Die schöne Heilerin - Kapitel 18

18. Kapitel

Alexander stand in seiner Zelle und schlug, so hart er konnte, mit der Faust gegen die Steinmauer. Wieder und wieder, bis er das Gefühl hatte, seinen rasenden Zorn einigermaßen unter Kontrolle zu haben. Der Palace of Westminster, ein Turnier, die morgige Heimreise nach Schottland … Lügen, nichts als Lügen. Doch zumindest war Madeleine in Sicherheit und würde am Leben bleiben. Zumindest würde der König von England sie nicht umbringen lassen.

     Eine Vermählung und Betrug. Besser als der Tod und sicherer als die Wahrheit. Im Moment jedenfalls.

     Die Ankunft eines Besuchers holte ihn unsanft aus seinen Gedanken – Baron Falstone. Jahrelanger Hass wurde förmlich greifbar zwischen ihnen, als der Mann in den Lichtschein der Fackel trat.

     „Ich habe die Erlaubnis von Edward, Euch mitzuteilen, dass meine Schwester noch vor Ende dieses Monats mit Nigel Mummington, dem Earl of Stainmore, vermählt wird. Er ist ein ganz besonderer Freund von mir, vielleicht habt Ihr schon von ihm gehört?“

     In der Tat hatte Alexander von ihm gehört. Er galt als schwächlicher, raffgieriger Mann, der eine mehr als nur vorübergehende Schwäche für junge Männer hegte. Noels gefügiger Freund, genau der richtige Mann, dem man Madeleine opfern konnte. Ein Gemahl, der ebenso formbar und im Grunde entbehrlich war wie seinerzeit Lucien Randwick.

     Hätte er nicht Fesseln um seine Füße gehabt, wäre Alexander Noel Falstone an die Kehle gegangen und hätte ihn erwürgt. So aber konnte er nur untätig dastehen und versuchen, seine Wut zu unterdrücken.

     Komm doch näher, dachte er und verglich insgeheim die Länge seiner Ketten mit dem Abstand zwischen sich und Noel. Etwas Spielraum ließen sie ihm, und er hatte schon anderen Männern bei der erstbesten Gelegenheit das Genick gebrochen.

     Doch Noel Falstone blieb stehen. „Wie sehr liebt Ihr meine Schwester?“

     Das war eine andere Frage, als Alexander erwartet hatte. Er sah auf.

     „Mummington hat sich schon einmal einer Gemahlin entledigt, als sie ihm nicht den erwarteten Erben schenken konnte. Und wir kennen ja alle Madeleines Problem.“ Er grinste bei der Anspielung auf ihre Unfruchtbarkeit. „Das sieht meiner Schwester mal wieder ähnlich, überall nur Schwierigkeiten zu machen.“

     Wutentbrannt zerrte Alexander an seinen Ketten, doch dann mahnte er sich zur Ruhe. Falstone war Edwards Mann, und es stand zu viel auf dem Spiel. Er konnte es sich nicht leisten, auch nur den kleinsten Fehler zu machen. Er wandte den Blick ab und setzte eine gelassene Miene auf. „Warum seid Ihr hier?“

     „Um Euch sterben zu sehen, Ullyot. Um das, was Euch ausmacht, sterben zu sehen und Euch zu versichern, dass nichts von Euch zurückbleiben wird außer dem, was im gebrochenen Herzen meiner Schwester weiterlebt. Nichts, außer den rauchenden Trümmern von Ashblane und der Legende von einem schottischen Laird, der im Tower of London hingerichtet wurde.“

     „Warum?“ Plötzlich wollte Alexander unbedingt verstehen, was der Grund für diesen bösartigen, alles verzehrenden Hass war.

