Die schöne Heilerin - Kapitel 19

19. Kapitel

Madeleine saß warm eingehüllt im überdachten Garten von Stainmore Castle und lauschte dem Gezwitscher der Vögel in den Eschen und Eichen. Friedlich und ruhig war es hier, und von ihren Albträumen war fast nichts mehr übrig. Nigel Mummington wollte ihre Ländereien, und die würde er auch bekommen. Eine einfache Lösung, problemlos, bindend und rechtmäßig.

     Niemand kam je auf Stainmore zu Besuch, niemand verließ es. Niemand, bis auf Eileen Birmingham, die dunkelhaarige Geliebte von Nigel Mummington. Madeleine hatte sie lieb gewonnen, denn sie war ebenso ein Opfer der Politik wie sie selbst.

     An diesem Tag saß Eileen bei ihr. Ihre Hände ruhten schützend auf ihrem bereits stark gewölbten Bauch. „Noch vier Monate, Lady Randwick, dann sind wir beide frei. Wenn Nigel mein Kind als Erben anerkennt, werdet Ihr gehen können, das schwöre ich.“

     Madeleine lächelte. „Ich fürchte, Ihr erweist den Männern zu viel Ehre. Er wird mich bei der erstbesten Gelegenheit umbringen lassen. Erst die Taufe, dann ein Mord.“

     „Nein, das werde ich nicht zulassen. Er hat Euch bis jetzt noch nicht angerührt, weil ich ihn darum gebeten habe, und er wird mir auch diesen anderen Gefallen tun. Vor allem, wenn ich ihm einen Sohn schenke.“

     In diesem Punkt musste Madeleine ihr recht geben, denn sie hatte Mummington erst einmal gesehen, zusammen mit Eileen und das auch nur von Weitem. Seine Manieren waren tadellos gewesen und die Zuneigung zu seiner Geliebten offensichtlich. „Mummington mag tun, was Ihr wünscht, Madeleine, aber am Ende hat Edward die Fäden in der Hand. Und der wird mich nicht am Leben lassen.“

     Eileens Tränen überraschten sie zutiefst, obwohl sie wusste, wie übersensibel schwangere Frauen oft reagierten. Plötzlich fühlte sie sich nur noch müde. Sie war es leid, zu hoffen, sich zu sehnen und zu wünschen, alles in ihrem Leben wäre anders. Sie hatte Jemmie einen Brief geschickt, in dem sie ihr mitteilte, wo sie war und wie es ihr ging, aber sie hatte keine Antwort erhalten. Sie fragte sich, ob der Brief je nach Ashblane gelangt war, obwohl die Haushälterin es ihr fest zugesagt hatte, und die machte einen ehrlichen Eindruck auf sie. Aber warum schrieb Jemmie dann nicht zurück? Wie ging es ihr? Wo steckte sie? War Isabella freundlich? War Alexander glücklich?

     Alexander. Mein Geliebter.

     Wieder und wieder gingen ihr diese Worte durch den Kopf, und sie schloss die Augen und beschwor sein Bild herauf. Wo mochte er jetzt wohl sein? In Frankreich vielleicht, mit seiner Gemahlin, der schönen Lady Simpson. Oder auf Ashblane, wo er seinem Schöpfer auf Knien dankte, dass Madeleine Randwick keine Bedrohung für seine Burg mehr darstellte.

     Wenn sie doch nur ein Kind gehabt hätte.

     Sie schüttelte den Kopf. Das war Unsinn. Es würde nie ein Kind geben, nicht für sie. Eine einzelne Träne rann über ihre Wange. Es war, als wäre sie in ein ganz anderes Leben geschlüpft, als hätte es Ashblane nie gegeben. Jemmie würde sie vermissen, aber Madeleine wusste, dass Alexander sein Versprechen halten und über sie wachen würde. Und mit elf Jahren war man noch zu jung, um für immer und ewig zu trauern.

     Vorsichtig stand sie auf. Die Prellung an ihrer Hüfte schmerzte. Sie hatte sie sich am Sonntag zugezogen, als sie sich gegen die Kapellentür geworfen hatte in der Hoffnung, der Riegel würde nachgeben und sie könnte fliehen. Fliehen … aber wohin denn? Zu wem?

     Eileen ließ sich jedoch nicht so leicht abwimmeln. „Ich kann Euch helfen, Lady Randwick. Natürlich nicht sehr viel in meinem Zustand, aber wenigstens ein bisschen, damit Ihr von hier fortkommt …“

     Madeleine fiel ihr ins Wort. „Könntet Ihr mir Schwefel, Salpeter und Kalium besorgen?“ Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als sie ihre Erfolgsaussichten abwog.

     „Sind das nicht Zutaten, die man beim Herstellen von Waffen benötigt?“

     „Ja.“

     „Wenn Ihr Nigel etwas antun wollt …“

     „Ich verspreche Euch, dass ich das nicht tun werde.“

     „Sind diese Zutaten schwer zu finden?“

     „Nein, in der Waffenkammer des Schlosses gibt es sie bestimmt.“

     Eileen nickte, und zum ersten Mal seit Wochen glomm in Madeleine ein Hoffnungsfunke auf.

     Die Sonne, die plötzlich durch die Wolken brach, war wie ein Omen für sie. Wenn sie ihren Verstand benutzte, konnte sie sich vielleicht retten.

     Das Stampfen von Pferdehufen zerstörte die friedliche Stille, und als Madeleine an die Brüstung trat, sah sie Noels Banner über den Köpfen von gut hundert Reitern wehen.

     Krieg.

     Er war hierhergekommen. Rasch half sie Eileen aufzustehen und führte sie ins Haus. Alle anderen Gedanken waren in den Hintergrund getreten.

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