Lord Leos skandalöses Angebot

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Sie soll Lord Leos Geliebte werden? Ein schockierendes Angebot! Doch der jungen Prue bleibt keine andere Wahl. Nach einem Skandal hat ihre Familie sie verstoßen, und das Arrangement mit Leo ist ihre einzige Möglichkeit, an das Erbe zu kommen, das ihr zusteht. Außerdem ist der Lord dafür bekannt, dass seine Liebschaften stets nach vier Monaten beendet sind. Genug Zeit für Prue, ihr Ziel zu erreichen und sich dann höflich von ihrem Liebhaber zu verabschieden – wenn ihr Herz nicht bei jedem Kuss von Leo so verräterisch beben würde …


  • Erscheinungstag 30.12.2023
  • Bandnummer 157
  • ISBN / Artikelnummer 0840230157
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Vivienne Lorret

Bestsellerautorin Vivienne Lorret liebt Liebesromane, ihren pinkfarbenen Laptop, ihren Ehemann und ihre beiden Teenagersöhne (nicht zwingend in genau dieser Reihenfolge …). Sie beherrscht die Kunst, unzählige Tassen Tee in Wörter zu verwandeln, und hat sich mittlerweile mit zahlreichen wunderbaren Regency-Romances in die Herzen ihrer Leserinnen und Leser geschrieben.

1. KAPITEL

Einen Monat zuvor

Wenn die Kutsche noch ein bisschen langsamer fahren würde, könnten sie in der Zeit zurückreisen.

Leo Ramsgate, Marquess of Savage, ließ leise fluchend seine Taschenuhr zuschnappen und klopfte ans Verdeck. „Was gibt es, Rogers?“

„Schafe, Mylord.“

Ah, dachte er mit einem müßigen Blick durchs regengesprenkelte Fenster auf die grünen Hügel von Wiltshire. Auch das noch. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, welcher Teufel ihn geritten hatte, seine Verflossene nach Bath zu begleiten. Normalerweise war am Ende seiner Affären Schluss, ohne Wenn und Aber. Aber hier saß er nun. Im Regen, inmitten blökender Schafe, und wartete darauf, dass es weiterging.

Als sie schließlich ganz zum Stehen kamen, erklang ihm gegenüber ein melodramatisches Seufzen. „Werde ich leicht zu vergessen sein, Savage? Nein, spar dir die Antwort. Du würdest bloß wieder etwas Kaltes und Herzloses sagen, damit ich mich schuldig fühlte für das vorzeitige Ende unserer Affäre. Du hingegen hast bislang keinerlei Verantwortung dafür übernommen, mich in die Arme eines anderen getrieben zu haben.“

Zum jetzigen Punkt ihrer Reise hatte es für Lady Chastaine lediglich zwei Gesprächsthemen gegeben – das Wetter und dieses dumme Missverständnis, wie sie es nannte. Wenn sie nicht gerade dem Regen grollte, ihre rotbraunen Locken zu krausen, oder dem trüben Tageslicht, das dem Teint so wenig zuträglich sei, stritt sie vehement ihre Untreue ab und wies jede Schuld an dem Bruch zwischen ihnen von sich. Wären ihre Entschuldigungen ein totes Pferd gewesen, hätte sie ihm nicht bloß weiter die Peitsche gegeben, sondern es auch noch genüsslich ausgeweidet und in jenen Untiefen vergraben, aus denen es kein Zurück mehr gab.

Er erwiderte ihren Blick mit jener Gleichmut, die er über die Jahre perfektioniert hatte. „Bin ich wirklich so kalt und grausam?“

„Und wie“, schmollte sie.

Er rief erneut Rogers an. „Tut sich was da draußen?“

„Es scheint, als …“ Die Worte des Kutschers gingen unter in aufgeregtem Hundegebell, panischem Blöken und dem blechernen Bimmeln der Weideglöcklein.

Leo öffnete den Schlag und streckte den Kopf in den fisseligen Regen, um sich selbst ein Bild der Lage zu machen. Leider bekam er von seiner Warte nur eine Herde dreckiger Schafshintern zu sehen.

„Aber sei versichert“, fuhr Phoebe fort, „dass ich nicht eifersüchtig sein werde auf meine Nachfolgerin. Dazu ist mein Selbstbewusstsein viel zu groß.“

„Das hört man gern.“

„Außerdem müsste ich dazu der Illusion erliegen, du könntest für all die Frauen, die du dir als Mätressen hältst, ernsthaft etwas empfinden. Wir wissen beide, dass dem nicht so ist. Du bist dazu überhaupt nicht in der Lage.“

„Schimpfen wir mich nun wieder herzlos?“, fragte er mit einem flüchtigen Blick über die Schulter.

Sie schürzte die Lippen. „Haben wir das jemals nicht getan?“

Ein Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. Phoebes spitze Zunge, der ihr eigene Zynismus, würden ihm fehlen. Sie konnte mit einem Mann aus fünfzig Metern Entfernung kurzen Prozess machen. Von den aufreizenderen Freuden, die ihre Zunge zu bereiten vermochte, ganz zu schweigen. Nein, es würde nicht leicht sein, sie zu vergessen. Dennoch würde er sie sich aus dem Kopf schlagen, wie er es bislang noch mit jeder seiner Affären gehalten hatte.

Das einzige Problem sah er darin, wie er dem gähnenden Abgrund entkommen sollte, der sich in der Zwischenzeit vor ihm auftat.

Leo hatte sich nie mit den Ungewissheiten des Lebens leichtgetan, dem Ende von etwas, ehe etwas Neues begonnen hatte. Lieber wäre es ihm, wenn er schon wieder in London wäre und sich nach einer neuen Mätresse umtun könnte. Stattdessen saß er in der Falle der Provinz fest.

Mit einem unduldsamen Laut in der Kehle rief er erneut den Kutscher an. „Was haben Sie gesagt, Rogers?“

„Eine Frau, Mylord. Zu Fuß. Der Hund will sie nicht vorbeilassen. Oh, und jetzt hat er sich noch ihre Tasche geschnappt.“ Rogers lachte, sichtlich amüsiert von dem Spektakel. „Ein richtiges Tauziehen, was die beiden da aufführen.“

Herrje. Jetzt musste Leo doch aussteigen und sich diesen Unsinn mit eigenen Augen ansehen. Wäre schon nichts gewonnen dadurch, käme er doch wenigstens auf andere Gedanken.

„Und, hast du?“, fragte ihn Phoebe, als er den Tritt hinunterstieg und seine Stiefel laut schmatzend im Matsch versanken. „Meine Nachfolgerin ausgewählt, meine ich.“

Er gab ein unverbindliches Murren von sich, das sie deuten konnte, wie sie wollte.

Bislang hatte er noch keine abschließende Entscheidung getroffen. Jede Woche erreichten ihn ein Dutzend parfümierter Anfragen per Post, bisweilen von Frauen, die weit fort in fernen Landen lebten und lediglich seine Reputation kannten. Auf Bällen und Soiréen wurden ihm Avancen gemacht, skandalöse Versprechen ins Ohr geflüstert und Visitenkarten und zärtliche Billets zugesteckt. Es war letztlich an ihm, eine der Damen auszuwählen, die nächsten Monate seine Begleiterin zu werden.

„Nicht, dass es mich interessieren würde“, stellte sie klar und rutschte mit raschelnden Röcken vor, um einen Blick über seine Schulter zu werfen. „Aber sag bitte nicht, dass es Millie Sutton wird.“

Abwesend zog er die Manschetten seines grünen Rocks zurecht und schaute hinüber zu dem Knäuel schmutzig-weißer Schafe und dem barfüßigen Hirtenjungen. „Nein?“

„Definitiv nein.“ Sie schnaubte. „Hast du mal ihre Lache gehört? Sie kann einem den letzten Nerv rauben. Und wie clever sie sich vorkommt, mit ihren Fächerspielchen. Jemand sollte ihr mal sagen, dass dieses Geflatter sie wie einen trunkenen Papageien wirken lässt. Und ständig das Gejammer, der alte Earl habe sie nicht ausreichend in seinem Testament bedacht. Angeblich soll sie sich bereits sieben neue Kleider bestellt haben in Erwartung deiner Offerte. Du würdest für alles zahlen, hat sie ihrer Schneiderin gesagt. Wenn du ihr freie Hand lässt, bist du binnen eines Monats ein armer Mann.“

„Ich dachte, es würde dich nicht interessieren.“

In Wahrheit hatte er schon immer gewusst, dass sein Erfolg bei den Frauen sich rein oberflächlichen Reizen verdankte. Die Frauen mochten seine äußere Erscheinung, sein Talent als Liebhaber und natürlich sein Geld. Doch das störte ihn nicht.

Am Ende kam es darauf auch nicht an. Er behielt keine seiner Geliebten länger als vier Monate. Danach fühlte es sich immer zu … dauerhaft an. Zu beengend. Eine längere Affäre weckte nur Erwartungen, sie war wie ein Kartenhaus, das mit immer größerer Wahrscheinlichkeit, enttäuscht und betrogen zu werden, über kurz oder lang in sich zusammenfallen würde. Wie seine jüngste Verflossene ihm freundlicherweise wieder einmal ins Bewusstsein gerufen hatte.

