Die schöne Heilerin - Kapitel 11

11. Kapitel

Alexander stand am Fenster zum Außenhof und beobachtete Madeleine und ihren Pagen im Küchengarten. Gillion kniete neben ihnen, reichte ihr ein paar Blätter und lehnte sich lachend an sie, als sie ihm zum Dank den Arm um die Schultern legte.

     Anlehnen. Er musste daran denken, wie sie sich letzte Nacht in seinem Arm angefühlt hatte, unbeschwert, sanft, ihre sonstige Wachsamkeit ablegend unter diesem Ansturm von … ja, was? Wollust? Sehnsucht? Stirnrunzelnd stützte er sich auf den Fenstersims.

     Sie veränderte ihn genauso wie seinen Sohn! Selbst aus der Entfernung konnte er sehen, dass Gillion alle Scheu verloren hatte und eine ähnliche Lebensfreude ausstrahlte wie Jemmie. Immer öfter steckten die beiden die Köpfe zusammen, um irgendeinen neuen Streich auszuhecken, dunkler Bernstein neben Blond.

     Er ließ den Blick zu Madeleines Pagen wandern. Der Junge hatte in den Wochen seit seiner Ankunft zugenommen, trotzdem war er immer noch dünn. Sein Haar war zwar dunkler als Madeleines, hatte aber einen rötlichen Schimmer. Er stutzte, als ihm ein absurder Gedanke durch den Kopf ging, aber ein Klopfen an der Tür lenkte ihn ab. Quinlan trat ein mit einem Mann, den er noch nie gesehen hatte. Der Mann war staubbedeckt wie nach einem langen Ritt und trug die Farben von David von Schottland.

     „Ihr werdet nach Edinburgh gerufen, Alexander. König David schickt Euch das hier und hat mir aufgetragen, mit Euch zusammen zurückzureiten.“

     „Ach ja?“ Mit kaum verhohlener Gereiztheit nahm Alexander ihm die Nachricht ab und las sie. Ein Befehl, sich unverzüglich zum König zu begeben. Alexander wusste, dass er es sich nicht leisten konnte, sich dem Befehl zu widersetzen. „Bring Lady Randwick her, Quinlan, das hier betrifft sie. Und lass die Pferde satteln.“

Schon nach kurzer Zeit betrat Madeleine die Große Halle. Sie duftete nach Kräutern und Erde, und um ihren Hals trug sie eine Reihe von Muschelschalen und Nüssen, die unbeholfen auf einen Faden aufgezogen worden waren.

     Als sie bemerkte, worauf Alexanders Blick gerichtet war, lächelte sie. „Euer Sohn hat mir die Kette geschenkt, Mylord. Er hat sie für mich gebastelt. Die Nüsse hat er im Wald gesammelt, aber woher er die Muscheln hat …“ Sie verstummte, als er die Hand ausstreckte, um eine der Muscheln zu berühren. Er war ganz nah. Aber nicht nah genug. Hastig schüttelte sie den Kopf, um die verstörenden Empfindungen zu vertreiben.

     „Sie gehörten seiner Mutter. Sie sammelte diese Dinge.“

     „Dann werde ich die Kette vorsichtig wieder auseinandernehmen, nachdem ich sie heute getragen habe, und Euch die Erinnerungsstücke zurückgeben.“

     „Nein. Sie gehören Gillion, und er darf damit tun, was er will. Offensichtlich möchte er, dass sie Euch gehören.“

     Sein jetzt so zerstreuter Tonfall verwirrte Madeleine, und ihre Nervosität nahm noch zu, als ihr Blick auf das Pergament auf dem Tisch fiel. Schon von Weitem war das schottische Königssiegel zu erkennen, deutlich hoben sich die roten Löwen von dem goldenen Hintergrund ab.

     „David lässt nach mir schicken?“

     „Nein, nach mir. Er verlangt, dass ich mich unverzüglich zu ihm begebe.“

     „Hat Noel das gefordert?“

     „Ja.“

     Eine eisige Kälte bemächtigte sich ihrer. Erst die Kirche, nun auch noch der König. Ihre Feinde sammelten sich mit bemerkenswerter Geschwindigkeit, und ein solcher Befehl brachte hier alles in Gefahr.

     „Falls Ihr dem Befehl folgt – wird es gefahrlos für Euch sein?“

     „Wenn ich ihm folge, werde ich dafür sorgen, dass es gefahrlos ist“, erwiderte er. „Obwohl ich noch eine Frage an Euch hätte, Lady Randwick. Ist es allein brüderliche Liebe, die Noel zu solchen Schritten veranlasst, oder gibt es da noch etwas, das ich vielleicht lieber wissen sollte?“

     Sie wurde rot, sagte jedoch nichts.

