Historical Saison Band 79

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PIKANTES ARRANGEMENT MIT LORD GRAHAM von ELEANOR WEBSTER

Zärtliche Stunden? Die gibt es in Beths Ehe nicht. Nur um nicht bettelarm zu enden, hat sie ihren Jugendfreund Ren geheiratet. Gleich darauf hat er sein altes Leben in London wieder aufgenommen. Doch nun kehrt der Lord zu ihr zurück. Vertraut wie einst - aber ungewohnt verführerisch und mit einem Plan, der ihr den Atem raubt …

MISS SILVERDALE SPIELT GEFÄHRLICH von LARA TEMPLE

Miss Olivia Silverdale ist in geheimer Mission unterwegs: Sie will die Wahrheit über den Tod ihres geliebten Patenonkels herausfinden. Doch dafür muss sie mit Lucas, Earl of Sinclair, zusammenarbeiten. Als der sündige Earl ihr einen Kuss raubt, entwickeln sich Olivas Nachforschungen in eine höchst gefährliche Richtung …


  • Erscheinungstag 16.02.2021
  • Bandnummer 79
  • ISBN / Artikelnummer 9783751502931
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Eleanor Webster, Lara Temple

HISTORICAL SAISON BAND 79

PROLOG

Sie ließ die Finger über die Nadeln gleiten, die jeden einzelnen der zarten Schmetterlinge aufspießt. Sie spürte die kühle Härte, die so im Gegensatz stand zu den zarten, hauchdünnen Flügeln der Insekten.

Die Luft duftete nach Staub, durchsetzt von einer unangenehm süßlichen Note. Beth konnte den Duke nicht sehen, doch spürte seinen Blick deutlich auf sich. Ein Schauder überlief sie, obwohl der Raum warm war vom Kaminfeuer, das Beth prasseln hörte.

„Ren?“, rief sie.

„Dein Freund ist im anderen Raum und sieht sich den Tiger an, den ich geschossen habe. Ein musisch veranlagter Junge, will man meinen?“

Er trat näher. „Und? Gefallen dir die Schmetterlinge?“

Beth roch seinen Atem, eine Mischung aus Alkohol, Tabak und jener seltsamen Süße. „Ich finde sie traurig.“

„Aber nur, weil du sie nicht sehen kannst“, sagte der Duke. „Wenn du es könntest, würdest du ihre Schönheit bewundern. Ich präpariere sie, während sie noch am Leben sind. Auf die Weise bleiben die Farben ihrer Flügel sehr viel leuchtender, finde ich.“

Sie schluckte. Ihre Kehle war plötzlich ganz trocken. Die Zunge schien ihr am Gaumen zu kleben, sodass Beth kein Wort hervorbringen konnte.

„Auch du bist sehr schön“, sagte er. „Eine ungewöhnliche Schönheit, eine Vollkommenheit, die man nur selten in der Natur vorfindet. Dein Gesicht, deine Züge weisen eine vollkommene Symmetrie auf. Aus demselben Grund gefallen mir auch Schmetterlinge so sehr.“

Sie nahm die Hände von der Vitrine, wich abrupt zurück, stolperte und stieß mit dem Bein gegen eine scharfe Kante.

„Sei vorsichtig.“ Der Duke berührte ihren Arm.

Beth spürte den Druck seiner Finger, und da war wieder der Geruch seines Atems. Sie zog die Arme zurück und schlang sie fest um sich.

„Ren!“, rief sie wieder.

„Die Wände hier sind sehr dick. Es ist gut zu wissen, dass das Haus sehr stabil gebaut ist, meinst du nicht auch?“

Beth atmete gehetzt, ihre Handflächen wurden feucht.

„Beth?“

Tiefe Erleichterung erfasste Beth, sobald sie Rens vertraute Schritte vernahm, obwohl die Angst sie nicht ganz verließ.

„Der ausgestopfte Tiger ist einfach fantastisch“, sagte er. „Ich würde so gern einen lebendigen sehen. Wolltest du ihn nicht fühlen?“ Er hielt inne, und sie hörte, wie er auf sie zukam. „Beth, ist dir übel?“

Sie nickte, und er ergriff ihre Hand mit seiner warmen, vertrauten Berührung.

„Ich möchte gern nach Hause“, erklärte sie mühsam. Jedes Wort klang atemlos und scharf.

„Kommt gern wieder, wann immer ihr möchtet“, sagte der Duke.

Sie klammerte sich an Rens Hand, während sie den Raum verließen und die Treppe hinuntergingen. Bis sie die Auffahrt hinter sich gebracht und danach die Abkürzung durch den Wald und zurück zu ihrem vertrauten Graham Hill genommen hatten, sagten sie kein Wort.

Erst als sie sich auf ihrem Lieblingsplatz niedergelassen und gegen den kräftigen Stamm der Eiche zurückgelehnt hatten und Beth mit beiden Händen über das feuchte samtweiche Moos strich, atmete sie ein wenig ruhiger.

„Lass uns nicht mehr dorthin gehen“, sagte sie. „Nie mehr.“

„Was ist passiert?“

„Nichts.“ Das war die Wahrheit, und doch hatte Beth noch nie so große Angst ausgestanden. Größere Angst sogar als damals, als sie vom Zaun in die Stierkoppel gefallen war. Oder als sie sich im Wald verirrt hatte. Oder als ihr Pferd gescheut hatte.

„Er sieht dich seltsam an.“

„Ja, das spüre ich.“

„Wir gehen nicht mehr hin“, stimmte Ren ihr zu. „Ich dachte, er hätte mehr Tiere. Ein Tiger reicht nicht.“

„Und Schmetterlinge.“

Ren stand auf. Er konnte nie sehr lange stillhalten, es sei denn, er malte gerade. „Vergessen wir den unheimlichen Ort. Wir gehen da nicht wieder hin, nicht für hundert Tiger. Was machen wir jetzt? Angeln oder wollen wir sehen, ob Mrs. Bridges etwas gebacken hat?“

Beth schnupperte. „Ich glaube, ich rieche frische Milchbrötchen.“

„Dein Bruder würde sagen, dass das wissenschaftlich unmöglich ist“, meinte Ren lachend.

„Und deiner, dass wir es trotzdem untersuchen sollten.“

Er nahm ihre Hand, und sie stand auf. Gemeinsam liefen sie über das Feld auf Rens Haus zu. Im warmen Sonnenschein und mit der Aussicht auf Mrs. Bridges’ frisches Gebäck vergaß Beth den Duke und seine Schmetterlinge.

1. KAPITEL

Zehn Jahre später

Du solltest mich heiraten.“

„Was? Warum?“ Beth packte die verschlissenen Armlehnen des Sessels, als suchte sie so Halt in einer Welt, die verrückt geworden zu sein schien. Oder vielleicht hatte sie Rens Worte missverstanden.

„Es ist die beste Lösung.“

„Lösung für was? Für deine unerwiderte Liebe während der zehn Jahre deiner Abwesenheit?“

„Natürlich nicht“, sagte er mit der für ihn so typischen Unverblümtheit.

Beth war fast beruhigt. Wenigstens hatte er den Verstand noch nicht ganz verloren. „Wenn es wegen Vaters Tod ist, dann brauchst du es nicht zu tun. Jamie und ich werden gut zurechtkommen.“

„Nicht, wenn du den Duke heiratest.“

„Du hast davon gehört?“ Beth musste schlucken und atmete tief ein.

„Schlechte Neuigkeiten verbreiten sich schnell.“

„Ich habe nicht … Er hat mich gebeten, ihn zu heiraten, aber das wäre nur der allerletzte Ausweg für mich. Wenn mir gar keine Alternative einfallen sollte.“

„Es wäre eine Katastrophe.“

Dachte er, das wüsste sie nicht? Schon bei der Vorstellung zog sich ihr der Magen schmerzhaft zusammen. Oft lag sie nachts wach, starr vor Angst.

„Es wäre besser als das Schuldgefängnis“, sagte sie scharf. „Nun, ich hoffe, ich brauche ihm nur das Land zu verkaufen.“

„Mir wäre das Gefängnis lieber. Außerdem wird er das Land nicht nehmen. Er will das Land und dich.“

„Ich verstehe einfach nicht, warum Ayrebourne eine Frau wie mich heiraten will.“

Sie hörte, wie Ren heftig einatmete. „Wie immer unterschätzt du dich“, sagte er leichthin. „Der Duke ist ein Sammler. Ihm gefallen schöne Dinge. Und du bist unbeschreiblich schön.“

„Aber, ich …“ Sie legte sich die Hände ans Gesicht. Die Menschen hatten ihr oft gesagt, dass sie eine zarte, feenhafte Schönheit besitze. Und so hatte Beth oft ihre Gesichtszüge abgetastet, um einen Unterschied zwischen ihrem Gesicht und dem anderer Leute festzustellen. Sie ließ die Hände sinken. „Wie hast du überhaupt davon erfahren?“

„Jamie.“

„Jamie? Du hast Jamie schon gesehen?“

„Nicht hier. In London. Am Kartentisch“, sagte Ren mit ausdrucksloser Stimme.

„Jamie hat gespielt? Ich meine … er kann doch nicht … er begibt sich doch kaum unter Leute.“

„Ich habe ihn in einer Spielhölle gefunden. Natürlich habe ich ihn sofort da weggezerrt, bevor er Schaden anrichten konnte.“

„Er hasst London. Wann war er überhaupt dort?“

„Am vergangenen Wochenende.“

„Er sagte, er wolle in Horbury Mews zwei Pferde verkaufen.“

„Offenbar hat er eine nicht ganz so direkte Route gewählt“, meinte Ren trocken.

Beth schwirrte der Kopf. Sie presste unruhig die Hände zusammen. Es ergab einfach keinen Sinn. Jamie war ganz anders als Vater. Ihr Vater war redegewandt gewesen, Jamie war meist einsilbig oder erging sich in pedantischen Einzelheiten und wissenschaftlichen Theorien. Und vor allem spielte er nicht. „Aber warum? Warum hat er so etwas getan? Er weiß doch genau, wie gefährlich das Spielen sein kann.“

„Ich vermute, er hoffte, seine Fähigkeiten im Umgang mit Zahlen würden es ihm ermöglichen, erfolgreicher darin zu sein als euer Vater.“

„Nur dass seine Unfähigkeit, die Menschen einzuschätzen, es ihm erschweren würde.“

Einen Moment blieb sie stumm, dann stand sie auf, als würde es sie ihre ganze Kraft kosten. Die Hand ließ sie auf dem Sesselrücken, um sich zu orientieren. Das war nicht Rens Problem. Sie hatte ihn seit Jahren nicht gesehen, und er konnte es sich nicht leisten, sich für sie oder ihre Familie heldenmütig aufzuopfern.

„Danke, dass du mir das erzählt hast. Ich werde mit Jamie reden“, sagte sie steif.