Ein am Wiesenhang auftauchender Hirtenhund riss ihn aus seinen Gedanken. Das noch junge Tier tollte vorbei wie ein wogendes Fellknäuel, graue Zotteln mit schwarzen Spitzen. Im Maul trug es stolz einen schon ziemlich mitgenommen aussehenden Lederkoffer, blieb immer wieder stehen und linste durch die dichten Stirnfransen hinter sich, wedelte freudig mit dem Schwanz, als eine schemenhafte Gestalt durch den diesigen Regen auftauchte.

In dem Moment sah auch Leo die Frau.

Mit leichten Schritten kam sie dem Hund hinterhergesprungen, um die Schultern einen grauen Mantel, der ihr völlig durchnässt am gertenschlanken Leib klebte. In der Eile der Verfolgung war ihr die Kapuze vom Kopf gerutscht und ließ blonde Flechten sehen, so hell wie frischer Rahm. Einzelne Strähnen hatten sich aus den Schildpattkämmen gelöst und hingen ihr feucht ins Gesicht. Doch sie ließ sich davon nicht abbringen. Ihre Konzentration war allein auf den Hund gerichtet.

Als sie ihn fast erreicht hatte, schoss das Tier zur Seite und rannte vor ihr auf und ab. Für den Hund war es ganz offensichtlich ein Spiel. Die junge Frau blieb stehen, legte die schmalen Hände an die Hüften und nahm den Dieb mit ruhiger Entschlossenheit ins Visier. Nach kurzer Überlegung beugte sie sich vor und klopfte sich auf die Schenkel, spitzte die rosigen, fein geschwungenen Lippen und rief ihn zu sich.

Leo ertappte sich dabei, wie er einen Schritt auf sie zu machte.

Die Bewegung musste sie auf ihn aufmerksam gemacht haben. Ihr Kopf schoss zu ihm herum und ein Augenpaar so blau wie Gewitterwolken richtete sich auf ihn. Von sandfarbenen Wimpern gerahmt, zierten sie ein herzförmiges Gesicht, das, von feinem Regen benetzt, wie Diamanten schimmerte im diesigen Licht.

Er konnte den Blick nicht abwenden. Die kurz geschorenen, golden schimmernden Härchen in seinem Nacken richteten sich auf, sein Körper spannte sich unter dem feinen Zwirn. Und als sie sich wieder aufrichtete, musterte er unverhohlen ihre schlanke Gestalt, den sanften Schwung weiblicher Formen, die unter ihren durchnässten Kleidern zu erkennen waren.

Als ihre Blicke sich wieder trafen, war der ihre recht kühl. Eindeutig eine Warnung, ihr nicht zu nahe zu kommen. Und da er sich selbst nicht erklären konnte, warum er überhaupt einen Schritt in ihre Richtung gemacht hatte – denn als Retter wollte er sich nicht aufspielen, hatte es nie gewollt –, nickte er ihr lediglich zu und grub seine Stiefel tiefer in den weichen Wiesengrund.

„Selbst sie wäre noch besser für dich als Millie Sutton“, bemerkte nun Phoebe hinter ihm.

„Eine widerspenstige Landpomeranze?“, fragte er, ohne sich umzudrehen. „Wohl kaum.“

„Oh, sie ist eine von uns“, erwiderte Phoebe zu seiner Überraschung. „Ich bin mit ihrer Stiefmutter bekannt, Lady Whitcombe. Die Viscountess und ich waren zusammen im Pensionat.“

„Wie schön für dich, meine Liebe. Ich hoffe, ihr kamt beide auf eure Kosten.“

Phoebe überhörte die Anzüglichkeit. „Wenn man den Gerüchten glauben darf – und du weißt, dass an den delikaten immer etwas dran ist –, wurde diese junge Dame dort voriges Jahr auf einer Soirée in recht kompromittierender Situation ertappt. Näheres weiß ich leider nicht, aber der Gentleman hat sie ganz offensichtlich nicht geheiratet. Das arme Ding, ihr Ruf ist natürlich dahin. Lord Whitcombe hat einen Sitz im Parlament und sie ohne mit der Wimper zu zucken aufs Land verbannt.“

„Nichts gibt einem doch einen besseren Start ins Leben als die liebevolle Fürsorge des eigenen Vaters“, murmelte Leo.

Seine Laune – ohnehin meist von leiser Verbitterung getragen – war jäh dahin. Niemand wusste besser als er, wie es war, Eltern zu haben, die immerzu nur an sich dachten.

Was hatte die Tochter eines Peers überhaupt allein hier im Nirgendwo zu suchen? Hatte sie denn keine anderen Verwandten, die sich um sie kümmerten?

Er nahm die Fremde genauer ins Visier, während sie versuchte, wieder an ihre Sachen zu gelangen. Ihm entging weder der ausgefranste Saum ihres Mantels noch das verblichene Blau des Kleides, das einmal bessere Tage gesehen hatte. Doch selbst in abgetragenem Musselin hielt sie sich mit Noblesse. Sie trug den Kopf hoch auf dem schlanken Hals und schnippte anmutig mit den Fingern, um den Hund bei Fuß zu rufen.

Und das Tier gehorchte tatsächlich. Zumindest kam er nun zu ihr gelaufen, dachte aber gar nicht daran, sich zu setzen.

Ausgelassen sprang er an ihr hoch, die riesigen Pfoten auf ihren Schultern, und wedelte fröhlich mit dem Schwanz. Da er deutlich schwerer war als sie, geriet sie unter diesem Ansturm ins Wanken und fiel mit einem satten Platsch hintüber in den Dreck.

Nachdem sie ihrem Unmut mit einem Schnauben Luft gemacht hatte, versuchte sie, sich so sittsam wie möglich aus der misslichen Lage zu befreien. Doch sowie sie aufstand und ihre Röcke ausschüttelte, ging der Hund mit einem freudigen Bellen erneut auf sie los.

Für den hünenhaften Welpen war es einfach bloß ein Spiel, das so bald auch nicht enden würde, hatte der Schäfer doch genug damit zu tun, seine verirrten Schäflein wieder einzuhegen. Und so beschloss Leo einzugreifen.

Daumen und Mittelfinger an die Lippen gelegt, stieß er einen gellenden Pfiff aus. Sofort drehte der Hund sich nach ihm um und spitzte die Ohren, die wie kleine Fontänen aus dem zottigen Fell schauten. Dann kam er gehorsam angetrabt, setzte sich und ließ den kleinen Reisekoffer zu Leos Füßen fallen.

Nun noch etwas derangierter als zuvor, strich die junge Frau ihre Kleider glatt, als trage sie ein Krönungsgewand statt des alten Mantels am Leib. Als sie zu ihm herüberkam, hörte er sie unwirsch murren: „Hätten Sie das nicht eher tun können?“

Er musste sich ein Grinsen verkneifen und reichte ihr den Koffer. „Hier“, sagte er, „das müsste Ihrer sein.“ Und in genau dem Moment riss an einem Ende der Griff und das Gepäck drohte erneut in den Dreck zu fallen.

Mit einem entnervten Stöhnen streckte sie beide Hände danach aus und gab sich große Mühe, die seinen nur ja nicht zu berühren. „Haben Sie vielen Dank für Ihre Hilfe.“

„Stets zu Ihren Diensten“, erwiderte er und sah mit Freude, wie diese stürmischen Augen sich leicht verengten.

Phoebe klopfte ihm auf die Schulter und schob ihn dann beiseite. „Miss Thorogood, welch freudige Überraschung, Ihnen hier zu begegnen. Wir haben uns ewig nicht gesehen.“

„Oh, Lady Chastaine. Wie überaus … ah, aufmerksam von Ihnen, sich an mich zu erinnern“, erwiderte die junge Frau höflich. Doch ihre zögerliche Haltung ließ erkennen, dass die Begegnung ihr unangenehm war. „Wenn Sie mich entschuldigen würden, leider bin ich etwas in Eile und zudem nicht gerade in Form für Höflichkeitsbesuche.“

„Oh, kennen wir das nicht alle, Liebes? Werfen wir uns in Schale, bemerkt es niemand. Aber haben wir einen schlechten Tag, läuft einem Gott und die Welt über den Weg“, schnurrte seine Begleiterin. „Sicher können Sie noch einen Moment erübrigen, während wir darauf warten, dass die Schäflein weiterziehen. Es sei denn natürlich, es wäre unter Ihrer Würde, sich mit einer gefallenen Frau wie mir und ihrem einstigen Gönner abzugeben.“

Miss Thorogood straffte die Schultern und ihr Mund wurde schmal. „Aus meinem Aufzug dürfte ersichtlich sein, dass es um meine Würde nicht zum Besten bestellt ist. Sie bitten mich vermutlich aus reiner Sensationslust zu sich und deshalb muss ich Ihre Einladung leider ausschlagen. Haben Sie dennoch vielen Dank, Mylady.“

Die junge Frau war nicht auf den Kopf gefallen, so viel war klar. Und aus Gründen, die er sich selbst nicht erklären konnte, nötigte ihre kühle Selbstbeherrschung ihm Respekt ab.

