Die schöne Heilerin - Kapitel 3

3. Kapitel

Seit drei Stunden ritten sie nun schon durch einen steten Nieselregen Richtung Nordosten. Die Hufe der Hunderte von Pferden machten einen solchen Lärm, dass mögliche Feinde, die es sich in den Kopf gesetzt haben mochten, einen so großen Trupp anzugreifen, sich längst eines Besseren besonnen und sich verzogen hatten. Madeleine ritt neben Jemmie in der Mitte der Kolonne. Die rotgoldenen Banner des Ullyot-Clans umwehten sie, vor Kälte fühlte sich ihr Gesicht ganz taub an, und sie begann sich zu fragen, wie lange sie wohl noch reiten würden.

     Endlich lagen die weiten Täler des Esk vor ihnen; Madeleine sah Bäume mit flammend rotem Herbstlaub und dahinter das satte, dunkle Grün eines Nadelwalds. Jemmie schien es besser zu gehen nach einer Nacht erholsamen Schlafs, und auch Madeleines eigene Wunde schmerzte weniger. Vor ihr nahm Quinlan plötzlich die Zügel auf und gab den Befehl zum Anhalten. Madeleine spürte Alexander Ullyots Gegenwart, noch ehe sie ihn staubbedeckt vor sich sehen konnte. An dem merkwürdigen Winkel, in dem er seinen Arm hielt, erkannte sie, dass er große Schmerzen haben musste. Seine Wunden benötigten mehr als die Breiumschläge, die sein Medikus ihm angelegt hatte, und die Heilerin in ihr beobachtete prüfend die ersten Symptome.

     Er schwitzte bereits. Auch sein Herzschlag hatte sich beschleunigt, das sah sie am Pulsieren seiner Halsvene.

     „Wir werden hier unser Lager für die Nacht aufschlagen. Im Liddesdale Forest ist es zu gefährlich, und vor Einbruch der Dunkelheit schaffen wir es nicht mehr, ihn hinter uns zu lassen.“ Er schirmte die Augen mit der Hand ab und betrachtete den Himmel. Madeleine hatte den Eindruck, als schätzte er gleichzeitig die Tageszeit und das Wetter ab. Als er den Kopf wieder senkte, trafen sich ihre Blicke. Das harte Silber wirkte jetzt nicht mehr so stählern, da die Anfänge einer schweren Entzündung von seinem Körper Besitz ergriffen.

     Es bleibt nicht mehr viel Zeit, dachte Madeleine und sah zu Boden. Schon am kommenden Morgen würde sie nichts mehr für ihn tun können.

     „Fühlt Ihr Euch wohl?“

     Sie schrak zusammen bei seiner Frage, und auch seine gerunzelte Stirn verwirrte sie. „Wie bitte?“

     „Habt Ihr alles, was Ihr braucht?“ Sein Blick fiel auf ihre Brust. „Ich könnte Euch meinen Heiler schicken.“

     „Nein.“ Sie biss sich auf die Unterlippe, um sich selbst am Weiterreden zu hindern. Er hatte sich schon zum Gehen gewandt. Sie fühlte sich wie eine Mörderin, keinen Deut besser als ihr Bruder.

     Quinlan saß ab und kam zu ihr, um ihr aus dem Sattel zu helfen. Madeleine legte ihm leicht die Hand auf den Ärmel. „Ich wollte Euch noch danken für Eure Hilfe letzte Nacht.“ Sie blickte zu Jemmie hinüber. Es war Quinlan gewesen, der die in eine Decke gehüllte Jemmie zu ihr gebracht hatte.

     Die Abneigung im Blick seiner hellblauen Augen wich vorübergehend einer gewissen Verwunderung. „Euer Page war voll des Lobes über Euch, Mylady. Ich habe noch nie einen jungen Burschen so viel schwatzen hören.“

     Sie musste unwillkürlich lachen. „Inmitten von solchen Kriegern hier mag jeder Fremde schwatzhaft wirken!“

     Quinlan runzelte die Stirn. „Alexander hat strikten Befehl erteilt, dass sich alle von Euch fernhalten sollen, zu Eurer eigenen Sicherheit. Er will Euren Schutz.“

     „Warum?“

     „Ihr seid jetzt sein Eigentum. Seit letzter Nacht.“ Er sah auf ihre Brust. „Als Geisel. Ich dachte, Ihr hättet das verstanden“, sagte er.

     „Und wenn er stirbt?“

     Sein Blick wurde wachsam. „Ullyot ist unbesiegbar. Wer würde schon einen Kampf gegen ihn gewinnen?“

     „Mein Gott …“ Madeleine bekreuzigte sich und drehte sich um. Furcht und Freude durchströmten sie, als ihr mit einem Mal alles klar wurde.

