Der Hauch von Weihrauch

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Die bezaubernde Lady Margaret hat keine Wahl: Sie muss ihren Ehemann Sir Christopher schnellstens zu einer Liebesnacht verführen – auch wenn sie ihn jahrelang nicht gesehen hat. Sonst ist ihre Verbindung an Weihnachten null und nichtig. Und dann droht Margaret ein grausameres Schicksal, als mit dem schurkischen Kapitän der „Golden Gull“ verheiratet zu sein …


  • Erscheinungstag 11.12.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751512497
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Plymouth, England

Dezember 1587

Ich habe in dieser Sache einfach keine andere Wahl, Violet. Ich werde diesen elenden Kerl verführen müssen!“

Lady Margaret Walsh ging in ihrem eichenholzgetäfelten Schlafgemach wütend hin und her. Dabei schüttelte sie immer wieder die duftenden, getrockneten Kräuter ab, die den Boden bedeckten und beharrlich am Saum ihres schwarzen Samtkleides hängen blieben. Das lodernde Feuer im großen Kamin vertrieb zwar einigermaßen die Winterkälte, die durch die Ritzen der Fenster drang, die von Stabwerk geteilt wurden. Doch gegen die Kälte, die Lady Margarets Herz umklammert hielt, vermochten die Flammen wenig.

„Sir Christopher verführen?“ Die beleibte Matrone in dem geschnitzten Sessel, den man neben den Kamin gerückt hatte, starrte ihre Schutzbefohlene aus brombeerschwarzen Augen missbilligend an. „Seid Ihr närrisch geworden, Kind?“

„Nein.“ Margarets Lippen wurden zu einem schmalen Strich. „Ich bin nur verzweifelt.“

Und das aus gutem Grund, dachte sie grimmig. Seit sechs Jahren war sie nun verheiratet und noch immer Jungfrau. Und ihr Gatte – der Teufel hole seine Seele – zeigte nicht die geringste Neigung, diesem traurigen Zustand ein Ende zu bereiten!

Sollte die Ehe nicht doch noch vollzogen werden, würde diese verwünschte Verbindung an Weihnachten, Schlag Mitternacht, null und nichtig werden. Und Weihnachten war in weniger als einer Woche. Margaret hatte es immer als einen grausamen Schicksalsschlag empfunden, dass sie ausgerechnet in der Jahreszeit geheiratet hatte, die doch eigentlich die fröhlichste sein sollte. Sie selbst war aber alles andere als eine fröhliche Braut gewesen. Krank vor Angst und immer noch um ihren Vater trauernd, den sie damals erst einen Monat zuvor verloren hatte, hatte sie während der Zeremonie nur geschluchzt und geschnieft.

Fast die gesamten sechs Jahre lang, die jenem traurigen Tag gefolgt waren, hatte Margret sich gewünscht, dieser entsetzlichen Ehe ein Ende machen zu können und sie dann zu vergessen. Vor Kurzem aber musste sie gezwungenermaßen einsehen, dass eine noch so verabscheuungswürdige Ehe mit Christopher Walsh immer noch besser war, als die grauenvolle Alternative, die sich ihr bot.

„Er ist im Bird and Crown“, fuhr sie jetzt fort, wandte sich ab und ging wieder erregt in dem Gemach auf und ab. „Alle sind sie dort, sogar Drake höchstpersönlich. Ich habe beschlossen, in dieses Wirtshaus zu gehen und meinen Gatten dazu zu bringen, seine Pflichten zu erfüllen.“

„Lady Margaret!“ Violets Doppelkinne bebten, als sie jetzt heftig den sorgfältig frisierten Kopf schüttelte. „Ihr sprecht wie die Unschuld, die Ihr noch seid! Wäret Ihr eine richtige Frau, wüsstet Ihr, dass man einen Mann nicht zu dieser speziellen Pflicht zwingen kann, Ehemann hin oder her.“

„Zwingen? Ha!“

Die Hände in die Hüften gestemmt fauchte Margaret ihre Gesellschafterin an. Die moosgrünen Augen, ein Erbe ihrer Mutter, die sie nie gekannt hatte, blickten voller Verachtung.