Als sie sich schon zum Gehen wandte, versuchte Lady Chastaine sie aufzuhalten. „Beruhigen Sie sich, meine Liebe. Ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten.“ Anscheinend lag genug aufrichtiges Bedauern in ihrer Stimme, um die junge Frau innehalten zu lassen. „Bitte bleiben Sie einen Moment. Ich verspreche Ihnen, meine Neugier zu zügeln. Ihre Gesellschaft wäre uns sehr willkommen. Mehr als willkommen sogar, nachdem Savage und ich uns soeben von den Artigkeiten verabschiedet haben. Den Marquess kennen Sie ja sicher. Nein? Nun, dann kennen Sie ihn jetzt.“

„Lord Savage.“ Miss Thorogood machte einen artigen Knicks. Keine Spur von Erröten oder eines süßlichen Lächelns, wie er es von jungen Damen gewohnt war, die ihm vorgestellt wurden. Sie erwiderte seinen Blick so ruhig, als habe sie schon hundert Jahre hinter sich und sei durch nichts mehr zu erschüttern.

Der unverbesserliche Wüstling in Leo war versucht, nach ihrer Hand zu greifen und sie an seine Lippen zu führen, einfach nur um ihrer Reaktion willen. Doch er widerstand diesem niederen Impuls und verneigte sich knapp. „Sehr erfreut.“

„Nachdem wir das hinter uns gebracht haben, bestehe ich darauf, dass wir Ihnen helfen, soweit es uns möglich ist“, sagte Lady Chastaine mit jener Halsstarrigkeit, die er einst so anziehend gefunden hatte. „Es muss wirklich etwas sehr Wichtiges sein, dass Sie sich deswegen bei diesem Wetter hinauswagen – und das noch zu Fuß. Wohin wollen Sie denn?“

„Mir scheint, die Neugier geht nun doch mit Ihnen durch, Mylady“, erwiderte darauf Miss Thorogood, doch sie sagte es ohne Tadel. Stattdessen entrang sich ihr ein resignierter Seufzer, als der hechelnde Hund plötzlich ihre Hand ableckte, bevor er sich Leo zu Füßen warf. „Aber wenn Sie es unbedingt wissen wollen, ich gedenke die Postkutsche nach London zu nehmen.“

„Aber das ist wunderbar, meine Liebe! Die demimonde wird Sie mit offenen Armen empfangen.“

„Eigentlich hatte ich …“

„Wenn Sie London im Sturm erobern wollen“, fiel Phoebe ihr ins Wort, „werden Sie allerdings einen Begleiter von Rang und Namen brauchen. Und ich wüsste da zufällig jemanden, der dafür zu haben wäre. Er ist unverschämt reich und ausgesprochen großzügig – und damit meine ich nicht bloß seine Geschenke, sondern auch das, was die Natur ihm gegeben hat“, setzte sie mit einem anzüglichen Blick auf Leo nach. „Nett anzusehen ist er auch. Eigentlich hat Savage nur einen einzigen Makel.“

„Und der wäre?“, fragte er teilnahmslos. Wie ein Schauspieler in einem Stück, das schon zu oft im Haymarket auf der Bühne war, kannte er seine Zeilen ebenso gut wie Lady Chastaines.

Wie aufs Stichwort brach die Sonne durch die Wolken und setzte Phoebes Schmollmund in Szene. „Er hat einfach kein Herz.“

„Daran tut er nur gut“, fand Miss Thorogood und musterte ihn so aufmerksam, dass ihr eine steile Falte zwischen den Brauen stand.

Doch sowie ihre Blicke sich trafen, sah sie wieder beiseite – was er schade fand, denn er wüsste zu gern, was sie dachte. Er mochte auch den Klang ihrer Stimme, die angenehm melodisch war und deren Reichtum sich erst beim Zuhören langsam erschloss. Fein gewebt, dachte er, wie Seide. Kühl und glatt bei der ersten Berührung, dann warm und wohltuend auf der Haut.

„Damit, meine Liebe, wären Sie geradezu prädestiniert, die nächste Frau an Savages Seite zu werden“, gab Phoebe sich begeistert. „Nicht nur sind Sie schön – und er hat ein Faible für schöne Dinge –, sondern würden auch das Niveau der Demimonde ein wenig heben. Oh doch, dessen bin ich mir ganz sicher.“ Sie streckte ihr die Hand entgegen. „Kommen Sie, Miss Thorogood, steigen Sie ein, damit wir uns in Ruhe unterhalten können. Savage wird mich erst noch nach Bath begleiten und dann zurück nach London fahren.“

Der Hund bellte, als sei er einverstanden. Und auch wenn der Plan nicht von ihm stammte, wartete Leo nun doch gespannt auf Miss Thorogoods Antwort. Schafgeblök und Glockenläuten waren vergessen, seine Aufmerksamkeit ruhte allein auf ihr.

Doch während die Sekunden verstrichen – zwei, drei, vier –, meinte er etwas wahrzunehmen, das unter ihrer beherrschten Oberfläche verborgen war. Es zeigte sich ihm im Senken der Lider, der krampfhaften Schluckbewegung ihres Halses über der angelaufenen Spange, die ihren Mantel zusammenhielt. Er witterte eine gewisse Unschuld und Verletzlichkeit.

Beides ging seiner Erfahrung nach mit Schwäche einher. Und er hatte gelernt, sich von schwachen, zerbrechlichen Frauen fernzuhalten.

Er bevorzugte einen bestimmten Typ: erfahren, abgeklärt, selbstbezogen. Auf komplizierte Gefühlsanwandlungen konnte er verzichten, sie erschwerten die Sache nur unnötig.

Weshalb er denn auch froh war, als sie einen Schritt zurückwich und sagte: „Ich habe nicht vor, irgendetwas im Sturm zu erobern – weder London noch die Demimonde.“

„Dann verstehe ich nicht, was Sie dort wollen“, sagte Phoebe. „Nach dem Skandal letzten Sommer sind Sie ruiniert.“

Miss Thorogood straffte sich und hielt den gerissenen Griff ihres Koffers so fest, dass ihre Knöchel weiß durch den trocknenden Matsch auf ihren Händen hervortraten. Leo nahm ganz zu Recht an, dass sie es auch unter ihrer Würde fand, darauf zu antworten.

Umso besser für sie, fand er. Und dennoch … hätte es ihn ebenfalls interessiert. Was erhoffte sie sich davon, an den Ort ihres Verderbens zurückzukehren? Was glaubte sie denn, würde die in Ungnade gefallene Tochter eines Peers in der feinen Gesellschaft erwarten?

Als Miss Thorogood sich einfach auf dem Absatz umdrehte, nahm er an, die Antwort darauf wohl niemals zu erfahren.

Doch dann hielt sie inne. „Ich werde mir zurückholen, was mir genommen wurde. Es wird ein wahrer Raubzug.“ Sprach’s und zog davon wie eine Königin in die Schlacht.

Leo schaute ihr mit einem faszinierten Lächeln auf den Lippen nach. Dabei kraulte er dem zotteligen Vierbeiner den Kopf und murmelte Guter Junge.

2. KAPITEL

Prudence Thorogood wusste, dass es kein Zurück gab. Was geschehen war, ließ sich nicht mehr ändern.

Sie konnte nur vorausblicken und an ihre Zukunft denken.

Deshalb machte sie sich am nächsten Morgen auch wieder erhobenen Hauptes auf den Weg und marschierte die unbefestigte Fahrstraße gen London entlang. Wenn es sein musste, würde sie den ganzen Weg zu Fuß gehen. Es war immer noch besser, als mit Gestalten wie jenem Nichtsnutz eben in der Postkutsche zu reisen, der wohl glaubte, eine Frau ohne Begleitung würde seine Pranken auf ihrem Bein und seinen lüsternen Blick auf ihrem Busen gutheißen.

Dem hatte sie es aber gezeigt. Die Hand schmerzte ihr noch immer von dem Hieb, den sie ihm verpasst hatte.

Immerhin hatte sie es schon über die idyllischen Berkshire Downs geschafft. Wenngleich sie ihrer bescheidenen Meinung nach den falschen Namen trugen, denn abwärts ging es reichlich wenig, dafür gefühlt ständig bergauf, weshalb die Berkshire Downs besser Berkshire Ups heißen sollten.

Als sie auf einer der Anhöhen stehenblieb, um kurz zu verschnaufen und den Blick über die Landschaft schweifen zu lassen, zogen sich über ihr graue Wolken zusammen und gaben ihr ein weiteres Hindernis mit auf den Weg: Regen – und das nicht zu knapp.

Na, prima.

Aber dann würde sie eben nass bis auf die Haut, was machte es schon. Es war ja nur Wasser, und sollte sie sich davon aufhalten lassen? Ihr würde niemand mehr in die Quere kommen und sich zwischen sie und ihre Träume stellen – weder das Wetter noch irgendwelche Männer. Diese Lektion hatte sie im Laufe des letzten Jahres auf die harte Tour lernen dürfen.

