Die schöne Heilerin - Kapitel 17

17. Kapitel

König Edward schäumte vor Wut, als man Alexander aus den Kerkern des Towers of London holte und vor seinen Thron brachte.

     „Lady Randwick hat mir berichtet, dass Ihr den Handbund geschlossen habt, Laird Ullyot! Einen Handbund vor Zeugen, meinte sie. Vor dreißig Zeugen, genauer gesagt, und samt und sonders Schotten!“

     „Wir befanden uns auf der Reise nach Süden, Euer Majestät, und trafen dort auf den Clan der Kerrs. Ich hielt es für die einzige Möglichkeit, sie zu beschützen.“

     „Nun, dann strengt Euren Kopf noch einmal an, Ullyot, denn ich schwöre Euch, sie stirbt noch vor Einbruch der Nacht, sollte Euch nicht etwas einfallen, wie der Handbund gelöst werden und ich sie glücklich mit einem Mann meiner Wahl vermählen kann! Ich will keine weiteren Schwierigkeiten, wisst Ihr. Mir reichen die Streitereien mit dem König von Schottland wegen dieses Grenzkonfliktes und das Gezeter der Kirche. Ich will Madeleine Randwicks Ländereien, und ganz besonders die im Grenzgebiet. Tot oder lebendig – ich könnte mir das Land natürlich in jedem Fall nehmen, aber alles wäre viel einfacher und weniger schmutzig, wenn sie zufrieden einwilligen würde.“

     Alexander brach der Schweiß aus. „Einwilligen? Worin?“

     „Einen meiner vertrauenswürdigen Barone noch vor Ende des Monats zu ehelichen. Und das ohne ein Wort der Klage.“

     „Ich verstehe.“ Und Alexander verstand in der Tat. Wenn er Madeleine nicht davon überzeugen konnte, dass sich der Plan des Königs mit seinem eigenen deckte, würde sie niemals einwilligen. Und sterben.

     Wie lange hatte er sie nun schon nicht mehr gesehen? Drei Wochen? Noch länger? In der feuchten Dunkelheit des Tower, in den er gleich nach seiner Ankunft in London gebracht worden war, hatte er jegliches Zeitgefühl verloren. Manchmal hatte er etwas über Madeleine gehört. Sie war im Savoy Palace in einer Flucht von Gemächern untergebracht, von denen aus man in einen Innenhof blickte. Baron Anthony hatte ihm das erzählt, als der ihn in der zweiten Woche seiner Gefangenschaft besuchte. Alexander hatte ihn fortgeschickt, nicht ohne ihm vorher das Versprechen abzunehmen, nie wiederzukommen und Madeleine auch nicht zu verraten, wo er sich befand. Nur auf die Entfernung hin gab es für ihn eine Chance, Madeleine in Sicherheit zu haben.

     Ihm wurde schlecht bei dem Gedanken, was alles passieren konnte. Madeleine tot, ihre Ländereien wieder in königlichem Besitz … Ein Leichtes für einen König, der sich für unantastbar hielt.

     „Ist Lady Isabella Simpson noch bei Hof, Euer Majestät?“

     „Ja.“

     „Dann gibt es da vielleicht eine Möglichkeit.“ Er warf sein eigenes Leben weg, um Madeleine zu retten, aber es war zumindest eine Chance. Er achtete nicht auf sein wild klopfendes Herz und begann, sich einen Plan auszudenken.

Die schöne Lady Isabella Simpson suchte sie in der vierten Woche ihrer Gefangenschaft im Savoy auf, und Madeleine sah das flüchtige, triumphierende Aufblitzen in ihren Augen, ehe sie es verbergen konnte.

     „Vielen Dank, dass Ihr mich empfangt, Lady Randwick“, erklärte sie, und ihre Stimme war so eiskalt wie Madeleine sie in Erinnerung hatte. „Ich bin gekommen, weil ich Euch bitten möchte, den Laird of Ullyot von allen Gelübden, die er Euch gegenüber abgelegt hat, zu entbinden. Ein Handbund war es doch, nicht wahr …?“ Es war nicht zu überhören, wie abfällig sie über einen solchen Bund dachte. „Ich habe bereits mit dem Laird of Ullyot gesprochen. Er weiß inzwischen von dem Kind, das wir haben werden.“

     Der Raum schien sich plötzlich um Madeleine zu drehen, und sie musste sich an der hohen Lehne eines Stuhls festhalten. Einen Moment lang verstand sie gar nicht, was die andere soeben gesagt hatte. „Ein Kind? Sein Kind?“ Sie musste wieder an die feurigen Liebesmale damals an seinem Hals denken.

