Sturzflug ins Glück

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Annika flirtet heiß - verdächtig heiß, findet der angehende Pilot Patrick. Bestimmt soll sie so überprüfen, ob er sich Fluggästen gegenüber auch korrekt verhält. Auf diesen Trick fällt er bestimmt nicht herein! Trotzdem lässt der Gedanke an sie ihn nicht mehr los ...


  • Erscheinungstag 22.06.2014
  • ISBN / Artikelnummer 9783733788049
  • Seitenanzahl 126
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Eine meerblau-sandgelb lackierte Maschine stieg über dem Flughafen Berlin-Schönefeld in den strahlenden Sommerhimmel auf. Patrick Lister warf sich die Pilotenjacke über die Schulter. Dieser Hauch von Flugbenzin in der Luft, die dröhnenden Triebwerke in den Ohren – er wusste, dass er sich den besten Beruf der Welt ausgesucht hatte. Die 8-Uhr-Maschine von HolidayJet war schon in der Luft, er musste sich beeilen. Während Patrick in Richtung des Abfertigungsgebäudes hastete, schaute er mit einem Lächeln der Maschine nach La Palma nach. Der Kollege am Steuerhebel drehte ungewöhnlich früh nach Süden ab, sicher, weil heute stärkere Windgeschwindigkeiten als gestern Abend herrschten, als Patrick spät von Zürich gelandet war. Bald waren nur noch weiße Kondenswasserstreifen am Himmel zu sehen.

Wenn es die Schweiz nicht gäbe, dann wäre Patrick Lister nie Pilot geworden. Eigentlich war die Bergsteigerleidenschaft seines Vaters Schuld. Der Brückenbauingenieur hatte den damals sechzehnjährigen Teenager zwei Jahre nach der Wende, als es endlich möglich war, von Leipzig in die Berge geschleppt. In den blühenden Alpenlandschaften hoch über der Welt hatte Patrick zum ersten Mal gespürt, was Freiheit bedeuten konnte. Er erinnerte sich genau daran, als die Gondel der Bergbahn im gleißenden Sonnenlicht über den Gletscher bergauf glitt. Die Schwerkraft schien wie aufgehoben, die Wolken fast zum Greifen nah, da tauchte vor ihm das mächtige Matterhorn auf. In diesem Moment hatte Patrick beschlossen, Pilot zu werden.

In der Abfertigungshalle herrschte Hochbetrieb. Die Ferienzeit hatte begonnen, und HolidayJet erzielte einen Buchungsrekord nach dem anderen. Patrick war froh über die vielen zusätzlichen Flüge in seinem Flugplan. Er war in der Ausbildung und musste noch etliche Pflichtstunden als Co-Pilot absolvieren, bevor er seinen ersten Flug als Kapitän fliegen durfte. Acht Monate noch, vielleicht sechs, dann hatte er alle Pflichtflüge für den abschließenden Stempel zusammen und war endlich fertig mit der langen und teuren Ausbildung.

Die Schlangen vor den vier HolidayJet – Schaltern reichten fast bis zu den gläsernen Schiebetüren. Patrick reckte den Hals, um zu sehen, wer vom Bodenpersonal Dienst hatte. Doch er konnte nicht erkennen, ob Melanie oder Kira oder vielleicht eine von den Neuen eingeteilt war. An der Eingangssperre für den Personalbereich stand eine Traube der dunkelviolett gekleideten Stewardessen einer Konkurrenz-Airline. Patrick winkte einer Rothaarigen zu, mit der er schon mehrmals Kaffee getrunken hatte. Wie hieß sie noch mal? Iris? Oder doch Irene? Er verlangsamte seine Schritte und wartete in der Nähe der Schalter, bis die Eingangssperre frei war.

