Die schöne Heilerin - Kapitel 10

10. Kapitel

Madeleine richtete ihre Heilerinnenkammer mit der Entschlossenheit einer Frau ein, die viele Jahre auf etwas gewartet und schließlich bekommen hatte, was sie sich immer ersehnt hatte. Sie stürzte sich mit ganzem Herzen auf das Putzen und Schrubben, auf das Einlagern verschiedener Tongefäße und das Sammeln von Kräutern. Als der Tag kam, an dem sie endlich mit allem fertig war, öffnete sie schwungvoll die Tür.

     Doch draußen stand niemand.

     Keine Warteschlange. Niemand mit Wechselfieber. Kein Mann mit einer Wunde, die genäht werden musste; keine Frau, die hochschwanger war. Es herrschte nur eine stille, abweisende Leere.

     Jemmie stand neben ihr. „Vielleicht sind alle beschäftigt, Madeleine. Sie kommen erst nach dem Mittagessen, oder wenn sie die Übungsturniere beendet haben.“

     „Oder sie kommen überhaupt nicht“, gab sie zurück. Sie ärgerte sich, dass sie sich je zu Hoffnungen hatte verleiten lassen. Vielleicht wollten die Leute nicht dabei gesehen werden, wie sie sie aufsuchten, und zogen ein heimliches, unauffälliges Fragen vor. Zornig biss sie sich auf die Lippe, als ihr klar wurde, was das für sie bedeutete.

     Jemmie betastete die getrockneten Blätter eines an einem Balken aufgehängten Bündels Wegwarte. „Wenn du den Laird dazu bringen könntest, dich aufzusuchen, würden sie vielleicht auch kommen. Hugo sagt, die Männer folgen ihm wie die Schafe, und er gibt einen guten Leithammel ab.“

     Madeleine musste trotz allem schmunzeln. „Hugo hat einen schädlichen Einfluss auf deine Ausdrucksweise, Jemmie. Du könntest jedoch recht haben. Bleib hier. Falls jemand kommt, bittest du ihn, auf mich zu warten. Ich komme gleich wieder.“

Alexander war in einem Gemach abseits der Großen Halle, das er zum Studieren nutzte. In englischer, französischer und arabischer Sprache abgefasste Manuskripte lagen offen auf dem Tisch ausgebreitet. Konnte er sie lesen? Gehörten sie ihm? Madeleine war erstaunt.

     Er deckte das an den Rand eines großen Folianten Geschriebene mit dem Arm ab, legte den Federkiel auf den Tisch und lehnte sich zurück. „Lady Randwick! Kann ich Euch behilflich sein?“

     Sie zögerte, ihn mit einer weiteren Unannehmlichkeit zu belasten, denn er sah so müde aus, dass sie sich fragte, ob er in der vergangenen Nacht überhaupt geschlafen hatte. Ein halb leerer Humpen Ale stand neben ihm, und im Gemach hing der Geruch von Kaminrauch. Doch schließlich gab sie sich einen Ruck. „Ich habe meine Heilkammer eröffnet und bisher niemanden dort gesehen. Nicht ein einziger Bewohner von Ashblane ist gekommen.“

     „Und …?“

     „Ich habe Euch aufgesucht, um herauszufinden, warum.“

     „Vielleicht sind alle gesund?“ Sein Spott war nicht zu überhören.

     „Nein. Ich weiß zuverlässig, dass dem nicht so ist. Helena hat mir gestern von ihrem vereiterten Zehennagel erzählt, und Callums Gelenkbeschwerden sind auch wieder schlimmer geworden. Und dann Anna. Anna hat einen Ausschlag vom Schilfschneiden gestern bekommen, und …“

     Er brachte sie mit einer knappen Handbewegung zum Schweigen.

     Ich bin zu einer richtigen Schwatzbase geworden, dachte sie plötzlich. Sie war nie sonderlich gesprächig gewesen, aber auf Ashblane schienen die Worte nur so aus ihr herauszuströmen. Wie war es dazu gekommen? Schon wieder eine Veränderung, die sie an sich feststellen musste.