     Konnte Alexander Ullyot, der gefürchtete Laird of Ashblane, sie vor jedem beschützen? Vor Noel und Liam? Ja, sogar vor König Edward? Wenn er sie nun gegen ihren Willen zur Geliebten nahm, gab ihr diese unbehagliche Verbindung dann die Zeit nachzudenken, zu planen, die anderen von ihrer Spur abzulenken und zu verschwinden? Sie schloss die Augen, einen Moment lang waren ihre Sehnsüchte stärker als ihr sonstiges Gefühl der Ohnmacht. Er hatte Männer, Macht und eine Befehlsgewalt, die unerreicht war. Und er hatte sie nicht umgebracht, nicht einmal letzte Nacht, als sie sich vor seinen Augen übergeben hatte.

     Es ist nicht alles verloren, dachte sie und wandte sich wieder Quinlan zu. Sie hatte einen Entschluss gefasst. „Ohne meine Hilfe wird Euer Laird noch heute Nacht sterben.“ Sie sah, wie sich die Haare auf seinen Unterarmen aufstellten und sein Gesicht dunkelrot anlief.

     „Ihr verflucht ihn?“, fragte er erstickt und zog sein Schwert.

     „Nein. Ich habe Eurem Laird bereits gesagt, dass ich über die Gabe des Heilens verfüge.“ Andere Männer umringten sie nun und zogen ebenfalls die Schwerter, weil Quinlans Zorn sich auf sie übertrug. Madeleine hielt seinem Blick unbeirrt stand. „Die Wunden Eures Lairds werden ihn vergiften. Nur noch wenige Stunden und ich kann nichts mehr für ihn tun.“

     „Tötet die Randwick-Hexe!“, ertönte ein Aufschrei zu ihrer Linken; Dolche klirrten.

     „Nein.“ Quinlan befahl den Männern zurückzuweichen, und sie gehorchten, wenn auch unsicher. Eine knisternde Spannung lag in der Luft. Wenn Madeleine noch ein weiteres Wort sagte, würde wohl auch Quinlan sie nicht mehr retten können, deshalb schwieg sie.

     Die Lage war ausweglos. Sie hob den Kopf und blickte zum Himmel. Noch schien die Sonne, und Madeleine spürte, wie sie ihr rotes Haar zum Leuchten brachte. Ruhig zog sie sich die Kapuze über. In Augenblicken wie diesen benötigten manche Männer nur ein solches Zeichen, um zur Tat zu schreiten. Sie sah, wie Quinlan plötzlich die Stirn runzelte, und überlegte, ob er womöglich ein Gedankenleser war. In alten Chroniken auf der Burg ihrer Großmutter war sie auf solche Wesen gestoßen, und immer hatten sie blaue Augen gehabt.

     „Ich werde Euch zum Laird bringen, dann könnt Ihr die Wunden begutachten“, teilte er ihr kurz angebunden mit und wandte sich seinem Pferd zu. Jemmie neben ihr wollte sich ebenfalls erheben, aber Madeleine hielt sie zurück. „Bleib. Mir wird nichts geschehen.“

     Sie spürte eine kleine Hand, die nach ihrer griff. „Du wirst deine Sachen benötigen“, gab Jemmie unsicher zu bedenken, und auf ihrem Gesicht spiegelte sich unverhohlene Sorge wider.

     „Welche Sachen?“, wollte Quinlan wissen.

     „Die Dinge, die ich zum Heilen benötige. Sie sind auf dem Schlachtfeld zurückgeblieben, als Ihr mich entführt habt.“

     „Unser Medikus hat andere Mittel.“

     In Gedanken ging sie blitzschnell die Balsame und Tinkturen durch, die sie gern zur Hand gehabt hätte, aber in den versteckten Taschen ihres Untergewandes befand sich eine Auswahl verschiedener Kräuterpulver, deren Rezepturen sie von ihrer Großmutter gelernt hatte. Eigentlich mussten sie ausreichen.

     Und wenn nicht? Sie weigerte sich, darüber jetzt schon nachzudenken. Die Lage war äußerst riskant, trotzdem spürte sie am Rande des Abgrunds noch etwas anderes. Wenn der Laird of Ullyot lebte, gab es für sie vielleicht auch noch ein Leben. Denn inmitten seines Clans sah sie einen Funken Sicherheit für sich aufflackern und für Jemmie. Wenigstens eine Zeit lang. Und wenn Alexander Ullyot überlebte, würde sie ihn bitten, ihrem Onkel sicheres Geleit von Heathwater nach Ashblane zu gewähren. Jemmie und Goult. Ihre Familie. Um sie in Sicherheit zu wissen, hätte Madeleine auch mit dem Teufel persönlich einen Pakt geschlossen.

Dem Laird ging es sehr viel schlechter, als sie bei ihm eintrafen, und Quinlan war ebenso erschrocken wie Madeleine.