„Mit Logik kommt man der Verzweiflung nur selten bei.“

„Er hat keinen Grund, verzweifelt zu sein.“

„Er liebt dich, und er liebt dieses Land. Er würde es nicht ertragen, dich den Duke heiraten zu sehen, und ebenso wenig, auch nur einen Grashalm eures Lands zu verkaufen. Schon im Alter von drei Jahren hat er doch angefangen, Saatgut zu katalogisieren.“

„Im Alter von sieben Jahren“, korrigierte sie ihn. „Aber ich werde eine andere Lösung finden.“

„Ich habe dir eine andere Lösung genannt.“

„Dich heiraten?“

„Ja, warum nicht? Ich bin schließlich nicht der Teufel. Nur ein naher Verwandter.“

Beth ließ den Sessel los und tat die vier Schritte bis zum Fenster, als könnte der Abstand zu Ren ihr helfen, ihre Gedanken zu ordnen. Sie spürte seine Anwesenheit überdeutlich. Auch ohne ihn sehen zu können, war sie sich seiner Größe genau bewusst, hörte seine tiefe Stimme und vernahm den Duft nach Heu und Seife, ein wenig vermischt mit Tabak. Es war eine verwirrende Mischung aus Vertrautem und etwas Neuem, Fremdem. Heute war er gleichzeitig der Junge, den sie einst so gut gekannt hatte, und dieser Fremde, der gerade eben erst in ihrem Leben aufgetaucht war.

Sie wünschte, sie könnte sein Gesicht berühren. Es drängte sie danach zu versuchen, seine Züge zu lesen, so wie sie es früher getan hätte, ohne weiter zu überlegen – es wäre so selbstverständlich gewesen wie atmen.

„Du bleibst zehn Jahre lang fort, und jetzt erscheinst du plötzlich mit einem … einem Heiratsantrag. Und warum würde eine Heirat überhaupt helfen? Wir könnten Vaters Schulden dennoch nicht zurückzahlen. Ich habe deinem Bruder bereits vorgeschlagen, das Land zu kaufen, aber er ist ebenso arm wie wir.“

Ren lachte freudlos. „Im Gegensatz zu meinem Bruder bin ich ein wahrer Krösus. Und du brauchst keine Angst zu haben. Ich weiß, dass du deine Unabhängigkeit schätzt und gegen die Ehe bist. Es wäre in jedem Fall nur eine Ehe dem Namen nach.“

„Aber warum?“, fragte sie, errötete und wandte sich ab. „Ich meine, warum musst du mich heiraten? Könntest du nicht einfach das Land kaufen oder uns das Geld leihen, wenn du reich und so darauf erpicht bist, uns zu retten?“

Sie hörte das Rascheln von Stoff, als hätte Ren mit den Schultern gezuckt, und sie konnte sich gut vorstellen, wie sein Mund sich zu einem spöttischen Lächeln verzog. „Mit mir hättest du einen Vormund.“

„Ich brauche keinen Vormund.“

„Du bist noch nicht volljährig.“

„Ich habe Jamie.“

„Jamie ist noch nicht zwanzig. Außerdem ist er Ayrebourne nicht gewachsen. Eine Heirat mit mir würde eine Heirat mit dem Duke ausschließen.“ Er hielt inne. „Du warst meine beste Freundin, weißt du.“

Beth fuhr mit den Fingern am glatten Fensterrahmen entlang und lehnte die Stirn an die Scheibe. Eine wahre Flut von Erinnerungen überfiel sie – lange Nachmittage am Bach, Winterspaziergänge im Schnee, der unter ihren Füßen knirschte, und im Herbst lange Wanderungen durch Wind und Regen.

„Eine Kindheitsfreundschaft verlangt kein so großes Opfer. Wir beide haben uns seit Jahren nicht gesehen.“

Einen Moment antwortete er nicht, aber als er es tat, ließ sein Tonfall sie erschauern, und das Atmen fiel ihr plötzlich schwerer.

„Du weißt, dass das in unserem Fall keine Rolle spielt.“

Sie spürte dieses unsichtbare Band zwischen ihnen, diese Verbundenheit, die in ihrer Kindheit verwurzelt war, die sich aber auch verändert hatte. Beth hörte, dass er sich bewegte. Sein Atem ging schneller.

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Warum hast du nicht geschrieben oder bist zu Besuch gekommen?“

Es folgte kurze Stille. Beth hörte sein Unbehagen, denn er sog scharf den Atem ein. „Ich konnte nicht.“

„Es wäre nicht schwer gewesen. Man atmet einfach ein und redet. Oder man nimmt die Feder zur Hand oder sattelt sein Pferd.“

„Du wirst mir einfach glauben müssen, Beth.“

„Und jetzt erwartest du von mir, dich nach all diesen Jahren zu heiraten?“

„Ich erwarte nichts. Ich biete dir ganz einfach nur einen Ausweg an, damit du den Duke nicht heiraten musst“, sagte er scharf.

Beth erschauderte. Wenige Dinge machten ihr Angst, aber der Duke jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken, wenn sie nur an ihn dachte. Ihn heiraten zu müssen würde sie zerstören, das wusste sie. Doch selbst wenn sie das verhindern könnte und er zustimmte, das Land zu kaufen, wäre es eine unglückliche Lösung und würde ihm noch mehr Grund geben, im Dorf oder Wald herumzulungern. Unwillkürlich rieb sie sich die Arme. Sie hasste die Vorstellung, ihm könnte der Grund gehören, der an ihr Haus grenzte. Schon jetzt fühlte sie sich beobachtet. Manchmal, wenn sie im Wald spazieren ging, roch sie jenes seltsam süße Aroma, das vom Duke ausging.

Er würde alles gegen sie ins Feld führen – ihr Geschlecht, ihre Jugend, ihre Armut, ihre Blindheit, ihren wundervoll eigenartigen Bruder.

Ren kam näher. Sie spürte seinen Atem im Nacken, seine hohe Gestalt hinter ihr und seine Hand auf ihrer. Eine wundervolle Wärme erfüllte sie, gleichzeitig beruhigend und aufwühlend. Das Verlangen nach Abstand ließ nach, sodass Beth sich einen verrückten Moment lang nur wünschte, sich an Ren zu lehnen und sich in die Obhut seiner Stärke zu geben. Er war ihr Freund. Er hatte ihr über Flüsse und steile Hügel hinauf geholfen.

Seine Hand stoppte die fahrige Bewegung ihrer Finger auf dem Fensterrahmen. „Du kannst mir vertrauen.“

Sie nickte.

„Lass mich unsere Freundschaft ehren.“

„Ja, wir waren gute Freunde.“

Sein Griff verstärkte sich, und sie spürte, wie ihr noch wärmer wurde, wie ein Prickeln sie erfasste.

„Die besten. Liefere dich nicht diesem Mann aus. Lass mich helfen“, sagte er mit einer jetzt seltsam weichen Stimme. „Heirate ihn nicht.“

„Ich habe keine Wahl“, meinte sie leise.

„Jetzt hast du die Wahl.“

2. KAPITEL

Achtzehn Monate später

Beth ging auf den Stall zu. Wie immer zählte sie ihre Schritte und klopfte mit ihrem Stock die Erde vor sich ab. Das Gesicht dem Himmel zugewandt, genoss sie die Wärme der Sonnenstrahlen und das sanfte Flüstern des Windes. Sie fand Freude am Frühling, denn sie liebte den Duft nach Gras und Erde, das Rascheln frischer Blätter, so ganz anders als das trockene, spröde, winterliche Knacken nackter Äste. Und ihr gefiel das aufregende, frohe Gefühl, dass alles sich erneuerte.

Vor allem aber freute sie sich darüber, wie viel leichter sie sich in trockenem Wetter bewegen konnte. Sich in Allington auf das Haus beschränken zu müssen war entschieden öde. Schlimmer noch als öde – es war einsam. Ihre geliebte Schwägerin war gestorben, Jamie unterhielt sich kaum mit ihr, Edmund war gegangen, Ren schaute niemals vorbei, und Beths Zofe plapperte ständig nur über bunte Bänder.

Flüchtig erinnerte Beth sich an die Winter ihrer Kindheit – an die Spaziergänge mit Ren, die Nachmittage am prasselnden Kaminfeuer in einem Raum, der nach Zimtbrot duftete. Manchmal las Edmund vor, während Ren malte und Jamie in seine botanischen Studien vertieft war.

Als sie die Schritte ihres Bruders auf dem zerfurchten Pfad hörte, schob Beth die Vergangenheit beiseite und hob die Hand zum Gruß.

„Das Feld kann bepflanzt werden“, sagte Jamie ohne Einleitung. Seine Stimme zeigte deutlich seine Zufriedenheit.

„Du probierst dieses Jahr neue Pflanzen aus?“

„Eine neue Sorte von Bohnen. Diese ist widerstandsfähiger.“

„Auch auf Edmunds Feldern?“

Jamie machte ein zustimmendes Geräusch. „Da ich bezweifle, dass dein Mann das vorhat.“

„Er ist in London“, antwortete sie knapp. „Außerdem hat Edmund einen Verwalter beauftragt, sich um alles zu kümmern.“

Edmund, oder vielmehr Lord Graham, war Rens Bruder. Der Bruder ihres Mannes. Ihr Mann. Selbst nach achtzehn Monaten konnte sie sich nicht an dieses Wort gewöhnen, was wohl auch nicht erstaunlich war, da sie sich seitdem häufiger mit dem Dorfschmied unterhalten hatte als mit ihrem Gatten.

„Ich versuche es dieses Jahr auch mit einer neuen Sorte von Erbsen“, sagte Jamie.

Beth nickte. „Haben wir übrigens überschüssige Vorräte? Ich war gestern auf dem Gut des Dukes, und die Menschen dort hungern. Ich habe Arnold gebeten, ihnen Getreide zu bringen.“

Sie hörte Jamie scharf einatmen. „Du solltest da nicht hingehen, Beth.“

„Arnold war bei mir. Außerdem ist der Duke verreist, und er hat mich nicht mehr besucht, seit ich seinen Antrag abgelehnt habe.“

„Wenigstens eine gute Sache an deiner Heirat. Aber ab und zu kommt er auf sein Gut zurück, und einmal habe ich ihn auch auf unserem Land gesehen. Er meinte, sein Jagdhund habe sich hierher verirrt.“

Beth erschauderte. Nur mühsam gelang es ihr, ihre Angst zu unterdrücken. „Es ist wichtiger, seinen Pächtern etwas zu essen zu verschaffen.“

„Ist es so schlimm?“

„Ja.“ Beth umklammerte ihren Stock heftiger und presste die Lippen fest zusammen, als sie an ihren gestrigen Besuch dachte. Sie erinnerte sich, wie eine Mutter verzweifelt versucht hatte, ihr hungriges Kind zu besänftigen. Beth hatte die Händchen der Kleinen gehalten und die viel zu knochigen Finger abgetastet, die sich eher wie dünne Zweige angefühlt hatten. „Die Art, wie der Duke seine Pächter behandelt, ist erbärmlich. Ich fürchte, es ist in gewisser Weise eine Bestrafung.“

„Bestrafung?“

„Ja, weil ich ihn nicht geheiratet habe.“

„Aber dafür sind doch die Pächter nicht verantwortlich. Das halte ich für vollkommen abwegig.“

Beth nickte. Jamies Welt war so wundervoll schwarz und weiß. „Manchmal setzt sich die menschliche Natur über die Gesetze der Wissenschaft hinweg.“

Sie spürte seine Verwirrung und konnte sich vorstellen, wie er die Stirn runzelte.

„Nun, ich werde außer Getreide auch Wurzelgemüse schicken“, sagte er schließlich. „Gehst du jetzt dorthin?“

„Nein, aber ich schicke Arnold später.“

„Wir werden ihnen geben, was wir können“, beschloss Jamie.

Das war Jamie, wie er leibte und lebte – zuverlässig, wissenschaftlich exakt, freundlich, aber ohne Sentimentalität. Ganz anders als Ren, der sie in einer wilden, verrückten, heldenhaften Geste geheiratet und gleich nach der Hochzeit verlassen hatte, um zum aufregenden Taumel aus Brandy und Frauen zurückzukehren, der ihn in der Hauptstadt erwartete.

