Engel küssen besser

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Engel küssen besser Witwer Sam ist fasziniert, als er die bezaubernde Glory kennenlernt. Allerdings behauptet Glory allen Ernstes, ein Engellehrling zu sein! Sie ist mit der himmlischen Mission betraut, Sam endlich wieder die Liebe beizubringen und auch die kleine Allie ihren Schmerz vergessen zu lassen …


  • Erscheinungstag 10.12.2012
  • ISBN / Artikelnummer 9783955761301
  • Seitenanzahl 192
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Karen Whittenburg

Engel küssen besser

Roman

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MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2012 by MIRA Taschenbuch

in der Harlequin Enterprises GmbH

Nanny Angel

Copyright © 1995 by Karen Toller Whittenburg

erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto

Übersetzt von Leonore Hoffmann

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Titelabbildung: pecher und soiron, Köln;

Thinkstock/Getty Images, München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-95576-130-1

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

1. KAPITEL

Allison Jill Oliver drückte den weichen Körper ihres Lieblingskuscheldrachens fest an sich, während sie auf Zehenspitzen aus ihrem Zimmer zur obersten Treppenstufe schlich. Wie eine Ballerina hob sie den Saum ihres Nachthemds und wartete einen Augenblick, bevor sie lautlos zum nächsten Treppenabsatz hinunterhuschte. Dort wartete sie erst still wie ein Mäuschen im Schatten und schob sich dann zum Geländer hinüber, um durch die Holzstäbe hindurch nach unten in die Eingangshalle sehen zu können. “Schschsch, Hunny”, flüsterte sie dem Stofftier ins Ohr. “Du musst ganz still sein, sonst schickt er uns wieder ins Bett zurück.”

Der schon ziemlich abgenutzte Drache schwieg gehorsam, und Allie drückte seinen ausgeleierten dürren Hals noch fester an sich, während sie auf die halb offen stehende Tür von Sams Arbeitszimmer starrte. Da war er drin – da war er immer drin, wenn er zu Hause war –, und am liebsten wäre sie auch hineingegangen, hätte sich auf seinen Schoß gesetzt und ihn gebeten, ihr eine Geschichte vorzulesen. Aber Sam mochte nicht, wenn man ihn störte. Und er mochte ihr auch nichts vorlesen. Er würde nur wieder sagen, dass sie jetzt fünf Jahre alt und damit alt genug sei, um zu verstehen, dass er arbeiten müsse, und dass sie wie ein großes Mädchen im Bett bleiben und schlafen solle. Das hatte er ihr schließlich noch vor fünf Minuten gesagt.

Allison seufzte und ließ sich auf den Boden plumpsen. Sie steckte die nackten Füße durch die Zwischenräume im Geländer und ließ die Beine in den Treppenschacht baumeln. Sie hatte keine Lust auf dieses blöde Schlafen. Sie wollte lieber Das beste Nest vorgelesen bekommen. Das war nämlich ihr Lieblingsbuch, und seit Sam sie bei Grandma abgeholt und nach Hause gebracht hatte, hatte es ihr keiner mehr vorgelesen. Sam sagte nur, dass sie es ja schon auswendig kenne und es sich selbst vorlesen könne. Aber sie konnte sich eben nicht an alle Wörter erinnern, nur auf welcher Seite sie standen, und manchmal brachte sie sie durcheinander.

Grandma sagte, dass jeder mal etwas durcheinander bringt. Sogar Sam. Grandma gefiel Das beste Nest fast genauso sehr wie ihr, Sam allerdings mochte gar keine Geschichten. Allie glaubte sogar, dass er nicht einmal sie mochte, obwohl Grandma das immer behauptete.

“Wenn ich Sie während Ihrer Geschäftszeiten hätte erreichen können, müsste ich nicht so spät am Abend noch anrufen.” Selbst draußen auf dem Treppenabsatz war die Ungeduld in Sams Stimme noch deutlich zu hören.

Allison umklammerte einen Geländerpfosten und presste das Gesicht an das Holz.

“Und ob das ein Notfall ist!” Sams Stimme klang nun sehr verärgert. “Ich habe morgen früh um acht einen wichtigen Termin, und Sie müssen mir ein anderes Kindermädchen schicken. Und zwar sofort.” Er machte eine Pause, dann wurde seine Stimme wieder lauter. “Aber ich habe Miss Maggard nicht entlassen. Sie ist einfach gegangen … übrigens ohne zu kündigen … Bitte? Wieso um alles in der Welt ist das meine Schuld …? Natürlich weiß ich, dass Allie manchmal schwierig ist … Sie ist letztes Jahr bei ihrer Großmutter vielleicht etwas zu sehr verwöhnt worden, aber die Kleine ist gerade mal fünf Jahre alt. Wie soll sie da bitte eine erfahrene Nanny wie Miss Maggard in weniger als einer Woche vertreiben können? Das ist ja lächerlich!”

Allison verzog den Mund. Sie hatte niemanden verleiben wollen, aber sie war froh, dass Miss Maggard weg war. Die war gar nicht nett gewesen. Außerdem hatte sie eine große Nase, ihre Zähne klickten genauso wie die kleine Uhr auf Sams Schreibtisch, und zum Mittagessen gab es bei ihr immer nur Käsebrote. Jeden Tag Käsebrote. Und für Hunny machte sie nie Apfelmus.

