Die schöne Heilerin - Kapitel 6

6. Kapitel

Sie wachte auf und wusste, dass nichts so war, wie es sein sollte.

Jemand beobachtete sie. Madeleine spürte die Blicke eher, als dass sie sie sehen konnte, und sie vernahm das deutliche Atmen eines unwillkommenen Eindringlings. Sie wirbelte herum zu der Wand rechts von ihr und ließ den Blick prüfend darübergleiten. Da, eine schmale Öffnung im Mauerwerk. Ein aufblitzendes Augenpaar, das sofort verschwand, als Madeleine es entdeckte, und zurückkehrte, als sie völlig reglos liegen blieb. Mutiger dieses Mal. Vage konnte sie jetzt die Umrisse des Gesichts und die Haarfarbe erkennen.

     Das Kind, das sie bei ihrer Ankunft auf Ashblane gesehen hatte. Alexander Ullyots Sohn, der sich mitten in der Nacht in den Hohlräumen zwischen den Mauern herumtrieb. Madeleine stand auf und warf sich ein Tuch um, das auf einer der Truhen lag. Ob er wohl noch einmal zurückkam? Sie verharrte ganz still, um zu lauschen, konnte aber nur das trunkene Murmeln einiger Krieger draußen auf der Festungsmauer hören. Dann erkannte sie die Stimme des Lairds selbst und öffnete die Fensterläden.

     Eine Frau in einem schwarzen Umhang schmiegte sich vertraulich an ihn, ihr langes, blondes Haar schimmerte im Mondlicht. Der Umhang verbarg ihre sanften weiblichen Rundungen nicht. Madeleine runzelte die Stirn. Nein, nichts war so, wie es sein sollte. Eine Frau, die ihm offensichtlich nahestand, und ein Kind, das schweigend durch die Burg geisterte, zu einer Uhrzeit, zu der Kinder eigentlich fest schlafend und behütet in ihren Betten liegen sollten.

     Durch das dünne Leinen ihres Gewands tastete sie über die allmählich verheilende Wunde auf ihrer Brust. Warum hatte er sie so gezeichnet, wenn der Hass, den er empfand, so groß war? Das Zeichen bot Schutz. Hatte Quinlan das nicht gesagt? Wenn er sie einfach nur als Frau besitzen wollte, dann brauchte er sie wohl kaum um ihre Einwilligung zu bitten. Er konnte sie nehmen, wann und wo auch immer er wollte, und jeglicher Widerstand von ihr hätte das Unvermeidliche nur hinausgezögert.

     Schritte und Männerstimmen draußen vor ihrer Tür rissen sie aus ihren Gedanken und lenkten ihre Aufmerksamkeit wieder auf vordringlichere Sorgen. Der Türriegel wurde aus seiner Halterung gehoben, und die Tür schwang auf. Drei Männer, die sie bisher noch nie gesehen hatte, betraten ihr Schlafgemach, ihr Atem roch schwer nach Wein. Ob sie ihr wohl Gewalt antun würden, obwohl sie das Zeichen ihres Lairds auf der Brust trug? Und warum hielten sich die Wachen zurück, die sie draußen vor der Tür erkennen konnte, und ließen diese drei Männer einfach eintreten? Das bleiche Gesicht des jungen Mannes, den sie nun hereintrugen, erklärte jedoch alles. An seinem Bein klaffte eine Wunde von der Leiste bis zum Knie.

     „Wir wollten Euch um Hilfe bitten, Lady Randwick“, verkündete einer der Männer feierlich. „Dougals Bein ist gebrochen, und er ist schon über eine Stunde bewusstlos.“

     „Wer hat das getan?“ Großer Gott, hoffentlich nicht ihr eigener Bruder!

