Schlaflose Nächte unter dem Wüstenmond

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Scheich Khalil ist eine Herausforderung für Schlaftherapeutin Adalyn, dabei hat sie schon einige schwierige Klienten gehabt. Aber Khalil wird nicht nur von schrecklichen Albträumen verfolgt, er ist auch verboten sexy. Allein mit ihm unter dem Wüstenmond kann sie die erotische Spannung zwischen ihnen bald immer weniger ignorieren. Nach einer unvergesslichen Liebesnacht muss sie sich eingestehen, dass sie ihr Herz an Khalil verloren hat. Doch sie spürt auch: Sein dunkles Geheimnis quält ihn so sehr, auf Dauer kann er keine Nähe zulassen …


  • Erscheinungstag 14.12.2021
  • Bandnummer 252021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751509374
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Wie ein winziges Schiff auf hoher See schwankte Doktor Adalyn Quinns Hubschrauber im peitschenden Wüstenwind, bevor er mehrere Meter in die Tiefe sank. Dort hielt er inne, geriet erneut ins Taumeln und verlor weiter an Höhe.

Er fing sich jedoch ein zweites Mal und nahm schaukelnd seine Route wieder auf, während Adalyn, die kaum noch wusste, wie sie ihre Angst unter Kontrolle halten konnte, die Fingernägel in das Sitzpolster des Passagiersitzes grub, bis es schmerzte.

Wieder und wieder wurde ihr Oberkörper durch die starken Auf- und Abwinde nach vorne gestoßen, und der Sicherheitsgurt schnitt mit jedem Mal tiefer in die Haut auf Adalyns Hüften und ihrem Oberkörper.

Obwohl der Gurt sich mittlerweile anfühlte wie ein Messer, war es beruhigend, ihn zu spüren. Denn so gab es wenigstens die kleine Hoffnung, dass irgendetwas sie vor dem sicheren Tod bewahren konnte, wenn sie abstürzten.

Keiner der zahllosen Tipps, die ihr älterer Bruder ihr gegen die Flugangst gegeben hatte, mit der sich Adalyn seit Jahren herumplagte, fiel ihr jetzt noch ein. Doch Jamison hatte ohnehin nie ganz verstanden, wie seine Schwester in einem kalten, schwarzen Abgrund aus Angst versinken konnte, wenn sie auch nur an eine Flugreise dachte. Und wahrscheinlich würde sie ihm niemals erzählen können, wie schrecklich der Hubschrauberflug gewesen war, zu dem er sie überredet hatte.

Weil sie entweder ihr Leben verlieren würde oder ihren Verstand.

Jay hatte versucht, ihr Mut zuzusprechen, indem er permanent wiederholt hatte: „Nimm deine Medikamente gegen Angstzustände, und dann wag dich endlich einmal aus deinem Schneckenhaus hervor!“

Doch mutig genug zu sein, ihre kleine Welt zu verlassen, nur um heute einen grausamen Tod zu sterben? Das war nicht schön.

Wenigstens kam ihr durch die Beruhigungsmittel alles so vor, als würde sie diese schrecklichen Minuten der Angst nur in einem Film erleben. Ihr benebeltes Bewusstsein musste erst wieder funktionieren, wenn es galt, aus dem brennenden Wrack des Hubschraubers zu flüchten – vorausgesetzt, dass Adalyn dann noch lebte.

Sie beschloss, sich diesen Gedanken nicht früher als nötig zu widmen, und verlor sich stattdessen in ihrer wahrscheinlich letzten Erinnerung an ihren Bruder. Gemeinsam hatten sie vorgestern auf ihrem Balkon gestanden, und Adalyn hatte seine Statistik in Zweifel gezogen, laut derer weltweit höchstens 0,005 Prozent aller Hubschrauber abstürzten.

Unsinn! Diese Dinger waren aus Metall. Und Metall konnte nicht fliegen, sondern musste den Gesetzen der Schwerkraft zufolge abstürzen. Und auch wenn der Großteil von Adalyns Flug komplikationslos verlaufen war – jetzt, auf der letzten Etappe ihrer Reise, würde die unvermeidliche Katastrophe geschehen. Hier über der Wüste – Welten von Adalyns sicherem und ruhigem Leben entfernt.