Sie hatte sich zum Narren halten lassen, den Lügen eines Schufts geglaubt. Aber das würde ihr nicht noch mal passieren.

Ruiniert mochte sie sein, aber sie würde sich ihren Platz im Leben zurückerobern. Nicht das Leben von vor einem Jahr, das war unwiderruflich dahin, aber dafür würde sie es jetzt allein schaffen.

Jetzt war sie es, die über ihr Leben bestimmte. Nicht ihr missgünstiger Vater und die Stiefmutter. Auch nicht die bigotte Tante und der Onkel. Und ganz sicher nicht der verlogene Schuft, der sie ruiniert hatte.

„Allein bin ich sowieso viel besser dran“, verkündete sie, hielt den notdürftig geflickten Griff ihres Koffers fester und versuchte sich einzureden, dass es ihr überhaupt nichts ausmachte, stundenlang über Land zu laufen, und sie noch überhaupt nicht erschöpft war. „Ich brauche niemanden und … Au!“

Jäh blieb sie stehen, ein spitzer Schmerz bohrte sich in den Ballen ihres Zehs. Sie hob den Fuß und hopste auf einem Bein, ihre Röcke raffend, an einer riesigen Pfütze vorbei an den Straßenrand, wo sie sich auf der grünen Böschung niederließ.

Natürlich muss ich jetzt auch noch in einen Stein treten, dachte sie missmutig. Und was für einer! Ein richtiger Goliath, der sich in die ohnehin schon gerissene Ledersohle ihrer Schnürstiefel gegraben hatte.

„Zum Henker damit“, murmelte sie und zerrte an den völlig verdreckten Schnürbändern. Sie wünschte, farbenfroher fluchen zu können. Das wären doch mal wichtige Lektionen auf der Töchterschule gewesen, statt sich immer nur darauf vorzubereiten, eine formvollendete Debütantin zu werden und eine perfekte Gastgeberin für ihren künftigen Gatten. Ha, formvollendet und perfekt – dass sie nicht lachte!

Perfektion war für sie in nebulöse Fernen gerückt. Wobei sie noch nie Geschick dafür gehabt hatte. Sosehr sie sich auch immer bemühte, es wollte ihr einfach nicht gelingen.

Was sie dann letztlich hierhergeführt hatte, an diesen absoluten Tiefpunkt ihres Lebens.

Wenn ihre verdrießliche Tante Thorley sie jetzt sehen könnte, würde sie vermutlich zu einer ihrer langen Litaneien ansetzen. Tz, tz, Prudence. Ich bin sehr enttäuscht von deinem Verhalten und noch enttäuschter von deinem liederlichen Aufzug. Du hast einmal mehr bewiesen, welcher Makel du für den guten Namen deines Vaters bist.

Prue verachtete sich selbst dafür, dass sie sich von dieser Frau derart hatte einschüchtern lassen.

Aber damit war es jetzt vorbei.

Das war die alte Prue.

Die alte Prue hätte angesichts so vieler Hindernisse längst aufgegeben. Sie hätte geglaubt, dass ihr nichts Besseres zustehe, und sich in ihr Schicksal gefügt, statt mutig voranzuschreiten. Letztlich wäre ihr ein sehr tristes, freudloses Leben beschieden gewesen.

Aber die neue Prue würde sich nicht damit begnügen, sie wollte mehr – ob es ihr nun zustand oder nicht. Die neue Prue war furchtlos und unerschrocken, denn sie hatte sowieso nichts mehr zu verlieren. Sie würde selbst über ihr Leben bestimmen – sie allein. Nichts war mehr unmöglich, das Wort unmöglich war aus ihrem Wortschatz getilgt. Und den Hindernissen, die sich ihr beständig in den Weg stellten, lachte sie laut ins Gesicht. „Ha!“

Sie zog ihr Taschentuch aus dem Ärmel und schüttelte es mit finsterem Blick dem formlos grauen Himmel entgegen, wo die Schicksalsgöttinnen sich vermutlich an ihrem Unglück weideten. „So ein Schotterstein kann mir nichts anhaben! Nichts wird mich aufhalten, und wenn ich auf einem Bein durch Matsch und Regen nach London hüpfen müsste. Das Tal der Tränen habe ich längst durchschritten, jetzt könnt ihr mir nichts mehr anhaben!“

Ein Blitz zuckte am hügeligen Horizont, der Donnerschlag ließ nicht lang auf sich warten.

Die neue Prue ließ den Arm sinken.

Vielleicht war es doch keine gute Idee, das Schicksal herauszufordern. Und wenn sie sich vorstellte, was ihr noch alles zustoßen könnte, schlug ihr das Herz bis zum Hals. So laut und heftig, dass sie es vom Scheitel bis zur Sohle spürte, ihr ganzer Körper bebte davon, als …

Da hörte sie plötzlich ein Gespann hinter sich heranrollen. Sie fuhr herum und sah, dass es nicht ihr Herz war, das so rasch galoppierte, sondern die vor eine schwarze Kutsche gespannten Pferde.

In heller Panik sprang sie auf, gerade noch rechtzeitig, um es vorbeizulassen.

Leider jedoch zu spät, um der Sturzflut zu entgehen, die sich über sie ergoss, als eines der Räder durch die von ihr so sorgsam umgangene Pfütze zischte.

Bevor sie sich in Sicherheit bringen konnte, wurde sie von den braunen Fluten getroffen, die geradezu aus den Tiefen des Hades zu kommen schienen.

Sie erstarrte. Wie eine auf der Flucht gebannte Statue stand sie da, die Arme von sich gestreckt und … Du liebe Güte, was war das für ein furchtbarer Gestank?

Ihre Nase krauste sich, als die offensichtliche Antwort auf ihre Frage langsam durch ihre Kleider sickerte.

Schlimmer konnte der Tag eigentlich nur noch werden, wenn es Zeugen gäbe für ihre Schmach.

Und da hörte sie hinter sich schon den Kutscher die Pferde anrufen und das Donnern der Hufe auslaufen, dann verstummen. Sie riskierte einen vorsichtigen Blick über die Schulter.

Der Schlag flog auf, und als sie sah, wer ausstieg, konnte kein Zweifel mehr daran sein, dass das Schicksal sich einen Spaß mit ihr erlaubte. Es war Lord Savage!

Wunderbar, wirklich. Ganz wunderbar.

Der Marquess ließ sich nicht von Matsch noch Regen schrecken und hielt mit langen Schritten auf sie zu, dass das Wasser nur so spritzte unter seinen schwarzpolierten Stiefeln. Sie sah das Spiel seiner harten, muskulösen Schenkel in den hirschledernen Breeches, seine Rockschöße flatterten hinter ihm her und ließen seine stattliche Statur und den schlanken Oberkörper in rotbrauner Weste sehen. Und auch wenn er keinen Hut trug, tat das seiner Erscheinung doch keinen Abbruch. Seine goldene Mähne färbte sich im Regen zu einem matten Bronzeton, der das Grün seiner Augen nur noch besser zur Geltung brachte.

Er sah aus, als käme er gerade frisch vom Schneider oder habe für sein Porträt gesessen.

Sie hingegen sah aus wie ein begossener Pudel. Was im Vergleich zu gestern nur eine geringfügige Verschlimmerung war. Und wenn sie an diese Begegnung zurückdachte, wurde sie gleich wieder wütend auf ihn.

„Herrje, hätte er den Wagen nicht vor der Pfütze anhalten können?“, murrte sie vor sich hin.

Als sie sich die nasse Kapuze vom Kopf zog, spürte sie, wie etwas, über dessen Beschaffenheit sie lieber nicht genauer nachdenken wollte, sich aus dem Stoff löste und ihr platschend vor die Füße fiel.

„Miss Thorogood, was zum Teufel haben Sie hier draußen verloren?“

Wie er sie so anblaffte und die hellen Brauen zusammenzog, straffte sie sofort die Schultern. Er brauchte sie gar nicht so anzusehen, mit finsterem Blick und von oben herab.

„Ich wüsste nicht, was meine Art des Reisens Sie anginge, Mylord. Oder muss ich Sie daran erinnern, dass wir einander kaum kennen?“

„Sie meinten, Sie wollten die Postkutsche nehmen“, ging er über ihren Einwand hinweg.

Am liebsten wäre sie ihm die Antwort darauf schuldig geblieben. Doch nachdem sie hier im Regen standen wie zwei begossene Pudel – zumindest sie, und wem war das zu verdanken? – und sie schlecht einen großen Abgang über die durchweichten Viehweiden hinlegen konnte, wollte Sie ein Nachsehen mit ihm haben. „Gut, wenn Sie es unbedingt wissen müssen: Die erste Post war voll, ich nahm dann die nächste, doch leider sprang eines der Räder ab. Und als wir für die Dauer der Reparatur aussteigen mussten, wurde ein Landgraf etwas zu liebenswürdig für meinen Geschmack. Es schien mir das kleinere Übel, den Rest des Weges zu Fuß zurückzulegen.“

Zu sehen, wie seine Miene sich immer weiter verdüsterte, brachte sie bloß noch mehr gegen ihn auf. Damit war die Grenze dessen erreicht, was sie sich vom Schicksal und den Männern bieten lassen würde. Genug war genug! Und wenn er sich jetzt noch einmal zu einem Tadel versteigen würde, wäre es um den letzten Rest ihrer Geduld geschehen und sie würde mit dem Koffer auf ihn eindreschen.

