Miss Susanna - Zur Liebe verführt!

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„Fahren Sie los!“ Das Feuer in den smaragdgrünen Augen der rassigen Schönheit funkelt verlockend. Aber Justin Connor denkt gar nicht daran, ihr zu gehorchen. Schließlich ist die Fremde einfach in seine Kutsche gestürmt! Auch wenn ihr Anblick ihm alle Sinne raubt, muss Justin herausfinden, was sie im Schilde führt …


  • Erscheinungstag 21.08.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751512817
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

London, Mai 1818

Oh, du willst mich heiraten?“ Helena Gammon rückte ein wenig von Justin Connor weg, ihre Hand immer noch auf seiner Brust unter dem Hemd. Irgendwo hinter seiner Kutsche, die in einer langen Wagenreihe vor den Vauxhall Gardens stand, schnaubte ein Pferd.

„Das meine ich ernst, weil wir gut zusammenpassen, vor allem nachts“, murmelte Justin am Hals der vollbusigen jungen Witwe. „Bald werde ich genug Geld haben und mich im Weinhandel etablieren. Und dazu brauche ich eine Ehefrau, die in meiner Branche ebenso gut zurechtkommt wie in meinem Bett.“

Sie befreite sich aus seiner Umarmung und faltete sittsam die Hände, als würden sie in der Kirche sitzen. „Da gibt es andere Dinge zu bedenken.“

Diese mangelnde Begeisterung über seinen Heiratsantrag hatte er nicht erwartet. „Zum Beispiel?“, fragte er, lehnte sich in die Polsterung zurück und fürchtete, was er hören würde, könnte ihm missfallen.

„Auch diesmal wirst du’s nicht schaffen.“ Mit einem gleichmütigen Achselzucken bekundete Helena, sein Fehlschlag wäre vorhersehbar gewesen.

„Ein Sturm hat mein Frachtschiff versenkt.“ Und mein Geschäft ruiniert. Eigentlich müsste das jeder verstehen, dachte er. Offenbar ein Irrtum. „Ein Schicksalsschlag. Dagegen kann man nichts machen.“ Monatelang hatte er sein Unternehmen sorgsam geplant, Nachforschungen angestellt, einen tüchtigen Kapitän engagiert und ein stabiles Frachtschiff für diverse Waren gechartert. Trotzdem lag sein erster Vorstoß in die Geschäftswelt auf dem Grund des Kanals, mit einem Großteil seines Investments. Er hasste Schiffe.

„Selbst wenn du erfolgreich gewesen wärst, ich habe kein Interesse mehr daran, als unbezahlte Dienstmagd die Projekte eines Ehemanns zu unterstützen. Viel zu lange habe ich mich für Mr. Gammon abgerackert. Jetzt will ich mein Leben genießen“, betonte Helena und zog das Oberteil ihres Kleids höher über die üppigen Brüste. „Heute Morgen habe ich Mr. Prestons Heiratsantrag angenommen.“

Was hast du getan?“ Justin hatte nicht bemerkt, dass der Pelzhändler um die Witwe herumscharwenzelte, geschweige denn erwartet, der alte Mann würde sich verlieben und vor ihr auf die Knie fallen.

„Nun, er schwimmt im Geld und hat Angestellte, die sich um seine Geschäfte kümmern.“

„Aber er ist weit über sechzig, und er wird dich im Ehebett wohl kaum amüsieren.“

„Deshalb bin ich hier.“ Herausfordernd berührte Helena ihn im Schritt. „Ich dachte, wir setzen unsere Liaison fort.“

Justin hielt ihre Finger fest. „Nachdem du mich seit einem Jahr kennst, solltest du mir Affären mit den Frauen anderer Männer nicht zutrauen. Niemals würde ich mich mit einer verheirateten Dame einlassen und sie zur Ehebrecherin machen.“

Irritiert zog sie ihre Hand zurück. „Seit wann nimmst du irgendetwas so ernst, abgesehen von Mr. Rathbones Geldverleih?“

„Alles, was zu Gewaltakten führen könnte, nehme ich sogar sehr ernst.“ Zum ersten Mal erkannte er Helenas wahres Wesen und verachtete sie dafür. Er hatte geglaubt, das Arrangement zwischen ihnen würde auf Respekt und Zuneigung beruhen, und sich offensichtlich getäuscht.

„Wenn das so ist …“ Sie streifte ihre Röcke über die Knie hinab. „Dann werde ich mich verabschieden. Mr. Preston erwartet mich in den Gardens.“

„Diese Heirat wirst du bitter bereuen.“ Justin stieß den Wagenschlag auf. „Jetzt verspricht er dir das Blaue vom Himmel herunter. Das wird er vergessen, sobald du seine Frau bist.“

„Ach, du hast ja keine Ahnung!“ Helena kletterte aus der Kutsche und eilte zum Eingang des Vergnügungsparks.

Seufzend schloss Justin die Tür und sank in die Polsterung zurück. Wie niederträchtig, dass sie ihm erst nach seinem Heiratsantrag verraten hatte, was sie wirklich von ihm hielt … Andererseits wäre es schmerzlicher, wenn er das erst nach der Hochzeit erfahren hätte. Er stopfte sein offenes Hemd in die Breeches und knöpfte die Hose zu, doch er bemühte sich nicht, die Knöpfe an seinem Hemd zu schließen, seinen Gehrock oder das verrutschte Krawattentuch in Ordnung zu bringen.

Draußen schlenderten mehrere Paare auf dem Weg zu den Vauxhall Gardens dicht an der Kutsche vorbei, fröhliches Stimmengewirr erfüllte die Luft.

