Macht des Schicksals

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M - immer wieder schreibt Skye Dearborn diesen Buchstaben, aus einer dunklen Erinnerung ihres Unterbewusstseins heraus. Wer sie wirklich ist, und warum sie von ihrer eigenen Mutter als Kind aus der Mitte der mächtigen Monarch-Familie gekidnappt wurde, erfährt sie erst, als das Schicksal zuschlägt. Denn getrieben von dem Wunsch, ihre Zukunft allein zu meistern, verlässt sie Chance McCord, den sie liebt, und wird eine erfolgreiche Schmuckdesignerin bei dem Mann, vor dem ihre Mutter sie immer schützen wollte. Jetzt ist er seinem Ziel ganz nah: Skye zu besitzen - oder sie zu töten


  • Erscheinungstag 01.08.2002
  • ISBN / Artikelnummer 9783862783649
  • Seitenanzahl 496
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

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Erica Spindler

Macht des Schicksals

Roman

MIRA® TASCHENBÜCHER
erscheinen in der Cora Verlag GmbH & Co. KG,
Axel-Springer-Platz 1, 20350 Hamburg
Deutsche Taschenbucherstausgabe

1. TEIL

Schmetterlinge

1. KAPITEL

Chicago, Illinois, 1971

Sonnenlicht flutete durch das von der Decke bis zum Boden reichende Buntglasfenster in der Villa in der Astor Street und badete den Fußboden in rubinrotem, saphirblauem und smaragdgrünem Licht. Das Fenster, das 1909 bei der Ankunft des ersten Monarch-Babys eingebaut worden war, stellte einen überirdisch lächelnden Engel dar, der seine goldenen Schwingen ausbreitete, als wolle er das darunter liegende Kind beschützen.

Seit diesem ersten Monarch-Baby gab es traurigerweise für den Engel nur wenige Babys zu beschützen. Dieser Familie war eine Tragödie nach der anderen widerfahren, einer Familie, die sich verzweifelt nach einer Tochter sehnte, wobei sie anscheinend verdammt dazu war, zuschauen zu müssen, wie andere Familien wuchsen.

Vor zwei Wochen hatte sich dies geändert. Vor zwei Wochen hatte Grace Elizabeth Monarch das Licht der Welt erblickt und war nach Hause gekommen, in dieses Kinderzimmer mit seinem wartenden Engel, zu dieser verzweifelten Familie. Damit veränderte sie das Leben aller Familienmitglieder für immer.

Niemandes Leben jedoch veränderte sich so sehr wie das ihrer Mutter.

Madeline Monarch schlüpfte in das Kinderzimmer und trat an die Wiege, in der ihre kleine Tochter Grace schlummerte. Bei ihrem Anblick wallten Liebe und ein herrliches Glücksgefühl in ihr auf. Sie streckte die Hand aus und liebkoste die samtige Wange des Babys; der Säugling regte sich und wandte Madeline den Kopf zu, im Schlaf nuckelnd, auf der Suche nach der mütterlichen Brust.

Madeline wurde die Kehle eng. Wie schön ihr Baby war, so unglaublich … perfekt. Sie konnte es noch immer nicht ganz fassen, dass Grace ihr gehörte. Madeline schnupperte am Gesicht ihrer Tochter und atmete den weichen Babyduft ein. Er erfüllte ihre Sinne, und sie machte die Augen ganz fest zu, fast ertrinkend in seiner Süße.

Womit hatte ausgerechnet sie ein solches Glück verdient? Sogar Grace’ Geburt war ihr wie ein Wunder erschienen. Sie war fast schmerzlos und mit einer Geschwindigkeit, die selbst die Hebamme überrascht hatte, auf die Welt gekommen.

Madeline schüttelte den Kopf, noch immer außer Stande, ihrem plötzlichen Glück zu trauen. Aber wie hätte sie auch? Sie hatte vorher noch nie etwas besonders gut gemacht, noch war ihr je etwas besonders leicht gefallen. Nein, sie gehörte zu den Menschen, deren Schicksal es war, Fehler zu machen, falsche Entscheidungen zu treffen und immer und immer wieder verletzt zu werden.

In Wahrheit hatte Madeline bis zu jenem Moment, in dem ihr die Hebamme Grace in den Arm gelegt hatte, nicht geglaubt, dass in ihrem Leben je etwas leicht oder schmerzlos oder fehlerlos vonstatten gehen könnte. Sie war der Überzeugung, es nicht wert zu sein, aufrichtig geliebt zu werden, sie war davon ausgegangen, dass sie auf ewig diesem schwer fassbaren Gefühl nachlaufen würde, um am Ende immer wieder mit leeren Händen dazustehen.

Und auf einen Schlag hatte sich alles verändert. Grace hatte es verändert. Madeline liebte ihre Tochter so sehr, dass es fast schmerzte. Und Grace liebte sie ebenso zurück. Bedingungslos. Total.

Madeline fuhr der Tochter durch das seidige Haar. Grace brauchte sie. Grace liebte sie. Madeline fand diese Wahrheit berauschend und erschütternd, aber nichtsdestotrotz war es das herrlichste Gefühl auf der ganzen Welt. Sie würde alles tun, um ihre Tochter zu beschützen.

Falls nötig mit ihrem eigenen Leben.

Madeline hörte ein Geräusch an der Tür des Kinderzimmers und drehte sich um. Ihr sechsjähriger Stiefsohn Griffen stand dort, den Blick auf die Wiege geheftet, auf seinem Gesicht lag ein seltsamer Ausdruck, er wirkte fasziniert und wachsam, angezogen und abgestoßen zugleich. Sie atmete tief ein und bemühte sich, die Verärgerung über sein Eindringen zu unterdrücken. Ebenso wie den Wunsch, den schlechten Geschmack, der ihr plötzlich auf der Zunge lag, mit einem Schluck kalten klaren Wassers hinunterzuspülen.

Sie machte sich Vorwürfe wegen ihrer Gedanken und ihrer Reaktion auf ihn. Griffen brauchte sie ebenfalls. Das durfte sie nicht vergessen.

Und doch musste sie sich eingestehen, dass ihr Stiefsohn irgendetwas Beunruhigendes an sich hatte, in seiner Gegenwart fühlte sie sich oft so, als striche ihr eine eisige Hand über den Rücken, und das war von Anfang an so gewesen.

Es hatte nichts mit seinem Aussehen oder seinem Verhalten zu tun. Er war ein ungewöhnlich hübsches Kind. Fröhlich, höflich, manchmal sogar richtig süß. Er schien in niemand anderem diese zwiespältigen Gefühle auszulösen, nur in ihr. Warum also gelang es ihr dann nicht, den kalten Schauer zu unterdrücken, der ihr über den Rücken lief, wenn sie ihm in die Augen schaute?

Madeline wusste, warum. Weil sie anders war als andere. Weil sie Dinge sehen konnte, die andere nicht sahen. Ihr ganzes Leben lang hatten sie merkwürdige „Gesichte“ und „Visionen“ verfolgt, die sowohl mit Leuten zu tun hatten, die sie kannte, und Ereignisse betrafen, die in der Zukunft lagen, als auch solchen, die sich irgendwann abgespielt hatten, von denen sie jedoch eigentlich nichts wissen konnte. Solange sie sich erinnern konnte, hatte sie sich dieser Fähigkeit geschämt. Sie hatte gelernt, mit diesen Visionen zu leben, indem sie sie einfach ignorierte. Mit der Zeit waren sie seltener und blasser geworden.

Doch wie alles in ihrem Leben hatte ihre Schwangerschaft und Mutterschaft auch dies verändert. Als hätte der Hormonschub, der durch ihren Körper gerast war, ihren sechsten Sinn, den sie die ganzen Jahre über so sorgfältig unterdrückt hatte, angeknipst wie einen Lichtschalter, und jetzt wusste sie nicht, wie sie ihn wieder ausschalten sollte.

Und dieser sechste Sinn sagte ihr, dass mit Griffen Monarch irgendetwas nicht stimmte. Dass irgendetwas schrecklich falsch war mit ihm.

Madeline verspürte Gewissensbisse. Vielleicht war ja wirklich sie das Problem, wie ihr Ehemann Pierce und Adam Monarch, ihr Schwiegervater, behaupteten; vielleicht hatten ja diese Hormone ihr seelisches Gleichgewicht und ihren Realitätssinn gestört.

Schuldbewusst ließ sie ihren Blick über den Jungen wandern. Seine Mutter war jetzt seit drei Jahren tot, ein Opfer einer „versehentlich eingenommenen“ Überdosis Schlaftabletten und Alkohol. Madeline wusste, dass es für ihn nicht einfach sein konnte, mit einem Großvater aufwachsen zu müssen, der von dem Gedanken an eine weibliche Erbin besessen war, mit einer Großmutter, die über sieben Fehlgeburten fast den Verstand verloren hatte, und mit einem Vater, der weder die Geduld noch das Verständnis für die Bedürfnisse eines siebenjährigen Kindes aufbringen konnte. Und dann, als wäre dies alles nicht Belastung genug, war auch noch sie, Madeline, auf der Bildfläche erschienen.

Und jetzt hatte er plötzlich eine Schwester, mit der er sich arrangieren musste, eine Schwester, die ihm alles an Zuneigung und Aufmerksamkeit stahl, was dieses strenge Haus zu geben hatte.

Armes Kind, dachte Madeline und versuchte alles, was sie an Mitgefühl und Wärme aufbringen konnte, aufzubieten. Sie würde sich noch mehr Mühe geben. Sie würde dem Jungen eine gute Stiefmutter sein. Sie würde es lernen, ihn zu mögen.

Madeline lächelte und winkte ihm zu. „Komm rein, Griffen. Aber sei ganz leise. Grace schläft.“

Er nickte und schlich dann ohne ein Wort auf Zehenspitzen ins Zimmer. Noch immer schweigend, trat er an die Wiege seiner Halbschwester.

Madeline musterte ihn einen Moment, dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder Grace zu. In den vergangenen achtzehn Monaten war ihr klar geworden, wie tief verstört diese Familie war, in die sie eingeheiratet hatte. Tatsächlich hatte sie bereits zu fürchten begonnen, dass sich die Heirat mit Pierce Monarch wieder einmal als einer ihrer Fehler herausstellen könnte. Er war nicht der Mann, für den sie ihn gehalten hatte – er war unzugänglich, neigte zum Starrsinn und, wie sie zu ihrem Schrecken entdeckt hatte, gelegentlich sogar zur Niederträchtigkeit. Er konnte manchmal so niederträchtig sein, dass ihr schleierhaft war, wie ihr dieser Umstand hatte entgehen können.

Madeline runzelte die Stirn. Sie war nicht ganz ehrlich mit sich selbst. Sie wusste sehr gut, warum sie es nicht gesehen hatte. Sie hatte sich von dem Namen Monarch blenden lassen. Von dem Reichtum der Familie, ihrem hohen gesellschaftlichen Ansehen in Chicago. Sie war schier in Ehrfurcht erstarrt gewesen vor Monarch Design and Retail, der Juwelierfirma, die Anna und Marcus Monarch 1887 mit dem von ihren Eltern ererbten Geld begründet hatten. Innerhalb weniger Jahre gelang es dem Geschwisterpaar, eine Firma ins Leben zu rufen, die sich, was Schönheit, Qualität und Gestaltungsreichtum ihrer Schmuckstücke anbelangte, mit Tiffany durchaus messen konnte.

Madeline konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie am Anfang ihrer Bekanntschaft mit Pierce ehrfürchtig durch das vornehme Geschäft in der Michigan Avenue geschlendert war, wobei sie sich sehnlichst gewünscht hatte, wenigstens eins dieser auserlesenen und unglaublich extravaganten Schmuckstücke zu besitzen. Nur ein einziges.

Ihr Wunsch war in Erfüllung gegangen.

O ja, sie war geblendet gewesen vom Reichtum der Monarchs und allem, was sie repräsentierten. Was kein Wunder war, denn immerhin war sie eine Frau ohne Familie und Stammbaum, eine Frau, die Pierce in den Verkaufsräumen von Marshall Fields aufgelesen und in diese hochherrschaftliche Villa in der vornehmsten Gegend der Stadt gebracht hatte, was ihr wie ein Traum erschienen war.

Aber der Traum hatte sich im Lauf der Zeit in einen Albtraum verwandelt.

Sie schüttelte den Kopf. Das war jetzt vorbei. Hier war Grace, die Erfüllung aller Sehnsüchte der Familie Monarch; Madeline konnte bereits spüren, wie ihre kleine Tochter mit ihrer Anwesenheit die düstere Atmosphäre des Hauses erhellte und eine feierliche Stimmung verbreitete, die mittlerweile sogar das Personal ergriffen hatte.

„Baby Grace ist so wunderschön.“

Aus ihren Gedanken gerissen, schaute Madeline auf den Jungen hinunter, und ihr Herz schmolz dahin angesichts der Ehrfurcht, die sich auf seinem Gesicht widerspiegelte. Statt eifersüchtig zu sein auf seine neue Schwester, schien er fasziniert von ihr. Er schien sie regelrecht anzubeten.

Wie konnte sie so schreckliche Dinge über ihren Stiefsohn denken, wenn er Grace so anschaute?

Madeline lächelte. „Das finde ich auch.“

„Großvater Monarch sagt, Grace hat die Gabe.“

Madelines Lächeln gefror. „Die Gabe?“ wiederholte sie.

Er nickte. „Ja, die Gabe, die nur die Monarch-Mädchen haben.