„Hat er …“, stieß er zwischen den Zähnen hervor, ein Knurren tief aus der Kehle, „… Ihnen etwas getan?“

Prue lockerte ihren Griff um das lädierte Gepäck und fand sich etwas überrascht von seinem Ton. Er klang überhaupt nicht mehr wie der gelangweilte, verwöhnte Aristokrat, dem sie gestern begegnet war. Fast konnte man meinen, er sei … besorgt. Um sie.

Ein törichter Gedanke, den sie sich sofort wieder aus dem Kopf schlug. Weshalb sollte er sich ihretwegen sorgen? Nicht nur, dass sie einander kaum kannten, würde ein Wüstling seines Kalibers sich kaum durch solchen Großmut hervortun. Oh, denn natürlich hatte sie von ihm gehört. Sie wusste, dass er eine Affäre nach der anderen hatte und sich der Frauen nach kurzer Zeit wieder mit solcher Nonchalance entledigte, dass ihm Wohl und Wehe des schönen Geschlechts nicht sonderlich am Herzen liegen konnte.

Gleichwohl entging ihr nicht, wie sein Hals sich zusammenzog über dem frisch gestärkten Krawattentuch, sie sah die Anspannung seiner breiten Schultern unterm feinen Zwirn und die hervortretenden Adern seiner geballten Hände. Er schien auf ihre Antwort zu warten.

„Nur meine Zehen schmerzen noch etwas von dem Tritt, den ich ihm verpasst habe“, erwiderte sie. „Dabei muss auch die Sohle eines meiner Stiefel entzweigegangen sein.“

Lord Savage nickte knapp. „Gut. Der Kerl scheint es verdient zu haben.“

Hm. Könnte es sein, dass es auch bei Wüstlingen eine rote Linie gab, die es nicht zu überschreiten galt?

Sie blinzelte verwundert und sah ihn mit ehrlicher Neugier an, wie er sich das feuchte Haar aus der Stirn strich. Bei jedem anderen hätte wenig vorteilhaft sein können, das Gesicht derart ungeschönt zur Geltung zu bringen. Zu hart und streng könnte es wirken oder aber ein schwaches Kinn zu deutlich hervorheben, eine flache Stirn mit wulstigen Brauen oder eine schiefe Nase.

Aber nicht bei ihm. Er hatte, soweit sie es erkennen konnte, keinen solchen Makel. Seine Züge waren scharf geschnitten, doch harmonisch, von der perfekten Wölbung der Stirn bis zur klar umrissenen Kinnpartie. Selbst sein Mund war formvollendet und gerade richtig. Nicht zu breit, aber auch nicht zu …

Sie schüttelte den Kopf und wusste selbst nicht, warum sie ihre Gedanken auf solche Weise hatte schweifen lassen. Was ging es sie an, dass er das Gesicht eines jungen Gottes und breite Schultern hatte? Es änderte nichts daran, dass sie Männer verachtete und sich ganz sicher nicht dazu verleiten lassen würde, ausgerechnet mit diesem nähere Bekanntschaft zu schließen.

Als könne er ihre Gedanken lesen, deutete Lord Savage zum Himmel hinauf. „Da braut sich noch mehr zusammen, wie Sie vermutlich bemerkt haben. Ich würde Ihnen ja anbieten, Sie in meiner Kutsche mitzunehmen – das ist wirklich das Mindeste, was ich tun kann.“

Sie hob die Brauen und warf ihm einen prüfenden Blick zu. „Und zu welchem Preis, Mylord?“

„Gar keiner“, erwiderte er schlicht. „Ich fände es schlechten Stil, die Notlage einer Debütantin auszunutzen. Wegen mir brauchen Sie sich also nicht auch noch den anderen Schuh zu ruinieren.“

Sie schüttelte den Kopf. Ihrer Erfahrung nach waren solche Beweise vermeintlich selbstloser Güte letztlich immer auch eine Demonstration von Macht und öffneten deren Missbrauch Tür und Tor. „Ich nehme keine Almosen an.“

„Das dachte ich mir schon“, seufzte er. „Was halten Sie dann von folgendem Vorschlag: Ich nehme Sie unbehelligt mit nach London und im Gegenzug unterhalten Sie sich mit mir, um mich von der Ödnis meiner eigenen Gedanken abzulenken.“

Ihr Blick ging von ihm zur Kutsche. Ein unerwartetes Gefühl der Sehnsucht stieg von ihren schmerzenden Fußsohlen auf und durchströmte sie bis ins Mark.

Ihr Stolz und ihre Prinzipien gerieten ins Wanken.

„Es ist ein Landauer“, fuhr er im leise lockenden Ton des satanischen Verführers fort. „Gut gefedert und samtweiche Sitze.“

Onkel und Tante Thorley hätten über solche Dekadenz nur die Nase gerümpft. Sie missbilligten jede Form von Luxus oder auch nur Bequemlichkeit und legten in ihrem eigenen Gespann nicht einmal eine Wolldecke über die harte Holzbank.

Prue hingegen konnte sich nichts Herrlicheres vorstellen, als endlich wieder weich zu sitzen. Das letzte Jahr hatte eigentlich nur aus harten Lehnstühlen, nackten Holzdielen und flachen Kissen bestanden. Selbst ihre Matratze war aus unnachgiebigem Rosshaar gewesen. Sie wusste schon fast nicht mehr, wie Samt sich anfühlte.

„Ich bin völlig verdreckt“, brachte sie einen letzten Vorwand an, der ebenso fadenscheinig war wie ihre nassen Strümpfe.

Seine so lebendigen grünen Augen musterten sie eingehend, dann schnalzte er bedauernd mit der Zunge. „Allerdings, das sind Sie. Das geht natürlich nicht. Also dann, viel Glück weiterhin …“

Damit drehte er sich um und ging. Was ihr natürlich gerade recht war, denn sie brauchte niemanden.

Und doch …

Bildete sie sich nicht zu viel auf ihre Reize ein? Ein Mann wie er, ein bekannter und berüchtigter Wüstling, was sollte er schon an ihr finden? Ganz sicher wirkte sie auf ihn weder verlockend noch unwiderstehlich, schon gar nicht in ihrem von dem langen Fußmarsch derangierten Zustand. Das Haar unfrisiert, die Augen matt vor Erschöpfung, völlig durchnässt und nun auch noch von einem Odeur umgeben, dessen Ursprung sie lieber nicht genauer ergründen wollte …

Lord Savage konnte jede haben und machte davon wohl auch regen Gebrauch. Es war also nachgerade lächerlich zu glauben, er könnte etwas von ihr wollen. Zumal es Lady Chastaine gewesen war, die mit dem lachhaften Vorschlag um die Ecke kam, Prue könne „ihre Nachfolgerin“ werden, nicht er.

„Ich bin eine ganz hervorragende Gesprächspartnerin“, rief sie ihm hinterher, bevor sie es sich wieder anders überlegen konnte.

Er blieb stehen. „Was Sie mit den zwei Dutzend Worten, die wir seit unserer ersten Begegnung miteinander gewechselt haben, sehr eindrücklich bewiesen haben. Ich hänge förmlich an Ihren Lippen.“

„Sie haben es doch selbst vorgeschlagen. Eine … unbehelligte Fahrt nach London könnte mich sehr viel gesprächiger machen.“

„Wenn dem so ist …“ Ohne sie anzusehen, bot er ihr seinen Arm und wartete.

Sie nahm all ihren Mut zusammen, ging zu ihm und legte die Hand so leicht in seine Armbeuge, als wolle sie sich von ihm aufs Tanzparkett führen lassen, statt sich dem ungewissen Terrain seiner Kutsche auszusetzen.

Am offenen Schlag blieb dann er stehen und musterte sie schweigend. „Sosehr mir Stallgeruch an einem verregneten Morgen auch behagt, wäre es wohl zu viel verlangt, wenn Sie Ihren Mantel meinem Fahrer anvertrauen?“

Schamesröte stieg ihr in die Wangen. Andererseits brauchte es wohl nun keines weiteren Beweises mehr, dass der Marquess keinerlei Absicht hegte, sie zu verführen.

„Aber sicher“, sagte sie und griff nach dem Verschluss.

Bevor er noch „Wenn Sie gestatten“ gesagt hatte, streckte er auch schon die Hand nach der Schnalle aus, streifte ihr den Mantel von den Schultern und warf ihn dem Fahrer zu.

Von seiner Fingerfertigkeit im Entkleiden doch leicht irritiert, ließ sie den Blick einen Moment zweifelnd auf seiner ihr nun zum Einsteigen gereichten Hand ruhen. „Danke, das schaffe ich schon allein.“

Er neigte den Kopf und ließ den Kutschentritt herab. Damit wäre es ein Leichtes gewesen, in den Wagen zu steigen, hätte nicht die entzweite Sohle ihres Schuhs sich an der Stufe verfangen. Sie geriet kurz ins Straucheln, ehe sie Halt fand an seiner ausgestreckten Hand.

