Bianca Exklusiv Band 335

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DIE LEIDENSCHAFT SIEGT von MARY J. FORBES
Jon Tucker ist überzeugt, ein schlechter Vater zu sein. Daran ist schon seine Ehe zerbrochen. Deshalb sollte er sich von der hübschen Rianne besser fernhalten, schließlich ist sie ein absoluter Familienmensch. Aber das fällt ihm alles andere als leicht …

EIN SCHLOSS FÜR UNSERE LIEBE von MARGARET BARKER
Aus Sehnsucht nach dem geliebten Schloss, das einst ihrer Großmutter gehörte, übernimmt Dr. Caroline Bennett eine Mutterschaftsvertretung in der Château Clinique. Zu ihrer Überraschung ist Dr. Pierre Chanel der Besitzer der Klinik - der Mann, von dem sie schon lange träumt!

DIE VERTAUSCHTE BRAUT von SALLY CARLEEN
Dass seine Braut auf der Probe zur Hochzeitszeremonie verschwindet, findet Lucas Daniels schon seltsam. Noch merkwürdiger ist ihre totale Veränderung, als sie kurz darauf zurückkehrt. Äußerlich sieht sie aus wie immer, aber ihre Ausstrahlung verwirrt Lucas. Bisher verband sie nur Freundschaft - plötzlich ist es heiße Leidenschaft!


  • Erscheinungstag 23.04.2021
  • Bandnummer 335
  • ISBN / Artikelnummer 9783751501132
  • Seitenanzahl 236
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Mary J. Forbes, Margaret Barker, Sally Carleen

BIANCA EXKLUSIV BAND 335

1. KAPITEL

Diese verflixte Frau und ihre Katze!

Jon Tucker sprang die Treppe seiner Veranda hinunter und lief durch den Garten, der mit Unkraut überwuchert war. Unter seinem Arm hielt er einen Karton, in dem sich etwas bewegte. Eigentlich mochte er Katzen. Aber er wollte nicht, dass sie in seinem Garten herumstreunten. Das war alles. Er wollte, dass überhaupt niemand auf seinem Grundstück herumlief.

Er liebte sein Einsiedlerleben.

Deswegen hatte er dieses alte viktorianische Haus gekauft, das sich am Ende einer abgelegenen Straße befand, und zu dessen Grundstück fast ein Hektar Wald gehörte.

Seine Brüder wussten, warum er sich so zurückzog, trotzdem hatten sie mehr als einmal versucht, seine Meinung zu ändern. Wer konnte es ihnen übel nehmen? Schließlich war er zweiundzwanzig Jahre fort gewesen.

Gut, Luke und Seth konnte er verzeihen.

Aber nicht seiner Nachbarin.

Diese Frau wollte es einfach nicht begreifen. Katzen waren nun einmal Streuner. Seit er nach Oregon zurückgekehrt war, hatte er fast den Eindruck, von Katzen regelrecht umzingelt zu sein. Und jetzt hatte eine davon auch noch die Frechheit besessen, auf seinem Sweatshirt drei kleine Kätzchen zur Welt zu bringen. Ausgerechnet auf seinem Lieblingsshirt! Das einzige Sweatshirt, das er noch von der Polizeiakademie besaß. Das letzte Überbleibsel eines Berufs, den er zwei Jahrzehnte mit Herz und Seele ausgeübt hatte.

Das letzte Verbindungsglied zu seinen Erinnerungen.

Und zu seinen Albträumen.

Dafür würde diese Nachbarin zahlen. Verdammt, genau das würde sie!

Er ging durch die Lücke zwischen den übermannshohen Lebensbäumen, die als eine Art Hecke dienten und die beiden Gärten voneinander trennten. Wahrscheinlich hatten die Besitzer, die vor vielen Jahren diese Bäume gepflanzt hatten, auf besserem Fuß mit ihren Nachbarn gestanden. Es hatte sie offensichtlich nicht gestört, dass ihre Kinder und Haustiere mit der Zeit diesen Trampelpfad durch die Hecke bildeten. Nun, bei ihm würde so etwas erst gar nicht einreißen. Er würde gleich morgen einen Lebensbaum kaufen und ihn in die hier entstandene Lücke pflanzen.

Er rückte den Karton unter dem Arm zurecht und lief die drei Stufen zur Veranda des Hauses hinauf, das bedeutend kleiner war als seine viktorianische Villa. Während er an die Tür klopfte, sah er sich um. Das Haus brauchte dringend einen neuen Anstrich, aber der Garten sah aus, als ob ein Landschaftsgärtner ihn entworfen hätte. Der Rasen war sattgrün und gepflegt, und Stiefmütterchen, Narzissen und Tulpen blühten in steinumrandeten Rabatten. Obstbäume streckten ihre blühenden Zweige der warmen Maisonne entgegen.

Er klopfte noch einmal.

Wo war die Lady? Er hatte doch ihren roten Wagen draußen stehen sehen.

Die Tür wurde geöffnet. Und das erste Mal sah er nun seine Nachbarin.

Auf einmal war sein Zorn verschwunden, und er brachte kein Wort hervor.

Die Frau reichte ihm gerade bis zur Schulter, hatte rötliches Haar, trug ein verwaschenes blaues Sweatshirt und war barfuß. Ihre Füße waren schmal und gepflegt und ihre Fußnägel rotbraun lackiert.

„Ja?“

Er schaute ihr in die sanften braunen Augen und bemerkte, dass sie überrascht blinzelte und für einen Moment den Atem anhielt.

Ein Miauen riss ihn aus seiner Befangenheit.

Hey, Jon, wach auf! Du bist aus einem bestimmten Grund hier. Er hielt ihr den Karton entgegen. „Ihre Katzen“, sagte er.

Während sie den Karton entgegennahm, wurde die Tür noch weiter geöffnet und ein Mädchen, das ein wenig jünger als Brittany sein mochte, schaute ihn an.

„Katzen?“ Die Frau runzelte erstaunt die hübsche Stirn. „Wir haben nur eine. Entschuldigen Sie, wir versuchen sie im Haus zu behalten, aber manchmal schlüpft sie einfach unbemerkt zur Tür hinaus.“

„Nun denn. Dann sollten Sie besser auf das Tier aufpassen. Auf die Tiere. Denn jetzt haben Sie vier“, erwiderte er schroff. „Ihr süßes Kätzchen hat Junge geworfen.“

Sie schaute unter den Deckel, und ihre Augen weiteten sich vor Überraschung. „Oh“, rief sie aus, „Sweetpea … Kein Wunder, dass du so dick warst!“

„Sweetpea? Warum in aller Welt heißt eine Katze Zuckererbse?“

Seine Nachbarin schaute ihn an, und seine Kehle war auf einmal wie zugeschnürt. Sie hatte ein so offenes und freundliches Gesicht. Das Leben ist nicht freundlich, hätte er ihr am liebsten gesagt. Es ist grausam. Gemein. Ungerecht.

Sie lächelte ihn schüchtern an. „Meine Tochter Emily …“, sie schaute nach hinten zu ihrem Kind, „… hat Sweetpea vor einem Monat in unserem Gartenschuppen gefunden – zwischen vertrockneten Zuckererbsenranken. Das Tier war spindeldürr und völlig ausgehungert. Sie muss ewig nicht mehr gefüttert worden sein. Wir haben eine Anzeige in die Zeitung gesetzt, aber bis jetzt hat sich niemand gemeldet.“

Jon schaute die Frau an, deren braune Augen goldfarben und grün gesprenkelt waren, und wandte sich zum Gehen.

„Warten Sie …“ Sie trat einen Schritt vor. „Wo haben Sie Sweetpea denn gefunden?“

„Auf meinem Sweatshirt.“ In einer Ecke seiner Veranda, um genauer zu sein. Er hatte an einem neuen Geländer gearbeitet, das Sweatshirt ausgezogen und auf einen der Gartenstühle gelegt, als es ihm zu warm geworden war.

Jon lief die Treppe hinunter und ging auf die Lücke in der Hecke zu, ohne sich noch einmal umzudrehen.

„Sweetpea“, murmelte er. ‚Wildfang‘ hätte besser gepasst, wenn man sich die Kratzer auf seinen Händen ansah.

Rianne Worth schaute auf den breiten durchtrainierten Rücken ihres Besuchers, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war.

Jon Tucker.

Du lieber Himmel, wann hatte sie ihn das letzte Mal gesehen? Zwanzig Jahre musste das mindestens schon her sein. Sie hatte ihn nicht sofort erkannt. Doch als er ihr in die Augen geschaut hatte, wusste sie schlagartig, wer er war. Diese Augen würde sie niemals vergessen. Es waren Augen, die ihr sogar noch oft in ihren Träumen begegneten.

„Wer war der Mann, Mommy?“

Rianne wandte sich ihrem Kind zu. Ihr schüchterner kleiner Engel. Eines Tages – sie hoffte, schon bald – würde ihre Emily, wie jede andere Neunjährige, unbekümmert und lachend auf Besucher zulaufen. Das wirst du, Emily, das verspreche ich dir. „Unser neuer Nachbar, Liebling.“

„Er sieht böse aus.“

Rianne konnte es nicht leugnen. Er hatte tatsächlich böse ausgesehen. Zumindest sehr verärgert.

Was hatten die Jahre ihm angetan, dass er jetzt so kalt und abweisend wirkte? Der Jon Tucker ihrer Jugend stieg vor ihrem geistigen Auge auf. Zerzauste schwarze Haare, Lederjacke, der alte gelbe Pick-up. Er war lässig und cool gewesen und hatte ein großes Herz gehabt.

„Ist er wie Daddy?“

Um Himmels Willen! „Nein, Liebling. Er ist nicht wie dein Vater.“ Zumindest nicht der Jon, an den sie sich erinnerte. „Er will nur nicht gestört werden, das ist alles“, erklärte sie. Sie kniete nieder und öffnete den Karton. „Komm, sehen wir nach, was er uns gebracht hat.“

„Oh, Mommy!“ Emily stockte der Atem. „Sweetpea hat Babys bekommen!“ Sie steckte vorsichtig einen Finger in den Karton.

„Pass auf, Kleines. Du darfst die Kätzchen noch nicht berühren. Warte damit wenigstens noch eine Woche.“

„Ich weiß. Das haben wir im Biologieunterricht gelernt.“

Rianne strich ihrer Tochter übers Haar. „Gut, dass du dich daran erinnerst hast.“

„Sie sind so niedlich.“

„Ja, das sind sie.“ Selbst wenn sie noch winzig klein, nackt und mit geschlossenen Augen an den Zitzen ihrer Mutter hingen. „Wann sind sie geboren worden?“

„Ich glaube heute.“

Emily sah ihre Mutter fragend an. „Hat der Mann Sweetpea geholfen, die Babys zu bekommen?“

„Nein. Sie hat die Babys alleine bekommen.“

„War er deshalb so böse?“

„Wer?“

„Na, der Mann.“

„Ich sagte dir doch schon, er war nicht böse, Schatz. Er war nur … besorgt.“ Er hatte den Charme eines bissigen Kettenhundes versprüht. Trotzdem konnte sie seine tiefblauen Augen nicht vergessen.