In der Warteschlange fiel ihm eine junge Frau auf, die sich ein rosa Handy ans Ohr drückte. An ihrem Handgelenk baumelte ein glitzerndes Kettchen, sie trug eine eng anliegende hellgrüne Sweatshirt-Jacke und einen karierten, kurzen Rock. Sehr kurz sogar, wie Patrick mit Kennerblick bemerkte. Das Kleidungsstück gab den Blick frei auf lange, gebräunte Beine mit genau der Art von festen Schenkeln, die Patrick zum Wahnsinn treiben konnten. Solche Schenkel deuteten auf ein Rennrad hin, das oft benutzt wurde, und auf durchtanzte Nächte. Oder Venus hatte dieser Frau solche Beine einfach als Geschenk mit in die Wiege gelegt. Während Patrick so tat, als ließe er den Blick über die Schlange schweifen, musterte er die Frau genauer. Groß war sie, mindestens ein Meter fünfundsiebzig, und damit ein wenig größer als er. Die meisten Frauen, auf die Patrick stand, waren größer als er. Man konnte eben nicht alles haben, tröstete er sich. Er hatte Glück gehabt, dass nach der Wende die EU-Regeln für die Pilotenausbildung eingeführt wurden und die vorgeschriebene Mindestgröße für Piloten genauso wie für Stewardessen auf eine durchschnittliche Größe gesenkt wurde. Körpergröße hatte nun wirklich nichts damit zu tun, ob jemand ein guter Pilot war, ganz im Gegenteil. Patrick hatte gestandene Piloten kennen gelernt, kleiner als er selbst, mit dreihundert Langstreckenflügen und mehr auf dem Buckel. Mit seinen ein Meter zweiundsiebzig lag er sogar noch ein paar Zentimeter über der EU-Mindestnorm. Doch den meisten großen Frauen war er zu klein. Ins Gesicht hatte es ihm noch keine gesagt, aber er sah es in den bedauernden Blicken, mit denen sie seinen muskulösen Körper – immerhin hatte er jahrelang Judo trainiert – taxierten.

Patrick senkte den Blick, damit die Frau nicht bemerkte, dass er sie beobachtete. Doch sie schien ganz in ihr Telefonat vertieft zu sein. Sie war vielleicht fünf Jahre jünger als er. Mit der frechen Stupsnase und den energischen Bewegungen, mit denen sie ihre grüne Reisetasche vor sich herschob, machte sie einen sympathischen Eindruck. Kurz lächelte sie einer korpulenten älteren Dame vor ihr in der Reihe zu, und das Lächeln verzauberte ihr Gesicht. Patrick hätte sie gerne angesprochen. Diese makellosen Beine schrien förmlich danach, dass man sie berührte und sanfte Fingerspitzen an ihnen hinab bis zum Rand der hohen Lederstiefel gleiten ließ …

Ah, er hatte doch zu auffällig gestarrt. Er spürte, dass sie ihn anschaute. Langsam hob er den Kopf, nickte ihr wie beiläufig zu. Ein Blick aus grünblauen Augen traf ihn. Sie wusste genau, wohin er die ganze Zeit gesehen hatte. Patrick wurde heiß, und er musste an sich halten, damit er nicht mit einer verräterischen Geste den Kragen des meerblauen Hemds, Standardausstattung bei HolidayJet, lockerte. Die Frau drückte eine Taste auf dem Handy, offensichtlich war das Gespräch beendet. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen, doch ihr grünblauer Blick war ganz bei ihm. Sie lächelte nicht, schaute nicht weg, nicht einmal die Wimpern senkten sich über ihre Augen. Dann rückte die alte Dame einen halben Meter nach vorn, und die junge Frau folgte ihr. Hinter ihr schob ein Mann mit einem aufdringlich gelben Schlips seinen riesigen Alukoffer weiter und stellte sich genau so hin, dass er Patrick die Sicht auf den Check-in-Schalter versperrte. Mist.