Ihr Magen krampfte sich zusammen, als sie ein paar weitere Meter in die Tiefe stürzten. Bald würden sie auf dem Boden aufschlagen.

Doch dann erklang über ihre Kopfhörer die blecherne Stimme des Piloten, der die bevorstehende Landung am Flughafen des Königreichs Merirach ankündigte. Keinen Absturz – sondern eine tatsächliche Landung!

Würde Adalyn noch einmal von ihrem schlimmsten Albtraum verschont bleiben? Von der Gewissheit, dass man ihren leblosen Körper unter Wrackteilen auffinden würde? Nach ihren langen Minuten der Todesangst war sie nicht ganz sicher, ob sie sich die Worte des Piloten nur eingebildet hatte. Hatte er wirklich laut ausgesprochen, was sie sich in diesem Moment mehr wünschte als irgendetwas sonst?

Und dann fühlte sie es. Der Hubschrauber berührte den Boden und kam dann mit einem leichten Ruck zum Stillstand.

Adalyn kämpfte mit dem Verschluss ihres Gurtes, als sie versuchte, sich zu befreien, um der fliegenden Todesfalle zu entkommen. Um bei ihm zu sein. In Sicherheit.

Sie hatte eine Regel, was die Idee betraf, ihr Leben oder Wohlbefinden in die Hände eines anderen zu legen. Eine wirklich einfache Regel: Tu so etwas nicht! Aber jetzt gerade tröstete es sie zu wissen, dass jemand auf sie wartete, um sie auf sicherem Boden in Empfang zu nehmen.

Jays bester Freund.

Der, den sie nie kennengelernt hatte, weil sie nicht reiste. Der, zu dem Jamison sie dennoch geschickt hatte, weil dieser Freund ihre Hilfe benötigte.

Sicher würde er sie am Flughafen abholen und sie dann zu einem nahegelegenen Hotel bringen, wo sie die Proteinriegel essen konnte, die sie zur Aufrechterhaltung einer gesunden Ernährung in der Wüste mitgebracht hatte. Wo sie Wasser trinken könnte, das sie vorher mit speziellen Tabletten von Bakterien reinigen würde. Und wo sie mit Schaumstöpseln in den Ohren im Dunkeln sitzen konnte – um sich endlich wieder von der Außenwelt abzuschotten.

Sie würde sich ausruhen.

Schlafen.

Schlaf war das, was sie dringend brauchte. Schlaf und Zeit für sich allein auf festem Boden. Wenn sie das alles hätte, würde es ihren Blutdruck so weit senken, dass ihr Herz wieder normal schlug. Endlich.

„Tür“, bat sie atemlos, während sie sich die Kopfhörer von den Ohren zog, um sie zurück an die Armlehne ihres Sitzes zu hängen. Und dann flehte sie regelrecht: „Tür.“

Warum war sie noch immer hier eingeschlossen?

Sie musste ganz dringend raus.

Morgen würde sie ihren Patienten offiziell kennenlernen, eine erste Diagnose und einen Behandlungsplan erstellen und dann wieder aus dieser Wüste verschwinden.

Ende des Abenteuers.

Das Einzige, was sie von diesem Hubschrauber in positiver Erinnerung behalten würde, war der abgedunkelte Innenraum. Keiner konnte hier ihren Gesichtsausdruck sehen. Sie brauchte sich keine Mühe geben, um ihre Angst zu verbergen, so wie sie es bei den seltenen Gelegenheiten, zu denen sie öffentliche Verkehrsmittel nutzte, getan hatte.

Das Letzte, was sie wollte, war ihre Probleme öffentlich zur Schau stellen und Gefahr zu laufen, dass man sie als hysterisch bezeichnete – denn das war eines der beleidigendsten Dinge, die man ihr je an den Kopf geworfen hatte.

In den ersten Monaten nach dem Autounfall, der ihr ganzes Leben verändert hatte.

Außerhalb des Hubschraubers sorgten ringartig aufgestellte Geländewagen mit ihren Scheinwerfern für die einzige Lichtquelle weit und breit, abgesehen von den blinkenden Signallichtern auf dem Hubschrauberdach.