“Ich will mich nicht mit Ihnen streiten”, fuhr Sam fort, und seine Stimme klang nun etwas versöhnlicher. “Ich verstehe Sie, Mrs Klepperson, aber Sie müssen doch jemanden haben, über den Sie kurzfristig verfügen können. In Ihrer Annonce betonen Sie doch – und jetzt zitiere ich –, ‘Die Kindermädchen-Agentur ‘Schutzengel’ wird mit jedem Notfall fertig. Unsere Engel helfen Ihnen jederzeit aus.’ Finden Sie jetzt auch einen für mich, oder muss ich mich an eine andere Agentur wenden?”

Allison kaute auf der Unterlippe und ließ die Beine vor und zurück baumeln, vor und zurück.

“Ich verstehe. Das ist sicher Ihr gutes Recht, Mrs Klepperson, aber im Interesse des Rufs Ihrer Agentur schlage ich doch vor, dass Sie das noch einmal überdenken, verdammt noch mal!” Der Telefonhörer wurde aufgeknallt, und dann hörte man nur noch wütend geknurrte, undeutliche Worte.

Allie hielt ihrem Drachen die Ohren zu. “Hör nicht hin, Hunny. Sam ist nicht auf dich böse. Er weiß, dass es nicht deine Schuld ist, dass Miss Maggard abgehauen ist und er nun einen anderen Schubsengel finden muss.” Sie strich über Hunnys weichen klumpigen Kopf. “Wenn Mummy statt im Himmel bei uns wohnen würde, wäre Sam nicht immer so wütend, und er müsste nicht so viele Arbeiten machen, und er würde uns jeden Abend Das beste Nest vorlesen.”

Musik kam aus dem Büro, und Allison seufzte aus tiefstem Herzen. “Er hört wieder dieses Lied”, flüsterte sie. “Jetzt wird er böse und traurig.” Grandma hatte ihr erzählt, dass Sam sich bei dieser Musik an ihre Mutter ‘innerte, aber Allie mochte dieses Lied nicht. Sie erinnerte sich auch nicht an ihre Mutter. Und manchmal hatte sie Angst, dass Sam weggehen und nie zurückkommen würde, und dass sie sich dann auch an ihn nicht mehr erinnern würde.

Sie hörte Glas auf Glas klimpern und wusste, dass er sich etwas zum Trinken eingoss. Sie drückte die Augen ganz fest zu und wünschte, jetzt in Sams Büro zu sein. Ein Mal vor langer Zeit hatte sie auf dem Sofa schlafen dürfen, während er am Schreibtisch arbeitete, und als sie aufgewacht war, hatte er ihr ein Glas Orangensaft gegeben und ihr eine Geschichte vom allerkleinsten Engel erzählt. Er hatte sogar gesagt, dass dieser Engel als Kuscheltier einen kleinen Drachen hatte, damit Hunny sich nicht ausgeschlossen fühlte. Nachdem Mummy tot war, hatte Allie ihn gebeten, ihr die Geschichte noch einmal zu erzählen, aber er sagte, dass er keine Geschichten von Engeln kennen würde. Hunny hatte geweint und geweint und wollte gar nicht schlafen gehen. Allison musste ihm sein “Puff”-Lied vorsingen, obwohl sie gar nicht alle Wörter kannte, und Hunny weinte trotzdem immer weiter, die ganze Nacht.

Allie nahm die Vorderfüße des Drachens und setzte sich ihn auf den Schoß. Sie zog ihn heftig an den spärlichen Barthaaren, die aus seinem Kinn wuchsen, und zwang ihn, sie mit seinen schwarzen Knopfaugen anzusehen. “Und fang nicht an zu weinen, Hunny”, warnte sie ihn in strengem Flüsterton. “Denn ich werde dir nicht wieder ‘Puff’ vorsingen. Du bist jetzt nämlich groß und musst aufhören, dich wie ein Baby zu benehmen. Und wenn du weiter Probleme machst, dann gibt dir niemand Apfelmus. Du muss also jetzt brav sein, wie der Drache von dem allerkleinsten Engel.” Sie schüttelte das Stofftier, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. “Hast du mich verstanden?”

Sie wusste, dass Hunny schmollen würde. Darum drückte sie ihn fest an ihr Nachthemd und erzählte ihm, er sei der beste Drache auf der ganzen Welt, und dass sie ihn sehr lieb hatte und sich etwas ausdenken würde, damit Sam nicht mehr so oft böse war, weil Miss Maggard gegangen war und er einen anderen Schubsengel besorgen musste, der auf sie beide aufpasste.

Und plötzlich hatte sie eine Idee. Sie fand sie so wunderschön, dass sie einen Augenblick nachdenken und sie bewundern musste, bevor sie sie Hunny anvertrauen konnte. “Wir könnten einen Engel für Sam besorgen”, flüsterte sie. “Dann ist er wieder glücklich und … und … er liest uns eine Geschichte vor.” Schon bei dem Gedanken daran fühlte sie sich richtig gut.

Aber wie sollte sie einen Engel besorgen? An den Teil der Geschichte konnte sie sich nicht erinnern. Allie dachte einige Minuten angestrengt nach, dann seufzte sie tief und zog sich am Geländer hoch. “Wir müssen Sam fragen”, sagte sie dann.

Das wollte Hunny zwar nicht, aber Allison zog ihn einfach am Schwanz hinter sich her, als sie die restlichen Treppen hinunterstapfte und leise zur Tür des Arbeitszimmers schlich. Dort zögerte sie einen Augenblick und gab der Tür dann einen kleinen Schubs, sodass sie mit einem verräterischen Quietschen nach innen aufging. Sam schien es nicht gehört zu haben, denn er blieb zurückgelehnt in seinem großen schwarzen Stuhl sitzen und hörte nur das Lied.