     Isabella fasste sich kurz, sie war wieder ganz die hochmütige Person, die Madeleine auf Ashblane kennengelernt hatte. „Ja. Es ist noch sehr früh, dennoch wünsche ich jetzt den Segen der Kirche für unseren Bund, und Alexander hat mir schon bei unserem ersten Zusammensein die Ehe versprochen.“

     Madeleine erbleichte. „Ich glaube kein Wort von dem, was Ihr da sagt. Ich könnte es niemals glauben. Alexander hat Euch nur dazu gebracht, das zu sagen, um mich zu schützen. Er hat von Euch diese Lüge verlangt …“ Sie spürte die altbekannte Atemnot zurückkehren und wandte sich entsetzt ab.

     „Ich hatte schon befürchtet, dass Ihr mir nicht glauben würdet, aber Alexander ist hier, um es Euch selbst zu sagen. Darf ich ihn hereinbitten? Der König hat seine Erlaubnis gegeben.“

     „Der Laird of Ullyot ist hier?“

     „Ja.“

     Madeleines Herz klopfte zum Zerspringen, alles tat ihr auf einmal weh. Nur ein, zwei Augenblicke in seiner Gesellschaft, dann würde sich alles aufgeklärt haben. Angstvoll drehte sie sich zur Tür um, doch als er eintrat, zerschlugen sich alle ihre Hoffnungen. Seine Augen, seine Haltung … Alles, was Isabella Simpson gesagt hatte, entsprach der Wahrheit, das sah sie jetzt ein.

     „Lady Randwick.“ Seine Stimme klang angespannt, und er redete sie nicht mit dem Vornamen an.

     Madeleine räusperte sich und versuchte zu sprechen. Das konnte doch gar nicht sein. Der Himmel draußen war blau, die Welt sah noch genauso aus wie vorhin, bevor alles in Madeleine zerbrochen war. Das konnte doch nur ein Täuschungsmanöver sein, ein besonders raffiniertes Schauspiel, um sie zu schützen. Hatte er das auf dem Weg nach London nicht angedeutet? Sie flüsterte tonlos seinen Namen, doch dann nahm sie all ihren Mut zusammen und begann zu kämpfen. „Mylord, Isabella hat mir mitgeteilt, dass sie ein Kind von Euch erwartet.“

     Er warf Isabella einen Blick zu und nickte, ehe er Madeleines Blick zum ersten Mal richtig standhielt. Ihr stockte der Atem. Sein linkes Auge war blutunterlaufen und seine Unterlippe aufgeplatzt.

     „Ist das wahr?“

     Er zögerte mit der Antwort. „Ja“, meinte er schließlich ausdruckslos.

     „Dann habt Ihr jetzt wohl ein Problem, Laird Ullyot.“

     „Es sieht ganz so aus.“ Er nickte zu dem Weinkelch auf dem Tisch am Fenster hinüber. „Darf ich?“

     Sie beobachtete, wie er sich einen ordentlichen Humpen einschenkte und ihn an die Lippen führte. Seine Hand zitterte deutlich. Ein Zeichen? Ein Hinweis darauf, dass man ihn zu diesem Geständnis gezwungen hatte? „Wann habt Ihr davon erfahren? Von dem Kind?“

     „Erst vergangene Woche. Ich hatte keine Ahnung, dass Isabella guter Hoffnung war, aber jetzt, wo ich es weiß, muss ich mich meiner Pflicht als Vater stellen. Ich hoffe, dass Ihr das verstehen könnt.“

     Pflicht. Ein Kind. Das war das einzige Argument, womit er sie dazu bringen konnte, ihm zu glauben. Ohne sich dessen bewusst zu sein, legte sie die Hand auf ihren flachen, unfruchtbaren Leib. Tränen brannten in ihren Augen. Ganz vorsichtig schenkte sie sich einen Kelch Wasser ein und hielt ihn so fest, dass sie fast befürchtete, ihn zu zerbrechen. So wie sie selbst zerbrochen war, in tausend Stücke, von denen jedes einzelne Alexander liebte. Aber das durfte sie nicht zulassen. Nein, sie musste sich zusammennehmen und sich hinter einer Maske verbergen, wie sie es schon unzählige Male getan hatte und es auch in Zukunft tun würde, nachdem man ihr die versprochene Sicherheit wieder verweigert hatte.