„Nach allem, was ich während der letzten Jahre über Kit Walsh gehört habe, bedarf es kaum der Ermunterung, damit er mit irgendeiner Frau – außer seiner eigenen natürlich – ins Bett geht. Selbst die Königin nennt ihn den größten Spitzbuben unter ihren Freibeutern, und das will etwas heißen!“

„Ihr werdet doch wohl nicht all die Geschichten glauben, die man sich bei Hofe über ihn erzählt“, protestierte Violet. Rasch warf sie einen Blick zur Tür aus dicken Eichenbohlen und senkte unwillkürlich die Stimme. „Insbesondere, wenn sie von Eurem Cousin kommen. Auch wenn Sir Robert noch so sehr betont, dass er Sir Christopher wegen seiner Kühnheit auf den Weltmeeren bewundert, so macht er doch kein Hehl daraus, wie gerne er Euch von Eurem Ehegelöbnis entbunden sehen würde.“

„Ja, das weiß ich.“

Eine inzwischen nur allzu vertraute Angst ließ Margaret die Brust eng werden. Es stimmte schon, Robert Clive wollte sie gerne von ihrem Gatten befreit sehen, aber nur, um sie sofort einem anderen zur Frau zu geben.

Sich selbst nämlich.

Sollte ihre Ehe mit Kit Walsh annulliert werden, so hatte er bereits vorsorglich bei der Königin um ihre Hand angehalten. Zu Margarets unendlichem Bedauern waren die verwandtschaftlichen Bande zwischen ihnen nicht so eng, dass sie eine Heirat verhindert hätten.

Er begehrte sie. Das hatte er ihr in den vergangenen Wochen deutlich genug gezeigt. Noch mehr aber begehrte er ihren Besitz.

Margaret lief ein Schauer über den Rücken. Entschlossen schüttelte sie das unangenehme Gefühl ab. Weder ihre Hand noch ihre Ländereien würde Robert Clive erhalten, schwor sie sich wild entschlossen. Jedenfalls nicht, wenn sie in dieser Angelegenheit noch ein Wörtchen mitzureden hatte. Wegen ihrer Jugend und aus Kummer über den Tod ihres Vaters hatte sie den Gatten akzeptiert, den er für sie ausgesucht hatte. Dem Nächsten würde sie aber nicht aus Angst das Jawort geben. Jetzt, wo Elizabeth auf Englands Thron saß, konnten Frauen nicht länger gegen ihren Willen zu einer Heirat gezwungen werden wie in früheren Zeiten.

Die Alternativen zu einer Ehe erschienen Margaret aber auch nicht gerade verlockend. Witwen und unverheiratete Erbinnen konnten unter die Vormundschaft der Krone gestellt werden, was auch häufig vorkam. Trotz des Wohlwollens, das Elizabeth ihren Untertanen entgegenbrachte, die ihr in ihrem neunundzwanzigsten Regierungsjahr ebenfalls herzlich zugetan waren, zögerte die Königin nicht, von dieser Vormundschaft Gebrauch zu machen, wenn sie es für angebracht hielt.

Zurzeit rückte ein Krieg mit Spanien täglich drohend näher. Die Königin musste Armeen aufstellen und Schiffe ausrüsten. Wenn nun der sorgengeplagten Regentin die Kontrolle über Margarets Besitz zufiel, konnten ihre Minister die Einkünfte dieses Besitzes dem königlichen Staatsschatz zuführen. Mehr noch, um die Einkünfte zu erhöhen, würden sie zweifellos anordnen, Margarets Ländereien einzuhegen. Überall in England war das bereits geschehen, und zwar mit verheerenden Folgen für die Kleinbauern, die seit Jahrhunderten die Felder bestellt hatten und sie nun nicht mehr bestellen durften, weil sie der Krone gehörten.

Margaret war nicht bereit zuzusehen, wie Menschen, die von ihr abhingen, einfach vertrieben wurden oder wie ihre eigenen Einkünfte in königliche Truhen flossen. Und sie würde auch nicht Robert Clive zum Gatten nehmen. Wenn sie sich seine weißen, knochigen Hände auf ihrem Körper auch nur vorstellte, überfiel sie Übelkeit.

Nein, ihr blieb nur ein Weg. Sie musste ihre seit langer Zeit bestehende Ehe mit Kit Walsh vollziehen. Eine Nacht, ja eine Stunde in seinen Armen genügte, und sie konnten beide so weiterleben, wie sie es schon die ganzen Jahre taten: er ständig auf See und sie gemütlich und zufrieden in Devon. Dort würde sie ihren Besitz verwalten, wie sie es die ganze Zeit über schon tat.

Aber wie sollte sie es nur anstellen, diese eine Stunde in den Armen ihres Gatten zu verbringen? Das war das Problem! Seit dem Sommer, der ihrer Hochzeit folgte, hatte sie den Mann weder gesehen noch ein einziges Wort mit ihm gesprochen.