Seit das Verkaufsschild vor ungefähr einem Monat verschwunden war, hatte ihr neuer Nachbar an der alten Villa nebenan gearbeitet. Sie hatte oft zu ihm hinüber geschaut, doch er hatte weder gewunken, noch genickt oder gar Hallo gesagt. Sie allerdings auch nicht.

Und jetzt?

Er hatte sie anscheinend nicht erkannt, schien keine Lust auf gute nachbarschaftliche Beziehungen zu haben, und Tiere mochte er offensichtlich auch nicht. Sie würde jetzt noch besser auf Sweetpea achten und so bald wie möglich einen Termin beim Tierarzt vereinbaren müssen. Das Tier gehörte dringend kastriert.

Rianne nahm den Karton und stand auf. „Komm, wir bringen die Kätzchen rein. Sweetpea hat bestimmt Hunger. Außerdem braucht sie ein Bett für ihre Babys.“

Sie trug den Karton in die Küche und stellte ihn neben die Fressnäpfe. Sweetpea entzog sich vorsichtig ihrem Nachwuchs, sprang heraus und trank gierig von dem frischen Wasser, das Rianne ihr hingestellt hatte.

„Schau mal, wie viel Durst sie hat, Mom.“ Emily hatte sich neben die Katzenfamilie gekniet. „Und Hunger hat sie auch“, fügte sie hinzu, als Sweetpea sich über das Katzenfutter hermachte.

Die Hintertür wurde aufgerissen und mit einem lauten Knall wieder zugeschlagen. „Hallo, Mom! Was gibt’s zu essen?“

Sam, Riannes dreizehnjähriger Sohn, kam mit zerzaustem Haar und geröteten Wangen in die Küche gestürzt.

„Hey, wie süüüß!“ Er warf seinen Rucksack auf den Boden und kniete sich neben seine Schwester. „Sweetpea hat ja Junge bekommen. Cool!“

Riannes Herz quoll vor Liebe über. Jeder Moment der unbeschwerten Freude war ein Geschenk. Und sie hatte sich in der Vergangenheit geschworen, ihren Kindern so viele dieser Momente wie möglich zu bescheren.

„Was ist das für ein Hemd?“ Sam betrachtete das verwaschene marineblaue Hemd, das auf dem Kartonboden lag.

„Es gehört unserem Nachbarn, Jon Tucker.“

„Der Motorradtyp? Der mit den langen Haaren und dem Tattoo hier?“ Er wies auf seinen linken Unterarm.

„Ja.“

„Oh, Mann, das ist ja obercool. Jetzt, wo du ihn kennst, darf ich da hinübergehen und mir seine Harley anschauen?“

„Besser nicht, Sam“, warf Emily ein. „Der ist ziemlich gemein.“

Sams Lächeln verschwand. „Gemein?“

Also gut, dachte Rianne. Das muss sofort geklärt werden. „Mr. Tucker ist nicht daran gewöhnt, Tiere um sich zu haben, Sam. Es sieht so aus, als ob Sweetpea ihn regelmäßig besucht hätte.“

„Aber sie ist doch nur eine Katze.“

„Manche Leute mögen eben keine Katzen. Vielleicht hat Mr. Tucker als Kind schlechte Erfahrungen gemacht, oder er ist allergisch gegen Katzen. So wie Em gegen Kürbis. Du weißt doch, was für einen Ausschlag sie bekommt, wenn sie Kürbisgemüse gegessen hat.“

Emily nickte, Sam schaute sie nur an.

„Man weiß nie, wie Leute auf Tiere reagieren“, fuhr sie fort und legte dann eine effektvolle Pause ein. „Em weint, wenn sie den Ausschlag hat, weil er so juckt. Aber ein Mann wie Mr. Tucker weint nicht. Er reagiert eben anders.“

„Warum weint er nicht?“, fragte Emily.

Sam rollte mit den Augen. „Weißt du das denn immer noch nicht? Männer weinen nicht.“

Rianne hockte sich zwischen die Kinder. „Männer weinen auch. Es hängt immer vom einzelnen Menschen und von den Umständen ab.“

„Dad hat nie geweint“, stieß Sam hervor. „Er hat nur … nur …“

„Wie ich schon sagte, hängt es vom Einzelnen ab, Liebling. Und nur weil man einen Menschen nicht weinen sieht, bedeutet das noch lange nicht, dass er nicht leidet.“

„Leidet unser Nachbar?“

„Nein, bestimmt nicht. Wahrscheinlich hatte er einfach nur einen schlechten Tag.“ Sie umarmte beide Kinder kurz und erhob sich wieder. „So, und jetzt sollten wir uns um Sweetpea und ihre Babys kümmern. Wir müssen sie in ihren Korb betten.“

Gesagt, getan. Zusammen breiteten sie ein altes zusammengefaltetes Laken im Katzenkorb aus, hoben vorsichtig die Katzenkinder mit einem Tuch in den Korb und stellten ihn in Riannes Nähzimmer, in das fast den ganzen Tag die Sonne schien. Sweetpea legte sich satt neben ihre Katzenkinder und leckte sie zufrieden ab. Ihre Welt war in Ordnung.

Und auch unsere wird es bald sein, dachte Rianne, als sie sah, wie Sam und Emily glücklich ihre Katze streichelten. Sie hatten ein glückliches liebevolles Zuhause verdient. Und Freunde. Eben ein ganz normales Leben. So wie sie es gehabt hatte, als sie in Misty River aufgewachsen war.

„Wirst du dem Mann sein Hemd zurückbringen, Mom?“, fragte Emily, als Rianne Jons Hemd aufhob.

„Ja, aber ich muss es erst waschen.“

Sam stellte sich neben Rianne und fuhr über das große aufgedruckte S. „Was bedeutet das ‚S‘?“

Rianne faltete das Hemd ein bisschen auseinander. Ein Wappen mit goldfarben gedruckten Buchstaben erschien. Police Seattle. Jon war Polizist?

Sam beugte sich vor. „Was bedeutet das?“ Rianne knüllte das Hemd gedankenverloren zusammen. „Es ist von der Geburt noch ganz verschmutzt“, wich sie aus. „Sam, du kannst dir einen von den Brownies nehmen, die wir gestern gebacken haben.“

„Darf ich auch zwei haben? Ich habe Hunger.“

„Ich auch, Mom.“

„Also gut, jeder zwei und dazu ein Glas Milch. Ich komme sofort zurück, wenn ich die Waschmaschine angestellt habe.“

Sie ging die Kellertreppe hinunter zum Waschraum. Vielleicht war Jon ja auch kein Polizist. Vielleicht hatte er das Sweatshirt von einem Freund bekommen.

Und wenn er einer ist?

Wenn er einer ist, geht es dich nichts an.

Es bedeutete doch nur, dass Jon Tucker aus Misty River, Oregon, ein Officer geworden war. Was wusste sie schon von ihm? Nur eins: Dass er bestimmt nicht mehr der Mann war, an den sie sich erinnerte.

Nein. Mit vierzehn Jahren war sie von ihm begeistert gewesen. Sogar verliebt. Aber vor allem hatte sie Schwierigkeiten im Fach englische Literatur gehabt. Sie hatte einfach keinen Sinn in den Gedichten erkennen können, die sie im Schulunterricht lasen.

Doch der damals zwanzigjährige Jon Tucker hatte es gekonnt.

Sie hatte auf dem Beifahrersitz seines alten Pick-ups gesessen, während er ihr Gedichte vorgetragen und deren Bedeutung erklärt hatte. In jenem Jahr hatte sie ihre erste Eins in Englisch erhalten. Und Jon, der sie mit der Lässigkeit eines älteren Bruders behandelte, hatte ihr Herz gewonnen. Ein Jahr später hatte er dann Misty River verlassen, und sie hatte ihn in einer Ecke ihres Herzens aufbewahrt und nie vergessen.

Nicht in ihrer Highschoolzeit. Und auch nicht während ihrer katastrophalen Ehe.

„Mom?“, rief Sam.

„Bin gleich da!“

Sie schob das Sweatshirt rasch mit einigen anderen Pullovern und T-Shirts, die darauf warteten, gewaschen zu werden, in die Waschmaschine und stellte sie an.

Warum war Jon wieder nach Misty River zurückgekommen?

Und was hatte er gedacht, als er da in seiner verwaschenen Jeans und dem weißen T-Shirt vor ihrer Tür stand? Hatte er sie erkannt?

Was spielt das für eine Rolle?

In deinem Bauch flattern Schmetterlinge.

Tun sie nicht.

Natürlich tun sie das. Du weißt warum, nicht wahr?

Oh, ja, sie wusste, warum.

Jon Tucker war ihr Nachbar. Und sie war nicht länger ein vierzehnjähriges Mädchen mit einer Zahnspange.

„Und du denkst wirklich, dass es Juni wird, bis wir die Einfahrt neu pflastern können?“, fragte Jon. Er saß mit seinem Bruder auf der Verandatreppe und schaute auf seine holprige Einfahrt.

Seth nahm seine Baseballmütze ab, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und schaute sich die zersprungenen Platten an, zwischen denen bereits das Unkraut herauswucherte. „Ich wünschte, ich hätte vorher Zeit. Aber mein Terminkalender ist voll. Du weißt doch, wie das ist.“

„Ja.“ Jon wusste es. Seth hatte eine kleine Baufirma und hatte für die nächsten sechs Monate mehr Aufträge, als er eigentlich annehmen konnte. Es schien so, als ob in diesem Frühling und Sommer jeder Hausbesitzer irgendetwas an seinem Gebäude oder Grundstück renovieren lassen wollte.

Jons Haus lag am Ende der schmalen Straße. Es war groß, und er hatte es sehr günstig erwerben können, aber es war eben auch sehr heruntergekommen, und er würde noch einiges investieren müssen, bevor es seinen Vorstellungen entsprach.

„Es sieht so aus, als ob es regnen wird“, bemerkte Seth und sah prüfend zum Himmel. Fantastisch. Wieder ein Tag, an dem er nicht an der Fassade des Hauses arbeiten konnte. Die Renovierung verzögerte sich zusehends. Mitte Juni, so sah es sein Zeitplan vor, hatte er eigentlich schon mit den Innenarbeiten beginnen wollen – vor allem mit Britannys Kinderzimmer.

„Gut“, sagte Jon und lächelte. „Wenn man den Preis bedenkt, den du mir in Rechnung stellen wirst, kann ich gut noch bis Juni warten.“ Außerdem konnte er von seinem Bruder nicht verlangen, dass er einen zahlenden Kunden abwies, nur weil sein verschollener Bruder plötzlich wieder in der Stadt auftauchte.

Nebenan fuhr der alte rote Toyota seiner Nachbarin vor. Seine Nachbarin, die jetzt stolze Besitzerin von drei jungen Kätzchen war. Doch das war nicht der Grund, warum er fast den ganzen Tag an sie gedacht hatte. Die Frau war einfach umwerfend sexy.