Beth verdrängte hastig das vertraute Aufflackern von Schmerz und Wut. Natürlich hatte sie nicht mit einer auch nur annähernd normalen Ehe gerechnet, aber so schnell verlassen und vergessen zu werden hatte sie doch verletzt. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund hatte sie sich, während sie neben ihm in der winzigen Kirche stand, erhofft, dass sie wieder Freunde werden könnten.

Stattdessen waren sie in unbehaglichem Schweigen nach Graham Hill zurückgeritten, nur unterbrochen vom Rattern der Kutschräder und einer gelegentlichen Bemerkung über das Wetter. In wenigen Stunden war Rens Kutsche aufgeladen worden und er war verschwunden, als könnte er das Zuhause seiner Kindheit oder all jene, die damit verbunden waren, nicht länger ertragen.

Dennoch hatte Beth keinen Grund, sich zu beschweren. Ren hatte die Schulden ihres Vaters zurückgezahlt, Allington brachte wieder Gewinne ein und der Duke hielt sich hauptsächlich in London auf. Dem Himmel sei Dank. Sie schauderte noch immer, wenn sie sich an ihr letztes Gespräch erinnerte.

„Ich muss gehen“, sagte sie jetzt zu Jamie. „Ich habe Edmund versprochen, nach einigen seiner Pächter zu sehen, während er fort ist.“

Sie seufzte. Vor wenigen Wochen war Edmund in den Krieg gezogen. Sie wünschte zutiefst, er hätte es nicht getan, und wusste, dass der Grund dafür eher seine Trauer war als der Wunsch, sein Land zu verteidigen. Sein Vater, seine Frau und ihr ungeborenes Kind – das waren zu viele Verluste in zu wenigen Jahren, als dass er sie hätte ertragen können.

„Mehr, als sein Bruder tun wird“, meinte Jamie.

„Rens Leben fand schon immer in London statt“, erwiderte sie. „Das haben wir gewusst, Jamie.“

Der Weg nach Graham Hill schlängelte sich durch schattige Wälder und über offenes Weideland. Heute hatte sie Arnold dabei, doch auch ohne ihren Pferdeknecht hätte Beth ihr Ziel erreicht. Sie unterschied mühelos die diversen Geräusche – das dumpfe Klappern der Pferdehufe auf nackter Erde war ganz anders als der härtere Laut ihrer Hufeisen auf einem gepflasterten Weg.

Es hatte ihrem Vater an vielem gemangelt, vor allem an Moral und Integrität. Aber in anderer Hinsicht war er großartig gewesen. Er hatte Beth geholfen, mit ihren Händen zu sehen und zu begreifen, was Geräusche, Gerüche und die fühlbare Beschaffenheit der Dinge bedeuteten.

Doch es war ihre Mutter gewesen, die sie Unabhängigkeit gelehrt hatte – und vor allem, wie schnell ihr diese Unabhängigkeit genommen werden konnte.

Ihre Stute Lil, die aufgrund ihrer Kleinwüchsigkeit Lilliput genannt wurde, verlangsamte ihre Schritte, als sie am Ende der Auffahrt angekommen waren. Beth beugte sich vor und streichelte ihr den warmen, schweißfeuchten Hals. Arnold schwang sich von seinem Pferd herunter, um das Gatter zu öffnen. Beth hörte das Knarren und zählte, eher aus Gewohnheit als Notwendigkeit, die einundzwanzig Schritte, die sie über den Hof bis zum Haus benötigten.

Lil blieb stehen, und Beth stieg ab. Einen Moment lehnte sie sich an ihre Stute, deren Atem sie hörte – ebenso wie das Schlagen ihres Schweifs und Arnolds Schritte, als er ihr Lils Zügel abnahm.

Beth runzelte die Stirn. Ein ungutes Gefühl überkam sie. Irgendetwas stimmte nicht. Diese seltsame Stille und Leere. Niemand war gekommen, um sie zu begrüßen, kein Pferdeknecht, kein Diener. Sie hörte nur Lils Hufgeklapper.

Beths Unruhe wuchs. Dobson hätte schon längst die Tür öffnen, Beth hereinbitten und ihr eine Erfrischung anbieten sollen. Sie ging die Stufen hinauf. Die Eingangstür war verschlossen. Die Handfläche auf dem glatten Holz, griff Beth nach oben, um die Glocke zu betätigen. Es hallte im Innern hohl wider.

Trotz des frühlingshaften Sonnenscheins bekam Beth eine Gänsehaut. Schließlich öffnete sie die Tür selbst und trat ein.

„Dobson?“ Ihre Stimme klang so klein in der riesigen Leere, die sie umgab. „Dobson?“

Dieses Mal wurde sie mit den vertrauten Schritten des Butlers belohnt. „Madam“, sagte er. „Es tut mir leid, dass niemand Sie begrüßt hat.“

„Das macht nichts. Stimmt etwas nicht? Ist irgendetwas geschehen?“

„Ihre Ladyschaft ist auf dem Weg, Madam.“

Beth atmete erleichtert auf. „Dann ist es gut.“

Gewiss, ihre Schwiegermutter war eine Frau von begrenzter Intelligenz und einem Übermaß an Gefühlsüberschwang, aber ihre Ankunft war kaum eine Tragödie. Außerdem würde Lady Graham nicht lange bleiben. Sie hasste das Land ebenso sehr wie Ren und hielt sich die meiste Zeit in London auf.

„Nein, Madam, das ist es nicht“, sagte Dobson und hielt inne, als das Rattern einer sich nähernden Kutsche laut wurde. „Entschuldigen Sie mich, Madam“, sagte er hastig.

Nachdem Dobson gegangen war, stand Beth ein wenig verwirrt in der Halle. Sie hatte vergessen, ihre Schritte zu zählen, und streckte die Hände vorsichtig nach der Wand oder einem Möbelstück aus, um sich wieder zurechtzufinden. Dabei fiel ihr Stock herunter. Sie bückte sich, um ihn aufzuheben, doch bevor sie sich aufrichten konnte, hörte sie sich schnell nähernde Schritte, begleitet von dem Geräusch raschelnder Röcke – ihre Schwiegermutter. Beth erkannte den Duft nach Maiglöckchen.

„Lady Graham?“ Sie richtete sich auf.

„Beth! Was tust du hier?“ Mit einem leisen Stöhnen wankte die ältere Dame gegen sie, als wäre sie kurz davor, in Ohnmacht zu fallen, und umarmte Beth.

„Lady Graham? Was ist geschehen?“

„Mein Sohn ist gestorben.“

„Ren?“ Beths Herz klopfte so heftig, so laut, dass es jedes andere Geräusch übertönte. Eisige Kälte erfasste sie, ihr war plötzlich so übel, dass sie fürchtete, sich übergeben zu müssen.

„Nein, Edmund.“

„Edmund.“ Hin- und hergerissen zwischen Erleichterung, Kummer und Schuldbewusstsein, klammerte Beth sich an ihre Schwiegermutter und spürte, dass die arme Frau am ganzen Leib zitterte. „Es tut mir so leid.“

Edmund war Rens Bruder. Er war ihr Freund gewesen und ein Landedelmann, der das Land, seine Menschen, die Wissenschaft und alle Erneuerungen liebte.

„Er war ein so guter Mensch“, konnte sie nur sagen.

Dann vernahm sie über dem Klopfen ihres Herzens wieder Schritte. Schluchzend gab Lady Graham Beth frei, und Beth hörte die beruhigenden Worte der Zofe Ihrer Ladyschaft und gleich darauf die Schritte beider Frauen, als sie die Treppe hinaufgingen.

Wieder ein wenig desorientiert, trat Beth an die Wand, stolperte aber über ihren Stock und wäre fast gestürzt. Die Wand rettete sie, und dankbar lehnte Beth sich an sie. Ihre Gedanken beruhigten sich ein wenig, bis ein einziger übrig blieb – nicht Ren, nicht Ren, nicht Ren. Sie atmete schwer, als wäre sie gelaufen, und ihr war schwindlig. Als könnte die kühle Oberfläche ihr Halt geben, presste Beth Rücken und Handflächen gegen die Wand.

Der winzige Moment, als sie geglaubt hatte, Ren wäre gestorben, ließ sie wieder erschaudern – heftiger und brutaler als der Schmerz, den sie jetzt wegen Edmund empfand.

Dabei war Edmund ein sehr guter Freund gewesen. Lieber Himmel, sie hatte mehr Zeit in seiner Gegenwart verbracht als in der ihres Mannes. Ren war im Grunde nicht mehr als ein Name auf einer Heiratsurkunde – ein Junge, der ihr Kindheitsfreund gewesen war, ein Mann, der sie geheiratet und gleich darauf verlassen hatte.

„Beth?“

Rens Stimme. Beth begannen die Knie zu zittern. Tränen liefen ihr über die Wangen, und impulsiv streckte sie die Hände aus. Einen Moment gab es nur Leere, und dann berührte sie seinen festen, beschützenden Arm. Sie schloss die Finger um ihn, spürte die harten Muskeln unter dem Stoff und erkannte seinen Duft – Eau de Cologne, frisches Heu und seine ganz persönliche Note.

„Du bist hier?“

Seine Gegenwart kam ihr wie ein Wunder vor, um so viel kostbarer, weil sie einen Augenblick gedacht hatte, dass er tot wäre. Ihr Griff um seinen Arm wurde fester, und sie lehnte sich an ihn und barg das Gesicht an seiner Brust, spürte den Stoff an ihrer Wange und darunter das regelmäßige Klopfen seines Herzens.

Ihr Haar duftete nach Seife. Die Jahre schienen sich in Luft aufzulösen. Sie waren wieder alte Freunde. Er war wieder Rendell Graham. Er gehörte wieder hierher. Ren drückte sie an sich und spürte ihre Stärke, die Geborgenheit, die sie ihm vermittelte, die für sie so charakteristische Güte. Eine Haarsträhne kitzelte ihn am Kinn. Er hatte vergessen, wie leuchtend ihr Haar war. Er hatte vergessen, dass von ihr ein eigenes Licht auszugehen schien, sodass sie eher einem Engel ähnelte als einem Wesen aus Fleisch und Blut.

Und er hatte vergessen, wie sie seine Sinne in Aufruhr versetzen konnte, wie sehr er sich danach sehnte, sie zuallererst zu schützen, und doch auch, sie zu halten, an sich zu drücken und zu nehmen, was er nicht verdiente – und sein Wort zu brechen.

„Verzeihen Sie, Mylord.“ Dobson betrat die Halle und räusperte sich.

Ren zuckte zusammen und trat abrupt einen Schritt zurück. „Nicht!“, stieß er hervor. „Der Titel gehört meinem Bruder.“

„Ich … Verzeihung, My… Master Rendell, Sir.“

Ren atmete heftig aus. Es war nicht die Schuld des Butlers, dass er ihn mit einem Namen angesprochen hatte, der ihm nicht zustand. „Ja?“

„Es gibt da einige Dinge, die wir besprechen müssen.“

„Gut. Ich komme gleich ins Arbeitszimmer.“

Dobson zog sich zurück, und Ren sah wieder die zierliche Frau an. Seine Frau. Sie war genauso schön, wie er sie in Erinnerung hatte – schöner sogar, da ihr Körper neue Rundungen angenommen hatte. Sie sah jetzt fraulicher aus. Ihr Gesicht war gerötet, aber ihre Haut erinnerte ihn noch immer an zartes Porzellan, und wie immer strahlte sie ruhige Anmut und Gelassenheit aus.