     „Ein Wildschwein im Hermitage Forest, am frühen Nachmittag“, berichtete der Mann. „Quinlan sagte, Ihr würdet Dougal helfen.“

     Madeleines Verwunderung über die Bitte wich rasch großer Besorgnis. Sie legte sich ihren Umhang um, da sie ahnte, dass man ihr nicht die Zeit geben würde, sich umzuziehen. Ihr Nachtgewand war dünn, aber das schien keinem der Männer aufzufallen, dazu waren sie viel zu verzweifelt. „Ich benötige heißes Wasser sowie einige Zutaten aus dem Kräutergarten.“

     Alle nickten gleichzeitig. „Die Wirtschafterin wird Euch alles bringen, was Ihr braucht.“

     Der Verletzte wurde vorsichtig auf ihr Bett gelegt. Die Männer dachten daran, vorher das saubere Betttuch abzuziehen und eine dickere Decke auf die Matratze zu legen. Madeleine fand es ungewöhnlich, dass die Männer eine solche Umsicht an den Tag legten. Auf Heathwater zerbrach sich kein Mann den Kopf darüber, ob er einer Waschfrau vielleicht zusätzliche Arbeit aufbürdete.

     Jetzt trat ein jüngerer Mann neben Madeleine. Er sah dem Verletzten recht ähnlich, und sie nahm an, dass er ein Verwandter von ihm war.

     „Ich heiße Donald“, sagte er und errötete in dem Moment, als sie ihm in die Augen sah. „Dougal ist mein Zwillingsbruder.“ Seine bedrückte Stimme erinnerte sie an die Angehörigen anderer Kranker, die sie schon behandelt hatte.

     „Die Wunde ist frisch, Donald, und er ist noch jung.“

     „Und all das viele Blut …?“

     Sie fiel ihm ins Wort. „Die Anzeichen sind recht gut. Seine Hautfarbe und sein Puls sind normal.“

     „Man sagt, Eure Hexenkunst habe Laird Ullyot aus dem Reich der Toten zurückgeholt.“

     „Und trotzdem habt Ihr Euren Bruder zu mir gebracht?“, forderte sie ihn kühn heraus, als sie merkte, wie er sich bekreuzigte. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, Zweifel zu säen. Außerdem beunruhigte sie der Schmutz auf Dougals Bein, denn zwischen Erdkrumen hatte sie auch Pferdemist entdeckt. In Heathwater hatte sie zwei junge Männer wegen ähnlicher Wunden verloren, sie waren einen qualvollen Tod gestorben. Die Wunden beider waren mit Pferdemist in Berührung gekommen.

     Ein weiterer Todesfall hier würde ihr Leben in Gefahr bringen, und das von Jemmie ebenfalls. Allerdings hatte Noel ihr schon so oft damit gedroht, sie umzubringen, sollte ihre Heilkunst bei noch weiteren Kriegern von Heathwater versagen, und der Eid, den sie als Heilerin vor ihrer Großmutter hatte ablegen müssen, war kurz und bündig gewesen.

     Ein Kranker darf nie aufgrund deiner eigenen Ängste abgewiesen werden.

     Meine eigenen Ängste. Das Licht fiel auf Donalds Gesicht, als er sie ansah. Es war nicht ihre eigene Angst, die sie lähmte, sondern die der liebenden Angehörigen. Ein Zwillingsbruder. Viel stand auf dem Spiel.

     Madeleine stellte eine Liste der Kräuter zusammen, die in ihr Gemach gebracht werden sollten, und fing dann an, die bereits zusammengetragenen Leinenbinden in den Kessel zu legen, der an einem Haken über dem neu entfachten Feuer hing. Diese unzählige Male verrichtete Arbeit beruhigte sie und nahm ihr etwas von ihrer Angst. Sie hätte jetzt überall sein können, in England, Schottland oder Frankreich. An irgendeinem Königshof oder in ihren eigenen Gemächern auf Heathwater. Vertraute Rituale, genau festgelegte Handgriffe. Die Kunst des Heilens ließ Gegenstände und Gesichter um sie herum verschwimmen, und sie konzentrierte sich nun ganz auf ihre Aufgabe.