„Hast du bereits mit ihr gesprochen?“, fragte Seth, während er genau wie Jon zu der jungen Frau hinüber sah, die jetzt aus ihrem Wagen ausstieg.

„Gestern. Für ungefähr sechzig Sekunden. Scheint ganz nett zu sein.“ Obwohl das für ihn keine Rolle spielte. Er legte keinen Wert auf gute Nachbarschaft.

„Sie ist wieder Single.“

„Hm.“ Das hatte Jon sich bereits gedacht. Seit er hier wohnte, hatte er keinen Mann bei ihr gesehen.

Die Frau hielt eine braune Einkaufstüte im Arm und schaute jetzt unverwandt zu ihm hinüber. Sie rührte sich nicht, öffnete nicht den Mund, sondern schaute ihn einfach nur an.

Aus dem Garten kam jetzt ein ungefähr zwölfjähriger Junge zu ihr herübergelaufen.

„Hallo, Liebling.“ Ihr Lächeln war so herzlich und liebevoll, dass sogar Jon gerührt war.

„Hallo, Mom.“ Das Kind griff zu dem Fahrrad, das an dem Zaun lehnte. „Darf ich noch eine halbe Stunde zu Joey gehen?“

„Wo ist Emily?“

„Bei den Kätzchen. Darf ich gehen?“

Wetterleuchten erhellte den dunklen Himmel, und Donner grollte in der Ferne. Sie schaute an Jon und Seth vorbei in Richtung nach Westen. „Nicht heute, Sam.“

„Ach, Mom … Ich fahre auch ganz schnell“, fügte er eifrig hinzu.

„Nein, Sammy. Erstens ist es bereits nach acht, und zweitens will ich nicht, dass du in ein Gewitter kommst.“

„Biiitte.“

Sie schaute kurz in Jons Richtung. „Ich sagte Nein.“

Ohne ein weiteres Widerwort stellte der Junge das Fahrrad an den Zaun und lief zurück in den Garten. Sie straffte die Schultern und warf einen dritten und letzten Blick in ihre Richtung. Jon hätte fast gelächelt. Diese Frau hatte Mumm.

Sie hatte es auf eine Auseinandersetzung ankommen lassen, obwohl sie Zuschauer gehabt hatte. Das allein war schon Bewunderung wert. Er nickte ihr leicht zu, und sie erwiderte seine Geste und ging dann mit hocherhobenem Kopf ins Haus.

Die ersten Regentropfen fielen und Seth stellte seine leere Coladose ab. „Nun, eins muss ich sagen, die Stadt hat lange nicht mehr so etwas Hübsches gesehen.“

„So?“

„Hm-hm.“ Er warf Jon einen prüfenden Blick zu. „Du kannst dich nicht an sie erinnern, nicht wahr?“

„Sollte ich?“

„Verflixt, ich dachte, dass jeder Junge ab zwölf sich sein Leben lang an diese hübsche Rothaarige erinnern könnte.“

Jon starrte zu ihrem Haus hinüber. „Sie ist … Rianne Worth?“

„Bingo.“

Was war er nur für ein Idiot! „Und was ist mit dem Ehemann?“

„Tot, wie ich gehört habe. Sie ist irgendwann letzten Sommer hier aufgetaucht, hat zuerst eine Woche in einem Motel gelebt und ist dann in dieses Haus hier eingezogen. Sie ist Grundschullehrerin und arbeitet Teilzeit. Sie hat mir erzählt, dass sie hin und wieder auch an der Highschool einspringt, wenn Lehrer ausfallen.“

Jon schwieg. Rianne Worth war also seine Nachbarin. Und er hatte sie nicht einmal erkannt. Offensichtlich war er wirklich Jahrzehnte von der Zeit entfernt, als er noch ein Teenager gewesen war. Damals hätte er schon alles darum gegeben, in einer Straße mit ihr zu wohnen.

Das war vor vielen Jahren gewesen, vor sehr vielen Jahren.

Der Regen war jetzt stärker geworden. Seth erhob sich und setzte seine Baseballkappe auf. „Okay, ich muss los.“

„Ja.“ Jon stand ebenfalls auf. „Wir sehen uns morgen.“

Sein Bruder rannte mit eingezogenen Schultern zu seinem grünen Pick-up hinüber, und zwei Minuten später war Jon wieder allein.

Es regnete nun immer stärker, und Donner grollte laut und bedrohlich, doch Jon machte keine Anstalten, hineinzugehen. Seit er ein Kind war, hatte er den Regen geliebt. Stundenlang war er im Regen herumgelaufen, wenn seine Mutter wieder einmal besonders betrunken gewesen war. Er hatte sich nicht wie sein Vater in den Gartenschuppen zurückgezogen. Oder wie seine Brüder auf sein Zimmer. Nein, er war immer nach draußen. Und hatte es geliebt, wenn es dabei regnete.

Wenn der Regen ihn durchnässte und seine Haut kühlte, vergaß er ein wenig, wie viel Hässlichkeit diese Welt bereithielt. Doch es hätte niemals so viel regnen können, dass alle Hässlichkeit verschwinden könnte.

Ein Geräusch zur Linken erregte seine Aufmerksamkeit. Rianne Worth, die immer noch ihren Rock und ihre Pumps trug, war mit einem großen bunten Regenschirm herausgekommen und versuchte jetzt zwei Einkaufstüten aus dem Kofferraum zu heben. Sie waren offensichtlich zu schwer. Sie hatte jetzt die Wahl: Den Regenschirm beiseite zu legen und nass zu werden oder eben nur eine Tüte nehmen.

Er könnte ihr helfen.

Misch dich nicht ein!

Sie versuchte es noch einmal, gab dann auf und holte nur eine Tüte heraus.

Ah, verdammt.

Jon lief über den aufgeweichten Rasen hinüber und machte einen Schritt über das Rosenbeet, das sich an ihrer Einfahrt befand. Dann ging er zum offen stehenden Kofferraum und nahm die restlichen fünf Tüten heraus. Als er sich umdrehte, stand Rianne nur zwei Meter entfernt vor ihm. Zierlich und hübsch unter dem riesigen Regenschirm. Rianne.

Zweiundzwanzig Jahre waren vergangen. Was sollte er jetzt sagen? „Du bist ganz schön erwachsen geworden?“ oder: „Ich habe dich zuerst gar nicht erkannt?“

Verdammt, in der letzten Zeit kannte er sich ja selbst kaum.

„Mach den Kofferraum zu“, sagte er stattdessen und ging an ihr vorbei auf das kleine Haus zu, während er den Kopf wegen des strömenden Regens zwischen die Schultern zog.

Als sie die Veranda erreicht hatten, schüttelte Rianne den Regenschirm kurz aus, schloss ihn und lehnte ihn gegen die Wand. Dann hielt sie Jon die Tür auf, damit er ins Haus gehen konnte.

In dem schmalen Flur blieb er unschlüssig stehen. „Wohin?“

„Gleich rechts.“

Ihr Duft vermischte sich mit der feuchten Luft.

Er ging in die Küche, die die Größe seines Badezimmers hatte, und stellte die Tüten vor dem Kühlschrank ab. Als er sich wieder aufrichtete, stand sie in der Tür.

„Danke“, sagte sie in demselben sanften Ton, an den er sich noch gut erinnern konnte.

„Gern geschehen.“ Er schaute auf seine Stiefel, die dreckige Spuren auf den Fliesen hinterlassen hatten. „Ich habe deine Küche verschmutzt.“ Er sah zu ihr hinüber. „Weißt du, warum ich dich auf einmal duze? Erinnerst du dich an mich?“

Sie schaute ihn unverwandt an. „Ja. Das tue ich.“

Es wunderte ihn nicht. Vor zwei Jahrzehnten kannte jedes Kind die Tuckers. In einem Städtchen, in dem nur etwas über tausend Einwohner lebten, war das nicht schwer. Vor allem, weil die Mutter fast jeden Tag betrunken über den Gehweg getorkelt war …

„Nun dann, schönen Abend noch“, stieß er hervor.

„Jon.“ Aus ihrem Mund hatte sein Name wie eine Zärtlichkeit geklungen. „Wie wäre es, wenn du auf einen Kaffee bleibst? Du warst so nett, mir zu helfen und …“ Das zaghafte Lächeln von gestern erschien auf ihrem Gesicht. „Ich fühle mich dafür verantwortlich, dass Sweetpea dein Sweatshirt verschmutzt hat.“

„Vergiss es. Die Katze hat einen Platz zum Gebären gesucht, und das Sweatshirt war für sie offensichtlich nützlich.“

„Ich habe es gewaschen. Warte einen Moment.“ Sie verschwand im Flur.

Er atmete tief durch. Also gut. Er würde auf eine Tasse Kaffee bleiben. Er ging zur Haustür, zog seine Stiefel aus und stellte sie draußen auf die Matte, auf der ‚Herzlich Willkommen‘ stand.

Er hörte ihre Schritte. „Jon?“

„Hier.“

„Gut. Du bist also doch geblieben.“ Sie lächelte, legte das sorgfältig gebügelte Sweatshirt auf den Tisch und ging dann zur Kaffeemaschine hinüber. Nachdem sie die Maschine angestellt hatte, drehte sie sich abrupt um.

„Bist du Polizist?“, fragte sie unvermittelt.

„Ich war einer. Ich habe die Polizei vor einem Monat verlassen.“

Man hatte ihm gesagt, dass er Urlaub nehmen sollte, aber er hatte sich entschieden, den Dienst zu quittieren. Nach Nicks Tod war er nicht mehr derselbe gewesen, und seine Arbeit hatte darunter gelitten. Verdammt, nach dem Tod seines Sohnes war sein Leben ein Albtraum geworden, aus dem er immer noch nicht erwacht war.

„Wo sind deine Kinder?“, fragte er schließlich.

„Sie sind im Wohnzimmer und schauen fern.“ Sie blickte auf die Sonnenblumenuhr an der Wand. „Emily muss in fünfzehn Minuten ins Bett. Wir haben also noch fünfzehn Minuten Zeit, bevor ihr allabendlicher Protest beginnt.“ Sie schenkte ihm ein weiteres bezauberndes Lächeln. Ein Lächeln, das Fantasien in ihm freisetzte, die ihm gar nicht passten.

„Ist der Kaffee koffeinfrei?“, fragte er, da er nichts über Kinder, Gute-Nacht-Geschichten und andere Zu-Bett-geh-Rituale hören wollte.

„Wenn da Koffein drin wäre, würde ich die ganze Nacht nicht schlafen. Bitte, setz‘ dich doch.“ Sie wies auf den Tisch mit den vier Stühlen und öffnete dann die Tür zu einer kleinen Vorratskammer, um ihre Einkäufe zu verstauen.

Er trat neben sie und stellte drei Gläser Tomatensauce in das oberste Fach.

„Würdest du dich bitte setzen“, forderte sie ihn erneut auf, bevor er nach weiteren Sachen greifen konnte.