“Sam?”, sagte sie ganz leise, als würde sie einer Maus ins Ohr flüstern, und wartete auf seine Antwort. Als er sie immer noch nicht bemerkte, schluckte sie und sagte etwas lauter noch einmal: “Sam?”

Er hob den Kopf. “Allison! Was machst du schon wieder hier unten? Habe ich dir nicht gesagt, was passiert, wenn du noch einmal aufstehst?”

Seine Stimme klang so streng, dass sie eine Gänsehaut bekam, und sie starrte ihn einfach nur an, während sie Hunny umklammerte und ihn sich beschützend an die Brust drückte.

“Was ist es denn dieses Mal?”, fragte er. “Noch etwas zu trinken?”

Sie schüttelte heftig, aber schweigend den Kopf und blieb wie angewurzelt stehen.

Der Stuhl knarrte, als Sam sich nach vorne beugte. “Allie”, sagte er mit einer sanften Stimme, die sie jedoch genauso wenig mochte wie die laute, “warum bist du nicht im Bett?”

Sie holte tief Luft und platzte dann mit ihrer Frage heraus: “Wo wohnen die Engel?”

“Nein, Allie, nicht heute Abend.” Er nahm seine Lesebrille von der Nase, legte sie auf die Schreibtischplatte und rieb sich die Augen. “Warum konntest du nicht einfach einschlafen, wie ich dich gebeten hatte?”

Sie wollte ihm am liebsten sagen, dass sie ohne Gutenachtgeschichte nicht einschlafen konnte und Angst hatte, er würde wieder weggehen, wenn sie die Augen zu fest zumachte. Aber Sam mochte es nicht, wenn sie solche Sachen sagte, und sie wollte ihn nicht noch ärgerlicher machen. “Hunny wollte Apfelmus”, sagte sie zu ihrer schnell ausgedachten Selbstverteidigung.

“Allison.” Plötzlich klang seine Stimme genauso müde wie die von Ethel, dem Hund von nebenan. Ab und zu hörte man sie hinter ihrem Zaun ein tiefes langsames “Wwwuuufff” machen, als wenn sie nicht mehr die Kraft hatte, ein richtiges Bellen herauszubekommen. Sam stand kopfschüttelnd vom Schreibtisch auf und lief um ihn herum.

Allison blieb zwar tapfer stehen, aber sie hielt Hunny zwischen sich und ihrem Vater hoch. “Er sagt, er hat Bauchschmerzen. Und er wollte mich nicht schlafen lassen.”

Sam erreichte die Tür und hob in einer schnellen Bewegung seine Tochter mit dem Drachen auf den Arm. “Wenn Hunny noch mehr Apfelmus isst, wird er so dick, dass ich ihn nicht mehr nach oben ins Bett tragen kann.”

Seine Stimme klang plötzlich gar nicht mehr böse, und Allie schlang die Arme um seinen Hals. “Lass uns doch hier bei dir, Sam”, bat sie. “Ich verspreche dir, dass Hunny auch ganz, ganz, gaaanzz still ist.”

Sam blieb unten an der Treppe stehen und nahm sie auf den anderen Arm. “Drachen sind nie wirklich still, es sei denn sie schlafen.”

“Dann bringe ich Hunny ins Bett und bleibe allein bei dir. Biiiiitte, Sam!”

Er seufzte tief und lange. “Allison, wie oft soll ich dir das noch erklären? Ich muss arbeiten. Und du kannst nicht alle fünf Minuten mit einer neuen Ausrede aus dem Bett kommen, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen.”

“Aber Hunny …”

“Hunny bleibt im Bett, wenn du es auch tust. Dies ist heute Abend das dritte Mal, dass ich dich ins Bett bringe, und es ist das letzte Mal. Hast du mich verstanden?”

Allie schmollte, während Sam sie nach oben in ihr Zimmer trug, aber das schien ihm nichts auszumachen. Als er die Bettdecke um sie herum feststeckte, wusste sie, dass sie ihn nicht zu fragen brauchte, ob er ihr Das beste Nest vorlesen würde. “Sam?”, fragte sie, damit er nicht sofort wieder ging. “Ich muss das mit den Engeln wissen. ‘sis wichtig.”

“Ich habe dir doch schon erzählt, dass deine Mummy jetzt bei den Engeln wohnt und …”

“Nein”, unterbrach Allie ihn. “Ich muss wissen, wo sie wohnen, und wie ich mit ihnen sprechen kann.”

Er strich ihr über die Stirn, und sein Blick wurde noch trauriger. “Engel sind wie die Sterne am Himmel. Sie können dich immer hören, wenn du mit ihnen sprichst, egal wo du bist. Du musst dabei noch nicht einmal die Augen schließen oder laut reden. Deine Schutzengel sind immer bei dir, Allie. Und sie passen auf dich auf, wenn ich nicht da bin.”

“So jemanden brauchst du auch, nicht wahr, Sam? Einen Schubsengel.”

Er richtete sich mit einem Seufzer auf. “Ja, Allie, das ist genau das, was ich brauche. Und jetzt schlaf bitte. Wir werden darüber ein anderes Mal reden.”

“Sam?”

Sein Stirnrunzeln entmutigte sie. “Allison, erinnerst du dich noch an unser Gespräch darüber, dass ich es nicht gut finde, wenn du mich Sam und nicht Dad nennst?”