Plötzlich wurde der Wagenschlag aufgerissen, und Justin beugte sich abrupt vor, in der Annahme, Helena würde zurückkehren.

Aber nicht sie war es, sondern eine schöne Fremde mit leuch-tenden Augen. Mit ihrer besonders intensiven Farbe erinnerten sie ihn an die Smaragde, die er einmal in Philip Rathbones Auftrag als Sicherheit für einen Kredit begutachtet hatte. Die Frau musterte ihn – nicht mit der koketten Berechnung einer Abenteurerin, sondern voller Willenskraft. Anscheinend wollte sie etwas sagen, denn sie öffnete ihre vollen Lippen, besann sich jedoch anders und presste sie zusammen. An zierlichen Ohren hingen goldene Ringe, während sie einen Fuß hob, um in die Kutsche zu steigen. Beim Anblick seiner unordentlichen Erscheinung zuckte sie zurück. Doch als Männerstimmen erklangen und ihre Aufmerksamkeit erregten, spähte sie über ihre Schulter.

Hastig kletterte sie in den Wagen und zog die Tür zu. „Fahren Sie weg, sofort!“, befahl sie. Atemlos setzte sie sich ihm gegenüber, in die Polsterung gedrückt, möglichst weit vom Fenster entfernt – vermutlich, damit sie von draußen nicht entdeckt werden konnte.

„Nein.“ Justin machte den Wagenschlag auf und bedeutete ihr, auszusteigen. In welchen Schwierigkeiten sie auch stecken mochte, er war nicht in der Stimmung, sich damit abzugeben, ganz egal, wie reizvoll diese Person wirkte.

„Bitte, Sie müssen …“ Sie beugte sich vor, um die Tür wieder zu schließen. Dabei näherte sie ihr Gesicht seinem, und er sah ein paar Sommersprossen auf ihrer Nase. Dichte dunkle Wimpern umrahmten die grünen Augen. Nervös fuhr sie sich mit der Zunge über ihre Lippen, sodass sie im schwachen Licht glänzten. Der Duft ihres Jasminparfüms mischt sich mit der kühlen Abendluft, die hereinwehte.

Gewiss, die junge Frau war verführerisch, aber sie würde Probleme aufwerfen, das spürte er. „Für heute hatte ich genug weibliche Gesellschaft, und es widerstrebt mir, für weitere Lustbarkeiten zu zahlen.“

Sie schloss die Tür und starrte ihn entrüstet an. „Weder Geld noch … sonst was will ich von Ihnen!“, zischte sie und schwenkte eine Hand in seine Richtung. Da sie keine Handschuhe trug, sah er ein goldenes Armband glitzern.

„Und was wollen Sie?“ Einen Ellbogen auf das Fenstersims gestützt, inspizierte er die junge Frau, mittlerweile eher interessiert als verärgert. Ihr Kleid zeigte keine der grellen Farben, die von Nachtschwalben bevorzugt wurden. Stattdessen umhüllte schimmernde apfelgrüne Seide ihre hoch angesetzten Brüste, deren Ansatz im dezenten Dekolleté lockte.

„Möglichst schnell von hier verschwinden.“ Vor lauter Ungeduld konnte sie kaum stillsitzen. Trotzdem gab er seinem Fahrer noch immer keine Anweisungen. Zorn und Furcht ließen ihre Augen immer heftiger funkeln.

„Warum?“

„Das geht Sie nichts an.“

„Da Sie in meinem Wagen sitzen, geht mich das sehr wohl etwas an. Außerdem scheinen Sie nicht zu der Sorte junger Frauen zu gehören, deren Eltern es gutheißen würden, wenn ihre Töchter in die Kutschen fremder Männer springen.“

Die Wangen gerötet, schaute sie angstvoll aus dem Fenster. „Gar nichts wissen Sie …“

„Erklären Sie mir alles, ich höre zu. Heute Abend habe ich nichts mehr vor.“

Doch sie fand keine Zeit, irgendetwas zu erzählen, denn die Tür schwang erneut auf. Zwei Männer starrten in den Wagen, für Zuhälter viel zu vornehm gekleidet. Seufzend legte der Ältere eine Hand über seine Augen. Der Jüngere holt tief Luft und musterte zuerst die Frau, ehe er Justins offenes Hemd und das lose Krawattentuch bemerkte.

„Wie können Sie es wagen!“, schrie er, packte ihn an den Revers des Gehrocks und zerrte ihn aus der Kutsche.

Bevor Justin sein Gleichgewicht erlangte, stolperte er die Trittleiter hinab, dann befreite er sich aus den Händen des Angreifers und schlug ihn kraftvoll ins Gesicht.

Der junge Mann fiel rücklings zu Boden und wirbelte eine Staubwolke auf. Verdutzt, aber keineswegs entmutigt, stand er auf. „Dafür werden Sie büßen!“

„Sie wären besser liegen geblieben.“ Justin hob beide geballten Hände. „Dann hätten Sie weniger Schmerzen.“

Wütend stürzte sich der Bursche auf ihn. Justin rammte ihm eine Faust in den Magen, worauf sich sein Gegner zusammenkrümmte, und presste ihm beide Ellbogen in den Nacken. Das Gesicht nach unten, sank der Mann hilflos in den Staub. Stöhnend drehte er sich um und drückte beide Hände auf seinen Bauch.

Justin zog seine Hemdmanschetten zurecht. „Habe ich Sie nicht gewarnt? Wären Sie besser liegen geblieben.“

„Nein, Vater!“, rief die Frau hinter ihm. „Es ist nicht das, was du vermutest!“

Justin wandte sich zu ihr und sah den älteren Mann drohend seinen Spazierstock schwingen.