     „Warum?“ Die Frage schien Noel nur noch wütender zu machen, und seine dunklen Augen funkelten hasserfüllt. „Ausgerechnet Ihr besitzt die Dreistigkeit, mich das zu fragen? Die ständigen Plünderungen. Die Schlachten im Grenzgebiet. Tausend Stück Vieh im einen Jahr, fünfhundert im nächsten. Unsere Besitztümer haben sich nie sonderlich gut vertragen, aber ehe Ihr zurückkehrtet, war ich derjenige, der über alles herrschte. Die Leute bewunderten meinen Heldenmut. Meinen Reichtum. Und nun haben Eure Kampfkünste die Köpfe der Männer verdreht, die einst auf meiner Seite standen. Ich kann die Angst in ihren Augen sehen, wenn ich Euren Namen auch nur flüstere. Und dann habt Ihr mir meine Schwester weggenommen und mich mit einem üblen Schurkenstreich um Harland gebracht. Harland.“ Er spie das Wort förmlich aus. „Reiches, fruchtbares Land, aus dem ich etwas hätte machen können – das aus mir etwas hätte machen können! Und nun überlässt mir Edward ein kleines Stück Land im Westen und denkt auch noch, er täte mir einen großen Gefallen damit.“ Er schlug sich hart auf den Oberschenkel. „Einen Gefallen! Wenn Ihr nicht gewesen wärt, hätte mir alles gehören können!“

     Alexander hatte genug. „Es war nicht Madeleines Schuld, dass wir sie am Rande des Schlachtfelds aufgegriffen haben. Sie kam unfreiwillig und im Zorn mit uns. Und doch – wenn Ihr das tut, was Ihr andeutet, dann ist sie diejenige, die darunter leiden wird.“

     „Nein, Laird Ullyot, Ihr werdet leiden, denn selbst aus dieser Entfernung und in diesem schlechten Licht kann ich deutlich die Liebe erkennen, mit der Ihr von ihr sprecht. Ihr und Eure Männer habt meine Zukunft zerstört, so sicher, wie ich jetzt Eure zerstören werde. Ihr sollt dieselbe Qual empfinden.“ Plötzlich lachte er, unnatürlich hoch und beinahe schrill, und Alexander überlief eine Gänsehaut.

     Großer Gott, der Mann war wirklich verrückt, gefährlich verrückt! Wie viel Kontakt mit Madeleine würde der König ihm gestatten, solange sie in London war? „Wo seid Ihr hier in London untergebracht, Baron Falstone?“ Alexander hatte eigentlich gar keine Antwort auf seine Frage erwartet, umso mehr überraschte ihn Noels plötzliche Offenheit.

     „Ich wohne bei Baron Anthony in Josephine de Cargnes Stadthaus.“

     „Und ist sie auch hier? Die Baroness ist in London?“ Er gab sich nicht die geringste Mühe, sein Interesse zu verbergen.

     „Sie wird Euch nicht helfen, Laird Ullyot. Ihre magischen Fähigkeiten sind nicht mehr das, was sie einmal waren, und sie wird von Tag zu Tag schwächer. Madeleine beschützt sie zwar mit Briefen voller Lügen, aber der Schmerz in ihrer Brust fesselt sie ans Haus. Sie wird bald sterben.“

     „Weil Ihr dabei ein wenig nachhelfen werdet?“

     Noel lachte. „Wozu sind Enkelsöhne schließlich da, wenn nicht um den Übergang zum Jenseits etwas leichter zu gestalten?“

     Alexander hatte genug gehört und winkte den Wachposten vor der Tür zu sich. „Der Baron möchte gehen. Begleitet ihn bitte hinaus.“

     Er konnte nicht einen Augenblick länger die Gegenwart Noel Falstones ertragen, in dessen Augen die pure Mordlust funkelte. Erst recht nicht, weil er wusste, dass Noel in seiner Eigenschaft als Madeleines Bruder jederzeit Zutritt zu ihr haben konnte.

     Als Noels Schritte in der Ferne verhallt waren, stieß Alexander einen lauten Fluch aus.