Obwohl sie seit Ewigkeiten nicht gereist war, wusste sie, wie ein Flughafen nachts normalerweise aussah. Landebahnen. Gesäumt von Scheinwerfern. Ein großes Gebäude mit vielen Menschen darin. Viel Licht.

Hier gab es nur Dunkelheit und die Autos. Und Adalyn wurde klar, dass sie in ein weiteres gefährliches Fahrzeug einsteigen musste, um ihr Hotel zu erreichen.

Sie hätte es ahnen müssen.

Jay hatte ihr von dem Bürgerkrieg erzählt, der das Königreich Merirach bis vor zwei Monaten erschüttert hatte. Von den Ölquellen, die Rebellen für sich beanspruchen wollten, um das schwarze Gold an Industrienationen zu verkaufen. Von der Ermordung des Scheichs Arash und seiner Frau, nachdem sich die königliche Familie der Ausbeutung von Merirachs Bodenschätzen widersetzt hatte. Davon, dass Jays bester Freund Khalil Al-Akkari seinem Bruder nun in der Rolle des Staatsoberhauptes folgen musste. Und von den Schlafschwierigkeiten des neuen Herrschers von Merirach.

Adalyn, die stets ein riesiger Fan von Erzählungen über ferne Länder gewesen war, hatte ihrem Bruder wie gefesselt zugehört. Immer wieder hatte sie ihn um neue Details der ebenso tragischen wie faszinierenden Geschichte gebeten. Und so hatte sie erfahren, dass Khalils Vater bis vor wenigen Jahren der Herrscher über das wohlhabende Königreich Al-Akkari gewesen war, das er mit dem Tag seines Abdankens an seinen ältesten Sohn Malik vererbt hatte. Khalils Mutter war bis zum Tag ihres Abdankens die Herrscherin über ein eigenes kleineres Königreich gewesen – Merirach. Ein Land, das ebenso wohlhabend war wie Al-Akkari, doch zudem landschaftlich mit dem Paradies verglichen werden konnte. Denn neben endlosen weißen Sandwüsten mit hohen Ölvorkommen gab es im Bereich der Hauptstadt riesige grüne Oasen mit den schönsten exotischen Pflanzen. Mit dem Abdanken der Mutter war Merirach an den zweitältesten Königssohn Arash vererbt worden.

Ihr Bruder hatte Adalyn auch erzählt, dass Khalils Eltern in den Ruhestand gegangen waren, um ihre letzten Lebensjahre ohne den Zwang royaler Pflichten verbringen zu können. Denn nach allem, was Jay von Khalil gehört hatte, vereinnahmten diese Pflichten in Wüstenkönigreichen das komplette Leben eines Herrschers.

Khalil, der jüngste Königssohn, war nie dazu bestimmt gewesen, der Thronfolger in einem der Königreiche zu sein. Er hatte sich wie Jay für ein Medizinstudium entschieden, was immer sein Traum gewesen war. Nach den gemeinsamen Harvard-Jahren mit Jay war er in seine Heimat Merirach zurückgekehrt, wo er im Klinikum der Hauptstadt als angesehener Arzt gearbeitet hatte. Bis zu dem Tag, als das Schicksal sein Leben aus der Bahn warf. Und so war nicht nur die Tatsache, dass Adalyns Bruder sie um Hilfe für einen Freund gebeten hatte, der Grund, warum Adalyn jetzt hier war. Es war vor allem die bewegende Geschichte dieses Freundes, die Adalyn dazu gebracht hatte, ihre eigene kleine Welt zu verlassen.

Und das alles bereute sie in diesem Moment zutiefst.

Doch bevor sie weiter über ihre verhängnisvolle Situation nachdenken konnte, glitt die Tür des Hubschraubers auf, und die kalte Nachtluft traf ihre Lungen wie ein eisiger Peitschenhieb.

Unwillkürlich musste Adalyn husten.

Mit Hilfe ihrer beiden schwarzgekleideten Reisebegleiter schaffte sie es, schnellstmöglich aus dem Hubschrauber auszusteigen, dessen Rotorblätter noch immer einen starken Sog erzeugten. Sobald ihre Füße festen Boden berührten, lief sie mit nach vorn gebeugtem Oberkörper in Richtung der Fahrzeuge, ohne zu wissen, ob die Männer, die man ihr zur Seite gestellt hatte, folgten oder nicht.