„Ich helfe dir aber gern.“

Sie schüttelte den Kopf. „Mir wäre es wirklich lieber, wenn du Platz nimmst.“

Ihr Verhalten ärgerte ihn. Er schien gut genug, für sie den Lastesel zu spielen, aber mehr traute sie ihm offensichtlich nicht zu. Genau wie Colleen. Er hörte noch heute ihre Worte: „Geh und erledige deine Sachen, die Küche gehört mir.“

Hatte sie ihn überhaupt irgendwo gebraucht? Als Ehemann? Als Vater ihrer Kinder?

„Danke, aber ich glaube, ich habe doch keine Zeit für einen Kaffee“, erklärte er aus heiterem Himmel und stieg über die drei Tüten, die noch auf dem Boden standen. „Ich habe noch sehr viel zu tun.“ Damit war sein Versuch, gute nachbarschaftliche Beziehungen zu pflegen, wohl beendet.

„Jon. Bitte, geh nicht. Es …“

Kinderlachen drang vom Wohnzimmer zu ihnen herüber. Regen trommelte gegen die Fensterscheiben.

„Es ist nicht wegen dir“, fuhr sie zögernd fort. „Ich … ich meine, ich …“ Ihr Herz schlug so laut, dass sie befürchtete, er könnte es hören. Männer machen mich im Allgemeinen nervös. Natürlich wusste sie, dass Jon eine Ausnahme war. Trotzdem. Er war über einen Kopf größer als sie, und seine breite Brust, die durch das regennasse T-Shirt doppelt zur Geltung kam, war mehr als beeindruckend.

Sie vermied es, auf seine Arme, auf seine Hände zu schauen. Sie waren muskulös, stark, behaart. Ein Wolf war auf dem linken Unterarm tätowiert. Jon hatte in dieser kleinen Stadt damals immer wie ein Rebell gewirkt. Und auch jetzt war er ein Mann mit geheimnisvoller und gefährlicher Ausstrahlung.

Aber anschauen konnte sie ihn. Direkt in seine Augen, die eiskalt wie ein Gletscher wirkten. „Ich bin nicht daran gewöhnt, Gesellschaft zu haben. Du hast mich aus dem Gleichgewicht gebracht.“ Sie hatte nicht erwartet, ihn so schnell wieder zu sehen. Vielleicht aus der Entfernung, aber nicht hier in ihrem Haus.

Er gab ihr keine Antwort, wandte sich aber auch nicht zum Gehen. Er wartete einfach.

„Entschuldige“, sagte sie schließlich.

„Wofür?“

„Dafür, wie ich eben geklungen haben muss. Wie ich schon sagte …“

„Du bist nicht an Gesellschaft gewöhnt und willst auch offensichtlich keine. Dir geht es also wie mir.“ Das hatte so kalt geklungen, dass sie zusammenzuckte.

Er drehte sich um, ging hinaus auf die Veranda, zog seine Stiefel wieder an und lief in den Regen.

Sie hätte ihn gern gerufen, ihn gebeten, zurückzukommen und ihm erklärt, dass es nicht an ihm gelegen hatte, sondern daran, dass ihr Verhalten nur eine Reaktion gewesen war auf etwas, das sie in den Jahren ihrer unguten Ehe erfahren hatte. Schweigend ging sie zum Verandageländer hinüber. Es war besser so, dass Jon nicht geblieben war. Sie hatte genug mit sich selbst zu tun. Was sie im Moment brauchte, war Selbstkontrolle und Stärke. Entschlossen verschränkte sie die Arme vor der Brust.

Als Jon den Rasen halb überquert hatte, blieb er stehen und schaute sich noch einmal um. Regen klatschte auf seine Schultern und in sein markantes Gesicht.

„Auf Wiedersehen, Rianne.“

Und damit verschwand er durch die Lücke in der Hecke. Er hatte gewusst, wer sie war. Warum hatte er es ihr nicht schon gestern gesagt? Oder hatte Seth, der vorhin mit ihm auf den Verandastufen gesessen hatte, es ihm gesagt?

„Erinnerst du dich an mich?“

Wie könnte sie nicht!

Sie hörte zu, wie der Regen auf das Dach trommelte und wie er die Regenrinne hinunterrauschte.

Erst als sie fröstelte, ging sie ins Haus zurück, verstaute die restlichen Einkäufe und steckte die Plastiktüten in eine Schublade. Dann nahm sie einen Lappen und wischte den Boden sauber. Er bedeutet dir nichts. Gar nichts.

Dumm nur, dass sie nicht vergessen konnte, wie er heute Abend ihren Namen ausgesprochen hatte.

2. KAPITEL

Den Telefonhörer am Ohr lehnte Jon am Küchenschrank und betrachtete sein Spiegelbild in der Fensterscheibe, hinter der die schwarze regennasse Nacht lag.

„Komm schon“, murmelte er ungeduldig. „Nimm endlich ab.“

„Hallo“, antwortete schließlich eine vertraute Stimme.

„Hallo, Colleen.“

Kurzes Schweigen. „Ach, du bist es.“

Wen hast du erwartet? „Ja, ich bin es“, bestätigte er. „Ist Brittany in der Nähe?“

„Sie ist beschäftigt. Sie schaut fern.“

Jon unterdrückte seinen aufsteigenden Ärger. „Könntest du sie bitte ans Telefon holen? Ich hätte gern mit meiner Tochter gesprochen.“

Gedämpftes Gemurmel sagte ihm, dass seine Ex-Frau die Hörmuschel zuhielt. „Brittany meint, dass sie heute nicht mit dir sprechen möchte. Sie fühlt sich nicht so gut.“

Zur Hölle mit dieser Frau! „Hol sie an den Apparat, Colleen. Wenn sie nicht mit mir reden möchte, kann sie mir das selbst sagen. Oder soll ich losfahren und nachschauen, was für ein Problem tatsächlich vorliegt?“

„Das würdest du nicht wagen.“

„Stelle mich auf die Probe.“

Wieder Schweigen, wieder das gedämpfte Gemurmel. „Gut, ich werde sie holen.“

Er zuckte zusammen, als sie den Hörer auf den Tisch knallte, den er so gut kannte. „Lass dir nichts von ihm vorschreiben, Col“, hörte er eine männliche Stimme im Hintergrund sagen. Dann hörte er Schritte, die rasch näher kamen, und der Hörer wurde aufgenommen.

„Daddy?“

„Hallo, meine Süße. Wie geht es dir?“

„Ganz gut.“

„Hast du eine Erkältung oder Bauchweh?“

„Nein.“

„Du kannst mir sagen, wenn etwas nicht in Ordnung ist, Liebling.“

„Mom meint, ich soll nicht mit dir reden.“

Wie konnte Colleen es wagen! Am liebsten hätte er jetzt auf der Stelle seine Ex-Frau verlangt, um sie in Grund und Boden zu stampfen. Doch er riss sich zusammen. „Warum nicht, Brit?“

„Ich weiß nicht.“ Die Kleine zögerte einen Moment. „Mom meint, das würde mich nur durcheinander bringen. Besonders jetzt, da sie doch Allan heiraten will.“

Jon zwang sich ruhig zu bleiben. Es war ihm gleichgültig, wen Colleen heiraten wollte, aber es machte ihn wütend, dass sie mit Brittanys Gefühlen spielte. „Möchtest du denn, dass ich nicht mehr anrufe, Liebling?“

Sie zögerte erneut, und sein Herz setzte für einen Moment aus.

„Wenn ich bei dir bin, will ich nicht mehr nach Hause …“, gestand sie leise. „… aber ich will auch nicht, dass Mom allein ist.“

„Ach, Kleines.“

Er hörte sie leise schluchzen. Wie sehr wünschte er sich, er hätte Harrys Potters Zauberstab, um sich jetzt zu ihr zaubern zu können. Aber was würde das helfen? Richtig oder falsch, gut oder schlecht, er und Colleen waren geschieden. Ende der Geschichte.

„Dad?“

„Ja, Liebes?“

„Ich mag Allan nicht“, flüsterte sie.

Jon geriet sofort in Alarmbereitschaft. „Warum, Brit?“

„Ich weiß es nicht. Weil er so tut, als ob er mein Dad wäre, und das gefällt mir nicht.“

Er stieß erleichtert die Luft aus. Wenn das alles war …

„Und Allan sagt Dinge über Nicky.“

Jon bekam Gänsehaut. Sein Sohn. Sein wunderschöner, dunkelhaariger, blauäugiger Sohn. Der bereits mit fünfzehn ein Mädchenschwarm gewesen war, aber trotzdem immer noch die Zeit gefunden hatte, seiner kleineren Schwester eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. Der ein feiner, verantwortungsbewusster junger Mann geworden wäre, wenn sein Vater sich nur mehr um ihn gekümmert hätte.

Er schluckte den Kloß in seiner Kehle herunter. „Was für Dinge, Brit?“

„Gemeine Sachen. Er behauptet, wenn er sein Vater gewesen wäre, würde Nick noch leben. So etwas in der Richtung.“

Jon schloss kurz die Augen und presste die Lippen zusammen. Dieser Kerl hatte leider recht. Wenn Nick einen anderen Vater gehabt hätte, würde er heute vielleicht Fußball oder Basketball mit seinen Freunden von der Highschool spielen. Andererseits, wenn er, Jon, nicht der Vater gewesen wäre, wäre Nick nicht sein Sohn gewesen, und Brittany – mit ihren Sommersprossen und ihrem seidigen hellen Haar – nicht seine Tochter.

Wie unfair von diesem Allan, die Kleine mit solchen Dingen zu belasten.

Er öffnete die Augen und massierte mit dem Zeigefinger die Stelle über seiner rechten Augenbraue, hinter der ein dumpfer Schmerz zu pochen begann.

„Liebling, ich möchte, dass du mir jetzt zuhörst.“

„Okay.“

„Wenn Allan und sogar Mom etwas über Nick sagen, das dir nicht gefällt, dann stehst du einfach auf und gehst hinaus.“

„Aber was soll ich machen, wenn sie im Auto damit anfangen?“

Ach, verflixt. „Dann bitte sie, dass sie nicht mehr solche Dinge über Nick sagen. Oder versuche es einfach zu überhören, in Ordnung?“

„Ich werde es versuchen.“

„Du weißt, dass ich dich von ganzem Herzen liebe, nicht wahr?“

„Ich liebe dich auch.“

„Wir werden uns bald sehen, Kleines.“

„Wann?“

„In den Sommerferien, so wie wir es besprochen haben.“

„Allan meint, ich sollte den Sommer über hier bleiben.“

Jon ballte die Faust und hätte am liebsten auf den Schrank eingeschlagen. Er musste sich zusammenreißen, um sich seine Wut nicht anmerken zu lassen. „Nun, da täuscht sich Allan, Kleines. So, jetzt sage ich dir Auf Wiedersehen, weil ich noch mit Mom sprechen muss.“

„Okay. Sie ist im Flur und verabschiedet sich gerade von Allan.“ Er hörte ein leichtes Scharren in der Leitung. „Igitt. Sie küssen sich und ich sehe Allans Zunge.“

Zur Hölle mit dir, Colleen! Nicht vor deiner Tochter! „Brit, Liebling, sage deiner Mutter, dass ich mit ihr sprechen will.“

„Ja, bye, Dad.“

„Bye, Kleines.“

Er hörte, wie sie den Hörer auf den Tisch legte, einige Schritte lief und dann nach Colleen rief. Er musste fast fünf Minuten warten, bis seine Ex-Frau schließlich den Hörer aufnahm.

