Die schöne Heilerin - Kapitel 12

12. Kapitel

Madeleine lehnte an der Tür ihres Schlafgemachs und band mit zitternden Fingern die Schnüre ihres Gewandes wieder zu. So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte ihn einfach nicht hassen. Dabei wäre es so viel leichter gewesen, ihn zu hassen.

     Jemmie. Wenn es ihr gelang, Jemmie zu ihrer Großmutter zu bringen, war sie vielleicht gerettet. Eine leise Stimme in ihrem Innern forderte sie auf, endlich die Wahrheit zu sagen. Doch sie wurde übertönt von einer anderen Stimme, die dringend davon abriet. Vor lauter Gefahr konnte Madeleine nicht mehr vernünftig denken. Sie hatte gezeigt, was sie zu bieten hatte, und ein Mann wie Ullyot war bestimmt neugierig. Sie ging zu der gegenüberliegenden Wand und klopfte leise. Die Antwort aus dem Nebenraum kam unverzüglich. Jemmie. Beruhigt schloss Madeleine die Augen und versuchte nachzudenken, doch laute Schritte auf dem Flur draußen lenkten sie ab und machten sie wachsam. Die Gefahr war noch nicht vorbei.

     Plötzlich hörte sie ihre Schwester schreien, und Madeleine begann, wütend und voller Angst mit den bloßen Fäusten an die Tür zu hämmern. Als die Tür aufging, sah sie Jemmie vor sich stehen. Ein großer, dunkelhaariger Mann hielt sie am Kragen gepackt, auf ihrer Wange zeichnete sich ein roter Handabdruck ab.

     „Wer hat meinen Pagen geschlagen?“, herrschte sie den Mann an, fest entschlossen, ihn anzugehen, wenn er es wagte, ihrer Schwester noch einmal etwas zuleide zu tun.

     Der ältere Mann lachte und tätschelte lüstern ihre Kehrseite. Blitzschnell zog Madeleine ihm ihre Fingernägel über die Wange, riss Jemmie an sich und wich mit ihr zurück an die Mauer. „Wohin bringst du uns?“

     Alles war gefährlich. Es war schon nach Mitternacht, und obwohl Alexander Ullyot sie begehrte, so war er doch zornig. Was hatte er vor? Hatte er den Befehl erteilt, sie einfach über die Burgmauer zu werfen? Erleichtert atmete sie auf, als sie die Treppe zum Turm erkannte. Wurden sie wieder in Alexander Ullyots Gemach gebracht? Sie betete zu Gott, dass es so war.

Alexander grübelte noch immer über die Beweggründe seiner schönen Gefangenen nach, als die mit nur halb umgelegtem Umhang und ungebändigtem Haar in sein Gemach stürzte und mit lauter, herrischer Stimme verlangte, sofort losgelassen zu werden.

     „Wenn Ihr mich schon mitten in der Nacht holen lasst, Laird Ullyot, dann sorgt wenigstens dafür, dass es Wachen sind, die ihre Hände besser bei sich behalten können …“

     „Schweigt.“ Er war überrascht, als sie gehorchte. Sie schien sogar fast froh zu sein, dass man sie in sein Gemach gebracht hatte.

     Die Wachen blieben unschlüssig stehen und machten auf Alexander den Eindruck, als trauten sie niemandem von den Falstones über den Weg, schon gar nicht einer mit langen roten Haaren und Grübchen. Er schickte die Männer fort und verschloss die Tür.

     Der Junge war in den hinteren Teil des Gemachs zurückgewichen. Alexander beobachtete, wie Madeleine sich suchend nach ihm umsah, und verfolgte dann belustigt, wie sie sich genau zwischen ihn und Jemmie stellte, sodass er den Jungen nicht mehr sehen konnte.

     „Warum sind wir hier?“ Von ihrem energischen Auftreten vorhin war nicht mehr viel vorhanden.

     „Ich habe es mir anders überlegt.“

     „Verzeihung?“ Sie schluckte und wurde blass.

     „Ich werde Euer Angebot annehmen, Madeleine. Entkleidet Euch.“

     Entsetzen, Scham und Wut spiegelten sich gleichzeitig auf ihren Zügen. „Könnten wir das bitte unter vier Augen besprechen, Mylord?“, sagte sie kalt, doch er konnte sehen, wie ihre Hände zitterten.