Erst als sie die Autos weit außerhalb der Reichweite der Rotorblätter erreichte, wagte sie es, sich aufzurichten und zurückschauen. Ihre Begleiter, zwei Sicherheitskräfte, die Adalyn am Flughafen des benachbarten Königreichs in Empfang genommen hatten, waren ihr gefolgt und hatten sogar ihre Unmengen an Gepäck mitgebracht.

Sollte sie ihnen Trinkgeld geben? Wurde das erwartet? Oder war so etwas beleidigend? In ihrem Reiseführer war nichts darüber geschrieben worden, wie man die Angestellten eines Königshauses behandelte.

Der Mann, der für sie übersetzt hatte, kam an ihre Seite und geleitete sie zu einem der Geländewagen mit abgedunkelten Fenstern. Während er darauf achtete, Adalyn nicht zu berühren, öffnete er die hintere Tür des Fahrzeugs und gab ihr das Zeichen einzusteigen.

Im Gegensatz zu dem Moment, als er sie in Empfang genommen hatte, machte sich der Mann nun nicht mehr die Mühe, Adalyns Sprache zu sprechen. Angespannt, müde und mit schrecklichem Sprachverständnis konnte sie nicht einmal verstehen, wo seine Worte anfingen und aufhörten. Geschweige denn, was er gesagt hatte.

War es eines der paar Hundert Worte gewesen, die sie vor Antritt ihrer Reise mühevoll erlernt hatte? Sie wusste es nicht.

Erst als sie still im Auto saß, merkte sie wieder, wie kalt es war. Zitternd verschränkte sie die Arme vor der Brust und rieb ihre Handflächen aneinander, um sich irgendwie zu wärmen.

„Sie hätten eine Jacke anziehen sollen.“

Die tiefe männliche Stimme durchbrach das unheildrohende Echo ihres klopfenden Herzens und ihrer zittrigen Atemzüge.

Es war noch jemand im Wagen.

Adalyn drehte sich um. Nach dem blendenden Scheinwerferlicht brauchten ihre Augen ein wenig Zeit, um sich an die schwache Beleuchtung zu gewöhnen.

Doch dann sah sie ihn. Einen mit einem schwarzem Kaftan bekleideten Mann, der keine zwei Meter entfernt auf dem Sitz neben ihr saß.

„Ich dachte, ich käme an einen heißen Ort. Mir wurde gesagt, dass es nachts kühl sei, aber ich dachte, dass Pullover mit langen Ärmeln reichen würden.“

Ein leises Geräusch – Adalyn konnte nicht ausmachen, ob es ein Seufzer oder ein bitteres Lachen sein sollte – war die Antwort. Ein Ausdruck verzweifelter Belustigung.

„Sind Sie Khalil?“ Bitte sagen Sie Ja.

Sie hatte einen so langen Weg auf sich genommen, um in sein Land zu kommen – sicher würde er sie am Flughafen treffen?

Laute Stimmen außerhalb des Fahrzeugs durchdrangen die Stille, die auf ihre Frage folgte.

Und dann, so leise wie ein Flüstern, erklang die Antwort ihres Mitreisenden: „Ja. Wir werden im Palast weitersprechen, Adalyn. Es ist nicht weit.“

„Palast? Ich dachte, unsere Sitzungen würden in einer Klinik stattfinden. Und dass ich vielleicht in einem nahegelegenen Hotel übernachten könnte.“

„Ich ziehe es vor, keine Klinik aufzusuchen.“

„Natürlich … tut mir leid …“ Selbstverständlich wollte er nicht in einer Klinik bleiben. Warum hatte sie sich das so vorgestellt? Weil es sie beruhigte? Weil dann alles so ähnlich abgelaufen wäre, wie zu Hause in ihrem Land? Aber dieser Ort hier war nicht New Orleans.

„Später werde ich Ihnen alles erklären.“ Seine abrupten Worte durchschnitten die frostige Luft wie Peitschenhiebe, und seine Stimme vermittelte etwas Eisiges. Etwas, das Adalyn noch mehr erschauern ließ als der Wüstenwind.