Sofort sprang die Frau dazwischen, breitete die Arme aus, und eine abwehrende Hand berührte seine Brust. Justin blickte auf schmale, gespreizte Finger über seinem offenen Hemd hinab, der Daumen rutschte in den V-Ausschnitt und schien die erhitzte Haut zu liebkosen. Nur ein ganz leichter Kontakt, doch er brachte ihn aus dem inneren Gleichgewicht. Die Fremde riss schockiert die Augen auf ihn. Heftige Atemzüge hoben und senkten seine Brust unter der verwirrenden Berührung ihrer Handfläche, während er wartete, dass die Frau ihn loslassen würde. Seltsamerweise jagte der subtile Druck auf seiner Haut die Gefahr, die von den beiden Männern ausging, aus seinem Bewusstsein. Helenas Berührung hatte ihn niemals dermaßen erschüttert, niemals ein so betörendes Feuer in seinem Innern entfacht.

„Und was genau ist es?“ Der ältere Mann senkte den Stock und starrte die junge Frau immer noch erbost an.

Endlich entfernte sie ihre Hand und erleichterte die knisternde Spannung, ohne sie ganz zu vertreiben.

Der Jüngere hustete und rappelte sich vom Boden auf. Schwankend trat er neben den Älteren. Ein roter Fleck zeichnete sich auf einer seiner Wangen ab. Noch immer presste er beide Hände auf seinen Magen und konnte nicht gerade stehen. „Ist das der Mann, mit dem du dich kompromittiert hast, Susanna?“, würgte er hervor.

„Diese Frau habe ich nie zuvor gesehen“, knurrte Justin. Seine aggressive Haltung drohte beiden Gentlemen an, was ihnen blühen würde, falls sie weitere Attacken wagten. Nun war endgültig verflogen, was ihn mit der schönen Fremden verbunden hatte.

„Nein, das ist er nicht. Ich bin in seine Kutsche gestiegen, um mich vor euch zu verstecken.“ Mit einer stummen Bitte um Entschuldigung schaute sie Justin an, bevor sie sich zu ihrer Familie wandte. „Seinetwegen kam ich nicht hierher. Ich habe auf Lord Howsham gewartet, wir wollten heiraten. Aber er ist nicht erschienen.“

Von dieser Tatsache und dem vernichtenden Blick ihres Vaters bezwungen, verebbte ihr herausforderndes Selbstvertrauen. Trotz seiner schmerzenden Fingerknöchel empfand Justin ein gewisses Mitleid. Auch seine Hoffnungen waren enttäuscht worden

„Und wer ist er?“ Der junge Spund zeigte auf ihn.

„Wer zum Henker sind Sie?“, konterte Justin. Allmählich verlor er die Geduld.

Nun trat der ältere Gentleman vor und bekundete seine Autorität auf die gleiche Weise, wie Justin es mehrmals bei seinem eigenen Vater beobachtet hatte. „Ich bin der Duke of Rockland, das sind mein Sohn Edgar, Marquess of Sutton, und meine … äh … Tochter Susanna.“

Dass er seine verwandtschaftliche Beziehung zu der jungen Frau nur zögernd bestätigt hatte, entging Justin nicht, und er hob die Brauen. Doch das interessierte ihn nicht weiter. „Falls Sie mich beeindrucken möchten, gelingt Ihnen das nicht.“ Oft genug hatte er Philip Rathbone geholfen, Schulden von Gentlemen wie dem Duke of Rockland einzutreiben. Erlauchte Adelstitel imponierten ihm nicht.

„Was erdreisten Sie sich?“ Lord Sutton schwang eine Faust empor, bereit für eine weitere Schlägerei.

„Hör auf!“ Die dröhnende Stimme des Dukes gebot ihm sofort Einhalt. „Für heute Abend musste ich genug Handgreiflichkeiten mit ansehen. Ich glaube, wir sollten uns entschuldigen, Mr. …?“

„Connor.“ Justin deutete eine Verbeugung an.

„Tut mir leid, dass wir Sie für eine ungebührliche Situation verantwortlich machten, an der Sie keine Schuld tragen, Sir.“ Als der Duke of Rockland eine Hand auf seine Brust legte, funkelte ein Diamantring im Laternenlicht. „Sie verstehen sicher, wie leicht es war, einem solchen Irrtum zu erliegen.“

„Eigentlich nicht, Sir.“

„Dann begreifen Sie vielleicht, dass absolute Diskretion vonnöten ist.“

„Um meine Diskretion müssen Sie sich nicht sorgen.“ Justin wandte sich zu der Tochter des Dukes, die seinen Blick erwiderte, ohne mit der Wimper zu zucken. Eins musste er der jungen Dame zugestehen – sie ließ sich nicht einschüchtern.

„Gewiss, aber ich möchte mich Ihres Taktgefühls versichern, Mr. Connor. Wenn Sie so freundlich wären, mich morgen Nachmittag zu besuchen, könnte ich Sie für die Unannehmlichkeiten entschädigen …“

Mit diesem Trio wollte Justin nichts mehr zu tun haben. Aber er brauchte Geld, um mit seinem letzten Fehlschlag abzuschließen und ein neues Unternehmen zu gründen. Deshalb würde er die Chance nutzen, die ihm der Zufall durch die Kutschentür offeriert hatte. „Ich glaube, das können Sie.“

„Gut, bis morgen.“ Der Duke verbeugte sich knapp und führte seinen ungebärdigen Nachwuchs davon.