     „Ich glaube nicht, Lady Randwick. Jemmies Freiheit für Euren Körper. Ist es nicht nur gerecht, wenn er erfährt, was das für Folgen hat?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, winkte er den Jungen zu sich. Er wunderte sich selbst, warum ihm bislang nicht aufgefallen war, was jetzt im Kerzenlicht so deutlich zu sehen war. „Legt Euch auf mein Bett, Madeleine.“ Er streifte sein Leinenhemd ab und warf es über einen Stuhl. „Jemmie, hilf deiner Herrin beim Entkleiden.“

     „Nein.“ Der Junge sah so aus, als wollte er jeden Moment in Tränen ausbrechen.

     „Nein?“, wiederholte er streng.

     „Er meint, nein, er kann mir nicht helfen, weil er sich mit Frauengewändern nicht auskennt“, ließ sich Madeleine verzweifelt vernehmen.

     „Hast du das gemeint, Jemmie?“

     „Nein.“ Die Unterlippe fing an, verdächtig zu beben.

     „Komm her.“

     „Bleib, wo du bist!“ Das war wieder Madeleine, die jetzt langsam auf Alexander zukam. Als er den Blick senkte, entdeckte er den kleinen scharfen Dolch in ihrer zitternden Hand. Die Spitze drückte sich in seine Brust, und er verharrte. Alexander wusste, wie leicht er sie überwältigen konnte und sah davon ab, sie für ihr Tun zu bestrafen.

     „Ich bin der Einzige, der Euch helfen kann, Lady Randwick. Tötet mich, und sowohl Ihr als auch das Mädchen werdet sterben.“ Er spürte, wie sie erstarrte, und drückte den Oberkörper bewusst gegen den Stahl. Ein Blutstropfen quoll hervor, und sie ließ den Dolch fallen. Sein Klirren auf dem Boden und das leise Schluchzen des Kindes waren die einzigen Geräusche im Raum. „Wer ist sie?“, fragte er ruhig. Das Entsetzen in Madeleines Augen hätte ihn beinahe zum Lächeln gebracht.

     „Meine Schwester.“

     Das hatte er nicht erwartet. „Eleanor hatte noch ein Kind?“

     „Ja.“

     „Und der Vater?“ Er glaubte die Antwort bereits zu kennen.

     „König David.“

     Alexander hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. „Eure Mutter war seine Geliebte in London?“

     „Sie war dafür bekannt, sehr überzeugend aufzutreten. Nach der Schlacht am Neville’s Cross besuchte sie ihn im Tower. Jemima kam 1347 zur Welt.“

     „So heißt sie also richtig? Jemima? Und Ihr habt sie all die Jahre versteckt?“

     Jemmie schluchzte lauter und beantwortete damit seine Frage. Freundlich strich er ihr über das Haar. „Genug, Jemima. Versuche, so mutig zu sein wie deine Schwester, und hör auf zu weinen. Ich werde dir nichts tun. Wer weiß sonst noch davon?“

     „Meine Großmutter und Goult, unser Onkel.“

     „David nicht?“

     „Nein.“

     „Euer Bruder?“

     „Nein. Wenn er wüsste, wer sie ist, würde er ihren Namen zu seinen eigenen Zwecken missbrauchen. Heathwater. Harland. Wenn diese Besitztümer schon ausreichen, seine Gier anzustacheln, wie viel leichter würde es dann für ihn sein, einem kinderlosen König einen Erben zu präsentieren? Nur indem ich Jemmie als meinen Pagen ausgab, konnte ich sie sowohl beschützen als sie auch bei mir behalten. Eleanor bestand felsenfest darauf, dass niemand je die Wahrheit erfahren sollte.“

     „Kann man diesem Goult vertrauen?“ Ihm entging ihr leichtes Zögern nicht. „Großer Gott.“ Ein alter Mann und ein Geheimnis, das zwei Länder nachhaltig zu spalten vermochte. Madeleine Randwick hatte ihm einmal versprochen, dass durch ihre Vergangenheit hier niemand zu Schaden kommen würde. Und jetzt?