„Nur damit du es weißt“, begann sie hitzig. „Ich mag es nicht, wenn man mich bei wichtigen Dingen stört.“

„Das nächste Mal, wenn ihr euch die Zungen bis in den Hals stecken wollt, tut es bitte nicht vor meiner Tochter.“

„Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen. Wir haben nur über unsere Hochzeit gesprochen.“

„Colleen, ich will nicht um den heißen Brei herumreden. Brittany wird die Sommerferien mit mir verbringen, ob es deinem Liebhaber nun gefällt oder nicht. So haben wir es bei der Scheidung vereinbart, und niemand wird meine Tochter von mir fern halten. Hast du das verstanden?“

„Nur zu deutlich. Warum hätte ich auch etwas anderes erwarten sollen?“, erwiderte sie bitter. „Es geht immer nur um dich, nicht wahr? Um dich und was für dich gut ist. Die Kinder und ich standen immer an letzter Stelle.“

Ein scharfer Schmerz durchfuhr ihn. „Ich kann die Vergangenheit nicht mehr ändern, Colleen. Aber ich kann mein Bestes in der Gegenwart geben. Wenn Brittany sich wünscht, die Sommerferien mit mir zu verbringen, dann soll sie hierher kommen, verdammt! Weder du noch dieser Kerl, den du heiraten willst, können ihr das verbieten. Und …“, seine Stimme nahm einen drohenden Unterton an, „… falls du dich nicht daran hältst, werden wir uns vor Gericht wieder sehen. Ach, und noch was. Brittany gefällt es nicht, dass dein Allan sich bei ihr als Dad aufspielt. Wenn du ihm nicht sagst, dass er damit aufhören soll, werde ich es tun, aber dieses Gespräch wird sicherlich nicht sehr freundlich ausfallen.“

„Er spielt sich nicht auf. Er gibt sich nur Mühe, ein guter Vater zu sein. Was mehr ist, als ihr richtiger Vater in den letzten Jahren für sie getan hat.“

Das saß. „Hör zu, es tut mir leid, wenn ich dich verletzt haben sollte, aber es hat keinen Sinn, in der Vergangenheit herumzuwühlen. Die können wir nicht mehr ändern.“

„Sag das deiner Tochter, wenn sie nachts im Bett um ihren Bruder weint.“ Mit diesen Worten beendete sie das Gespräch abrupt.

Jon hatte keine Ahnung, wie lange er noch regungslos mit dem Hörer in der Hand dastand, bevor er ihn auf die Gabel zurücklegte.

Er sollte nach oben gehen und heiß duschen. Sein Haar war feucht, und seine Kleidung war vom Regen durchnässt und klebte kalt an seiner Haut. Wenn er nicht aufpasste, würde er sich noch eine Erkältung holen, und die konnte er im Moment überhaupt nicht gebrauchen. Er hatte noch so viel im und am Haus zu renovieren, bevor Brittany kam.

Benommen schaute er sich in der Küche um. Als ob du so ein großes Haus überhaupt brauchen würdest, Jon.

Was hatte er sich nur gedacht, als er sich diese alte Villa kaufte. Brittany war zehn Jahre alt, ein lebhaftes Kind mit blauen Augen und dem hellen Haar ihrer Mutter. Ein Wirbelwind, der ihn drei Mal im Jahr besuchte. Sie brauchte ein Zimmer. Und nicht fünf.

Hier war er nun. Ein einsamer Wolf in einem zu großen Haus mit vielen leeren Zimmern.

An den Abenden würde er draußen auf der Veranda sitzen, einen Drink zu sich nehmen und den Sonnenuntergang beobachten. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Er würde zuschauen, wie das Gras wuchs und die Bäume ihre Zweige ausstreckten. Und für was? Für Brittany?

In drei, vier Jahren würde Seattle der richtige Ort für sie sein. In dieser Stadt wurde Teenagern etwas geboten. Das verschlafene Misty River konnte da nicht mithalten.

Er machte sich nichts vor. Kein Teenager wollte seine Abende oder gar ein ganzes Wochenende mit seinem Vater verbringen.

Warum ließ er dann nicht Allan, den Großen, das Zepter übernehmen? Sollte er doch den perfekten Vater spielen, der er offensichtlich unbedingt sein wollte. Ein Vater, der jeden Abend nach Hause kam und bis zum Morgen blieb. Ein Mann, der Colleen noch ein Baby schenken würde.

Und Brittany wieder einen Bruder.

Jon drehte sich abrupt um und fluchte. Er ging zur Tür und trat auf die Veranda hinaus. Der Regen hatte aufgehört, und die kühle feuchte Nachtluft schlug ihm entgegen. Sollte er sich doch eine Lungenentzündung und gar den Tod holen. Alles, was ihm etwas bedeutete, hatte er bereits verloren.

Seinen Job.

Seine Ehe.

Seine Familie.

Nick.

Die Verandadielen knarrten unter seinen Füßen, als er von einer Seite zur anderen lief. Dann blieb er plötzlich stehen und umfasste das Geländer, das er erst vor zwei Tagen erneuert hatte. Er atmete tief die kühle frische Luft ein, bis er sich wieder etwas beruhigt hatte. Über die Hecke hinweg sah er warmes Licht hinter dem Fenster des kleinen Nachbarhauses. Die Silhouette einer Frau erschien für einen Moment in einem der Fenster und war dann wieder verschwunden.

Rianne.

Ging sie jetzt zu Bett? Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Kurz vor zehn. Er stellte sich vor, wie sie in ein bequemes Nachthemd aus Baumwolle schlüpfte. Keine Seide, kein Satin – hübsch, aber unkompliziert. So wie sie.

Er stellte sich vor, wie er ihre Haut streichelte, die weich und warm war und …

Fluchend drehte er sich um und ging zurück in sein einsames Haus.

„Hey, Joey! Warte eine Minute, Mann“, rief Sam seinem Freund zu, der auf dem Korridor, in dem es vor Schülern wimmelte, an ihm vorbeilief. In fünf Minuten würde die letzte Stunde an diesem Freitagnachmittag beginnen. Sam wusste, dass Joey nach oben in den Matheunterricht gehen musste.

Er schloss schnell seinen Schrank ab und drängte sich durch die Menge, bis er Joey erreicht hatte, der bereits am Ausgang stand. „Was ist los, Mann? Willst du nicht in den Unterricht gehen?“

„Ich und ein paar Jungs lassen heute die letzte Stunde ausfallen“, erklärte Joey.

„Du willst schwänzen?“

Joey stieß einen verächtlichen Laut aus. „Das ist keine große Sache. Das hole ich schnell nach. Willst du mitkommen?“

Joey war gut einen Kopf größer als Sam und über der Oberlippe spross schon der erste Bartflaum. „Das kann ich nicht, Mann. Wir schreiben einen Test. Die alte Pearson bringt mich um, wenn ich nicht auftauche.“

„Sag ihr doch, du wärst krank.“

Sam schüttelte den Kopf. „Das funktioniert nicht. Sie hat mich vor zwei Minuten in der Bibliothek gesehen.“

„Und?“

„Wenn ich diesen Test nicht mitschreibe, wird sie meine Mom anrufen. Ich habe schon die letzten beiden vermasselt.“ So schlimm war es eigentlich nicht gewesen, aber seine Noten waren wirklich nicht mehr so gut wie früher. Irgendwie mangelte es ihm in letzter Zeit an Konzentration. Die Schule machte ihm überhaupt keinen Spaß mehr.

Er wusste warum. Es lag an Joey. Seinem Freund. Seinem besten Kumpel.

Der ihn jetzt ansah, als hätte er zwei Köpfe.

Sein Freund wandte sich dem Ausgang zu.

„Willst du nach der Schule was unternehmen?“, fragte Sam. Als Joey nur mit den Achseln zuckte und wegschaute, fuhr er rasch fort: „Ich muss bis um vier auf Emily aufpassen, aber danach könnten wir bei mir Basketball spielen.“

Noch in der Woche, in der sie eingezogen waren, hatte Sams Mutter in der Einfahrt einen Basketballkorb anbringen lassen. Seit dem letzten Sommer war er mit Joey fast ständig zusammen gewesen. Sie hatten Basketball gespielt, waren Inliner gelaufen oder hatten sich Videofilme angeschaut.

Doch seit dem letzten Monat wich Joey Sam aus, wenn er ihm vorschlug, dass sie etwas zusammen unternehmen sollten. Wenn Sam Joey zu Hause anrief, hörte er oft andere Jungenstimmen im Hintergrund. Zwei Mal hatte er die Stimme von Cody Huller erkannt. Cody, der Ohrringe und ein Nasenpiercing hatte und die kurzen Stoppeln auf seinem fast kahl rasierten Schädel orange gefärbt hatte. Sam konnte einfach nicht verstehen, was Joey an Cody fand.

„Ich und die Jungs wollen noch ein wenig auf der Hauptstraße herumhängen.“

Die Jungs? Meinte er Huller damit? Sam zuckte die Schultern. „Auch gut.“

„Muss jetzt gehen“, erklärte Joey. „Ich sehe dich später, okay?“

„Ja.“ Sam sah zu, wie sein Freund durch die Tür hinaus in den warmen Sonnenschein trat und ging dann langsam in sein Klassenzimmer. Er wusste, dass sich etwas verändert hatte. Er konnte es nicht benennen, es nicht beschreiben. Joey sah immer noch wie Joey aus. Er ging wie Joey und sprach wie Joey, aber er war nicht mehr der Gleiche.

Denn Joey tat auf einmal, als ob er mit seinem alten Freund nur seine Zeit verschwenden würde.

3. KAPITEL

„Nein.“

„Einfach so, nein?“ Luke Tucker stellte seine Tasse Kaffee ab, die Kate ihm gerade erst gebracht hatte. „Diese Stadt braucht einen neuen Polizeichef, Jon. Pat Willard hat unsere Polizeistation seit Jahren verkommen lassen. Willst du etwa zusehen, wie einer seiner unfähigen Schützlinge im September in seine Fußstapfen tritt?“

Jon, der gerade ein Denver-Sandwich aß, eine von den Spezialitäten in Kates Coffeeshop, schaute seinen ältesten Bruder an. „Du weißt doch, dass ich den Dienst quittiert habe. Mein Leben als Polizist ist vorüber.“

„Findest du nicht, dass du etwas übertreibst?“

„Ich sehe das nicht so.“

Luke sah ihn verständnisvoll an. „Du musst endlich loslassen, Mann.“

Jon starrte auf seinen Teller. Ihm war der Appetit vergangen. Verflixt. Er hatte sich so gefreut, mit Luke und Seth zu frühstücken. Seit er nach Misty River zurückgekehrt war, genoss er es, sich jeden Mittwoch in aller Frühe mit seinen beiden Brüdern zu treffen. Er hatte die beiden in den Jahren, in denen er fort gewesen war, sehr vermisst.