Die Uhren auf dem Flughafen schienen sich alle gegen sie verschworen zu haben. Annika Frinx drehte sich um und starrte auf die digitale Zeitanzeige, die neongrün auf schwarz über der gegenüber liegenden Schalterreihe prangte. Ihre Handyuhr ging offensichtlich falsch, denn die offizielle Flughafenuhr verkündete, dass es schon 8:32 Uhr war. Es blieben noch dreiundfünfzig sichere Minuten auf dem Berliner Boden, bis ihr Flug nach Spanien ging. Dann würde die Maschine die Startbahn verlassen und abheben, mit der Spitze hochschießen in den unendlichen Himmel. Annika sah das Flugzeug schon von Turbulenzen geschüttelt kilometertief nach unten sacken, Sauerstoffmasken würden ihr entgegenfallen, ein Inferno aus Rauch und Feuer, es war völlig klar, dass sie heute über den Pyrenäen abstürzen würde …

Annika biss sich auf die Lippen. Nicht daran denken. Weitaus weniger Menschen kamen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben als beim Überqueren einer Straße. Die Trainerin in dem Anti-Flugangst-Seminar hatte ihnen Statistiken vorgelegt, die wirklich überzeugend aussahen. Doch Annika hatte nicht verhindern können, dass ihr trotzdem tausend zweifelnde Fragen durch den Kopf schossen: Bezogen sich die Statistiken auf Straßenüberquerungen mit Zebrastreifen oder ohne, mit Ampeln oder ohne? Waren die verunglückten Menschen vielleicht einfach bei Rot gegangen, weil sie jemand böswillig abgelenkt hatte? Wurden Selbstmörder, die sich mit Absicht vor heranfahrende Autos geworfen hatten, auch berücksichtigt?

Annika seufzte. Wenn sie sich beim Fliegen wenigstens nach rechts und links, und dann noch einmal nach rechts umschauen könnte, wie sie es in der 1. Klasse als ABC-Schützin gelernt hatte, dann ginge es ihr schon viel besser. Doch stattdessen musste sie sich darauf verlassen, dass irgendein Pilot sich in diesem unendlichen Himmel auskannte und wusste, wohin er den Flieger steuerte, damit sie wirklich heil nach Barcelona kam.

Vor ihr am Schalter gab es ein Problem mit dem Handgepäck. Vorschriftsgemäß hatte die nette Dame mit der Wolljacke ihre Medikamente in einem durchsichtigen Plastikbeutel verstaut, trotzdem stimmte etwas nicht.

„Es tut mir wirklich wahnsinnig leid, aber Sie dürfen keine Flaschen mit Flüssigkeit mit in die Kabine nehmen.“ Die junge Frau mit dem kurz geschnittenen, blonden Lockenkopf war die Geduld in Person, sie sprach ruhig und freundlich. „Wir versorgen Sie an Bord ganz bestimmt mit so viel Wasser wie Sie wollen.“

Die Dame schüttelte den Kopf. „Aber das Wasser ist bloß für meine Herzmedikamente. Sechs Mal am Tag muss ich eine Pille einnehmen, alle drei Stunden, junges Fräulein. Und das fällt leider mitten in die Flugzeit.“

Annika musste lächeln, als die Dame mit festem Griff ihre Wasserflasche nicht aus der Hand gab, die die HolidayJet – Angestellte ihr abnehmen wollte. Annika liebte diese alten Berliner Witwen mit ihrem überkandidelten, immer ein wenig zum Schrillen neigenden Kleidungsstil. Die Dame trug einen Kostümrock aus Kaschmir, den sie mit einer grob gestrickten Wolljacke kombiniert hatte. Unmöglich, würde Annikas Mutter sagen, die nichts auf ihren angestammten Düsseldorfer Schick kommen ließ. Aber Berlin war eben Berlin, nicht umsonst kamen die wirklich innovativen Ideen und Modetrends aus der Hauptstadt und nicht vom Rhein.