     Trotzdem lächelte sie unerschrocken, holte tief Luft und versuchte es erneut. „Ich weiß nicht, wie ich die Leute ermutigen soll, mich ohne Scheu aufzusuchen. Wenn wenigstens ein Einziger käme, würden ihm die anderen möglicherweise …“ Die Worte erstarben ihr auf den Lippen, als er aufstand und auf sie zukam. Im Gegenlicht, das durch ein hoch in die Wand gesetztes Fenster fiel, wirkten seine Schultern noch breiter als sonst. Madeleines Bruder war ebenso feinknochig gebaut wie Lucien, schmale Männer, die die ganze Last der Welt auf ihren schmalen Schultern zu tragen schienen.

     Ganz anders als Alexander Ullyot. Gegensätze, dachte sie. Sie konnten so krass sein und so ausgesprochen aufschlussreich.

     Er blieb einen Schritt vor ihr stehen, und sie sah, dass er schluckte. „Warum wollt Ihr unbedingt heilen, wenn es Euch doch nur Schmerzen bereitet?“

     „Weil ich mich nur dadurch als vollständiger Mensch fühle. Ohne das Heilen ist da ein Loch, genau hier.“ Sie hob die Hand zum Herzen und wich Alexanders Blick nicht aus. Die Narbe auf seinem Gesicht schimmerte hell.

     „Meine Mutter war ebenfalls Heilerin, und ich erinnere mich, dass sie dasselbe sagte.“

     Madeleine war überrascht. „Eure Mutter? Wie war ihr Name?“

     „Margaret Ullyot from the Glenshie. Man nannte sie die Weiße Hexe.”

     „Das ist immer noch besser als die Schwarze Witwe“, gab sie zurück und bemerkte das belustigte Aufblitzen seiner Augen.

     Plötzlich empfand sie eine unerklärliche Sehnsucht und ein solches Verlangen, dass ihr beinahe schwindelig wurde. Sie verstand sich selbst nicht mehr, denn bislang war sie allem Körperlichen und Sinnlichen ausgewichen. Schließlich hatte die unfruchtbare Madeleine Randwick einem feurigen Verehrer nur wenig zu bieten. Aber hier, nur einen Schritt von Alexander Ullyot entfernt, spürte sie, dass in ihr etwas vorging, was sie noch nie zuvor empfunden hatte – Sehnsucht, ein ungestümes Aufflackern von Leidenschaft. Auf einmal war sie sich überdeutlich bewusst, eine Frau zu sein. Diese Gefühle waren so stark, dass sie ihr beinahe Angst machten, und sie wich zurück. Fort von ihm, aus seiner Reichweite, damit sie ja nicht in Versuchung geriet, die Hand auf seine Wange zu legen und sie auch dort zu lassen, um ihn zu erkunden und zu verstehen. Um zu begreifen, was es war, das das Eis in ihrem Innern zum Schmelzen brachte und sie in eine ganz andere Frau verwandelte. Diese Frau hatte nicht mehr die geringste Ähnlichkeit mit der, die immer nur von kleinen Männern umgeben gewesen war.

     Großer Gott, sogar ihre Gedanken gerieten durcheinander in Alexander Ullyots Gegenwart! Aber seine Kraft wirkte auf sie wie ein heilender Trank, ein Versprechen, ein Geschenk, eingewickelt in den lang vergessenen Traum von Sicherheit. Eine Sicherheit, die zum Greifen nah und Wirklichkeit war. Sie schloss die Augen und atmete tief durch.

     Sie war die Schwarze Witwe, die einen Tross von Lügen und Toten hinter sich her zog und auf die ein Kopfgeld ausgesetzt war. Geschmäht, gehasst und bemitleidet. Und der Laird of Ullyot hatte sogar noch mehr Grund, sie zu hassen als die meisten anderen. Dieser Gedanke ernüchterte sie ebenso wie Alexanders nächste Worte.

     „Ihr könntet etwas für mich tun. Ich habe da eine Verletzung am Bein, die versorgt werden müsste.“

     Madeleine sah ihn verwirrt an. „Wirklich?“ Seit der Behandlung seines Arms hatte er sie nicht mehr in seine Nähe gelassen. Doch plötzlich verstand sie. „Ihr würdet in meinen Behandlungsraum kommen? Mit mir zusammen?“

     „Ja“, stieß er gepresst hervor, als sei das wirklich das Letzte, was er gern tun wollte.