Unwillkürlich zitterte Margaret bei der Erinnerung an jene schreckliche Zeit. Die Hälfte der Einwohner von Plymouth, Margaret eingeschlossen, war Opfer einer schlimmen Krankheit geworden. Eines der Schiffe, die im geschäftigen Hafen der Stadt ankerten, hatte sie eingeschleppt. Obwohl das Gerücht umging, es wäre die Pest, war Sir Christopher ans Bett seiner kindlichen Braut geeilt.

Margaret war vor ihm zurückgeschreckt. Beides, ihre Krankheit sowie der große Fremde, den sie geheiratet hatte, hatten ihr Angst eingejagt. Ihren Protest einfach ignorierend befahl der bärbeißige, breitschultrige Kapitän Violet, ihre Schutzbefohlene von oben bis unten in kalte Tücher zu wickeln. Dann zwang er sie auch noch, die scheußlichsten Tränke hinunterzuwürgen. Zwischen heftigen Brechanfällen hatte sie immer wieder gegen seine raue Behandlung protestiert und dagegen, dass er das Kommando im Krankenzimmer übernahm.

Es war von keinerlei Nutzen gewesen, dass sie ihr flehentliches Gewimmer, er möge aus ihrem Leben verschwinden, schon bereute, kaum hatte er sie wieder verlassen. Es hatte auch nichts genützt, dass sie ihm letztes Jahr eine Botschaft überbringen ließ, in der sie ihm förmlich mitteilte, sie wäre nun bereit, ihre ehelichen Pflichten zu erfüllen, wenn er es wünschte.

Er wünsche es nicht, hatte seine schroffe Antwort gelautet.

Und gestern, als sie erfuhr, dass die Golden Gull zur Flotte gestoßen war, die sich vor Plymouth, keine drei Meilen von Oak Manor entfernt, versammelte, hatte sie ihn dringend aufgefordert, zu ihr zu kommen. Er aber ignorierte den Brief und ließ ihr stattdessen die Nachricht zukommen, es wäre in seinem Sinne, wenn man den Dingen ihren Lauf ließe.

Nun, Margaret sah die Sache inzwischen anders.

Die mit Silberperlen geschmückten Bänder, mit denen ihre Puffärmel am Kleid befestigt waren, klimperten leise, als sie jetzt die Arme vor der Brust verschränkte. Ihr Busen wölbte sich über der perlenbesetzten Korsage, die ihren Brüsten schmeichelte und ihre Taille zur modischen Wespentaille formte. Der Fuß, mit dem sie jetzt ungeduldig auf den Boden schlug, steckte in einem bestickten Schuh.

„Verstehst du das denn nicht, Violet? Gerade der Ruf meines Gatten ermutigt mich, diesen Weg zu gehen. Hätte er einer anderen Frau sein Herz geschenkt, oder wünschte er, um einer vorteilhafteren Heirat willen diese Farce von einer Ehe zu beenden, würde ich ihm höchst bereitwillig meine Einwilligung dazu geben. Aber während der kurzen Zeit, die er nicht auf See ist, schwänzelt er um die Königin herum. Er widmet ihr so viel Aufmerksamkeit, dass das Gerücht geht, er zöge seine jungfräuliche Königin bei Weitem seiner jungfräulichen Braut vor … und sie ihn.“

Ihre Gefährtin hatte dieses unerfreuliche Gerede auch schon gehört. Aber Violet gab sich nicht gerne mit Tratschereien ab.

„Es stimmt schon, dass Männer keinen Gefallen am Heiraten finden“, murmelte sie. „Mein lieber Huthburt sagte immer, dass das Heiraten Schicksal sei und das Hängen ebenso.“

Da Violets lieber Huthburt nicht durchs Hängen zu Tode gekommen war, sondern im Vollrausch vom Pferd gestürzt war und seine Witwe mittellos zurückgelassen hatte, konnte Margaret seinen Sprüchen nichts abgewinnen. Violet zitierte ihn jedoch bei jeder Gelegenheit, und Margaret liebte die Frau, die sie großgezogen hatte, so sehr, dass sie ihre Meinung über Huthburt lieber für sich behielt.

Sie durchquerte den Raum und kniete sich neben sie. „Liebste, süßeste Violet, sag, dass du mir helfen wirst. Bitte!“

Die ältere Frau stieß einen Seufzer aus und sah auf Margaret hinunter.