Annika blickte auf die digitale Flughafenuhr: 8:41. Die Minuten verstrichen unerbittlich, selbst wenn die Abfertigung der Passagiere durch das Wasserflaschen-Problem aufgehalten wurde. Das wohlbekannte, matschige Gefühl machte sich in ihren Knien breit. Wie sollte sie so die Gangway hochkommen? Annika fühlte schon die Enge im Flieger, der immer voll besetzt war. Eine Sekunde lang mutierte die nette Blonde am Check-in zu einer Roboterfrau wie die Stewardessen, wenn sie gelangweilt die lebensrettenden Sicherheitsvorkehrungen durchgingen. Ablenken, hatte die Trainerin ihnen geraten, wenn die Panik hochkam: ablenken, sich beschäftigen, an etwas anderes denken, an etwas Schönes.

Sie schaute sich in der Abfertigungshalle um. An der Staff-Absperrung ein paar Meter weiter wartete noch immer dieser Pilot, der vorher so unverschämt ihre Beine angestarrt hatte. Nun war sich Annika durchaus bewusst, dass ihre Beine optisch mit das Beste an ihr waren. Ansonsten war sie natürlich zu groß. „Das bleibt so, gewöhne dich dran“, hatte ihre Mutter ihr gleich gesagt, als ihr Körper mit elf plötzlich anfing zu wachsen und nicht mehr aufhören wollte, bis sie sogar größer als ihr großer Bruder war. Inzwischen hatte sie sich damit abgefunden. Ein Trost, dass sie immerhin auf den Zentimeter gleich groß wie Naomi Campbell war. Und es gab genug Männer, die auf ihre langen Beine standen.

Der Pilot in der meerblauen, mit sandgelben Plissen abgesetzten Uniform flog offenbar auch für HolidayJet. Gerade redete er mit einer zierlichen Stewardess, die angesichts ihres dunkelvioletten Outfits zu einer andern Gesellschaft gehören musste. Annika kniff die Augen zusammen und schätzte die Größe der Flugbegleiterin, höchstens ein Meter achtundfünfzig. Dagegen hatte sie keine Chance, das war die ideale Ein-Kopf-kleiner-Proportion.

Schade, der Pilot war total ihr Typ. Drahtig, energisch, kein Dreitagebart, dunkel, dazu dieser offene, fast freche Blick, mit dem er sie vorhin angeschaut hatte. Und er war … klein. Zumindest für einen Mann. Größe war relativ, die ideale Größe erst recht. Es war das Dilemma in Annikas Liebesleben: Sie stand einfach auf kleinere Männer. Nicht, weil sie gern auf ihren Lover herunterschaute, so viel größer war sie ja auch wieder nicht. Aber sie liebte es, wenn der Mann im Bett neben ihr genau zu ihrem Körper passte, Schultern an Schultern und Oberschenkel an Oberschenkel. Keine zu langen Arme, die sich fast zweimal um sie wickelten, als sei sie ein Postpaket, kein Kinn, unter das sie ihren Kopf quetschen musste. Große Männer kamen meistens nur als schlaksige, dürre Kerle daher, die immer halb neben sich standen, oder in der muskelbepackten Variante, die eh die gesamte Freizeit mit Bodybuilding verbrachte.

Vor ihr am Schalter blickte die alte Dame ihrer vollen Wasserflasche nach, die die HolidayJet – Frau nun doch mit einem geübten Wurf in die für derlei Fälle aufgestellte Tonne warf. Dann griff die Berlinerin sich Ausweis und Ticket und ging mit zielsicherem Schritt und erhobenem Kopf zu den Gates. Die hat bestimmt keine Angst vorm Fliegen, ging es Annika noch durch den Kopf, dann war sie an der Reihe.