Sein Griff war warm und fest, als er sie sicher ins Wageninnere geleitete. Und erst als sie seine Hand wieder losließ, spürte sie auf einmal den Splitter, den sie sich am Tag zuvor eingerissen hatte.

Prue wagte nicht, in sein Gesicht zu sehen, weil sie den Ausdruck des Missfallens darin ahnte. Sie wusste selbst, wie rau und ungepflegt ihre Hände im Laufe des letzten Jahrs geworden waren. Wahrscheinlich war er Frauen gewohnt, die jeden Tag in parfümierten Essenzen badeten und sich in Samt und Seide hüllten, statt wie sie in zerschlissenem und nun auch völlig verdrecktem Musselin umherzuziehen wie eine Landstreicherin.

Diese Gedanken verstärkten sich noch, als sie sich im Inneren der Kutsche wiederfand. Er war eindeutig Luxus und die schönen Dinge des Lebens gewohnt.

Ein wenig fühlte sie sich von der Opulenz erschlagen, erinnerte das Wageninnere doch mehr an ein Boudoir denn an ein Transportmittel. Aus den neuen Polstern stieg der Geruch von Sandelholz und Ambra auf sowie eine leicht herbe Duftnote, die sie nicht genauer verorten konnte. Ihre Hände sanken in den feinen Samt, als sie sich auf der Kante einer der Bänke niederließ, die weicher waren als jedes Sofa, auf dem sie je gesessen hatte, und zu beiden Seiten von Kissenrollen abgeschlossen wurden. Das Verdeck schimmerte in schwarz plissierter Seide, die zur Mitte fächerförmig zulief. Vor den Fenstern waren die Brokatvorhänge mit silbernen Kordeln zurückgebunden.

Tz, tz, tz, Prudence. Solchen Tand zu bewundern ist eine Sünde.

Tante Thorleys Stimme in ihrem Kopf hatte sicher recht, aber Prue kam dennoch nicht dagegen an. Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch keine prächtigere Kutsche gesehen.

Diese Pracht machte ihr indes den jämmerlichen Zustand ihrer Kleidung nur noch deutlicher bewusst.

Als er nach ihr einstieg und sich ihr gegenüber in den Sitz faltete, strich sie ihre nassen Röcke zurecht und versuchte, ganz artig und aufrecht dazusitzen. Doch als die Kutsche anfuhr, wurde sie von der jähen Bewegung zurück in die weichen Polster gedrückt.

Also setzte sie sich erneut auf und nahm Haltung an, und das nicht nur, um nicht den schönen Samt zu verhunzen, sondern sich in Gegenwart dieses Schufts keine Blöße zu geben. Dieser Fehler, das schwor sie sich, würde ihr nicht noch einmal passieren.

„Sie können es sich ruhig bequem machen, Miss Thorogood. Wir werden etliche Stunden unterwegs sein und hier kümmert es niemanden, wenn Sie sich ein wenig gehen lassen.“

„Es ist nicht meine Art, mich gehen zu lassen, Mylord.“

„Was Sie nicht sagen“, erwiderte er ohne den Hauch von Verwunderung, zückte sein Taschentuch und reichte es ihr. Da er ihren misstrauischen Blick und ihr Zögern bemerkte, setzte er nach: „Seien Sie versichert, dass sich keine unschicklichen Avancen zwischen diesen frisch gestärkten Falten verbergen.“

Mit einem knappen Nicken nahm sie es entgegen und breitete es vorsichtig auseinander, um es nach Möglichkeit nicht zu beschmutzen.

„Ich hoffe, Ihre Kämme zu opfern, hat Ihnen außer dem Fahrtentgelt wenigstens noch eine warme Mahlzeit und ein Bett für die Nacht eingebracht“, bemerkte er beiläufig und lehnte sich wieder zurück.

Sie hielt inne, sich das feuchte Gesicht abzutupfen. Woher wusste er das? Ja, es stimmte – sie hatte ihre Kämme verkauft. Aber ihm würde von ihrer gestrigen Begegnung doch kaum ein so unbedeutendes Detail ihrer Erscheinung in Erinnerung geblieben sein.

„Das haben sie … mehr oder minder“, antwortete sie. „Allerdings kam die Wirtsfrau gerade nieder, als ich kam, und die Küche lag verwaist, da die Köchin sich auch als Hebamme betätigte. Ich bot meine Hilfe an und habe ein bisschen Ordnung gemacht, Wasser gekocht, das Linnen für den Stubenwagen bereitgelegt.“

„Sie haben …“ Er verstummte und wirkte kurz perplex, ehe er wieder seine übliche nonchalante Miene aufsetzte. „Wie patent.“

„Ich weiß, dass derlei für eine Dame von Stand eher ungewöhnlich ist. Aber während des letzten Jahres, das ich bei meiner Tante und meinem Onkel verbrachte, habe ich mir mit Hausarbeit meinen Unterhalt verdient. Und es war wirklich nicht weiter der Rede wert, mich ein wenig nützlich zu machen.“

Als sie ihm das Taschentuch ordentlich zusammengelegt zurückgab, sah sie seinen Blick auf ihre spröden Hände fallen und verbarg sie rasch in den Rockfalten.

„Ihr Onkel und Ihre Tante müssen wirklich sehr sparsame Menschen sein“, spottete er und fuhr sich dann ebenfalls mit dem Tuch übers Gesicht und sein leicht gewelltes Haar. „Ich würde ja auch gern meine Verwandten als Haussklaven einspannen, aber leider habe ich keine. Zumindest keine legitimen.“

Sie straffte die Schultern. „Sie brauchen gar nicht zu spotten. Und Ihr Mitleid können Sie auch behalten.“

„Mitleid suchen Sie bei mir vergebens. Viel eher hätte ich Ihres verdient, denn mir mangelt es nicht nur an einem Neffen, den ich als Hausdiener versklaven könnte, ich habe auch weder Cousins noch Cousinen, die sich um mein Erbe streiten oder mir nach dem Leben trachten könnten, um an eben dieses Erbe zu kommen. Schade eigentlich, oder?“

Darauf erwiderte sie nichts, sondern betrachtete ihn nur schweigend im wechselvoll grauen Licht des Tages. War er wirklich so sehr von sich selbst eingenommen oder versuchte er, ihr mit dieser Art von Scherzen die Befangenheit zu nehmen?

Nicht dass es für sie von Bedeutung wäre. Sowie sie London erreichten, würden ihre Wege sich trennen. Und im Augenblick war sie einfach nur dankbar, im Trockenen zu sitzen und den Rest des Weges nicht zu Fuß zurücklegen zu müssen. Wozu sich unnötige Gedanken über seine Motive und Befindlichkeiten machen? Am Ende entdeckte sie womöglich noch etwas an ihm, das sie sympathisch fände.

Derweil fand sie seinen Blick auf sich gerichtet und sah seine Brauen immer höher wandern, als sei auch er in Spekulationen über sein Gegenüber vertieft. Ihre Vermutung fand sich bestätigt, als er schließlich meinte: „Und in London wollen Sie sich zurückholen, was Ihnen zusteht. Sie sprachen selbst von einem Raubzug. Ich muss sagen, Sie haben sich wirklich sehr originelle Betätigungsfelder ausgesucht.“

„Ich habe nicht vor, es zu meinem Beruf zu machen. Es dürfte keine zwei Wochen dauern, bis ich alles wieder beisammenhabe.“

„Verstehe. Sie haben rein persönliche Motive. Das macht es für mich noch spannender.“ Er sah sie mit einem auffordernden Nicken an. „Worauf warten Sie dann noch? Spannen Sie mich nicht auf die Folter. Wenn Sie Ihren Teil unserer Vereinbarung nicht einhalten, werfe ich Sie aus der Kutsche.“

„So spannend ist es nicht. Es geht um ein paar Erbstücke, die sich seit Generationen in der Familie meiner Mutter befinden. Bis vor Kurzem, zumindest.“

Die schmerzhafte Erinnerung ließ sie aus dem Fenster blicken auf die Laubwälder, die zu beiden Seiten der Straße an ihnen vorbeizogen. Das Echo der Kutschenräder unter dem Blätterdach von Eichen und Eschen zwang sie dazu, lauter zu sprechen, gegen den Kloß anzusprechen, der ihr im Hals saß. „Vor einigen Tagen erhielt ich einen Brief meines Vaters, in dem er mir mitteilte, dass er meiner Stiefmutter freie Hand gelassen habe, alles zu verkaufen, was sie entbehrlich fände. Der Brief – im Übrigen ganz förmlich an mich als Miss Thorogood gerichtet – schloss damit, dass ich von weiteren Besuchen absehen möge, ebenso davon, mich mit ihm in Verbindung zu setzen oder gar um Versöhnung zu bemühen. Eine Stellung, die meinem Stand als ungebundene Frau ohne Familie entspreche, solle ich mir suchen. Und mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.“

Prue versuchte es mit einem Achselzucken abzutun, als sei nichts weiter dabei. Aber ihre Schultern waren wie erstarrt, ihre Bewegungen eckig. Immerhin hatte sie davon erzählen können, ohne dass ihr die Stimme brach. Keine Tränen, kein Gejammere. Einfach nur eine nüchterne Schilderung der Fakten.