„Das verdient er nicht …“, begann sein Sohn zu protestieren.

„Da er dich zusammengeschlagen hat, solltest du den Mund halten“, mahnte sein Vater.

Nur die schöne Susanna wagte sich umzudrehen und warf ihm einen bittenden Blick zu. Aber er war nicht in versöhnlicher Stimmung, und er verspürte auch kein Mitleid mehr.

Weil seine Pläne für den Abend gescheitert waren, stieg Justin in die Kutsche und ließ sich nach Hause fahren. Der nächste Tag würde erfreulicher verlaufen. Mit der sicher beträchtlichen Summe, die er vom Duke of Rockland als Entschädigung und für seine Diskretion erhalten würde, konnte er Philip das Investment zurückzahlen, das er bei seinem letzten Unternehmen verloren hatte. Zudem müsste das Geld für die Eröffnung seines Weinhandels reichen. Diesmal würde er Erfolg haben – ganz egal, was Helena oder andere Leute glauben mochten.

„Was hast du dir bloß dabei gedacht?“, herrschte der Duke seine Tochter an, die ihm in der Karosse gegenübersaß.

„Wie eine Hure hat sie sich benommen“, höhnte Susannas Halbbruder. „Hast du von einem Bastard was anderes erwartet, Papa?“

„Halt den Mund, Edgar!“ Der Duke of Rockland trommelte mit den Fingern auf sein Knie. „Warum hast du dich selbst und die von mir versprochene Mitgift weggeworfen, Susanna?“

Weil ich mir ein eigenes Heim und eine eigene Familie gewünscht habe, statt mich ständig daran erinnern zu lassen, wie dankbar ich dir sein muss. Diese Gedanken wagte Susanna nicht auszusprechen. Nun schämte sie sich ihrer Dummheit, mit der sie die Situation noch verschlimmert hatte. „Das sagte ich bereits, ich war mit Lord Howsham verabredet. Wir wollten nach Gretna Green fahren.“

„Nach all den Gerüchten, die über seine Schulden kursieren, überrascht es mich nicht, dass er hinter dir her war – oder eher hinter deiner Mitgift. Hat er dich kompromittiert?“

Worauf wollte ihr Vater hinaus? Sie war nicht seine legitime Tochter, also würde er den Earl nicht zwingen, sie zu heiraten.

„So dumm, wie du glaubst, bin ich nicht“, log sie.

Wenn sie die Wahrheit gestand, würde der Vater sie aufs Land verbannen. Dann wäre alle Hoffnung, den Gemeinheiten der Familie des Dukes zu entkommen, verloren. Zum Glück verbarg das Dunkel im Wagen die Schamröte auf ihren Wangen. Welch eine naive Närrin war ich, weil ich Lord Howshams heuchlerischen Komplimenten glaubte …

Aber sie war so einsam gewesen – und er so aufmerksam und beharrlich. Dabei hatte sein Interesse nur ihrer Mitgift gegolten.

„Ich brachte dich nach London, um eine gute Partie für dich zu finden“, betonte der Duke. „Wie konnte ich ahnen, dass du auf die Schmeicheleien des erstbesten Mannes hereinfallen würdest? Offenbar wäre es besser gewesen, ich hätte dich auf dem Land in Rockland Place zurückgelassen.“

Hätte er das bloß getan, dachte Susanna. Doch sie schwieg, denn sie durfte ihn nicht noch mehr provozieren. Nun blieb ihr nichts anderes übrig, als die pflichtbewusste Tochter zu spielen und die Demütigungen zu erdulden, die der Vater und seine Familie ihr zumuteten. „Es tut mir leid, du hast recht. Ich war unbesonnen.“

„Allerdings. Was immer Howsham dir versprochen haben mag – heute Morgen erzählte mir meine Frau, er würde in zwei Wochen die Tochter des Earl of Colchester heiraten.“

„Auch ich würde eine Aristokratin und ihr reiches Erbe einem Bastard und einer bescheidenen Mitgift vorziehen“, spottete Edgar.

Susanna ballte die Hände. Am liebsten hätte sie in das geschwollene Gesicht ihres Halbbruders geschlagen. Was für eine Schmach … Einzig um sie zu verführen, hatte Lord Howsham sie mit seinen Liebesschwüren übertölpelt.

„Du solltest hoffen, Mr. Connor und Howsham werden dichthalten, andernfalls kann ich nichts mehr für dich tun“, drohte ihr Vater.

Und wenn schon, dachte sie resignierend. Trotz aller Mühe, die er sich nach seiner Meinung ihretwegen gab – er hatte keine Zuneigung oder echte Sorge um ihre Zukunft gezeigt. So wie seine Gemahlin Augusta versuchte er wohl nur, den Makel ihrer Existenz in seiner Familie möglichst schnell loszuwerden.

„Warum hast du diesen vulgären Menschen in unser Haus eingeladen, Papa?“ Edgar strich über den Bluterguss auf seiner Wange. „An deiner Stelle hätte ich ihn hinter Gitter gebracht, nachdem er mir das angetan hat.“

„Und ich an deiner Stelle würde lieber nicht in allen Londoner Zeitungen lesen, in welch eine peinliche Schlägerei ich verwickelt war“, entgegnete der Duke. „Außerdem glaube ich, Mr. Connor wird uns von Nutzen sein.“

„Was könnte er denn für uns tun?“

„Vielleicht löst er das neue Problem, das Susanna verursacht hat.“

Susanna krampfte sich der Magen zusammen. Genauso wie an jenem Vormittag nach dem Begräbnis ihrer Mutter, als der Duke of Rockland den kleinen Weinladen ihres Großvaters betreten und sie von oben herab gemustert hatte. Sofort war ihr bewusst geworden, ihr Leben würde sich ändern. Die Liebe und Fürsorge Mamas waren für immer verloren. Stets hatte sie ihr Bestes getan, um die Tochter im Kreis der Verwandten, Freunde und Nachbarn vor dem Makel der unehelichen Geburt zu schützen. Statt sie nach dem Tod ihrer Mutter in der gewohnten Umgebung von Oxford heranwachsen zu lassen, hatte der Duke sie in seinen Haushalt geholt – der Himmel mochte wissen, warum.