„Was soll ich denn tun?“

„Hilf mir heute Nacht dabei, das Landgut zu verlassen, ohne dass mein Cousin es merkt. Und sag mir, wie ich Sir Christopher am besten verführen kann, damit er mir beiliegt.“

Violet streckte die Hand aus und strich liebevoll mit dem Finger über die Wange ihrer Schutzbefohlenen. „Hätte Euer Gatte doch nur ein einziges Mal einen Blick auf Euer Gesicht geworfen, seitdem Ihr zur Frau erblüht seid, müsste er nicht verführt werden.“

„Als mein Gatte mich das letzte Mal sah, war mein Gesicht über und über mit ekligen Pusteln bedeckt“, erwiderte Margaret und zog eine Grimasse. „Heute würde er mich noch nicht einmal erkennen, wenn er mir auf der Straße begegnete.“

„Nun gut“, willigte die ältere Frau zögernd ein. „Ich will Euch helfen. Am besten denkt Ihr an das, was Huthburt immer sagte.“

Margaret unterdrückte ein Stöhnen. „Und das war?“

„Gleich und gleich gesellt sich gern, Mädchen. Gleich und gleich gesellt sich gern.“

Bevor Margaret dagegen protestieren konnte, mit diesem unverschämten Kommandanten eines Freibeuterschiffs, den ihr Vater für sie ausgesucht hatte, auf eine Stufe gestellt zu werden, hievte Violet ihre wohlgepolsterte Gestalt aus dem Sessel.

„Besitzt Ihr noch dieses kleine Kästchen? Sir Christopher überreichte es Euch als Teil seiner Morgengabe. Ich meine jenes mit dem arabischen Parfümöl?“

Margaret zögerte. Sie gestand nur ungern ein, dass sie das kleine Kästchen aus Sandelholz in ihre Kleidertruhe gesteckt hatte. Sie wusste gar nicht, warum sie dieses alberne Zeug überhaupt behalten hatte. Bestimmt nicht aus Zuneigung zu dem Mann, mit dem sie verheiratet worden war.

„Kommt, Kind, Ihr müsst Euch nach der Decke strecken, wie Huthburt sagen würde. Um Euren Seekapitän einzufangen, benötigt Ihr dieses Parfüm und noch etliches mehr.“

„Ich will ihn mir nicht einfangen! Ich will nur …“ Sie machte ein entschlossenes Gesicht. „Ich will nur, dass er mir beiliegt.“

„Und wenn er Euch beigelegen hat?“, fragte Violet. „Was dann? Wie wollt Ihr erklären, was Ihr getan habt?“

Margaret wedelte verächtlich mit der Hand. „Mit der nächsten Flut wird er für was weiß ich wie viele Jahre wieder fort sein. Mit Erklärungen werde ich mich befassen, wenn er zurückkehrt.“

Kopfschüttelnd folgte Violet der jungen Frau zu einer massiven Kleidertruhe, die an einer Wand stand. Kurz darauf nahm sie das Sandelholzkästchen aus der Hand ihrer Schutzbefohlenen entgegen und öffnete den Deckel. Im Innern ruhte auf rotem Samt ein Flakon aus blauem, venezianischem Glas. Als Violet seinen Stöpsel entfernte, gab es einen leisen Ton wie von einem Silberglöckchen von sich, und ein schwerer, exotischer Duft entströmte dem kleinen Fläschchen.

Moschus. Weihrauch. Ein Hauch von Jasmin. Eine höchst aufreizende Mischung. Entschlossen unterdrückte Violet jeden Zweifel an ihrer Handlung und fing an, jedes sichtbare Fleckchen Haut ihrer Schutzbefohlenen mit dem duftenden Öl einzureiben.

„Halt!“ Margaret wedelte nach Luft schnappend mit der Hand vor ihrer Nase hin und her. „Das ist zu viel!“

„Zu viel ist nie genug, wenn es darum geht, einen Ehemann zu verführen. Das werdet Ihr noch früh genug lernen, Kind.“

Die Nacht war schon fast vergangen, als Kit die enge, finstere Treppe zum zweiten Stock des Wirtshauses Bird and Crown hinaufstieg.

Als die Stiege eine scharfe Kehre machte, schlug er mit der Stirn an einem niedrigen Balken an. Herzhaft fluchend duckte er sich und stieg weiter hinauf, allerdings nicht ganz so sicheren und eleganten Schrittes wie sonst. Er war müde, hundemüde, und sein Kopf war benebelt von den unzähligen Humpen Bier, die in dieser Nacht durch seine Kehle geflossen waren. Erfolglos versuchte er seine Sinne zu klären, indem er immer wieder den Kopf schüttelte.