“Aber Grandma nennt dich auch Sam. Und Grandmummy Lu nennt dich Sam. Und Grandpa Gene nennt dich Sam. Und Damon nennt dich Sam. Und deine Sekretärin nennt dich Sam. Und am Telefon meldest du dich immer mit”, Allie ließ ihre Stimme sinken, “Sam Oliver.”

“Das stimmt, Allison, aber ich bin dein Daddy, und du solltest mich nicht so nennen.”

“Hunny nennt seinen Vater Big Bert, und der findet das gut.”

“Aber das ist …” Er schloss die Augen, und Allison fragte sich, ob er plötzlich einschlafen würde. Aber dann machte er sie wieder auf, und sie konnte sehen, dass sie immer noch voller Traurigkeit waren. “Ist schon gut, Allison. Bitte schlaf jetzt.”

“Okay, Sam.” Sie schob eine Ecke der Bettdecke unter ihr Kinn. “Ich schlafe jetzt sofort ein. Und Hunny tut das auch. Ich verspreche, wir schlafen.”

Er nickte und ging zur Tür.

“Sam?”

Es dauerte fast eine Minute, aber dann drehte er sich schließlich doch um. “Was ist, Allie?”

“Es tut mir leid, dass ich noch einmal aufgestanden bin.”

Er ging zu ihr, legte die Hand auf ihre Stirn, beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie auf die Wange. “Mir auch.”

Sie wusste zwar nicht, was ihm leidtat, aber sie wünschte sich, dass er nicht mehr das Lied hören würde. Sie schaute hinter ihm her, wie er aus dem Zimmer ging. “Sam?”

Er seufzte und drehte sich noch einmal um, die Hand schon auf der Türklinke.

“Hunny möchte, dass du das Licht im Flur anlässt, ‘kay?”

“Okay, aber ich möchte, dass Hunny bis morgen unter der Bettdecke bleibt … egal wie hungrig er ist. Sag ihm, dass ich das so bestimmt habe.” Sam ließ die Tür so weit offen, dass das Licht aus dem Flur einen hellen Streifen über den Fußboden warf. “Jetzt aber zum letzten Mal: Gute Nacht.”

“Ich lasse Hunny nicht noch einmal aus dem Bett, Sam. Versprochen. Ich sorge dafür, dass er still ist und schläft und …”

“Gute Nacht, Allison.”

“Gute Nacht, Sam.” Aber kaum hörte sie seine Schritte auf der Treppe, da krabbelte sie wieder aus dem Bett, passte jedoch auf, dass Hunny unter der Decke blieb. Sie beugte sich zu ihm hinunter und gab ihm einen Kuss auf die flauschige Nase. “Du schläfst jetzt, Hunny, und vielleicht bringt dir der Engel etwas Apfelmus, wenn er kommt, ‘kay?”

Der Drache schien einverstanden zu sein, und Allison schlich auf Zehenspitzen zum Fenster hinüber. Sie stützte sich mit den Ellenbogen auf die Fensterbank und legte das Kinn in die Hände. Dann schaute sie zu den blinkenden Sterne hoch. “Ist da oben irgendjemand?”, flüsterte sie.

Sie hörte als Antwort ein leises Rascheln. Es war ein sanftes Geräusch, wie das Rauschen von Engelflügeln, und Allie trug schnell ihre Bitte vor: “Sam braucht einen Schubsengel”, sagte sie hastig. “Heute Abend noch, ‘sis sehr wichtig. Bitte schickt ihm sofort einen.”

Nichts passierte, aber Allie beobachtete die Sterne erwartungsvoll, und sie fragte sich, wie lange man wohl vom Himmel bis nach Oklahoma brauchte. Sie wollte auf den Engel warten, aber dann bekam sie kalte Füße, und außerdem wollte sie nicht, dass Sam sie erwischte. Sie warf einen letzten sehnsüchtigen Blick zum Himmel, ging vom Fenster weg und huschte zurück. Doch als sie an ihrem Bett ankam, wirbelte sie wieder herum und rannte zum Fenster zurück. Sie presste Nase und Hände an die kalte Scheibe.

“Hab ich fast vergessen”, sagte sie. “Danke, vielen Dank.” Flink wie ein Wiesel rannte sie zum Bett, sprang hinein und kuschelte sich mit dem verschlafenen Hunny im Arm unter die Decke. Lächelnd schlief sie ein.

2. KAPITEL

Sam öffnete die Terrassentür in seinem Arbeitszimmer und ging hinaus in Jennys Rosengarten, obwohl man das kaum noch Garten nennen konnte. Kein Rosenstock hatte überlebt. Wie konnten sie auch – ohne Jenny? Die Zweige waren abgestorben und trugen nur noch Dornen. Wenn er sich ein bisschen zusammenreißen könnte, würde er sie wenigstens ausgraben und sie von ihrem Elend befreien. Aber er brachte es nicht übers Herz, die letzte Erinnerung an Jennys Garten zu entfernen.

Er steckte beide Hände in die Hosentaschen und klimperte mit den Münzen und Schlüsseln, die dort drin waren. Eine nervöse Angewohnheit, die ihm immer häufiger auffiel – genauso wie die Tatsache, dass er seine Tochter jedes Mal anfuhr, wenn sie näher als drei Meter an ihn herankam. Die Münzen und Schlüssel klimperten wieder. Er zwang sich, die Hände aus den Taschen zu nehmen, verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte, nicht darüber nachzudenken, was für ein schlechter Vollzeitvater er in dieser ersten Woche gewesen war.