     „Und Edward hat Eurer Verbindung seinen Segen erteilt?“

     „Gestern.“ Er sah ihr geradewegs in die Augen. „Ashblane ist eine Burg unter Waffen, Lady Randwick, und der Ullyot-Clan braucht Erben, damit die Burg nicht fällt, nur weil kein männlicher Nachkomme da ist. Denn Gillion kann nicht herrschen, wenn seine Taubheit weiter anhält.“

     „Also schützt das Kind, das Isabella erwartet, Ashblane.“

     „Ja, so ist es.“

     Vaterschaft und die Sicherheit seiner Burg. Sechs Worte nur, aber sie machten ihr klar, dass alles aus war. Sie holte mühsam Luft und zwang sich dann zu einem unbefangenen Tonfall, denn da gab es noch etwas, was sie wissen wollte. „Wo seid Ihr hier in London untergebracht, Mylord?“

     „König Edward hat mir ein paar Gemächer im Palace of Westminster überlassen. Er hat mir jedoch erlaubt, nach Hause zu reisen.“ Er durchquerte den Raum und nahm Isabellas Hand. „Wir brechen morgen auf.“

     „Und woher stammen die Verletzungen in Eurem Gesicht?“

     „Von einem Turnier mit den Wachen des Königs. Sie haben mich ein paarmal aus dem Sattel gehoben, bis ich allmählich ein Gefühl für das Pferd bekam, das man mir zugeteilt hatte.“

     Madeleines letzte Hoffnung schwand dahin. Also nicht die Verliese des Towers of London und auch kein Kerkermeister, der zu viel Gefallen an seiner Aufgabe fand. Während sie fast wie eine Gefangene im Savoy Palace geschmachtet hatte, war Alexander frei gewesen, diese Stadt zu erkunden und eine Suite in Westminster zu bewohnen. Ein anpassungsfähiger Mann, der seine große Chance gewittert und beim Schopf ergriffen hatte. Genau wie all die anderen Männer, die ein Interesse an ihr bekundet hatten. Ihre Entscheidung war gefallen.

     „Dieser Handbund war wirklich sehr unüberlegt, und unter diesen neuen Umständen verzichte ich selbstverständlich auf sämtliche Ansprüche.“ Tapfer wandte sie sich Isabella zu. „Ihr müsst wissen, er wurde ganz spontan geschlossen, um mich vor anderen Reisenden zu schützen, die uns unterwegs begegneten. Schließlich waren da nur Laird Ullyot und ich, allein mit dreißig Kriegern der Kerrs.“

     „Ihr seid allein Richtung Süden geritten? Ihr seid als unverheiratete Frau ohne Anstandsdame gereist?“

     Madeleine hörte die Missbilligung aus Isabellas Stimme heraus und überlegte rasch, wie sie das für sich nutzen konnte. „Ich war schon einmal verheiratet, Lady Simpson, und ich hatte eine ganze Reihe von Liebhabern. Wusstet Ihr das nicht? Sie kamen nach Heathwater und zahlten für meine Gunst. Ich bin in der Tat ziemlich berühmt …“

     „Hört auf, Madeleine!“ Alexander stellte lautstark seinen Kelch auf dem Tisch ab, und der Ausdruck seiner grauen Augen war so trostlos, dass Madeleine fast in ihrem Entschluss gewankt hätte.