     „Wenn Ihr uns Pferde besorgen könntet, dann verschwinden wir …“

     Er ließ sie nicht ausreden. „Und was dann? Wollt Ihr durch die Luft über die Köpfe einer rächenden Armee hinwegreiten?“

     Sie schwieg und nahm Jemmies Hand. „Wenn Ihr uns helfen würdet, bis an die Grenze zu gelangen, wäre Euer Lohn nicht unbeträchtlich, das verspreche ich Euch.“

     Er lachte auf. „Ein nicht unbeträchtliches Vermögen nützt einem gar nichts, wenn man tot ist, Lady Randwick! Die Auslieferung einer schottischen Prinzessin an den Hof Davids wäre wesentlich einfacher und für unseren Clan auch einträglicher.“

     Sein bissiger Humor brachte Madeleine zum Schweigen, und flüchtig fragte sie sich, wie hoch wohl der Preis für die Wahrheit gewesen sein mochte. Trotzdem konnte sie es sich nicht erlauben, sich etwas von ihrer Angst anmerken zu lassen. „Ihr glaubt, Ihr könnt vom Tod eines Kindes profitieren? Denn genau das wird geschehen, solltet Ihr sie nach Edinburgh bringen. Robert Stewart wartet nur auf eine Gelegenheit, an die Macht zu kommen, ebenso Balliol und die Söhne Edwards des Dritten. Das sind erwachsene Männer mit Streitkräften im Rücken und Macht in den Händen. Zwischen ihnen allen wäre meine Schwester nichts weiter als eine Schachfigur, sie hätte nicht die geringste Chance.“

     „Ich glaube einzig und allein an die Sicherheit meines Clans, Madeleine. So wie für Euch die Sicherheit Eurer Schwester wichtiger war als die der Menschen auf Ashblane.“

     „Ich habe nicht darum gebeten, hergebracht zu werden.“

     „Nein?“ Er nahm sein Hemd vom Stuhl und streifte es sich wieder über. „Und warum sollte ich Euch das abnehmen? Warum sollte ich zu der Überzeugung gelangen, dass Ihr nicht von Heathwater fliehen wolltet, nach allem, was Ihr mir gerade erzählt habt? Ist es nicht naheliegender anzunehmen, dass Ihr damals, als ich Euch am Rand des Schlachtfelds fand, zu entkommen versuchtet, ehe Euer Bruder seine Männer neu zusammenrufen konnte? Und dann … warum sollte eine so listenreiche Frau wie Ihr nicht auch so klug sein, sich selbst einen Mann auszusuchen? Einen mit bewaffneten Kriegern und allen Mitteln, eine Schwester zu beschützen, deren Name allein jeden in Gefahr bringen kann, der mit ihr zu tun hat?“

     „Nein. Nein, so war es nicht. Ich würde niemals lügen …“

     „Genug, Lady Randwick. Ihr lügt genauso mühelos wie Euer Bruder und vielleicht sogar noch öfter. Und in diesem Augenblick werden sich Ashblane und seine Bewohner bestimmt nicht bei Euch dafür bedanken, dass Ihr sie in Gefahr gebracht habt.“

     Madeleine schwieg. Von seiner Warte aus betrachtet, stimmte alles, was er ihr vorwarf. Sollte ihretwegen nur ein einziger Mensch auf Ashblane sein Leben verlieren … Sie wagte es nicht, den Gedanken zu Ende zu denken. „Wo steht die Armee meines Bruders?“

     „Warum wollt Ihr das wissen?“

     „Wenn ich …“ Sie musste schlucken, ehe sie fortfahren konnte. „Wenn es mir gelänge, meine Schwester zu Goult zu bringen, könnte ich …“

     „Nein!“ Jemmie schlang ihre dünnen Arme um Madeleine. „Du hast es mir versprochen, Madeleine! Du hast versprochen, dass du bei mir bleibst!“

     „Das versuche ich doch auch, Jemmie“, beteuerte sie verzweifelt und schmiegte die Wange an die ihrer Schwester. „Goult kann uns nach Frankreich bringen, wo wir dann einfach untertauchen. Niemand braucht zu wissen …“