     „Ich wäre Euch äußerst dankbar …“, stammelte sie, aber er stürmte bereits an ihr vorbei und durchquerte die Große Halle mit solch energischen Schritten, dass man ihm die Verletzung am Bein kaum abnahm.

     Es war ein ziemlich langer Weg bis zu dem Teil der Burg, in dem sie ihren Behandlungsraum eingerichtet hatte, und als sie dort ankamen, war ihnen bereits eine stattliche Anzahl von Neugierigen gefolgt. Madeleine fragte sich, was Alexander wohl von so vielen Zuschauern halten mochte, aber er sah sie nicht an, und seine Miene verriet nichts.

     Ihr Tisch war schon mit sauberem Leinen und Kerzen vorbereitet. Plötzlich nervös geworden, bat sie Jemmie, die Dochte anzuzünden, und forderte Alexander auf, sich zu setzen. In der kleinen Kammer wirkte er noch größer als sonst. Madeleine bückte sich, hob die Schöße seines Langhemdes an und sah zwei braune, muskulöse Beine in abgetragenen Lederstiefeln vor sich. Er schien nicht viele Kleidungsstücke zu besitzen, denn er trug nie etwas anderes als die Ullyotfarben und das typische Langhemd der Highlands.

     Beide Beine sahen vollkommen gleich aus. „Welches ist das verletzte?“, flüsterte sie, weil ihr nun klar war, dass er nur hier war, um ihr zu helfen, und dass die anderen sie nicht belauschen sollten.

     „Das linke.“ Er beugte sich vor und zeigte auf einen winzigen Kratzer, den sie gar nicht bemerkt hatte. Ihr entging nicht, dass er das Bein bewusst so hielt, dass die umstehenden Clanmitglieder die vermeintliche Wunde nicht sehen konnten. Und ihr fiel auch auf, dass er nicht einmal zusammenzuckte, als sie den Kratzer berührte.

     „Wie kam es zu dieser Verletzung?“

     „Auf dem Übungsturnier, das ich neulich für die jüngeren Krieger veranstaltet habe. Ich bin nicht mehr ganz so beweglich wie früher.“

     „Von dort aus gesehen, wo ich stand, wirktet Ihr durchaus beweglich, Mylord. Habt Ihr Eure Fertigkeit im Kampf hier erworben?“

     „Nein, ich wurde in Frankreich unter König Philip ausgebildet. Guy de Tour war ein hervorragender Ritter, und die Zeiten waren schwer.“

     „Ihr wart in Crécy und Calais, wie mir Katherine berichtete. Sie sagte, danach wärt Ihr auch einige Jahre in Ägypten gewesen.“

     „So ist es.“ Er zog sich wieder in sich zurück, und Madeleine war sich nicht recht sicher, wie sie diese Unterhaltung fortsetzen sollte.

     Sie griff nach sauberen Tüchern und einer Schüssel Wasser. Er war also sowohl in Frankreich als auch in den Wüstenländern gewesen, obwohl die Zeit der Kreuzzüge schon längst vorbei war. Warum war er dorthin gezogen und mit wem? Sie erinnerte sich an die Manuskripte in seinem Gemach. Ganz offensichtlich verstand er Arabisch, was darauf hinwies, dass er mit dieser Kultur sehr vertraut war.

     Sie versuchte, mehr aus ihm herauszubekommen. „Ich habe mich schon immer gefragt, wie es sein muss, zu reisen. Wenn ich ein Junge gewesen wäre …“ Sie verstummte, weil sein Lächeln sie verwirrte.

     „Dann wärt Ihr in den Krieg gezogen?“, vollendete er ihren Satz fragend, und sie nickte. „Seid froh, dass Ihr das nicht getan habt, denn viele junge Männer sind nicht mehr zurückgekehrt, und wenn doch, dann hatte der Krieg andere Menschen aus ihnen gemacht.“

     „War das bei Euch auch so?“

     „Allerdings.“

     Madeleine hatte den starken Eindruck, dass er damit das Gespräch beenden wollte, daher schwieg sie und reinigte die Stelle an seinem Bein sorgfältig mit Wasser. Prüfend strich sie mit den Fingern über die ausgeprägten Muskeln und Sehnen. Als sie den Kopf hob, ertappte sie ihn dabei, wie er sie ansah. Das Blut schoss ihr in die Wangen und ihr stockte der Atem, weil plötzlich wieder dieses ungestüme Verlangen in ihr aufloderte. Es brachte sie völlig aus der Fassung, erschreckte sie und machte sie unbeholfen. Das Leinentuch fiel ihr aus der Hand, und unter dem Vorwand, ein neues Tuch holen zu müssen, nutzte sie dankbar die Gelegenheit, von ihm Abstand zu gewinnen.