„Herr Lister, könnten Sie mal kurz herüberkommen.“ Melanies Stimme hätte Patrick noch im größten Trubel erkannt. Die Chefin des Bodenpersonals verlor einfach nie die Nerven. Vor ein paar Wochen hatten die Buchungscomputer Freitagabend drei Stunden lang verrückt gespielt, aber Melanie hatte mit ihren klaren Durchsagen allen wartenden Passagieren das Gefühl vermittelt, dass HolidayJet sie rechtzeitig in den sonnigen Süden bringen würde. Sie hatte die perfekte, Vertrauen einflößende Stimme für ihren Job, bei dem man dauernd mit gestressten und nervösen Menschen zu tun hatte. Für Patrick wäre das nichts. Höhenangst oder Flugphobie waren gefühlsmäßige Fremdwörter für ihn, er konnte sich einfach nicht vorstellen, warum es jemandem Angst machen sollte, völlig frei und leicht über den Wolken im Sonnenlicht zu schweben.

Er ging auf den Schalter zu, wo Melanie ihm mit einem Ticket in der Hand zuwinkte. Direkt vor dem Schalter stand die Frau im hellgrünen Sweatshirt. Patrick verkniff sich den Blick zu den langen Beinen. Das rosa Handy war verschwunden, dafür hielt die Frau ihren Reisepass in den Händen. Sie war wirklich sehr attraktiv, doch ihre Finger zitterten. Als Co-Pilot hatte Patrick oft mit den Passagieren zu tun, deshalb spürte er sofort, dass hier etwas nicht stimmte. Er strahlte sie – ganz Profi – mit seinem breitesten Pilotenlächeln an.

Melanie, die mit ihrem kurzen Lockenschopf wie ein kleiner Kobold aussah, nickte ihm zu. „Frau Frinx würde gern einen Upgrade in die Holiday-Premium-Class machen, aber leider sind die zwölf Plätze in der ersten Klasse ausgebucht.“

„Ich habe gehört, das Flugzeug ist sehr voll.“ Die Frau machte eine unbestimmte Geste über die Abfertigungshalle, in der es vor Menschen wimmelte. „Die Enge in der Economy, ich komm damit nicht so gut zurecht … Es wäre sehr nett, wenn Sie mir helfen könnten.“

Ein bittender grünblauer Blick glitt über seine Uniform. Patrick fuhr unwillkürlich ein Schauer über den Rücken. Trotzdem fragte er sich, warum diese Frau Frinx überhaupt Economy gebucht hatte, wenn sie mehr Raum für ihre langen, wohl geformten Beine brauchte.

„Ja?“, sagte er gedehnt und stellte sich direkt neben Melanie. Die erste Klasse war bei HolidayJet nie ausgebucht. Wer beim Fliegen Wert auf gehobenen Komfort und erste Klasse legte, der buchte selten bei einer Billig-Airline.

Melanie schob ihm die Reiseunterlagen hin. „Vom Ticket her geht es in Ordnung“, sagte sie leise, deutete dabei mit dem sandgelb-meerblauen Kugelschreiber aber nicht auf das Ticket, sondern auf den internen Flugplan. Eigentlich hatte der Flugplan nichts an den Passagierschaltern zu suchen, und Patrick fragte sich, was Melanie ihm wohl damit andeuten wollte. Dann sah er es: Bei den Stewardessen war der Name Ursini gestrichen. Er blickte rasch auf das Datum des Ausdrucks. Jenny hatte sich schon vor drei Tage krank gemeldet. Melanie nickte unauffällig, sie wusste genau wie er, dass das kein Zufall war. Aber warum hatte ihm niemand Bescheid gesagt?

Patrick und Jenny Ursini vermieden es, dass sie für denselben Flug eingeteilt wurden. Leider klappte es nicht immer, auch wenn die Kollegen sie so gut es ging unterstützten. Niemand war scharf auf die eisige Stimmung, die plötzlich einsetzen konnte, wenn Patrick und seine Exfrau sich im Flieger begegneten. Dabei waren sie schon seit dreieinhalb Jahre geschieden. Er hatte die blonde Jenny mit der Model-Figur in Frankfurt kennengelernt, als sie beide dort in der Ausbildung waren. Sie lernte Stewardess bei der Lufthansa, er war bei einem Lehrgang zum Thema Radionavigation. Sie verliebten sich Hals über Kopf und heirateten nach vier Wochen. Patrick bereute die stürmischen Tage und Nächte nicht, aber sie waren einfach zu jung gewesen. Als dann der Alltag mit Fernbeziehung, seine vielen Lehrgänge und Jennys ständig wechselndem Flugplan über sie hereingebrochen war, hatten sie immer öfter Streit bekommen. Nach zwei Jahren war es aus gewesen, Scheidung. Und wie um sich an ihnen beiden für ihren jugendlichen Leichtsinn zu rächen, hatte das Schicksal sie kaum acht Monate nach der Trennung zur selben Airline verschlagen.

