Die schöne Heilerin - Kapitel 14

14. Kapitel

Madeleine folgte Alexander in einiger Entfernung, damit er sie nicht bemerkte. Manchmal verlor sie ihn ganz aus den Augen, dann wieder sah sie ihn, wie er die Kuppe eines Hügels erreichte, oder nahm ihn nur als grünweißen Fleck zwischen den Bäumen wahr. Er ritt nicht sehr schnell, dafür war sie dankbar. Und dann konnte sie ihn plötzlich nirgends mehr entdecken, auch nicht von dem Hochplateau aus, das ihr einen Blick über die weiten Täler auf beiden Seiten des River Esk bot.

     Sie schimpfte leise vor sich hin und sah sich um. In den letzten beiden Stunden war sie durch gänzlich unbewohntes Gebiet gekommen, und sie war sich nicht einmal mehr sicher, ob sie sich überhaupt noch auf Ullyot-Land befand, nachdem sie immer weiter nach Westen geritten war. Die Gefährlichkeit ihres Unterfangens raubte ihr fast den Atem. Sollte sie weitermachen oder lieber umkehren?

     Jemand sprang sie von der Seite her an, riss sie vom Pferd, und als sie auf dem Boden aufprallte, spürte sie den Druck einer scharf geschliffenen Messerklinge an ihrem Hals. Alexander Ullyots helle Augen funkelten vor Zorn und Entsetzen, als er sie erkannte.

     „Madeleine! Verdammt, Madeleine!“, stieß er keuchend hervor. Er steckte das Messer weg, rollte sich zur Seite und blieb eine Weile schwer atmend liegen.

     „Warum seid Ihr mir gefolgt?“, fragte er schließlich gepresst, aber fast übertrieben höflich.

     „Ich wusste, Ihr wolltet … den Brief … für Jemmie … holen.“ Sie war immer noch völlig außer Atem, jedes Wort fiel ihr schwer.

     „Hat Goult Euch das etwa erzählt?“, fragte er ungläubig, als geriete seine gute Meinung von ihrem Onkel beträchtlich ins Wanken.

     „Nein, ich habe an der Tür gelauscht. So erfuhr ich von Eurem Vorhaben und bin Euch gefolgt, um Euch zu helfen. Ich kann mir denken, wo der Brief versteckt ist, und wenn meine Großmutter Schwierigkeiten macht …“

     „Wo ist er?“ Seine Stimme klang rau vor Ungeduld. „Der Brief!“, ergänzte er, als er ihren verständnislosen Blick wahrnahm.

     Plötzlich durchschaute sie ihn. „Wenn ich es Euch verrate, werdet Ihr mich zurückschicken.“

     Neuer Zorn loderte in seinem Blick auf. „Wo ist er, Madeleine?“

     „Wahrscheinlich in einer kleinen geschnitzten Kiste, die sie immer unter ihrem Bett aufbewahrt hat. Im Boden befindet sich ein Geheimfach, das sich öffnet, wenn man auf den Saphir an der Längsseite der Kiste drückt. Josephine hat es mir einmal gezeigt.“

     Sie hatte genügend Erfahrungen im Leben gesammelt, um erkennen zu können, wann ein Mann mit seiner Geduld am Ende war.

     „Gut.“ Er warf die Zügel über den Kopf ihres Pferds und wendete es.

     „Ich kann Euch helfen!“, beharrte sie verzweifelt. „Als Enkelin kann ich Euch leichter Zutritt verschaffen!“

     „Nein. Es ist zu gefährlich.“

     „Nicht auf diese Art. Es wäre viel gefährlicher, einfach hineinzustürmen. Baron Anthony verfügt über eine beträchtliche Anzahl von Gefolgsleuten und er …“

     „Ich hatte auch nicht vor, einfach hineinzustürmen.“

     „Jemmie ist meine Schwester, Alexander. Auch ich trage Verantwortung für sie.“

     Er zuckte zusammen, als sie ihn mit seinem Vornamen anredete. Das hatte sie noch nie zuvor getan, und ihm gefiel, wie der Name sich auf ihren Lippen anhörte, mit ihrer heiseren Stimme und dem vornehmen englischen Akzent. Er spürte, wie er an Boden verlor. „Es wird drei Tage dauern, bis wir dort sind, und wir werden allein sein. Habt Ihr wirklich vor, allein mit mir die Nächte zu verbringen, Lady Randwick?“ Vielleicht schreckte sie das ja ab.