     „Ich verstehe.“ Er nahm das Pergament, und Madeleine konnte ihm nur noch nachblicken, als er die Halle verließ.

     Er wusste es! Er wusste, dass sie gelogen hatte, und trotzdem ging er, ohne die Wahrheit wissen zu wollen. Unsicher verdrängte sie ihre aufsteigende Furcht. Wenn dem Laird of Ullyot nun ihretwegen etwas zustieß …

     Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende, denn die Sicherheit ihrer Schwester wog schwerer als das offene Wort. Sie merkte erst, dass sie nervös an ihrer Kette gespielt hatte, als der Faden riss und die Nüsse und Muscheln klappernd zu Boden fielen.

Er verließ Ashblane mit zwanzig Mann Geleitschutz und dreißig seiner besten Pferde. Normalerweise dauerte die Reise nach Edinburgh zwei Tage, er schaffte sie in anderthalb.

     „Du wirst Lady Randwick zu mir bringen, Alexander.“

     Alexander presste die Lippen aufeinander und schwieg, während David rastlos im Gemach auf und ab ging. Mit seinen vierunddreißig Jahren war der König bereits ein alter Mann. Alexander führte das auf die vielen Kerkeraufenthalte unter den Engländern zurück und die ständige Bedrohung durch Balliol und seine südlichen Armeen. Aber wahrscheinlich war er auch durch das Bruce-Blut, das in Alexanders eigenen Adern ebenfalls floss, so nervös, denn Ashblane mit seinen dreitausend Soldaten und den zahlreichen Festungen an den Grenzen des Ullyot-Landes war eine mächtige Burg. Zu mächtig, wie manche behaupteten. Für Alexander war es eine schwierige Aufgabe, dort für Sicherheit zu sorgen, und Davids flehender Unterton, in dem noch etwas anderes, nicht genauer zu definierendes mitschwang, beunruhigte ihn.

     „Warum hast du sie auf Ashblane behalten, Alexander?“

     „Ich will Madeleine Randwick für mich selbst.“ Er zuckte bei diesen Worten absichtlich verlegen mit den Achseln. Wenn David glaubte, er hätte sie sich zur Geliebten genommen, schützte sie das möglicherweise.

     „Wenn du deinen Trieben gehorchst, wird die Randwick-Hexe alles ruinieren. Edward von England ist unruhig, und der Baron of Falstone wartet nur auf eine günstige Gelegenheit. Nein. Bring sie her, zu mir.“

     Alexander bekam Herzklopfen. Davids Forderung ergab keinen Sinn. Madeleines Aufenthalt hier bei Hof würde nur weitere Schwierigkeiten nach sich ziehen mit einem König wie Edward auf der anderen Seite der Grenze, der Vergeltung für die Beleidigung eines seiner stärksten Gefolgsmänner suchte. Nein, in Anbetracht von Davids eigenen Interessen musste da noch etwas anderes sein, das Alexander entgangen war. Darüber hinaus hatte ihm Madeleines Gesichtsausdruck beim Anblick von Milward und O’Sullivan so einiges verraten. Ganz gleich, was man ihr nachsagte, aber sie war auch eine junge Frau, die große Angst hatte.

     „Sie bringt dich in Gefahr, Alexander. Noel Falstone will deinen Kopf, und die anderen englischen Adeligen werden sich ihm anschließen, wenn sie befürchten, dass die de Cargne-Tochter Geheimnisse ausplaudert.“

     „Geheimnisse?“

     „Eleanors Geheimnisse. Solche, wie man sie sich im Dunkeln unter der Bettdecke zuflüstert. Madeleine Randwick hat nur unter dem Schutz ihres Bruders überleben können, weil er sie streng von allen anderen abgeschirmt hat.“

     Alexander runzelte die Stirn, und erneut beschlich ihn das Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmte. „Abgeschirmt? Man sagt doch, dass sie auf Heathwater Gehör bei einer ganzen Reihe von Liebhabern gefunden hat!“ David errötete vor Unbehagen, und Alexander fragte sich warum. „Sie hat Geld, nicht wahr?“ Nur die Aussicht auf Reichtum konnte David zu stärkeren Maßnahmen bewegen. Das Abkommen von Berwick, das Schottland mit England unterzeichnet hatte, war mit Lösegeldforderungen verbunden gewesen, und David verließ sich auf die Diplomatie, um die Engländer auf Abstand zu halten. Während Alexander seinen Cousin jetzt beobachtete, bemerkte er an ihm die unmissverständlichen Anzeichen der Schwäche, von der seine ganze Herrschaft geprägt war.