Niemals hatte sie auf der gleichen Stufe gestanden wie ihre Halbschwester Edwina, die verwöhnt, luxuriös gekleidet und in allen vornehmen Ballsälen präsentiert wurde. Susanna hatte die kaum geduldete Gesellschafterin und Anstandsdame der jungen Lady gespielt und sie nur zu gesellschaftlichen Anlässen begleiten dürfen, weil die Familie hoffte, dass sie dort jemanden kennenlernen würde, dem sie sie aufbürden konnten.

„Was immer du vorhast, Vater – ich will nicht darin verwickelt werden“, sagte sie verbittert und wurde mit einem eisigen Blick gestraft.

„Du wirst meine Wünsche erfüllen. Oder ich weise dir die Tür, du bekommst keine Mitgift und musst für dich selber sorgen, wie jeder zuchtlose kleine Bastard. Drücke ich mich klar genug aus?“

„Gewiss“, murmelte sie und täuschte kleinlauten Gehorsam vor. Dieser Abend war ein Rückschlag, aber keineswegs das Ende ihrer Pläne. Denn der Vater würde ihre Zukunft nicht bestimmen so wie an jenem Tag, als sie dreizehn Jahre alt gewesen war und er sie aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen hatte. Irgendwo würde sie das Leben führen, das ihr vorschwebte, irgendwie die tausend Pfund ihrer Mitgift erlangen und sich für immer von dem Duke und seiner Familie befreien.

2. KAPITEL

Justin durchquerte die imposante Eingangshalle im Stadthaus des Dukes am Grosvenor Square, unbeeindruckt von der prachtvollen Ausstattung.

Nicht zum ersten Mal betrat er das Haus eines bedeutsamen Adligen. Seit Jahren arbeitete er im Geldverleih seines Freundes Philip Rathbone und half ihm, Schulden einzutreiben. Auch Aristokraten gerieten hin und wieder in finanzielle Notlagen.

Der Butler führte ihn in die geräumige Bibliothek, wo der Hausherr ihn höflich begrüßte und ihm Platz anbot.

„Guten Tag, Mr. Connor. Danke für Ihren Besuch.“ Sie setzten sich in Ohrensessel. Zwischen ihnen stand ein kleiner Tisch mit verschiedenen Karaffen, und die wusste Justin sehr wohl zu würdigen.

„Was möchten Sie trinken, Sir?“, fragte der Duke.

„Etwas Teures.“

Sichtlich verblüfft, schenkte Rockland seinem Gast einen edlen Brandy ein und reichte ihm das Glas. Justin nippte daran. Exquisit, konstatierte er. Im Lauf der Zeit hatte er sich einschlägige Kenntnisse angeeignet, um die Zahlungsfähigkeit von Philips potenziellen Klienten an der Qualität ihrer alkoholischen Vorräte zu messen.

Nachdem der Duke ein Glas für sich selbst gefüllt hatte, kam er ohne Umschweife zur Sache. „Da Sie sich eine so gediegene Kutsche leisten, müssen Sie ein erfolgreicher Geschäftsmann sein.“

„Nun, ich kann nicht klagen“, erwiderte Justin achselzuckend.

Die Kutsche gehörte Philip. Seine eigene hatte er verkaufen müssen, um einige Investoren nach dem Untergang des Schiffs zu entschädigen. Der Verlust des imposanten Wagens und des Gespanns, zwei schöne Grauschimmel, war fast so schmerzlich gewesen wie der geschäftliche Misserfolg.

„Und was genau machen Sie?“, erkundigte sich der Duke.

„Ich arbeite für einen Geldverleiher, prüfe die Qualität der Sicherheiten, die seine Klienten einsetzen, und helfe ihm, Schulden einzutreiben.“

„Was zweifellos erklärt, warum Sie so gut mit Ihren Fäusten umgehen können.“

Justin warf dem Duke einen scharfen Blick zu. „Auf diese Weise erzwinge ich keine Zahlungen. Solche Methoden wende ich nur an, um mich gegen unberechtigte Attacken zu wehren.“

„Natürlich entschuldige ich mich für den Zwischenfall gestern Abend.“ Rockland ließ den Brandy in seinem Glas kreisen und nahm einen Schluck. „Nach dem ungehörigen Abenteuer meiner Tochter waren wir ziemlich aufgeregt und durcheinander. Weder mein Sohn noch ich konnten vernünftig denken.“

„Das verstehe ich“, log Justin, um seinen Vorteil zu nutzen. „Was mich betrifft – meine jetzige Tätigkeit möchte ich nicht mehr ausüben, sondern eine Weinhandlung gründen, sobald ich die nötigen Mittel besitze.“ Kein allzu subtiler Hinweis, aber er wollte keine Zeit verschwenden und zur Sache kommen.