     Sie wurde zwar rot, schwieg aber, und an der Art, wie sie an ihrer Unterlippe nagte, erkannte er, dass sie diese Frage nicht beantworten würde. Aus unerfindlichem Grund machte ihn ihre Nervosität wütend. In den wollenen Beinkleidern, dem Wams und mit dem Strohhut auf dem Kopf – offensichtlich alles Kleidungsstücke, die von einem der Stallburschen ausgeliehen worden waren – sah Madeleine Randwick einfach bezaubernd aus. Er ließ den Blick über ihre wohlgerundeten Hüften und die langen Beine gleiten.

     „Wenn Ihr mitkommt, müsst Ihr mir bedingungslos gehorchen. Wir halten uns dort nur so kurz wie möglich auf. Wenn ich sage ‚Lauft!‘, dann lauft Ihr. Wenn ich sage ‚Verschwindet!‘, dann verschwindet Ihr. Wenn ich sage ‚Reitet davon!‘, dann reitet Ihr davon. Habt Ihr mich verstanden?“

     „Ja.“

     „Seid Ihr bewaffnet?“

     „Ich habe mein Messer dabei.“ Sie zog einen kleinen Dolch aus der Tasche ihres Wamses.

     „Könnt Ihr damit umgehen?“

     Sie zögerte. „Nun, ich kenne die verwundbaren Stellen des Körpers. Bei meinen Behandlungen …“

     „Liebe Güte! Wisst Ihr, wie man das Messer richtig benutzt? Um Euch zu verteidigen?“

     „Ich glaube schon.“

     „Gebt es mir.“

     Sie hielt es ihm hin, und er umschloss ihre Hand mit seiner. „Zeigt mir, wie Ihr es haltet.“

     Sie legte die Finger fest um das Heft, die Klinge zeigte nach oben.

     „Nein, nicht so.“ Er drehte das Messer um. „Für einen Stich von unten nach oben werdet Ihr nicht die nötige Kraft haben. Ein von oben geführter Stich ist viel wirkungsvoller.“

     Sie konnte den Wollduft seines Tartans wahrnehmen, als er näher kam.

     „Und jetzt greift mich an.“

     „Wie bitte?“

     „Probiert es einmal aus, übt an mir!“

     Sie hob den Dolch und ließ ihn dann vorsichtig herabsinken, um Alexander nicht zu verletzen.

     „Nein, versucht es richtig!“

     Sie gehorchte und hätte durch den Schwung beinahe das Gleichgewicht verloren.

     „Verlagert Euer Gewicht auf den vorderen Fuß. So. Wenn Ihr zurückweichen müsst, macht Folgendes.“ Er zeigte ihr, in welchem Winkel sie ihren Körper halten musste, wenn sie sich verteidigte. Sie tat es ihm nach. „Schon besser. Nun greift mich so an, als wäre das der Ernstfall.“

     Wieder verfehlte sie ihn.

     „Wenn Euch das nicht besser gelingt, schicke ich Euch zurück nach Ashblane.“

     Sie tat einen Satz nach vorn.

     „Immer noch ziemlich dürftig, Lady Randwick.“ Dennoch funkelten seine Augen belustigt, als er zu einem scheinbaren Gegenangriff ansetzte. „Bei einer so schwachen Verteidigung kann Euch jeder besiegen – und wird es auch tun.“

     „Lasst es doch darauf ankommen!“, rief sie hitzig. Sie ärgerte sich sowohl über ihre eigene Schwäche als auch über sein Lachen.

     Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung schlug er ihr das Messer aus der Hand und umschlang sie fest mit den Armen. „Seht Ihr jetzt ein, wie schwach Ihr seid, Madeleine?“, raunte er ihr ins Ohr. „Und in welche Gefahr Ihr uns beide dadurch bringen könntet?“

     „Nein.“ Sie hob das Knie und versetzte ihm so einen unsanften Stoß, erntete dafür aber nur neuerliches Gelächter. Erst als sie ihn nahe dem Handgelenk in den Unterarm biss, ließ er sie los. Blitzschnell hob sie ihr Messer auf, vollzog eine Drehung auf den Fußballen, so wie er es ihr gezeigt hatte, und täuschte von links und rechts Angriffe vor. Die Klinge zerriss den Ärmel seines Wamses, und erneut musste Alexander sie auffangen, als Madeleine bei seinem Ausweichen ins Stolpern geriet.