     „Das Vermögen von Madeleine Randwick soll dich nichts angehen, Alexander. Es gehört mir, und daran ändert sich auch nichts, wenn du sie bei dir behältst.“

     „Von wie viel Geld reden wir eigentlich?“

     „Genug, um die Zölle auf Wolle und Tierhäute herabsetzen zu können. Genug, um Edward für mindestens ein Jahr glücklich zu machen.“

     Alexander ballte die Hände zu Fäusten und versuchte, sich ein Bild von der Summe zu machen. Hunderttausend Goldmünzen über zehn Jahre verteilt ergaben eine jährliche Vergütung, die Ihresgleichen suchte. Plötzlich verstand er. „Ist das der Grund, warum du mich gebeten hast, sie zu dir zu bringen? Damit du sie beschützen kannst?“

     Davids Augen wurden ganz dunkel. „Deine Burgen haben an der Grenze wachsen und gedeihen können, weil du ein Blutsverwandter bist und mir ohne zu fragen jeden Gefallen getan hast, um den ich dich gebeten habe.“ Seine Stimme war nicht frei von Ironie. „Wenn du allerdings möchtest, dass sie weiterhin wachsen und gedeihen, solltest du die Randwick-Erbin lieber zu mir bringen. Nach Weihnachten. Ich gebe dir Zeit bis zur ersten Januarwoche.“

     Alexander wagte kaum, die nächste Frage zu stellen. „Wer würde denn einen Nutzen davon haben, wenn sie ohne Nachkommen sterben sollte?“

     „Sollte Madeleine Randwick kinderlos vor ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr sterben, fallen ihre Ländereien wieder dem englischen König zu. Dadurch erhielte Edward in der Tat einen Korridor durch das westliche Grenzland zwischen England und Schottland.“

     „Wie alt ist sie jetzt?“

     „Sie ist am vierten Oktober fünfundzwanzig geworden.“

     An dem Tag, als sie in seinem Bett ohnmächtig geworden war, nachdem sie Dougal geheilt hatte. Ihm kam ein neuer Gedanke. „Und was geschieht, nachdem sie fünfundzwanzig geworden ist?“ Er glaubte die Antwort bereits zu kennen und griff nach seinen Handschuhen.

     David lachte und leerte seinen Weinkelch. „Danach ist sie – ob nun Dirne oder nicht – Freiwild.“

     „Und wenn sie ohne Erben stirbt?“

     Ein harter Ausdruck trat in Davids Augen, und Alexander verstand, was sein Cousin niemals zugegeben hätte. Im Fall ihres Todes würden ihre Ländereien an die Krone fallen. Engländer, Schotten – es kam nur darauf an, wer schneller zugriff.

     Eine entbehrliche Erbin. Unter der Aufsicht ihres Bruders, bis sie fünfundzwanzig wurde. Das erklärte auch die lange Reihe von Liebhabern nach Luciens Tod.

     Großer Gott. Noel wollte ihre Ländereien gewiss genauso sehr wie Edward oder David, und der einzige Weg für ihn, daran zu kommen, war über die Kinder seiner Schwester. Der Himmel mochte allerdings wissen, warum Edward Madeleine nicht an seinen Hof beordert und sie dort selbst umgebracht hatte. Lag es an ihrer Ehrlosigkeit? Ihrem Ruf, eine Hexe zu sein? Ein unerwarteter Schutz.

     In seinen Schläfen pochte es. Der Anfang war bereits gemacht. Erst Milward und nun das hier. Alexander traute seinem Cousin nicht über den Weg und wusste, was geschehen würde, wenn er Madeleine an den Hof brachte, ganz gleich, an welchen. Sie würde ermordet werden. Von David und seinen Günstlingen. Von Edward und seinen Gefolgsmännern. Keine Zwangsehe, wie Madeleine gesagt hatte, sondern Mord, begangen von jedem beliebigen Mann, der dadurch die Gunst seines Königs gewinnen wollte.

     Innerlich schäumend vor Wut wartete Alexander gar nicht erst die Genehmigung ab, sich zurückziehen zu dürfen, und stürmte aus dem Gemach des Königs.