Die Luft, die er einatmete, war kristallklar. Sie duftete schon nach Frühling, obwohl es noch winterlich frisch war. Über ihm funkelten die Sterne und leuchteten wie ferne Lagerfeuer. Der Mond sah aus wie ein glänzender Schlitz. Dieser Abend ist irgendwie ungewöhnlich, dachte er. Eine Art Unruhe oder seltsame Energie schien durch die Luft zu wehen.

Er steckte die Hände in die Hosentaschen. Morgen würde es wahrscheinlich in Strömen gießen. Er drehte sich um und ging wieder hinein. Während er die Tür zuzog, dachte er grimmig, dass es wahrscheinlich genau das war, was er noch vom Leben erwarten konnte – eine lange Reihe regnerischer Tage.

Als er das Sicherheitsschloss einschnappen ließ, spiegelte sich ein Silberstreif in der Türscheibe. Sam konnte gerade noch rechtzeitig aufschauen, um eine Sternschnuppe auf dem letzten Stück ihrer glänzenden Laufbahn durch die Galaxis zu beobachten. Was hatte Jenny immer gesagt? Sternschnuppe, Sternschnuppe, zähl bis drei, wünsch dir etwas für uns zwei.

Er wandte sich schroff ab und ließ die Rollläden herunter. Was war nur in ihn gefahren? Sternschnuppen waren etwas für Verliebte. Nichts für ihn. Nicht mehr jedenfalls. Er setzte sich schnell wieder an den Schreibtisch und vertiefte sich in seine Arbeit.

Klapper! Krach! Klirr!

Der Lärm kam von draußen, und zwar von der hinteren Terrasse. Sam knallte seinen Bleistift auf den Schreibtisch. “Ethel”, zischte er und warf seine Brille auf den Entwurf vor ihm. Er stieß seinen Stuhl zurück und machte sich kampfbereit auf den Weg zur Rückseite des Hauses. Diese verdammte Basset-Hündin war bestimmt wieder irgendwie durch den Zaun entwischt und durchsuchte die Mülltonnen der Nachbarn. Allein in der letzten Woche hatte sie zwei Mal den Abfall über die ganze Straße verteilt.

Sam verstand nicht, wie Leute sich Haustiere zulegen konnten, ohne sie anzuketten oder sonst irgendwie dafür zu sorgen, dass sie von den Grundstücken der Nachbarn fernbleiben. Er war wild entschlossen, dafür zu sorgen, dass Ethel für diesen Ärger ein bis zwei Tage im städtischen Hundezwinger verbrachte. Sollten ihre Besitzer doch dafür bezahlen, um sie wieder freizukaufen. Vielleicht würden sie ihren Hund dann wenigstens in Zukunft von den Mülltonnen anderer Leute fern halten.

Wütend ging er durch die Küche, schaltete die Außenlampe unter dem Vordach an und schaute durch die Hintertür hinaus. Der ganze Müll war über die Veranda verteilt. Eine leere Thunfischdose kullerte noch über den Boden und blieb schließlich am Rasenrand liegen. Nur eine der Mülltonnen war noch nicht umgekippt, aber auch sie schwankte bereits bedrohlich hin und her und stand nur noch zur Hälfte im Schatten des Vordachs.

Sam riss die Tür auf. “Komm da raus, du blöder Köter, sonst breche ich dir alle vier Stumpen, die du Beine nennst!”

Die Mülltonne hörte auf zu schwanken. “Könnten Sie mir bitte hier raus helfen?” Die Stimme aus der Dunkelheit klang hell und melodiös, weiblich und freundlich.

“Ethel?”, sagte Sam, kam sich aber sofort sehr dumm vor. Die Basset-Hündin des Nachbarn konnte noch nicht einmal richtig bellen, geschweige denn sprechen. “Wer ist denn da?”, fragte er barsch. “Und was zum Teufel machen Sie in meiner Mülltonne?”

“Ich sitze hier drin fest.” Ein glockenhelles Lachen zog sich durch ihre Worte. “Wissen Sie, Sam, das ist mir etwas peinlich. Könnten Sie mir nicht helfen?”

Sie hatte ihn bei seinem Namen genannt, aber so angenehm ihre Stimme auch war, sie kam ihm nicht bekannt vor. Vielleicht war das ja ein besonders gut ausgedachter Trick, um bei ihm einzubrechen? In der Mülltonne waren jede Menge Papiere, auf denen sein Name stand. Und er wollte da draußen nicht in das abgesägte Ende einer Schrotflinte laufen.

Ihr Lachen überraschte ihn, und er musste unwillkürlich lächeln, obwohl ihm überhaupt kein Grund einfiel, weswegen er das eigentlich tat.

“Sie sind ein sehr misstrauisches menschliches Wesen, nicht wahr?”, fragte die Stimme. “Nun gut, dann versuche ich es eben selbst …” Fünf schlanke Finger schoben sich über den Rand der letzten, noch stehenden Mülltonne.

Sam überlegte, ob er nicht lieber die Tür verriegeln und die Polizei rufen sollte, statt hier auf die Flinte zu warten, aber er schien seine Beine irgendwie nicht bewegen zu können.

“Füße können ganz schön lästig sein, merke ich gerade. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich je daran gewöhnen werde.” Aus den fünf Fingern wurden zehn, und Sam sah, dass sie zu zwei glatten Hände gehörten, die wiederum an zwei wohlgeformten Armen saßen.