     Lieber Gott, hilf mir, dachte sie verzweifelt, als sie sich am Tisch zu schaffen machte. Sie konnte nur beten, dass Alexander Ullyot ihr nicht anmerkte, was in ihr vorging, und dass er auf ihrem Gesicht nicht den Ausdruck finden konnte, den sie so oft bei ihrer Mutter wahrgenommen hatte.

     Eleanor de Cargne – eine Frau, die sich jeden Mann genommen hatte, der ihr gefiel.

     Nein, sie war nicht wie ihre Mutter. Sie war eine Heilerin, und sie war unfruchtbar. Sie würde nie die Gemahlin oder Geliebte eines Mannes sein. Sie war eine Außenseiterin, ein Eindringling, und das Grauen ihrer ersten Ehe hatte zur Folge gehabt, dass sie nie wieder von einem anderen Menschen abhängig sein wollte.

     Sie ging zu Alexander Ullyot zurück, trug Salbe auf den Kratzer auf und verband dann das Bein mit großer Sorgfalt. Als sie fertig war, betrachtete sie zufrieden ihr Werk und richtete sich auf. „Ihr müsst die Wunde sauber und trocken halten. Vielleicht könntet Ihr morgen zu einem Verbandwechsel wiederkommen?“ Sie sah ihm dabei nicht in die Augen.

     „Es wird mir ein Vergnügen sein, Lady Randwick“, erwiderte er ruhig und stand auf.

     Madeleine wusste ganz genau, dass er den Verband abnehmen würde, sobald er wieder in seinen Gemächern war, und dass er gar nicht daran dachte wiederzukommen.

Der Abend war schon fortgeschritten, als Madeleine ihren letzten Patienten behandelt hatte. Sie räumte gerade die letzten Tränke und Leinentücher auf, da wurde ihr eine Nachricht aus der Großen Halle überbracht.

     „Der Laird sagt, Ihr sollt jetzt zum Essen kommen“, richtete der junge Mann ihr forsch aus, und Madeleine folgte ihm beschwingt und voller Tatkraft. Sie vermutete, dass es das einfache Heilen war, das eine so angenehme Stimmung bei ihr hervorrief, und verstaute rasch das kleine Kräuterbuch, das ihr die Wirtschafterin zugesteckt hatte, in der Tasche ihres Gewandes. Sie würde später darin blättern.

     Zu ihrer Überraschung hatten sich Gäste zum Abendessen eingefunden. Ein junger Mann, ungefähr in ihrem Alter, saß neben Alexander; an seiner anderen Seite hatte eine etwas ältere Frau Platz genommen. Eine Dame mit goldblondem Haar und einem gewinnenden Lächeln … Es war dieselbe Frau, die Madeleine in jener Nacht mit Laird Ullyot zusammen gesehen hatte, als Dougal in ihr Gemach gebracht worden war.

     Sie stellte jedoch keine Fragen, sondern setzte sich stumm neben Quinlan. Stirnrunzelnd bemerkte sie den freien Stuhl neben Alexander. Hatte er den etwa für sie vorgesehen? Sie sah ihn an, aber sein Gesichtsausdruck belehrte sie eines Besseren.

     „Lady Randwick“, begann er, und seine Stimme war so abweisend wie sein Blick. „Darf ich Euch Sir Stephen Grant und seine Schwester Lady Isabella Simpson vorstellen? Stephen war hier, um seinen Onkel zu besuchen, aber noch vor dem Wochenende wird er seine Schwester nach London zurückbegleiten.“

     Stephen Grant erhob sich, kam zu ihr und hob ihre Hand an seine Lippen. „Euer Ruf eilt Euch voraus, Lady Randwick.“

     „Tatsächlich?“ Madeleine lächelte zurückhaltend.