Alexander ritt zurück nach Ashblane, als wäre ihm der Teufel persönlich auf den Fersen. Erst als er Ullyot-Land erreichte, drosselte er seine Geschwindigkeit ein wenig. Hier war alles unverändert. Keine Plünderer, die das Gebiet zu Pferd durchstreiften, keine gierigen Gefolgsleute, keine Schmeichler eines Königs, der nicht länger gewillt war zu warten.

     Madeleine war in Sicherheit. Er tat einen tiefen, beruhigenden Atemzug, aber seine Furcht blieb.

Gleich am Abend seiner Rückkehr nahm er Madeleine mit in sein Gemach. Sie spürte die Gefahr sofort, als die schwere Tür hinter ihnen ins Schloss fiel. Der Schein der Fackeln warf Schatten auf sein Gesicht, sein Schwert funkelte im Kerzenlicht. Als Madeleine den Kopf hob, erschrak sie über die Leere in seinem Blick. Alexander hatte getrunken, das merkte sie an seinem Atem. Nichts an ihm erinnerte mehr an den Mann, der sie vor weniger als einer Woche geküsst hatte.

     „Möchtet Ihr etwas zu trinken?“ Freundliche Worte, ein guter Wein und die Verheißung auf etwas vielleicht ganz anderes?

     „Nein. Danke“, entgegnete sie höflich, und er lächelte grimmig.

     „Vielleicht benötigt Ihr aber einen Schluck angesichts dessen, was ich Euch zu berichten habe.“

     Wieder schüttelte sie ablehnend den Kopf und blieb ganz still stehen.

     „Wie Ihr wisst, komme ich von König David. Er hat mich aufgefordert, Euch an seinen Hof zu bringen.“

     „Und wenn Ihr es nicht tut?“

     Achselzuckend schenkte er sich Wein nach. „Wenn ich das nicht tue, wird sich wohl der Adel Englands und Schottlands gegen mich erheben.“

     „Aber das ist das ganze Land!“

     „Was man bedenken muss, Lady Madeleine, ist die Tatsache, dass Ihr jetzt fünfundzwanzig seid.“

     „David hat Euch das erzählt, nicht wahr?“ Sie atmete unsicher und wartete, bis er nickte. „Hat er Euch auch gesagt, dass mein Vermögen nur auf einen männlichen Erben übergeht? Dass mir vom erstbesten Mann Gewalt angetan wird, der mich zu fassen bekommt?“ Sie konnte nicht weitersprechen, aber das war auch nicht nötig.

     „Wer um alles in der Welt hat Euch das angetan? Wer hat das so verfügt?“

     „Meine Mutter.“

     Er starrte sie ungläubig an. „Aber … warum?“

     „Für sie war das die einzige Möglichkeit, mir die Chance zu geben, überhaupt so alt zu werden. Ihr müsst wissen, dass man zweimal versucht hat, mich umzubringen.“

     „Wer war das?“

     „Euer Onkel und seine Geliebte. Edward und seine Berater. Die Gebiete von Harland sind wie ein Korridor zwischen Schottland und England.“

     „Harland?“

     „Der Besitz meines Vaters, der mir dann über Eleanor zugefallen ist.“

     „Eure Mutter hatte also nicht nur ein hübsches Gesicht, nicht wahr?“, meinte Alexander nachdenklich.

     „Nein, und sie war auch nicht leicht zu erobern“, ergänzte Madeleine. „Schließlich nahm sie sich das Leben, ehe sie jemand dazu zwingen konnte, ihr Testament wieder zu ändern.“

     „Warum erzählt Ihr mir das alles?“

     „Eine verriegelte Tür und ein Kelch Wein. Ein Schlafgemach, in das ich mitten in der Nacht gezerrt worden bin, und das Mal auf meiner Brust, das mich als Euer Eigentum kennzeichnet. Was soll ich sonst davon halten, Mylord? Ihr wollt die Beute doch ebenso sehr wie Euer Cousin.“ Er sah sie so entsetzt an, dass sie einen Schritt zurückwich, aber jetzt war nicht die Zeit, sich in Andeutungen zu verlieren. Die hervorstechendste Eigenschaft an Alexander Ullyot war seine Aufrichtigkeit. Madeleine verdrängte ihre Angst und bereitete sich darauf vor, um ihr Leben zu kämpfen, doch seine Reaktion war ganz anders, als sie erwartet hatte. Er lachte auf.

     „Ich wollte Euch schützen, Mylady, nicht Euch Gewalt antun!“

     „Warum?“ Sie sah ihm ruhig in die Augen.