     „Viel besser“, stellte er ruhig fest, obwohl ein neuer Unterton in seiner Stimme mitschwang, den sie noch nie gehört hatte. Fragend hob sie den Kopf. Alexander Ullyots Haar hatte sich gelöst, er war unrasiert, und seine Augen wirkten dunkel und gefährlich. Madeleine spürte, wie er sie fester umschlang und an sich presste, und einen Augenblick lang fragte sie sich, was geschehen würde, wenn sie ihm jetzt die Lippen bot und ihm mit den Fingern durch sein honigblondes Haar streichen würde. Aber sie brachte es nicht über sich, nicht in dieser mit Zorn aufgeladenen Stimmung zwischen ihm und ihr. Sie war gleichzeitig erleichtert und traurig, als er sie losließ und ihr das Messer zurückgab.

     Schwer atmend steckte sie es ein und setzte sich auf den Boden, den Rücken an einen Baumstamm gelehnt. „Habt Ihr keine Angst, Euren Feind in den höheren Künsten des Messerangriffs zu unterweisen? Riskiert Ihr damit nicht, dass ich sie in einem unbewachten Moment gegen Euch einsetze?“

     „Seid Ihr denn mein Feind, Madeleine?“

     „Nein“, flüsterte sie.

     Die Sonne zauberte goldene Reflexe auf sein Haar, und plötzlich wurde Madeleine überwältigt von der Brisanz ihrer Lage. Er war kein Mann, der mit sich spielen ließ; das sah sie an seinem gestählten Körper und seinen kantigen Gesichtszügen.

     „Ihr werdet mich also mitnehmen?“ Sie legte so viel Kälte wie möglich in diese Frage, denn sie brauchte jetzt unbedingt etwas Abstand.

     „Ja.“ Er antwortete fast im gleichen Tonfall, und sein Blick war wieder kühl und ausdruckslos.

Sie ritten noch zwei weitere Stunden, bis sie endlich anhielten. Madeleine klammerte sich Halt suchend an den Sattelknauf, als sie absaß. Wäre Alexander Ullyot nicht in ihrer Nähe gewesen, hätte sie sich am liebsten auf die Knie fallen lassen und wäre zu dem grasbewachsenen Hügel hinübergekrochen, den er als Schlafplatz auserwählt hatte. Sie wollte nur noch Ruhe und Schlaf.

     Das Feuer, das er machte, war allerdings wohltuend warm, und erst als sie sich wieder einigermaßen erholt hatte, kamen ihr Zweifel an der Klugheit eines solchen Leuchtsignals. „Fürchtet Ihr nicht, dass der Schein der Flammen unliebsame Besucher anzieht?“, fragte sie, nachdem er ihr ein Stück Brot und etwas getrocknetes Rindfleisch gereicht hatte.

     „Nein. Wir befinden uns auf Turnbull-Land. Hier haben wir keine Feinde.“

     „Wann haben wir die gefährlichen Gebiete denn hinter uns gelassen?“

     „Heute Nachmittag, als wir den Fluss überquert haben.“

     Dennoch hatten sie den ganzen Tag lang keine Menschenseele gesehen. Wahrscheinlich ein Beweis für seine Fähigkeit, überall ungesehen durchzukommen, vermutete sie und fragte sich, bei wem er die Kunst der Kriegsführung wohl erlernt haben mochte.

     „Warum seid Ihr selbst zu dieser Reise aufgebrochen?“, wollte sie plötzlich wissen. „Ihr hättet andere diese Aufgabe übernehmen lassen können. Euch wäre doch das von Goult versprochene Land trotzdem zugefallen, auch wenn andere Krieger von Ashblane erfolgreich gewesen wären.“

     „Weil Eure Schwester in der Tat eine entfernte Cousine von mir ist. Ich fühlte mich verpflichtet.“

     Mit einem Mal wurde ihr klar, was er da soeben gesagt hatte. „Ihr bestätigt also, dass Ihr Davids Cousin seid?“

     „Ja.“ Kurz und bündig, beinahe grimmig klang es.