Die vorderen Autotüren wurden geöffnet, und die beiden Sicherheitskräfte aus dem Hubschrauber stiegen ein.

In den paar Sekunden, die das Fahrzeuginnere dank der offenen Türen beleuchtet war, versuchte Adalyn das Gesicht von Khalil zu sehen, der nun schweigend neben ihr saß.

Doch er hatte sich bereits von ihr abgewandt und richtete seinen Blick aus dem Fenster. Er wollte nicht mehr als nötig mit ihr sprechen, so viel war klar.

Und das ließ Adalyns Rettungsmission plötzlich wie eine Farce erscheinen. Denn mit der Landung in der Wüste schien sich die Gefahr, die sie umgab, noch zu verstärken. Ebenso wie die daraus resultierenden Ängste. Adalyn saß neben einem emotionalen Eisberg in einem schrecklichen Fahrzeug, das nun zu rollen begann und ihr Denken lähmte – so wie es jedes Mal bei einer Autofahrt geschah.

Noch heute, Jahre nach dem Unfall, fühlte sich jede Fahrt in einem Auto wie ein Gewaltmarsch zu ihrer eigene Hinrichtung an.

Die einzige Frage, die wie ein Echo in Adalyns Ohren widerhallte, während sie sich bei jeder Bodenwelle und Kurve auf einen schweren Autounfall gefasst machte, war: Warum hatte sie sich von Jamison dazu überreden lassen?

Für die wenigen Meilen, die sie zurücklegten, brauchten sie eine kleine Ewigkeit. Als das Auto endlich stoppte, schmerzte Adalyns Kiefer vom Zusammenpressen der Zähne, und sie fühlte sich ein wenig benommen von den Atemübungen, die sie gemacht hatte, um sich zu beruhigen.

Khalil verließ das Auto, noch bevor der Motor abgeschaltet war und Adalyn in der Lage war, einen längeren Blick auf ihn zu werfen. „Geleiten Sie meinen Gast zu der Suite, die an meine angrenzt“, wies er seine Angestellten im Gehen an.

Und alles, was Adalyn von dem hochgewachsenen, schlanken Mann noch sehen konnte, waren sein aufrechter Rücken und seine breiten Schultern.

Es war ihr mittlerweile egal. Je eher sie zu ihrer Suite gebracht wurde, desto eher konnte sie schlafen und, so hoffte sie inständig, aufhören zu zittern …

Khalil zog ein frisches Hemd an. Und einen Anzug. Zu dieser Stunde

Seit er in Merirach lebte, trug er meist nur noch Kaftane, zumindest wenn er im Palast und damit an das höfische Protokoll gebunden war. Doch westliche Kleidung würde die nervös wirkende Ärztin vielleicht beruhigen.

Und wenn er ehrlich war, steckte noch etwas anderes dahinter. Die Kaftane, die das Protokoll vorschrieb, hielten ihm vor Augen, wer er war und welche Verantwortung er trug.

An alles, was er sein sollte. Nicht er selbst.

Und heute, in Gesellschaft von Jamisons Schwester, wollte er nicht Scheich Khalil Al-Akkari, der Regent von Merirach sein. Er wollte der Kardiologe Khalil Al-Akkari sein – der Sohn, der nicht dazu geboren war, um über sein Land zu herrschen. Es würde Adalyn und ihm den Abend erleichtern, wenn sie einander als gleichberechtigt betrachten konnten.

In jeder Hinsicht.

Wenn Adalyn wieder abgereist war, würde er wieder einen Kaftan tragen. Denn nur so konnten die Menschen in seiner Heimat ihn als einen vertrauenswürdigen Regenten ansehen. Als ihren Regenten.

Durch die vielen gemeinsamen Collegejahre und das Studium wusste er viel über die verrückte kleine Schwester seines besten Freundes. Jay bezeichnete sie stets als die introvertierteste Person der Welt. Als Stubenhockerin, die einen Ausflug in Bibliotheken oder Buchhandlungen als Reise betrachtete. Weil sich dort für sie ein Portal zu fremden Welten öffnete. Im wahren Leben reiste Adalyn nicht.

