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Leseprobe
aus dem Roman "Einar der Wikinger" von Margaret Moore
Der riesenhafte, hellhaarige Wikinger schleppte Meradyce zum Schiff. Verzweifelt und erschöpft von dem vergeblichen Kampf, vermochte sie kaum noch ihre Beine zu bewegen. Nur die Tatsache, dass sie an die Kinder zu denken hatte, hielt sie noch aufrecht.
Der Jüngere der anderen beiden Männer trug Betha auf dem Arm. Die Kleine war so verängstigt, dass sie nicht einmal weinen konnte. Sie starrte nur auf die geschwungene Schneide der Streitaxt, die der Krieger um den Hals hängen hatte.
Der ältere der beiden Wikinger, der mit dem dunklen Haar und dem dichten Bart, hielt Adelar fest am Arm gepackt, während der Junge scheinbar gleichgültig neben ihm hermarschierte. Wäre Adelar doch nur nicht zurückgekommen, um es mit den Kriegern aufzunehmen, die es gewagt hatten, sein Dorf anzugreifen! Dann hätten sie sich vielleicht alle noch in Sicherheit bringen können, ging es Meradyce durch den Kopf.
Jetzt blickte er immer wieder verstohlen auf das Schwert des Mannes, und sie sah ihm an, dass er überlegte, wie er es an sich bringen konnte. Sie hoffte nur, der Knabe würde erkennen, wie aussichtslos ein solches Vorhaben war. Sie bezweifelte nicht, dass die Wikinger ihn auf der Stelle töten würden, falls er eine ihrer Waffen auch nur berührte.
Der große blonde Krieger verstärkte seinen eisernen Griff um ihr Handgelenk, und sie musste sich auf die Lippe beißen, um nicht vor Schmerz aufzuschreien.
Im Schein der Flammen von den brennenden Gebäuden sah er wie ein Dämon aus. Sein mit einem Nasenschutz versehener Helm bedeckte seinen ganzen Kopf einschließlich der Ohren, sodass nur sein bartloses Kinn sowie die vollen Lippen frei blieben; die Augen waren kaum zu erkennen. Das lange, ungebundene Haar reichte ihm fast bis auf die breiten Schultern.
In seiner freien Hand trug er eine gewaltige Streitaxt, die er beim Gehen hin- und herschwingen ließ. Sein Mund wirkte grimmig, während er seine Gefangene abführte und sie zwang, sich seinen unerbittlich langen Schritten anzupassen.
Meradyce ließ den Blick über das Dorf schweifen; glücklicherweise konnte sie keine Leichen entdecken. Anscheinend hatten sich die anderen nach dem Warnruf zu den Höhlen flüchten können. Wie konnten die Wikinger nur erfahren haben, dass alle wehrhaften Männer zurzeit abwesend waren? Oder handelte es sich nur um einen reinen Zufall? Und wie kam es, dass der große Blonde der sächsischen Sprache mächtig war?
Unterdessen näherten sie sich dem Schiff der Wikinger.
Plötzlich befreite Adelar seinen Arm. Mit einem wilden Schrei zerrte auch Meradyce an ihrem Handgelenk. "Lauf, Adelar!", rief sie, wodurch sie die Aufmerksamkeit ihres Häschers für einen Augenblick auf sich selbst lenkte. Adelar verschwand im Wald.
"Gott sei Dank!", flüsterte sie aufatmend. Erst dann merkte sie, dass der blonde Krieger sie nicht mehr festhielt. Sie konnte jetzt auch fortlaufen …
"Adelar!", jammerte Betha laut.
Meradyce rührte sich nicht. Sie konnte die kleine Betha unmöglich der Gnade dieser Männer überlassen.
Ein lauter Ausruf war zu hören, und dann kam Adelar wieder aus dem Wald herausgelaufen. Bevor Meradyce etwas sagen oder tun konnte, stürzte er sich auf den großen Wikinger.
"Gib sie frei!", kreischte der Junge. "Du Feigling! Du Barbar!"
Der Krieger hielt den Knaben an den Schultern fest.
Meradyce eilte hinzu und packte den großen blonden Mann am Arm. "Nein!", schrie sie. "Töte ihn nicht!"
Der Krieger blickte zu ihren Händen hinunter und hob dann wieder den Kopf. Seine Augen blitzten. "Der Than kann stolz auf dich und seine Kinder sein", bemerkte er lächelnd und ließ dann Adelar los. "Und jetzt geht an Bord."
Bevor er sie noch einmal berühren konnte, fasste Meradyce Adelar bei der Hand, trat auf den jüngeren Krieger zu und nahm ihm Betha ab. "Wir müssen gehen", sagte sie leise und führte die Kinder zum Langschiff.
Der Anführer der Wikinger blieb am Ufer stehen, nahm seinen Helm ab und betrachtete Meradyce, die daraufhin den Blick rasch zu dem brennenden Dorf wandte.
Sie hatte davon gehört, dass sich bei den Wikingern sowohl die Männer als auch die Frauen das Gesicht bemalten, und nun sah sie, dass die Augen des blonden Kriegers von schwarzen Ringen umgeben waren. Das ließ das Gesicht mit den kantigen Wangenknochen und dem jetzt lächelnden Mund unheimlich dämonisch erscheinen.
Die anderen Wikinger begannen damit, das Schiff zu beladen. Meradyce trat zur Seite, setzte sich und zog die Kinder dicht zu sich heran. Der Anführer hatte zwar versichert, man würde ihnen nichts antun, was jedoch möglicherweise hieß, dass man sie in die Sklaverei verkaufen würde. Meradyce wusste, was mit Sklavinnen geschah; falls sie an einen Menschenhändler verkauft wurde, bekam der sie erst, nachdem sich jeder Wikinger an ihr vergnügt hatte.
Sie schluchzte auf, woraufhin die kleine Betha sie erschrocken und ängstlich anschaute. Meradyce rang um Beherrschung. Sie musste ganz stark sein.
"Es wird alles wieder gut werden", versicherte sie tröstend und umarmte das Kind liebevoll. "Dein Vater ist ein großer Than. Man wird euch beiden nichts antun."
Adelar warf ihr einen finsteren Blick zu. "Das will ich auch hoffen! Und dir dürfen sie auch nichts antun. Wenn ich mein Schwert hätte, dann …"
"Nein, Adelar!", rief Betha und hielt ihren Bruder am Arm fest, als hätte er das erwähnte Schwert bereits gezückt. "Man wird dich umbringen!"
Meradyce zog den Jungen neben sich auf die Bank. "Betha hat recht, Adelar. Gegen so viele Krieger können wir nichts ausrichten."
"Wir können …"
"Nichts können wir."
Betha begann zu weinen, und Meradyce nahm beide Kinder in die Arme.
Unterdessen befanden sich alle Wikinger im Schiff, saßen auf ihren Bänken und warteten. Mit einer kleinen Truhe unter dem Arm sprang der große blonde Krieger jetzt ebenfalls an Bord. Auf seinen Befehl hin setzte sich das Schiff zur Flussmitte hin in Bewegung. Er selbst stellte sich im Bug neben den riesigen Drachenkopf, und sein muskulöser Körper folgte den Bewegungen des Schiffs, als wäre er ein Teil von ihm.
Meradyce wandte sich ab. Die Kinder dicht an sich gepresst, schaute sie zu den Flammen am Ufer hinüber, bis sie nicht mehr zu sehen waren.