     „Ich habe gehört, Ihr seid eine erfahrene Heilerin“, fuhr er fort. „Und Alexander hat mir erzählt, Ihr hättet hier ein Gemach eingerichtet, in dem Ihr die Kranken auf Ashblane behandelt.“

     Er machte einen durch und durch aufrichtigen Eindruck, und sie entspannte sich ein wenig. „Ja, allein heute hatte ich mehr als zehn Patienten zu versorgen.“

     „So viele?“ Nun meldete Lady Isabella sich erstmals zu Wort, und ihre Stimme klang kalt. „Werdet Ihr länger hierbleiben?“

     Madeleines Hochgefühl nach den Behandlungen erlitt einen Dämpfer unter den misstrauischen Blicken von Stephens Schwester. „Nein, nicht allzu lange.“ Madeleine entging nicht, wie die Frau ihre Hand besitzergreifend über Alexanders legte; eine Geste, die offenbar mögliche Rivalinnen abschrecken sollte.

     „Und wo werdet Ihr hingehen, nachdem Ihr Ashblane verlassen habt?“

     „Ich bin mir noch nicht ganz sicher, Lady Simpson.“ Madeleine blieb auf der Hut und ließ sich nichts von ihrer Verstimmung anmerken. Wusste diese Frau nicht, dass sie hier als Gefangene lebte?

     „Wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, seid Ihr mit dem Earl of Harrington verlobt, nicht wahr? Ein gut aussehender Mann und sehr einflussreich.“

     „Ja.“

     „Und dennoch werdet Ihr nicht zu ihm zurückkehren?“

     „Nein.“

     „Ich habe bereits gehört, dass Ihr recht wortkarg seid, Lady Randwick, aber ich war mir nicht bewusst wie sehr!“ Ihr langes, blondes Haar streifte Alexanders Ärmel, und sie fasste es kokett zu einem lockeren Knoten zusammen, der sich jedoch schon bei ihrer nächsten Bewegung effektvoll wieder auflöste. „Ich habe auch gehört, dass es Euch ein Vergnügen ist, Männer zu unterhalten“, ergänzte sie neugierig, doch Alexander gebot ihr verärgert Einhalt.

     „Genug, Isabella.“ Er entzog ihr seine Hand und schenkte sich frischen Wein ein, aber Isabella ließ sich nicht so leicht einschüchtern.

     „Lucien war unser Cousin zweiten Grades. Wir haben als Kinder mit ihm gespielt, daher kann ich verstehen, dass Ihr Euer Vergnügen anderweitig gesucht habt.“ Sie spitzte die roten Lippen und beugte sich vor, wobei sie ihr einen tiefen Einblick in den Ausschnitt ihres Gewandes gewährte. Madeleine wusste, dass Alexander dieser Anblick ebenfalls nicht entgangen war. „Wir hörten, er sei an Messerstichen gestorben?“

     „Ein Unfall, Lady Simpson.”

     Isabella verschluckte sich fast an ihrem Wein, und ihr Blick war jetzt eindeutig verschlagen. Madeleine war froh, dass Alexander dazu schwieg, und atmete erleichtert auf, als nun die Platten mit Fleisch und Brot hereingetragen wurden. Sie zwang sich zu einem Lächeln und begann eine Unterhaltung mit Stephen Grant, dessen Freundlichkeit und warme, dunkle Augen sich so wohltuend von der eisigen Kälte seiner Schwester abhoben.

 

Eine Stunde nachdem das Mahl beendet war, fand Alexander Madeleine im Innenhof der Burg. Sie saß an eine Mauer gelehnt, der Mond schien ihr ins Gesicht, und neben ihr schlief Bran, einer der vielen Hunde auf der Burg.

     „Darf ich?“ Er wartete ihr zustimmendes Nicken ab und zeigte auf das Kräuterbuch auf ihrem Schoß. „Ihr habt gelesen?“

     „Meine Großmutter pflegte zu sagen, dass die aufschlussreichsten Hinweise eines Kranken auf seinen Zustand meist die unausgesprochenen seien. Äußerliche Anzeichen wie die Körpertemperatur oder Hautausschläge. Sie meinte, für jedes Gebrechen auf dieser Erde hätte Gott in seiner unendlichen Weisheit ein passendes Heilmittel geschaffen. Ich möchte nicht, dass mir etwas Wichtiges entgeht.“

     „Und? Ist Euch irgendetwas Wichtiges entgangen?“, fragte er.