Als der Marquess darauf nichts erwiderte, riskierte sie einen Blick hinüber zu ihm.

Auch er hatte das Gesicht zum Fenster gewandt, vorbeiziehende Schatten fielen auf sein Profil. Sein Kinn war scharf geschnitten und so gespannt, dass sie einen Muskel unter der glatt rasierten Haut zucken sah.

Sofort begriff sie ihren Fehler. „Verzeihen Sie, Mylord. Ich langweile Sie hier mit meinen Problemen, statt die anregende Gesprächspartnerin zu sein, die sie sich von unserem Handel erhofft hatten.“

„Ganz im Gegenteil“, erwiderte er geschmeidig. Doch als ihre Blicke sich trafen, waren seine Augen hart, fast ein wenig einschüchternd in ihrer Intensität, wie von innen erleuchtetes grünes Glas. Wenn es Drachen gäbe, dachte sie, hätten sie solche Augen. „Ich mag Ihre Offenheit. Das findet man in unseren Kreisen nicht oft.“

„Dann gestatten Sie mir sicher auch die Bemerkung, dass ich Ihnen das nicht abnehme. Sie wirken sichtlich verstimmt.“

„Finden Sie?“ Er blinzelte überrascht und hob die Brauen.

„Ja.“

„Wie schrecklich durchschaubar von mir“, sinnierte er laut. Dann huschte die Andeutung eines Lächelns um seine Lippen und sein Gesicht nahm wieder den gewohnten Ausdruck an. „Sie lagen mit Ihrer Bemerkung im Übrigen nicht falsch, nur leicht daneben. Mein Verdruss galt nicht Ihnen, sondern der Ungerechtigkeit, die Ihnen widerfahren ist.“

Schuldgefühle grummelten ihr im Bauch und ließen sie den Blick auf ihre rauen Hände senken, die ineinander verschränkt in ihrem Schoß lagen. „Das ist sehr nachsichtig von Ihnen. Allerdings fürchte ich, meine eigenen Verfehlungen noch nicht gestanden zu haben, die diesen Lauf der Dinge überhaupt erst in Gang gebracht haben.“

Sie hatte eigentlich keine Lust, von ihren Fehltritten zu erzählen und dafür verurteilt zu werden. Aber etwas lag in der nachfolgenden Stille, und wohl auch auf ihrem Gewissen, das sie dazu brachte weiterzuerzählen. Vielleicht wollte sie es sich auch einfach bloß von der Seele reden. Am Ende half wohl auch das Wissen, dass es im Grunde gleich war, was sie erzählte, solange er sich nur gut unterhalten fand. Das Ende der Reise wäre auch das Ende ihrer Bekanntschaft, sie wäre bald vergessen, und das gab ihr ein Gefühl von Sicherheit.

Dennoch fiel es ihr nicht leicht, Lord Savage zu gestehen, dass sie sich an einem lauen Frühlingsabend vor etwas über einem Jahr von ihren Gefühlen hatte hinreißen lassen. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, hatte es sich bei ihrem Verführer um jenen Herrn gehandelt, den ihre beste Freundin einst hatte heiraten wollen.

„Ich ließ mich in den Gärten von Sutherfield Terrace von ihm küssen“, gestand sie reuig. „Mein Vater ertappte uns und schickte mich kurz darauf zu meinem Onkel und meiner Tante aufs Land. Völlig zu Recht natürlich.“

„Warum sagen Sie das?“

Sie schaute zu ihm auf, als verstehe sie die Frage nicht. „Weil ich es verdient hatte, für den Betrug an meiner Freundin bestraft zu werden. Ein solcher Verrat ist unverzeihlich.“

„Wie oft ich mich diese Worte schon sagen hörte“, meinte er mit einem Anflug von Belustigung, die jedoch recht freudlos wirkte. „In diesem Fall kann ich Ihnen jedoch nicht beipflichten. Für einen heimlichen Kuss scheint es doch eine recht unverhältnismäßige Strafe.“

„Aber ich war es, die ihn geküsst hat. Ich wusste, was ich tat, so naiv bin ich nicht. Würden Sie so etwas denn Ihren … äh, Begleiterinnen durchgehen lassen oder sie nicht gleichfalls dafür verstoßen?“

Er spitzte nachdenklich die Lippen. „Auf Letzteres liefe es hinaus. Wenngleich ich darauf verweisen möchte, dass der Vorsatz ein anderer wäre. Eine erfahrene Frau kann sich schlecht darauf berufen, überrascht worden zu sein, und auf Vergebung plädieren. Ihrer Behauptung zum Trotz würde ich Ihnen dagegen einzig eine gewisse Naivität vorhalten – etwas, wofür wir im Leben leider viel zu oft bezahlen.“

Sie schüttelte den Kopf. Die Zurechtweisungen, die sie sich während des letzten Jahres täglich von ihrer Tante Thorley hatte anhören müssen, dazu jene ihrer Stiefmutter aus den letzten zwölf Jahren, all das hatte sie gelehrt, dass jedes Versehen, jeder Fehler, jede Knitterfalte im Rock, jedes falsche Wort, im Grunde alles, ihre Schuld war. Ihre ganz allein.

„Miss Thorogood“, sagte er. „Sie sollten lernen, sich zu verzeihen. Ansonsten wird das nichts mit Ihrem Raubzug. Ein Gewissen zu haben, kann eine schreckliche Last sein.“

Hätte er es mit jenem respektlosen Gleichmut gesagt, den sie von ihm kannte, würde sie seinen Rat wohl kaum beherzigt haben. Aber er sagte es mit solcher Eindringlichkeit, einem solchen Ernst, sowohl in seinem Blick als auch in seinem Ton, dass es ihr zu denken gab. Und sie – die neue Prue – wusste, dass er recht hatte.

„Sie sind sehr klug, Mylord.“

„Nur ein Gelehrter der menschlichen Natur“, gab er sich bescheiden, legte den Arm über die Rücklehne seines Sitzes und strich versonnen mit den Fingern durch die silbrigen Vorhangfransen. „Drum sagen Sie mir eins, Miss Thorogood: War es nur dieser eine Kuss, weswegen Sie als ruiniert gelten?“

Sofort spürte sie, wir ihr das Blut heiß in die Wangen stieg, auch wenn seine Frage sie frösteln ließ. Darauf würde sie keine Antwort geben, das ging ihn nichts an. Andererseits gab es da doch einen großen grauen Elefanten, der mit ihnen im Landauer gen London fuhr. Und er würde ganz sicher nicht kleiner die nächsten Stunden. Warum es nicht gleich, wenn schon nicht aus der Welt, so doch zumindest hier aus dem Weg schaffen?

„Nein“, sagte sie und schluckte gegen die Bitternis an, die in ihr aufstieg. Um das Thema nicht weiter vertiefen zu müssen, setzte sie recht kühl nach: „Und ich habe nicht vor, diese Tortur noch einmal über mich ergehen zu lassen.“

Er betrachtete sie einen Moment schweigend und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Lediglich in seinen Augen blitzte etwas auf, das man für Kalkül hätte halten können. „Mir scheint, Sie haben recht konkrete Vorstellungen, was ihre Zukunft anbelangt. In zwei Wochen haben Sie alles, was Ihr Herz begehrt. Vorausgesetzt natürlich, Sie wissen, wo diese veräußerten Erbstücke sich jetzt befinden.“

„Leider nein“, sagte sie. „Ich weiß nur, dass meine Stiefmutter eine Schwäche fürs Glücksspiel hat und ihre so genannten Freunde gern mit teuren Geschenken beglückt. Allerdings gehe ich davon aus, dass ein, zwei diskrete Erkundigungen reichen werden, um alles Nötige in Erfahrung zu bringen. Bis dahin halte ich mich an das Einzige, das mir von meiner Mutter geblieben ist – eine Miniatur von ihr, die mein Vater mir mit seinem letzten Brief schickte.“

„Verstehe. Ich hatte mich schon gefragt, ob es etwas dergleichen gibt.“

„Wie meinen Sie das?“

„Sie begeben sich ganz allein auf diese Reise, brechen ins Ungewisse auf“, sagte er. „Für diese Entschlossenheit braucht es nicht nur einen Grund, sondern auch einen Impuls. Ich könnte mir vorstellen, dass Ihre Entscheidung, sich auf den Weg nach London zu machen, sehr wahrscheinlich in dem Moment fiel, da Sie diese Miniatur gesehen haben.“

Prue sah ihn entgeistert an. „Woher wissen Sie das?“

„Mütter haben auch aus dem Jenseits noch viel Macht über uns.“ Er hob gleichmütig die Schultern, als sei es eine seiner leichteren Übungen, ihr auf den Grund ihrer Seele zu schauen. Sein Blick richtete sich auf den Koffer neben ihr. „Dürfte ich es mal sehen?“

Sie hätte erwidern können, woher er denn wissen wolle, dass sie es bei sich hatte, aber die Frage schien sich selbst zu erübrigen. Ihm musste klar sein, dass sie etwas, das ihr so wichtig war, niemals zurückgelassen hätte.