Einmal hatte er versucht, sie zu malen. Aber es war ihm nicht gelungen. Es war ihm nicht möglich gewesen, ihre Hautfarbe, diese strahlende Durchsichtigkeit einzufangen. Das natürlich nur, als er noch gemalt hatte.

„Es tut mir leid“, sagte Beth, die Augen auf ihn gerichtet – Augen, die nicht sehen konnten und doch zu viel sahen. „Kann ich irgendetwas tun, um dir oder deiner Mutter zu helfen?“

„Nein“, sagte er knapp. „Du solltest deine Zeit nicht mit uns verschwenden. Jamie wird dich brauchen. Er war ebenso Edmunds Bruder wie ich.“

Trotz der vier Jahre Altersunterschied hatten Edmund und Jamie dasselbe Interesse an der Wissenschaft geteilt und auch eine große Liebe für das Land.

Ren sah ihr die plötzliche Sorge an. „Du hast recht“, sagte sie. „Ich muss es ihm sagen, bevor er es von jemand anderem erfährt. Andererseits weiß ich nicht einmal, was geschehen ist. Edmund kann doch noch nicht einmal auf dem Kontinent angekommen sein.“

„Es brach die Cholera aus auf dem Schiff.“

Ren konnte immer noch nicht begreifen, wie er es geschafft hatte, Duelle, verrückte Pferderennen, Boxkämpfe und ausschweifende Trinkgelage zu überleben, und Edmund verlor sein Leben, nur wenige Tage nachdem er sein Zuhause verlassen hatte.

„Er war nicht einmal im Gefecht?“

„Nein. Würde es alles besser machen, wenn es so gewesen wäre? Wenn er für König und Vaterland gestorben wäre?“, fragte Ren in erbittertem Ton.

„Ich weiß nicht. Es hätte nicht geändert, dass er für immer fort ist.“

Wenigstens war sie ehrlich. Die meisten Frauen seiner Bekanntschaft schienen ein solches Opfer zu verherrlichen.

„Wird es eine … Beerdigung geben?“

„Wir haben keinen Körper“, antwortete er barsch, als wollte er jemandem Schmerz zufügen, wenn er auch nicht wusste, wem.

„Wenigstens einen Gottesdienst? Ich möchte … wir müssen uns von ihm verabschieden können. Auch die Pächter werden das wollen.“

„Es ist nicht üblich, dass Damen an einer Beerdigung teilnehmen“, sagte er. Das Bedürfnis, Abstand zu ihr zu halten, wurde allmählich stärker. Er durfte sich nicht an ihre Gesellschaft gewöhnen. Er durfte weder ihren Ratschlag erbitten noch Trost. Er durfte keine Unterstützung bei ihr suchen. Beth hatte niemals die Ehe gewollt. Außerdem gehörte sie hier aufs Land. Die Vertrautheit mit ihrer Umgebung machte sogar einen wichtigen Teil ihrer Unabhängigkeit aus.

Aber Graham Hill war der einzige Ort, an dem er nicht leben konnte.

„Du weißt doch, ich habe mich noch nie an die Regeln gehalten.“

Das stimmte. Wenn sie sich an die Regeln halten würde, müsste sie im Haus bleiben, abhängig von der Hilfe der Dienstboten. Stattdessen ritt sie auf ihrem kleinen Pferd über das Gut, führte Jamie den Haushalt und kümmerte sich sogar um bestimmte Angelegenheiten des Anwesens mit bewundernswerter Tüchtigkeit.

Er zwang seine Gedanken in eine andere Richtung. Schließlich war er nicht gekommen, um sich mit der Frau zu beschäftigen, die nur der Form nach mit ihm verheiratet war, sondern um seinen Bruder, der auch nur dem Namen nach sein Bruder war, zu beerdigen. Er musste alles unternehmen, was nötig war, um seine Bindung zu dem Gut zu lösen. Länger hierzubleiben wäre eine Qual. Graham Hill war sein Leben gewesen, das er immer wie selbstverständlich als sein Geburtsrecht angesehen hatte und das ihm dann doch entrissen worden war.

Einen Moment ließ er den Blick durch die vertraute Halle schweifen – über den riesigen Steinkamin und die dunklen Balken an der hohen Decke. Er war vielleicht fünfmal hier gewesen, seit er die Wahrheit erfahren hatte – dass er nicht Rendell Graham, der legitime Sohn von Marcus Graham, war.

Vielmehr war er der Bastard eines mittelmäßigen Porträtmalers.

Abrupt wandte er sich an Beth. „Ich werde dich und Jamie den Zeitpunkt für den Gottesdienst wissen lassen“, sagte er schroff.

„Danke.“

Einen Augenblick rührte sie sich nicht. Sie öffnete die Lippen und biss sich dann leicht auf die Unterlippe. Langsam hob sie die Hand und strich ihm über die Wange, wie sie es früher immer getan hatte. Die Berührung war so vertraut, und doch plötzlich ganz anders. Die Zeit schien stillzustehen.

„Du brauchst nicht immer stark und tapfer zu sein“, sagte sie.

Er verzog die Lippen und dachte an sein Leben in London, an die törichten Wetten und die vielen Nächte, die er mit Alkohol auszulöschen versuchte.

„Glaub mir, ich bin alles andere als das“, sagte er.

3. KAPITEL

Beth saß neben dem Kamin. Das Feuer knisterte. Das Knacken der Flammen vermischte sich mit dem rhythmischen Ticken der Uhr auf dem Kaminsims. Sie rieb die Hände aneinander. Ihr war trotz des Frühlingswetters kalt.

Jamie würde bald nach Hause kommen. Er würde hereinkommen und auf seine unbeirrbare Art über Pflanzenanbau und die Wissenschaft reden. Und sie würde ihm von Edmund erzählen müssen.

Edmund war in gewisser Weise sein einziger Freund gewesen, beide waren fasziniert von allem, was mit der Wissenschaft zu tun hatte. Sicher, Edmund war älter gewesen und eher an mechanischen Erfindungen interessiert als am Landbau, aber beider Denkart war ähnlich gewesen.

Und jetzt musste sie Jamie von Edmunds Tod erzählen. Seltsam, dass jemand so lange lebendig blieb, bis jemand klarstellte, dass es nicht so war. Für Jamie war Edmund noch am Leben und würde es auch bleiben, bis sie ihm seinen Tod mitteilte. Fast als wäre sie selbst Edmunds Henker.

Beth stand auf, zu unruhig, um sitzen zu bleiben. Sie ging die sieben Schritte bis zum Fenster, in Gedanken bei Ren. Er und Edmund waren als Kinder unzertrennlich gewesen. Sie fühlte zutiefst mit ihm, aber sie war auch wütend. Warum hatte er Graham Hill so entschlossen den Rücken gekehrt? Wie war es möglich, dass er sich so von London hatte verlocken lassen?

Sie erinnerte sich, wie sie alle vier über die Felder gezogen waren. Nun, vor allem Jamie und Edmund waren gelaufen, sie selbst hatte auf einer Decke gesessen, während Ren ein Porträt von ihr gemalt hatte. Sie lauschte dem Geräusch, das sein Pinsel auf der Leinwand verursachte, und all den übrigen Lauten im Wald – den Vögeln, den Bienen, den Blättern, dem Wasser. Und Ren beschrieb ihr immer alles. Die Wolken, die an Schafe kurz vor dem Scheren erinnerten, der Bach, der wie zu den Klängen eines Cembalos dahinplätscherte, winzige Schneeflocken, die sich unter den Büschen versteckten wie schüchterne Jungfrauen.

Und doch war Ren jetzt im großen Herrenhaus zusammen mit seiner Mutter, die er nicht mochte.

Allein.

Er malte nicht mehr. Ihm lag nichts mehr an seinem Land. Wenn man dem Klatsch glauben durfte, führte er in London ein ausschweifendes Leben.

„Arnold sagte, du musst mit mir sprechen.“

Sie zuckte zusammen beim Klang von Jamies Stimme und wirbelte schnell zu ihm herum. „Ja. Ich muss dir sagen …“

„Ich weiß von Edmund“, unterbrach er sie.

„Ja?“ Sie stieß abrupt den Atem aus. Einerseits erleichtert, weil sie es ihm nicht zu sagen brauchte, aber auch schuldbewusst, weil er es nicht zuerst von ihr gehört hatte.

„Lady Grahams Zofe hat es der Dienerschaft verraten. Er hätte nicht gehen dürfen. Ich habe versucht, ihm Vernunft beizubringen.“

Sie hörte das Knarren des Sessels, als ihr Bruder sich schwer hineinfallen ließ.

„Nach Mirabelles Tod war er nicht mehr derselbe“, sagte sie.

„Er hatte immer noch das Land.“

Beth erlaubte sich ein trauriges Lächeln. Jamie würden das Land und die wissenschaftliche Arbeit über Saatgut und die Viehhaltung immer genügen. Er besaß eine Unverwundbarkeit, um die sie ihn beneidete.

„Jetzt ist Ren also Lord Graham“, sagte er.

„Ja.“

Er gab ein Knurren von sich. „Ich hoffe, er wird seine Verantwortung ernst nehmen. Es muss Schluss sein mit seinem Herumtollen. Er wird mehr Zeit hier verbringen müssen.“

Seine Worte rüttelten Beth auf. Daran hatte sie nicht gedacht, und ihre Gefühle waren eine seltsame Mischung aus Verwirrung, aufgeregter Vorfreude und Sorge.

„Vielleicht möchte er nicht“, sagte sie.

„Er muss aber. Es ist seine Verantwortung. Ich frage mich, was er über Saatgut weiß.“

„Nicht viel. In London hat man generell kein besonders großes Interesse an Saatgut“, meinte Beth mit einem schiefen Lächeln und unterdrückte einen Seufzer.

„Na ja, ich könnte es ihm wohl beibringen.“

Beth nickte. Der Junge, den sie damals gekannt hatte, hätte nicht erst überzeugt werden müssen. Er hatte alles geliebt, was mit dem Gut und seiner Verwaltung zu hatte. Er hatte die Pächter, die Felder, die Tiere geliebt.

Ganz im Gegensatz zu dem Mann, der er heute war – der Mann, den sie geheiratet hatte.

Der Morgen des Gottesdienstes kündigte einen sonnigen Tag an. Beth spürte die warme Sonne, deren Strahlen durch die Fensterscheiben drangen. Sie war froh. Edmund hatte die Sonne geliebt.

Am Tag zuvor hatte sie Graham Hill besucht, aber weder Ren noch seine Mutter waren anwesend gewesen, also war sie mit dem unklaren Gefühl heimgekehrt, dass sie etwas mehr tun sollte.

Ihre Heirat hatte sie einander nicht nähergebracht. Sie hatten nicht zu ihrer früheren Freundschaft zurückgefunden, Ren hatte sie weder gelegentlich besucht noch Briefe aus London geschickt.

Nach Mirabelles Tod hatte Beth noch mehr Pflichten auf Graham Hill übernommen, aber stets in der Ungewissheit, ob sie als Familienmitglied aushalf oder sich als Nachbarin zu viel herausnahm. Jetzt fragte sie sich, ob sie vor dem Gottesdienst zuerst nach Graham Hill gehen oder sich lediglich in der Kirche zu Ren gesellen sollte. Wahrscheinlich würde er es vorziehen, sie einfach zu ignorieren oder abseits sitzen zu sehen. Aber die Pächter würden anderer Meinung sein.