Die, die mein Urgroßvater Marcus bei seiner Schwester entdeckt hat und die uns reich gemacht hat. Darum ist Grace so etwas Besonderes. Darum dürfen wir sie nie gehen lassen.“

Obwohl er nur die Worte nachplapperte, die er offensichtlich schon unzählige Male gehört hatte, jagte ihr der fast fiebrige Glanz seiner Augen einen eisigen Schauer den Rücken hinunter. „Grace ist etwas Besonderes, weil sie Grace ist, Griffen. Nicht wegen irgendeiner … Gabe. Und nebenbei gesagt, muss die Tatsache, dass bisher in der Familie nur die Mädchen eine künstlerische Ader hatten, noch lange nicht heißen, dass sie nicht auch eines Tages bei einem Jungen hervorbrechen könnte.“ Sie lächelte und tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Nasenspitze. „Vielleicht bei dir.“

„Nein.“ Er zog die Augenbrauen zusammen und schüttelte entschieden den Kopf, wobei er sehr erwachsen dreinschaute und verärgert über ihre Torheit. „Großvater sagt, das haben nur die Mädchen. So war es schon immer. Deshalb ist Grace so wichtig.“

Nur die Mädchen. Madeline erschauerte und rieb sich ihre Arme. „Liebling, Grace ist doch noch ein Baby. Vielleicht hat sie diese … Gabe ja gar nicht.“

„Sie hat sie. Großvater hat es gesagt.“

Sie schaute ihn zweifelnd an. „Und dein Großvater weiß alles und irrt sich nie?“

„Er ist der klügste Mensch auf der ganzen Welt. Wenn ich groß bin, werde ich wie er.“ Griffen wandte seine Aufmerksamkeit wieder Grace zu. „Darf ich sie anfassen?“

Madeline zögerte, dann nickte sie widerstrebend. „Aber ganz vorsichtig. So.“ Sie machte ihm vor, wie er Grace’ seidiges Haar streicheln sollte.

Griffen schaute ihr zu, dann machte er es ihr nach. Einen Moment später zog er seine Hand zurück. „Sie ist so weich“, sagte er und schaute überrascht zu Madeline auf. „Wie kommt das?“

„Weil sie noch so klein ist.“ Sie versetzte der Wiege einen kleinen Schubs, so dass sie sanft hin- und herschaukelte. „Wenn sie ein bisschen größer ist, darfst du sie auch mal auf den Arm nehmen.“

Wieder tat er es Madeline nach und brachte die Wiege zum Schaukeln. „Wie viel größer?“

„Ein bisschen. Neugeborene sind sehr zart. Man kann ihnen leicht wehtun.“

Einige Minuten standen sie schweigend nebeneinander, gaben der Wiege ab und zu einen sanften Schubs und betrachteten Grace. Dann schaute Griffen erneut zu Madeline auf. „Wenn ich groß bin, heirate ich sie.“

„Wen, mein Schatz?“

„Baby Grace.“

Madeline lachte leise und fuhr ihm durch das dunkle Haar. „Das kannst du nicht, mein Liebling. Sie ist deine Schwester.“

Griffen sagte nichts. Einige Augenblicke verstrichen, dann verengte er die Augen. Die Intensität, die in seinem Blick lag, machte Madeline betroffen. „Ich heirate sie trotzdem“, sagte er mit leidenschaftlicher Bestimmtheit. „Weil ich es will.“

Einen Moment lang verschwamm Madeline alles vor den Augen, dann wurde ihre Sicht wieder klar. Sie sah einen dunklen, verschneiten Winterwald und Blut, das sich über einen glänzenden Boden ergoss. Sie hörte einen stummen Hilfeschrei und sah zwei kleine Arme, die sich zwei größeren Hilfe suchend entgegenreckten.

Madeline entfuhr ein erstickter Entsetzensschrei. Sie zwinkerte ein paar Mal rasch hintereinander, dann stand sie wieder in dem sonnendurchfluteten Kinderzimmer ihrer kleinen Tochter und schaute ihrem Stiefsohn in die kalten, zornigen Augen.

Angst schnürte ihr die Kehle zu. Sie versuchte sie ebenso abzuschütteln wie die erschreckende Vision, die sie eben gehabt hatte. Sie straffte die Schultern. „Das kannst du nicht“, sagte sie streng, obwohl ihre Stimme bebte. „Ein Bruder kann seine Schwester nicht heiraten. Niemals.“

Sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. „Ich mache es aber“, widersprach er und legte besitzergreifend die Hand an die Wiege. „Ist mir doch egal, was du sagst.“

Er versetzte der Wiege einen heftigen Stoß. Sie schwankte so wild hin und her, dass sie fast umkippte. Madeline schrie auf und sprang vor, aber es war zu spät. Grace war nach vorn geschleudert worden und hatte sich das Köpfchen an dem Holzrahmen gestoßen. Sie schrie.

Madeline nahm ihre brüllende Tochter heraus und drückte sie an die Brust, wobei sie sie sanft hin und her wiegte und ihr leise Worte ins Ohr flüsterte, in dem verzweifelten Versuch, sie zu trösten. In dem verzweifelten Versuch, sich selbst zu trösten. Sie zitterte so sehr, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnte. Grace ist nichts passiert, versuchte sie sich zu beruhigen. Sie hatte nur einen Schreck bekommen, vielleicht eine kleine Beule.

Es hätte schlimmer kommen können. Viel schlimmer.

Blut ergoss sich über einen glänzenden Boden. Ein verzweifelter Hilfeschrei.

Sie hob den Blick. Griffen hatte sich zur Tür zurückgezogen und beobachtete sie von dort aus. Um seine Lippen spielte ein süffisantes Grinsen. Selbstzufrieden.

Als sie seinem Blick begegnete, lächelte er.

Madelines Knie gaben nach. Sie sank langsam zu Boden, Grace fest an ihre Brust gedrückt. Sie zitterte, aber nicht vor Angst. Sie zitterte, weil sie der Wahrheit ins Auge geblickt hatte.

Griffen hatte seiner Schwester wehtun wollen.

Grace würde in seiner Nähe niemals sicher sein. Nie.

2. KAPITEL

1976

Madeline stand an ihrem Schlafzimmerfenster, ihr Herz hämmerte, ihr Mund war trocken vor Angst. Sie beobachtete Pierce und Adam, die in eine angeregte Unterhaltung vertieft auf der Auffahrt standen. Beide Männer trugen Geschäftskleidung; sie standen bereits seit mehr als zehn Minuten auf der Auffahrt, die Motoren ihrer Autos liefen.

Madeline warf erneut einen Blick auf ihre Armbanduhr, stieß eine leise Verwünschung aus und wandte dann ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Ehemann und ihrem Schwiegervater zu. Sie machte die Augen ganz fest zu und wünschte sich, dass die beiden Männer endlich ihre Unterhaltung beenden und wegfahren würden.

Als ihre stumme Bitte nichts bewirkte, ballte sie die Hände zu Fäusten, gleich darauf öffnete sie sie wieder. Wütend. Mussten sie sich ausgerechnet den heutigen Tag für eine ausgedehnte morgendliche Unterhaltung aussuchen? Warum heute, wo es auf jede Minute ankam? Auf jede Sekunde?

Sie hatte alles genau geplant. Adam ging auf Geschäftsreise, und Pierce würde gleich zur Arbeit fahren; am Abend hatte er vor, zu einem Cocktailempfang zu gehen und anschließend zum Tennis. Die Haushälterin machte mittwochs immer die Einkäufe, und die Kinderfrau hatte ihren freien Tag. Großmutter Monarch war schwer krank und kaum in der Lage, ihr Zimmer zu verlassen. Griffen hatte Schule.

Heute war der perfekte Tag, um davonzulaufen.

Ihr Magen krampfte sich zusammen. Vor Nervosität. Vor Enttäuschung. Über sich selbst, über ihren Ehemann. Er weigerte sich, die Wahrheit zu erkennen. Dass mit Griffen irgendetwas nicht stimmte. In den fünf Jahren, die seit dem Vorfall im Kinderzimmer vergangen waren, hatte Madeline ihrem Ehemann und ihrem Schwiegervater gegenüber zahllose Male ihre Befürchtungen, ihre dunklen Vorahnungen Griffen betreffend zum Ausdruck gebracht. Doch vergebens. Sie hatten sie leicht erregbar genannt. Sie würde überreagieren, hatten sie gesagt. Sie sei eine neurotische, hysterische, überängstliche Mutter. Sie hatten ihr sogar unterstellt, eifersüchtig auf den Jungen zu sein.

Eifersüchtig! Auf Griffen? Auf die Zeit, die er mit Grace verbrachte? Es war mehr als lächerlich. Es war beleidigend.

Ohne die Unterstützung der Familie war sie gezwungen gewesen, tatenlos zuzuschauen, wie Griffens bizarre Zuneigung zu seiner Schwester immer weiter wuchs. Er wurde beunruhigend eifersüchtig, wenn sie ihn ignorierte und einem anderen Kind oder gar einem Spielzeug oder Haustier beim Spielen den Vorzug gab. Er wich Grace nicht von der Seite; er beanspruchte ihre Zeit, ihre Aufmerksamkeit. Madeline hatte ihn oft dabei ertappt, wie er andere Kinder, das Kindermädchen oder sogar sie hasserfüllt anstarrte.

Aber das war alles nichts gegen das, was danach kam.

Er machte Grace’ Lieblingsspielzeuge kaputt, manche verstümmelte er. Ihre Katze erschlug er.

Und dann kam sie dazu, wie er auf Grace saß und sie niederhielt, eine Hand auf ihrem Mund, die andere unter ihrem Kleid.

Selbst jetzt noch, Monate später, drehte sich ihr bei dem, was sie gesehen hatte, der Magen um. Er hatte kein harmloses Kinderspiel mit seiner Schwester gespielt. Sie hatten nicht spielerisch miteinander gerauft, wie er mit Unschuldsmiene behauptet hatte.

Madeline war zu ihrem Mann und ihrem Schwiegervater gegangen und hatte ihnen den Vorfall geschildert. Sie hatte die beiden angefleht, ihren düsteren Vorahnungen Glauben zu schenken, hatte sie beschworen, ihr zu vertrauen. Nicht nur zu Grace’, sondern auch zu Griffens Bestem. Ihrer Meinung nach musste der Junge in psychiatrische Behandlung.

Doch nicht genug damit, dass sie ihr nicht geglaubt hatten, hatte ihr Schwiegervater ihr auch noch gedroht. Er drohte ihr damit, ihr Grace wegzunehmen, wenn sie nicht mit diesen verrückten Geschichten aufhörte. Sie sei psychisch gestört, behauptete er. Ihre Verdächtigungen seien neurotisch und völlig aus der Luft gegriffen. Sie hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank, das würde jeder Richter sehen.

Dann hatte Adam sie geschlagen, hart, auf den Mund. Von der Wucht des Schlags war sie gegen die Wand getaumelt. Pierce stand schweigend dabei und beobachtete seinen Vater bei seinem Tun, ohne auch nur mit einem einzigen Wort zu protestieren.

Angesichts dieser Erinnerung legte Madeline die Hand auf den Mund, um ein gequältes Aufstöhnen zu unterdrücken. In diesem Moment war auch noch der letzte Funken Zuneigung, den sie für ihren Mann verspürte, erloschen. In diesem Moment hatte sie begonnen, ihn zu hassen. Sie hatte ihn so abgrundtief gehasst, dass sie es auf der Zunge schmecken konnte.

Es hatte geschmeckt wie Säure. Es hatte an ihr gefressen wie Säure.

Und das tat es immer noch.

In all diesen Monaten hatte sie sich bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Weil sie wusste, dass sie sich nicht noch einen ihrer „Fehler“ leisten konnte, weil ihr klar war, dass diesmal Grace’ Wohlergehen auf dem Spiel stand. Grace’ Leben.

Mit all ihrer Macht, ihrem Geld und den Verbindungen, die die Monarchs hatten, konnte Adam seine Drohung, ihr Grace wegzunehmen, wahr machen. Er brauchte nur mit dem Finger zu schnipsen.

Dann würde ihre kleine Tochter niemanden mehr haben, der sie beschützte. Niemanden, der die Wahrheit über Griffen sah.

Deshalb hatte Madeline begonnen, diese sorgsam ausgetüftelte Scharade aufzuführen – sie hatte die treu ergebene Ehefrau gespielt, die perfekte Schwiegertochter. Sie hatte sich Asche aufs Haupt gestreut und den beiden Männern versichert, sich alles nur eingebildet zu haben. Dass sie wohl tatsächlich überängstlich sei.

Sie wisse nicht, was in sie gefahren sei, hatte sie behauptet. Sie wisse nicht, warum sie so leicht erregbar sei. Sie hatte sie wegen ihres Verhaltens um Verzeihung gebeten.

Pierce verzieh ihr sofort, bei Adam dauerte es etwas länger.

Unterdessen plante sie mit Grace die Flucht.

Jetzt schaute Pierce plötzlich zu ihr hoch. Er verengte die Augen – misstrauisch, in dunkler Vorahnung. Ihr blieb das Herz stehen, dann begann es wieder zu hämmern, so wild, dass sie kaum Luft bekam. Er weiß es, dachte sie völlig panisch. Guter Gott … er hat es herausgefunden.

Was sollte sie jetzt tun?

Madeline versuchte, ihre Panik in den Griff zu bekommen. Er wusste es nicht. Er konnte es nicht wissen. Er hatte nicht einmal einen Verdacht. Sie war sehr vorsichtig gewesen. Heute Morgen hatte sie sogar zur Sicherheit seine Zärtlichkeiten widerspruchslos über sich ergehen lassen und ihm jeden seiner Wünsche erfüllt, egal, wie sehr ihr auch davor gegraust hatte. Sie hatte gestöhnt und sich in den Laken gewälzt und lustvolle Seufzer ausgestoßen, in der Gewissheit, dass er dann das Haus mit stolzgeschwellter Brust verlassen würde. In der Gewissheit, dass er den ganzen Tag über keinen Gedanken mehr an sie verschwenden würde. Und die ganze Zeit über hätte sie sich am liebsten übergeben.

Aber sie würde alles tun, um ihre Tochter zu beschützen. Alles. Ihr Plan musste funktionieren. Er musste.

Madeline zwang sich zu einem bewundernden Lächeln und hob die Hand zum Abschiedsgruß. Um das Maß voll zu machen, warf sie ihm auch noch eine Kusshand zu. Er lächelte selbstzufrieden und wandte sich wieder seinem Gesprächspartner zu.

Von Erleichterung durchflutet, trat sie vom Fenster zurück. Er ahnte nichts. Ebenso wenig wie Adam. Sie und Grace würden sicher sein.

Fürs Erste.

Madeline drehte sich um, während die letzten paar Monate vor ihrem geistigen Auge Revue passierten. Sie hatte in ständiger Angst gelebt und jede wache Minute in dem Gefühl verbracht, auf einem Drahtseil zu balancieren, immer in Gefahr abzustürzen. Während sie einerseits versucht hatte, die glückliche Ehefrau und Mutter zu spielen, hatte sie ständig Griffen im Auge haben müssen. Sie hatte nicht einmal gewagt zu schlafen, in der Angst, dass er die Gelegenheit nutzen würde, sich unbemerkt in Grace’ Zimmer zu schleichen und ihr sonst was anzutun. Im Nachhinein betrachtet, wunderte es sie, dass sie vor lauter Sorge nicht den Verstand verloren hatte. Manchmal war sie nah daran gewesen, sich zu fragen, ob sie nicht vielleicht tatsächlich verrückt geworden sei, so wie Pierce es behauptet hatte.