Heute hatte Seth wegen eines Auftrags nicht kommen können. Oder hatten die beiden das so eingefädelt, damit der redegewandte Luke ihn überzeugen konnte, sich für den Job des Polizeichefs zu bewerben?

Nein, Seth wäre zu solchen Machenschaften nicht fähig, er hatte ein zu weiches Herz. Besonders, wenn es um seine Brüder und ihre alkoholkranke Mutter ging, die immer noch in dem gleichen alten Haus am Rande der Stadt lebte, in dem alle drei als Kinder aufgewachsen waren. Seth war offen und ehrlich. Er hatte niemals Hintergedanken.

Und auch Luke war auf seine Weise eine ehrliche Haut. Er verschwendete niemals Zeit und unnötige Worte. Er kam immer direkt zur Sache. Vielleicht war er deshalb ein so guter Anwalt.

Jon legte Messer und Gabel zur Seite und griff zu seiner Kaffeetasse. „Ich brauche keinen psychologischen Rat, wie ich mit meinem Kind umgehen soll.“

„Falls du von deiner Tochter redest, käme ich gar nicht auf die Idee, dir Ratschläge zu geben. Aber falls du Nicky meinst … nun, das ist eine ganz andere Geschichte.“

„Eine Geschichte, die dich nichts angeht.“

Schmerz flackerte in Lukes Augen auf, bevor er sich dem Rest seiner Rühreier widmete.

Jon setzte die Kaffeetasse energisch ab. „Hör zu, ich weiß, was du vorhast und schätze deine Besorgnis. Aber ich muss meinen eigenen Weg finden, und allein damit zurechtkommen.“

„Du musst mit jemanden darüber reden.“ Luke hielt beschwichtigend eine Hand hoch. „Ich weiß, ich weiß, ich habe Seth und diese Schulpsychologen nicht vergessen. Aber diese Sache … Hör zu, Jon, du darfst dich nicht für das, was mit deinem Sohn geschehen ist, verantwortlich machen.“

„Verdammt, aber genau das tue ich.“ Einige Gäste schauten bereits zu ihnen herüber, weil Jon lauter geworden war, doch er warf ihnen nur einen missbilligenden Blick zu. „Unterm Strich ist es leider so, dass ich nicht für meine Familie da war. Colleen hat allein mit dem rebellischen Teenager fertig werden müssen. Als ich bemerkte, dass es Probleme gab, hätte ich das Drogendezernat verlassen müssen. Aber das tat ich nicht. Es gefiel mir viel zu sehr, Türen einzutreten und Gangster zu schnappen. Ich brauchte diesen Adrenalinkick.“ Er schüttelte unglücklich den Kopf. Ich hätte für dich da sein müssen, Nicky.

„Noch Kaffee, Jungs?“ Kate, die Besitzerin des Cafés, hielt ihnen die dampfende Kanne entgegen.

Jon schüttelte den Kopf, er war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt.

„Ja bitte, Kate“, sagte Luke und hielt ihr seine Tasse entgegen.

Jon betrachtete seinen Bruder. Er besaß die gleiche durchtrainierte Figur wie er selbst und Seth. Hoch gewachsen, breite Schultern, schmale Hüften. Und er hatte ebenso dunkles Haar wie sie beide und ihr Vater. Allerdings hatte Luke die Gesichtszüge und die grauen Augen der Mutter.

Luke hatte den prüfenden Blick seines Bruders bemerkt. „Was ist?“

„Warum hast du eigentlich nie mehr geheiratet?“

Luke wich seinem Blick aus. „Ich habe eben nie mehr die richtige Frau gefunden.“

Ginny Keagan war die Richtige gewesen. Damals. Sie und Luke hatten geheiratet, als sie noch auf dem College waren. Und acht Jahre später waren sie wieder geschieden. Drei Brüder, drei Scheidungen. Kein gutes Omen.

„Also gut“, meinte Jon. „Ich höre auf, dir Fragen zu stellen, wenn du aufhörst, deine Nase in meine Angelegenheiten zu stecken.“

„Hör zu, das kannst du nicht vergleichen. Ich habe keinen Sohn verloren und dann meinem Job die Schuld dafür gegeben.“

„Wegen deines Jobs würdest du auch nie einen Sohn verlieren“, erwiderte Jon bissig.

„Glaubst du etwa, dass Verteidiger keine Überstunden machen müssen? Weißt du, wenn ich einen Sohn hätte …“, er schaute in seinen Kaffee, „… würde er vielleicht auch gegen das rebellieren, wofür ich eintrete.“

Getroffen. Teenager neigten nun einmal dazu, sich gegen ihre Eltern und die Gesellschaft aufzulehnen. Waren er, Seth und Luke damals nicht auch so gewesen?

„Du warst ein verdammt guter Polizist, J.T.“, fuhr Luke fort. „Einer der besten, hat man mir gesagt. Du kannst es wieder sein.“

Jon trank seinen Kaffee aus, holte einige Dollarscheine aus der Tasche und warf sie auf den Tisch. „Das wird nicht passieren. Ich habe vor, die nächsten dreißig Jahre als Schreiner zu arbeiten.“

Jons Mund wurde zu einem schmalen Strich, und Luke musste ein Lachen unterdrücken. Er kannte das Gesicht seines Bruders, wenn er verärgert war.

Jon erhob sich. „Bis nächste Woche?“

„Klar, wie immer.“

Er drückte kurz Lukes Schulter. „Pass auf dich auf, Buddy.“

Draußen in der Sonne atmete er die warme Morgenluft ein. Es tat gut, in Misty River zu leben. Aber wo hätte er auch sonst hingehen sollen?

Rianne versuchte noch einmal ihren Toyota zu starten. Klick. Nichts tat sich.

Natürlich. Ausgerechnet an ihrem ersten Arbeitstag in dieser Woche war auf dieses Gefährt kein Verlass. Sie seufzte. Es hatte keinen Sinn zu jammern, davon würde der Wagen auch nicht anspringen. Glücklicherweise war Sam bereits mit dem Fahrrad losgefahren, sonst wäre er auch noch zu spät in die Schule gekommen.

„Was ist mit dem Wagen, Mom?“

Emily hatte nicht so viel Glück wie Sam. Mittwoch, Donnerstag und Freitag, die Tage, an denen Rianne in der Chinook-Grundschule Unterricht gab und auch in der Bibliothek dort aushalf, fuhren sie zusammen zur Schule.

„Wahrscheinlich ist es die Batterie, Em.“ Rianne seufzte. Verflixte alte Schrottkarre. Sie würde wieder etwas von dem knapp bemessenen Haushaltsgeld opfern müssen. Lachst du schon, Duane?

„Ich dachte, dass das Auto mit Benzin fährt“, meinte Emily.

Rianne tätschelte die Hand des Kindes. Sie wusste, dass Emily leicht nervös wurde, wenn etwas nicht nach Plan lief. „Ein Wagen braucht beides, Liebling.“

„Kannst du eine neue kaufen?“

„Ja, aber dafür muss ich in eine Werkstatt oder in irgendeinen Laden fahren, in dem es Autozubehör gibt.“

Rianne stieg aus, und Emily folgte ihr. Sie schaute ihre Mutter mit ihren großen dunklen Augen fragend an. „Darf ich mit dem Fahrrad fahren? Bitte, ich will nicht zu spät kommen, Mom.“

„Warte einen Moment, Liebes.“ Rianne öffnete die Motorhaube. „Vielleicht ist es etwas anderes, das ich selbst beheben kann.“ Sie seufzte erneut. Das wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein.

Waren es vielleicht die Zündkerzen oder irgendein Kabel? Aber woher sollte sie das wissen? Sie besaß den Wagen zwar schon dreizehn Jahre, aber während ihrer Ehe hatte Duane sich immer darum gekümmert. Wie lange hielt eine Batterie? Fünf Jahre? Zehn? Oder sogar noch länger?

Warum hatte sie nicht den Mechaniker gefragt, als sie letztes Jahr neue Reifen gekauft hatte?

Sie warf einen Blick auf die Armbanduhr. Acht Uhr vierzig. Noch fünfzehn Minuten bis zum ersten Klingeln. Wenn sie schnell gingen, könnten sie vielleicht noch rechtzeitig dort sein. „Hol unsere Taschen aus dem Wagen, Em. Wir werden laufen.“

„Aber, Mom, wir werden viel zu spät kommen.“

Rianne warf einen letzten Blick auf den Motor. „Ich werde Mrs. Sheen anrufen und ihr unser Problem schildern.“ Cleo Sheen war die Schulsekretärin. Sie würde der Rektorin und Emilys Lehrerin Bescheid sagen.

Emily zupfte an Riannes Ärmel. „Mom“, flüsterte sie.

„Hm?“, murmelte sie geistesabwesend. Sie wusste, dass sie einen neuen Wagen brauchte, hatte aber keine Ahnung, woher sie das Geld dafür nehmen sollte.

„Gibt es ein Problem?“, hörte sie eine tiefe angenehme Stimme neben ihr sagen.

Rianne, die immer noch über das Innenleben des Toyotas gebeugt war, richtete sich so abrupt auf, dass sie sich fast den Kopf an der Motorhaube angestoßen hätte.

Jon stand neben der Fahrertür, die Hände lässig in den Gesäßtaschen seiner Jeans vergraben. Sie hätte durch Ems Verhalten merken müssen, dass ihr attraktiver mürrischer Nachbar in der Nähe war. Was suchte er hier? Hatte er sie etwa beobachtet?

„Guten Morgen.“ Sie warf ihm einen Blick zu und musste feststellen, dass er in den schwarzen verwaschenen Jeans und dem weißen T-Shirt unglaublich attraktiv aussah.

Er nickte nur, trat näher und schlug die Motorhaube zu.

„Was machst du da?“

„Ich werde dich und deine Tochter zur Schule fahren. Es wird wohl die Batterie sein.“ Er wies mit dem Kinn auf den Vordersitz. „Warum holt ihr nicht eure Sachen heraus? Wir fahren los.“

Das war keine Frage, sondern ein Befehl. Polizisten, das wusste sie, befahlen, um Recht und Ordnung zu erhalten. Sie war jedoch weder eine Gesetzesbrecherin noch eine Unruhestifterin, sondern eine Frau, die von ihrem Ehemann gedemütigt und misshandelt worden war. Und die es geschafft hatte, endlich wieder auf eigenen Füßen zu stehen.

Sie wollte ihm gerade sagen, dass sie auf Befehle nicht reagierte, doch es war zu spät. Er ging bereits auf seinen schwarzen Pick-up zu, der in der Einfahrt stand.