     Alexander Ullyot erkannte sie nicht mehr. Seine Stirn war schweißbedeckt, er war ins Delirium gefallen. Ein alter Mann kauerte neben ihm mit einem Topf voller Blutegel. Wie sie sah, hatte er sie bereits angesetzt, denn die fetten, schwarzen Körper der Tiere waren angeschwollen von Blut und glitzerten im Schein der Fackeln.

     Quinlan eilte an Ullyots Seite und stieß die Krieger weg, die um ihn herum knieten. Er griff nach der Hand des Sterbenden und drückte sie fest. „Alex.“

     Alexander regte sich leicht in seiner tiefen Bewusstlosigkeit, und von seinem Handgelenk tropfte schwarzes Blut, das eine dunkle Spur auf dem schmutzigen Boden hinterließ. Später dachte Madeleine, dass vielleicht genau das für Quinlan den Ausschlag gab, den alten Medikus zur Seite zu stoßen und sie selbst an das Krankenlager zu ziehen.

     „Was könnt Ihr für ihn tun?“

     Ein allgemeines Raunen erhob sich bei seinen Worten, und es wiederholte sich, als Madeleine sich neben Alexander kniete, etwas Salz aus einem Napf auf dem Boden nahm und es über die Blutegel streute. Sofort rollten sie sich zusammen und fielen ab. Madeleine hätte sie am liebsten zertreten, doch der Medikus des Clans kam ihr zuvor und sammelte sie sorgfältig ein.

     „Ich benötige Wasser“, erklärte sie und legte prüfend die Hand auf Alexanders heiße Stirn. „Und sehr starken Würzwein.“ Beides wurde ihr umgehend gebracht, und sie zog ihren kleinen Dolch und die Pulver aus der Tasche ihres Untergewandes.

     Im selben Moment spürte sie die messerscharfe Spitze eines Schwerts in ihrem Nacken.

     „Lasst sie.“ Das war Quinlans Stimme. Besorgt. Barsch. Madeleine sah sich nicht um und öffnete die Beutel mit den Kräuterpulvern. Danach schnitt sie Alexanders Ärmel mit dem Dolch auf und blickte zu Quinlan hinüber, der sie aufmerksam beobachtete.

     „Das kann später wieder geflickt werden, wenn es ihm besser geht“, teilte sie ihm gelassen mit, und in seinen Augen funkelte so etwas wie Bewunderung auf.

     Schon viele Männer hatten sie eine Hexe genannt, aber ebenso viele hatten sie für ihre Heilkünste bewundert. In dieser Nacht gab ihr Quinlans Respekt neuen Auftrieb, er nahm ihr die Furcht und schärfte ihre Sinne für das, was sie zu tun hatte. Sie schloss die Augen, legte die Handflächen auf Alexanders Haut und erspürte den dunklen Verlauf des Giftes bis hin zu gesünderem Fleisch. Die Berührung versetzte ihr einen beinahe schmerzhaften Schock, und sie fühlte eine Reaktion in ihm, einen unbändigen Zorn, der jedoch sofort unterdrückt wurde, sobald sie sich dessen bewusst wurde. Absichtlich? Konnte Alexander sie trotz seiner Bewusstlosigkeit spüren? Das war noch nie zuvor geschehen. Niemals.

     Zögernd legte sie den Verlauf der dunkelblauen Blutgefäße fest und trieb dann die Spitze ihres scharfen Dolches in sein Fleisch. Sie staute den Fluss des gesunden Blutes und presste all das Schädliche heraus, das es vergiftete.

     Madeleine hörte gar nicht, wie die Männer hinter ihr geräuschvoll den Atem anhielten; sie war viel zu konzentriert auf ihre nächste Aufgabe und lauschte, welche Geräusche seine Knochen machten. Als sie die Hand hob, wurde es augenblicklich ganz still um sie.

     „Hier.“ Sie packte Alexanders Ellbogen, legte eine Hand auf seinen Oberarm, und die geschundenen Gelenke renkten sich mit einem hörbaren Knacken wieder ein.

     Schweißtropfen bildeten sich auf ihrer Stirn, weil sie das unbehagliche Gefühl nicht abschütteln konnte, dass Alexander sich ihres Tuns bewusst war. Sie rollte ihn auf die Seite und betrachtete die klaffende Schnittwunde unterhalb seines Schulterblatts. Zahlreiche andere Narben aus anderen Schlachten kreuzten den Schnitt in roten und weißen Linien.

     Ein Krieger.

     Mein Krieger!