Glücklicherweise löste eine knappe Nachricht aus Graham Hill dieses Dilemma. Jamie las die wenigen Zeilen vor, die besagten, dass die Kutsche der Grahams sie abholen würde, damit Beth dem Gottesdienst zusammen mit ihrem Mann beiwohnen konnte.

Ihr Mann. Es war so viel einfacher gewesen, mit einem Mann fertigzuwerden, solange der in London blieb. Tatsächlich schien Ren ihr näher gewesen zu sein als jetzt, da nur eine halbe Meile zwischen ihnen lag und sie dieselbe Trauer teilten, aber sich so fern waren wie zwei Inseln, die ein riesiger Ozean trennte.

Natürlich hatte seine Abreise gleich nach der Hochzeit Beth sehr wehgetan. Doch wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass die Erleichterung überwogen hatte. Allington hatte nicht verkauft werden müssen, die Spielschulden ihres Vaters beim Duke waren bezahlt und sie selbst war sicher vor Ayrebourne. Sie war kein einziges Mal in der Gegenwart dieses unangenehmen Mannes gewesen, seit sie seinen Antrag zurückgewiesen hatte, und doch überlief sie stets ein eiskalter Schauder, wenn sie sich an jenes Gespräch erinnerte.

Selbst heute, fast zwei Jahre später, zog sich ihr der Magen zusammen, wenn sie daran dachte. Die Kälte in der Bibliothek schien sie damals zu durchdringen, und sie hatte sich gewünscht, sie hätte ein Feuer machen lassen. Allein mit diesem Mann, hatte sie sich eingesperrt gefühlt, wie in einer Falle.

„Sie haben eine Antwort für mich?“, fragte er und nahm ihre Hand in seine.

Seine Finger waren kalt, nicht trocken und kühl, sondern klamm.

Beth sagte alles, was sich gehörte, alle netten Floskeln der Zurückweisung. Natürlich war es ihr nicht möglich, seine Miene zu sehen, aber sie spürte seinen Zorn. Der Griff seiner Hand um ihre verstärkte sich so sehr, dass sie ihr noch Tage später wehtat.

„Sie weisen mich zurück?“

„Ja, voller Dankbarkeit für … für die Ehre, selbstverständlich.“

„Und dieser andere Bewerber um Ihre Hand? Er wird die Schulden Ihres Vaters zurückzahlen können? Sie sind nicht unerheblich.“

„Ja“, antwortete sie.

Einen Augenblick sagte Ayrebourne nichts. Dann beugte er sich vor. Beth hörte das Rascheln seiner Kleidung, und langsam wuchs eine ungewisse Angst in ihr. Gleich darauf spürte sie einen seiner Finger auf ihrem Gesicht. „Wie schade.“

Übelkeit stieg in ihr auf. Starr vor Angst, war Beth unfähig, etwas darauf zu entgegnen. Ganz langsam strich er ihr mit dem Finger über die Wange, und plötzlich war sein Gesicht ihrem Ohr ganz nah, sodass sie seinen warmen Atem und die Berührung seiner feuchten Lippen spüren konnte.

„Aber wir sind noch immer Nachbarn, also werde ich Sie wohl von Zeit zu Zeit sehen. Nein, ich werde dafür sorgen, dass es geschieht.“

Er hatte ihr mit den Lippen kurz übers Ohr gestrichen. „Das würde mir sehr gefallen.“

„Soll ich Ihnen mit Ihrem Haar helfen, Madam? Mylady?“

Beth zuckte zusammen, als sie ihre Zofe hörte. „Ja, bitte.“

„Lieber Himmel, Sie sind ja weiß wie ein Laken. Geht es Ihnen gut?“ Allie kam herein und brachte den süßen Duft nach heißer Schokolade mit sich.

Beth nickte. „Ja, ich habe nur an … unangenehme Dinge denken müssen. Aber ich bin froh über eine Ablenkung.“

„Und Ihr Haar?“

„Am besten siehst du, was du tun kannst.“

Für gewöhnlich achtete Beth nur wenig auf ihr Aussehen, doch heute würde sie sich größere Mühe geben. Aus Respekt vor dem Anlass, und sie wollte Lady Graham auch keinen Grund zur Kritik geben. Lady Graham hatte niemals gutgeheißen, dass Ren sie geheiratet hatte. Sie hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass sie sich keine blinde Frau als Schwiegertochter wünschte, selbst wenn sie nur den Zweitgeborenen heiratete.

Wieder zuckte sie zusammen. „Er ist jetzt Lord Graham“, sagte sie leise.

„Ja, Mylady.“

Natürlich war ihr das bewusst gewesen, sobald sie von Edmunds Tod erfahren hatte, und doch wurde ihr erst jetzt die ganze Tragweite klar. Es änderte alles. Sie konnte nicht verstehen, dass sie das nicht vorher erkannt hatte. Ren war nicht mehr das schwarze Schaf der Familie, er war jetzt Lord Graham. Er hatte Pflichten, gesellschaftliche Verpflichtungen und einen Sitz im Oberhaus.

Vor allem aber würde er einen Erben brauchen!

Die Vorstellung erschütterte sie. Beth ballte die Hände so heftig zusammen, dass die Fingernägel sich ihr schmerzhaft in die Haut bohrten. Schon als Kind hatte sie gewusst, dass sie keine Kinder haben wollte, nicht haben durfte.

Sekundenlang überschlugen sich ihre Gedanken. Sie würden eine Annullierung ihrer Ehe erwirken müssen. Das war die einzige Lösung. Aber würde das möglich sein, oder würden sie sich scheiden lassen müssen? Und was würde eine Scheidung bedeuten? Aber vor allem: Würde Ren einverstanden sein?

„Bitte halten Sie still, Mylady. Sie sind so zappelig! Schlimmer als ein Hund mit Flöhen, wenn ich so offen sein darf. Ich glaube, ich schneide Ihnen das Haar auch ein wenig, wo ich schon dabei bin. Und da ist es wirklich besser, Sie halten still, Mylady.“

„Ja“, meinte Beth nur tonlos. Sie atmete bewusst langsam ein und aus, wie sie es immer tat, wenn sie sich verirrte oder Angst drohte sie zu übermannen. Diese Posse von einer Ehe musste für ungültig erklärt werden, das war sicher. Aber morgen war noch Zeit genug, sich darüber Gedanken zu machen. Heute musste sie ihren Respekt bezeugen und die Familie unterstützen. Sie würde sich von Edmund verabschieden.

Nachdem Allie fertig war mit Beths Frisur, half sie ihr in ihr schwarzes Bombasinkleid, dasselbe, das sie getragen hatte, als Edmunds Frau Mirabelle gestorben war. Auch damals hatte sie getrauert, aber nicht so sehr wie jetzt um Edmund. Der Verlust eines Kindheitsfreundes war unendlich leidvoller.

Beth hatte eigentlich im vorderen Zimmer auf die Kutsche warten wollen, aber sie fühlte sich dort wie eingesperrt und es zog sie nach draußen. Wenn man nicht sehen konnte, war ein leerer Raum ein sehr abschreckender Ort, ohne Geräusche, ohne Bewegungen. Im Freien nahm Beth die tröstlichen, vertrauten Geräusche des Lebens wahr – das ferne Läuten der Kuhglocken oder das Maunzen der Stallkatze.

Das Herbeirattern der Kutsche folgte bald darauf, und sobald der Lärm aufhörte, die Räder und Hufe still standen, trat Beth vor. Der Schlag wurde geöffnet, und Ren stieg aus. Sie erkannte ihn an seinen entschlossenen Schritten, an seinem Duft – einer Mischung aus Eau de Cologne und Heu und Seife. Und vor allem zeigte ihre eigene halb erfreute, halb beunruhigte Reaktion ihr, dass er es sein musste.

„Du warst im Stall“, sagte sie.

„Und du bist noch immer unheimlich scharfsinnig.“

Er ergriff ihre Hand und half ihr in die Kutsche. Es war eine ganz alltägliche Gefälligkeit, doch Beths Reaktion war alles andere als gewöhnlich. Sie atmete schneller und hatte dennoch das Gefühl, nicht genügend Luft zu bekommen.

Als sie in die Polster sanken, spürte Beth seine Wärme, aber auch eine Anspannung, als wäre er so gespannt wie die Saiten auf der Violine, die Mirabelle immer gespielt hatte. Impulsiv streckte sie die Hand nach seiner aus. Sie wollte ihn berühren, wie sie es früher immer getan hatte, um die Dunkelheit zu durchbrechen, die ihre Welt war, und um Gefühle zu vermitteln, die sich nicht in Worte fassen ließen. Ren zuckte bei ihrer Berührung zusammen. Betroffen zog Beth sofort wieder die Hand zurück.

Das Schweigen wurde durch Jamies Ankunft unterbrochen, dessen Schritte langsam und schwer klangen. Die Polster ächzten, als er sich Beth gegenübersetzte.

Die Tür der Kutsche wurde zugeschlagen.

„Du bist also hier“, sagte Jamie.

„Auch deine Beobachtungsgabe ist unheimlich scharfsinnig“, erwiderte Ren mit diesem seltsam spitzen Ton, den man überhaupt nicht von ihm kannte.

„Ich hoffe, du hast vor, etwas Zeit hier zu verbringen, jetzt da du Lord Graham geworden bist.“

Wenn es überhaupt möglich war, spannte Ren sich noch mehr an. Beth spürte, wie er sich aufrichtete. „Wollen wir uns lieber auf meinen toten Bruder konzentrieren, statt auf meine Reisepläne?“

Das Schweigen lag wie eine schwere Last auf ihnen. Man hörte nichts als das Rattern der Räder. Beth musste schlucken. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie wurde von tiefer Traurigkeit erfasst – weil sie Edmund verloren hatten und weil seine drei besten Freunde sich nichts mehr zu sagen hatten.

„Es ist nett von dir, uns abzuholen. Danke“, bemerkte sie leise, als sie die Stille nicht länger ertragen konnte.

„Die Dorfbewohner würden es nicht gern sehen, wenn wir getrennt ankämen“, sagte er nur.

Seine Worte taten weh, wenn sie auch nicht sicher war, weshalb das so war. Sie wollte nicht, dass er als seine Frau an sie dachte, andererseits brauchte sie die Gewissheit, dass er überhaupt an sie dachte. Er sollte erkennen, dass es das einzig Richtige war, wenn sie und Jamie und er sich gemeinsam von Edmund verabschiedeten. Sie waren doch Freunde gewesen, die schon immer zusammengehört hatten.

„Deine Mutter kommt nicht?“, fragte sie.

„Es ist ihr nicht möglich gewesen aufzustehen, seit wir angekommen sind.“

„Das war vor vier Tagen.“

„Ja.“

„Sie liegt seitdem im Bett?“, fragte Beth.

„Ja.“

„Du bist die ganze Zeit allein im großen Haus? Ohne mit jemandem sprechen zu können?“

„Mrs. Bridges bespricht gern den Speiseplan mit mir.“ Jede Silbe kam abgehackt und trocken, wie brechende Zweige.

Was für eine grausame, selbstsüchtige Frau Lady Graham doch war. Impulsiv griff Beth wieder nach seiner Hand. Sie spürte, wie groß und kräftig sie war, sie spürte die kleinen Schwielen. Dieses Mal entzog er sich ihr nicht, sondern seufzte leise und schloss die Finger fest um Beths Hand.

In der Kirche war selbst der allerletzte Platz besetzt. Die Dorfbewohner hatten an das Ende jeder Bank Vasen mit gelben Narzissen gestellt, deren Blüten sich hell von dem dunklen Holz abhoben. Sonnenlicht drang durch die Buntglasfenster und warf tanzende Regenbogen auf den Schieferplattenboden. Staubteilchen wirbelten träge im Licht. Die Atmosphäre war schwer von unterdrücktem Geflüster, Parfum, Blumen und Menschen, die zu angestrengt versuchten still zu sitzen.