     „Schluss!“, unterbrach Alexander sie wütend. „Glaubt Ihr im Ernst, dieser betagte Onkel könne Euch vor einer Armee aus zwanzigtausend gierigen Männern beschützen? Es sind siebzig Meilen bis zum Firth of Forth. Der Weg führt durch Clanland, zu dem Ihr keinerlei Bezug habt. Die Scotts, die Hays, die Ramsays. Überall sind Augen, Lady Randwick, und Eure Chancen, unbemerkt passieren zu können, sind genauso gering wie die, diesen Onkel zu finden. Innerhalb eines Tages nach Eurem Aufbruch werdet Ihr tot sein, und Frauen sterben in dieser Gegend nicht unbedingt langsam, selbst wenn sie noch ganz jung sind.“ Er warf Jemmie einen gezielten Blick zu. „Und was Euch betrifft, Lady Randwick, so habt Ihr doch gewiss in den letzten Jahren eine Ahnung davon bekommen, wie es draußen in der Welt zugeht? Eure Figur und Euer Gesicht wären zweifellos eine große Verlockung für Männer, die so lange eine hübsche Frau entbehren mussten.“ Plötzlich war er es leid, seine Worte mit Bedacht wählen zu müssen. „Begreift eins – jede Armee, ganz gleich von welcher Seite sie kommt, wird Euch beide in Stücke reißen, noch ehe ein Tag vergangen ist.“ Schonungslos, grob, ehrlich. Stirnrunzelnd bemerkte er, wie Madeleine kreidebleich wurde.

     Sie sah, dass er die Lippen bewegte, aber sie konnte ihn nicht hören. Mühsam schleppte sie sich zum Bett und setzte sich. Die weichen Pelze unter ihren Händen beruhigten sie ein wenig, trotzdem bekam sie kaum Luft. Sie schloss die Augen und versuchte, sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren. Erst Jemmies Schluchzen und Alexanders ruhige Stimme neben ihr holten sie aus ihrer Trance.

     „Atmet, verdammt. Langsam. Ja, so ist es besser. Und noch einmal. Tut, was ich Euch sage. Noch einmal.“ Er strich ihr über die Schulter, und sie konnte Besorgnis aus seiner Stimme heraushören. Plötzlich hob er sie auf seine Knie und zog ihren Kopf an seine Brust.

     Das Dunkel löste sich auf, ihr Körper entspannte sich, und endlich konnte sie wieder frei und ungehindert Luft holen und atmen. Vor lauter Verlegenheit blieb sie allerdings ganz still sitzen und wagte es nicht, Alexander oder Jemmie in die Augen zu sehen.

     Alexander schob sie zur Seite und stand auf. So wie sie jetzt dasaß, stumm und reglos, erkannte er sich selbst in ihr wieder, wenn er eine Schlacht hinter sich hatte. Dann brauchte man Einsamkeit, um weiterleben zu können, und man scheute die Gesellschaft anderer. Er legte den Arm um Jemmie, ging mit ihr zur Tür und rief einen Bediensteten herbei. „Bring den Jungen in die Küche und sorge dafür, dass er etwas zu essen bekommt“, sagte er ruhig. „Lady Randwick bleibt noch eine Weile bei mir.“ Er schloss die Tür wieder und lehnte sich dagegen. Er wartete.

 

Eine ganze Weile später hob sie den Kopf und sah ihn unsicher, aber auch verärgert an. „Ich habe manchmal Anfälle von Atemnot.“

     „Und sogar sehr schwere.“ Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.

     „Ich habe sie, seit ich Lucien getötet habe.“ Jetzt war es ihr ein Bedürfnis, ihm das zu erzählen, was sie noch keinem anderen Menschen anvertraut hatte. „Das ist der Fluch von St. Helen, meiner Schutzpatronin, die über meine Ehrbarkeit wacht.“ Sie fragte sich, ob er wohl hören konnte, wie laut ihr Herz schlug.

     „Ihr glaubt, Ihr hättet Eure Ehre verloren, als Ihr Lucien Randwick umgebracht habt?“

     Madeleines braune Augen füllten sich mit Tränen, und dann strömten sie ihr auch schon über die Wangen. Sie hatte nicht geweint, als Alexander sie auf den kalten Steinen des Verlieses in Ketten gelegt und sie mit seinem Messer gezeichnet hatte. Sie hatte nicht geweint, als Patrick of Jedburgh vor ihren Augen in der Großen Halle niedergemetzelt worden war. Und sie hatte auch nicht geweint, als Milward sie vor all seinen Mannen eine Hure genannt hatte. Nein, sie war hart geblieben, stolz und unbeugsam – bis jetzt, wo es um Ehre ging.

     Um ihre Ehre.

     „Würdet Ihr es wieder tun?“

     „Was würde ich wieder tun?“ Zum ersten Mal seit geraumer Zeit sah sie ihm wieder direkt in die Augen.

     „Randwick umbringen.“

     Ein harter Ausdruck legte sich über ihr Gesicht. „Ja.“

     „Ihr würdet ihn wieder töten?“, wiederholte er.