„Sollen wir mit ihm fahren, Mommy?“, fragte Emily verunsichert.

„Ja. Er ist unser Nachbar. Das ist schon in Ordnung. Dann werden wir wenigstens nicht zu spät kommen.“ Sie ergriff die Hand ihres Kindes und lief zu Jons Wagen hinüber.

Er lehnte sich über den Beifahrersitz und öffnete die Tür. „Gib mir deine Tasche, Piepmatz.“

Ein schüchternes Lächeln erschien auf Emilys hübschem Gesicht. Und in diesem Moment vergaß Rianne das Recht der Frau auf Unabhängigkeit. Eine wundervolle Wärme breitete sich in ihrem Herzen aus. Jon Tucker, der Mann, der nicht viel Worte machte, hatte ein Lächeln auf das Gesicht ihrer Tochter gezaubert.

Ein kostbares Lächeln. Kostbar, weil es so selten war.

Emily kletterte auf den hohen Sitz, und während Jon das Mädchen anschallte, nahm Rianne daneben Platz. Warum hatte sie nur keine Hosen oder wenigstens einen langen weiten Rock angezogen. Nein, ausgerechnet heute hatte sie den engen schwarzen Rock gewählt, der eine Handbreit über dem Knie endete.

Der Pick-up roch nach Werkzeug. Und nach Jon. Über Emilys Kopf hinweg fing sie seinen Blick auf, und ihr Herz machte einen Satz. War es überhaupt erlaubt, dass ein Mann so blaue Augen haben durfte? Sie schaute rasch zur Windschutzscheibe hinaus und legte ihren Sicherheitsgurt an.

Beruhige dich, Rianne. Bleib ganz ruhig.

Die kurze Fahrt zur Schule verlief schweigend, und als Jon in der Nähe des Eingangs parkte, standen bereits viele Schüler aller Altersgruppen plaudernd auf dem Gehweg herum.

Rianne stieg aus dem Wagen aus, und Emily folgte ihr. Sie winkte ihrer Mutter mit einem kurzen „Bye, Mom“ zu und lief zu einer Gruppe von Mädchen, die auf dem Schulhof Seil hüpften.

Jon kam um die Kühlerhaube herum. „Hast du eine Minute Zeit?“

Sie schaute zum Eingang der Schule hinüber. „Ja, aber wirklich nur eine Minute.“

„Bis wann musst du arbeiten?“

„Ich werde eine meiner Kolleginnen bitten, mich nach Hause zu fahren.“

„Um wie viel Uhr?“

Noch ein Mann, der glaubt, alles selbst in die Hand nehmen zu müssen.

Er ist anders, Rianne.

Woher weißt du das?

Sie achtete nicht auf die innere Stimme und gab nach. „Um drei Uhr, aber es wird fast immer vier, bis ich draußen bin.“

„Deine Tochter bleibt so lange bei dir?“

„Ja.“

„Gut. Dann werde ich um vier Uhr hier sein.“ Er ging zur Fahrertür hinüber.

Sie folgte ihm. „Das ist wirklich nicht nötig. Wir kommen auch allein nach Hause.“

Er trat einen Schritt vor und schaute sie an. „Das weiß ich, Rianne, aber ich würde dich gern abholen. In Ordnung?“

Für einen Moment war sie sprachlos. „Äh. Gut.“

In seine Augen trat ein Ausdruck, den sie zuvor noch nicht bei ihm gesehen hatte. Wenn sie es nicht besser wüsste, hätte sie seinen Blick fast als zärtlich interpretiert. Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab und ging in die Schule hinein. Sie würde auf keinen Fall zuschauen, wie er wegfuhr. Er sollte nicht die sanfte Röte sehen, die sein Blick auf ihre Wangen gezaubert hatte.

Der Tag schlich dahin und nahm kein Ende. Manchmal kam es ihr sogar so vor, als hätte jemand die Zeiger an der Uhr festgeklebt. Gegen elf Uhr rief Rianne bei der Werkstatt an und bat darum, dass jemand gegen fünf Uhr zu ihrem Haus kommen möge, um die Batterie des Wagens auszutauschen. Einen Mechaniker kommen zu lassen, erhöhte zwar den Preis beträchtlich, aber sie hatte im Moment keine andere Wahl.

Kurz nach dreizehn Uhr rief die Werkstatt zurück und berichtete ihr, dass das Problem mit der Batterie bereits gelöst sei. Nicht durch einen Mechaniker des Hauses, sondern durch einen Nachbarn.

Sie brauchte nicht zu fragen, welcher Nachbar das war.

Den Rest des Nachmittags kochte Rianne vor Wut.

Viertel vor vier schaute sie zum Fenster hinaus, von dem man glücklicherweise einen Blick auf den Eingang und die gesamte Straße hatte.

Jon erschien genau um fünf vor vier Uhr und parkte an der Stelle, von der er heute Morgen auch abgefahren war. Rianne hielt den Atem an. Würde er etwa in die Bibliothek hereinkommen?

Doch er entschied sich, draußen zu warten. Er lehnte sich lässig gegen seinen Wagen, die blauen Augen von einer Sonnenbrille verdeckt. Ein Bild von einem Mann – hoch gewachsen, durchtrainiert und unglaublich sexy.

Eine erregende Wärme breitete sich in ihrem Bauch aus.

Reiß dich zusammen. Das Letzte, was du gebrauchen kannst, ist ein Mann in deinem Leben – besonders einen, der daran gewohnt ist, Befehle zu erteilen.

Aber er ist ein guter Mann. Du hast ihn nie vergessen.

Er hat sich verändert.

Sie wusste nicht, ob ihr diese Veränderung gefiel. Unglücklicherweise schien das ihrem Körper egal zu sein. Während sie noch rasch ein Memo für ihre Kollegen schrieb, flatterten vor Aufregung tausend Schmetterlinge in ihrem Bauch, und die Innenflächen ihrer Hände wurden feucht. Schließlich machte sie den Computer aus und legte den Ausdruck auf den Schreibtisch.

„Fertig“, rief sie Emily zu, die an einem der Schreibtische saß und ihre Hausaufgaben machte.

„Fahren wir wieder mit unserem Nachbarn zurück?“ fragte sie, während sie rasch ihren Füller in das Mäppchen steckte.

„Unser Nachbar heißt Mr. Tucker, Em. Der Mann hat einen Namen.“ Sie wartete, bis Emily ihre Schultasche gepackt hatte, griff dann zu ihrer Handtasche und verließ mit ihrer Tochter die Bibliothek.

Kaum hatten sie das Schulgebäude verlassen, kam Jon ihnen entgegen.

„Hallo“, sagte er lässig, nahm die Sonnenbrille ab und steckte sie in die Hemdtasche. Er öffnete ihnen die Tür und nahm Emily die Schultasche ab. „Hey, Piepmatz. Wie war dein Tag?“

„Gut.“

„Hat keiner der Jungs versucht, dir einen Kuss zu geben?“

Emily kicherte amüsiert. „Nein, natürlich nicht. Wie kommen Sie denn da drauf?“

„Oh, bei einem hübschen Mädchen wie du es bist, muss man mit allem rechnen“, erwiderte er, ergriff Riannes Tasche und legte sie hinter den Sitz. „Ich möchte auf keinen Fall, dass du mit irgendeinem dahergelaufenen Lümmel durchbrennst und heiratest.“

„Mr. Tucker!“ Emily legte schockiert eine Hand auf den Mund, aber ihre Augen strahlten.

Oh, Jon, dachte Rianne dankbar. Wenn du wüsstest, wie viel es mir bedeutet, dass du so liebevoll mit Emily umgehst.

Emily und Jon kannten sich erst acht Stunden, aber es war ihm bereits gelungen, das stille schüchterne Mädchen zum Lachen zu bringen. Emily, die sonst Angst vor Männern hatte. Dafür hatte Duane, Emilys Vater, gesorgt. Kannst du denn immer noch nicht lesen, Emily Rose? Kannst du denn immer noch nicht zählen? Du meine Güte, bist du langsam.

Rianne erschauderte. Warum hatte sie ihn nicht bereits vor Jahren verlassen? Weil du Angst hattest. Du hattest Angst, dass du das Sorgerecht für deine Kinder verlieren würdest. Trotzdem, sie hätte den Mut aufbringen müssen. Für Em und Sam hätte sie …

Jon umfasste ihren Ellbogen. „Rianne?“

„Danke, ich kann allein einsteigen.“

Nachdem beide in der Fahrerkabine des Pick-ups Platz genommen und sich angeschnallt hatten, fuhren die drei ebenso schweigend nach Hause, wie sie hergekommen waren.

„Bye, Mr. Tucker“, rief Emily Jon zu, nachdem er sie vor dem Haus abgeliefert hatte. Sie winkte ihm noch einmal fröhlich zu.

„Bis bald, Piepmatz.“ Er warf die Fahrertür zu und kam zu Rianne herüber.

„Bill Martins von der Werkstatt meinte, dass du bereits eine neue Batterie in meinen Wagen eingebaut hättest. Danke. Auch dafür, dass du uns mitgenommen hast.“

„Bist du so abweisend, weil ich mich um deinen Wagen gekümmert habe?“

„Nein.“ Sie konnte ihm schließlich schlecht erklären, dass sie durch Duane gebrandmarkt war. „Es war nur ein langer anstrengender Tag, das ist alles.“ Sie öffnete ihre Tasche, holte einen Scheck heraus und begann ihn auf der Kühlerhaube auszustellen.

„Was machst du da?“

„Ich werde dich bezahlen. Du hast schließlich Ausgaben gehabt und deine Zeit für uns geopfert.“

Ihr Herz machte einen Satz, als er ihr den Kugelschreiber aus der Hand nahm. „Vergiss das verdammte Geld. Ich habe es nicht getan, um dafür bezahlt zu werden. Die Batterie hatte ich noch in der Garage.“

Rianne wandte sich ihm langsam zu. „Falls du kein Geld für die Batterie willst, schulde ich dir immer noch etwas für das Einbauen.“

„Ich will dein Geld nicht, Rianne“, antwortete er, während sein Blick sich in sie hineinzubohren schien.

Doch sie hatte nicht vor, nachzugeben und nahm ihm den Kugelschreiber aus der Hand. „Wie viel?“

„Zweihundert Dollar.“

Sie hätte sich fast verschluckt. „Zweihundert …“

Nicht ein Muskel bewegte sich in seinem Gesicht. „Das ist der Preis, zahle ihn, oder lass es bleiben.“

Sie betrachtete ihren Wagen. Ein Kleinwagen ohne Sonderausstattung. Sie hatte ihn gekauft, als sie Duane heiratete, in dem Jahr, in dem Sam geboren wurde. Jetzt war er alt, fing an zu rosten und war kaum noch die zweihundert Dollar wert, die Jon jetzt für den Einbau der Batterie forderte.

Jon rührte sich nicht und schaute sie unverwandt an. Wo ist die Wärme, die noch eben in deinen Augen lag, als du mit Emily gescherzt hast?