     „Nein. Bei den heutigen Fällen handelte es sich vorwiegend um Hautabschürfungen und Blutergüsse.“

     „Wie zum Beispiel an meinem Bein.“ Im Mondlicht sah er das feine Lächeln auf ihren Zügen, und es entzückte ihn.

     „Die Versorgung Eures Beins war heute mein leichtester Fall, und ich möchte mich bei Euch für diese Geste bedanken, Laird Ullyot. Ohne Eure Hilfe hätte sich sonst sicher niemand zu mir gewagt.“

     Er schwieg und genoss den leichten Nachtwind, der kühlend über sein Gesicht strich. Nach einer Weile fuhr Madeleine fort: „Isabella Simpson ist sehr schön. Kennt Ihr sie schon lange?“

     Ihr plötzlicher Themawechsel überraschte ihn. „Ja. Ihr Gemahl war ein guter Freund von mir, aber er ist vor zwei Jahren gestorben. Seitdem lebt sie zusammen mit ihrem Onkel auf Kimdean, nur ein paar Meilen von hier entfernt.“

     „Und nun hält sie Ausschau nach einem neuen Gemahl?“

     Ihre Frage traf ihn so unerwartet, dass er zu lachen anfing. „Isabella hat recht. Ihr braucht nicht viele Worte, um zur Sache zu kommen, Lady Randwick!“

     „Ich hatte nie diesen Luxus, Laird Ullyot.“

     Er atmete tief durch und lehnte sich an die Steinmauer. Was wohl geschehen würde, wenn er ihre Hand nahm und sie an seine Lippen führte, so wie Stephen Grant das an diesem Abend getan hatte? Ihre Finger wirkten schlank und feingliedrig, und ihre Nägel waren sauber und kurz geschnitten. Isabella bevorzugte lange, spitze Fingernägel. Um das Handgelenk trug Madeleine ein Lederband mit mehreren Knoten darin, die sie vielleicht an irgendetwas erinnern sollten. Die Zusammensetzung einer Arznei vielleicht, oder das Rezept für einen Trank? Er lächelte bei diesem Gedanken.

     „Wisst Ihr, ich habe nie mit Lucien geredet“, berichtete sie ruhig. „Er mochte weder meine Heilkunst noch meine Gewänder noch die Art, wie ich mein Haar trug. Ihm gefiel eigentlich gar nichts an mir. Und an ihm wiederum war nichts, was ich wirklich gern mochte.“

     „Ihr glaubt also, eine gute Ehe beginnt damit, jemanden zu mögen?“, fragte er vorsichtig und streichelte Bran, der aufgewacht war und den Kopf auf Alexanders Schoß gelegt hatte.

     „Oh ja. Jemanden zu mögen ist genauso wichtig wie die Liebe, finde ich. Man braucht Achtung und Respekt, damit eine Ehe glücklich wird. Mir war beides nicht vergönnt. Und Euch?“

     „Nein.“ Es war ihm ein Bedürfnis, aufrichtig zu sein, und hier draußen, mitten in der Nacht, fiel ihm das auch nicht schwer. „Ich habe geheiratet, weil es bequem war, nehme ich an, und weil ich mich einsam fühlte. Sympathie oder gar Liebe war nicht mit im Spiel.“

     „Und diese Gefühle kamen auch nicht mit der Zeit?“

     „Nein, im Gegenteil, sie ließen sogar noch nach. Alice war sehr nervös …“

     „In Eurer Gegenwart?“

     „Sie neigte zu Schwermut, daran erinnere ich mich noch. Und obwohl ich versuchte, ihre Gründe dafür zu verstehen, gelang es mir nicht. Heute glaube ich, es war ihr einfach angeboren.“

     „Und Isabella? Wie ist sie?“

     „Gut im Bett.“ Sie sah ihn so schockiert an, dass er anfing, schallend zu lachen. „Ihr überrascht mich, Lady Randwick“, stellte er atemlos fest, als er sich wieder einigermaßen erholt hatte. „Das ist bislang nur wenigen Menschen gelungen.“

     Sie sah ihm nun direkt in die Augen, als er ihre Hand ergriff und Madeleine an sich zog. Das Leuchten ihres feuerroten Haars, das ihm in weichen Wellen über die Hände fiel, wurde vom Mondlicht etwas gedämpft. Als Alexander einatmete, nahm er den Duft von Blumen wahr. Heidekraut, dachte er. Und Schwarzwurz. Eine Mischung aus Frau und Hexe.

