Die schöne Heilerin - Kapitel 1

1. Kapitel

 

Heathwater Castle, im Nordwesten Englands

  1. September 1358

„Es gibt ein Land, genannt das ‚Umkämpfte Land‘, gelegen zwischen den Königreichen England und Schottland …“

„Ian!“

Mit einem verzweifelten, wehklagenden Schrei beugte sich Laird Alexander Ullyot über die Leiche seines Clanbruders.

     Lady Madeleine Randwick hielt sich im Wald verborgen und beobachtete von dort aus das Geschehen. Sie vermochte kaum zu glauben, dass das Oberhaupt des Clans Ullyot, geboren und aufgewachsen im schottischen Hochland und Bastard eines Vaters von königlichem Geblüt, der sich nie zu ihm bekannt hatte, zu solchen Gefühlsregungen fähig war. Ihm eilte vielmehr der Ruf voraus, grausam und herzlos zu sein.

     Und sie konnte verstehen warum. Im strömenden Regen wirkte sein Gesicht wie aus kaltem, hartem Marmor gemeißelt. Nicht hübsch. Nicht anziehend. Das war nicht das Antlitz eines jungen Mannes voller Träume und Verheißungen, sondern ein müdes, leidgeprüftes Gesicht, dessen Züge von Gefahren und Schmerz geformt worden waren. Die Narbe, die sich quer über seine rechte Wange bis zum Ansatz seines dunkelblonden Haars zog, war sogar aus dieser Entfernung zu erkennen. Sie verlieh ihm eine beinahe wilde Schönheit, die Madeleine fast den Atem raubte. Dieser Mann war nie in die Hände einer halbwegs tüchtigen Heilerin geraten, dessen war sie sich sicher. Sie zog sich die Kapuze ihres Umhangs tiefer in die Stirn, um ihr leuchtendes Haar zu verbergen. Sein zweischneidiges Langschwert blinkte in der Sonne.

     Großer Gott, wenn er sie entdeckte!

     Sie kauerte sich tiefer ins Gebüsch und begutachtete sachlich die noch nässenden Wunden an seinem Arm und auf seinem Rücken. Ein tiefer, klaffender Schnitt konnte durchaus sein Blut vergiften. Nüchtern ging sie in Gedanken ihre Möglichkeiten durch. Wenn er starb, ließ die Wachsamkeit ihres Bruders vielleicht etwas nach, und sie konnte Heathwater entfliehen.

     Fliehen vor Noel, Liam und Heathwater. Wie lange hatte sie davon schon geträumt! Sie wollte sich gerade abwenden, als sie bemerkte, dass seine Schultern zuckten.

     Er weinte.

     Der verhasste Laird of Ullyot, die Geißel des Grenzlands und Anstifter zahlloser blutiger Schlachten, weinte, als er die Hand seines Clanbruders zum Abschied noch einmal beinahe zärtlich an seine Lippen hob.

     Madeleine verharrte reglos. All diese Muskeln, der Eindruck von Unbesiegbarkeit wollten nicht recht zu diesem tief empfundenen Kummer passen. Sie sah, wie er erstarrte, als er offenbar ein Geräusch weiter unten im Tal wahrnahm. Mit schmutzigen Händen wischte er sich die Tränen fort und richtete sich mit eisigem Blick und gezücktem Schwert auf.

     So also sah ihr Feind von Nahem aus. Der Mann, dessen Land im Norden entlang der schottischen Grenze an ihr eigenes anschloss und westlich des River Esk an die Ländereien ihres Bruders angrenzte.

     Ganz offensichtlich spürte er, dass er beobachtet wurde, denn er ließ den Blick wachsam über das Unterholz der hinter ihr liegenden Anhöhe schweifen, doch das Eintreffen einiger Ullyot-Männer lenkte ihn ab. Sie konnte hören, wie er mit tiefer Stimme Befehle erteilte. Die Leichen der Freunde wurden von denen der Feinde getrennt und auf einen von zwei Pferden gezogenen Karren gebettet. Flüchtig fragte sie sich, wo wohl sein eigenes Pferd sein mochte, doch im selben Moment neigte er den Kopf ein wenig zur Seite und pfiff ein tiefschwarzes Ross herbei.

     Furchtsam wich Madeleine tiefer ins Unterholz zurück und versuchte, sich an all das zu erinnern, was sie je über den Clan Ullyot gehört hatte.

     Ashblane.

     Seine aus Stein gehauene Burg, groß und fensterlos. Das wenige Licht, das hätte hineinfallen können, wurde von Vorhängen aus schmutzigen Tierhäuten ausgeschlossen. Terence, der Diener ihres Bruders, hatte ihr das kurz nach dem Tod ihrer Mutter erzählt. Nicht ohne Hintergedanken, vermutete sie, um sie mit ihrem eigenen Geschick auszusöhnen, denn es konnte wohl niemand noch trostloser hausen als Alexander, das mächtige, überhebliche Oberhaupt der Ullyots.