     Aber nur fast. Hier ging es schließlich um ein Kind, und dadurch wurde alles anders. „Womit soll ich aufhören, Mylord?“ Sie sah ihn lächelnd an und schob das Kinn vor. „Meinen Charme zu benutzen? Die Gesellschaft von Männern zu genießen? Nun, ich habe Euch bereits von allen Rechten und Pflichten entbunden, daher könnt Ihr mir jetzt nicht mehr vorschreiben, was ich zu tun oder zu lassen habe. So etwas ist das Vorrecht eines Gemahls und meiner seid Ihr wohl kaum.“ Der Zorn in seinem Blick tat ihr weh, doch das durfte ihr nicht länger etwas ausmachen. Wenn Alexander Ullyot sie nicht vor dem beschützen konnte, was König Edward nun zweifellos von ihr verlangen würde, dann vielleicht ihr schlechter Ruf. Denn welcher vernünftige Adelige würde sich wohl mit einer Frau verloben wollen, die selbst zugab, eine Dirne zu sein, auch wenn sie viel Land mit in die Ehe brachte?

     Isabella Simpson kam lächelnd auf sie zu. „Ich bin so froh, dass wir dieses kleine Gespräch gehabt haben, Lady Randwick.“ Sie legte eine Hand auf Alexanders Arm. „Vielleicht zieht Ihr es ja sogar in Betracht, Taufpatin zu werden?“

     Der stechende Schmerz, der sie durchzuckte, musste sich in Madeleines Augen widergespiegelt haben, denn ein triumphierender Ausdruck huschte über die Züge der Älteren.

     „Findet Ihr nicht auch, Alexander? Immerhin könnte die Geschichte Eures Handbunds eines Tages wieder zu einem Thema werden, und dann wären wir wenigstens in der Lage zu sagen, dass aus Liebe einfach Freundschaft geworden ist. Nun ja, nur für den Fall, dass überhaupt jemand glaubt, es wäre einmal Liebe mit im Spiel gewesen“, ergänzte sie, angestachelt von Alexanders Schweigen.

     Madeleine spürte, wie der dünne Schutzschild, den sie um sich errichtet hatte, langsam bröckelte. Doch durch die vielen Jahre, in denen sie zwangsläufig hatte lügen müssen, brachte sie jetzt die Kraft auf, an ihrem Entschluss festzuhalten. Die Kraft, Alexander Ullyot aus diesem Gemach und aus ihrem Leben zu vertreiben, ehe sie vor ihm zusammenbrach und ihn um das anflehte, was sie verloren hatte.

     Lady Simpson seufzte und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. Einen Moment lang dachte Madeleine, die Frau würde sie schlagen, und so wich sie aus, wie um bei Alexander Schutz zu suchen – aus einem reinen Instinkt heraus, wie sie später begreifen sollte. Seine Finger tasteten nach ihrer Hand, er ließ sie jedoch sofort wieder los, als ihm bewusst wurde, was er da tat.

     „Allerdings werden wir uns wohl ein paar Monate nicht sehen, Lady Randwick, da wir eine Passage nach Frankreich gebucht haben. Die Normandie hat mich schon immer fasziniert, und Alexander hat mir versprochen, mit mir dorthin zu reisen.“ Leise lachend strich Isabella sich mit der Hand über ihren Bauch. „Wir werden aber rechtzeitig wieder hier sein, bevor das Kind kommt, nicht wahr, Alexander?“

     „Das werden wir.“ Seine Stimme klang plötzlich ganz fremd, und Madeleine hob überrascht den Kopf, aber seine Augen waren vollkommen ausdruckslos. Was auch immer in ihm vorgehen mochte, er ließ sich nichts davon anmerken, und dieses Mal umfasste seine Hand Isabellas Ellbogen.

     Und dann waren sie fort. Kein Gespräch unter vier Augen, keine Erklärung.

     Reiner, abgrundtiefer Schmerz überwältigte sie. Seine Gleichgültigkeit und sichtliche Erleichterung waren der beste Beweis für seinen Verrat. Als die vergoldete Tür ins Schloss fiel und Madeleine wieder ganz allein war, sank sie auf den Boden und presste sich die Hand vor den Mund, um einen verzweifelten Aufschrei zu unterdrücken.

     „Ich hasse Euch“, flüsterte sie in das leere Gemach, doch selbst noch während sie es aussprach, wusste sie, dass es nicht stimmte.

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