     Er runzelte die Stirn, als sie plötzlich zurückwich. „Lady Isabella schätzt es vielleicht nicht, wenn Ihr mir mitten in der Nacht über das Haar streicht.“

     „Sie hat keinen Anspruch auf mich, mo cridhe.“

     Mo cridhe? Mein Herz? Großer Gott. Verwirrt stellte er fest, dass er noch nie zuvor eine Frau mit einem solchen Kosenamen angeredet hatte, und er war froh, dass Madeleine kein Gälisch verstand.

     „Noch nicht, obwohl ich glaube, sie hätte gern einen Anspruch auf Euch.“

     Statt zu antworten, hob er ihr Kinn mit dem Finger an. „Wie schafft Ihr das nur?“

     „Was schaffe ich?“ Sie konnte ihm nicht recht folgen.

     „Dass Ihr Männer dazu bringt, Euch zu begehren. So.“ Ehe sie sich versah, presste er seine Lippen hart auf ihre. Es war weder ein oberflächlicher noch ein zärtlicher Kuss, als Alexander sie an sich riss. Dort, wo seine Hände über ihre bloßen Arme strichen, schien ihre Haut plötzlich in Flammen zu stehen. „Küsst mich so, wie Ihr mich küssen wollt. Und ich kann spüren, dass Ihr das wollt – hier.“ Mit der Hand fuhr er über das Mieder ihres Gewandes, ehe er sie fest um ihre Brust legte und die aufgerichtete Spitze unter dem Tuch fühlen konnte.

     Madeleine stockte der Atem, als er sie leidenschaftlich küsste und ihre Lippen, ihren Mund eroberte. Eine Woge der Lust erfasste sie. Etwas in ihr erwachte zum Leben, was sie längst für abgestorben gehalten hatte. Mit einem leisen Stöhnen forderte sie ihn auf weiterzumachen; sie sehnte sich nach allem, was er ihr zu geben hatte, selbst hier, in aller Öffentlichkeit.

     Es gab kein Fragen, kein Geben – nur Nehmen. Die Nacht hüllte sie ein wie ein schützender Vorhang, der die Wirklichkeit draußen hielt und alles leichter machte. Auf einmal hatte Madeleine das Gefühl, nichts könnte unmöglich sein.

     Und dann gab er sie frei. Zuerst wirkte sein Blick verhangen und verwirrt, doch dieser Ausdruck wich bald Zorn. Abrupt ließ Alexander die Hände sinken und wich zurück. Madeleine sah, wie er die Hände so fest zu Fäusten ballte, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten.

     „Ich kann Euch grob oder zärtlich nehmen, aber einer Sache könnt Ihr sicher sein. Ihr werdet mein werden, Madeleine Randwick. Wenn ich dazu bereit bin, zu meinen Bedingungen, ohne die Geister, die zwischen uns stehen, und ohne die Gefahr, unterbrochen zu werden.“ Er legte den Zeigefinger seiner rechten Hand auf die Stelle an ihrem Hals, wo ihr Puls raste.

     Gerade noch rechtzeitig nahm er die Hand fort, ehe Quinlan um die Ecke bog. Er war dermaßen schockiert, Alexander und Madeleine so nahe beieinander im Mondlicht sitzen zu sehen, dass es beinahe komisch wirkte.

     „Isabella hat mich geschickt, dich zu suchen, Alexander. Sie würde sich gern zurückziehen.“

     „Danke, Quinlan. Darf ich dich bitten, Lady Randwick in ihre Gemächer zu geleiten?“ Ohne ein weiteres Wort stand er auf und stapfte davon, doch Madeleine glaubte, ihn leise fluchen zu hören, und sein Gang war schwerfällig.

Jemmie erwartete Madeleine bereits in deren Gemach und sprudelte über vor Neuigkeiten aus den Stallungen von Ashblane.