„B4 ist noch frei“, sagte Melanie, wobei sie ihm, von der Reisenden unbemerkt, leicht auf den Fuß trat. Nun fiel bei Patrick endlich der Groschen. Der B4 war eigentlich immer bis zur letzten Minute für die Chefetage reserviert, weil sie in Barcelona gerade ein Wartungscenter für die Spanienflüge aufbauten.

„Dann geben wir Frau Frinx doch einfach den B4 in der Premium Class“, sagte er. Jenny als Chefstewardess hätte niemals geduldet, dass ohne dringenden Grund die Regeln unterlaufen wurden. Doch der Flieger ging in einer guten halben Stunde, und Patrick wusste aus gut unterrichteten Quellen im Management, dass beim Wartungszentrum gerade Baustopp herrschte. Er nickte Melanie zu und lächelte für Frau Frinx das Extra-Wochenend-Ferienflug-Lächeln. So hieß das bei HolidayJet, wenn man es wirklich ernst meinte, und er meinte es wirklich ernst. „Mit besonderen Empfehlungen des Cockpits.“

„Vielen Dank. Brauchen Sie meine Kreditkarte für den Upgrade?“

Der Stimme der Frau war Erleichterung anzuhören. Patrick war sich sicher, dass es hier nicht um zu enge Sitze und zu wenig Fußraum ging. So eng bestuhlt waren die neuen Ferienflieger von HolidayJet schließlich gar nicht. Aber um was ging es dann? Er schaute zu, wie die Reisetasche abgefertigt wurde. Lange würde sie nicht in Barcelona bleiben, die hellgrüne Stofftasche erschien ihm winzig.

„Ich checke Sie als Economy ein. Alles andere erledigt Herr Lister dann für Sie an Bord.“

Patrick stellte sich näher an den Counter und versuchte, den Vornamen im Computer zu erkennen.

„Herr Lister?“ Melanies dunkle Stimme klang ein klein wenig ungeduldig.

„Ja?“ Annika hieß sie, Annika Frinx. Adresse – was denn? Patrick drehte sich erstaunt zu Melanie, die ihm schon wieder auf den Fuß trat, aber stärker diesmal.

„Braucht Flug 251 nach Barcelona nicht einen Co-Piloten? Es ist fünf nach neun.“ Der kleine Kobold grinste ihn an. Melanie hatte natürlich Recht, er war spät dran.

„Bin schon weg. Danke.“ Er nickte Frau Frinx – Annika – zu. „Wir sehen uns gleich. Ich muss leider durch einen anderen Security-Check.“ Patrick deutete hinter sich auf den Staff-Eingang.

Sie lächelte. Das leider war ihm mehr oder weniger herausgerutscht, doch sie hatte es offensichtlich gehört. „Bis gleich.“ Die grünblauen Augen blitzten, dann nahm sie ihre Bordkarte und steckte sie in den Plastikbeutel. Außer dem Ausweis befanden sich nur eine braunes Glasfläschchen und ein Buch darin. Als Annika Frinx langsam zum Eingang für die Passagiere ging, versuchte Patrick noch, den Titel zu erkennen, irgendetwas mit Fliegen leicht … dann war sie zu weit weg. Er starrte ihr nach, als sie wie eine grüne Erscheinung mit Schottenrock die Abfertigungshalle durchquerte.