     „Man tuschelte die Wahrheit hinter vorgehaltener Hand, als meine Mutter mit mir an Davids Hof war, doch ich habe Euch dort nie gesehen.“

     „Nein.“

     „Wo wart Ihr?“

     Er nahm einen dünnen Ast und schob ihn Stück für Stück in die Flammen. Madeleine bemerkte die breiten Lederriemen um seine Handgelenke, die ihm zusätzlichen Halt beim Schwingen des Schwerts geben sollten. Ebenso fiel ihr auf, wie krampfhaft er den Ast umklammert hielt; die Fingerknöchel traten weiß hervor.

     „Ich habe mich eine Zeit lang in Frankreich aufgehalten.“

     „Aber ich war erst zwölf, als wir an den schottischen Hof kamen. Wie alt wart Ihr denn zu der Zeit?“

     „Jung genug, um mich für unbesiegbar zu halten, und alt genug, um ein Schwert führen zu können. Es besteht ein Unterschied zwischen dem Denken und dem Handeln, wenn man erst fünfzehn ist.“

     Er hob den Kopf, und ihre Blicke trafen sich über den Flammen. In seinen Augen konnte sie plötzlich etwas von dem Jungen erkennen, der er einmal gewesen sein musste – verwundbar und einsam. Überrascht senkte sie den Kopf. „Seid Ihr verletzt worden?“

     „Ja, viele Male. Der Ritter, dem ich in Frankreich diente, dachte, dass jede Schlacht gegen die Engländer unweigerlich mit einem Sieg für uns enden müsste. Es gab jedoch Schlachten, die ein anderes Ende hatten.“

     Madeleine war völlig gefangen von dem faszinierenden Bild des jungen Alexander. Und weil er sie so selten wissen ließ, was er dachte, nutzte sie die Gelegenheit und fragte weiter. „Ihr habt mir einmal erzählt, Ihr wärt in Ägypten gewesen. Wann war das?“

     Sein Blick war wachsam; als würde er abwägen, ob sich hinter ihrer Frage eine gewisse Absicht verbarg. „Nach der Belagerung von Calais.“

     „Aber ich dachte, in Calais wären keine Gefangenen gemacht worden?“

     „Das stimmt auch. Nachdem Edward den Bürgern von Calais das Leben geschenkt hatte, gingen wir an Bord eines Schiffes nach Schottland. Vor der Küste Irlands gerieten wir in einen schweren Sturm. Als ein Handelsschiff aus Alexandria uns Hilfe anbot, nutzte ich die Chance und nahm an. Am schottischen Hof war es für mich immer ein wenig schwierig gewesen und die Aussicht auf ein Abenteuer war …“ Er hielt inne, um das richtige Wort zu finden. „Berauschend.“ Er lachte und sah sie dabei an, aber das Lachen erreichte seine Augen nicht. „Wir entluden unsere Fracht in England und segelten weiter nach Alexandria, wo die Gastfreundschaft des Sultans mich vorübergehend meine Absicht vergessen ließ, wieder nach Hause zurückzukehren. Nach ungefähr einem Jahr verblasste der Reiz des Neuen jedoch, und er verblasste noch mehr, als ich mich weigerte, zum Islam überzutreten.“ Er betastete die erhabene Narbe auf seiner Wange. „Die hier habe ich mir während eines Kampfs in Kairo im zweiten Jahr meiner Reisen zugezogen. Eine Zeit lang dachte ich, ich würde die grünen Hügel von Liddlesdale nicht wiedersehen, denn die Wunde begann zu eitern. Sehr schlimm sogar.“ Er warf das letzte Stück des Astes ins Feuer und schwieg.

     „Offensichtlich habt Ihr Euch wieder erholt.“

     Er schmunzelte. „Die Entzündung der Wunde bedeutete, dass mein Gesicht niemals mehr so aussehen würde wie früher, aber an jenem Tag habe ich etwas gelernt, das ich nie wieder vergessen habe.“

     Er hielt inne, und Madeleine musste ihn ermuntern weiterzusprechen. „Und was war das?“

     „Dass ein Zuhause das Einzige ist, wofür es sich zu kämpfen und sogar zu sterben lohnt. Der eigene Herd und die Familie. Nach meiner Rückkehr nach Schottland zog es mich also nicht zurück an den Hof und die Politik dort, sondern nach Ashblane.“

     „War dort Eure Mutter?“

     „Nein, sie starb, als ich noch klein war. Oben in den Highlands, wo ich geboren bin. Aber ihre Leute waren wenigstens da.“

     Da war es wieder, dieses Gefühl innerer Zurückgezogenheit und Einsamkeit. Er hatte sogar noch weniger Familienleben gehabt als sie selbst. „Und Eure Gemahlin, Alice?“