     Wenn Noel die Wahrheit gesagt hatte, lief Madeleine bald geradewegs in eine Falle, und er selbst saß hier im Tower of London bei Haferschleim als einziger Mahlzeit und der feuchten Kälte des englischen Winters, die ihm allmählich in die Knochen kroch. Und es gab nicht das Geringste, was er für sie tun konnte, denn er wusste, dass sein eigenes Leben auch nur an einem seidenen Faden hing. König Edward würde ihm nie gestatten, sich mit Isabella Simpson zu vermählen, weil er ihm nicht traute. Es war für ihn viel einfacher, Alexander zu töten und dafür zu sorgen, dass David oder Madeleine davon nichts zu Ohren kam. Bis sie endlich den erwarteten Erben zur Welt gebracht hatte.

     Einen Erben? Und sie war sich sicher, unfruchtbar zu sein …

     Plötzlich stieg eine eiskalte Furcht in ihm auf. Alle Versuche, für Madeleines Sicherheit zu sorgen, waren vergeblich gewesen. Sie würde sterben, entweder durch die Hand ihres Bruders oder durch die Nigel Mummingtons. Großer Gott. Auch der Trick mit Isabella Simpson hatte sich als sinnlos erwiesen; auf sie beide lauerte der Tod. Hier in seinem durch ein schweres Schloss gesicherten Verlies und in Ketten gelegt, fiel ihm nichts mehr ein, was er noch hätte tun können. Oder doch?

     Als er auf den Gefangenen im gegenüberliegenden Verlies aufmerksam wurde, kam Alexander plötzlich ein Gedanke. Er sah, dass der Wachposten noch mit Falstone beschäftigt war, nahm das Medaillon von seinem Hals und wickelte die Lederschnur, an der es hing, zu einem kleinen Knäuel zusammen. Durch die Gitterstäbe seiner Zelle wandte er sich an den Mann. Er hatte schließlich nichts mehr zu verlieren.

     „Bekommst du oft Besuch?“

     „Manchmal, Sir.“ Die kehlige Stimme eines einfachen Mannes, ungebildet und etwas misstrauisch.

     „Wenn einer deiner Besucher eine Nachricht von mir hier herausschmuggeln könnte, würde ich dich dafür reich belohnen.“

     „Was für eine Nachricht?“

     „Dieses Medaillon muss unbedingt in die Hände eines Freundes von mir gelangen. Er macht sich bestimmt Sorgen um mich“, erklärte er betont gelassen. „Wären zwanzig Goldsovereigns eine angemessene Entschädigung?“

     „Eine was?“

     „Bezahlung“, gab Alexander ungeduldig zurück.

     Doch er wusste, durch die Nennung des Betrages hatte er den Mann bereits an der Angel.

Zwei Tage später erschien Stephen Grant mit Anthony und einem dritten Mann, den Alexander nicht kannte, im Tower. Den Strichen nach, die er in den Steinboden seines Verlieses geritzt hatte, musste es inzwischen Ende November sein. Als die Männer in Sicht kamen, hörte er, wie sein Freund dem Wachposten auftrug, ein paar Bierhumpen zu holen. Münzen klimperten, dann waren sie allein.

     Alexander rieb sich die Arme, um sich zu wärmen. Er hatte Husten, Fieber und sein Kopf schmerzte höllisch. Die von den Ketten wund geriebenen Stellen an seinen Fußgelenken hatten zu eitern und zu nässen begonnen, und die Finger seiner linken Hand, auf die die Wachen getreten hatten, fühlten sich an, als wären sie gebrochen. Alles in allem war er in einer schlechteren Verfassung als damals in Kairo, nach dem Debakel mit Talib ibn Abi Hakim. Wenigstens war es dort warm gewesen.

