst, so wusste auch Viola Hewitt nur zu gut, wie leicht eine Frau durch äußere Umstände vom rechten Pfad abkommen konnte … und ebenso gut kannte sie die Folgen, wenngleich sie ihr selbst erspart geblieben waren.
Nun meinte sie: "Ich möchte Sie um etwas bitten."
Nell seufzte.
"Wenn ich mich selbst darum kümmern könnte", sagte Viola rasch, "würde ich es tun. Aber mit diesen nutzlosen Beinen …"
"Mrs. Hewitt …"
"Als Will letzten Winter verhaftet wurde, waren Sie mir eine solche Hilfe. Ich weiß, dass Sie herausfinden können, was mit Bridie geschehen ist. Sie haben so etwas an sich … die Menschen vertrauen Ihnen – sie erzählen Ihnen Dinge, die sie anderen gegenüber gerne verschweigen. Und Sie haben einen so scharfen Verstand, Nell. Ihnen entgeht nichts."
"Ich tappte ehrlich gesagt recht häufig im Dunkeln", bekannte Nell. "Und wenn Sie wüssten, wie oft ich die falschen Schlüsse gezogen habe …" Sie schlussfolgern zu viel, hatte Will stets zu ihr gesagt. Viel zu viele voreilige Vermutungen. Und er hatte recht gehabt.
"Harry wird ihr keine Hilfe sein", befand Viola. "Mr. Hewitt auch nicht. Diese arme Frau hat außer mir niemanden, an den sie sich wenden kann! Und ich habe nur Sie, Nell."
"Ich muss mich um Gracie kümmern."
"Sie macht jetzt ihren Mittagsschlaf und wird nicht vor drei, halb vier aufwachen. Und dann kann Miss Parrish nach ihr sehen."
"Sie möchten, dass ich gleich heute damit beginne?"
"Mir scheint hier jede Minute zu zählen. Ich sage Brady sofort Bescheid, dass er Sie mit dem Brougham nach Charlestown hinüberfahren soll, damit Sie keine Mietkutsche nehmen müssen. Und ein Schreiben mit meiner Empfehlung und Bitte um Unterstützung und dergleichen gebe ich Ihnen auch mit – das könnte Ihnen vielleicht hie und da helfen." Eine von Viola Hewitts eigentümlichen Untertreibungen, war sie doch eine der bedeutendsten Damen Bostons, eine angesehene Philanthropin und Matriarchin einer der ältesten Familien der Stadt. Ihre Empfehlung öffnete einem alle Türen, oder zumindest fast alle.
Nell betrachtete das Muster des Orientteppichs und dachte an alles, was Viola Hewitt ihr in den letzten vier Jahren gegeben hatte, insbesondere an Gracie. Als sie wieder aufsah, begegnete sie Violas wohlwollendem Blick. "Sie wissen, dass ich Ihnen die Bitte nicht ausschlagen kann", meinte sie.
"Ich danke Ihnen, meine Liebe." Viola giff nach Nells Hand und drückte sie. "Sie müssen wissen, dass Sie mir nicht nur meine Beine ersetzen – mehr noch als Gracie sind Sie mir die Tochter, die ich nie hatte. Ich wüsste nicht, was ich ohne Sie tun würde."

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