     „Sie war Ians Schwester und noch sehr jung. Ihr Gemahl war ein oder zwei Monate vor meiner Rückkehr ermordet worden, und ich fühlte mich ihr gegenüber verpflichtet.“

     Eine arrangierte Vermählung also, keine Bindung aus Liebe. Madeleine war selbst überrascht, wie erleichtert sie darüber war, und beobachtete zufrieden, wie Alexander sich auf den Rücken legte und zu den Sternen empor sah. Das Feuer zwischen ihnen verströmte Wärme, und der Himmel über ihnen spannte sich endlos. Es war die erste Nacht seit einer Woche, in der es nicht regnete, aber der Mond hatte einen Hof. Am kommenden Tag würde es kälter werden.

     „Als ich Lucien heiratete, dachte ich, wir würden Kinder bekommen und glücklich bis ans Ende unserer Tage leben. Dass wir ein Zuhause haben und die Leute von Heathwater für mich zu einer Familie werden würden. Seht Ihr, es war mein erstes richtiges Zuhause, denn mit Eleanor sind wir ständig umgezogen. Als Noel also auf Edwards Geheiß für mich die Ehe arrangierte und mir ein Zuhause anbot, war ich dankbar dafür. Und dann …“ Sie verstummte und hielt den Atem an.

     Und dann wurde mir klar, dass ich unfruchtbar war. Unfruchtbar.

     Selbst nur gedacht war dieses Wort gnadenlos, es riss jegliche Möglichkeit, jede Hoffnung, jede Zukunft mit sich fort.

     Die unfruchtbare Hexe von Heathwater.

     Wie oft hatte Noel sie so genannt? Wie oft hatte er sie mit den Bedingungen aus dem Testament ihrer Mutter gehänselt und ihr einen weiteren seiner Freunde zugeführt, damit sich die Bedingungen vielleicht doch erfüllen ließen?

     Die Erinnerung an all diese Männer war schmerzhaft. Männer, die morgens in ihrem Bett erwachten mit einer Illusion, die sie ihnen verschafft hatte. Es waren tatsächlich nur Trugbilder der Sinne gewesen, obwohl ein, zwei Mal ihre vermeintlichen Liebhaber gewalttätig geworden waren, ehe die Wirkung ihrer Tränke eingesetzt hatte.

     „Und dann?“

     Sie musste lächeln, denn schließlich war er es gewesen, der ihr verraten hatte, wie man sie in Schottland nannte. „Dann bin ich die Schwarze Witwe geworden.“

     Er lachte. Es war ein warmes, tiefes Lachen, das ihr Herz erwärmte und den Zorn daraus vertrieb. Behutsam nahm er ihre Hand und küsste sie leicht, ehe er sie wieder losließ. Madeleine erschauerte, ein Funken des Verlangens glomm in ihr auf. Wenn er doch nur näher kommen würde …

     „Ich finde, die Bezeichnung ‚Schwarze Witwe‘ passt nicht zu Euch, Lady Randwick. Dazu seid Ihr viel zu weich, zu weiblich.“

     „Wie würdet Ihr mich denn dann nennen?“ Madeleine wurde kühner.

     „Für mich seid Ihr eher ein Rätsel“, erwiderte er, ohne zu zögern. „Und wenn Euch andere als Hexe bezeichnen, so steckt wohl auch darin etwas Wahres.“

     „Hatte Eure Mutter etwas dagegen, wenn man sie eine Hexe nannte?“

     „Da ich erst vier war, als sie starb, kann ich das nicht sagen. Ihr erinnert mich jedoch in vielem an sie. Nicht so sehr vom Aussehen her, aber Ihr verfügt über diese große innerliche Stärke. Nach allem, was ich von meiner Mutter gehört habe, besaß sie sie ebenfalls.“

     Madeleine errötete. „Ich danke Euch für dieses Kompliment, Alexander Ullyot“, erklärte sie, und es klang aufrichtig erfreut.

     „So manche Frau hätte das jetzt vollkommen anders verstanden und entsprechend darauf reagiert, Lady Randwick. Für eine Witwe seid Ihr von bemerkenswerter Unschuld.“ Im Schein der Flammen konnte sie deutlich das Aufblitzen seiner Augen erkennen.