     „Stephen.“ Er stand auf und versuchte, das Zittern zu unterdrücken, das ihn seit dem vergangenen Tag plagte, als man einen Eimer eiskaltes Wasser über ihm ausgeschüttet hatte – statt eines Bades, wie die Wachen höhnisch gesagt hatten. „Wie froh ich bin, dich zu sehen.“

     Stephen Grant kam zu ihm, zog mit finsterer Miene seine Jacke aus und hängte sie Alexander um die Schultern. Die Wärme tat ihm gut.

     „Wie ist es möglich, dass man Euch eingelassen hat?“, fragte Alexander. „Und so ohne Weiteres?“ Er witterte eine neuerliche Falle, und er erstarrte, als Baron Anthony das Medaillon aus seiner Tasche zog.

     „Grant hat meine Gemahlin in dieser Angelegenheit um Beistand gebeten, und ich verfüge hier über gute Beziehungen.“

     Gott steh uns bei, dachte Alexander und warf Stephen einen fragenden Blick zu. Der Umriss eines Dolches in den Falten von Stephens Langhemd war ihm Antwort genug, und neue Hoffnung keimte in ihm auf, die er jedoch unterdrückte.

     Anthony fuhr fort. „Josephine hat mich gebeten, Euch das hier zurückzugeben und Euch auszurichten, Ihr sollt die Magie nicht vergessen.“

     „Die Magie?“

     „Ja, das war alles, was sie gesagt hat. Ich denke, ihr Verstand ist durch die fortschreitende Erkrankung in Mitleidenschaft gezogen, deshalb würde ich einer solchen Bemerkung nicht allzu viel Gewicht beimessen.“ Er drückte Alexander das Medaillon in die Hand.

     „Und Madeleine? Wo ist sie?“

     „Sie ist mit einigen Damen vom Hof zu Mummington gereist. Ihre Vermählung soll noch diesen Monat stattfinden. Wenn Ihr sie sehen wollt, würde ich Euch allerdings zur Vorsicht raten. Sie ist der Auffassung, dass ihre bevorstehende Vermählung irgendwie Eure Schuld ist. Sie erwähnte da eine Frau, glaube ich. Isabella Simpson, wenn ich mich recht besinne.“

     „Meine Schwester“, warf Stephen mit schneidender Stimme ein. „Sie ist inzwischen in Frankreich, Alexander. Du hast noch nie gemerkt, wenn eine Frau in dich verliebt war, selbst wenn du über eine gestolpert wärst. Zu deiner Verteidigung muss ich jedoch sagen, dass du durch und durch aufrichtig zu ihr warst und sie großzügig mit Gold bedacht hast.“

     Alexander nickte, dann sprach er ohne Umschweife den wichtigsten Punkt an: „Seid ihr gekommen, um mich hier herauszuholen?“

     Dieses Mal antwortete Baron Anthony. „Wenn Ihr draußen seid, Ullyot, findet Ihr vier Pferde unter dem Vordach des Red Lion. Der Mann, der sie bereithält, hat auch Schwerter und Messer bei sich. Und eine Arznei für Eure Wunden.“

     „Und Ihr …?“ Alexander verstand nicht. Anthony war ein Günstling von Edward, einem König, der Verrat niemals verzieh.

     „Deshalb haben wir Jack mitgenommen.“

     Der fremde Mann nahm die Kapuze ab, und das Gesicht eines Kriegers kam zum Vorschein. In der Hand schwenkte er den Schlüsselbund des Kerkermeisters. Innerhalb kürzester Zeit hatte er Alexander die Ketten abgenommen und Anthony mit einem gezielten Schlag bewusstlos zu Boden gestreckt.

     Eine List. Ein sorgfältig durchdachter Plan zu seiner Rettung. Alexander blieb nur kurz stehen, um seinem Mitgefangenen zu verraten, wo er die zwanzig Goldmünzen für ihn deponieren würde, dann folgte er den anderen.

     Und dann standen sie draußen, und Alexander sog tief den Rauchgeruch dieser feuchten Novembernacht ein.

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