ZWEI SPUREN IM SCHNEE...
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Leseprobe
Aus: ZWEI SPUREN IM SCHNEE... von PENNY JORDAN
1. KAPITEL
"Willst du den Job wirklich annehmen? Nach allem, was er dir angetan hat?"
Heaven Matthews warf ihrer besten Freundin Janet einen kurzen Blick zu. Dann rührte sie wieder energisch in der Teigschüssel. "Auf jeden Fall", erklärte sie knapp. "Du weißt doch, was ich vorhabe."
"Allerdings", kicherte Janet. "Rache ist süß. Und er hat es wirklich verdient."
"Das denke ich auch", bekräftigte Heaven die Meinung ihrer Freundin. "Harold Lewis ist ein Mistkerl. Und nun wird er eine kleine Kostprobe von dem bekommen, was ich für ihn empfinde." Ihr schmales, hübsches Gesicht drückte so viel Abscheu aus, dass Janet erschrak. Heaven war noch immer nicht darüber hinweggekommen, was Harold Lewis ihr angetan hatte.
"Eine kleine Kostprobe …", wiederholte Heaven, grimmig lächelnd. "Genau. Er war schon immer gierig. Diesmal wird es ihm im Hals stecken bleiben." Ihr Lächeln verschwand.
Janet sah ihre Freundin besorgt an. Seit Monaten hatte sie nicht mehr herzhaft gelacht. Für jeden, der Heaven kannte, war dies fast unvorstellbar. Sie war beliebt und hatte jede Menge Freunde, die ihr fröhliches, unkompliziertes Wesen zu schätzen wussten.
Die beiden Frauen kannten sich schon seit ihrer Schulzeit. Damals hatte sich die immer etwas pummelige Janet mit der schlanken, zierlichen Heaven angefreundet, und sie hatten sich über all die Jahre nicht mehr aus den Augen verloren.
Heaven hatte schon damals davon geträumt, eines Tages eine berühmte Köchin zu werden. Vor einigen Monaten hatte Janet darüber gesprochen, und Heavens bittere Antwort zeigte, wie tief verletzt sie war.
"Es hat doch beinahe geklappt, oder etwa nicht? Nur dass ich jetzt nicht berühmt, sondern berüchtigt für meine Kochkunst bin. Untragbar für jeden Arbeitgeber." Wütend hatte sie die Tränen beiseite gewischt, die ihr bei diesen Worten in die Augen gestiegen waren. Selbstmitleid war nun ganz und gar nicht ihre Sache, auch wenn sie wirklich allen Grund dazu gehabt hätte.
Ihre viel versprechende Karriere war ruiniert, und ihr Leben durch die Aufdringlichkeit der Medien völlig aus den Fugen geraten. Ganz egal, wie oft sie ihre Unschuld beteuerte – es würde immer Menschen geben, die ihr nicht glaubten.
"Mich stellt doch jetzt sowieso keiner mehr als Köchin ein", hatte Heaven bekümmert gesagt. "Jede Hausdame in London kennt mein Gesicht und die Geschichte von der Köchin, die ihrer Arbeitgeberin angeblich den Ehemann ausspannen wollte."
Trotzdem hatte sie wenigstens ein Inserat aufgegeben, um es noch einmal zu versuchen.
"Bist du sicher, dass du das Richtige tust?", fragte Janet vorsichtig. Sie hatte schon immer das Gefühl gehabt, ihre zarte, gutgläubige Freundin vor allem Schlechten in der Welt beschützen zu müssen.
Sie standen in der Küche des hübschen, altmodischen Hauses in Chelsea, das Heavens Familie seit einigen Generationen gehörte. Da ihre Eltern sich als Altersruhesitz ein Landhaus in Shropshire gekauft hatten, stand es die meiste Zeit leer. Heavens Vater hatte schließlich vorgeschlagen, es als eine Art Refugium zu benutzen, bis das Interesse an Heavens Person in der Öffentlichkeit nachgelassen hatte.
"Immerhin hast du doch trotzdem dein eigenes kleines Unternehmen", versuchte Janet ihre Freundin aufzuheitern.
"Stimmt", erwiderte Heaven ironisch. "Ich verkaufe per Anzeige Kuchen und Weihnachtspudding. Ein toller Job für eine erstklassig ausgebildete Köchin."
"Aber du verdienst dir damit deinen Lebensunterhalt", stellte Janet fest.