     Die Stimmen derer, die ihn verwundet hatten, schienen plötzlich aufzubranden, gespenstische Schreie früherer Schlachten, die über die Zeiten hinweg zu ihr hinüberwehten. Mit zwei Fingern drückte sie die Wundränder des Schnitts zusammen. Ein Gefühl der Hitze durchrieselte sie, und ihre Arme begannen zu zittern. Noch einen Augenblick sagte sie sich, nur noch einen Augenblick, dann würde es so weit sein. Wäre sie allein gewesen, hätte sie das Heilfeuer in ihrem Innern angewendet, aber der Aberglaube der Anwesenden setzte ihr strenge Grenzen; außerdem musste sie an Jemmie denken.

     Nein, diese Heilung musste so herkömmlich wirken wie möglich. Madeleine lächelte still in sich hinein, als die glühende Hitze ihre Fingerspitzen zum Vibrieren brachte. Das war etwas, was die anderen niemals würden sehen können. Ein kleiner, aber wichtiger Sieg für die Magie der de Cargnes, denn jetzt wusste sie mit Gewissheit, dass der Tod dem Leben gewichen war.

     Sie lehnte sich auf ihre Fersen zurück und ruhte einen Augenblick lang aus, ehe sie Kräuter in den Würzwein rührte und den Kelch an die Lippen des Lairds führte. Quinlan hielt sie mit der Hand zurück.

     „Was habt Ihr da hineingeschüttet?“ Der unausgesprochene Vorwurf, es könnte sich um Gift handeln, war nicht misszuverstehen.

     Statt zu antworten, hob Madeleine den Kelch an ihre eigenen Lippen und trank einen Schluck. Die Flüssigkeit brannte in ihrer Kehle und machte sie schwindelig, aber Quinlan nahm die Hand von ihrer Schulter. „Fahrt fort.“

     Madeleine wandte sich wieder ihrem Patienten zu. „Ihr müsst trinken“, flüsterte sie und drückte mit dem Finger sanft auf einen bestimmten Punkt am Hals des Kranken. Sofort flogen seine grauen Augen auf und er trank das Gebräu in durstigen Schlucken, ehe er wieder das Bewusstsein verlor.

     Die umstehenden Männer bekreuzigten sich, die uralte Antwort auf alles, was sie nicht verstanden. Auf Heathwater konnten ihr nur wenige Männer geradewegs in die Augen sehen, hier würde es am kommenden Morgen kaum anders sein. Nur Quinlans prüfender Blick überraschte sie. „Euer Laird wird leben.“

     „Zweifelt Ihr jemals an Euch selbst, Lady Randwick?“, fragte er, als sie sich noch einmal über Alexander beugte. Sie überhörte Quinlans Frage und befühlte Alexanders Stirn.

     „Das Fieber sinkt bereits. Das ist ein gutes Zeichen. Morgen früh wird es ihm schon viel besser gehen.“ Sie strich mit den Fingern durch sein dunkelblondes Haar und ertastete eine Beule oberhalb der Schläfe.

     Ich lebe ebenso nah am Abgrund wie du.

     Einen Augenblick lang war da eine Art Band zwischen ihnen, und Madeleine zog erschrocken die Hand fort.

     Quinlan deutete die blitzschnelle Geste falsch. „Was ist? Stimmt etwas nicht?“

     „Nein, es ist alles gut“, log sie leichthin und begann, ihre übrig gebliebenen Kräuterpulver wieder zu verstauen. Sie reinigte die Klinge ihres Dolchs mit Würzwein und schnitt zwei lange Streifen Stoff aus ihrem Untergewand, die sie erst mit Wein tränkte und dann damit seine Wunden verband. Alexander Ullyot zuckte zusammen, als sie seinen Ellbogen berührte, und Madeleine arbeitete schneller. In all den Jahren des Heilens hatte sie es noch nie erlebt, dass ein Verwundeter das äußerst schmerzhafte Einrenken einer Schulter so reglos über sich hatte ergehen lassen.

     Als er sich erneut bewegte und seine Augenlider zu flattern begannen, versuchte sie, seine Haut möglichst nicht mehr zu berühren. Wenn er wach wurde, wollte sie nicht länger an seiner Seite knien.

     „Ich bin fertig.“ Sie stand auf und rieb sich das schmerzende Kreuz. Bewusst mied sie die Blicke der Umstehenden.

Zwei Stunden später ließ man sie wieder zur Lichtung kommen. Alexander Ullyot saß aufrecht dort und sah ihr entgegen.