Aber solche Momente waren selten; sie währten nie lange. Sie brauchte sich dann nur immer Griffens Gesichtsausdruck in Erinnerung zu rufen, wenn er Grace anschaute, die Kälte, die sich in seinen Augen widerspiegelte, und sein verschlagenes Lächeln, um zu wissen, dass sie nicht verrückt war.

Alle außer ihr waren blind.

Madeline ging hinüber zum Bett, bückte sich und schaute darunter – ihre Koffer lagen noch genau dort, wo sie sie hingelegt hatte. Ihrer war bereits gepackt, der von Grace war noch leer. Sobald Pierce weg war, würde sie diesen Zustand ändern.

Madeline stand auf und schaute sich um, wobei sie in Gedanken die wenigen Möglichkeiten, die ihr offen standen, durchging. Sie hatte keine Familie, in deren Arme sie sich hätte flüchten können, und den Kontakt zu ihrem alten Freundeskreis hatte sie verloren. Sogar ihre einzige beste Freundin Susan war aus ihrem Leben verschwunden. Sie hatte niemanden, bei dem sie unterschlüpfen konnte, und keine finanziellen Mittel, um sich und Grace über Wasser zu halten. Pierce war immer darauf bedacht gewesen, sie in Abhängigkeit zu halten; er teilte ihr das Geld zu, das sie ausgeben durfte, und eigenes Vermögen besaß sie nicht.

Adams Schwester Dorothy hatte stets Verständnis für sie gezeigt, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Madeline zweifelte nicht daran, dass für Dorothy ebenso wie für alle anderen die Familie und das Familienunternehmen Vorrang hatten. Und auch Dorothy war besessen von der Vorstellung, dass Grace die Gabe besaß, besessen von dem Glauben, dass Grace eines Tages durch ihr künstlerisches Talent Monarch Design zu noch mehr Glanz und Ruhm verhelfen würde.

In Ermangelung anderer Möglichkeiten hatte Madeline ihren Verlobungsring mit dem wertvollen Brillanten verpfändet, wobei sie Pierce in dem Glauben wiegte, sie hätte ihn zum Reinigen gegeben, und sich von dem Erlös ein Auto gekauft. Einen nicht mehr ganz neuen Chevrolet, ein wandelnder Schrotthaufen im Vergleich zu der Mercedeslimousine, die sie normalerweise fuhr. Aber er hatte nur wenige Meilen auf dem Tacho, und die Frau, von der sie ihn gekauft hatte, hatte geschworen, dass er absolut zuverlässig sei.

Madeline hatte ihn einige Straßen weiter in einer Gegend abgestellt, wo er nicht auffiel. Alles war vorbereitet.

Wieder schaute sie auf ihre Uhr. Verdammt, wann fuhren sie bloß endlich los? Jede Sekunde zählte. Weil jeder Moment die Gefahr in sich barg, dass Adam oder Pierce ihr am Ende doch noch auf die Schliche kamen.

Nach einer halben Ewigkeit hörte Madeline, wie Autotüren zugeworfen wurden. Sie kam gerade noch rechtzeitig zum Fenster, um zu sehen, wie Adam und Pierce wegfuhren.

Endlich! Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie zur Tür rannte, auf den Flur hinaus und die Treppe hinunter. Im Foyer blieb sie kurz stehen und zwang sich, langsamer zu laufen, für den Fall, dass ihr am Ende doch noch jemand begegnen sollte. Sie ging in die Bibliothek und verschloss die Tür hinter sich.

Aufatmend lehnte sie sich dagegen und schaute sich um. An der gegenüberliegenden Wand hing ein großes Ölgemälde, das eine meisterhaft wiedergegebene Landschaft zeigte. Dahinter befand sich der Tresor.

Sie ließ ihren Blick über das Bild schweifen, während sie ihren ganzen Mut zusammenraffte. Vier Monate lang hatte sie jede Gelegenheit genutzt, um anwesend sein zu können, wenn Pierce den Tresor öffnete; sie hatte sogar einen schier unersättlichen Hunger nach Sex vorgetäuscht, alles in dem Bemühen, die Zahlenkombination des Schlosses zu erfahren. Sie hatte geschaut, gelauscht, gezählt und gebetet.

Und sie hatte sie herausbekommen, Zahl für Zahl. Zumindest glaubte sie das.

Lieber Gott, bitte mach, dass es die richtigen Zahlen sind. Lass nicht zu, dass ich mich geirrt habe.

Madeline ging auf das Gemälde zu. Sie nahm es von der Wand. Ihre Hände bebten. Sie waren schweißnass. Sie stellte die erste Zahl ein, dann die zweite und so weiter. Endlich legte sie die Hand an den Griff und zog.

Nichts rührte sich.

Sie hätte fast laut aufgeschrien vor Enttäuschung, aber instinktiv hielt sie sich zurück. Ohne Geld würde sie nicht weiter kommen, als das Benzin reichte. Ohne Geld hatte sie keine Möglichkeit, Grace von hier wegzubringen, keine Möglichkeit, sie zu verstecken und zu beschützen.

Bleib ganz ruhig, Madeline. Hol tief Atem, und versuch es noch einmal.

Sie tat es.

Der Tresor ließ sich öffnen.

Schwindlig vor Angst und Erleichterung, griff sie hinein. Sie rückte einen schwarzen Samtbeutel beiseite, der mit einem silbernen geschwungenen „M“, dem Monarch-Logo, besetzt war. Sie zählte fünftausend Dollar ab, genug, wie sie fand, um sich und Grace an einen sicheren Ort zu bringen, wo sie sich niederlassen könnten und sie hoffentlich bald Arbeit finden würde.

Sie stopfte die Banknoten in die tiefe Tasche ihrer Strickjacke, dann rückte sie den Samtbeutel wieder an seinen ursprünglichen Platz und machte sich daran, die Tresortür zu schließen. Ihr Blick landete auf dem schwarzen Beutel.

Was wohl darin sein mochte?

Aus einem Impuls heraus griff sie danach, schnürte ihn auf und steckte die Hand hinein – und zog gleich darauf eine Hand voll funkelnder Edelsteine hervor. Diamanten, Rubine und Saphire. Ihr stockte der Atem. Angesichts ihrer Schönheit. Angesichts ihres Feuers. Obwohl sie sich kalt anfühlten in ihrer Hand, machte ihr Feuer sie heiß.

Weshalb sind sie hier? fragte sie sich, während sie sich einen besonders großen, glitzernden Stein aussuchte und ihn gegen das Licht hielt. Warum lagen sie nicht im Geschäftstresor, wo sie hingehörten? Dort wären sie besser aufgehoben und zudem in voller Höhe versichert. Es machte keinen Sinn. Adam und Pierce waren doch sonst so clevere Geschäftsleute.

Madeline zog die Augenbrauen zusammen. Sie hatte keine Zeit für so etwas; was Pierce und Adam mit dem Firmeneigentum anstellten, konnte ihr egal sein. Es war ihr immer egal gewesen. Sie tat die Steine zurück in den Beutel und diesen wieder in den

Tresor.

Nimm sie mit.

Dieser Gedanke schoss ihr durch den Kopf und damit einhergehend die überwältigende Gewissheit, dass sie die Steine eines Tages brauchen würde, dass Grace sie brauchen würde. Madeline schüttelte den Kopf, sowohl um die Gewissheit als auch den Gedanken zu vertreiben, doch es gelang ihr nicht. Sie war übernervös und verängstigt, sie konnte nicht mehr klar denken. Wenn sie die Steine mitnähme, würden Pierce und Adam noch entschlossener nach ihr suchen. Und sie würden sie womöglich sogar wegen Diebstahls vor Gericht bringen.

Sorgfältig verschloss sie die Tresortür und überzeugte sich anschließend davon, dass sie sich nicht mehr öffnen ließ, dann drehte sie sich um und ging zur Tür. Auf halbem Weg blieb sie, geblendet von einer grauenhaften Vision, wie erstarrt stehen. Sie sah Schnee. Und Blut, das sich über einen glänzenden Fußboden ergoss. Im Schnee glitzerten Diamanten. Ihr Mund wurde trocken; auf ihrer Oberlippe bildeten sich feine Schweißperlen. Sie sah dunkles Wasser, das einen Menschen langsam in die Tiefe zog, ihn schließlich ganz verschluckte.

Sie begann zu zittern. Nimm die Steine. Nimm sie sofort.

Mit einem Schrei, der ihr nacktes Entsetzen widerspiegelte, rannte Madeline wieder zu dem Tresor, stellte mit fliegenden Fingern die Zahlenkombination ein, öffnete ihn und griff nach dem Säckchen. Dann machte sie ihn, so schnell sie konnte, wieder zu und hängte das Gemälde an seinen angestammten Platz.

Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Die Hand mit dem Samtbeutel an die Brust gepresst, rannte sie aus der Bibliothek. Sie spürte, dass sie kurz davor stand, hysterisch zu werden, und kämpfte dagegen an. Sie musste ruhig bleiben, wenn sie Grace beschützen wollte. Heute tat sie den ersten Schritt, aber in Zukunft würde jeder Tag eine Herausforderung bedeuten.

Niemand begegnete ihr. Madeline nahm an, dass die Haushälterin das Haus bereits ebenfalls verlassen hatte. Sie ging ins Kinderzimmer und trat an Grace’ Bett.

„Baby“, murmelte sie und rüttelte ihre Tochter sanft an der Schulter. „Schätzchen, es ist Zeit zum Aufwachen.“

Grace wimmerte im Schlaf und rollte sich, ihren Lieblingsteddy fest an die Brust gedrückt, herum. Madeline rüttelte sie ein bisschen fester. „Komm, wach auf, mein Herz, wir wollen verreisen. Es wird Zeit aufzustehen.“

Grace gähnte. Sie schlug die Augen auf. Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. „Hi, Mommy.“

Madelines Herz floss über vor Liebe und Glück. Sie konnte es gar nicht oft genug hören, wenn ihre Tochter sie so nannte, konnte gar nicht genug bekommen von dieser süßen Kleinmädchenstimme oder der Art, wie das Kind sie anschaute – als ob Madeline der wichtigste, der beste Mensch auf der ganzen Welt sei.

Sie liebte Grace so sehr, dass es sie fast ängstigte. Sie betete, dass sie im Begriff war, das Richtige zu tun.

„Ich muss dich anziehen, Schatz. Deine Sachen liegen dort drüben.“ Sie deutete auf den Schaukelstuhl, wo sie ihrer Tochter bereits Kleidungsstücke herausgelegt hatte. Sie sah, wie ihre Hände zitterten. „Meinst du, du könntest es für mich tun?“

Grace nickte und setzte sich auf; sie steckte den Daumen in den Mund – eine Angewohnheit, die Pierce nicht ertragen konnte – und schaute ihre Mutter an. „Mommy ist ganz aufgeregt.“

„Nein, Schätzchen. Nur in Eile.“

„Wohin fahren wir?“

Madeline zögerte. Was sollte sie ihrer Tochter sagen? Dass sie vorhatte, so lange zu fahren, bis sie nicht mehr konnte, wobei ihr einziges Ziel war, so viel Entfernung wie nur möglich zwischen sie und die Monarchs zu bringen? Kaum. Statt einer Antwort gab sie Grace einen zärtlichen Nasenstüber. „Wir werden eine Menge Spaß haben. Nur wir beide, du und ich.“

„Daddy nicht?“

Madeline schüttelte den Kopf. „Er muss arbeiten.“

Grace akzeptierte die Erklärung ohne eine Frage oder ein Murren. Tatsächlich standen sich Grace und Pierce nicht sonderlich nah; er war immer beschäftigt, und wenn er Zeit für sie hatte, erzog er an ihr herum – sie war zu laut, machte zu viel Unordnung, sie sprach die Worte nicht korrekt aus. Es kam kaum einmal vor, dass er sie in den Arm nahm und küsste; wenn er das Wort an sie richtete, schwang in seiner Stimme zwar Anerkennung, aber keine Liebe mit.

„Auch Großvater und Großmutter nicht?“

Madeline schüttelte den Kopf. „Nein.“

Grace schlang die Arme um sich. „Bruder auch nicht?“

„Bruder auch nicht“, gab Madeline scharf zurück. Der Bruder niemals.

„Na schön.“ Wieder gähnend, kletterte Grace aus dem Bett. „Die Kleider dort drüben?“

„Richtig, Liebes.“ Madeline ging zur Tür, und als sie sie erreicht hatte, drehte sie sich noch einmal um. „Fang schon mal an. Ich bin gleich wieder zurück, dann helfe ich dir mit den Söckchen und den Schuhen.“

„Ja, gut.“

Madeline ging in die Hocke und breitete die Arme aus. „Ich glaube, ich brauche ein Küsschen.“

Grace trottete zu ihr hinüber. Sie schlang ihre pummeligen Ärmchen um Madelines Hals und presste sich an sie. Madeline umarmte sie ebenfalls. Fest.

„Ich hab dich lieb, mein Herz. Mehr als alles andere auf der Welt. Ich werde dich immer lieb haben.“

„Ich dich auch. Ganz doll.“

Madeline küsste sie, dann richtete sie sich wieder auf. „Ich bin gleich wieder da. Zieh dich unterdessen an.“

Madeline eilte in die Halle, unterwegs schaute sie auf die Uhr. Die Zeit lief ihr davon. Zu viel Zeit. Sie musste so viel Entfernung wie nur möglich zwischen sich und diese Familie legen, und das so schnell, wie sie konnte. Wenn Pierce und Adam erst gemerkt hatten, was sie getan hatte, würden sie alles tun, um sie zu finden.

Sie eilte zu ihrem und Pierce’ Schlafzimmer. Dort rannte sie zum Bett, kniete sich hin und zerrte die Koffer hervor. Mit zitternden Fingern ließ sie bei ihrem Koffer das Schloss aufschnappen, streifte mit einem letzten Blick den Inhalt, um sich davon zu überzeugen, dass auch wirklich noch alles an seinem Platz war, dann steckte sie das Säckchen mit den Edelsteinen zwischen die Kleider. Anschließend verschloss sie den Koffer wieder, erhob sich und griff nach den Reisetaschen.