"Ich kann auf diese Weise existieren", berichtigte Heaven. "Und das auch nur, weil ich keine Miete bezahle."
"Hast du schon einmal daran gedacht, im Ausland zu arbeiten?"
"Wo mich keiner kennt, meinst du?" Heaven schüttelte den Kopf. "Das wäre vielleicht eine Möglichkeit, aber ich möchte nicht weg. London ist meine Heimat. Hier gehöre ich hin, und hier will ich arbeiten. Wenn diese elende Ratte mir nicht alles kaputtgemacht hätte …" Sie schluckte. "Alles lief so gut. Ich war doch gerade dabei, mir einen Namen zu machen!"
Heaven schob die Schüssel beiseite und fuhr sich ratlos mit den Fingern durchs Haar. "Tut mir leid, dass ich so miesepetrig bin. Ich fühle mich wie ein welker Salatkopf. Verstehst du, was ich meine?"
Janet grinste. Die Angewohnheit ihrer Freundin, Vergleiche aus der Welt der Kochkunst heranzuziehen, hatte schon oft zu Heiterkeit Anlass gegeben.
"Ich weiß genau, was du meinst", antwortete sie voller Mitgefühl. "Zu dumm, dass Lloyd nicht mehr verdient. Dann könnten wir dich als Köchin einstellen. Neulich erst hat er gesagt, dass ihm das ganze Mikrowellenzeug allmählich auf die Nerven geht. Deshalb freut er sich auch schon so auf das Festessen bei seinen Eltern. Und ich muss mit."
Sie verdrehte in gespieltem Entsetzen die Augen. "Nein, im Ernst, seine Eltern sind wirklich in Ordnung. Ich freue mich auch darauf, Weihnachten bei ihnen zu verbringen. Sag mal, was machst du eigentlich über die Feiertage? Hast du schon Pläne?"
Heaven schüttelte den Kopf. "Meine Eltern haben mir angeboten, mit ihnen nach Adelaide zu fliegen. Sie wollen Weihnachten und den ganzen Januar bei Hugh verbringen."
Hugh war Heavens älterer Bruder, der mit seiner Frau und den Kindern in Australien lebte.
"Und warum fährst du nicht mit?", fragte Janet aufgeregt. "Vielleicht gefällt es dir dort so gut, dass du gar nicht wieder zurückkommen möchtest."
"Das schwarze Schaf der Familie wandert aus …", sagte Heaven nachdenklich. "Nein, Janet, ich renne nicht weg. Jeder wird denken, dass doch etwas an der Geschichte dran ist, wenn ich jetzt die Flucht ergreife." Sie schwieg einen Moment. "Harolds Ehe ist nicht meinetwegen auseinandergebrochen, das schwöre ich dir. Ich hatte nie ein Verhältnis mit ihm. Selbst wenn er nicht der widerwärtige, schleimige Typ wäre, der er ist, so war er doch verheiratet. Es ist nicht meine Art, mich in eine Ehe zu drängen. Ganz schuldlos bin ich allerdings sicher nicht", schloss sie bitter.
Janet hatte ihr aufmerksam zugehört. Sie empfand ihre Freundin wieder einmal als viel zu selbstkritisch und naiv. Dieser Harold Lewis war ein Ekelpaket, wie es im Buche stand. Daran gab es nichts zu rütteln.
"Ich hätte von Anfang an wachsamer sein müssen", fuhr Heaven fort. "Aber wenn man völlig ohne Erfahrung ist, fällt einem vieles nicht weiter auf. Und es schien ein absoluter Traumjob zu sein. Im Sommer mit der Familie nach Südfrankreich, jede Menge Freizeit und vor allem die Möglichkeit, bei allen großen Gesellschaften und Geschäftsessen zu kochen …"
"Ich kann mir gut vorstellen, wie du dich fühlst", bemerkte Janet leise. Heaven lächelte zaghaft.
"Entschuldige. Ich gehe dir mit meinem Gejammer bestimmt ordentlich auf die Nerven. Aber was mich an der Geschichte am meisten ärgert, ist die himmelschreiende Ungerechtigkeit. Der Mann hat mich skrupellos belogen und mich dafür benutzt, seine Frau loszuwerden. Indem er ihr eine Affäre mit mir weisgemacht hat, brachte er sie dazu, ihn zu verlassen. So konnte er wiederum in aller Ruhe die Scheidung wegen böswilligen Verlassens einreichen. Das ist doch unglaublich! Er wohnt nach wie vor in dem großen Haus, und sie weiß kaum, wie sie über die Runden kommen soll. Sie tut mir wirklich leid."