Ihm fiel die Kinnlade herunter, als der Eindringling sich schließlich aus dem Schatten löste und in den Lichtschein der Außenlampe trat. Eine Frau. Sie war blond, eine glänzende, wilde, lockige Haarpracht bedeckte ihren Kopf – und sie war nackt. Ihre helle Haut leuchtete in frischem Rosa, und als Sam versuchte, Luft zu holen, pfiff sie ihm so durch die Kehle, dass er keuchte wie ein ausgeleierter Blasebalg.

“Haben Sie Schmerzen?”, fragte sie.

Er hatte ein beengendes Gefühl in der Brust, und etwas schnürte ihm den Hals zu. Er fühlte sich durch und durch unwohl, doch diese Empfindungen waren keineswegs schmerzhaft. Er hatte schon lange keine nackte Frau mehr gesehen. Geschweige denn eine, die so aussah wie diese hier. “Wer? Was … machen Sie hier?”

Sie schaute an sich herunter. Mit den Händen hielt sie noch immer den Rand der Mülltonne umklammert. “Ich glaube, ich versuche mich an die Schwerkraft zu gewöhnen.”

“Schwerkraft”, wiederholte er mechanisch und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. “Aha. Und … was machen Sie hier?”

Sie hob überrascht den Kopf, und ihre blauen Augen trafen die seinen. “Allison hat mich eingeladen.” Sie hörte sich an, als hätte sie allen Grund, sich über seine Frage zu wundern.

Er rieb sich mit dem Daumen das Kinn und versuchte angestrengt, seinen Blick nicht tiefer als bis zu ihrem Hals wandern zu lassen. “Und … woher kennen Sie meine Tochter?”

Die Frau lachte vor Vergnügen auf. “Jeder kennt sie.”

Diese Antwort half ihm auch nicht weiter, doch plötzlich fiel ihm etwas ein: “Sie kommen nicht zufällig von der Agentur ‘Schutzengel’, oder?”

Ihre verführerischen Lippen formten einen Schmollmund. “Eigentlich gehe ich ja als Engel noch in die Lehre.”

Dann hat Mrs Klepperson also doch noch jemanden geschickt, dachte Sam. Eine Nanny in Ausbildung sozusagen, eine Praktikantin, und dann auch noch eine nackte! “Sagen Sie, Miss ‘Lehrling’, wenn Sie ein richtig flügger Engel sind, werden Sie dann auch Kleider tragen?”

“Kleider!” Sie gab ein lustiges Geräusch von sich und schaute an sich hinunter. “Ach du lieber Himmel! Ich wusste, ich würde etwas vergessen.” Sie zog bedauernd die nackte Schulter hoch. “Die anderen Engel nennen mich schon ‘Geh-Holen’, weil ich immer wieder zurückgehen muss, um etwas zu holen, was ich vergessen habe.”

Sam seufzte. Nach seiner Erfahrung wurde keine Frau, die so vergnügt und dazu noch nackt war wie diese, nur von Mondlicht betrunken. “Nun, warum tun Sie es dann nicht gleich sofort?”, schlug er vor.

“Was tun?”

“Zurückgehen, wo immer Sie auch hergekommen sind, und die Kleider holen, die Sie vergessen haben.”

“Oh, eigentlich hatte ich noch nie Kleider.” Sie lachte, wieder mit diesem kehligen angenehmen Klang. “Sie sind meine erste Arbeitsstelle.”

“Nicht möglich.”

“Doch wirklich, das sind Sie. Und ich war so aufgeregt, dass ich wohl nicht richtig aufgepasst habe, als Leonard mir erzählt hat, was ich alles machen muss.”

“Leonard”, wiederholte Sam und dachte, dass er seine Einbruchstheorie vielleicht doch zu schnell aufgegeben hatte. Vielleicht war ihr Komplize schon dabei, das Schloss der Eingangstür zu knacken. “Es interessiert Sie vielleicht, dass ich eine Alarmanlage habe, die auf dem neuesten Stand der Technik ist. Ein Knipser mit dem Schalter, und das ganze Polizeirevier ist hier, bevor Sie auch nur ‘Her mit den Wertsachen’ sagen können.”

“Warum sollte ich das sagen?” Sie nahm einen Finger vom Mülltonnenrand und dann vorsichtig noch einen. “Und was würde ich dann mit Ihren … wie haben Sie die genannt?”

“Wertsachen”, fuhr er sie an. “Sie würden sie wohl verkaufen.”

“An wen?

“An irgendeinen Hehler vermutlich.”

Sie schaute hoch und kicherte. “Einen Hehler?”, fragte sie. “Wirklich?”

Er würde jetzt ins Haus gehen. Sofort. Aber aus irgendeinem Grund blieb er wie angewurzelt in der Tür stehen und starrte sie an, wie sie einen kleinen Schritt zur Seite ging, etwas schwankte und sich schnell wieder am Mülltonnenrand festhielt.

“Gehen ist doch nicht so leicht, wie ich dachte”, sagte sie und versuchte es noch einmal, nur kam sie dieses Mal mit dem ganzen Körper in den Lichtkegel der Außenlampe.

Sam konnte nicht länger widerstehen, und sein Blick wanderte über ihre biegsame schlanke Taille, die sanften Kurven ihrer Hüften bis zu ihren unglaublich langen Beinen. Dieser Anblick schnürte ihm wieder die Kehle zu, und sein Magen verkrampfte sich vor ängstlicher Erregung. Dies musste ein Traum sein. Bestimmt war er am Schreibtisch eingeschlafen, und jetzt träumte er … Himmel, und was für einen Traum!