     Unschuld? Obwohl sie sich so sehr danach sehnte, ihm um den Hals zu fallen und die Finger in seinem schimmernden, blonden Haar zu vergraben? Ihm ganz nahe zu sein? Es kostete sie große Überwindung, ihre Hände stillzuhalten. Er würde eine unfruchtbare Frau ebenso wenig haben wollen wie ihr Gemahl damals, und sie wusste, sie würde es nicht ertragen können, auf seinem Gesicht den gleichen Ausdruck zu entdecken, den sie von Lucien schon so sehr gewohnt gewesen war.

     Mitleid.

     Nein. Bei Alexander Ullyot würde ihr dieser Gesichtsausdruck das Herz brechen. Es war klüger, Zurückhaltung zu üben und sich seinen Respekt zu bewahren. So konnte sie vielleicht besser damit umgehen, wenn er eines Tages von ihr ging. Sie wollte sich nicht in Tagträumereien von etwas verlieren, was niemals wahr werden konnte. Sie musste an Jemmie und Goult denken. Ein alter Mann, ein Kind und eine Sicherheit, die in unendlich weiter Ferne zu liegen schien. Es hatte keinen Zweck, unbegründete Hoffnungen in Gedanken zu einem glücklichen Ende führen zu lassen.

     Sie drehte sich auf die Seite und streckte die schmerzenden Beine. Ihr Bruder hatte sie nie ermutigt, die Pferde aus seinen Stallungen zu reiten, und Eleanor hatte stets eine heftige Abneigung gegen alles empfunden, was mit Pferden zu tun hatte. Wie berauschend das Gefühl der Freiheit an diesem Tag war! Und wie berauschend Alexander Ullyots Nähe …

     Daran durfte sie nicht einmal denken. Dennoch lächelte sie, als sie die Augen schloss und den Geräuschen der Nacht lauschte.

Alexander wartete, bis sie eingeschlafen war, ehe er sich erhob. Er schlief nie besonders gut. Seit damals nicht mehr, als er seine Seele an den Bruder des Händlers verkauft hatte, bei dem er in seinem zweiten Jahr in Ägypten untergebracht gewesen war. Plötzlich musste er über die Ironie des Schicksals schmunzeln.

     … am Hof von David, obwohl ich Euch dort nie gesehen habe. Wo wart Ihr?

     Plötzlich glaubte er, Madeleines Stimme wieder ganz deutlich zu hören, und er erstarrte.

     Wo wart Ihr? Wo wart Ihr?

     Er hob den linken Arm ins Mondlicht und zeichnete die Umrisse der Tätowierung unterhalb des Ellbogens nach. Hoffentlich fand Madeleine niemals etwas über seine vergeudeten Jahre in Ägypten heraus.

     Siebzehn. Mit siebzehn tat man, nur um zu überleben, Dinge, die man sich später dann gar nicht mehr vorstellen konnte. Bilder von Blut, Schreien und Tod raubten ihm vollends die Ruhe, und er zog sein Schwert, um die Scharten an der Klinge glatt zu schleifen. Eines Tages würde irgendjemand Madeleine Randwick von seinen gesamten Sünden erzählen. Vielleicht sollte er das Thema von sich aus anschneiden, damit sie alles aus erster Hand erfuhr; auf die Art konnte er wenigstens ein paar der Lügen vermeiden, die man über ihn verbreitete. Noch nicht, flüsterte ihm sein Gewissen zu. Jetzt noch nicht.

     Sein Blick fiel auf ihr Gesicht, umrahmt von im Feuerschein glänzenden roten Strähnen, auf die hohen Wangenknochen und die zarte, samtige Haut. Wie schön sie war. Und diese langen, schlanken Beine, die sich unter dem Tartan so deutlich abzeichneten … Gleich morgen würde er Madeleine bitten, das Gewand anzuziehen, das er in ihrer Tasche gesehen hatte, denn diese eng anliegenden Beinlinge waren viel zu verwirrend.

     Lächelnd musste er wieder an ihre Reaktion auf sein Kompliment denken. Sie war richtig rot geworden. Dabei hatte er noch viel mehr tun wollen – ihre Hand nehmen, sie an sich ziehen und ihr genau zeigen, was er damit gemeint hatte.

     Großer Gott, und was, bitte, hatte er damit gemeint?

     Am Himmel zeigten sich schon die ersten rosafarbenen Streifen der Morgendämmerung, als Alexander endlich einschlief.

Vorheriger Artikel Die schöne Heilerin - Kapitel 15