     „Ja“, erwiderte sie, lauter dieses Mal, und sie stand auf. „Ja, das würde ich tun. Ich würde ihn wieder töten.“

     „Dann habt Ihr Eure Antwort, Mylady. Manchmal ist Ehre ein Luxus, den sich nur Heilige leisten können. In der wirklichen Welt ist sie deutlich leichter zu entbehren.“

     „Und im Jenseits? Was widerfährt denen, die ehrlos sind, nach dem Tod?“ Sie flüsterte die Frage, als wäre es bereits eine Sünde, sie überhaupt auszusprechen.

     „Wir treten vor einen allmächtigen Gott und erklären uns.“

     Sie starrte ihn ungläubig an. „Daran glaubt Ihr? Wer hat Euch eine solche Ketzerei beigebracht?“

     „Ein Ägypter aus Alexandria. Er sprach von Allah und meinte, dass Gott viele Namen hat. Ich fing an, ihm zu glauben, als wir eines Nachts im Sturm vom Kurs abgetrieben wurden und unser Schiff kenterte. Kamil rief Allah an, und ein Schiff, das auf dem Weg nach Frankreich war, änderte seinen Kurs und kam uns zu Hilfe. Wir waren schon drei Stunden geschwommen, und unsere Kräfte schwanden schnell. In jener Nacht, bei gutem Wein aus Burgund und auf dem Weg zurück nach Schottland, gelobte ich, die Welt von nun an mit anderen Augen zu sehen. Ich kam zu dem Schluss, dass das Akzeptieren anderer Götter nicht eine Ausgeburt der Hölle ist, wie so viele engstirnige Christen vielleicht glauben. Es bietet neue Ansichtsweisen, Madeleine. Und Vorzüge. Ehre ist kein so eng gefasster Begriff, wie Ihr denkt, und es gibt sie in vielen Schattierungen.“

     „Und Euer Geistlicher hier? Kennt er Eure Ansichten?“

     „Der gute Prediger MacLaren befürwortet gute Streitgespräche und ermutigt sogar zu ihnen. Ein fortschrittlich denkender Mann, der von mir sorgfältig ausgewählt worden ist.“

     Unsinnigerweise musste sie plötzlich lachen. „Zweifelt Ihr denn niemals an Euch selbst, Alexander Ullyot?“

     „Nicht, wenn es um die Ehre geht, Lady Randwick. Das ist ein Begriff, der allzu oft falsch gedeutet und ausgehöhlt wird. Der Preis des Lebens wird nie so leicht gezahlt wie der des Todes.“

     „Und trotzdem überlebt Ihr? Ganz allein?“

     Er zögerte einen Augenblick, ehe er antwortete. „Ian war immer da …“, begann er ruhig, sprach aber nicht weiter und ging zum Fenster. Der Wind fuhr ihm durch das Haar, und Madeleine wurde klar, dass sie erstmals den Mann sprechen hörte und nicht die Legende, zu der man ihn gemacht hatte.

     „Ich habe Euch gesehen. Auf dem Schlachtfeld, ehe Ihr mich gefangen genommen habt.“

     Er drehte sich zu ihr um und betrachtete sie mit verhaltener Wachsamkeit.

     „Ich stand zwischen den Bäumen, um zu sehen, ob vielleicht jemand meine Hilfe als Heilerin benötigte.“ Sie zerknüllte den Stoff ihres Kleides mit den Händen und beschwor stumm Gelassenheit und Ruhe herbei, denn die Aura, die Alexander jetzt umgab, war sehr stark.

     „Habt Ihr oft Männer Eures Bruders nach einer Schlacht behandelt?“

     „Ja.“

     „Den Gerüchten nach seht Ihr lieber dem Gemetzel zu, anstatt zu heilen.“

     „Den Gerüchten nach vergießt Ihr niemals Tränen.“

     Ein unerwartetes Lächeln breitete sich auf seinen Zügen aus. „Es wäre mir lieber, wenn dieses eine gewisse Gerücht als solches erhalten bliebe“, erklärte er und entspannte sich, als sie nickte. „Was gibt es sonst noch für Gerüchte über mich?“

     „Dass Ihr keine Familie habt. Dass Ihr ohne Waffen zehn Männer zurückschlagen könnt, ohne selbst verwundet zu werden. Dass ein wilder Hund Euch in Eurer Kindheit ins Gesicht gebissen und mit dem Zeichen des Teufels versehen hat und dass Ihr ein illegitimer Cousin des schottischen Königs seid.“

     „Das ist eine ganze Menge“, bemerkte er.