     „Ich bin Euch etwas schuldig. Ihr habt mein Leben gerettet.“

     Sie schüttelte den Kopf, und ihr Herz klopfte plötzlich wild. „Ihr seid mir für ein Leben etwas schuldig, nicht für Tausende. Nicht für Gillions, Katherines oder Quinlans. Wenn Ihr mich hier behaltet, werden sie alle in Gefahr sein.“

     „Eure Einschätzung der Verteidigungsmöglichkeiten von Ashblane ist nicht gerade schmeichelhaft“, gab er mit leichtem Spott zurück. „Mögt Ihr auch etwas anderes denken, aber weder David noch Edward noch Noel werden jemals diese Burgmauern stürmen.“

     Sie errötete, als er zur Tür ging, den Riegel aufschob und ihr so das Zeichen gab, sie könne jederzeit gehen. Als sie jedoch an ihm vorbei wollte, hielt er sie zurück.

     „Ich bin nicht wie mein Cousin, Madeleine, und die Sicherheit meines Besitzes hängt nicht von einem noch ungezeugten Kind oder den Geheimnissen einer Frau ab, die durch Angst für immer an die Fehler anderer gebunden ist. Wenn Ihr also tatsächlich Sicherheit sucht, kann ich sie Euch vielleicht bieten.“

     Sie sah, wie sich seine Pupillen weiteten, sah das Pochen seines Pulses an seinem Hals, und plötzlich keimte eine Idee in ihr. Vielleicht gab es ja doch eine Lösung. Sie atmete tief durch, um sich nichts anmerken zu lassen. „Jede Sicherheit hat ihren Preis, Mylord.“ Betont langsam löste sie die Schnüre ihres Gewandes, ohne den Blick von ihm zu wenden. „Ich biete Euch meinen Körper an. Ich bin Euch zu Willen, so lange Ihr es wünscht; als Gegenleistung bitte ich Euch um Sicherheit für Jemmies Leben.“ Sie nahm seinen interessierten Blick wahr und fasste neuen Mut. „Schickt ihn heute Nacht mit zwei Wachen nach England zu meiner Großmutter. Ich kann Euch mit Gold oder meinem Körper bezahlen. Oder beidem.“ Sie geriet ins Faseln, und das merkte sie. Und doch war hier jetzt endlich eine Chance. Sie schluckte, schob die Hand unter seinen Tartan und zwang sich zu einem Lächeln. Schon konnte sie seine zunehmende Erregung unter ihrer Hand spüren.

     „Hört auf.“ Er wich zurück, als er merkte, dass er zu reagieren begann. Zorn und Lust. Die Herrin von Heathwater stellte sein ganzes Leben auf den Kopf. Er hatte Männer gehört, die damit prahlten, sie besessen zu haben, aber er selbst konnte sich irgendwie nicht in ihren Reihen sehen. „Hinaus.“

     „Ihr werdet nicht …“

     „Geht, Madeleine. Sofort!“ Seine Stimme klang jetzt leiser. Gefährlicher. Er wusste genau, wenn sie nicht auf der Stelle ging, würde er sie gleich hier auf dem Fußboden nehmen. Mit einer Gier und Leidenschaft, wie er sie in seinen ganzen achtundzwanzig Lebensjahren noch nie verspürt hatte. Genau das war es, wovon all diese Legenden handelten. Die Hexerei der de Cargnes, die den Männern den Kopf verdrehte und sie zu Narren machte. Lucien. David. Noel. Williamson. Verrückt vor Lust oder Liebe, Zorn oder Gier – es machte keinen Unterschied. Zum ersten Mal seit Madeleines Ankunft auf Ashblane fragte er sich, ob er sich anstatt vor den ausschwärmenden, rachsüchtigen Feinden nicht doch eher vor ihr fürchten sollte.

     Er war erleichtert, als sie ging, ohne ihn noch einmal anzusehen. Warum hatte sie ihr eigenes Leben gegen das ihres Pagen angeboten? Sein Herzschlag kam langsam wieder zur Ruhe, und Alexander fing an nachzudenken. Jemmie. Älter als Gillion, aber kleiner. Feingliedrig. Weiche, zarte Hände.

     Großer Gott. Das war es! Er rief die Wache herbei und befahl, die beiden Gäste aus Heathwater umgehend in sein Gemach bringen zu lassen.

Vorheriger Artikel Die schöne Heilerin - Kapitel 12
Nächster Artikel Die schöne Heilerin - Kapitel 10