Ren ging auf die Kirchenbank der Grahams zu, wo er schon als Kind gesessen hatte. Die Orgel begann zu spielen. Er spürte, wie die Holzbank leicht vibrierte. Beth liebte dieses Gefühl. Sie hatte oft gesagt, dass ihr Augenlicht ihr gar nicht fehlte, wenn sie jede Musiknote nicht nur hören, sondern auch fühlen konnte.

Im Moment wusste Ren nicht, ob Beths und Jamies Anwesenheit ihn tröstete oder eher schmerzte. Sie erinnerten ihn an eine Zeit vor dem Verlust, an eine Kindheit voller Glück, an eine Zeit, als seine Identität und seine Zugehörigkeit noch außer Frage standen.

Das Geheimnis seiner Mutter hatte alles zerstört. Selbst seine Kunst brachte ihm keine Freude mehr. Sein Talent war vielmehr eine fortwährende Erinnerung an den billigen Porträtmaler, der seine Mutter verführt und einen Bastard gezeugt hatte.

Der Pfarrer erhob sich. Er räusperte sich und brachte damit die Gemeinde zum Schweigen. Ren kam er nicht sehr verändert vor, seit er ihn zuletzt gesehen hatte, vielleicht war er ein wenig kahler und der Schnurrbart hing ein wenig trauriger bis zum Kinn herab.

Die Orgel wurde lauter. Hier hatte ihre Hochzeit stattgefunden. Natürlich hatte es keine Zuschauer gegeben. Nur Beth und Jamie und der Pfarrer mit seinem Schnurrbart.

Ren musste schlucken. Er konnte es nicht erwarten, von hier zu verschwinden und nach London mit all seinen Ablenkungen zurückzukehren – Frauen, Wein und Kartenspiel. In London war er ein echter Mensch, kein angenehmer oder netter Mensch, aber wenigstens kein verlogener. Während er hier nicht mehr als ein Heuchler war und unwillig eine Rolle spielte.

In London konnte er Graham Hill vergessen, ebenso wie das Leben, das ihm nicht mehr gehörte und das mit einer einzigen Wahrheit ausgelöscht worden war. Schließlich kam der Gottesdienst – wie alle Dinge – zu einem Ende. Alle erhoben sich fast gleichzeitig. Auch Beth stand auf und berührte ihn fürsorglich. Nur dass er ihre Fürsorge nicht verdient hatte. Und er wollte sie auch nicht.

„Am besten bringe ich es hinter mich“, stieß er grimmig hervor. „Du brauchst nicht mit mir an der Tür zu stehen, weißt du.“

Sie schluckte. Ren sah, wie sie das Kinn leicht vorschob. „Doch“, sagte sie entschlossen.

Er zuckte mit den Schultern. Hier mitten in der Kirche war nicht der richtige Ort, um mit ihr darüber zu diskutieren. „Schön.“

Und so standen sie am Kircheneingang neben dem Pfarrer. Ren spürte die frische Brise, die sich hier mit der warmen, stickigen, nach Kerzenwachs duftenden Luft aus der Kirche vermischte.

Die Pächter kamen in einer langen Schlange an ihnen vorbei. Sie sprachen ihr Beileid aus und knicksten oder verbeugten sich respektvoll. Seltsam, dass er jedes einzelne Gesicht wiedererkannte und leicht überrascht die Veränderungen an ihnen feststellte, die die Zeit ihnen beigebracht hatte.

Und seltsam war es auch, wie schwer es ihm fiel, sich zu konzentrieren. Als verlangten die schlichtesten Sätze ihm mehr Verstand ab, als er im Augenblick besaß. Der Pfarrer hingegen schien über einen endlosen Vorrat an oberflächlichem Geplauder zu verfügen, als hätte er ihn irgendwo unter seiner Robe verstaut wie ein Eichhörnchen seine Schätze.

Zu Rens Überraschung war aber auch Beth informiert über alles, was die Pächter anging – die Geburten, Tode und Ernten. Ihr Wissen über solche Einzelheiten ließ ihn erkennen, wie sehr sie sich für diese Menschen interessierte. Bisher war ihm das nicht bewusst gewesen.

Schließlich hatten sie mit allen gesprochen, jedermann war gegangen und Ren wandte sich an Beth, wobei er ihren Arm umfasste. „Ich kann noch nicht in die Kutsche steigen“, sagte er. „Ich brauche …“

Er hielt inne. Er wusste nicht, was er brauchte. Vielleicht Ruhe vor diesen Menschen mit ihren Beileidsbezeugungen, die glaubten, dass er trauerte – obwohl er nicht das Recht dazu hatte. Vielleicht auch Flucht vor dem Schmerz, der ihm die Brust abdrückte, sodass er nur mit Mühe atmen konnte.

„Wir kamen jeden Sonntag zum Gottesdienst. Die Familie und die Dienstboten. Ich erinnere mich noch, dass Mrs. Cridge, unsere Nanny, uns immer zu Fuß zurückgehen ließ, damit wir uns die Beine vertreten konnten.“

„Das können wir jetzt auch tun, wenn du möchtest.“

Er nickte. Er konnte nicht wieder in die Kutsche steigen und sich an früher und an ihr Gelächter erinnern, als sie noch Kinder gewesen waren. Beth legte ihm die Hand auf den Arm und ließ sich von ihm führen, während sie um die Kirche herum zu der Seite gingen, die über das Tal und den sich dahinschlängelnden Bach blickte.

„Ich kann den Bach hören.“ Beth legte den Kopf leicht zur Seite. „Du hast einmal gesagt, es klingt, als würden die Glocken von Hunderten von verzauberten Kirchen läuten.“

„Lieber Himmel, was für unglaublichen Unsinn ich damals von mir gab.“

„Mir hat es gefallen. Du hast mich auf eine Weise sehen lassen, wie es Jamie und Edmund nicht konnten. Vielleicht liegt es daran, dass du ein Maler bist.“

„War.“

„Malst du überhaupt nicht mehr?“

„Nein“, antwortete er knapp.

Einige Momente starrte Ren auf die Grünflächen vor ihm, die sich bis zum Bach erstreckten. Das Wetter hatte sich verschlechtert. Der Himmel bewölkte sich, und das Grün war plötzlich nicht mehr so lebhaft, die Landschaft erschien grau.

Beth legte ihm wieder die Hand auf den Arm, und Ren sah auf sie herab. Selbst in Handschuhen sahen ihre Hände zart aus.

„Ren?“ Sie sprach zögernd, was ihr gar nicht ähnlich sah. „Wir lange wirst du bleiben?“

„Wir können zur Kutsche zurückgehen, wenn dir kalt ist.“

„Nein, ich meinte, auf Graham Hill. Wann kehrst du nach London zurück? Ich möchte gern mit dir reden, bevor du aufbrichst.“

„Ich reise so bald wie möglich ab“, sagte er. „Sehr wahrscheinlich schon morgen.“

Das war eine Tatsache in einer Welt, die ansonsten aus den Fugen geraten war. Hier war es unerträglich für Ren. Er empfand hier Edmunds Abwesenheit schmerzlicher, er war sich so viel bewusster, wie unfair es war, dass Edmund vor ihm gestorben war. Und er erkannte so viel deutlicher, dass er nicht hierhergehörte.

„Morgen? Aber das geht nicht. Ich meine, wirst du bald wiederkommen?“

„Nein.“

„Aber die Pächter brauchen dich.“

„Sie werden ohne mich zurechtkommen müssen.“

Er sah, dass sie die Stirn runzelte, die Lippen zusammenpresste und die Schultern straffte. Ihrer Miene war anzusehen, dass sie nicht bereit war, sich mit seiner Antwort zufriedenzugeben.

„Die Pächter brauchen die Unterstützung vom Herrenhaus in Zeiten wie dieser. Sie müssen wissen, dass man sich um sie kümmern wird. Dass alles weiterbestehen wird, weil der neue Herr übernehmen wird. Wenn sie sich Sorgen machen müssen, können sie nicht trauern, wie es sich gehört.“

„Weiterbestehen, der neue Herr – lieber Himmel, du klingst wie ein Pfarrer oder wie ein Politiker. Gibt es auch ein Thema, zu dem du keine eigene Meinung hast?“

„Eisberge“, sagte sie mit einem schwachen Lächeln.

„Bitte?“

„Ich habe keine Meinung zu Eisbergen.“

Einen kurzen Moment musste er lächeln, und das Gefühl war angenehm und gleichzeitig ungewohnt. „Wir haben in England doch gar keine Eisberge.“

„Wahrscheinlich habe ich deswegen auch keine Meinung zu ihnen.“

Sein erster Impuls war, sie an sich zu drücken, das Gesicht in ihrem weichen goldblonden Haar zu verstecken und zu spüren, dass er kein einsames Geschöpf war. Nur leider war er genau das. Einsam. Und ein Bastard. Er war ihrer nicht wert, und das nicht nur wegen seiner Geburt, sondern auch wegen seines unverzeihlichen Benehmens.

Abrupt trat er zurück und straffte die Schultern. „Mein Leben ist in London. Die Pächter werden ohne mich trauern müssen, so gut sie können. Wenn du also mit mir sprechen willst, schlage ich vor, dass du es jetzt tust.“

Beth atmete tief ein, die Stirn wieder gerunzelt. „Aber …“ Sie hielt kurz inne. „Nun gut, es ist nicht der beste Zeitpunkt, aber wir sind wenigstens ungestört. Und ich weiß nicht, wann ich wieder eine Gelegenheit bekommen werde.“

„Und?“, drängte er sie.

„Es ist nur, dass du als Lord Graham eine passende Frau an deiner Seite haben musst. Weil du jetzt einen Erben brauchst. Als … als du mich geheiratet hast, war das nicht der Fall. Wir dachten, Edmund und Mirabelle … Nun, wie dem auch sei, Allington wirft wieder Gewinn ab, unsere Schulden sind bezahlt. Der Duke ist selten hier. Und ich … ich danke dir sehr für deinen Schutz, aber … aber du wirst deine Freiheit zurückhaben wollen. Wahrscheinlich wäre das die beste … Vorgehensweise u…unter diesen Umständen“, schloss sie hastig und ein wenig stotternd.

„Du bittest mich um eine Annullierung unserer Ehe?“ Es kostete ihn enorme Mühe, mit ausdrucksloser Stimme zu antworten.

„Ja, eine Annullierung. Ich glaube, ja.“

Der Schmerz war so heftig, dass ihm ein Moment der Atem stockte. Eine Mischung aus Wut und tiefer Qual traf ihn mit ungeahnter Wucht. Ren ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten.

„Und das musstest du mir ausgerechnet jetzt sagen?“, fragte er, als er seine Stimme wieder unter Kontrolle hatte.

Beth errötete. „Ich wollte nicht, aber du hast mir keine Wahl gelassen, Ren. Außerdem war es noch nie meine Art, um den heißen Brei herumzureden. Du hast eine neue Rolle und brauchst eine passende Frau. Und es ist ja nicht so, als hätten wir eine echte Ehe geführt. Ich meine, wir haben seit achtzehn Monaten nicht mehr miteinander gesprochen. Du bist nicht zu Besuch …“

„Ich brauche weder eine Frau noch einen Erben“, fuhr er sie an.