Sie wankte und streckte die Arme aus, um das Gleichgewicht zu behalten, als wenn sie einen Drahtseilakt in zwanzig Meter Höhe ausführte. “Wissen Sie, Sam, Sie könnten mir eigentlich ins Haus helfen”, sagte sie dann.

Halt, stopp! Er träumte nicht. Er spürte den kalten Märzwind. Er hörte, wie die Basset-Hündin am Zaun zum Nachbarn entlangschnüffelte. Er konnte diese schöne, wenngleich ziemlich schamlose Frau sehen, die unsicher über seine Veranda stakste. Und es war egal, ob sie eine Einbrecherin oder die angeforderte Nanny war. Er würde sie nicht ins Haus lassen.

“Sie können nicht hereinkommen”, sagte er und hoffte dabei inständig, dass Allie ausgerechnet jetzt nicht wieder herunterkommen würde. Sie würde dabei mehr über die weibliche Anatomie lernen, als es für ein fünfjähriges Mädchen gut war. “Sie müssen wieder gehen.”

“Machen Sie sich keine Sorgen.” Das Lächeln auf ihren Lippen strahlte fast ermutigend. “Allie schläft fest. Sie wird heute Abend nicht wieder wegen Apfelmus herunterkommen.”

Sam kam aus dem Staunen nicht heraus. Von wem wusste sie das? Natürlich, von Miss Maggard. “Nein, schauen Sie, ich weiß nicht, wer Sie sind, und …”

“Ich bin Gloria”, sagte sie. “Ich bin Ihr Schutzengel.”

“Nein, nein! Das sind Sie nicht.” Er schüttelte heftig den Kopf. “Es tut mir leid für Sie, aber ich brauche jemanden mit mehr Erfahrung und … Kleidern.” Damit machte er die Tür zu und schloss sie mit Nachdruck ab. Ich werde sofort Mrs Klepperson anrufen, entschied er. Was dachte sich diese Frau überhaupt dabei, ihm ein solches Nymphchen zu schicken, um auf ein fünfjähriges Kind aufzupassen? Sam ließ das Sicherheitsschloss einschnappen und schaltete die Außenbeleuchtung aus, wobei er sich große Mühe gab, der Versuchung zu widerstehen, aus dem hinteren Fenster zu schauen, um zu sehen, ob die Blondine noch da war.

Und wenn sie tatsächlich noch da war?

Er sollte vielleicht doch vorsichtshalber die Polizei rufen. Wenn eine solche Frau durch die Straßen wanderte … Die Türglocke erklang und spielte die ersten beiden Takte vom “Halleluja-Choral”. Sam sprang verdutzt auf. Wer um alles in der Welt konnte das sein?

Bevor er noch alle Möglichkeiten durchgegangen war, ertönte die Glocke erneut, laut und klar, und Sam eilte zur Tür. In Wahrheit war es ihm egal, wer vor der Tür stand – ein nacktes Kindermädchen oder ein Einbrecher – solange nur Allison nicht noch einmal aufwachte.

Er ging an der Treppe vorbei durch die Eingangshalle und griff schnell nach der Türklinke, hielt aber lange genug inne, um durch eins der kleinen Fenster in der Haustür schauen zu können. Die Frau vor der Tür hatte ihr Gesicht abgewandt, und er konnte nur die Umrisse eines ordentlichen dunkelblauen Kostüms und die strenge silberne Haarspange sehen, mit der die lockige blonde Haarpracht im Nacken zusammengehalten wurde.

Wieder hallte der “Halleluja-Choral” durchs Haus, und er riss die Tür auf.

“Da bin ich wieder.” Ihr Lächeln war umwerfend. “Ich habe jetzt Kleider.”

Die Kehle wurde ihm immer trockener, je fester er die Türklinke umklammerte.

Sie drehte eine wacklige Pirouette, wobei sie immer noch mit dem Gleichgewicht kämpfte, und lächelte ihn entwaffnend an. Sie schien mit sich zufrieden zu sein. “Sie glauben nicht, wo ich die gefunden habe.”

Sam schloss die Augen und öffnete sie wieder, um sich des Anblicks zu vergewissern. Sie konnte unmöglich völlig angezogen hier vor seiner Haustür stehen, wo sie doch noch vor einem Moment …

“Ich habe die ganze Kleidung aus dem Architekten-Magazin, das Sie weggeworfen haben. Sogar die Frisur war da drin.” Sie strich sich mit den Fingern ein paar widerspenstige Locken aus dem Gesicht. “Eigentlich hatte ich mir ja den Lederanzug von der Harley-Davidson-Annonce ausgesucht, aber Leonard meinte, dies hier wäre passender. Was meinen Sie?”

Drehte er jetzt langsam durch? “Wie …? Wie haben Sie … das gemacht?”

Sie zog die Augenbrauen zusammen und dachte kurz nach. “Nun ja, ich brauchte etwas Hilfe dabei. Leonard hat mit Anziehen mehr Erfahrung als ich.”

Sam schüttelte den Kopf. “Aber das war … Sie hatten … gar keine Zeit.”