     „Aber es ist nicht alles wahr?“, gab sie zurück.

     „Diese Narbe hier habe ich in Kairo davongetragen, und was meine Familie betrifft – ich habe Gillion, Katherine und Quinlan.“

     Ihr fiel auf, dass er nichts zu seinen königlichen Blutsbanden und auch nichts über seine Tüchtigkeit im Kampf sagte, und das gefiel ihr. Was immer er auch sein mochte, eitel war Alexander Ullyot gewiss nicht. Vorsichtig wagte sie sich weiter vor. „Ein Gerücht, wisst Ihr, ist etwas, das wachsen kann. Betrachtet einmal meine eigene Lage. Hexerei. Zauberei. Sinnesfreuden. Es gibt viele, die behaupten, dass ich mich gut darauf verstehe.“ Sie ging auf ihn zu, und ihm entgingen nicht der verführerische Schwung ihrer Hüften und ihr betörend weiblicher Duft. „Mein Bruder hat mich eingesperrt, und ich durfte mit niemandem sprechen außer mit ein paar sorgfältig ausgesuchten Freunden von ihm. Zuerst dachte ich, er täte das, weil er mich hasste, aber dann … dann dachte ich, es läge an etwas anderem.“ Sie ging nicht näher auf diesen anderen Grund ein, aber sie wurde rot. „So in Verruf gebracht war es mir möglich, auf Heathwater zu bleiben, leicht zu erobern und mit einer Reihe gesunder junger Männer … Nun, sie waren nicht alle jung.“ Sie zuckte mit keiner Wimper, als Alexander sie grob am Handgelenk packte.

     „Warum erzählt Ihr mir das?“, brauste er auf.

     „Weil das, was Ihr zu hören bekommt, nicht immer das ist, was Ihr auch glauben könnt.“ Sie entzog ihm ihre Hand und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. „Mit Pulvern und Tränken kann eine tüchtige Heilerin einen Mann dazu bringen, alles zu glauben. Und ich bin tüchtig, Laird Ullyot.“

     Ihre Augen funkelten im Schein der Flammen, und Alexander spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Er hatte nicht den geringsten Zweifel daran. Schon seit damals nicht, als sie ihn geheilt hatte. „Warum erzählt Ihr mir das?“, wiederholte er, allerdings in einem ganz anderen Tonfall. Sein Zorn war tiefer Verwirrung gewichen.

     „Weil Ihr meine Schwester nicht umgebracht habt. Weil Ihr uns nicht fortgejagt habt. Weil Ihr dem Bediensteten aufgetragen habt, den Jungen in die Küche zu bringen und ihm etwas zu essen zu geben.“

     Ein eiserner Ring schien sich um seine Brust zu legen, ein Gefühl, wie er es noch nie zuvor empfunden hatte, und er wich zurück. Im Dämmerschein seines Gemachs wäre es ein Leichtes gewesen, die Hand an ihren Hals zu legen, ihren Puls zu ertasten, ihr flammend rotes Haar zu berühren. Doch er war wachsam und vorsichtig. In ihren Augen sah er etwas, das nicht von dieser Welt war. Eine Hexe. Eine Traumdeuterin. Eine Wahrsagerin. Ja, all das raunte man sich über die Herrin von Heathwater zu, und er konnte gut nachvollziehen warum.

     „Wollt Ihr mir damit sagen, dass Ihr unschuldig seid?“ Die Anspielung erfolgte ganz bewusst.

     „Wohl kaum“, gab sie im selben Tonfall zurück. „Lucien war achtzehn, als wir vermählt wurden, und ich war vierzehn. Mein Bruder hatte das Recht sich zu vergewissern, dass die Ehe auch vollzogen worden war. Das tat er, aber danach verschwand er. Lucien selbst bemühte sich nach dem ersten Jahr nicht mehr weiter um mich.“

     „Warum nicht?“

     „Er hatte Angst vor mir, schon damals. Und seine Vorlieben in dieser Hinsicht waren … ungewöhnlich.“