„Als Lord Graham ist es deine Pflicht …“

„Hör auf!“, schrie er plötzlich und verlor seine mühsam gewonnene Selbstbeherrschung. „Hör auf, mich mit diesem unerträglichen Namen anzusprechen.“

„Aber es ist dein Name.“

„Ein Name, den ich nicht verdiene und nicht annehmen will.“

„Dir bleibt keine Wahl.“

„Ich werde den Titel vielleicht annehmen müssen“, knurrte er, „aber ich kann das Gut loswerden und dich damit von deiner unvernünftigen Sorge befreien, ich müsste einen Erben zeugen.“

„Das Gut loswerden? Was meinst du?“

„Der Duke of Ayrebourne will das Gut haben.“

Ren wusste nicht, warum er die Worte unbedingt aussprechen musste. Es war, als würden seine eigenen Schmerzen ihn dazu verleiten, auch ihr wehzutun. Oder vielleicht musste er seine Gedanken laut verkünden, um seine Entscheidung endgültig zu treffen.

Es folgte Stille. Beths Miene drückte tiefste Fassungslosigkeit aus. „Der Duke? Wie? Warum?“

„Ich habe vor, ihm das Gut zu überlassen.“

„Was?“ Sie streckte die Hände nach ihm aus. Ihre Finger strichen über sein Gesicht, seine Wangen, sein Kinn.

„Du meinst es ernst“, flüsterte sie dann. „Ich dachte, du machst nur einen schlechten Scherz.“

„Ich meine es vollkommen ernst.“

„Aber warum?“ Sie ließ die Hände sinken, packte aber seinen Ärmel. „Der Duke of Ayrebourne? Dein Cousin? Er ist abscheulich. Das hast du immer gesagt. Was auch der Grund ist, weswegen wir geheiratet haben. Das kannst du nicht tun.“

„Ich denke, schon. Ich habe mich mit meinem Anwalt beraten.“

„Dein Anwalt? Ist das Gut nicht untrennbar mit dem Titel verbunden?“

„Nein.“

Sie ließ ihn noch immer nicht los. „Wenn du in Schwierigkeiten bist, Ren, können wir helfen. Jamie hat Allington zu einem gewinnbringenden Gut gemacht. Er wird dir mit Graham Hill helfen. Er ist erstaunlich geschickt, wenn es um Landwirtschaft geht.“

„Ich bin nicht in Schwierigkeiten.“

„Dann erpresst er dich mit irgendetwas.“

Ren lachte. „Man muss sich um die Meinung der anderen kümmern, um erpressbar zu sein.“

„Warum verkaufst du das Gut dann?“

„Ich verkaufe es nicht, ich gebe es her.“

„Was?“ Sie wurde abwechselnd blass und rot. „Bist du von Sinnen, Ren? Deiner Familie gehört dieses Land seit Generationen. Ayrebourne schert sich nicht um die Menschen, die hier arbeiten, oder um die Tiere oder das Land.“

„Dann haben wir ja viel gemeinsam.“

„Aber du bist nicht grausam.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ein Mensch kann sich ändern.“

Beth schüttelte den Kopf so heftig, dass ihr Hut leicht zur Seite rutschte. Unwillkürlich streckte Ren die Hand aus, um ihn zurechtzurücken. Und plötzlich war seine Wut vergessen. Tränen stiegen ihm in die Augen. Er wünschte …

„Nicht so“, sagte Beth. „Irgendetwas ist geschehen, das dich verändert hat.“

„Mein Bru…“ Er brach ab. „Edmund ist gestorben, falls du dich erinnerst. Genügt das nicht?“

Einen Moment lang war er versucht, ihr alles zu sagen. Ihr zu verraten, dass Lord Graham nicht sein Vater war, dass Rendell Graham nicht existierte und niemals existiert hatte. Warum nicht? So viele hatten bereits den Verdacht geäußert.

Dann wandte er sich von ihr ab.

Beth hatte immer das Beste in ihm gesehen. Sie hatte die Finger über seine Bilder gleiten lassen und sie schön gefunden. Sie hatte seine dürren Jungenarme berührt und ihn kräftig gefunden. Ren konnte es ihr nicht sagen. Nicht jetzt. Nicht heute. Noch nicht.

„Wir gehen besser zur Kutsche zurück“, sagte er.

„Das ist alles? Du platzt mit dieser … dieser fürchterlichen Neuigkeit heraus und schlägst dann vor, dass wir nach Hause fahren und Tee trinken?“

„Ich werde eher etwas Stärkeres zu mir nehmen, aber du kannst dich ja an Tee halten, wenn du willst.“

„Du redest schon wieder so.“

„Wie?“

„So sarkastisch. Du klingst nicht wie du selbst.“

Er lächelte kühl. „Vielleicht weil ich nicht ich selbst bin“, sagte er.

4. KAPITEL

Beth erzählte Jamie nach dem Dinner von Rens Absicht, das Gut wegzugeben. Sie hatte es hinausgezögert, weil sie fürchtete, ihren Bruder damit zu bekümmern. Außerdem brauchte sie selbst etwas Zeit, um über die Neuigkeit nachzudenken.

Sie hörte, wie Jamie sich so abrupt erhob, dass der Stuhl gegen die Wand stieß. „Was? Warum? Warum will er verkaufen?“

„Er verkauft das Gut nicht. Er gibt es einfach weg.“

„Er gibt es weg?“ Jamie ging unruhig hin und her. „Sogar noch lächerlicher. Du musst ihn aufhalten.“

„Ich?“

„Du bist seine Frau.“

„Nicht im eigentlichen Sinne. Und er wird gewiss nicht auf mich hören.“

„Wem will er es geben?“

„Dem Duke.“

„Dem Duke?“ Jamie blieb stehen. Beth hörte deutlich die Fassungslosigkeit in seiner Stimme, die sie nur allzu gut verstehen konnte. „Warum? Lieber Himmel, Ayrebourne verwandelt seine Felder in eine Parklandschaft, damit seine reichen Freunde darin jagen können. Und er lässt seine Dienstboten hungern. Warum tut er das? Warum an den Duke?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Beth. „Ich meine, Ren weiß, dass sein Cousin verabscheuenswert ist. Deswegen hat er mich überhaupt geheiratet. Es ergibt einfach keinen Sinn, dass er ausgerechnet diesem Mann das Gut überlassen will.“

„Sein Cousin …“, sagte Jamie leise. Sie hörte, wie er zu seinem Stuhl zurückkehrte und sich setzte. Dann begann er, mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln.

„Dir ist ein Gedanke gekommen? Es hat etwas zu bedeuten, dass der Duke sein Cousin ist?“

„Ja.“

„Warum?“

„Ich …“ Jamies Stuhl knarrte ein wenig. „Ich kann nicht.“

Jamie hatte schon immer Schwierigkeiten zu sprechen, wenn er bedrückt war. Worte fielen ihm seit jeher schwer, wenn es nicht gerade um die Landwirtschaft ging.

„Aber du weißt etwas, dass diese ganze Sache erklären würde oder wenigstens verständlicher machen könnte?“

Er gab nur ein Knurren von sich.

„Aber du kannst es mir nicht sagen?“

„Nein.“ Jamie schob seinen Stuhl wieder zurück. Beth hörte ihn aufstehen und danach seine schnellen Schritte. „Und ich weiß auch nichts Handfestes. Es sind nur Gerüchte. Am besten fragst du deinen Mann.“

Mit dieser knappen Bemerkung verließ er den Raum. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, und seine Schritte wurden immer leiser.

„Verflixt.“ Beth sprach ins Leere. Jamie konnte einen Heiligen in den Wahnsinn treiben. Sein Wissen beschränkte sich meist auf Saatgut, und jetzt, da er endlich einmal etwas Nützliches wusste, weigerte er sich, es preiszugeben.

Sie erhob sich halb in der Absicht, noch einmal nachzuhaken, aber es würde nichts nützen. Er hatte recht. Sie sollte mit Ren sprechen. Er war ihr Mann, wenn auch nur der Form nach, und schuldete ihr wenigstens eine Erklärung. Außerdem, überlegte sie mit neuem Optimismus, die Tatsache, dass es einen logischen Grund zu geben schien, ließ Beth Hoffnung schöpfen. Ein Plan, der auf einer gewissen Logik basierte, konnte mit Gegenargumenten angegriffen werden. Beth mochte es ja an mancherlei Fähigkeiten mangeln, aber gewiss nicht an Sprachgewandtheit.

Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Genau das würde sie tun! Ihr Plan war perfekt. Sie erinnerte sich wieder an die wundervollen, fröhlichen Tage ihrer Kindheit, die warme Sonne, das kühle Wasser, den Duft nach Moos und Erde, vermischt mit dem Geruch nach Terpentin und Farbe.

Entschlossen packte sie ihren Stock und eilte los, wobei sie die Schritte zwischen ihrem Stuhl und der Tür zählte und dann zwanzig Schritte den Flur hinunter bis zur Treppe. Natürlich war sie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr im Kinderzimmer gewesen, aber dennoch war ihr alles noch vertraut – das glatte Holz des Geländers, das Knarren der dritten Stufe und die verschnörkelte Form des Türgriffs. Alles erinnerte sie an ihre Kindheit.

Beth schritt über den harten Parkettboden, bis ihr Stock gegen den Schrank stieß. Sie kniete sich hin, öffnete die Tür und griff hinein. Papier raschelte unter ihren Fingerspitzen. Sie fühlte die pudrige Kreide, die harten Schiefertafeln und die weichen Ledereinbände der Bücher.

Dann betastete sie die Malerpalette mit den Überresten getrockneter Farbe und gleich daneben die harten Borsten der Pinsel. Zu ihrem Entzücken entdeckte sie dahinter den weichen Stoff einer zusammengerollten Malerleinwand. Sie lächelte und zog so heftig daran, dass alle Rollen auf den Boden rutschten.

Beth setzte sich hin und entrollte die erste Leinwand, als könnte sie sie sehen, wenn sie sich nur dicht genug darüberbeugte. Vorsichtig strich sie mit den Fingern darüber und konzentrierte sich, wie Ren es ihr beigebracht hatte. Sie fühlte die staubigen Reste von Kreide, die harte Konsistenz der Ölfarben und die weiche Oberfläche der Aquarellfarben.

Ihr war, als könnte sie wirklich mit ihren Fingerspitzen alles vor sich sehen, und alte Erinnerungen erwachten in ihr. Hier fühlte sie sich ihm so nahe, und doch so fern. Dies war der Mensch, den sie gekannt hatte. Dies war der Mensch, der versucht hatte, mit seiner Kunst Schönheit einzufangen, der gescherzt und gelacht hatte, während sie meilenlang über die Felder gezogen waren und die klappernde Staffelei hinter sich hergeschleppt hatten.

Die unterste Leinwand faszinierte Beth am meisten. Es war eine Landschaft. Sie konnte die winzigen, zarten Pinselstriche ertasten, die das Gras formten, und die starken, kühneren Linien der Zaunpfosten und Bäume.

Sehr wahrscheinlich war sie mit ihm zusammen gewesen, als er das gemalt hatte – die warme Sonne auf ihrem Gesicht spürend, während sie im kühlen Gras gelegen hatte. Ren hatte ihr erzählt, dass das Gras grün war, und sie hatte sich überlegt, dass Grün nach Minze duften und sich feucht anfühlen musste wie der Frühlingsnebel. Im Herbst hatte sie die trockenen Stoppeln im Kornfeld gespürt, und Ren hatte ihr gesagt, dass es gelb sei. Beth stellte sich seitdem vor, dass Gelb sein musste wie die Hitze der Sonne.