Pierce wusste es.

Dieser Gedanke schoss ihr plötzlich durch den Kopf und jagte ihr eine panische Angst ein. Eine Vorahnung. Sie schaute über die Schulter, halb in der Erwartung, ihn mit einem mörderischen Augenausdruck in der Tür stehen zu sehen.

Aber an der Tür stand niemand.

Ungeachtet dessen kroch ihr ein Schauer über den Rücken. Er wusste es. Lieber Herr Jesus, er wusste es.

Aber wie war das möglich? Sie schüttelte den Kopf. Wenn er es wüsste, hätte er den Inhalt ihres Koffers durchstöbert. Er hätte es ihr auf den Kopf zugesagt.

Reiß dich zusammen, befahl sie sich selbst, während sie sich die Reisetaschen umhängte. Sie musste sich in den Griff bekommen – zu Grace’ Bestem. Und zu ihrem eigenen. Nicht auszudenken, was Pierce täte, wenn er sie auf frischer Tat ertappte.

Womöglich tötete er sie.

Madeline holte tief Atem. In zwanzig Minuten würden sie und Grace im Auto sitzen, unterwegs in ihr neues Leben, endlich frei von dieser unglückseligen Familie. Alles lief nach Plan.

Nachdem sie sich mit einem Blick auf den Flur versichert hatte, dass niemand da war, kehrte sie ins Kinderzimmer zurück. Grace hatte im Badezimmer herumgetrödelt.

„Mommy, ich hab meine Zähne ganz doll geputzt. Ganz lange, jeden Zahn.“

Madeline atmete tief durch. Wenn sie jetzt die Geduld mit ihrer Tochter verlor, würde das die Angelegenheit gewiss nicht beschleunigen. „Braves Mädchen“, sagte sie mit erzwungener Ruhe. „Komm jetzt, wir müssen uns beeilen.“

Grace trottete ins Kinderzimmer zurück. „Warum?“

Madeline hielt Grace ihren Pullover hin. „Was warum?“ „Warum müssen wir uns beeilen?“

„Darum.“ Madelines Stimme kletterte eine Oktave höher, sie hörte die Hysterie, die darin mitschwang. Sie versuchte, sie zurückzudrängen, und lächelte ihre Tochter an. „Komm her, ich helfe dir beim Anziehen, mein Schatz.“

Sie tat es, und ein paar Minuten später war Grace abmarschbereit. Madeline setzte sie auf den Teppich neben den gepackten Koffer und reichte ihrer Tochter ihr Lieblingsspielzeug, dann begann sie, Grace’ Koffer mit Kleidungsstücken, Toilettenartikeln und einigen Spielsachen zu füllen. Sie packte nur das Nötigste ein.

Es klopfte an der Tür. Madeline fuhr herum, ihr Herz hämmerte. Es klopfte erneut.

„Mrs. Monarch? Ich gehe jetzt auf den Markt. Soll ich noch irgendetwas mitbringen?“

Die Haushälterin. Sie hatte das Haus noch nicht verlassen.

Als ob die Frau ihre Gedanken gelesen hätte, fuhr sie fort: „Ich wurde am Telefon aufgehalten. Wegen des Klempners. Sie haben versprochen, heute Nachmittag jemand vorbeizuschicken. Brauchen Sie sonst noch etwas?“

Madeline hatte Mühe, ihre Stimme zu finden. Sie öffnete den Mund, aber sie brachte keinen Ton heraus.

„Mrs. Monarch? Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

Madeline hörte die Besorgnis in der Stimme der anderen Frau mitschwingen. Sie bekam Panik; wenn sie nicht antwortete, würde die Haushälterin das Zimmer betreten. „Ich … ich … mir geht es gut, Alice. Nein, vielen Dank, ich brauche sonst nichts. Gehen … gehen Sie ruhig, wir kommen hier schon zurecht.“

„In Ordnung, Mrs. Monarch. Ach – noch etwas. Mr. Monarchs Büro hat angerufen, sie wollten ihn sprechen. Anscheinend hat er etwas vergessen und kommt noch einmal nach Hause zurück.“

Pierce? Nach Hause zurück?

Madeline stockte der Atem. Sie dankte der Frau und erinnerte sie daran, dass sie und Grace den ganzen Nachmittag im Zoo sein würden, dann wartete sie noch einen Moment, um sicher sein zu können, dass die Haushälterin das Haus verlassen hatte, bevor sie wieder in Aktion trat.

Wie viel Zeit hatte sie noch? Wie lange würde es dauern, bis Pierce zur Tür hereinkam? Sie wandte sich wieder Grace’ Koffer zu und machte eine kurze Bestandsaufnahme. Mehr konnte sie nicht einpacken. Sie hatte keine Zeit mehr. Keine Zeit.

„Mommy!“ Grace quietschte vor Begeisterung. „Schau!“ Madeline fuhr herum und sah, wie Grace sich eben anschickte, das Säckchen mit den Edelsteinen in ihren Schoß auszuleeren.

Mit einem Schrei stürzte sich Madeline auf die Tochter. „Nein! Böses Mädchen!“ Sie riss Grace den Beutel aus der Hand. Die Diamanten fielen heraus und landeten verstreut auf dem Parkettfußboden.

Grace starrte sie erschrocken an. Dann brach sie in heftige Tränen aus.

Madeline erhob kaum jemals die Stimme, wenn sie mit Grace sprach. Sie konnte die Male, die sie sie angeschrien hatte, an einer Hand abzählen.

„Es tut mir Leid, mein Herz. Daddy will, dass wir diese schönen Steine auf unsere Reise mitnehmen. Aber sie sind etwas ganz Besonderes, man darf nicht mit ihnen spielen.“ Sie umarmte ihre Tochter. „Es ist alles gut, mein Schatz. Komm, hilf mir, sie einzusammeln. Willst du das tun?“

Noch immer in sich hinein schluchzend, nickte Grace, dann suchten sie die Steine zusammen, taten sie in das Samtsäckchen und dieses in den Koffer. Madeline war sich jeder Sekunde, die verstrich, quälend bewusst. Sie ließ den Koffer zuschnappen, verschloss ihn diesmal, dann machte sie dasselbe mit Grace’ Koffer. „Komm, Liebes, wir gehen.“

Die Tür des Kinderzimmers öffnete sich. Madeline fuhr herum und erstarrte. Es war nicht Pierce, der zurückgekommen war. Es handelte sich um den anderen Mr. Monarch. Was schlimmer war, viel schlimmer.

Adam ließ seine Blicke über die Szene vor sich schweifen, dann blitzte in seinen Augen Erkenntnis auf. Auf seinem Gesicht spiegelte sich Wut. „Hast du die Absicht zu verreisen, Madeline, Liebes?“

Madeline befeuchtete sich die Lippen. „Es ist nicht so, wie du denkst. Es ist nur …“

„Wir machen einen Ausflug“, zirpte Grace und drückte sich glücklich ihre Babypuppe an die Brust. „Daddy kann nicht mitkommen. Er muss arbeiten.“

„Du lügst, du hinterhältiges Biest.“ Adam trat einen Schritt auf Madeline zu, seine Augen blitzten mörderisch. „Das hast du also vor. Deshalb hast du die ganze Zeit über die perfekte kleine Ehefrau gespielt. So fügsam, so hilfsbereit. Du hast vor, mir meine Enkelin wegzunehmen.“

Madeline wich einen Schritt zurück, das Herz klopfte ihr bis zum Hals. „Sie ist meine Tochter, Adam. Meine.

„Schöne Steine“, plapperte Grace. „Daddy hat uns schöne Steine mitgegeben für unseren Ausflug.“

Adam stutzte und schaute Grace einen Augenblick forschend an, dann wandte er sich wieder Madeline zu. „Du gehst nirgends mit ihr hin.“

„Du kannst mich nicht aufhalten.“ Madeline hob das Kinn und straffte die Schultern. „Ich muss sie beschützen. Ich habe alles versucht, um euch begreiflich zu machen, dass mit Griffen irgendetwas nicht stimmt. Ich habe …“

„Griffen ist ihr Bruder!“ Adams Gesicht verzerrte sich vor Wut. „Er ist mein Enkel. Ein Monarch, um Himmels willen!“

„Aber er ist gestört!“ schrie sie. „Er ist gefährlich! Ihr müsst das einfach sehen! Ihr müsst mir glauben, dass …“

„Was glauben?“ unterbrach er sie. „Die Wahnvorstellungen einer Frau, die sich einbildet, in die Zukunft sehen zu können? Bitte.“

„Ich habe euch erzählt, was ich mit eigenen Augen gesehen habe. Das habe ich mir nicht eingebildet. Er hat auf ihr gelegen, seine Hände waren …“

„Halt den Mund!“ schrie er, dunkelrot vor Zorn. „Du bist diejenige, die verrückt ist. Du bist es, die Hilfe braucht.“ Drohend machte er einen Schritt auf sie zu. „So, und jetzt hörst du mir mal ganz genau zu, du verrückte Schlampe. Ob du hier bleibst oder weggehst, ist mir schnurzegal, aber ich werde es nicht zulassen, dass du meine Enkelin mitnimmst, hast du das verstanden?“

„Ich muss sie beschützen. Du kannst mich nicht aufhalten.“ „Oh, das kann ich, glaub mir. Und ich werde es tun. Grace gehört hierher, in dieses Haus.“

„Das tut sie nicht!“ brüllte Madeline völlig außer sich und stellte sich zwischen Adam und Grace. „Sie ist kein Besitz. Um Himmels willen, sie ist ein Mensch, Adam!“

Er schüttelte den Kopf, plötzlich ganz ruhig geworden, nur in seinen Augen flackerte ein fanatisches Feuer. „Sie hat die Gabe, Madeline. Du weißt, dass ich sie nicht weglassen kann. Du weißt, dass ich es niemals tun würde.“

Madeline trat erschrocken einen halben Schritt zurück. „Adam“, sagte sie bittend, in der Hoffnung, ihn schließlich doch noch zu Verstand zu bringen, „sei realistisch. Woher willst du wissen, dass sie die Gabe hat? Sie ist erst fünf Jahre alt. Wie kannst du dir so sicher sein …“

Weil er verrückt ist, schoss es ihr durch den Kopf. Besessen von den Monarchs. Besessen von der Vorstellung, dass die „Gabe“ bei den Monarch-Töchtern von Generation zu Generation weitervererbt wurde. Getrieben von der Angst, dass ohne Grace, ohne diejenige, die die Gabe hatte, der Stern der Monarchs sinken würde.

Großer Gott, er war ebenso gestört wie Griffen.

Sie stieß ihn beiseite, in der Absicht, Grace an sich zu reißen und wegzurennen, doch er packte sie am Arm und hielt sie fest, das Gesicht verzerrt vor Wut und Hass. „Du wirst nirgendwohin gehen, Madeline.“

Sie schüttelte seine Hand ab. „Das werde ich wohl. Pierce wird von meinem Anwalt …“

Adam schlug zu. Seine Faust krachte so hart gegen ihr Kinn, dass vor ihren Augen Sterne tanzten. Mit einem Schmerzensschrei taumelte sie zurück. Sie krachte gegen die Kommode und riss im Fall die Lampe, die die Form einer Ente hatte, mit zu Boden.

„Mommy!“

Adam packte Grace, hob sie hoch und ging zur Tür. „Mommy! Ich will meine Mommy!“

Madeline gelang es, sich aufzurappeln, obwohl ihr Schädel so dröhnte, dass sie glaubte, er würde gleich explodieren. „Du nimmst mir meine Tochter nicht weg!“ Sie fiel Adam von hinten an, umklammerte ihn und krallte sich mit den Fingernägeln zu beiden Seiten in seinen Hals.

Er schrie schmerzerfüllt auf und ließ Grace los. Sie fiel auf den Fußboden. Adam wirbelte herum und versetzte Madeline erneut einen Kinnhaken. Sie taumelte zurück, krachte gegen das Bett und fiel der Länge nach darauf. Als sie sich wieder aufzurichten versuchte, sah sie ihn herankommen.

Er hatte vor, sie umzubringen.

Mit einem Schrei sprang sie auf die Füße. Er boxte sie wieder zurück; dann warf er sich über sie. Seine Hände legten sich um ihren Hals und drückten ihr die Luft ab. „Du verrücktes Biest. Hast du wirklich geglaubt, damit durchzukommen? Bildest du dir wirklich ein, du könntest uns unser Mädchen wegnehmen?“

Madeline umklammerte seine Hände und versuchte mit aller Kraft, sie wegzuziehen. Sie wand sich unter ihm und stieß mit den Füßen nach ihm, aber sie kam nicht gegen ihn an. Sie hörte Grace’ hysterisches Schluchzen und das angestrengte Ächzen ihres Schwiegervaters, der sich ihrer Angriffe zu erwehren suchte. Sie hörte ihren eigenen stummen Hilfeschrei.

Ihre Lungen brannten; ihr Gesichtsfeld wurde enger, die Ränder verschwammen. Über sich sah sie das Gesicht des Engels. Der Engel, der die Kinder beschützen sollte. Der Engel, der nicht in der Lage gewesen war, ihr Kind zu beschützen.

Madeline schlug in Todesangst wild um sich. Ihre rechte Hand streifte die schwere geschliffene Kristallvase auf dem Nachttisch neben dem Bett. Die Vase, die ein Taufgeschenk eines Freundes der Familie war. Die, in die sie immer rosa Teerosen stellte. Sie schloss die Finger fest um den schlanken Hals, hob sie hoch und schlug zu. Die Vase traf Adam seitlich am Kopf. Er ächzte vor Schmerz und lockerte den Griff um ihren Hals.

Sauerstoff schoss in ihre Lungen; sie brannten, und sie rang keuchend nach Luft. Sie holte erneut zum Schlag aus. Als sie diesmal traf, hörte sie ein scheußliches Krachen. Blut begann zu fließen. Grace schrie.

Adam kam taumelnd auf die Füße. Seine rechte Gesichtshälfte war blutüberströmt, und Blut färbte sein weißes Hemd rot. Er hob die Hand und fasste sich an den Kopf, dann schaute er Madeline ungläubig an. Einen Augenblick später drehte er sich einmal um sich selbst, dann fiel er langsam, wie in Zeitlupe, in sich zusammen und stürzte mit einem dumpfen Krachen zu Boden. Blut spritzte auf Grace, die noch immer einen gellenden Schrei nach dem anderen ausstieß.