"Stehst du in Kontakt mit ihr?", erkundigte sich Janet.
"Bei dem ganzen Trubel, den die Medien aus der Sache gemacht haben?" Heaven verzog angewidert den Mund. "Nein, nicht mehr. Allerdings hat sie sich bei mir dafür entschuldigt, dass ich in ihre Privatangelegenheiten hineingezogen wurde. Sie weiß natürlich mittlerweile genau, wie clever Harold uns beide hintergangen hat."
Heaven schüttelte den Kopf. "Er muss schon Andeutungen über unser angebliches Liebesverhältnis gemacht haben, bevor ich überhaupt meine Stelle angetreten hatte. Zum Beispiel bestand er darauf, mich auch ohne ihr Einverständnis anzustellen. Und dann war alles nur noch ein Kinderspiel. Hier eine Andeutung, da eine Bemerkung … Innerhalb kürzester Zeit hatte er es geschafft, ihr Misstrauen zu erregen. Sie war natürlich bald davon überzeugt, dass ich eine Affäre mit Harold hatte."
Janet nickte verständnisvoll.
"Würdest du glauben, dass so ein Geizhals tatsächlich fast Millionär ist?", fuhr Heaven empört fort.
"Ach, ich glaube, das hat nichts miteinander zu tun. Manchmal sind die reichsten Menschen auch die geizigsten", meinte Janet.
"Jedenfalls kann Louisa meiner Meinung nach froh sein, dass sie den Kerl los ist. Und nach allem, was ich gehört habe, ist sie das auch. Angeblich hat sie allen Freunden und Bekannten von Harolds Lügengeschichten erzählt. Aber wer wird das schon glauben? Mein Ruf ist auf alle Fälle ruiniert."
Als sie merkte, dass ihr schon wieder Tränen in die Augen stiegen, wandte sie sich rasch ab und griff energisch nach der Teigschüssel. Es ging ja nicht nur um den Job, den sie verloren hatte. Das Geld, das sie mit dem Versand ihrer Weihnachtspuddings nach altem Familienrezept verdiente, sicherte ihr zumindest ein kleines Einkommen. Auch wenn sie zugeben musste, dass ihr schon jetzt manchmal allein der Anblick ihres leckeren Kuchens Übelkeit verursachte. Nein, etwas anderes war noch im Spiel, von dem nicht einmal Janet etwas ahnte.
Nur ein paar Tage, nachdem sie ihre neue Stelle angetreten hatte, hatte Heaven Louisas Bruder, Jon Huntingdon, kennengelernt. Sie erinnerte sich noch sehr genau, wie stürmisch ihr Herz plötzlich geklopft hatte, als sie ihn das erste Mal sah.
Jon war ein großer, gut aussehender Mann, der sehr erfolgreich als Finanzexperte arbeitete. Seltsamerweise war er nicht verheiratet, was Heavens Herz noch etwas mehr in Aufruhr brachte, als ihr lieb war. Er war etwa Mitte dreißig und hatte einen wunderbaren Humor, was sich vor allem im Umgang mit Louisas Töchtern zeigte.
Ganz beiläufig hatte Jon nicht lange nach ihrem ersten Kennenlernen gefragt, ob Heaven nicht Lust habe, ihn ins Theater zu begleiten. Ein ganz neues Stück sollte gespielt werden, das bereits großen Erfolg in London hatte.
Heaven hatte sich auf diesen Abend so sorgfältig vorbereitet wie schon lange nicht mehr. Sie hatte sogar ein kleines Vermögen für ein Traumkleid aus einer der besten Boutiquen Londons ausgegeben. Es war schulterfrei und betonte mit seinem schmalen Schnitt Heavens zierliche Figur. Der weiche, silbrig schimmernde Stoff umspielte bei jedem Schritt ihre schlanken Beine. Heaven wusste, dass ihr das Kleid gut stand, und Jons anerkennender Blick entging ihr nicht. Sie fühlte sich attraktiv und selbstsicher und genoss den Abend in vollen Zügen.
Nach dem Theater waren sie zum Essen in ein kleines französisches Restaurant gefahren, von dem Heaven noch nie gehört hatte. Die Zwiebelsuppe, die sie bestellte, war phantastisch, und spätestens jetzt war sich Heaven im Klaren darüber, dass Jon zu den Männern gehörte, deren Geschmack in jeder Hinsicht äußerst anspruchsvoll war. Später hatte er sie in seinem silbergrauen Jaguar nach Hause gefahren.