     „Es ist noch ein weiteres Fohlen geboren worden, Madeleine! Ich habe mitgeholfen, es auf die Welt zu bringen, und Gillion war auch dabei!“

     Madeleine lächelte. „Es gefällt dir gut hier, nicht wahr?“

     „Hier scheint alles so sicher zu sein. Es ist, als wären wir weit, weit fort von der restlichen Welt, und Alexander Ullyot ist so stark. Viel stärker als Noel und Liam Willliamson und womöglich noch stärker als der Earl of Montcrieff.“ Ein nachdenklicher Ausdruck huschte über ihr schmales Gesicht. „Ich wünschte, wir könnten für immer hierbleiben, Madeleine. Bis wir alt sind und niemand mehr nach uns sucht.“

     Madeleine durchquerte das Zimmer, setzte sich auf das Bett und zog Jemmie auf ihren Schoß. Sicherheit. Das war etwas, was Jemmie nie kennengelernt hatte. Schon von ihrem ersten Atemzug an war sie ein Opfer der Machtpolitik gewesen. Man hatte sie von Anfang an als Jungen verkleidet – Eleanors Art, sie zu schützen, wie Madeleine vermutete. Daran hatte sich nichts geändert, als sie nach dem Tod ihrer Mutter nach Heathwater gebracht worden waren. Und nun, nach elf Jahren, waren die alten Sorgen größer denn je. „Wir können nicht bleiben. Noel hat vom König von Schottland und von der Kirche verlangt, dass ich zu ihm zurückgeschickt werde. Das betrifft allerdings nur mich allein, Jemmie. Wenn es keine andere Möglichkeit gibt …“

     „Nein. Du würdest mich nicht allein lassen. Das hast du mir fest versprochen!“

     „Ich würde ja zu dir zurückkommen!“

     Tränen traten nun in Jemmies braune Augen, und sie schmiegte sich fester an ihre große Schwester.

     „Der Laird of Ullyot würde dich beschützen, Jemmie, das weiß ich ganz genau. Wenn er mir sein Wort darauf gibt, bist du in Sicherheit, bis ich zu dir zurückkehren kann.“

     „Dann müsstest du ihm aber die Wahrheit sagen über uns.“

     „Ich weiß.“

     „Bestimmt ist er dann böse auf uns.“

     Madeleine musste lächeln über diese kindliche Einschätzung seiner Reaktion. Böse? Er würde außer sich sein vor Zorn! Doch wenn ihr keine andere Wahl blieb, musste sie sich eben auf ihren Instinkt verlassen, und der sagte ihr ganz deutlich, dass Alexander Ullyot ein Mann war, dem man vertrauen konnte.

     Sie hob die Finger an ihre Lippen und rief sich seinen Kuss wieder in Erinnerung. Was für eine Offenbarung allein seine Umarmung für sie gewesen war … Dieser wunderbare Mann mit Zorn im Blick, Blut an den Händen und der doppelten Last sowohl des schottischen als auch des englischen Königshauses auf seinen Schultern. Und trotz allem geriet er nicht ins Wanken. Er wählte nicht den leichteren Weg, sie einfach zu opfern, so wie Lucien und auch Noel das getan hätten. Sie lächelte erneut. Seine Macht und seine selbstherrliche Art hätten ihr eigentlich ein Gräuel sein müssen, beide Eigenschaften hatte sie immer verabscheut. Doch bei Alexander Ullyot verkehrten sie sich in eine Tugend, eine Tugend, die ihr und Jemmie Schutz bot.

     Auf einmal wünschte sie, seine Hände und seine Lippen wären noch kühner gewesen und hätten sie überall dort liebkost, wo sie … Auf ihr erschrockenes Auflachen hin warf Jemmie ihr einen erstaunten Blick zu, und Madeleine schüttelte hastig den Kopf.

     „Nur ein alberner Tagtraum“, winkte sie ab. Verärgert über ihre aberwitzigen Gedanken stand sie auf. Sie war eine Geisel mit nur geringer Hoffnung auf eine Möglichkeit zur Flucht. Alexander war ein schottischer Clanführer mit einem tief verwurzelten Hass auf ihren Bruder.

     Wenn er sie nahm, dann gewiss nicht aus Liebe.

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