Jeder Mensch würde sich scheuen, in ein Land zu kommen, das bis vor Kurzem noch von einem Bürgerkrieg erschüttert war. Doch einer Frau, die niemals reiste – nicht einmal unter den bestmöglichen Umständen –, schuldete Khalil unendlichen Dank dafür, dass sie sich bereit erklärt hatte, ihm hier vor Ort zu helfen.

Es war spät, also ließ er die Krawatte weg – er wollte Jays Schwester gegenüber nicht allzu formell erscheinen. Nur höflich. Und vor allem respektvoll.

Noch höflicher und respektvoller wäre es zwar gewesen, Adalyn in einem der Familienjets hierherbringen zu lassen, da es ihr ganz sicher eine leichtere Reise und frühere Ankunft ermöglich hätte.

Doch das hätte nur Fragen von seinen Eltern und seinem älteren Bruder Malik ausgelöst. Sie hatten immer Fragen. Die Art von Fragen, die Khalil nicht beantworten wollte.

Wenn Adalyn ihm die Hilfe geben würde, die er brauchte, wäre es mit derartigen Fragen hoffentlich für immer vorbei.

2. KAPITEL

Seufzend machte er sich auf den Weg in Richtung der riesigen Gästesuite, die er Adalyn für die Dauer ihres Aufenthalts zur Verfügung gestellt hatte. Doch an der Türschwelle blieb er stehen – wie vom Donner gerührt.

Jays Schwester hatte ihm den Rücken zugewandt. Wie gefesselt hing Khalils Blick an ihrer alabasterfarbenen Haut, die er sah. Haut so weiß, als wäre sie nie zuvor von der Sonne geküsst worden.

Und Khalil sah sehr viel Haut.

Denn Adalyn trug nichts außer einem schwarzen Baumwollhöschen, während sie sich über ihren Koffer beugte, der auf dem Bett lag, um frische Kleidung herauszunehmen.

Offenbar wollte sie sich ebenfalls für das Abendessen umziehen.

Sie hatte dafür nur ein wenig mehr Zeit gebraucht als er selbst.

Khalils eigene Haut brannte in diesem Moment wie Feuer. Ebenso seine Lippen. Er hatte das Gefühl, innerlich zu verglühen vor Verlangen nach dem Körper, den er durch irgendeine glückliche Fügung des Schicksals fast unverhüllt sehen durfte: so weiß und zerbrechlich wie aus feinem Porzellan. So schlank, doch mit hinreißenden Kurven an den richtigen Stellen.

Da Adalyn seine Anwesenheit noch nicht bemerkt hatte, zog sie erst nach langen Sekunden ein schwarzes Top aus ihrem Koffer, das sie sich dann gedankenverloren überstreifte.

Khalil schloss seine Augen in einem verzweifelten Versuch, den Feuersturm zu besänftigen, der in ihm wütete. Er musste die Kontrolle über sich selbst zurückgewinnen, bevor Adalyn ihn bemerkte. So trat er von der Türschwelle zurück und öffnete die Augen erst wieder, als er sich so gedreht hatte, dass sein Blick zur Wand ging. Doch noch immer nahm er seinen wunderschönen Gast aus dem Augenwinkel wahr.

Nicht gut.

Er schloss noch einmal die Augen. Nur das konnte er tun, oder auf der Stelle versuchen, Abstand von dieser Frau zu gewinnen.

Doch zu spät.

Irgendwie hatte sie ihn bemerkt und kreischte auf, während mit einem dumpfen Geräusch ihr Koffer zu Boden fiel, als sie in einem hastigen Versuch, sich zu verhüllen, mehrere Kleidungsstücke auf einmal herausriss.

„Entschuldigen Sie bitte, ich wollte Sie abholen“, erklärte Khalil erschrocken. „Soll ich später wiederkommen?“

„Ja!“ Adalyns Stimme klang hysterisch.