Vorsichtig nahm sie das Bild aus der alten Ledertasche und schlug das Wachspapier zurück, das es vor der Witterung schützen sollte. Sie reichte es ihm und stellte erleichtert fest, dass auch er sehr behutsam damit umging, als spüre er, welchen Schatz er da in Händen hielt.

„Wunderschön“, meinte er, nachdem er das Bildnis eine Weile betrachtet hatte, und gab es ihr ebenso behutsam wieder zurück.

„Das war sie. Wenn sie lächelte, wurde einem warm ums Herz, als ginge die Sonne auf, und ihr Lachen …“ Sie schüttelte verlegen den Kopf und packte das Bild wieder weg. „Verzeihen Sie, Mylord. Ich möchte Sie wirklich nicht mit meinen Sentimentalitäten behelligen.“

„Ach, Unsinn. Ich hatte mich ganz ohne Bedingungen auf Ihre Konversation eingelassen. Also vergeuden Sie Ihre Entschuldigungen nicht auf etwas so Triviales. Heben Sie sie sich lieber für den Abschied auf.“

Sie schaute irritiert auf. „Warum sollte es dann Entschuldigungen brauchen?“

„Weil mein Gefühl mir sagt, dass Sie meiner Selbstachtung unwissentlich einen herben Schlag versetzen könnten“, sagte er mit der Andeutung eines Lächelns. „Aber bevor es so weit kommt, fahren Sie einfach fort. Erzählen Sie mir von dem Lachen Ihrer Mutter.“

Die letzten Stunden der Reise fand Leo herrlich entspannend. Er saß in die Ecke der Sitzbank zurückgelehnt, schloss die Augen und lauschte aufmerksam den Geschichten aus Miss Thorogoods Kindheit, die sie in einem Haus am See in Bedfordshire verbracht hatte.

Die Ablenkung half ihm, den unerklärlichen Ärger zu zügeln, der sich gegen ihren Vater regte, der sie kaltherzig im Stich gelassen hatte, gegen die Tante und den Onkel, die sie wie eine Dienstbotin behandelt hatten, und nicht zuletzt natürlich gegen den namentlich nicht genannten Schuft, der ihren Ruf überhaupt erst ruiniert hatte.

Da es sonst nicht seine Art war, sich um die Nöte von Debütantinnen zu scheren, überraschte ihn, wie sehr er sich wünschte, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Seiner Ansicht nach sollte Miss Thorogood den ton mal so richtig aufmischen, nicht hier durch den Regen rennen und mit jemandem wie ihm verhandeln müssen, sie sicher nach London zu bringen.

Als sie das letzte Mal hielten, um die Pferde zu wechseln, drückte er einer Magd diskret etwas Geld in die Hand und bat sie, sich um seine Begleiterin zu kümmern, es aber so aussehen zu lassen, als sei es lediglich eine Gefälligkeit von Frau zu Frau. Er wusste, dass Miss Thorogood keine Almosen annehmen würde. Und er wusste auch, dass sie ihm, spröde und reserviert wie sie war, niemals so viel erzählt hätte, wäre nicht ihre Abmachung gewesen.

Er hätte selbst nicht sagen können, ob er nun, da er so viel über sie wusste, besser oder schlechter bedient war.

Ehe er darauf eine Antwort fand, hatte sie ihn schon am Tisch in der Wirtsstube entdeckt.

Sie trug ein frisches Kleid aus verblichenem gelbem Musselin, ihr Gesicht strahlte rosig und rein. Auch ihre Frisur hatte sie in Ordnung gebracht, die hellen Flechten von unsichtbaren Nadeln gehalten. Er hob anerkennend die Brauen, und sie hätte sein Lächeln beinah erwidert. Aber nur beinah.

Doch während er einmal mehr von ihrer ungewöhnlichen Schönheit geblendet war, hatte sie nur Augen für das noch ofenwarme Rosinenbrötchen und den dampfenden Tee, die vor ihm standen.

Es amüsierte ihn, war er es doch nicht gewohnt, dass jemand ihm sein Essen abspenstig machen wollte. „Möchten Sie auch etwas, Miss Thorogood?“

„Das kann ich unmöglich annehmen.“ Sie schüttelte entschieden den Kopf, konnte den Blick aber kaum abwenden, als er den frisch aufgebrühten Tee in die Tasse goss.

Er hatte gewusst, dass sie das sagen würde. Weshalb er zu einer kleinen List gegriffen hatte. Sie brauchte nicht zu wissen, dass er es nur für sie bestellt hatte.

Um sie noch mehr in Versuchung zu führen, gab er etwas Milch und braunen Zucker in den dunkel duftenden Tee. Sie verfolgte es schweigend und verzog keine Miene, doch er hörte sie schlucken.

Mit einem stillen Lächeln legte er den Löffel beiseite, schob seinen Stuhl zurück und stand auf. „Wenn Sie dann so weit wären, könnten wir ja weiterfahren.“

„Aber …“, sagte sie mit einem sehnsüchtigen Blick auf den Tee, „… wollen Sie denn nicht … Ihren Tee …“

„Nein, lieber nicht. Ich habe einen vorzüglichen, aber leider recht temperamentvollen Koch, und Massey wäre sehr verstimmt, wenn ich von der Reise keinen gesunden Appetit mitbrächte. Andererseits wäre es wirklich schade drum, oder? Bitte, tun Sie sich keinen Zwang an.“ Er reichte ihr sogar die Tasse, doch als sie keine Anstalten machte, davon zu trinken, konnte er sich die Bemerkung nicht verkneifen. „Oder sind Sie eine Puristin, die Ihren Tee allenfalls mit einem Spritzer Zitrone nimmt und über Milch und Zucker die Nase rümpft?“

„Nein. Oh nein. So etwas macht höchstens meine Tante Thorley“, erwiderte sie und blies kurz über den Tee, ehe sie einen Schluck davon nahm.

Und dann wurde er Zeuge von etwas, das ihm schier den Atem raubte.

Er sah sie lächeln.

Ihre sonst so verhaltene Miene entfaltete sich wie die Blätter einer seltenen Blume, einer Mondwinde zum Beispiel, die immer dann blühte, wenn man es am wenigsten erwartete. Ihre Lippen hoben sich zu einem erfreuten Lächeln, während ihre Lider sich senkten und die Wimpern sich auf ihre rosig schimmernden Wangen legten.

Dann seufzte sie zufrieden.

Der leise, doch unglaublich sinnliche Laut ließen sein Herz schneller schlagen. Heiß und schwer pulste sein Blut und die Kehle wurde ihm ganz trocken, als müsse er unbedingt etwas trinken, wenn auch nicht gerade Tee, sondern etwas Stärkeres. „Hätte ich gewusst, dass er so gut ist, hätte ich ihn selbst getrunken.“

„Verzeihen Sie. Meine Tante und mein Onkel billigen nichts Süßes. Ich hatte vergessen, wie gut Tee mit ein wenig Zucker schmeckt.“

Als Miss Thorogood bei diesen Worten ganz leicht errötete, verstärkte dies nur sein Begehren. Er wollte in diesen lockenden Lippen versinken, wollte von ihrer süßen Zunge kosten, ihr Seufzen schlucken und ihr Lust bereiten, bis sie am ganzen Körper so rosig erglühte.

In diesem Moment begriff Leo Ramsgate, dass er sie haben musste. Da gab es gar nichts mehr zu überlegen, keine anderen Frauen in Betracht zu ziehen oder die Konsequenzen zu bedenken. Er wollte sie, so einfach war das.

„Kommen Sie mit mir“, sagte er mit leiser Stimme. Rau und verlangend. „Ich helfe Ihnen, sich Ihr Erbe zurückzuholen. Und wenn unser Vertrag ausläuft, sind Sie eine gemachte Frau und können Ihr Leben so führen, wie Sie es möchten. Sie wären frei und bräuchten sich nicht mehr um die Leute zu scheren, die sich von Ihnen abgewandt haben.“

Sie erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Ihre Augen, so blau wie das Meer bei stürmischer See, waren unergründlich. Verdammt, er hätte nicht sagen können, was sie dachte, und spürte eine für ihn ganz typische Ungeduld in sich, als er auf ihre Antwort wartete.

Langsam setzte sie ihre Tasse ab. Dann streckte sie ihm ihre geschlossene Hand hin, als wolle sie ihm etwas geben. Sie wartete, bis er ihr sein...

Autor

Vivienne Lorret

Bestsellerautorin Vivienne Lorret liebt Liebesromane, ihren pinkfarbenen Laptop, ihren Ehemann und ihre beiden Teenagersöhne (nicht zwingend in genau dieser Reihenfolge …). Sie beherrscht die Kunst, unzählige Tassen Tee in Wörter zu verwandeln, und hat sich mittlerweile mit zahlreichen wunderbaren Regency-Romances in die Herzen ihrer Leserinnen und Leser geschrieben.

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