Madeline kam mit Mühe auf die Füße und stolperte zu Adam hinüber. Er lag bewegungslos mit totenblassem Gesicht da, um seinen Kopf bildete sich eine Blutlache. Sie hatte ihn getötet. Großer Gott, sie hatte Adam Monarch getötet.

Sie streckte die Hand nach ihm aus, in der Absicht, seinen Puls zu fühlen, dann hielt sie mitten in der Bewegung inne. Die Erkenntnis traf sie wie ein Fausthieb. Ihre Vision, die Vision, die sie vorhin in der Bibliothek gehabt hatte, und jene von vor fünf Jahren. Blut ergoss sich über den glänzenden Fußboden. Madeline schlug sich die Hand vor den Mund. Glitzernder Schnee und schwarzes Wasser, ein Körper, der in die Tiefe gezogen wurde.

Es war noch nicht vorüber.

Mit einem Schrei zog sie ihre Hand zurück. Sie musste weg hier, und zwar sofort; bevor man entdeckte, was sie getan hatte. Bevor man ihr Grace wegnehmen konnte.

Madeline riss die Koffer an sich, schrie ihrer Tochter zu mitzukommen und rannte aus dem Haus.

2. TEIL

Der Jahrmarkt

3. KAPITEL

Lancaster County, Pennsylvania, 1983

Die Landschaft war üppig und grün und fruchtbar. Zwischen die sanften Hügel schmiegten sich Farmhäuser aus dem neunzehnten Jahrhundert, die Wiesen waren mit Kornsilos und Windmühlen betupft, auf den Straßen zockelten gemächlich Pferdefuhrwerke entlang.

Es war ein malerischer Anblick. Eine ländliche Idylle. Tag für Tag strömten Touristen nach Lancaster County, um die Atmosphäre zu schnuppern und sich – sei es auch nur für eine Woche oder zwei – in das vergangene Jahrhundert zurückversetzen zu lassen.

Dem siebzehnjährigen Chance McCord hing es restlos zum Hals heraus, im neunzehnten Jahrhundert zu leben. Die Idylle machte ihn krank. Er befürchtete, den Verstand zu verlieren, wenn er auch nur noch einen einzigen Tag in dieser ewiggleichen Hölle leben müsste.

Chance durchquerte sein spartanisch möbliertes Schlafzimmer und ging hinüber zum offenen Fenster, blieb davor stehen und starrte hinaus in den Abend. Er wollte seine Blue Jeans anziehen. Er wollte Rockmusik hören und fernsehen. Er wollte mit seinen Freunden herumhängen – Himmel, oder mit irgendwem, der so dachte und fühlte wie er selbst. Du großer Gott, sogar nach der Schule sehnte er sich. Die Amish People hielten nichts davon, Jugendliche in seinem Alter noch zur Schule zu schicken. Mit sechzehn war man in ihren Augen alt genug, um seine Pflichten gegenüber der Familie und der Gemeinschaft zu erfüllen, indem man Farmarbeit verrichtete. Er erfüllte seine Pflichten bereits seit einem Jahr, aber verdammt, er hasste Kühe.

Er stützte sich auf das Fensterbrett auf und atmete tief die milde Abendluft ein. Vor einem Jahr noch wäre es ihm unvorstellbar gewesen, dass er sich eines Tages nach der weit verzweigten, unwirtlichen High School im Norden von Los Angeles zurücksehnen könnte, wo er sich immer wie ein Gefangener gefühlt hatte. Er hätte nicht im Traum daran gedacht, dass er sich jemals wünschen könnte, in seinem Englischkurs zu sitzen, wo der alte Waterson in monotonem Tonfall irgendetwas von einem Dichter herunterleierte, der schon lange vor der Erfindung der ersten Elektrogitarre das Zeitliche gesegnet hatte.

Jetzt wusste Chance, was es hieß, ein Gefangener zu sein.

Wenn er es nicht bald schaffte, hier rauszukommen, würde er eingehen wie eine Primel.

Nicht, dass seine Tante Rebecca – die Schwester seiner Mutter – oder ihr Mann Jacob schlechte Menschen gewesen wären. Ganz im Gegenteil, sie waren absolut fehlerlos. Sie hatten ihn zu sich genommen, nachdem seine Mutter gestorben war und sein reicher Vater – falls Chance ihn überhaupt so nennen konnte, denn er hatte die Existenz seines Sohnes niemals zur Kenntnis genommen – sich geweigert hatte, für ihn zu sorgen. Seine Tante und sein Onkel hatten ihn bei sich aufgenommen, obwohl sie es mit vier eigenen Kindern ohnehin nicht leicht hatten.

Und es war auch nicht so, dass sie ihn nicht mochten, obwohl ihm das gelegentlich so vorkam. Sie hatten einfach nur ihren Glauben, und mit diesem Glauben hatten sie ihr Herz gepanzert. Sie erwarteten von ihm, ebenfalls so zu glauben und zu leben, wie sie es taten.

Doch das konnte er nicht. Es war nicht in ihm.

Chance begann, unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen, wobei er sich wie so oft wie ein gefangenes Tier im Käfig fühlte. Sie waren heute mit dem Pferdewagen in die Stadt gefahren, er, sein Onkel Jacob und Samuel, dessen zehnjähriger Sohn. Und dort hatte Chance das gesehen, was ihn seitdem beschäftigte. Einen Jahrmarkt mit Riesenrad, Karussells, Geisterbahn, Wahrsagerin und allem, was sonst noch dazugehörte. Ein Jahrmarkt mit einer Truppe, die von Ort zu Ort reiste und die Art von Show veranstaltete, von der Chance nicht einmal gewusst hatte, dass sie überhaupt noch existierte.

Das ist die Gelegenheit, hatte er gedacht. Vielleicht.

Während Jacob seinen Besorgungen nachging, war er, Chance, mit Samuel über den Jahrmarkt geschlendert und hatte sich umgeschaut. Als Jacob sie schließlich fand, war er wütend, obwohl er seine Stimme nicht erhob. Was er zu Chance sagte, tat weh, obwohl er sich nichts anmerken ließ; die Dinge, die sein Onkel ungesagt ließ, die Art, wie er Chance anschaute, trafen ihn bis ins Mark.

Später hörte er, wie sein Onkel und seine Tante sich stritten. Chance beugte sich übers Fensterbrett und schaute hinunter. In der Ferne konnte er den schwachen Schein der Lichter des Jahrmarkts erkennen. Frustration machte sich in ihm breit, der auf dem Fuß ein schlechtes Gewissen folgte. Er hatte Unfrieden in dieses Haus gebracht, er war schuld daran, dass zwischen seinem Onkel und seiner Tante, zwischen den Kindern und ihren Eltern Spannungen entstanden waren. Es war eine Familie und eine Gemeinschaft, die Außenseiter nicht ertragen konnte.

Er war hier ein Außenseiter.

Er würde es immer sein.

Chance legte seine Stirn aufs Fensterbrett und träumte von Freiheit. Er versuchte sich vorzustellen, wie es wohl sein mochte, von Stadt zu Stadt zu reisen, ohne dass einem ständig jemand vorschrieb, was man zu denken oder wie man sich zu verhalten hatte.

Ein Jahrmarkt. Eine Chance. Ein Ausweg.

Sein Herz begann schneller zu klopfen. Er passte nicht hierher, er würde nie hierher passen. Das Gefühl war nicht neu für ihn, er hatte nie irgendwo reingepasst, er war immer ein Außenseiter gewesen, selbst mit seiner Mutter in L.A.. Aber er hatte große Pläne, Träume, die zu verwirklichen er entschlossen war.

Seine Mutter. Wie immer, wenn er an sie dachte, sah er ihr Bild ganz klar vor sich. Er sah ihr hübsches Gesicht und ihr Lächeln, er erinnerte sich an den gedankenverlorenen Blick, den sie oft hatte, ließ ihre Angewohnheit, direkt über seiner rechten Schulter ins Nirgendwo zu starren, vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Wenn er an sie dachte, wurde ihm die Brust eng und schmerzte. Chance ballte seine Hände, die an der glatten, kalten Scheibe lagen, zu Fäusten. Connie McCord hatte sich nach so vielen Dingen gesehnt, nach Dingen, die ihr das Leben vorenthalten hatte, Dingen, die der Tod aus ihrer endgültigen Reichweite gerückt hatte.

Aber in seiner Reichweite lagen sie noch. Und er würde sie bekommen. Er wusste, was er wollte, was er brauchte und verdiente. Er würde sein Glück mit beiden Händen beim Schopf packen. Er wollte nicht enden wie seine Mutter, immer enttäuscht und unausgefüllt, immer von draußen sehnsüchtig nach drinnen schauend.

Er würde nicht sterben, ohne all das erreicht zu haben, wonach er sich sehnte.

Chance wandte sich vom Fenster ab. Er würde seine Träume Wirklichkeit werden lassen. Und er würde jetzt damit anfangen, in diesem Moment. Irgendwie würde er einen Weg finden.

Ein Jahrmarkt. Die Gelegenheit, auf die er gewartet hatte. Es war Zeit, sich auf den Weg zu machen.

4. KAPITEL

„Marvel’s Carnival“ war eine traurige, müde Angelegenheit, eine der letzten ihrer Art, die sich kurz vor dem Aussterben befand. Vor vierzig Jahren, vor der Ausbreitung von High-Tech-Maschinen und riesigen gewinnträchtigen Vergnügungsparks hatte Marvel seine Blütezeit erlebt. Die Truppe, die sich zur Hälfte aus Schaustellern und zur anderen Hälfte aus Zirkusleuten zusammensetzte, war in den Sommermonaten von Stadt zu Stadt gereist, ein paar Tage oder eine Woche geblieben und dann wieder weitergefahren.

Heutzutage bestand für ein kleines Unternehmen wie Marvel längst nicht mehr eine solche Nachfrage wie in jenen glorreichen Tagen. Jetzt machte die Truppe nur noch in ländlichen Gegenden, in denen sonst kaum etwas los war, Station. An entlegenen Orten, von wo aus man schlecht die Möglichkeit hatte, in einen dieser schicken Freizeitparks zu kommen, an Orten, wo die Kinder – junge wie alte – nach ein bisschen Abwechslung hungerten, um sich die langen Sommerabende zu vertreiben.

Ihnen gab Marvel eine Menge zu tun, eine Menge zu gaffen. Den Kindern hatten es der Feuerschlucker und der Schlangenbeschwörer angetan, die Jugendlichen fühlten sich vom Riesenrad und Ähnlichem sowie von den Glücks- und Geschicklichkeitsspielen angezogen, während die Erwachsenen am Essen, den Akrobaten und den Schlangenmenschen ihren Spaß hatten. Die Wahrsagerin liebten alle, ganz besonders in diesem Sommer, wo es dem Jahrmarktsbesitzer gelungen war, eine wirklich gute anzuheuern.

Claire Dearborn – Madame Claire genannt – war ein wirklich guter Fang, denn sie hatte tatsächlich hellseherische Fähigkeiten und war keine Schwindlerin oder Hochstaplerin wie die meisten anderen vor ihr. Ganz am Anfang hatte Abner Marvel noch seine Zweifel gehabt, aber die hatten sich schnell aufgelöst, als bereits am zweiten Tag die gesamte Einwohnerschaft des Ortes bei ihr Schlange gestanden hatte, um sich von ihr die Zukunft voraussagen zu lassen.

Abner Marvel, einer der letzten alten Hasen im Schaustellergeschäft, hatte sofort geschaltet. Er hatte der Frau und ihrer Tochter einen eigenen Wohnwagen zur Verfügung gestellt und den Preis für fünf Minuten aus der Hand lesen von zwei auf fünf Dollar erhöht. Natürlich konnte man sich noch zusätzliche Zeit kaufen. Mit Aufpreis selbstredend.

Nach Meinung der zwölfjährigen Skye Dearborn hätte ihre Mutter mit ihren hellseherischen Fähigkeiten eine Menge mehr Geld verdienen können als in dieser drittklassigen fahrenden Flohbude, aber als sie dies ihrer Mutter gegenüber einmal zur Sprache gebracht hatte, hatte sie nur gesagt, dass sie gern mit Marvel unterwegs sei und dass Geld allein auch nicht glücklich mache.

Gegen das Reisen hatte Skye ebenfalls nichts einzuwenden, aber was Geld anbelangte, so teilte sie die Meinung ihrer Mutter ganz und gar nicht. Nach allem, was sie bisher vom Leben gesehen hatte, erschien es ihr so, dass die Reichen um vieles glücklicher waren als die Armen.

Skye musste den Kopf einziehen, als sie aus der Tür des Wohnwagens, in dem sie mit ihrer Mutter lebte, trat. Der Wohnwagenpark der Truppe befand sich am nördlichsten Ende des Rummelplatzes, so weit wie möglich abseits vom Ort des Geschehens. Aber man konnte trotzdem die Stimmen der Ansager und die hysterischen Schreie der Besucher aus der Geisterbahn hören, obwohl wirklich alles ganz harmlos war.

Sie und ihre Mutter reisten den Sommer über mit Marvel, und im Herbst würden sie sich wieder irgendwo niederlassen, in irgendeinem kleinen Nest, wo ihre Mom sich in einem Diner oder einem Drogeriemarkt einen Job suchen und sie, Skye, zur Schule gehen würde. Skye verzog das Gesicht, als sie an die Schule dachte. Die Schule ödete sie an. Sie hasste alles außer Kunst, und manche Schulen, in die sie gegangen war, waren so mickrig und hinterm Mond gewesen, dass es dort nicht einmal Kunstunterricht gegeben hatte. Deprimierend.

Doch in Wahrheit spielte es kaum eine Rolle, ob an der Schule Kunst unterrichtet wurde oder nicht, weil sie und ihre Mom ohnehin nie lange genug an einem Ort blieben, als dass sie dort etwas hätte lernen können. Immer wenn sie ihrem Ruf als wortgewandte Unruhestifterin wieder mal alle Ehre gemacht hatte, packten sie ihre Koffer. Skye konnte mehr als ein Dutzend Schulen aufzählen, die sie in den letzten paar Jahren besucht hatte.

Sie und ihre Mom lebten schon so, solange sie sich erinnern konnte. Ihre Mom sagte, sie seien Nomaden und Abenteurer; aber Skye dachte manchmal, dass sie vielleicht Kriminelle waren oder so was. Dieses ganze Rumgereise ergab ihrer Meinung nach überhaupt keinen Sinn.