     Alexander stieß einen Fluch aus. „Und die endlose Reihe von Liebhabern?“

     „Ach, die Geschichte liegt noch gar nicht so lange zurück. Nach Luciens Tod wollte Noel unbedingt, dass ich ein Kind bekomme, denn Eleanors Testament hatte einen Erben gefordert. Noel hätte die rechtmäßige Kontrolle über das Vermögen und die Ländereien gehabt, wenn ich einen männlichen Erben zur Welt gebracht hätte, wenigstens bis zu dessen Volljährigkeit.“

     „Also dachte Noel sich etwas aus für Euch?“

     „Für Harringtons Geschmack hatte ich nicht das richtige Geschlecht, und mein Bruder, mag er auch ein Schurke sein, hat Inzest schon immer zutiefst verabscheut.“ Erstaunlicherweise lächelte sie. „In Schottland fürchtet man Euch, Laird Ullyot, weil Ihr stark und unnachgiebig seid. Nun, die Zauberkräfte der de Cargnes haben mich ebenso beschützt, wenngleich es manchmal Männer gab, bei denen sie nicht wirkten.“ Sie zog einen Ärmel hoch und ein hässliches Brandmal auf der weichen Haut ihres rechten Unterarms wurde sichtbar. „Wenigstens war Lucien leichter zu handhaben als einige von Noels sogenannten Freunden, und dafür allein war ich schon dankbar.“

     Also konnte sie doch nicht alle Probleme mit Zauberei und Tüchtigkeit lösen. Ihre stolze, aufrechte Haltung rang ihm große Bewunderung ab, und doch war da etwas an dieser Geschichte, das für ihn nicht so recht ins Bild passen wollte.

     Madeleine hatte behauptet, ihren Gemahl getötet zu haben. Er bezweifelte jedoch, dass sie dazu fähig gewesen wäre, wenn Lucien den Charakter gehabt hätte, den sie eben beschrieben hatte. In sich gekehrt, ängstlich, beeinflussbar. Aber welchen Grund hatte sie zu lügen?

     „Wo war Jemmie, während das alles passierte?“ Ihm entging das zornige Aufflackern in ihren Augen nicht. „Wusste Lucien, dass Jemmie ein Mädchen war?“

     Sie antwortete nicht und kehrte ihm den Rücken zu, doch er hatte den feinen Schweißfilm auf ihrer Stirn gerade noch bemerken können. Plötzlich wurde ihm alles klar.

     „Lucien Randwick hatte eine Vorliebe für … Kinder?“

     „Ja, zur Hölle mit ihm!“ Ihr Atem ging schnell vor Empörung. „Er mochte die ganz jungen, Mädchen und Jungen. Ich war vierzehn, als wir heirateten, und schon nach einem Jahr war er meiner überdrüssig.“

     „Und Jemmie war wie alt? Neun oder zehn? Interessierte er sich für sie?“

     „Neun. Sie war gerade erst neun.“ Sie schrie diese Worte fast, und auf einmal sah sie wieder alles ganz deutlich vor sich.

     Wie Lucien ihrer völlig hysterischen kleinen Schwester die Kleidung vom Leib gerissen hatte; das Erstaunen auf seinem Gesicht, als er ihr wahres Geschlecht entdeckte, als ihm die Erkenntnis dämmerte, welchen Nutzen er selbst für sich aus diesem Geheimnis ziehen konnte. Und welchen Wert es für ihn haben konnte … Als er sich anschicken wollte, Jemmie Gewalt anzutun, hatte Madeleine das Messer aus ihrem Ärmel gezogen und es ihrem Gemahl in die Kehle gestoßen. Dann war sie neben ihm stehen geblieben, bis sie ganz sicher sein konnte, dass er wirklich tot war.

     Das Blut rauschte ihr so laut in den Ohren, dass sie Alexanders nächste Bemerkung fast nicht gehört hätte.

     „Dann hat er es verdient.“

     „Wie bitte?“

     „Dieser Unhold hatte ein Messer in den Rücken oder wohin sonst auch immer verdient. Ich hoffe, er starb langsam und qualvoll.“

     „Ja, so war es.“ Sie musste mit einem Mal lächeln, seine Bestimmtheit tat ihr gut.

     „Wäre ich dabei gewesen, hätte ich ihm noch etwas ganz anderes abgeschnitten.“

     „Ich habe mit dem Gedanken gespielt.“

     „Sehr gut.“

     Jetzt lachte sie wirklich. Es tat so gut, endlich über all das mit jemandem reden zu können. Zwei lange Jahre hatte die Tat sie innerlich verzehrt, und nun wurde ihr auf einmal eine Art von Absolution erteilt. Ihr Lachen verebbte. Nein, ohne restlose Aufrichtigkeit war keine Absolution möglich. „Lucien trug keine Waffe bei sich.“ Nervös wartete sie auf seine entsetzte Reaktion.