     Die Leichen waren mittlerweile auf dem Karren verstaut. Fetzen einer zornig geführten Unterhaltung wehten zu Madeleine herüber, bis der aufkommende Wind die Worte davontrug und an dem Umhang zerrte, den Ullyot über die Gesichter der Gefallenen gebreitet hatte. Sein schmutziger Tartan war blutgetränkt. Wegen seines Arms, wie sie annahm. Oder seiner Nase. Oder der tiefen Wunde auf seinem Rücken, die sie jetzt wieder sehen konnte, als er sich umdrehte.

     Seine Männer umringten ihn, als suchten sie bei ihm Trost. Flüchtig fragte sie sich, wer ihm wohl Trost spenden mochte, doch sogleich kam ihr die Abwegigkeit dieses Gedankens zu Bewusstsein, und sie musste ein Lachen unterdrücken. Ein Mann wie Ullyot benötigte keinen Trost, keine Wärme oder Beistand. Der Laird hatte seinen Weg schließlich selbst gewählt, und die Gerüchte besagten, dass er von nichts und niemandem Unterstützung wollte. Einsamkeit war sein Gesetz und Hass sein Antrieb.

     Sie sah zum Himmel hinauf, um die ungefähre Tageszeit zu schätzen. Die Männer verschwanden in den Wäldern, die sich bis zum Fluss erstreckten. Sie wagte es nicht, sich auf den Weg nach Heathwater Castle zu machen, ehe die Sonne nicht tiefer am Himmel stand. Die Hügellandschaft bot ihr nur dürftigen Schutz vor den Blicken der Wachen, die man bestimmt postiert hatte, bis die Männer der Ullyots vollständig außer Sichtweite waren. Sie widerstand dem Bedürfnis, sich um die Männer ihres Bruders zu kümmern, und verhielt sich ganz still, bis sie sicher sein konnte, dass die Ullyots endgültig fort waren. Schon glaubte sie, die Totenglocke der Kapelle auf Noels Burg hören zu können, und ihr graute davor zurückzukehren. Sie fürchtete sich vor dem Schmerz der Mütter beim Anblick ihrer gefallenen Söhne, deren Gesichter nicht von einem schützenden Ullyot-Umhang bedeckt waren, wenn der kalte Nebel aus dem schottischen Tiefland heraufzog.

Schließlich hielt Madeleine es für sicher genug aufzubrechen. Sie hatte fast die Baumgruppe erreicht, wo ihre Schwester – wie immer als ihr Page verkleidet – auf sie warten sollte, als eine Bewegung ihre Aufmerksamkeit erregte. Einer von Ullyots Kriegern schien plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht zu sein. Mit gezücktem Schwert stürmte er auf die Lichtung. Lähmende Angst stieg in ihr auf. Irgendetwas stimmte hier nicht. Selbst aus dieser Entfernung konnte sie das deutlich spüren.

     „Jemmie!“, schrie sie und hob die Hand. Im selben Augenblick wurde ihr der Arm schmerzhaft auf den Rücken gedreht.

     „Still, Mädchen.“ Die Stimme an ihrem Ohr war tief und die eines Mannes aus dem schottischen Hochland. Von einem Schwindel erfasst, drehte sie sich um.

     Er war es. Alexander Ullyot. Und sie hatte nicht das leiseste Rascheln seiner Schritte gehört.

     Augen von der Farbe hellen Silbers musterten sie von Kopf bis Fuß und verengten sich zu Schlitzen, als Madeleine die Fingernägel ihrer rechten Hand in seinen verletzten Arm grub. „Aufhören!“, fluchte er und zog sie an sich. Muskeln, Sehnen. Wärme, Schweiß und ein betörender, durch und durch männlicher Geruch. Einen Augenblick lang schien sich die Welt langsamer um sie zu drehen.

     Sicherheit. Kraft. Stärke. Hatte sie schon jemals einen Mann berührt, der sich so anfühlte? Der so aussah? Sie ließ langsam ihren Atem entweichen, und eine Woge des Verlangens überflutete sie.

     Ein Krieger.

     Ein Kämpfer.

     Ein Anführer, der seinen Wert kannte in einem Land, das Andersfühlenden keine zweite Chance gab. Madeleine wollte die Wange an seine Brust schmiegen und ihn bitten, ihr Zuflucht zu gewähren. Sie wollte ihn als Schild gegen eine Welt, die sie nicht länger verstehen konnte und wollte.

     „Wer zum Teufel seid Ihr?“

     Nicht die Stimme eines Schutzengels. Sein Zorn brachte sie wieder in die Wirklichkeit zurück, ebenso wie das Blut an seinem Arm. Wahrscheinlich würde er sie umbringen, wenn sie ihm ihren Namen verriet. Sie geriet in Panik, ihr Herzschlag begann zu rasen.

     „Wer seid Ihr?“, wiederholte er und packte grob ihre Schultern. Ihr stockte der Atem, und als sie sich suchend nach Jemmie umdrehen wollte, wurde ihr plötzlich schwarz vor Augen und sie fiel ins Nichts.

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