Skye runzelte die Stirn und kickte eine achtlos weggeworfene Coladose beiseite. Die Dose war noch halb voll, und der Inhalt sprudelte heraus und spritzte ihr an die nackten Beine. Ärgerlich wischte sie sich die Tropfen ab. Wenn ihre Mom ihr nur die Wahrheit erzählen würde. Die paar Male, als Skye sie zur Rede gestellt hatte, hatte ihre Mutter abgestritten, ihr irgendetwas zu verheimlichen.

Sie log, dessen war Skye sich sicher. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass ihre Mutter vor etwas davonlief. Dass sie in ständiger Angst lebte.

Und das machte Skye auch Angst. Ihre Mutter war alles, was sie hatte.

Sie kletterte über die Absperrung, die das, was man den Hinterhof nannte, vom Vorderhof abtrennte, die Einheimischen von den Schaustellern. Direkt vor ihr lag der Mittelgang des Jahrmarkts, mit seinem grellen Mix aus Musik und Animation, den blinkenden Neonlichtern und den Düften nach Hot Dogs, gebrannten Mandeln und Zuckerwatte. Beide Seiten wurden von Karussells flankiert; die Showzelte – einschließlich dem ihrer Mutter – lagen am äußersten Ende.

Skye hatte keine feste Aufgabe bei der Truppe, aber sie half aus, wenn sie gebraucht wurde, und packte beim Auf- und Abbauen mit an, in den meisten Fällen jedoch fungierte sie als eine Art Aufreißerin, die versuchte, die Besucher zu animieren, ihr Glück an den Buden mit diversen Glücks- und Geschicklichkeitsspielen zu versuchen.

Sie hatte jedes Spiel selbst schon Millionen Mal gespielt; sie kannte alle Tricks, die man anwenden musste, um zu gewinnen, so dass es für die Zuschauer ganz leicht aussah. So leicht, dass sie stets den ganzen Arm voller Preise abmarschierte, während hinter ihr die Leute Schlange standen, ganz versessen darauf, auch eines von den großen quietschbunten Stofftieren zu gewinnen.

Als Skye den Mittelgang betrat, schlug ihr der Duft von Popcorn entgegen und ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Es war kurz vor acht, und der Betrieb war bereits in vollem Gang, der Mittelgang war gerammelt voll, sogar für einen Samstagabend. Skye schaute nach rechts, dann nach links, die Spielbuden hatten alle gut zu tun.

Bis auf die Münzwurfbude.

Sie schlenderte hinüber, blieb davor stehen, tat so, als würde sie einen Moment überlegen, und grub dann in ihrer Tasche nach einem Vierteldollar. „Was soll ich tun?“ fragte sie Danny, ein ekelhaftes Pickelgesicht, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht zu haben schien, sie zu quälen. Aber dies hier war Arbeit. Sie musste eben zusehen, wie sie mit ihm klarkam.

Er kam herüber. „Siehst du die Plattformen dort?“ Er deutete auf die drei übereinander stehenden Plattformen aus dickem Glas. Sie nickte. „Du wirfst einen Vierteldollar. Wenn er in der unteren landet, kriegst du einen kleinen Preis, auf der mittleren einen mittleren, und ganz oben wartet der Hauptgewinn auf dich.“

„Das ist alles?“

„Das ist alles.“ Er grinste verschlagen. „Babyleicht.“

Skye machte einen ersten Versuch, dann einen zweiten, wobei sie, um die Angelegenheit realistischer zu gestalten, absichtlich daneben zielte. Beim dritten Mal warf sie die Münze so geschickt, dass sie auf der Glasscheibe aufkam.

Sie klatschte in die Hände. „Ich habe gewonnen!“ kreischte sie. In gespielter Aufregung drehte sie sich zu den Leuten, die hinter ihr standen, um und rief in ungläubiger Freude: „Ich habe gewonnen! Ich fasse es nicht!“

„Hier, Lady“, sagte Danny und händigte ihr einen bunten Plüschpapagei aus. „Wie wär’s mit noch einem Versuch? Schnapp dir den Hauptgewinn. Du schaffst es.“

„Klar.“ Skye grinste. „Ich versuch’s noch mal.“

Eine Hand voll Münzen später ließ sie, den Arm voller Stofftiere, die Bude, an der sich jetzt die Leute drängten, hinter sich. Sie ging zu dem Vorratswagen, wo sie ihre Preise deponierte – sie behielt nie etwas für sich, das wäre nicht recht gewesen –, dann hüpfte sie wieder in den Mittelgang, um sich noch ein bisschen zu amüsieren.

Einen Augenblick später bemerkte sie, dass an einer Wurstbude Unruhe entstanden war. Ganz vorn in der Schlange stand ein Jugendlicher, dessen eine Hand sich um seinen Bauch krampfte, während er in der anderen einen angebissenen Hot Dog hielt.

„Mir ist ganz schlecht davon“, beschwerte sich der Junge lautstark. „Ich wette, er ist vergammelt oder so.“

Skye wurde neugierig und ging näher heran. Sie sah Marta, eine schwere Frau mit stahlgrauen Haaren und dem dazu passenden Gesicht, die den Jungen misstrauisch beäugte.

„Was meinst du mit schlecht?“

„Na schlecht eben. Kotzübel, Sie wissen schon.“ Er stöhnte und umklammerte seinen Bauch fester, dann krümmte er sich zusammen, als hätte er Magenkrämpfe. In die Leute hinter ihm kam Bewegung, sie traten vorsichtshalber alle einen Schritt zurück. Er hob seine Stimme noch ein bisschen mehr. „Ist es nicht verboten, vergammelte Würstchen zu verkaufen?“

„Wir verkaufen keine vergammelten Würstchen.“ Martas Stimme war schrill geworden. „Wir halten uns streng an die Vorschriften.“

„Hier, riechen Sie doch mal.“ Er hielt ihr seine Wurst unter die Nase. „Sie riecht vergammelt.“

Marta zuckte zurück, missbilligend das Gesicht verziehend. „Lass den Quatsch. Ich will nicht riechen. Ich sag dir, sie ist nicht vergammelt. Aber wenn du ein Problem damit hast, geb ich dir eben dein Geld zurück. Oder einen anderen Hot Dog.“

„Einen anderen Hot …“ Er stöhnte. „Ich will mit dem Besitzer oder dem Geschäftsführer oder sonst wem reden. Das ist nicht in Ordnung.“ Er krümmte sich wieder aufstöhnend zusammen. „Wenn ich sterbe, sind Sie schuld.“

In die Schlange kam wieder Bewegung; verschiedene Leute drehten sich um und schlenderten davon. Irgendjemand sagte etwas Abfälliges über Jahrmärkte. Skye runzelte die Stirn und schaute den Jungen abschätzend an. Er wirkte ein bisschen seltsam. Seine Jeans hatten mächtig Hochwasser, sein Haar war ungleichmäßig lang, als ob er es selbst mit einer Hand mit einer Küchenschere geschnitten hätte. Vorn auf seinem T-Shirt prangte der Name einer Band, die mindestens seit einem Jahr out war, und statt Tennisschuhen trug er irgendwelche grässlichen Arbeitsstiefel.

Seltsam, dachte sie wieder. Dieser Typ schauspielerte nur. Er versuchte, Marta zu verarschen, das stand für sie außer Frage. Sie hatte gesehen, wie er sich kaum das Grinsen hatte verkneifen können, als er sich zum zweiten Mal zusammengekrümmt hatte. Aber warum? Was erhoffte er sich davon?

Ganz bestimmt Geld. Sie verschränkte missbilligend die Arme über der Brust. Was Leute für Geld nicht alles machten.

„Der Besitzer heißt Abner Marvel“, sagte Marta, die es offensichtlich eilig hatte, ihn loszuwerden, bevor ihm das Essen aus dem Gesicht fiel. „Du findest ihn wahrscheinlich in dem Zelt dort hinten.“ Die Frau streckte den Zeigefinger aus. „Am Ende des Mittelgangs. Wenn er dort nicht ist, versuch es vorn am Eingang.“

Noch immer mit der einen Hand seinen Bauch und mit der anderen den Hot Dog umklammernd, drehte sich der Junge um und trottete in sich zusammengekrümmt in die Richtung, in die Marta gedeutet hatte.

Skye verengte die Augen. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, über alles, was bei Marvel ablief, Bescheid zu wissen. Sie wusste immer ganz genau, wer was tat und mit wem. Hier konnte kein Mensch heimlich auf dem Parkplatz rülpsen, ohne dass sie es merkte.

Und jetzt war sie entschlossen, dieser Sache hier auf den Grund zu gehen. Bei Marvel zog niemand ungestraft eine miese Show ab, nicht wenn es nach ihr ging.

Sie folgte ihm, wobei sie darauf achtete, ihn nicht aus den Augen zu verlieren, obwohl sie sich bemühte, eine gewisse Distanz nicht zu unterschreiten. Nachdem er ein ganzes Stück gegangen war, richtete er sich aus seiner zusammengekrümmten Haltung auf, warf einen Blick über die Schulter zu Marta an ihrem Wurststand, dann lächelte er. Einen Moment später schmiss er den Hot Dog in einen Abfalleimer und ging weiter. Jetzt sehr aufrecht und schnell.

Skye triumphierte. Sie hatte es doch gleich gewusst, dass dieser Typ nicht ganz koscher war.

„He! Kratzbürste!“

Skye blieb stehen und schaute über die Schulter auf den Jungen, der an der Schießbude arbeitete, ein besonders abstoßendes Exemplar der männlichen Gattung. Als sie und ihre Mutter noch neu waren bei Marvel, hatten er und ein paar seiner nicht weniger primitiven Kumpels versucht, ihr Angst einzujagen, indem sie sie nach Betriebsschluss in der Geisterbahn eingesperrt hatten. Doch statt sich zu ängstigen, war sie vor Wut fast im Dreieck gesprungen. Nachdem einer der Hilfsarbeiter sie schließlich entdeckt und herausgelassen hatte, hatte sie Rick aufgestöbert und ihm einen Faustschlag direkt auf die Nase verpasst, dass das Blut in Strömen geflossen war. Das hatte er ihr nie verziehen. Aber er hatte auch nie wieder versucht, ihr Angst einzujagen oder sie zu ärgern.

Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Was willst du denn?“

„Ich muss mal kurz weg.“

„Von mir aus. Ich hab keine Zeit.“

„Ich hab jetzt Pause. Marvel hat versprochen, Benny gleich rüberzuschicken, aber wenn ich jetzt nicht gleich ’ne Stange Wasser wegstellen kann, piss ich mir in die Hose. Los, komm rüber.“

Skye warf einen Blick über die Schulter auf den verdächtigen Jungen, dann schaute sie wieder zu Rick. „Musst du immer so ordinär daherreden? Du bist echt widerlich. Such dir jemand anders.“

„Wenn du nicht sofort deinen Hintern hierher bewegst, kannst du was erleben.“

„Oje! Ich sterbe vor Angst.“ Sie hob das Kinn. „Hast du gestern Spaß gehabt mit dem Mädchen? Sehr geschickt, wie du dich rausgeschlichen hast. Keiner hat dich gesehen. Bis auf mich. Was denkst du, wie Marvel das findet?“

Er wurde rot. Er warf ihr einen finsteren Blick zu, dann schob er die Hände in die Gesäßtaschen seiner Jeans. „Verdammtes kleines Biest. Scher dich hin, wo der Pfeffer wächst.“

„Dir haben sie ja das Gehirn amputiert.“

„Du bist ja nur neidisch, weil sich mit dir keiner trifft. Ich wette, du bist ’ne Lesbe oder so was.“

Für einen Moment blieb Skye die Sprache weg. Ihre Augen brannten, und ihre Brust schmerzte. Fieberhaft sann sie nach einer schlagfertigen Antwort, wobei sie sich Mühe gab, sich nicht anmerken zu lassen, wie hart Ricks Bemerkung sie getroffen hatte.

Sie hob ihr Kinn noch ein paar Zentimeter höher, einerseits, um ihm ihre Verachtung zu demonstrieren, und andererseits, um das Zittern zu unterbinden. Warum sollte es ihr etwas ausmachen, wenn Rick sie für hässlich und nicht liebenswert hielt? Was scherte es sie, ob er sie für eine … Lesbe hielt? Er war ein primitiver Dummkopf, und sie hasste ihn.

„Pass besser auf, was du sagst“, gab sie schließlich kontra, „sonst sag ich meiner Mom, dass sie dich mit einem Fluch belegt.“

Rick schnaubte verächtlich, allerdings mit deutlicher Verspätung. Skye wusste, dass Schausteller notorisch abergläubisch waren. Sie glaubten an Flüche, Zauberei und Hexen. Und die Wahrheit war, dass die Fähigkeiten ihrer Mutter ihnen eine Heidenangst einjagten. Sie glaubten irgendwie daran, dass, wenn Madame Claire ihnen ihre Zukunft voraussagen konnte – was tatsächlich der Fall war –, sie auch in der Lage sei, diese zu beeinflussen. Zum Schlechten.

Das war der Grund dafür, warum sie von Madame Claire so weit wie möglich Abstand hielten.

Skye grinste. Blöde abergläubische Hinterwäldler. So funktionierte es natürlich nicht. Aber wenn sie es unbedingt glauben wollten, konnte ihr das nur recht sein. Ihre Mutter hatte kein Interesse daran, in ihren Kreis aufgenommen zu werden, und Skye hatte auf diese Weise ein Damoklesschwert in der Hand, das sie über diejenigen, die ihr das Leben schwer machten, nach Lust und Laune verhängen konnte. Manchmal brauchte ein Mädchen so etwas, es war nur gerecht.

Sie war sich natürlich darüber im Klaren, dass es ihre Beliebtheit nicht gerade steigerte, wenn sie die hellseherischen Fähigkeiten ihrer Mutter ausnutzte, um die Ängste der Schaustellergehilfen zu schüren, aber dagegen ließ sich nichts machen. Sie war daran gewöhnt, sich unbeliebt zu machen und keine Freunde zu haben. Und wenigstens würde sie so niemanden vermissen, wenn sie und ihre Mutter ihre Zelte wieder abbrachen. Abschiede waren echt total beknackt.