Der Duke nickte. „Dann möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen, den Sie sicher akzeptieren werden. Wie Sie vielleicht gerüchteweise erfahren haben, ist Susanna Lambert nicht meine legitime Tochter.“

Davon wusste Justin nichts, und es interessierte ihn kein bisschen. Die Hälfte der Leute, mit denen er beruflich zu tun hatte, war unehelich geboren worden.

„Bevor ihre Mutter starb“, fuhr Rockland fort, „versprach ich ihr, Susanna eine Mitgift von tausend Pfund zu gewähren, wenn sie einen Mann heiratet, den ich respektieren kann.“

„Das ist sehr großzügig von Ihnen.“ Und beunruhigend, fand Justin. Was genau wollte der Duke ihm anbieten?

„Für meine Fehler übernehme ich stets die Verantwortung, das gehört zu meinen Grundsätzen.“ Ehe Rockland weitersprach, nippte er an seinem Brandy. „Wie Sie wahrscheinlich bemerkt haben, ist Susanna eine sehr eigenwillige junge Frau. Immer wieder verhält sie sich unbedacht. Deshalb fällt es mir trotz der Mitgift schwer, einen passenden Ehemann für sie zu finden. Beinahe hätte sie das Geld gestern Abend eingebüßt, weil sie sich viel zu impulsiv benahm. Nun muss ich die Situation möglichst schnell bereinigen, bevor alles verloren ist.“

„Für Sie, Sir, oder für Ihre Tochter?“, fragte Justin misstrauisch, weil er vermutete, der Duke würde sich nicht so sehr um die junge Dame sorgen, sondern eher um die Schande, die ihre Eskapade seiner Familie bereiten könnte.

„Für uns beide. Und für Sie, Mr. Connor. Wenn Sie Miss Lambert heiraten, bekommen Sie ihre Mitgift von tausend Pfund.“

Justin erstarrte, als er das Glas zum Mund führte. „Ich soll also Ihre Tochter heiraten?“

„Vorausgesetzt, Sie sind noch ledig.“

„Das bin ich.“ Die Stirn gerunzelt, erinnerte Justin sich an seinen Heiratsantrag, den Helena abgelehnt hatte – was immer noch ein bisschen schmerzte. Er nahm einen großen Schluck und schmeckte das Aroma des ausgezeichneten Brandys kaum. Ihr Verlust, nicht meiner…

„Gut.“ Rockland seufzte zufrieden. „Als Geschäftsmann werden Sie ein so verlockendes Angebot gewiss ernsthaft erwägen und die Einzelheiten des gestrigen Abends für sich behalten. Leider zweifle ich an Lord Howshams Diskretion, was diese Angelegenheit betrifft. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis Susannas Ruf für immer ruiniert und ihre letzte Chance auf eine vorteilhaftere Partie vernichtet wäre.“

Die Finger um das Glas gekrampft, versuchte Justin die unbeabsichtigte Beleidigung zu ignorieren. Er war kein Aristokrat, nur der Sohn eines Bürgerlichen, der so wie er selbst für Philip gearbeitet hatte. Aber obwohl er einen gesellschaftlichen Aufstieg anstrebte, wollte er dieses Ziel nicht auf Kosten einer impulsiven jungen Frau erreichen. „Sie braucht keinen Ehemann, sondern eine bessere Anstandsdame.“

„Offenbar verstehen Sie nicht, was ich Ihnen anbiete.“

„Doch. Geld und eine Verbindung zu Ihrer Familie. Was das wert ist, weiß ich. Und ich weiß auch, welchen Preis Ihre Tochter für meinen Gewinn zahlen müsste. So etwas würde ich keiner Frau zumuten.“

Verblüfft hob der Duke die Brauen. Mit solchen Bedenken hatte er wohl nicht gerechnet. „Sie findet diese Lösung des Problems geradezu fantastisch. Das versichere ich Ihnen.“

„Sie kennen mich nicht, Sir. Und Miss Lambert kennt mich auch nicht.“

„Nach allem, was ich gesehen habe, sind Sie ein ehrbarer, integerer Mann, der meine Tochter so behandeln wird, wie man es von einem anständigen Gatten erwartet.“

Empfand der Duke irgendetwas für sein Kind? Anscheinend nicht, dachte Justin. Beinahe wurde ihm übel. „Nein, ich …“

„Reden Sie mit ihr, dann werden Sie vielleicht merken, wie viel Sie beide miteinander gemein haben.“ Rockland erhob sich und öffnete die Tür zu einem Nebenraum. „Komm bitte herein, Susanna.“

„Ich fürchte, Sie irren sich.“ Auch Justin stand auf, fest entschlossen, diese lächerliche Farce zu beenden.

Von raschelnder Seide umhüllt, überquerte die junge Frau die Schwelle, und alles, was Justin für diesen Tag geplant hatte, war vergessen.

Schon im schwachen Licht der Laternen, die an den Bäumen der Vauxhall Gardens hingen, hatten ihn Miss Lamberts Augen fasziniert. Jetzt, im hellen Sonnenschein, raubte ihm dieses strahlende Grün einige Sekunden lang den Atem. Ohne ihren Vater zu beachten, trat sie näher und erwiderte seinen Blick. Kleine dunkle Locken streichelten ihre Wangen, den schlanken Hals und wippten bei jedem Schritt.

Diese Löckchen beneidete Justin, insbesondere die beiden über dem Ansatz des Busens. Unter einem hauchdünnen Fichu zeigte sich nur ein schmaler Streifen milchweißer Haut, die restlichen Rundungen verbarg ein rotbraunes Seidenkleid, das zur Haarfarbe seiner Trägerin passte und dem hell schimmernden Dekolleté einen warmen Schimmer verlieh.