     „Quinlan sagt, Ihr wärt eine Hexe.“ Seine Stimme klang volltönend, aber erschöpft. „Meine Männer glauben dasselbe“, fügte er hinzu. „Sie sagen, Ihr hättet die Krankheit mit einem Zauber aus meinem Körper verbannt.“

     „In Anbetracht der begrenzten Künste Eures eigenen Medikus überrascht mich ihr Aberglaube nicht.“

     Sie runzelte die Stirn, als er den Kopf in den Nacken warf und lachte, obwohl die Heiterkeit nicht seine Augen erreichte. „Und trotzdem hattet Ihr keine Angst?“

     Er sah sie jetzt direkt an, die untergehende Sonne spiegelte sich in seinen Augen wider. Kein richtiges Silber, eher das rauchfarben schimmernde Grau der Flügel eines Falters, der in den schottischen Tälern vorkam. Auch Zorn entdeckte Madeleine in diesen Augen. Seine Missbilligung verstimmte sie, und sie erwiderte ungehalten: „Sobald ich Euch berührt hatte, wusste ich, dass Ihr nicht sterben würdet. Hätte ich Euch für unrettbar verloren gehalten, wäre ich zurückgetreten und hätte vorgegeben, Euch nicht helfen zu können. Dann hätte Euer Medikus die schlechte Arbeit zu Ende führen können, mit der er begonnen hatte.“

     Er fluchte leise und setzte sich bequemer hin, als wollte er seine Schulter entlasten. „Quinlan sagt, Ihr hättet die Augen geschlossen und mein Blut mit den Fingerspitzen untersucht. Er sagt, Ihr hättet um Ruhe gebeten, damit Ihr hören konntet, welche Geräusche meine Knochen machen. Genau das würde auch eine Hexe tun. Hale, mein Medikus, pflichtet mir bei.“

     „Eure Leute reden Unsinn, Laird Ullyot.“ So aus der Nähe betrachtet fiel ihr auf, dass die Iris seiner Augen von einem feinen, dunkelblauen Ring umgeben war. Die Direktheit seines Blicks verunsicherte sie, und sie bemühte sich, ihre Gelassenheit wiederzufinden. „Ich muss prüfen, ob Euer Fieber gesunken ist“, erklärte sie, als sie ihm die Hand auf die Stirn legte.

     „Ich habe kein Fieber mehr.“ Seine Stimme klang ruhig und unbeteiligt.

     „Zu Euren Wunden. Haben die Schmerzen zugenommen?“

     „Nein.“

     „Ich muss sie mir ansehen.“ Er erstarrte merklich, als sie sich vorbeugte, um den Verband von seinem Arm zu lösen. Der Stoff fühlte sich heißer an, als ihr lieb war, doch die Wunde darunter war sauber und schien gut zu verheilen. Mit dem Schnitt auf seinem Rücken verhielt es sich ebenso. Sie griff nach ihren restlichen Pulvern und vermengte sie nur mit ein paar Tropfen Wasser.

     „Das hier wird die Wunden kühlen“, sagte sie, als sie Salbe auftrug.

     „Genug, Lady Randwick“, gebot er ihr nach einer Weile Einhalt. „Ihr habt mich geheilt.“ Starke Finger schlossen sich um ihr Handgelenk, und in seiner Stimme schwang ein ironischer Unterton mit. „Die Legenden über Eure Fähigkeiten sind also nicht unbegründet, wie ich merke.“

     Angespannt wich Madeleine zurück. Das war ein gefährliches Terrain, wenn man bedachte, wie weit sich die Gerüchte über die Zauberkräfte der de Cargnes bereits herumgesprochen hatten. Dementsprechend zurückhaltend antwortete sie. „Und nun wünscht Ihr mir zu danken?“, fragte sie betont nüchtern.

     Er lachte laut, und sofort näherten sich seine Gefolgsleute mit gezückten Schwertern. Alexander scheuchte sie mit einer Handbewegung fort und wandte sich wieder Madeleine zu. „Kommt es denn oft vor, dass Männer Euch danken, Lady Randwick?“

     Die Beleidigung war nicht zu überhören, und Madeleine nahm sich zusammen. Schon so viele Männer hatten sie genauso angesehen wie jetzt er, und einen flüchtigen Moment lang bedauerte sie, dass er das tat. Doch noch ehe sie etwas erwidern konnte, erhob er sich. Sein Gesicht verzog sich schmerzerfüllt, als er den Arm hängen ließ. „Ich könnte noch einmal einen Verband anlegen“, bot sie an. Sie war durch und durch Heilerin, und als solche war ihr Mitgefühl stärker als die Kränkung, die ihr als Frau widerfahren war.

     „Nein, ich nehme das hier.“ Er zog einen dünnen Streifen Leder aus seiner Tasche und verknotete ihn zu einer Schlinge, die er sich um den Hals hängte und durch die er dann den verletzten Arm schob. Mit wenigen Schritten war er wieder neben Madeleine, und sie spürte, dass er das Gespräch fortsetzen wollte.

     „Ich stehe in Eurer Schuld, weil Ihr mir geholfen habt“, meinte er nach einer ganzen Weile umständlich. Es hatte den Anschein, als bereitete ihm dieses Zugeständnis beinahe körperliche Schmerzen. „Wenn Ihr also einen Wunsch äußern möchtet, werde ich mich nach Kräften bemühen, ihn Euch zu erfüllen.“

     „Holt meinen Onkel von Heathwater auf Eure Burg.“

     Seine Überraschung war echt. „Warum?“

     „Weil Noel ihm etwas antun wird.“ Sie brachte die Worte kaum über die Lippen.