Als sie in der Einfahrt zu Heavens Haus standen und Jon die Scheinwerfer ausgemacht hatte, war Heaven vor Aufregung beinahe schwindlig geworden. Natürlich war sie schon mit anderen gut aussehenden Männern ausgegangen, aber noch nie hatte einer von ihnen eine ähnliche Wirkung auf sie gehabt wie Jon. Mit unfehlbar weiblichem Instinkt hatte sie erkannt, dass Jon in ihrem Leben eine ganz besondere Rolle spielen könnte. Vielleicht sogar als der Mann ihres Lebens.
Und dann hatte er sie geküsst. Atemlos, vorsichtig, zärtlich.
Als die Welt um sie herum sich nicht mehr drehte, hatte er sie noch einmal geküsst. Und Heaven hatte den Kuss erwidert, ohne sich gegen ihre Gefühle wehren zu können.
Als er sie schließlich losließ, zitterten ihr die Knie.
"Ich tue so etwas nicht jeden Tag", brachte sie mühsam hervor, während sie versuchte, ihre Stimme unter Kontrolle zu bekommen.
"Denkst du etwa, ich?", gab er rau zurück und zog sie wieder an sich. "Du duftest nach Zimt und Honig. Ich würde dich am liebsten anknabbern", flüsterte er erregt.
Leidenschaftlich ließ er seine Zunge über ihren Mund gleiten, bevor er ihre Lippen sanft öffnete. Jeden Zentimeter ihres Mundes erforschte er, als könne er nicht genug bekommen von ihrem süßen Geschmack.
Aber weiter ging er nicht. Obwohl Heaven merkte, wie sehr sie sich von Jon angezogen fühlte, war sie froh über seine Zurückhaltung, denn sie zeigte ihr, dass es ihm nicht auf eine schnelle Affäre ankam. Schon jetzt mochte er sie offensichtlich genug, um den Dingen Zeit zu lassen und nichts zu überstürzen.
"Morgen reise ich für eine Weile nach Europa", murmelte Jon dicht an ihrem Ohr. "Ich habe dort geschäftlich zu tun. Wenn ich zurückkomme, rufe ich dich an."
Natürlich hatte er nicht angerufen. Und sie wäre ja auch gar nicht erreichbar gewesen. Denn zwei Tage nach ihrem gemeinsamen Abend in London platzte die Bombe mit Harold. Louisa hatte einen hysterischen Anfall, nahm die Kinder und verließ ihren Mann ohne weitere Diskussionen. Den Beteuerungen Heavens, es sei alles nicht wahr, schenkte sie keinen Moment Gehör.
Trotz Harolds Behauptung, er habe der Presse kein Wort von dem mitgeteilt, was zwischen ihm und seiner Frau vorgefallen war, blieb Heaven misstrauisch. Sie wusste inzwischen genau, was sie von ihm zu halten hatte. Schon nach kurzer Zeit war das Zerwürfnis zwischen Harold und Louisa in jedem Boulevardblatt auf der ersten Seite zu lesen. Ganz besonders interessant für die Presse und sämtliche Zeitungsleser war natürlich die Rolle, die Heaven angeblich bei der ganzen Sache spielte.
So war ihr Ruf innerhalb kürzester Zeit vollkommen ruiniert. Ganz zu schweigen von ihrem Selbstbewusstsein. Dankbar hatte Heaven damals das Angebot ihrer Eltern angenommen, London zunächst einmal zu verlassen, bis die Wogen sich geglättet hatten. Später war sie dann in Chelsea eingezogen, wo sie mietfrei wohnen konnte.
Sie hatte keine Ahnung, wann Jon aus dem Ausland zurückgekommen war, aber sie war eigentlich nicht besonders überrascht über sein Schweigen. Auch Louisa, die sie später zufällig auf der Straße traf, erwähnte ihn mit keinem Wort, obwohl sie sich wortreich bei Heaven für alles entschuldigte. Heaven hatte allerdings auch nicht den Mut gehabt, nach ihm zu fragen, sodass das Ganze im Sand verlaufen war.
Außerdem hatte Heaven momentan wahrhaftig Wichtigeres zu tun, als sich um Männer zu kümmern. Bis auf einen …