In einer erotischen Fantasie stellte Justin sich vor, er würde sein Gesicht zwischen diese Brüste drücken und einen süßen Duft einatmen. Aber trotz der bezaubernden Kurven waren es Miss Lamberts Augen, die seine Aufmerksamkeit fesselten. Von wacher Intelligenz erfüllt, verrieten sie keine Gedanken – nur, dass welche existierten, die sich sicher nicht mit Firlefanz wie Mode oder Klatschgeschichten befassten. Ihrem Vater spielte sie die schüchterne, pflichtbewusste Tochter vor. Davon ließ Justin sich nicht täuschen. In ihrer Miene las er stählerne Entschlossenheit hinter der zurückhaltenden Fassade, die Willenskraft einer Frau, die einen ganz bestimmten Plan verfolgte. Gewiss, am letzten Abend hatte sie sich töricht verhalten. Das musste eine momentane Schwäche gewesen sein, die sie längst bereut hatte.

Die Schultern gestrafft, nahm er sich vor, der flüchtigen Lockung einer attraktiven Frau zu widerstehen. Niemals würde sie ihn zu dieser unsinnigen Heirat verleiten, mochte einer seiner Körperteile weiter unten auch gegen seine Ablehnung protestieren.

Der Duke stellte sie einander formell vor: „Mr. Connor – meine … Tochter Miss Susanna Lambert.“

Justin verbeugte sich höflich, und die junge Frau knickste.

„Nun lasse ich dich mit Mr. Connor allein, Susanna, damit du die Angelegenheit mit ihm besprechen kannst“, sagte Rockland und wandte sich zum Gehen.

Diese Worte brachen den Bann, den Miss Lamberts Augen ausübten, endgültig. „Und dann behaupten Sie vermutlich, diese Zweisamkeit hätte Ihre Tochter kompromittiert, Sir“, warf Justin ihm vor. „Nein, danke.“

„Das werde ich nicht tun, denn sie hat ihrem Ruf selbst bereits zur Genüge geschadet.“ Ohne ein weiteres Wort schloss der Duke die Tür hinter sich.

„Sehr charmant, Ihr Vater“, bemerkte Justin.

Miss Lambert verdrehte die schönen Augen. „Darum beneidet ihn ganz London.“ Sie ging zu dem Tischchen mit den Karaffen und schenkte sich einen Brandy ein – nur ein paar Tropfen. In einem Zug leerte sie das Glas und erschauerte.

Falls sie ihn schockieren wollte, gelang es ihr. Andererseits bewunderte er ihre Selbstsicherheit.

„Soll ich Ihnen auch noch etwas eingießen, Mr. Connor?“

„Nein.“ Für dieses Gespräch brauchte er einen klaren Kopf. „Ich nehme an, Sie sind mit dem Vorschlag Ihres Vaters einverstanden.“

Klirrend stellte sie das Glas ab. „Wie einfühlsam Sie sind …“

„Nun, es gehört zu meinem Beruf, die Pläne der Menschen zu erraten, noch bevor sie ihnen selbst bewusst werden. Dadurch kann ich Schwierigkeiten vermeiden.“

Ihre Mundwinkel zuckten. „So schwierig, wie mein Vater mich zweifellos bezeichnet hat, bin ich nicht – falls Ihnen das Sorgen bereitet.“

„Um gar nichts sorge ich mich, weil ich Sie nicht heiraten werde.“

„Doch.“ Sie verschränkte die Arme unter ihren Brüsten, die sich verwirrend hoben.

„Seien Sie versichert – nein.“ Justin zwang sich zur Konzentration, verblüfft über die Wirkung, die Miss Lambert so mühelos auf ihn ausübte.

„Sie verstehen wohl nicht, welche Vorteile Ihnen diese Vereinbarung bieten würde.“

„Oh, das verstehe ich sehr gut.“ Mit seinem Blick liebkoste er ihren wohlgeformten Körper, die schmale Taille, die gerundeten Hüften unter dem fließenden Kleid. Um sich abzulenken, trank er den Rest seines Brandys. Mit seinem Gehirn musste er argumentieren – nicht mit dem Drang zwischen seinen Schenkeln.

„Vorhin habe ich einen Teil Ihrer Konversation mit meinem Vater belauscht. Deshalb weiß ich, dass Sie glauben, ich wäre gegen diese Heirat. Da irren Sie sich.“

„Aber Sie kennen mich nicht. Ich könnte ein Trunkenbold sein, dem es Spaß macht, Frauen zu verprügeln.“

„Dafür sind Sie viel zu anständig. Sonst hätten Sie das Angebot meines Vaters angenommen, ohne mit mir zu reden.“

Also schmeichelte sie ihm – irgendwie eine effektive Taktik. „Mag sein. Trotzdem werde ich Sie nicht heiraten.“

„Und wenn ich Ihnen nützlich wäre?“

Er zwinkerte ihr zu. „Um so etwas zu erreichen, muss ich nicht heiraten.“

Jetzt runzelte sie die Stirn, und ihr Schmollmund erschien ihm viel zu verführerisch.