Was für Beine! Wie sollte ein Pilot da an Basis-Check und Abhaklisten denken? Nach dem Start hatten sie auf Autopilot umgestellt, dann war Patrick in die Kabine gegangen. Als Co-Pilot war er für den Cabin-Check verantwortlich. Er stand hinter den Stewardessen an den Mikrowellen für die Heißgetränke.

„Der Businesstyp mit dem gelben Schlips in der Premium hat mich jetzt schon drei Mal nach dem vegetarischen Menü gefragt, richtig fies. Dabei hatten wir noch nicht mal die Türen richtig zu. Ich habe ihm schon erklärt, dass ich erst nach dem Start servieren darf“, sagte Sariyeh und deutete unauffällig zu der Sitzreihe.

„Der sieht nicht wie ein Touri aus. Sei lieber total höflich, das ist bestimmt ein Quality-Supervisor. Ich hab gehört, dass es wieder mehr geheime Überprüfungen geben soll.“ Tanja räumte die in Alu verpackten Mahlzeiten in die Mikrowelle.

In letzter Zeit hatte es ziemlich viele Neueinstellungen bei HolidayJet gegeben. Die heimlichen Prüfer von Quality Control konzentrierten sich bestimmt auf das Service-Verhalten der Cabin-Crew. Patrick räusperte sich. „Und, ist er bis jetzt zufrieden?“

„Ich hab noch nicht wieder nach ihm geschaut.“ Tanja zuckte leicht mit den Schultern.

„Dann hole das mal nach, okay?“, sagte Patrick. Er selbst wollte nach Annika Frinx auf B4 schauen, die ihm nicht aus dem Kopf ging.

Die langen Beine waren nicht zu übersehen, selbst wenn Annika Frinx auf ihrem Erste-Klasse-Sitz nicht recht glücklich aussah. Sie klammerte sich an den Lehnen fest und saß steif in den Polstern. Sie war sehr blass.

Patrick beugte sich zu ihr. „Hallo, Frau Frinx. Ist Ihnen nicht gut?“

Mit einem abwesenden Blick schaute sie ihn an, dann quälte sich ein Lächeln auf ihre Lippen. „Geht so. Meine Tasche, da ist …“ Sie wollte sich aufrappeln. Patrick kam ihr zuvor und öffnete das Overhead Compartment über dem Sitz.

„Die Ledertasche, bitte.“

Der Mann neben ihr erhob sich. „Wo ist die Toilette, bitte?“

„Gleich hier vorn.“

Patrick ließ ihn in den Gang treten, dann stand Annika Frinx neben ihm und lugte in die Ablage. Sie hielt sich an der Kopfstütze des Sitzes fest. Schwankte sie? Der Frau war sicher übel. Patrick schickte Sariyeh einen auffordernden Blick, die schaute aber absichtlich woanders hin. Auch Tanja war verschwunden. „Ihre Tasche.“

„Ich hole mir nur meine Bachblüten gegen die Aufregung.“

„Wollen Sie nicht lieber ein Glas Wasser?“

Annika schüttelte den Kopf, fiel kurz gegen seine Schulter. Er stützte sie, hielt aber Abstand. Tuchfühlung mit Passagieren, besonders mit weiblichen Passagieren, das war immer heikel. Sie kramte in ihrer Ledertasche, zog den Plastikbeutel hervor und nahm schließlich ein braunes Glasfläschchen heraus. Dann schaute sie sich irgendwie irritiert um, schluckte sichtbar und tastete sich zurück in den Sitz.

„Alles in Ordnung, Frau Frinx?“

„Ach, jetzt bräuchte ich doch ein Glas Wasser.“

„Kein Problem.“ Patrick schaute sich um, nur war immer noch keine der Stewardessen zu sehen.

„Müssen Sie nicht eigentlich fliegen?“, fragte Annika. Ganz kurz strahlte ein hinreißendes Lächeln in ihrem Gesicht auf.