Aber egal, ob sie Rick nun verabscheute oder nicht, sie war Teil der Truppe. Und er brauchte jetzt ihre Hilfe.

Skye warf noch einen letzten Blick in die Richtung, in die der mysteriöse Junge verschwunden war, dann seufzte sie und wandte sich Rick wieder zu. „Dann hau schon ab. Aber beeil dich. Ich hab nicht ewig Zeit.“

5. KAPITEL

Nachdem Chance sich noch einmal umgeschaut hatte – die Frau an dem Wurststand schien ihn bereits vergessen zu haben –, warf er seinen durchaus essbaren Hot Dog in den nächsten Papierkorb.

Es musste funktionieren. Abner Marvel musste ihm einen Job geben.

Einen anderen Plan hatte er nämlich nicht.

Chance wischte seine feuchten Handflächen an seiner erst kürzlich wieder auferstandenen Jeans ab. Er hatte sie, ein T-Shirt und einige weitere Überbleibsel aus seiner Vor-Lancaster-County-Zeit auf dem Speicher ausgegraben und alles in seinen Rucksack gepackt. Dann hatte er seiner Tante und ihrem Mann einen Brief geschrieben. Anschließend war er per Anhalter in den Ort gefahren.

Von dem Moment an waren ihm Flügel gewachsen. Die Show, die er vor der Würstchenbude abgezogen hatte, war ein letzter verzweifelter Versuch gewesen, mit dem Besitzer des Jahrmarkts in Kontakt zu kommen. Bevor er auf diese glorreiche Idee verfallen war, hatte er mindestens ein halbes Dutzend Schausteller gefragt, wer der Besitzer oder Geschäftsführer sei und wo er ihn finden könne, aber alles, was er geerntet hatte, waren misstrauische Blicke oder ein verdrießliches Schulterzucken gewesen. Und alle hatten sie ihm dasselbe gesagt – dass hier kein Job frei sei.

Dann war ihm sein Fehler klar geworden. Er hatte alles falsch gemacht – mit der Wahrheit kam er hier nicht weiter, er musste sich einen Trick einfallen lassen.

Wenn es eins gab, worauf die Leute reagierten, dann war es die Drohung, sie zu verklagen. Das zumindest hatte Chance von seinem Vater gelernt. Der Dreckskerl hatte ihn als einen Gegenstand betrachtet, für den man ihn haftbar machen konnte. Und als sonst nichts.

Damit war die Vergammelte-Wurst-Idee geboren.

Entschlossenheit, gepaart mit Selbstvertrauen, wallte in ihm auf. Chance rückte seinen Rucksack gerade und legte einen Zahn zu, ganz versessen darauf, seine Zukunft zu sichern.

Zielstrebig stiefelte er den breiten Mittelgang hinunter, in dem sich die Menschen dicht an dicht drängten. Die Leute redeten und lachten und rempelten ihn beim Vorübergehen an. Grelle pinkfarbene, grüne und gelbe Neonlichter erhellten die mondlose Nacht. Der Duft nach Popcorn ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Die Rockmusik dröhnte ohrenbetäubend, von jedem Stand ein anderer Song. Die Jahrmarktsbesucher schrien sich über den Lärm hinweg Begrüßungen zu, und die Mädels in der Achterbahn kreischten, was das Zeug hielt. Alle Geräusche zusammen erzeugten eine eigenartige Mischung, die einerseits scheußlich anzuhören, andererseits aber aufregend war.

Eine Gruppe lärmender Jugendlicher drängte ihn beiseite. Eins der Mädchen kicherte und schaute ihm nach, aber nicht aus Bewunderung, wie Chance wusste. Er war gewachsen in dem Jahr der Gefangenschaft bei seiner Tante, seine Schultern waren breiter geworden und seine Brust gewölbter. Die Konsequenz war, dass seine Jeans Hochwasser hatten und sein T-Shirt über der Brust spannte; er hatte es nicht mehr geschafft, seine Füße in seine alten Nikes zu zwängen, deshalb war ihm nichts anderes übrig geblieben, als die Stiefel, die er immer bei der Farmarbeit trug, anzuziehen. Er sah total unhipp aus.

Chance drückte den Rücken durch und straffte die Schultern. Nicht mehr lange, schwor er sich. Er würde an die richtigen Orte gehen und die richtigen Leute kennen lernen. Und eines Tages würden Mädchen wie die hier ihn anschauen und sich wünschen, wenn nicht sogar beten, dass er zurückschaute.

Vor sich sah er ein Zelt, vermutlich das, von dem die Frau gesprochen hatte. Tatsächlich gab es hier am Ende des Mittelgangs mehrere verschieden große Zelte. Chance beschloss, es in dem ersten zu versuchen. Es war leer bis auf einen Mann, der die Bühne fegte. Chance zögerte einen Moment und beäugte den bulligen Mann. Es erschien ihm zweifelhaft, dass es sich bei ihm um den Besitzer handelte, aber er musste herauskriegen, wo er Abner Marvel finden konnte.

Chance ging weiter in das Zelt hinein. Er räusperte sich. „Entschuldigen Sie, ich bin …“

„Die nächste Vorstellung fängt erst in einer Stunde an“, schnitt ihm der Mann das Wort ab. „Komm dann wieder.“

„Ich bin nicht wegen der Vorstellung hier.“ Chance schlenderte auf den Mann zu. „Ich suche den Chef.“

„Echt wahr? Den Chef?“ Chance hatte Glück und erntete einen Blick. Das Gesicht des Mannes ließ sich nicht anders als ramponiert beschreiben. Es sah aus, als ob jemand damit Baseball gespielt hätte, und das Ergebnis war deprimierend anzusehen.

„Genau den. Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich ihn finde?“

Der Mann ließ einen trägen Blick über ihn hinwegschweifen. Er hatte die massige Statur eines Gorillas, und er schaute Chance an, als ob er ihn auf der Stelle platt machen wolle. Zweifellos hatte er mit Vergnügen vor ihm schon jede Menge unliebsamer Störenfriede platt gemacht.

„Du hast ihn schon gefunden“, sagte er.

„Sie sind Abner Marvel?“

Angesichts der Ungläubigkeit, die in Chance’ Tonfall mitschwang, verzog der Mann den Mund. „Kein anderer. Und wer bist du?“

„Chance McCord.“ Er streckte ihm die Hand entgegen, aber der Mann übersah sie und begann wieder zu fegen.

„Was kann ich für dich tun, Chance McCord?“

„Ich suche einen Job.“

„Dachte ich mir. Was hast du dir denn so vorgestellt?“

„Irgendwas.“

„Dachte ich mir auch.“ Der Mann unterzog Chance einer erneuten Musterung, seine Zweifel standen ihm ins Gesicht geschrieben. Er hob die Augenbrauen. „Bist du schon achtzehn?“

„Seit letztem Monat“, schwindelte Chance. Er wurde erst im Oktober achtzehn.

„Komisch, ich hätte dich jünger geschätzt.“

Chance straffte die Schultern und reckte das Kinn. „Stimmt aber nicht. Und ich kann hart arbeiten.“

„Wissen deine Eltern, dass du hier bist? Wissen sie, dass du vorhast, von zu Hause abzuhauen und mit einem Jahrmarkt durchs Land zu tingeln?“

„Ich habe keine Eltern.“ Chance hob das Kinn noch ein bisschen höher. „Ich lebe bei meiner Tante.“

Der Mann räusperte sich, drehte den Kopf zur Seite und spuckte aus, dann schaute er Chance wieder an. „Weiß sie es?“

„Sie braucht es nicht zu wissen. Ich bin achtzehn.“

„Das hast du schon gesagt. Wie kommst du darauf, dass du hier bei uns zurechtkommst? Meine Jungs hier sind schon viel rumgekommen. Sie fassen keinen mit Samthandschuhen an.“

„Ist auch nicht nötig. Ich bin auch schon viel rumgekommen.“

„So siehst du aus.“ Er spuckte wieder aus, diesmal in hohem Bogen. „Bist du ein Amish?“

„Meine Tante. Ich nicht.“

„Und natürlich hast du noch nie auf einem Jahrmarkt gearbeitet?“

„Nein, Sir.“

Der Mann schüttelte wieder den Kopf. „Hör zu, Junge. Ich hab in meinem Leben schon viel Scheiß erlebt. Eine verdammte Menge widerlichen Scheiß. Ich bin schon so lange in diesem Geschäft, wie ich denken kann, mein alter Herr war auch Schausteller, genau wie sein alter Herr vor ihm auch. Ich hab das Geschäft von ihm übernommen, ich kenn es von der Pike auf. Es liegt mir im Blut. Aber wenn das nicht so wäre, würde ich hier lieber heute als morgen den Abgang machen.“ Er schnippte mit den Fingern. „Einfach so.“

Er schaute Chance in die Augen. „Es gibt ’ne Menge anderer Dinge, die ein Junge wie du mit seinem Leben anstellen kann. Geh und mach was davon. Irgendwas. Geh nach Hause. Vertroll dich wieder auf deine Farm. Ich brauch niemand.“

„Ich brauche aber einen Job.“ Chance machte einen Schritt auf den Mann zu, nicht besonders stolz darauf, dass er gezwungen war zu bitten. „Unbedingt. Ich kann hart arbeiten. Sie werden es sehen.“

„In meiner Truppe arbeiten alle hart. Tut mir Leid, Junge.“ Der Mann spuckte wieder aus, diesmal direkt in den zusammengefegten Dreckhaufen. „Vielleicht nächstes Jahr.“

Damit wandte er sich um und ging weg. Chance starrte ihm nach, sprachlos, ungläubig. Und nicht nur das, er fühlte sich völlig vernichtet. Vertroll dich wieder auf deine Farm, Junge. Geh zurück in die Hölle auf Erden.

„Warten Sie!“ Chance rannte dem Mann hinterher. „Ich mache die mieseste und unterbezahlteste Drecksarbeit, die Sie hier haben. Wenn Sie mir nur eine Chance geben.“

Abner Marvels hässliches Gesicht schien tatsächlich weicher zu werden. Er schüttelte den Kopf. „Hör zu, Junge, ich hab nichts frei. Es gibt hier im Moment keine Jobs. Tut mir Leid, ehrlich.“

„Aber … vielleicht kündigt ja heute Abend noch jemand“, klammerte er sich an seinen letzten Strohhalm. „Oder Sie müssen irgendjemand feuern. Es ist immer gut, jemand in der Hinterhand zu haben. Nur für alle Fälle.“

„So einen Firlefanz kann ich mir nicht leisten.“ Der momentanen Sympathie, die Chance auf dem Gesicht des Mannes gesehen hatte, machte Verärgerung Platz. „Hör zu, niemand kündigt mitten in der Saison. Wir sind den ganzen Weg hierher von unserem Winterquartier in Florida raufgekommen, und keiner meiner Jungs will sich ohne Fahrkarte erwischen lassen. Die einzigen Gründe, weshalb ich jemand feuern würde, sind Saufen, wenn einer eine Schlägerei anzettelt oder wenn sich einer an eine Minderjährige ranmacht. Aber keiner meiner Jungs macht so was, zumindest hab ich noch keinen erwischt. Sie wissen es besser. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“

Er zeigte mit dem Daumen auf den Ausgang. „Zieh Leine jetzt. Verschwinde. Ich hab zu tun.“

Diesmal folgte Chance Abner Marvel nicht mehr. Der Jahrmarktsbesitzer hatte ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er keinen Job für ihn hatte.

Es sei denn, es würde überraschend einer frei. Es sei denn, es würde ein Wunder geschehen.

Ein Wunder.

Chance verengte die Augen. Es musste einen Weg geben. Er würde nicht wie seine Mutter werden und sein ganzes Leben damit zubringen, sich Dinge zu wünschen, die er nicht hatte, und auf Gelegenheiten zu warten, die doch nie kommen würden.

Irgendwann im Leben musste man sich seine eigenen Gelegenheiten schaffen. Man musste sich seine Wunder selber machen.

Seine Mutter hatte das nicht verstanden. Er schon.

Chance wandte sich um und verließ das Zelt. Wenig später schlenderte er wieder den Mittelgang entlang, wobei er sich jeder Sekunde, die verrann, quälend bewusst war. Heute war der Jahrmarkt die letzte Nacht in Lancaster County. Morgen schon würde es zu spät sein.

An der Schießbude zu seiner Rechten hatte sich offensichtlich ein hitziger Streit entsponnen. Er wandte seine Aufmerksamkeit den beiden Halbstarken zu, die darin arbeiteten. Einer zog den anderen mit einer Geschichte über eine sexuelle Heldentat auf – mit dem Mädchen, auf das der andere scharf war.

„Weißt du, was das ist, Arschloch?“ Der hässlichere der beiden hielt eine kleine Plastiktüte hoch, die er aus seiner Gesäßtasche gezogen hatte. „Wenn Marlene das erst sieht, machst du keinen Stich mehr bei ihr.“

Der zweite brach in schallendes Lachen aus. „Ganz bestimmt. Weil sie sich auch von einem bisschen Gras beeindrucken lässt.“

Jetzt traten mehrere Besucher an die Schießbude, und der erste Typ schob den Plastikbeutel hinter eine Holzkiste, die vorn auf dem Tresen stand. Chance beobachtete die beiden, als sie den Kunden die Luftgewehre aushändigten, wobei sie sich gegenseitig immer wieder Rippenstöße versetzten und obszöne Schimpfwörter an den Kopf warfen.

Chance ließ sie nicht aus den Augen, er zermarterte sich das Gehirn, dann kam ihm die erleuchtende Idee. Die beiden hatten getrunken; Chance war sich sicher. Sie waren beide unbeherrscht, ihre Hemmschwelle war durch den Alkohol niedriger als normal. Angenommen, der Plastikbeutel mit dem Gras verschwände, dann würde der erste Typ den zweiten beschuldigen, ihn weggenommen zu haben, und eine nachfolgende Schlägerei war so sicher wie das Amen in der Kirche.

Doch wenn er sich erwischen ließe, wäre er dran, und man würde ihn hochkant vom Festplatz werfen. Aber wenn nicht …

Es war wahrscheinlich seine letzte Chance. Er musste sie ergreifen.

Er beobachtete. Und wartete. Die Gelegenheit kam schneller als erwartet – in Gestalt der heiß umkämpften Marlene. Bei ihrem Anblick fragte sich Chance, was der ganze Aufstand überhaupt sollte. Doch das konnte ihm egal sein.