„Ich meine geschäftlich“, betonte sie. „Ich könnte meinen Vater veranlassen, sein Angebot zu erhöhen, weil er mich möglichst schnell loswerden möchte. Zudem würde er Ihnen profitable Kontakte in der Oberschicht verschaffen.“

„Auch das weiß ich, Miss Lambert. Aber ich würde mich weniger um meine Geschäfte sorgen als um meine Ehefrau.“ Justin stellte sein leeres Glas ab. „Natürlich wäre es mir unangenehm, Sie eines Tages im Bett Lord Howshams oder eines anderen Gentleman zu ertappen.“

Zum ersten Mal, seit sie den Raum betreten hatte, senkte sie den Blick, und ihre Wangen röteten sich. Doch ihr Schamgefühl währte nicht lange. Schon nach wenigen Augenblicken hob sie den Kopf und schaute Justin eindringlich an. „Dass Sie mir und meinen Beweggründen misstrauen, verüble ich Ihnen nicht. Und ich will zu Ihnen genauso ehrlich sein, wie Sie es zu mir waren. Aus reiner Wollust ließ ich mich nicht mit Lord Howsham ein, sondern weil dachte, er würde mir all das bieten, was mein … Vater mir stets verwehrte – die Freiheit meines eigenen Heims, eine Position, in der ich kein Bastard mehr wäre. Sie fürchten, ich würde jedem Lord nachstellen, der mir über den Weg läuft, Mr. Connor. In Wirklichkeit möchte ich nichts mehr mit Aristokraten zu tun haben. Nicht einmal mit meinem Vater. Wenn Sie mich heiraten, würde ich nur in Verbindung mit ihm bleiben, um Ihnen zu helfen. Also wäre ich ein Gewinn für Ihre geplante Weinhandlung.“

„Was wissen Sie über den Weinhandel, Miss Lambert?“ Sie sah nicht aus wie eine Frau, die den ganzen Tag hinter einem Ladentisch sitzen oder einen Keller durchqueren würde, um eine bestimmte Flasche zu suchen.

„Die Familie meiner Mutter besaß einen Weinladen in Oxford. Schon als ganz junges Mädchen lernte ich an Mamas Seite, mit Kunden umzugehen, mich um das Inventar und die Buchhaltung zu kümmern. Mama konnte in Verhandlungen stets ihre Interessen durchsetzen, darauf verstand sie sich großartig. Deshalb rang sie dem Duke auch das Versprechen ab, nach ihrem Tod für mich zu sorgen …“

Mühsam schluckte Miss Lambert, erregte sein Mitleid, und Justin wollte sie umarmen und trösten. In diesem Moment trauerte er so schmerzlich um seine Mutter wie sie um ihre. Doch er rührte sich nicht.

„Diese spezielle Verhandlungstaktik habe ich ebenfalls von Mama gelernt“, fügte sie hinzu.

„Tatsächlich?“ Allem Anschein hatte sie Erfahrungen gesammelt, die ihm zugutekommen würden.

Sie schlenderte etwas näher zu ihm, Verführung und Unschuld im langsamen Hüftschwung vereint. „Da Sie ein eigenes Geschäft gründen möchten, sind Sie offenkundig bereit, gewisse Risiken einzugehen. Ein Mann, der gern wettet?“

„Hin und wieder.“ Reglos stand er da, von ihrem Angebot genauso fasziniert wie von der Lockung ihrer vollen Lippen. Welche Gefühle würde ein Kuss erregen?

„Nun, dann schlage ich Ihnen eine Wette vor. Noch heute beweise ich Ihnen, welch ein Gewinn ich für Sie und Ihr geplantes Unternehmen wäre. Wenn ich Sie beeindrucke, akzeptieren Sie das Angebot meines Vaters.“

„Und wenn nicht?“ Wie er sich nur ungern eingestand, imponierte sie ihm schon jetzt, und er sah sich bereits auf halbem Weg zum Traualtar. Trotzdem widerstrebte es ihm immer noch, sich an diese fremde Frau zu binden.

„Diese Entscheidung liegt bei Ihnen.“

Während Susanna auf Mr. Connors Antwort wartete, ignorierte sie das beengende Gefühl in ihrer Brust, das jedes Mal entstand, wenn der Blick seiner bernsteinfarbenen Augen über ihre Gestalt glitt. Obwohl er mehrere Schritte von ihr entfernt stand, erzielte er eine so intensive Wirkung auf ihre Sinne, wie Lord Howsham es mit seinen hastigen, drängenden Berührungen niemals vermocht hatte.

Mr. Connor roch nach Leder und Moschus, was ihr viel maskuliner erschien als das Zitrusaroma, das die noblen Gecken vorzogen. Von seiner Ausstrahlung fasziniert, geriet sie in seinen Bann und vergaß beinahe, dass sie ihn erobern musste, nicht umgekehrt. Und sie war ihrem Sieg nahe, das bekundeten seine Blicke und die Anspannung seiner Kinnmuskeln. Offenbar begannen seine Gelüste sein Desinteresse zu bedrohen. Wenn er den Heiratsantrag auch abgelehnt hatte – er begehrte sie genauso wie Lord Howsham.

Allerdings besaß dieser Mann die nötige Selbstkontrolle, um sein Verlangen zu zügeln. Susanna wünschte, Lord Howsham hätte sich gleichermaßen beherrscht, statt ihr unangemessene Intimitäten aufzuzwingen. Dann wäre sie jetzt nicht in der Position einer verzweifelten Bittstellerin. „Nun, Mr. Connor? Nehmen Sie die Herausforderung an?“

Die Arme vor der breiten Brust verschränkt, lehnte er seine muskulösen Schenkel in den engen Wildlederbreeches an die Kante eines Tisches, eine ebenso empörende wie erregende Pose. „Wenn ich jetzt Ja sage – wie können Sie wissen, dass ich nicht später das Weite suchen würde?“

„Weil Sie ein Mann sind, der sein Wort hält.“

Er nickte. „Und sind Sie eine Frau, auf deren Wort man sich verlassen dürfte? Auch vor dem Traualtar?“

Autor

Georgie Lee
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