In jenen Tagen hatte Ren jeden Zoll dieses Landes geliebt.

Und dann hatte sich alles verändert.

Am nächsten Morgen starrte Ren auf die sauber notierten Zahlenkolonnen in dem Wirtschaftsbuch, das vor ihm auf dem Tisch lag. Das Gut war in hervorragendem Zustand. Die Pächter schienen zufrieden zu sein, und die Ernten brachten große Gewinne ein. Es war traurig, alles einem Mann wie dem Duke überlassen zu müssen.

Er lehnte sich zurück und blickte auf die Gemälde an der Wand. Sie stammten aus der Zeit seines Großvaters und waren die Abbildung einer Jagd und eines recht armselig ausgeführten Porträts eines schwarzen Hengstes im Profil. Hier mehr als irgendwo sonst auf diesem riesigen Gut kam Ren sich wie ein Hochstapler vor. Tatsächlich hatte er lediglich zweimal das Arbeitszimmer betreten, seit der billige Porträtmaler zurückgekehrt war – der Wendepunkt in Rens Leben. An dem Tag war er gerufen worden. Lord Graham hatte hinter seinem Schreibtisch gesessen, das Gesicht starr, die Haut grau, als wäre er im Verlauf eines einzigen Tages um Jahrzehnte gealtert. Er war sofort aufgestanden, als Ren eingetreten war, und hatte nach seiner Birkenrute gegriffen.

Und dann hatte sein sonst immer so freundlicher Vater ihn mit der Rute geschlagen. Und Ren hatte nicht einmal gewusst, warum.

Später war er wieder gerufen worden, nachdem er die Schule beendet hatte. Dieses Mal hatte es keine Schläge gegeben. Stattdessen war Lord Graham hinter seinem Schreibtisch sitzen geblieben, die Augen geschlossen, die Miene ausdruckslos. Er hatte bedächtig gesprochen und lediglich erklärt, dass Ren einen großzügigen monatlichen Betrag erhalten würde, wenn er sich in Zukunft von Graham Hill fernhalten und Stillschweigen bewahren würde. Ren hatte die finanzielle Hilfe für drei Monate angenommen, bis kluge Investitionen es ihm erlaubt hatten, das Geld zurückzugeben und sich zu weigern, je wieder etwas von Lord Graham anzunehmen.

Die Ironie des Schicksals hatte es jetzt so gewollt, dass Graham Hill ihm gehören konnte. Unwillkürlich sah Ren aus dem Fenster und in den Park hinaus. Die Zweige wiesen nur wenige grüne Blätter auf, die in der blassen Sonne aufleuchteten, und mitten im vom Winter noch gelben Gras zeigten sich hier und da grüne Flecken.

Es schmerzte ihn, es aufzugeben, ebenso wie damals, als er es verlassen musste.

Eine Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit und gleich darauf erschien eine weibliche Gestalt. Sie hielt einen Gehstock in der einen Hand und einen Korb in der anderen. Seine Frau. Sie zählte ihre Schritte. Ren konnte es am Tippen ihres Stocks und der leichten Bewegung ihrer Lippen sehen. Zwar ging sie mit Vorsicht, aber auch mit einer Mühelosigkeit, die er so oft bewundert hatte. Lieber Himmel, wenn er sein Augenlicht verlieren sollte, wäre er wie gelähmt, unfähig sich zu rühren vor Angst, in einen Abgrund zu stürzen.

Er sah zu, wie sie sich rasch näherte. Wahrscheinlich kam sie, um ihm Vorhaltungen zu machen. Oder sie wollte wieder eine Annullierung ihrer Ehe verlangen.

Ren presste grimmig die Lippen zusammen. Hatte er sein Wort nicht gehalten? Sie hatte ihre Freiheit bekommen, ihre Unabhängigkeit, und doch schien sie sein Geschenk nicht zu schätzen zu wissen.

„Mylord, Miss … äh, Ihre … Ihre Ladyschaft ist in der Halle“, kündigte Dobson an. Er stand in der Tür zum Arbeitszimmer, das ältliche Gesicht ernst und kummervoll.

Im nächsten Moment kam Beth herein. Natürlich hatte sie nicht, wie angewiesen, in der Halle gewartet. Sie hatte sich noch nie gut aufs Gehorchen verstanden. Ren sah sie eintreten und war hin- und hergerissen zwischen Verlangen und einem Widerwillen, sie zu sehen. Selbst nach Jahren in London, die er in der Gesellschaft der zauberhaftesten Frauen verbracht hatte, faszinierte Beths Schönheit ihn. Sie war nicht wirklich hinreißend schön. Ihre Kleidung war elegant, aber kaum auffällig oder auch nur modisch. Und doch war sie etwas Besonderes mit ihren zarten Gesichtszügen und dieser Leuchtkraft, die von innen kam und einem das Gefühl gab, sie wäre nicht von dieser Welt, sondern eine Fee aus einem Märchen …

„Ren!“, unterbrach sie seine Gedanken auf ihre gewohnt unverblümte Art. Sie kam noch näher, zählte die Schritte, bis sie vor seinem Schreibtisch stand, und stellte den Korb mit einem dumpfen Laut ab. „Du musst dir das hier ansehen!“

Er schickte Dobson fort und sah zu, wie Beth die Klappen des Korbs öffnete.

Ihm stockte der Atem. Ein scharfer Schmerz durchzuckte ihn, als sie die Leinwandrollen herausholte und auf dem Mahagonitisch ausrollte.

„Wo hast du die gefunden?“, brachte er mühsam hervor. Seine Kehle war wie zugeschnürt, und er fürchtete, ersticken zu müssen.

Er starrte die Bilder an – die Scheune, deren graue Holzbretter vom Wetter zersplittert waren, sein altes Pferd, das Mosaik von Herbstfarben.

Es waren technisch eher kindlich ausgeführte Bilder, aber mit solcher Sorgfalt, so viel Liebe.

Einen Moment lang packte ihn jene eifrige Begeisterung, wieder zu malen, die er früher stets verspürt hatte. Es war ein Prickeln in den Fingern, eine Sehnsucht, ein Bedürfnis, ein überwältigender Drang, etwas zu schaffen, Schönheit einzufangen – wenn auch nur für einen Moment.

„Warum hast du das hergebracht?“, fragte er schroff.

Er spürte, wie sich Bitterkeit auf seinem Gesicht abzeichnete – nicht, dass Beth es hätte sehen können. Und das sollte ihm helfen, sich nicht so verletzlich zu fühlen, aber seltsamerweise tat es das nicht. Ihm war es immer so vorgekommen, als könnte Beth mehr sehen als alle anderen, wenn es darum ging, menschliche Schwächen zu erkennen.

„Um dich zu erinnern.“

„Ich brauche nicht erinnert zu werden.“

Er strich mit den Fingerspitzen über die trockene Farbe. Es war später August gewesen, heiß, ein vollkommenes Wochenende mit einem wolkenlosen Himmel und einer Luft erfüllt von Sommerdüften, als hätte das Schicksal sich entschlossen, ihm dieses eine, letzte schöne Wochenende zu gewähren.

„Ich wollte dich daran erinnern, wie du dich gefühlt hast“, sagte Beth.

Natürlich erinnerte er sich! Wie könnte er es je vergessen? Ihm war es erschienen, als wäre in einem einzigen Augenblick alles, was er je gekannt, alles, was er je geliebt, alles, woran er je geglaubt hatte, ausgelöscht worden – verschwunden in einem gähnenden Loch.

Der Schmerz, die Finsternis, schlimmer noch, die Hilflosigkeit waren gewachsen und hatten ihn innerlich zerfleischt, sodass er noch heute wie gelähmt war. Er schloss die Augen, kniff sie zusammen wie ein Kind, das versucht, einen Albtraum zu verdrängen. Wild schob er die Bilder beiseite. Sie fielen auf den Boden und rissen dabei den Briefbeschwerer und einen Kerzenhalter mit sich.

„Ren?“

„Nimm sie mit!“

„Aber warum? Du hast immer so gern gemalt. Du hast dieses Land geliebt.“

„Du musst gehen.“ Er zwang sich, leise zu sprechen, und presste sich die Hände in die Seiten, weil er das Bedürfnis hatte, mit den Fäusten gegen die Wand zu schlagen.

„Unsinn! Ich gehe nirgendwohin, bis ich den Grund für deine Entscheidung verstanden habe. Es muss einen Grund geben. Jamie sagt es auch.“

„Jamie?“ Wusste selbst Jamie von seinem Geheimnis – ein Mann, der selten sprach und dann nur über Saatgut? „Was hat er gesagt?“

„Nichts. Er wollte nichts verraten. Aber ich muss es wissen, um zu verstehen. Ich dachte, deine Bilder würden dich an früher erinnern. Ich dachte, du würdest dich freuen, sie wiederzusehen.“

„Du hast dich geirrt.“

„Warum?“

„Ich …“ Normalerweise fiel es ihm so leicht, aalglatte Antworten zu geben. Aber jetzt blieben ihm die Worte in der Kehle stecken. „Du musst gehen“, wiederholte er.

„Warum?“

„Weil ich wütend bin und dich nicht erschrecken will.“

Und dann lachte sie, sanft und ungerührt. „Ren, du könntest mich niemals erschrecken. Nicht in einer Million Jahren.“

Natürlich nicht. Er konnte erwachsene Männer in einem Duell vor Angst schlottern lassen. Er konnte sein Pferd zu solchen Geschwindigkeiten antreiben, dass sein Stallknecht erblasste, und er konnte so hart zuschlagen, dass seine Fingerknöchel zu bluten begannen, aber diese zarte Frau lachte ihm trotz seiner Wut einfach ins Gesicht.

„Vielleicht sollte ich dir erklären, was für ein Leben ich jetzt in London führe. Selbst Randgruppen der vornehmen Gesellschaft meiden mich.“

„Was sehr schade ist, da ihnen wirklich etwas entgeht. Aber ich lasse mich nicht so leicht ins Bockshorn jagen. Jamie hat als Junge unglaubliche Wutanfälle gehabt“, fügte sie hinzu.

Jetzt wurde er auch noch mit einem wütenden Kind verglichen. Fast hätte Ren gelacht.

„Na schön.“ Er kam um den Schreibtisch herum und bückte sich, um schnell Leinwände, Kerzenständer und Briefbeschwerer aufzuheben. „Du hast recht. Ich könnte dir niemals wehtun oder dich auch nur ängstigen. Und es macht auch keinen Unterschied, ob du bleibst oder gehst, denn ich könnte diese kindischen Kritzeleien ewig anstarren und würde meine Entscheidung trotzdem nicht ändern.“

„Aber warum? Ich möchte es wissen. Verdient selbst eine Scheinehefrau nicht wenigstens so viel?“

Ihr Ton wurde spöttisch, als sie von sich als der Scheinehefrau sprach. Lieber Himmel, er hätte sie zu seiner echten Frau machen können. Er hätte sie nach London und in sein Ehebett zerren können, wenn sein Respekt für sie nicht so verdammt hoch gewesen wäre und wenn er nicht gewusst hätte, wie sehr sie gegen die Ehe an sich war und wie groß ihr Verlangen nach Unabhängigkeit.

„Und warum Ayrebourne?“, hakte sie nach.

„Graham Hill ist sein Geburtsrecht“, knurrte er widerwillig.

Sie schüttelte den Kopf. „Was für unglaublicher Blödsinn. Es ist dein Geburtsrecht.“

Autor

Eleanor Webster
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Lara Temple
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