     „Und das würde Euch etwas ausmachen?“

     „Ja.“

     Er betrachtete sie eindringlich. „Wisst Ihr, welchen Beinamen man Euch am schottischen Hof gegeben hat, Lady Randwick?“

     Sie schwieg.

     „Man nennt Euch dort die Schwarze Witwe.“

     Die Schwarze Witwe. Lucien. Ihr wurde schwindelig.

     „Seht Ihr, den Gerüchten nach ist die Liebe der Herrin von Heathwater weder dem Herzen noch der Gesundheit eines Mannes zuträglich. Lucien Randwick war achtzehn, als Ihr ihn geheiratet habt, und er war noch keine sechsundzwanzig, als er starb. Und als man letztes Jahr in der Weihnachtszeit fünf Meilen von Eurer Burg entfernt die Leiche eines englischen Barons fand, enthüllte ein Eintrag in seinem Tagebuch, dass Ihr seine Geliebte gewesen wart. Da sind die Leute stutzig geworden, Lady Randwick. Ich frage mich allerdings, wie ich in dieses Muster passe. Ihr hättet heute auch schweigen und mich einfach sterben lassen können.“

     „Das hätte ich.“ Sie sprach ganz ruhig. Durch das jahrelange Leben mit ihrem Bruder hatte sie gelernt, ihre Gefühle vollkommen für sich zu behalten. Mochte Alexander Ullyot doch über sie denken, was er wollte. Das hatten die Menschen immer schon getan. Trotzdem überraschten sie der Anflug von Schmerz in ihrer Brust und die aufsteigenden Tränen in ihren Augen. Sie wandte sich ab und wischte mit dem Ärmel die verräterischen Tränen fort. Sie weinte nie. Niemals. Sie zwang sich zu einem Lächeln.

     Großer Gott. Die Erkenntnis traf Alexander mit voller Wucht. Sie hatte Lucien überhaupt nicht ermordet. Erleichterung und Zorn hielten einander seltsam die Waage. Er wollte sie hassen, genauso sehr, wie er ihren Bruder hasste. Aber er konnte es nicht, und dieser Gedanke machte ihn womöglich noch wütender. „Es war Noel, nicht wahr?“

     „Verzeihung?“

     „Es war Noel, der sie getötet hat“, wiederholte er, lauter dieses Mal und überzeugter. „Lucien und die anderen. Verdammt, das ergibt viel eher einen Sinn. Hat er Euch vorgeschoben?“

     Einen winzigen Augenblick lang sehnte sie sich mit jeder Faser ihres Seins danach zu lügen, aber das Heft ihres Messers in Luciens Kehle war allzu wirklich, zu greifbar, zu kurz zurückliegend. Ganz klar erinnerte sie sich daran, wie seine Augen vor Entsetzen glasig geworden waren, wie er zu Boden gestürzt und über seine Züge der Schatten des Todes gefallen war. Sie erinnerte sich, wie sie seine flehenden Hände von ihren Fußgelenken geschüttelt und abgewartet hatte, bis sie sich seines Todes ganz sicher gewesen war. Lucien Randwick, der goldblonde, lachende Sohn des Earl of Dromorne. Tot und noch keine sechsundzwanzig Jahre alt.

     Sie wurde aschfahl. „Nein, ich habe Lucien umgebracht.“

     „Die anderen jedoch nicht?“

     „Nein.“

     Ihre Stimme war unüberhörbar hart, trotzdem sah Alexander den Funken von Furcht in ihren Augen, ehe sie ihn verbergen konnte. Furcht und Sorge. Madeleine Randwick verstand sich überhaupt gut darauf, Dinge zu verbergen, wie ihm plötzlich auffiel. Ihre Heilkünste, zum Beispiel. Noch immer, Stunden nachdem sie ihn berührt hatte, verspürte er ein Prickeln auf dem Rücken.

     Magie. Und jetzt auch noch Mord. Ein kühn gestandener Mord. Die Knöchel ihrer Hand traten vor Anspannung weiß hervor, und sie zitterte am ganzen Leib.

     „Randwick war ein Freund von mir“, sagte er sanft.