Während die beiden Typen fast über ihre eigenen Füße stolperten und ihre Kundschaft komplett ignorierten, in ihrem Bemühen, die Aufmerksamkeit des Mädchens zu erringen, streckte Chance die Hand aus und schnappte sich unbemerkt die Tüte. Sein Herz klopfte wild, als er sie in seiner Tasche verschwinden ließ und sich dann so schnell wie möglich aus dem Staub machte.

Aber nicht zu weit. Er musste in der Nähe sein, wenn das Feuerwerk explodierte.

Er brauchte nicht lange zu warten. Sobald Marlene weitergegangen war, gerieten sich die beiden darüber in die Haare, wer eben besser abgeschnitten hatte. Einen Moment später hörte Chance ein wütendes Aufheulen.

„Du blödes Arschloch! Wo ist sie?“

„Wo ist was?“

„Meine Tüte, du Drecksack!“ Der eine näherte sich dem anderen mit drohend erhobenen Fäusten. „Rück sie raus, auf der Stelle!“

„Ich hab deine beknackte Tüte nicht. Im Gegensatz zu dir hab ich so einen Scheiß nicht nötig, kapiert?“ Er grinste seinen Rivalen schmierig an, dann wandte er sich ab. „Wichser.“

Jetzt stürzte sich der erste mit einem Wutschrei auf den zweiten. „Gib sie her, oder ich prügel dir die Scheiße aus dem Leib!“

„Lass mich los, du Arschloch!“ Der zweite schwang die Faust und versetzte seinem Kumpel einen donnernden Kinnhaken, so dass dieser ein paar Schritte zurücktaumelte. Es dauerte einen Moment, bis er sein Gleichgewicht wieder gefunden hatte, dann stürzte er sich wieder auf seinen Gegner. Er versetzte ihm einen harten Rippenstoß, und die beiden flogen gegen die roh gezimmerte Rückwand der Schießbude. Sie wackelte bedenklich. Alles Mögliche fiel herunter. Eine Frau schrie. Ein Kind brüllte los. Die beiden Schaustellergehilfen rollten eng umklammert über den Bretterboden, überhäuften sich mit Obszönitäten und schlugen sich fast die Köpfe ein.

„Das reicht!“

Das Bellen kam von Abner Marvel, der, drohend einen Baseballschläger schwingend, den Mittelgang heraufgestürmt kam. Er hatte noch zwei andere Männer bei sich, von denen der eine ebenso bullig wie Marvel war, und beide waren ebenfalls mit Baseballschlägern bewaffnet. Wie der alte Hase seine raue Crew unter Kontrolle hielt, war offensichtlich – ein Gedanke, der Chance veranlasste, noch einen Schritt weiter zurückzuweichen.

„Aufstehen! Alle beide!“

Die beiden ließen schlagartig voneinander ab und rappelten sich mühsam auf. Die Nase des einen war blutig, das Auge des anderen begann bereits lila anzulaufen und schwoll in Sekundenschnelle beängstigend an. Angesichts der Art, wie die beiden sich duckten, beschlich Chance der Verdacht, dass Abner Marvel nicht lange fackeln würde, seinen Baseballschläger auch zum Einsatz zu bringen.

Eine Strafmaßnahme, die er vielleicht von seinem Vater übernommen hatte.

„Er hat mich beklaut!“ Der erste zeigte anklagend auf den zweiten. „Er hat mich …“

„Das ist eine dreckige Lüge! Er ist nur stocksauer, weil Marlene mich …“

„Maul halten!“ donnerte Abner Marvel, das Gesicht hochrot vor Zorn. „Alle beide. Packt euren Krempel. Ich hab die Schnauze voll von euch, ihr seid gefeuert.“

Den beiden fiel fast der Kiefer herunter, dann begannen sie zu betteln, dass sie ihre Jobs behalten durften. Der alte Schausteller ließ sich nicht erweichen. „Ihr seid raus“, wiederholte er, diesmal ruhiger. „Ihr kennt die Spielregeln. Und jetzt verschwindet, bevor ich noch in Versuchung komme, den hier zu benutzen.“ Er schlug sich mit dem Baseballschläger auf die Handfläche. „Kommt bei meinem Wohnwagen vorbei, wenn ihr euren Kram zusammengepackt habt, und holt euch euren Lohn ab.“

Chance wartete nicht, bis die beiden Ausgebooteten abgezogen waren, sondern sprang vor. „Mr. Marvel! Warten Sie.“

Abner Marvel blieb stehen und drehte sich um, die Augenbrauen finster zusammengezogen.

„Ich habe eben zufällig mitbekommen, was passiert ist“, stieß Chance eilig hervor, wobei er sich nur allzu deutlich Marvels fleischiger Faust, die den Baseballschläger umklammert hielt, bewusst war. „Es sieht so aus, als ob Sie … ich meine, es sieht so aus, als ob gerade eine Stelle … frei geworden wäre.“

„Richtig.“ Marvel verengte die Augen. „Hast du einen Vorschlag?“

„Ja.“ Chance hielt dem Blick des Mannes, ohne mit der Wimper zu zucken, stand. „Ich bin Ihr Mann.“

Marvel griff in seine Brusttasche und holte eine Zigarre heraus. Er biss das eine Ende ab und spuckte es aus, dann zündete er die Zigarre an. In eine dicke Rauchwolke gehüllt, musterte er Chance.

„Auf dem Jahrmarkt“, sagte der Schausteller einen Moment später, „schaffst du es entweder, dir Respekt zu verschaffen, oder du bleibst auf ewig draußen. Hier bei uns in der Branche reden wir vom ersten Mai, weißt du, was das heißt?“

Chance durchforstete sein Gehirn nach einer einleuchtenden Erklärung. „Der Beginn der Jahrmarktsaison?“

„Falsch. Es bedeutet Greenhorn. Neuling. Anfänger. Es bedeutet, dass du ganz unten bist, dass du erst zeigen musst, was du drauf hast, bevor man dich akzeptiert. Und bis dahin gehörst du nicht dazu.“

Chance straffte die Schultern. „Null Problem. Ich musste mich schon öfter beweisen.“

„Und ich kann dir nicht helfen“, fuhr Abner, an seiner Zigarre paffend, fort. „Diese Jungs machen dich fertig, da kannst du Gift drauf nehmen.“

„Sie können mich nicht abschrecken.“ Chance trat einen Schritt auf ihn zu. „Ich brauche diesen Job. Ich brauche ihn dringend. Wenn Sie ihn mir geben, reiß ich mir den Hintern auf für Sie. Was diese beiden Stümper hier zu zweit gemacht haben, schaffe ich allein. Sie werden es sehen.“

Marvel lachte, es klang wie eingerostet. „Ich will verdammt sein. Größenwahnsinnig bist du gar nicht, was?“ Er nahm seinen Hut ab und wischte sich mit dem Unterarm über die Stirn. „Du machst den Job für zwei, sagst du? Na, das möchte ich erst mal sehen. Ich würde es wirklich gern sehen.“

„Geben Sie ihn mir, dann sehen Sie es.“

„Wenn ich dich beim Saufen erwische, fliegst du. Ebenso bei Schlägereien. Und lass die Finger von den einheimischen Mädels. Eine zweite Chance gibt es bei mir nicht, verstanden?“

„Ich werde keine brauchen.“

„Du pennst in einem Wohnwagen mit fünf anderen. Wenn du mit denen nicht klarkommst, ist es nicht mein Problem, dann fliegst du ebenfalls.“

„Ich komme klar.“

„Wie, hast du gesagt, heißt du?“

„Chance McCord.“

„Na schön, Chance McCord. Aber Mumm hast du, das muss man dir lassen.“ Marvel warf ihm noch einen letzten abschätzenden Blick zu, dann lächelte er fast unmerklich. „Was stehst du noch hier rum? Es gibt alle Hände voll zu tun. Am besten räumst du als Erstes das Chaos hier auf.“

6. KAPITEL

Skye saß im Schneidersitz auf dem Bett ihrer Mutter, auf dem Schoß ihren Skizzenblock. Sie führte ihren Kohlestift über das Papier. Wobei sie es genoss, den Stift in der Hand zu halten und das weiche, kratzende Geräusch zu hören, das er verursachte, wenn die Spitze über das Blatt glitt.

Sie lächelte in sich hinein und gab sich der Stille des Moments hin, in dem sie allein war mit ihrer Kunst. Viele solcher Momente gab es in ihrem Wohnwagen nicht. Obwohl er komfortabel war im Vergleich zu den meisten anderen Wohnwagen der Truppe, gab es doch nur zwei Türen, von denen die eine in das winzige Bad führte und die andere in diesen Schlafraum, der im hinteren Teil des Wohnwagens lag. Im offenen Raum im vorderen Teil befand sich in einer Nische eine ebenso winzige Einbauküche sowie eine Schlafcouch.

Normalerweise schlief Skye auf der Couch. Aber nicht immer. Manchmal teilten sie sich das Bett, und manchmal nahm auch ihre Mutter die Couch.

Skye vermisste ein eigenes Zimmer. Nicht, dass sie an einen Palast gewöhnt gewesen wäre oder so. Aber so beengt wie hier hatte sie bisher noch nie gelebt; sie waren auch noch nie mit so wenig Gepäck gereist. Die Unterbringungsmöglichkeiten waren auf zwei Spinde begrenzt, einen schmalen Einbauschrank und ein paar Fächer.

In diesem Sommer war ihre große Kiste mit den Zeichensachen ein Luxus.

Skye legte den Kopf schräg, um das Bild, das langsam Formen annahm, zu betrachten – ein Schmetterling. Skye führte den Stift wieder, diesmal automatisch und schnell, mit einer Sicherheit, als ob ihre Hand einen eigenen Willen besäße. Das Bild wuchs, veränderte sich. Innerhalb von kurzer Zeit hatte sie einen der Schmetterlingsflügel in einen kunstvollen geschwungenen Buchstaben verwandelt.

Den Buchstaben „M“.

Skye schaute auf das Bild, den Buchstaben, ihr Herz klopfte plötzlich rasend schnell in ihrer Brust, wie die Flügel eines gefangenen Schmetterlings gegen die Wand eines Glasbehälters. Skye erkannte das „M“, sie hatte es bereits hunderte von Malen gezeichnet, das erste Mal vor drei Jahren. Sie konnte sich noch lebhaft an diesen Tag erinnern. Sie war in einem Kunstkurs gewesen; ihre Lehrerin hatte es kommentiert. Skye erinnerte sich, dass sie sich plötzlich ganz atemlos gefühlt hatte. Sie erinnerte sich, wie sie auf das „M“ gestarrt und es gleichermaßen hübsch und hässlich gefunden hatte, erinnerte sich, dass sie sich zugleich angezogen und abgestoßen gefühlt hatte.

Genauso wie jetzt.

Skye holte tief und zitternd Atem. Seitdem hatte sie es immer wieder gezeichnet, manchmal so oft hintereinander, bis das Blatt ihres Zeichenblocks voll war.

Warum? Was hatte es zu bedeuten?

„Skye? Liebes … ist alles in Ordnung mit dir?“

Beim Klang der Stimme ihrer Mutter und dem Klopfen an der Tür schaute Skye überrascht auf. „Mom?“

Ihre Mutter öffnete die Tür und steckte den Kopf durch den Spalt. „Ich rufe schon seit fünf Minuten nach dir. Es ist gleich Zeit zum Mittagessen.“

„Entschuldige. Ich habe dich nicht gehört.“ Skyes Blick kehrte wieder zu dem Bild zurück. „Ich bin gleich fertig. Noch eine Sekunde.“

Statt in die Küche zurückzukehren, kam ihre Mutter zu ihr herüber. Sie starrte schweigend auf den Zeichenblock mit dem verzierten Schmetterling hinunter, und Skye versteifte sich. Sie brauchte nicht aufzuschauen, um zu wissen, dass das Gesicht der Mutter vor Angst erstarrt war.

So war es immer, wenn sie das „M“ zeichnete.

Skye schluckte schwer, in dem Bemühen, das Gefühl von Panik abzuwehren, das sich in ihrer Magengrube breit machte, und gegen den beginnenden Kopfschmerz anzugehen, der gegen ihre Schläfen drückte.

Sie führte ihren Stift über das Papier und widmete sich dem anderen Flügel. Einen Moment später war die Zeichnung fertig.

Noch immer starrte ihre Mutter auf das Blatt, und noch immer sagte sie nichts.

Das Schweigen ihrer Mutter nagte an ihr. Es tat weh. Skye hatte sie schon Millionen Mal nach dem „M“ gefragt. Ihre Mutter hatte immer dasselbe geantwortet – dass sie nicht wüsste, warum Skye es zeichnete.

Sie legte sich die linke Hand an die Schläfe. Vorausgesetzt, das stimmte, warum verhielt sich ihre Mutter dann so sonderbar?

Ihre Mutter fuhr ihr übers Haar. „Was ist los, meine Süße?“

Skye legte den Kopf in den Nacken und schaute zu ihr auf.

„Ich versuche mich daran zu erinnern, wo ich dieses ,M‘ gesehen habe. Es muss einen Grund geben, warum ich es ständig zeichne. Es muss.“

„Ich kann ihn mir nicht vorstellen, Liebling.“ Ihre Mutter lächelte, doch auf Skye wirkte es gezwungen. „Es ist einfach nur eins dieser Dinger.“

„Eins dieser Dinger“, wiederholte Skye, dann runzelte sie die Stirn und wandte sich wieder ihrem Skizzenblock zu. „Das macht keinen Sinn.“

„Sicher macht es das.“ Claire zuckte die Schultern. „Wahrscheinlich hast du dieses Monogramm irgendwann mal irgendwo gesehen und erinnerst dich wieder daran.“

„Aber wo?“ Skye ballte frustriert die Hände zu Fäusten. Sie hasste die Dunkelheit in ihrem Kopf, wenn sie sich zu erinnern versuchte, und das Gefühl der Hilflosigkeit, das sie dann jedes Mal überfiel.

Wie jetzt. Sie zog die Augenbrauen zusammen und durchforstete ihr Gedächtnis nach einer Erinnerung aus der Zeit vor dem Kindergarten, nach irgendeinem, wenn auch noch so winzigen Anhaltspunkt danach, wo sie geboren und wer ihr Vater war. Diese Erinnerungen hingen irgendwie mit dem „M“ zusammen, davon war sie überzeugt.

Aber wie?

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