„Gut“, erklärte sie patzig. „Zweihundert Dollar.“

Sie wusste zwar nicht, woher sie dieses Geld nehmen sollte. Aber sie würde es schon irgendwie auftreiben. Sie würde Jon Tucker beweisen, dass sie sehr wohl in der Lage war, für sich selbst zu sorgen.

Sie schrieb die Summe auf und reichte ihm den Scheck.

Ohne einen Blick darauf zu werfen, steckte er ihn in die Hosentasche. Dann hob er leicht ihr Kinn mit zwei Fingern und sah sie an. „Es ist nichts Falsches daran, eine Frau zu sein, Rianne. Erinnere dich das nächste Mal daran, wenn ein Mann dir mit deinem Wagen helfen will.“

Sie waren sich noch nie so nah gewesen. Seine Iris war schwarz umrandet. Wie gern hätte sie sich in diesen Augen verloren. Sie weckten Wünsche, Sehnsüchte und Träume …

Ihre Lippen öffneten sich leicht, als ob sie etwas sagen, als ob …

Doch er hatte sich bereits umgedreht, ging zu seinem Wagen und nahm hinter dem Lenkrad Platz. Mit quietschenden Reifen fuhr er aus der Einfahrt hinaus und raste mit überhöhter Geschwindigkeit die schmale Straße hinunter.

Sie blieb wie angewurzelt stehen, bis sich wieder Stille über die Straße gelegt hatte. Erst dann ging sie langsam ins Haus.

4. KAPITEL

Nach der letzten Stunde verließ Sam die Highschool durch den Ostausgang, um zu seinem Fahrrad zu gehen. Während er das Sicherheitsschloss öffnete, überlegte er, ob er Joey einladen sollte, am Freitag bei ihm zu übernachten. Sie könnten sich Videos anschauen, Popcorn essen und über Mädchen reden.

Ashley Lorenzo gefiel ihm am besten. Sie war hübsch und nicht so albern wie die anderen. Er hatte bemerkt, wie sie ihn ein paar Mal angeschaut hatte. Einmal hatte sie sogar gelächelt.

Als Sam sein Fahrrad aus dem Ständer nahm, sah er seinen Freund aus der Tür kommen. „Hey, Joey. Fährst du heute auch mit dem Rad nach Hause?“

„Nein. Rad fahren ist für kleine Jungs.“

„Du bist doch gestern auch gefahren.“

„Ja, gestern war gestern. Laufen ist viel besser, da kann man mit den Mädchen reden.“

Sam überlegte. Auf der anderen Straßenseite sah er Ashley mit einigen anderen Mädchen den Gehweg entlang bummeln. Morgen würde er das Rad auch zu Hause lassen.

„Soll ich dich mitnehmen?“, fragte Sam.

Joey überlegte. Schließlich zuckte er die Schultern und setzte sich auf den Gepäckträger. Sam fuhr los. Joey war größer und schwerer als er, und es war gar nicht so leicht, das Gleichgewicht zu halten. Doch Sam strampelte unverdrossen los. „Hast du viel Hausaufgaben auf?“, fragte er.

„Nein.“

„Möchtest du hinterher noch was machen?“

„Weiß ich noch nicht.“

Sam war gerade zur ersten Kreuzung gekommen und schaute vorsichtig nach rechts und links, als eine Stimme hinter ihnen ertönte.

„Hey, Joey!“

„Cody. Was ist los, Mann?“ Joey sprang vom Fahrrad, und Sam schaute sich um. Cody Huller kam mit Mick Lessing näher. Sam mied beide Jungs normalerweise so gut es ging.

„Hey, Joey, kann dein feiner Freund, dieser Milchbubi, nicht grüßen?“ Drei Mädchen gingen vorbei und kicherten, als sie diese Bemerkung hörten. Sam spürte, wie seine Wangen heiß wurden. Er warf Joey einen Blick zu und sah, dass dieser wegschaute. Danke, du Verräter.

Er schob sein Fahrrad ein Stück weiter. „Bis dann, Joe“, sagte er und wollte gerade losfahren, als Hullers Bemerkung ihn zurückhielt.

„Hast wohl Angst, du Feigling!“, rief Huller. „Na ja, Muttersöhnchen sind nun einmal so. Wahrscheinlich machst du dir noch in die Hosen.“

Sam blieb stehen und schaute Huller an. Er war ein Jahr älter als er und gut einen Kopf größer. „Glaubst du, ich habe vor einem Verlierer wie dir Angst?“

Joey schaute ihn verdutzt an. Lessing pfiff leise.

Huller kam näher. „Hast du nicht?“

„Nein, habe ich nicht.“

Huller kam noch einen Schritt näher und schubste Sam mit beiden Händen gegen sein Fahrrad. Sam taumelte und fiel rückwärts auf das Rad. Die Hinterradachse bohrte sich in seinen unteren Rücken. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn und trieb ihm Tränen in die Augen.

Lessing kicherte.

Joey ging auf Huller zu. „Hey, Cody, mal langsam, Mann.“

Huller drehte sich um. „Auf wessen Seite bist du denn, Fraser?“

Joey wich seinem Blick aus und warf Sam einen ‚Ich-kann-nichts-tun-Blick‘ zu.

Sam ignorierte den Schmerz in seinem Rücken und erhob sich langsam. Eine unbändige Wut breitete sich in ihm aus wie eine Schlange, die zusammengerollt in seinem Inneren darauf wartete blitzschnell anzugreifen. „Du elender …“

Huller lehnte sich vor. „Sag es, Muttersöhnchen. Komm sag es. Leg dich mit mir an, wenn du Mut hast!“

Sam spuckte auf den Boden zwischen ihnen. Er sah wieder, wie sein Vater ihn beleidigt hatte, seine Mutter hilflos auf dem Boden kauerte. Zornig hob er eine Faust und rammte sie in Hullers Magen.

Der ältere Junge taumelte, ein überraschter Ausdruck lag in seinen Augen. Dann packte er Sam und sie fielen zusammen auf den Gehweg. Huller schlug Sam ins Gesicht, und Sam spürte einen schrecklichen Schmerz an seinem linken Wangenknochen. Dann konnte er nur noch seinen Kopf bedecken, als Hullers Fäuste auf ihn niederprasselten.

Sam kam es wie Stunden vor, obwohl es nur fünf Sekunden gedauert hatte. Plötzlich wurde Huller von ihm weggerissen.

„Was ist hier los?“, rief Mr. Kosky. „Habt ihr Jungs denn nichts Besseres zu tun?“

Der Rektor der Highschool half Sam aufzustehen, und Sam fuhr sich mit der Zunge über seine geschwollene Lippe. Sein linker Wangenknochen und das Auge schmerzten. Er fühlte sich, als ob eine Dampfwalze ihn überrollt hätte. Um sie herum hatten sich gaffende Schüler gesammelt.

„Er hat angefangen.“ Huller wies auf Sam. „Er hat mich zuerst geschlagen.“

„Stimmt das?“, fragte Kosky.

Sam schaute weg. Ob richtig oder falsch, er würde gar nichts sagen. Der Rektor sollte doch denken, was er wollte.

„Du musst die Platzwunde unter dem Auge verarzten lassen, Junge“, hörte er Kosky fast mitfühlend sagen. Dann wurde seine Stimme schärfer. „Cody, Joey, Mick. Ich möchte euch in meinem Büro sehen. Dich auch, Sam.“

„Ich habe überhaupt nichts getan“, verteidigte sich Huller. „Er hat doch angefangen!“

„Das werden wir alles in meinem Büro besprechen, Cody.“ Der Rektor schaute zu den umherstehenden Schülern hinüber. „Ihr anderen geht jetzt bitte nach Hause.“

Die Jungen und Mädchen setzen sich langsam in Bewegung. Bis zum Abendessen würde die ganze Schule von dieser Schlägerei wissen. Bis morgen würde die Hälfte aller Grundschüler es von ihren älteren Brüdern und Schwestern erfahren haben.

Sam schämte sich auf einmal. Emily. Er sah wieder die Panik in den großen, dunklen Augen seiner Schwester, wenn sein Vater seine Mutter gedemütigt oder geschlagen hatte. Und jetzt war er der Schläger gewesen. Er wusste, dass sie in den nächsten Nächten sicher wieder Albträume bekommen würde.

Was die Reaktion seiner Mutter betraf – daran wollte er erst gar nicht denken.

Rianne schloss die Hintertür auf und wartete, bis Sam und Emily das Haus betreten hatten. Diese Woche schien nicht unbedingt ihre Glückswoche zu sein. Erst gab ihr Wagen den Geist auf, dann kam Jon mit seiner unverschämt hohen Forderung für den Einbau der Batterie, und jetzt spielte Sam auch noch den Rambo und hatte dafür zwei Tage Schulverweis erhalten.

Sie wies auf den Küchentisch. „Setzt euch. Wir haben etwas zu besprechen.“

Sam ließ seine Schultasche auf den Boden fallen und nahm auf einem Stuhl Platz. „In Mr. Koskys Büro ist doch alles schon gesagt worden.“

Emily nahm still auf der anderen Seite des Tisches Platz und schaute ihren Bruder verunsichert an.

„Was ich zu sagen habe, ist nicht für andere Ohren bestimmt.“ Rianne lehnte sich gegen den Küchenschrank. Sie war so wütend, dass sie im Moment nicht sitzen konnte. Sam sah schrecklich aus. Sein Auge war fast zugeschwollen, und auf die Platzwunde an der Wange hatte Greg Kosky ein gelbes antiseptisches Mittel aufgetragen.

In der Küche herrschte absolute Stille. Sam schaute angestrengt auf seine Sportschuhe und weigerte sich, Rianne anzuschauen.

Emily hatte einen Finger in den Mund gesteckt und wirkte bedrückt.

Auf dem Boden beim Fenster lag Sweetpea, während ihr Nachwuchs unbeholfen um sie herumsprang.

Rianne holte tief Luft. „Sam, ich verstehe, warum du dich zur Wehr gesetzt hast. Cody Huller hat dich beleidigt und gedemütigt.“

Der Junge schaute zum Fenster hinaus. „Er hat mich als Muttersöhnchen beschimpft und mich so gestoßen, dass ich zu Boden gefallen bin.“

„Ja, ich weiß. Das hat er getan“, bestätigte sie. Cody Huller hatte das im Büro des Rektors gestanden.

Sam hob das Gesicht und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an. „Als Cody mich geschubst hat, habe ich auf einmal Dad vor mir gesehen – und dich. Ich musste mich verteidigen.“

Autor

Sally Carleen
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Mary J Forbes
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Margaret Barker
Margaret Barker hat das Schreiben immer sehr gemocht aber viele andere interessante Karrieren hielten sie davon ab. Als sie ein kleines Mädchen war, erzählte ihre Mutter ihr Geschichten zum besseren Einschlafen. Wenn ihre Mutter zu müde oder beschäftigt war, bat sie Margaret sich selber Geschichten zu erfinden. Sie erzählte sie...
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