     „Lucien?“

     „Nein, Malcolm, sein Vater. Er hat sich letztes Jahr das Leben genommen.“

     Er sah, wie sie die Finger in den Stoff ihres Gewandes krallte. „Malcolm Randwick – tot? Das wusste ich nicht. Er brachte mir einmal einen Strauß Schneeglöckchen, und ein anderes Mal schenkte er mir einen wunderschönen Anhänger aus Gold. Und als Lucien ihn nicht sehen wollte …“ Sie verstummte. „Er war ein freundlicher Mann, ein Gentleman.“

     „Im Gegensatz zu seinem Sohn?“

     Diese Frage traf sie so unerwartet, dass sie keinen Ton hervorbringen konnte. Sie nickte nur, und das unmittelbare, zornige Aufflammen seiner nun eisgrauen Augen überraschte sie zutiefst.

     Glauben.

     Glauben an sie. Zum ersten Mal seit zwei Jahren fiel die Schande eines Mordes von ihr ab, dafür trat die Komplizenschaft ihres Bruders glasklar zu Tage. Es war nicht ihre Schuld. Es war überhaupt nicht ihre Schuld. Sie konnte es kaum fassen.

     Alexander wandte den Kopf zur Seite. Er traute sich nicht recht zu, sprechen zu können. Hatte dieser Schuft Randwick sie körperlich verletzt? Sein Blick streifte die samtzarte Haut ihres Gesichts und ihrer Arme, und er stieß einen halblauten Fluch aus. Plötzlich war die Nacht gekommen, schwarz und alles umhüllend wie ein Tuch, und Geheimnisse von ungeheurer Tragweite schufen ein erstes zerbrechliches Band zwischen den beiden Menschen, die sich in der Dunkelheit gegenüberstanden.

     „Ihr wurdet bereits als Kind mit Randwick verlobt?“

     „Ja.“

     „Auf Empfehlung des Königs hin?“

     „Ja.“

     Ihre Stimme klang brüchig vor Schmerz, und Alexander fuhr mit großer Behutsamkeit fort: „Malcolms Gemahlin war die Cousine von König Edward, wusstet Ihr das? Dem König war sein Zustand also bekannt.“

     Sein Zustand? Großer Gott, auf einmal konnte sie alle Zusammenhänge ganz klar erkennen. Lucien war immer schon wahnsinnig gewesen. Ihr Bruder hatte das gewusst. Luciens Vater hatte es gewusst. Und Alexander Ullyot wusste es ebenfalls.

     „Ich verstehe.“ Sie musste an die enorme Geldsumme denken, die ihr Bruder für ihre Eheschließung erhalten hatte. Man hatte ihr Wohlergehen der Berechnung geopfert, nicht nur einmal, sondern immer, immer wieder. Wenn es schon ihrem Bruder gelegen gekommen war, sie des Mordes zu bezichtigen und sie auf Heathwater gefangen zu halten, wie hilfreich musste das dann erst für die königliche Familie von England gewesen sein? Oh ja, um den Makel des Wahnsinns zu vertuschen, hatte sie endgültig in Verruf gebracht werden müssen. Und wie gut war das ihrem Bruder gelungen – mit der nicht enden wollenden Schlange von angetrunkenen Besuchern vor ihren privaten Gemächern und den ständig wechselnden Bediensteten.

     Madeleines Abgeschiedenheit von der Welt hatte immer neuen Gerüchten Nahrung gegeben und sie schließlich zur verrückten, gefährlichen Lady Randwick werden lassen. Und bis zu diesem Moment jetzt war sie nie imstande gewesen, irgendetwas von alldem zu begreifen.

     Die Schwarze Witwe. Diese Bezeichnung hatte sie manchmal aus dem Stimmengewirr bei den wüsten Gelagen auf Heathwater herausgehört.

     „Ich denke, ich sollte mich zurückziehen.“ Sie hatte keine Lust mehr zu reden, denn wenn er jetzt Einzelheiten von ihr erfahren wollte, würde sich der unerwartet sanfte Ausdruck seiner Augen unweigerlich verlieren. Fröstelnd zog sie den Umhang fester um sich, doch Alexander war noch nicht fertig. Mit der linken Hand hielt er sie zurück, und sofort durchzuckte Madeleine ein beinahe schmerzhafter Stich.

     „Wenn es Euch hilft, Lady Randwick, könnte ich Euch erzählen, dass ich schon hundert Mann in der Schlacht getötet habe, dazu noch eine ganze Reihe anderer außerhalb eines Schlachtfelds. Und trotzdem atme ich immer noch. Und lebe.“

     Zum ersten Mal seit Monaten zeigten sich wieder die Grübchen auf ihren Wangen, als sie seinen sehr männlichen Versuch, sie zu trösten, durchschaute. „Ich danke Euch“, sagte sie schlicht und sah ihm nach, wie er zwischen den Bäumen mit einer für einen so großen Mann ungewöhnlichen Anmut davonging.