     „Er trug keine Waffe? War er denn nicht dreimal stärker als Ihr und Jemmie zusammen?“

     Sie nickte.

     „Reine, brutale Gewalt ist eine ebenso mächtige Waffe wie die scharf geschliffene Klinge eines Dolchs, Madeleine. Was wäre denn gewesen, wenn Ihr ihm seinen Willen gelassen hättet?“

     „Ja!“, rief sie gequält aus und sah ihm dabei in die Augen. „Dasselbe habe ich mir wieder und wieder auch gesagt, aber …“ Sie beruhigte sich ein wenig. „Es war immerhin ein Menschenleben.“

     Alexander trat auf sie zu und hob ihr Kinn mit dem Zeigefinger an. „Jemmie oder ein wahnsinniger, ehrloser Lüstling, Madeleine! Mir wäre die Wahl leichtgefallen.“

     „Leicht? Sein Blut rann über meine Schuhe und versickerte im Teppich seines Schlafgemachs. Ich hätte die Blutung stillen können. Ich bin Heilerin …“

     „Aber Ihr habt es nicht getan?“

     „Nein.“

     „Und ich hätte es ebenfalls nicht getan.“

     Sie schwieg, nur der Wind, der gegen den Ledervorhang vor der Fensteröffnung blies, war zu hören. „Habt Ihr jemals kaltblütig einen Menschen getötet?“

     Er lachte auf. „Ihr habt wohl kaum aus Kaltblütigkeit gehandelt, als Ihr Lucien Randwick beseitigt habt! Kaltblütig ermordet wird der Mann, der nur seine Pflicht tut und dessen Leben endet, noch ehe er etwas Außergewöhnliches vollbringen kann. Und das habe ich oft getan.“

     „Um Euer Zuhause zu verteidigen?“

     „Die Verteidigung eines Zuhauses im Kriegsfall ist häufig ebenso ins Reich der Mythen zu verweisen wie die romantische Vorstellung von einem jungen Gemahl, den einem der König selbst wohlwollend ausgesucht hat. Nein, Euer Mut, mit dem Ihr für die Sicherheit Eurer Schwester gesorgt habt, ist bei Weitem nicht so fragwürdig wie meiner in anderen Fällen.“

     „Ihr nehmt nicht gerade ein Blatt vor den Mund, Laird Ullyot.“

     „Danke.“

     „Das war nicht unbedingt als Kompliment gemeint.“

     „Ach, nein?“ Er lächelte, und Madeleine wurde es warm ums Herz.

     Wie leicht es mir fallen würde, diesen Mann zu lieben.

     Erschrocken wandte sie sich ab. Ashblane war unbezwingbar und gut verteidigt; ein Ort, der ihr vorübergehend Zuflucht bot, während sie die Möglichkeiten für sich und ihre Schwester durchging. Wenn sie hier blieb, würden alle in Gefahr geraten – dafür würden ihre zahllosen Feinde schon sorgen.

     Sie zwang sich, ganz still zu stehen, verbannte die Sehnsucht aus ihrem Blick und verschränkte krampfhaft die Hände, um sie nicht nach ihm auszustrecken und ihn zu berühren. Mit keinem Wort und keiner Geste würde sie sich verraten. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich anständig.

     Alexander beobachtete, wie sie sich in sich selbst zurückzog. Ihre Hände verrieten ihm, dass sie jetzt einen anderen, einen inneren Kampf mit sich ausfocht. Das Haar fiel ihr in schimmernden Wellen über den Rücken bis zu den sanft gerundeten Hüften. Er musste daran denken, wie sich ihre Hand unter seinem Tartan angefühlt hatte, als sie ihm ihren Körper angeboten hatte. Und vorhin, als sie ihn geneckt hatte, war da noch ein anderer, weicherer Ausdruck in ihren Augen gewesen, als ob …

     Kopfschüttelnd ging er zur Tür und öffnete sie. Draußen stand ein Wachposten. „Bring Lady Randwick in ihr Gemach und bleib vor ihrer Tür. Sorg dafür, dass sie in Sicherheit ist.“

     Er kehrte ihr den Rücken zu, ehe sie dazu kommen konnte, ihm zu danken.

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