Großer Gott, sich auf eine Seefahrt mit Sir Francis Drake vorzubereiten war Segen und Fluch zugleich! Dieser Mann besaß das nie versagende Navigationstalent eines Delfins und die mörderischen Instinkte eines Hais. Aber in dem ganzen kleinen, gedrungenen Kerl war keine Unze Geduld vorhanden. Nach monatelangem Aufenthalt bei Hofe hatte Drake von der Königin endlich den Auftrag erhalten, einen ersten Schlag gegen die Spanier auszuführen. Er hatte seine verlässlichsten Kapitäne nach Plymouth gerufen und sich zum Aussegeln bereit gemacht. Doch jetzt hatte er im letzten Moment seine Abreise aufschieben müssen, weil man noch auf eine Ladung Kanonenkugeln wartete.

Wie üblich hatte der Admiral seine schlechte Laune wegen der Verspätung an seinen Kapitänen ausgelassen. Glücklicherweise war Kit oft genug mit dem schlauen, alten Seebären gesegelt, um das alles nicht gar zu ernst zu nehmen. Mit der Zeit hatte Drake seine gute Laune zurückgewonnen, und stundenlang war das Bier in Strömen geflossen.

Ehrlich gesagt wartete Kit genauso ungeduldig wie Sir Francis darauf, wieder den Wind im Gesicht und die schwankenden Planken unter den Füßen zu spüren. Wie Drake hatte auch er während der letzten Monate viel zu viel Zeit bei Hofe verbracht. Eigentlich hätten ihn die belanglosen, kleinen Intrigen und Eifersüchteleien der Höflinge im Umkreis der Königin amüsiert, wenn das Ergebnis nicht so oft todbringend gewesen wäre. Wenn sie auch nicht so rachsüchtig wie ihr Vater und ihre ältere Schwester war, so hatte doch auch Elizabeth genug Männern, und Frauen zum Richtblock geschickt. Und dann hatten sie den Hieb der Axt zu spüren bekommen, wie zum Beispiel diese törichte, höchst gefährliche Königin der Schotten namens Mary.

Nein, dachte Kit und drückte die Klinke seiner Kammertür herunter. Die Intrigen bei Hofe würde er nicht vermissen noch würde er …

Er hatte erst einen Schritt in den dunklen Raum getan, da stieg ihm ein fremder, exotischer Duft in die Nase. Jäh blieb er stehen und legte die Hand an den Griff seines Rapiers. Mit verengten Augen ließ er den Blick durch das Gemach mit der niedrigen Decke schweifen, das nur schwach von der Glut im Kamin erhellt wurde.

Er folgte dem Duft bis zu dem schweren, geschnitzten Bett … und der Frau, die darin lag. Die Bettdecke bis zur Brust hinaufgezogen starrte sie ihn mit Augen, so rund wie Kanonenkugeln, an. Im dämmrigen Licht der Kammer war ihr Gesicht nur ein helles Oval. Wie ein schwarzer, seidener Umhang fiel ihr das Haar über die Schultern.

Über sehr verführerische, sehr nackte Schultern.

Da er vor Kurzem noch bei Hofe gewesen war, wo Gräfinnen wie Dienerinnen sich gleichermaßen dem freien Liebespiel hingaben, hatte Kit für die Tatsache, dass er eine fremde Frau in seinem Bett vorfand, nur ein zynisches Lächeln übrig. Jeder, dem die Königin mehr als einmal zulächelte, musste sich darauf gefasst machen, nächtliche Frauenbesuche zu erhalten. Es waren Frauen, die für sich oder für ihre Familien ehrgeizige Ziele hatten. Manchmal gefiel es Kit, ihre Angebote anzunehmen. Meistens tat er es aber nicht.

Dieses Mal …

Er betrachtete die Frau. Aus dem Halbdunkel des Bettes heraus erwiderte sie seinen Blick und leckte sich dabei nervös die Lippen. Der Anblick der kleinen, rosa Zunge erregte Kit. Beim Himmel, sie war ein appetitliches Ding. Was immer sie auch für ein Spiel spielen mochte, er beschloss, es mitzumachen.

Rasch ließ er noch einmal den Blick durch den Raum schweifen. Die kleine Reisekiste, mit der er an Land gegangen war, stand immer noch an der gegenüberliegenden Wand. Und ein Messinghaken sicherte noch immer ihr Schloss. In den dunklen Ecken verbargen sich keine heimlichen Gestalten noch zeigten die schweren Vorhänge vor den Fenstern irgendwelche verdächtigen Ausbeulungen.

Autor

Merline Lovelace
Als Tochter eines Luftwaffenoffiziers wuchs Merline auf verschiedenen Militärbasen in aller Welt auf. Unter anderem lebte sie in Neufundland, in Frankreich und in der Hälfte der fünfzig US-Bundesstaaten. So wurde schon als Kind die Lust zu reisen in ihr geweckt und hält bis heute noch an.
Während ihrer eigenen Militärkarriere diente...
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