„Mein Kollege hat das alles im Griff, keine Angst.“ Er schaute erneut über die Sitzreihen. Seltsam, eine Stewardess war eigentlich immer für die erste Klasse verantwortlich. Von der vorderen Toilette kam mit schwankenden Schritten der Nachbar von Annika zurück. Patrick machte Platz, um ihn ans Fenster zu lassen. Der Herr warf ihm einen missmutigen Blick zu.

Leise raunte Patrick Annika zu: „In zwei Stunden sind wir in Barcelona, versprochen. Sie schaffen das schon. Okay?“

„Ja, okay, wirklich. Fliegen Sie ruhig weiter.“ Sie schloss die Augen, hielt dabei aber das Bachblütenfläschchen verkrampft in der einen Hand. Patrick hatte das deutliche Gefühl, das irgendetwas gar nicht okay war.

Ganz plötzlich tauchte wie aus dem nichts Tanja mit einem Tablett auf. „Wir servieren heute als Cocktail in der Premium Class einen Caribbean Hurricane. Mit oder ohne Alkohol.“

„In meinem Kopf ist schon Hurrikan genug“, murmelte Annika mit geschlossenen Augen.

Patrick schaute von Sariyeh zu der Passagierin, die sehr blass und regungslos dasaß. Auf einmal kapierte er, was hier lief. Die Flugangst dieser Annika Frinx, Tanjas Aufregung über das vegetarische Menü für den Geschäftsmann, das war alles nur gespielt!

In seinem Kopf schwirrten die Geschichten umher, die in der Ausbildung über die unangekündigten, gefürchteten Service-Bewertungen erzählt worden waren. Schwangere mit Sturzgeburt, ganze Sitzreihen, die in schnarchenden Tiefschlaf fielen, ältere Damen, die mitten im Flug aussteigen wollten, Passagiere, die verborgene Schnapsflaschen oder noch schlimmer, ein kleines Taschenmesser, aus dem Handgepäck zauberten. Warum für ihn nicht als Test eine hoch attraktive Frau, die schon beim Einsteigen schwere Flugangst kriegte, bevor sie in der Luft ganz zusammenbrach?

Okay, er war erstklassig ausgebildet, ein Test von Quality Check konnte ihn nicht schrecken. Business as usual. Patrick legte einen mitfühlenden Ton in seine Stimme. „Ich lasse Ihnen ein stilles Wasser bringen.“

Annika öffnete prompt die Augen. Sieh an. Patrick deutete auf den Rufknopf neben dem Sitz. „Drücken Sie einfach, und Tanja wird sich um Sie kümmern. Ich fliege Sie jetzt sicher nach Barcelona.“

Er winkte, und Tanja grinste in ihre Drinks mit den bunten Schirmchen. Die wusste doch genau was lief. „Tanja, würdest du bitte ein Wasser bringen und Frau Frinx helfen, falls ihr schlecht wird?“

„Natürlich.“ Schon war Tanja bei den Getränkeschränken verschwunden.

„Danke.“ Die Stimme von Annika Frinx klang wirklich dankbar. Patrick drehte sich um. Dieser blaugrüne Blick war faszinierend, eine Mischung aus flackernder Panik und totaler Neugier. Konnte eine Prüferin wirklich so gut schauspielern?

Als Patrick ins Cockpit ging, sah er aus dem Augenwinkel, wie Annika Frinx ihre Tropfen in das Glas Wasser träufelte, das ihr Tanja gebracht hatte. Frauen hatten erstaunliche Tricks drauf, die Erfahrung hatte er doch wohl schon gemacht, oder? Patrick hätte doch zu gerne gewusst, ob diese Annika ihn jetzt von hinten cool abcheckte. Aber er sah sich nicht noch einmal um. Auch so eine „Prüfung“ konnte ihn nicht schrecken.

„Cockpit check – on“, sagte Jan Kosfeld, der Kapitän von Flug 251.

Autor

Merle Faber
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