     Der Laird of Ullyot war ein starker, unabhängiger Mann, der ohne die lähmenden Zweifel eines Gewissens durch das Leben schritt, und seine Kraft und Zuversicht waren ebenso legendär wie die Gefahr, die von ihm ausging. Ohne ihn an ihrer Seite fühlte Madeleine sich plötzlich ungewohnt verloren, und auch ihr Schlafmangel machte sich auf einmal bemerkbar. Leicht schwankend vor Müdigkeit lehnte sie sich an einen Baumstamm, während sie grübelte, wie es nun weitergehen sollte.

     „Man hat mir aufgetragen, Euch zu Eurem Pagen zurückzubringen, Lady Randwick.“ Beim Klang der freundlichen Stimme schrak sie zusammen und drehte sich um. „Ich bin Brian, der Riese“, stellte sich der Mann vor. „Ein Cousin des Lairds“, fügte er auf ihren verständnislosen Blick hin hinzu. „Er hat mich gebeten, Euch das hier zu geben. Zum Heilen, sagt er.“ Die bauchige Lederflasche, die er ihr reichte, war randvoll mit starkem Würzwein und von außen mit geflochtenen Lederschnüren und Muscheln verziert. „Gillion hat sie gemacht.“

     „Gillion?“

     „Alexanders Sohn.“

     Sämtliche Farbe wich aus ihrem Gesicht. Alexander Ullyot war verheiratet? Er hatte eine Gemahlin auf Ashblane? Madeleine hob das Kinn und versuchte, sich vor Brian Ullyot nichts von ihrer Verzweiflung anmerken zu lassen. Wenn es eine Herrin auf seiner Burg gab, änderte sich dadurch alles. Dort konnte Madeleine auf keinen Fall bleiben. Die scharfen Kanten einer Muschel ritzten ihre Handfläche auf, ehe sie sich überhaupt bewusst wurde, wie fest sie die Flasche mit den Fingern umschlossen hatte, und schnell ihren Griff lockerte. Der Mann neben ihr blickte zur Seite, und Madeleine sah, dass er sich verstohlen bekreuzigte.

     Das überraschte sie nicht, denn er war bei der Heilung Alexanders dabei gewesen. Trotzdem hätte sie ihn gern zum Freund gehabt, weil seine freundliche Art Erinnerungen an Zeiten heraufbeschwor, als es noch Lachen in ihrem Leben gegeben hatte. Und nun sollte sie wieder ins Niemandsland zurückgestoßen werden, wo jede Hoffnung auf Schutz aussichtslos war. Plötzlich schmerzte die Wunde auf ihrer Brust, und das Atmen fiel ihr schwer. Was nun?

     Sie würde niemals nach Heathwater zurückkehren, und auf Ashblane konnte sie ebenfalls nicht bleiben. Ihren Körper herzugeben um der Sicherheit willen war eine Sache; dies in Gegenwart einer Gemahlin und von Kindern zu tun jedoch eine ganz andere.

     Sie biss sich auf die Lippe, schmeckte Blut und verfluchte sich, weil sie eine Frau war und nicht über genügend Kraft verfügte. Sie konnte nur hoffen, dass ihn seine Heilung dankbar gestimmt hatte und er dadurch in seiner Wachsamkeit etwas nachließ. Dann bot sich vielleicht eine Gelegenheit zu fliehen. Mit Jemmie natürlich. Madeleine runzelte die Stirn. Die Wahrscheinlichkeit, einigermaßen sicher zu entkommen, war für sie beide verschwindend gering geworden – in einer Gegend, die sie nicht kannten, und mit wohl zweihundert bestens gerüsteten Kriegern, die hinter ihnen her sein würden.

     Und Alexander Ullyot. Besorgt dachte sie an ihre Unterhaltung vorhin zurück. Würde er das schändliche Geheimnis um ihre Ehe wohl ebenso gegen sie verwenden, wie Noel es getan hatte? Eine Waffe, um sie gefügig zu machen. Eine unverzeihliche Sünde. Mord oder Notwehr? Hexerei oder Heilkunst? Würde Ullyot sie entweder dem Hof Edwards oder Davids überstellen, um über sie richten und sie verurteilen zu lassen? Ihr Puls beschleunigte sich, als ihr die Gerüchte einfielen, laut derer Alexander einen festen Platz am Hof Davids hatte. Der Bastard eines der Brüder von Robert the Bruce, sagte man nicht so? Zum ersten Mal wünschte sie, sie hätte besser zugehört, wenn Noel und sein Liebhaber Liam Williamson geklatscht hatten.

     Hoffentlich ritten sie am kommenden Tag weiter Richtung Nordosten. Hoffentlich bot die Heilung einen Schutz für ihr Leben. Hoffentlich hatte Ullyot genauso wenig Respekt vor den Gesetzen. Hoffentlich war sein Versuch, sie zu trösten, aufrichtig gemeint gewesen.

     Fragen über Fragen gingen ihr durch den Kopf, während ein einzelner Blutstropfen ihren Ringfinger hinabrann und auf die Erde fiel.

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