Sie lachte nur und beugte sich vor, um noch einmal auf die Klingel zu drücken. Als die kräftigen Töne wieder durch das Haus schallten, legte sie ihren Kopf zur Seite. “Ich liebe dieses Lied”, gab sie zu und ging an ihm vorbei in die Eingangshalle. “Oh, was für schöne Bilder …”

Bevor Sam auch nur Luft holen konnte, stand sie schon unten an der Treppe und bewunderte die Fotos, die an der Wand hingen. “Sie haben ja Bilder von Allison”, sagte sie und tat so, als ob die Kamera mit jedem Foto ein Wunder eingefangen hätte. “Da ist sie an ihrem ersten Geburtstag. Oh, und da sind Sie beide mit Jenny, und da sind ja auch Janice … und Jim, Jennys Eltern, und Ihre Eltern, Lu und Gene. Hier sind Sie mit Jenny auf der Abschlussfeier vom College, und da ist ja noch ein Bild von Allie als Baby, und hier war sie drei Jahre alt. Was für ein kostbares Kind.” Sie schüttelte die blonden Locken und schenkte ihm erneut ein strahlendes Lächeln. “Ich bin so froh, dass Sie diese Bilder haben.”

Sam hätte nie gedacht, dass all diese Informationen und Familieneinzelheiten, die er bei der Kindermädchen-Agentur angegeben hatte, ihm eines Tages auf diese Weise aufgetischt werden würden. Er hatte eigentlich angenommen, dass die endlosen Formulare, die er ausfüllen musste, zu seiner und Allisons Sicherheit waren. “Hören Sie, Sie können hier nicht einfach so hereinplatzen und …”

“Oh, wie schön!” Damit verschwand sie in seinem Arbeitszimmer.

“Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause”, beendete er seinen Satz mit matter Stimme. Stirnrunzelnd schloss er erst die Haustür und trat dann durch die Tür seines Arbeitszimmers. Die Frau stand hinter seinem Schreibtisch und hielt seine Brille gegen die Deckenbeleuchtung. Er fragte sich, ob er sie über den Schreibtisch hinweg angreifen oder lieber warten sollte, bis sie versuchte, an ihm vorbeizukommen, um sie dann zu packen.

Wie ein Kind ein neues Spielzeug, so betrachtete sie die Brille von allen Seiten und setzte sie sich schließlich schief auf die Nasenspitze. “Was machen sie denn damit?” Sie blinzelte durch die geschliffenen Gläser. “Da wird ja alles ganz unscharf”, stellte sie fest.

Er versuchte mit dem Körper möglichst den Türrahmen auszufüllen und stützte sich mit den Händen zu beiden Seiten ab. Jetzt soll sie mal versuchen, an mir vorbeizukommen, dachte er. “Das ist meine Lesebrille.”

Sie runzelte die Stirn über dem Gestell aus Schildpatt. “Sie lesen doch gar nicht.”

“Natürlich lese ich.”

“Allison sagt, dass Sie genau das nicht tun.” Sie nahm die Brille ab und ließ sie auf den Schreibtisch fallen. “Und was ist das?”, fragte sie, während sie ihre Aufmerksamkeit den kleinen Notizzetteln zuwandte, die er sorgfältig und genau auf die Pläne verteilt hatte.

“Nicht anfassen!” Aber Sam war nicht schnell genug, um zu verhindern, dass die Zettel ihr bereits durch die Finger glitten und wie verträumte Schneeflocken auf den Boden flatterten.

Sie lachte nur und versuchte, das letzte Blatt aufzufangen, das noch einmal hochflog, um dann wie eine Feder neben Sams Füßen auf den Boden zu schweben.

Er löste seinen entsetzten Blick von den Papieren und schaute sie an. “Ich glaube, Sie geben mir besser Ihre Kennnummer, bevor Sie noch mehr Schaden anrichten.”

“Ich habe keine Kennnummer”, sagte sie. “Aber ich könnte Ihnen die Eintragung meines Heiligenscheins zeigen.”

Für diesen kleinen Scherz hatte er nur ein humorloses Lächeln übrig. “Dann wird Ihr Name wohl genügen.”

Sie nickte zustimmend und drehte sich zum Bücherregal hinter dem Schreibtisch um. “Wenn Sie nicht lesen, was machen Sie dann mit all diesen Büchern?”

Sam versuchte sich zu beherrschen. “Ich dachte, Sie wollten mir Ihren Namen nennen.”

“Ich dachte, das hätte ich schon.” Sie begegnete seinem wütenden Blick mit einem Lächeln. “Ich bin Gloria.”

“Gloria, und wie weiter?”

“Gloria und wie weiter?”

Sam holte tief Luft und sprach langsam und deutlich. “Was kommt nach Gloria?”

“Halleluja?”

“So, das reicht. Ich weiß nicht, wer Sie sind oder wer Sie geschickt hat, aber dieser Scherz hat jetzt definitiv ein Ende. Sie haben Ihren Spaß gehabt, und ich verlange, dass Sie auf der Stelle mein Arbeitszimmer und mein Haus verlassen.”

“Nein!”, ertönte plötzlich Allisons hohes Stimmchen voller Entsetzen von der Tür. “Sie ist doch der Schubsengel, Sam! Du darfst sie nicht wegschicken!”

Er drehte sich zu seiner Tochter um. “Allison”, sagte er streng. “Ich dachte, wir waren uns einig, dass du heute Abend nicht noch einmal aufstehen würdest.”

Autor

Karen Toller Whittenburg
Karen Toller – Whittenburg hat an beiden Küsten Amerikas gelebt – der Atlantik- und der Pazifikküste. Sie bevorzugt die Landschaft von Nordost – Oklahoma, wo sie aufgewachsen ist. Sie mag den Wechsel der Jahreszeiten in Tulsa, wo sie mit ihrem Ehemann, einem Fotografen lebt. Schon in frühen Jahren hat Karen...
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Karen Whittenburg
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