Er wandte sich ab und schwor sich, seine eigene Suite an diesem Abend nicht wieder zu verlassen, als er ein zögerliches „Warten Sie …“ hinter sich vernahm. Und mit ganz offensichtlich erzwungener Ruhe fügte sein Gast hinzu: „Sie können bleiben, wo Sie sind. Drehen Sie sich einfach nur für einen Moment nicht um.“

Leise murmelte sie noch irgendetwas, das Khalil nicht verstehen konnte. Wenn sie – was Jay behauptete – unter Anspannung ähnlich wie ihr Bruder reagierte, war Khalil auch sicher, dass er nicht verstehen wollte, was sie gerade gesagt hatte.

Mit klopfendem Herzen blieb er stehen, wo er war. Er zwang sich, zu Boden zu starren und die Linien auf den eleganten Holzvertäfelungen zu zählen. Nicht an die wunderschöne halbnackte Frau zu denken, die nur wenige Meter von ihm entfernt stand.

Und um Himmels willen nicht in ihre Richtung zu sehen.

Er verlor die Übersicht über die gezählten Linien und musste von vorn beginnen.

Die Kontrolle über seine Gedanken und Handlungen zu behalten hätte sich als einfacher erwiesen, wenn er nicht so unendlich müde gewesen wäre. Aber er war schon fast eine Woche lang im Palast, und Müdigkeit war eine riesige Untertreibung für das, was er fühlte.

Khalil war auf eine Art und Weise erschöpft, der selbst herzschädigende Dosen von Koffein nichts entgegenzusetzen hatten.

„Sie können sich umdrehen“, hörte er Adalyn in diesem Augenblick sagen. „Ich denke, ich bin jetzt passend angezogen.“ Sie klang überhaupt nicht sicher.

Als er sich umdrehte, waren die Wangen seiner hübschen Besucherin gerötet und ihre Pupillen geweitet. Khalil blickte einen Moment zu lange in ihre leuchtend grünen Augen – was ihm nicht gerade dabei half, die Kontrolle über eine Versuchung zurückzugewinnen, der er nur zu gerne erlegen wäre. „Sie sehen gar nicht aus wie auf Jays Foto …“ Unwillkürlich waren die Worte über seine Lippen gedrungen.

Und sie waren ganz sicher nicht der richtige Weg, ein Gespräch mit seiner Ärztin zu beginnen …

Ihre Pupillen schienen sich noch mehr zu weiten, und sie zog den Saum ihres schwarzen Baumwollkleids ein wenig herab, als ob sie sich dadurch vor Khalils Blicken verstecken konnte. Vor seinem Blick? Oder vor dem, was er soeben so rücksichtslos von sich gegeben hatte?

Auf dem Bild, das er gesehen hatte, war Adalyn mindestens dreißig Pfund schwerer gewesen und zudem das, was man im Allgemeinen als unvorteilhaft getroffen bezeichnete. Sie hatte in dem Moment der Aufnahme eine Brille getragen und ihr Haar zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zusammengebunden. Wie ein intelligentes, schüchternes Mädchen hatte sie ausgesehen. Aber alles andere als attraktiv. Und jetzt sah sie aus wie ein wunderschöner Engel mit großen grünen Augen.

Khalil drohte, in diesen Augen zu ertrinken! Schnell blinzelte er, aber es war auch nicht hilfreich, dass sein Blick nun an der perfekten Form von Adalyns Brüsten hängenblieb, die sich unter dem glatten schwarzen Stoff ihres Kleides so deutlich abzeichneten.

Hilflos entschied er sich, zurück in ihr Gesicht zu sehen. Er hatte doch irgendeinen Grund dafür gehabt, in Adalyns Zimmer zu kommen … „Unsere gemeinsame Nacht …“ Adalyns Sprache erwies sich in diesem Moment als ebenso heimtückisch wie Khalils Gefühle.

Sie zog noch einmal am Saum ihres schlichten Kleides, und ihre Wangen wurden dunkelrot, als sie ganz leise wiederholte: „Gemeinsame Nacht?“

„Gemeinsames Nachtmahl …“ Khalils verbaler Fehltritt ließ ihn zusammenzucken. Es war keine gute Idee gewesen, seine Ärztin in der Gästesuite unterzubringen, die auch noch direkt neben seiner lag.

Denn es vermittelte unwillkürlich den Eindruck, als sei sie seine Geliebte.

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