Zwei Stunden später, als gerade das erste Licht eines neuen Tages in das Gemach fiel, wusste Madeleine, dass sie die Wunde nicht besser reinigen konnte. Kein noch so kleiner Schmutzfleck war mehr zu sehen, und trotzdem sträubte sich etwas in ihr, die Wunde zuzunähen.

     „Werdet Ihr sie jetzt schließen?“, fragte Donald.

     „Nein. Ich lasse sie lieber offen.“

     Um sie herum vernahm sie zorniges Murmeln. Natürlich würde es eine viel leichtere Entscheidung sein, die Wunde zu schließen, wie es erwartet wurde. Wenn Dougal ohnehin starb, waren die Regeln wenigstens eingehalten worden, sodass man ihr keine Schuld geben konnte. So jedoch war das Fleisch offen der schädigenden Luft ausgesetzt. Sie musste wohl zwischen zwei Übeln wählen. Aber welche Wahl war die richtige?

     Als Alexander Ullyot das Gemach betrat, hob sie den Kopf. Sie nahm den Duft von Rosenöl wahr, der seiner Kleidung anhaftete, und sie folgerte daraus, dass er die letzten Stunden in Gesellschaft einer Frau verbracht hatte. Wahrscheinlich der anschmiegsamen blonden Frau mit dem wohlgerundeten Busen, die so ganz anders war als sie selbst mit ihrer Unnahbarkeit und unbeugsamen Eigenständigkeit.

     „Was, zum Teufel, macht ihr hier?“ Damit meinte er nicht Madeleine, sondern vielmehr die Männer, die um das Bett herumstanden.

     „Das ist Dougal, Laird. Er ist bei der Jagd verletzt worden.“

     „Und ihr habt ihn hierher gebracht? Warum?“

     „Man sagt, sie hätte Euch das Leben gerettet, Sir. Und Hale verliert mehr Kranke als er heilt …“ Die Worte erstarben Donald auf den Lippen, als Laird Ullyot jetzt in den Schein der Fackeln trat.

     „Ist er schwer verletzt?“

     „Ja.“ Madeleine vermochte seinem Blick kaum standzuhalten.

     „Und nun werdet Ihr also die Wunde zunähen?“ Er hatte gemerkt, wie sie zögerte, und seine Stimme klang schroff.

     „Nein, das möchte ich nicht.“

     „Soll ich jemand anderen holen, der Eure Arbeit zu Ende bringt?“ Mit gerunzelter Stirn wandte er sich bereits ab, um zu rufen.

     „Nein.“ Er sah sie wieder an. „Ich meinte damit, dass ich lieber Luft an die Wunde kommen lassen möchte.“

     „Warum?“

     „Weil sie mit Pferdemist in Berührung gekommen ist, und meiner Erfahrung mit tiefen Wunden nach ist das sehr gefährlich. Im vergangenen Jahr habe ich zwei Männer verloren, nachdem ich ihre ähnlichen Wunden gesäubert und dann zugenäht hatte.“ Jetzt, wo sie die vernünftigen Gründe laut aussprach, fühlte sie sich plötzlich ganz sicher. Sie würde nicht nähen. Die Entscheidung war gefallen.

     „Sehr schön.“ Alexander achtete nicht auf die Stimmen hinter ihm, sondern begutachtete das Bein des jungen Mannes. „Wollen wir ihn überhaupt verbinden?“

     Wir.

     Madeleine atmete befreit auf. Wir. Ob es ihm bewusst war oder nicht, aber er hatte sie wieder beschützt, denn nun war es nicht mehr allein ihre Entscheidung, und man konnte sie später nicht mehr dafür belangen. Schon jetzt war das unwillige Murren hinter ihr verstummt, die zum Zerreißen angespannte Stimmung lockerte sich.

     „Ich werde sein Bein mit Leinen verbinden, Mylord“, erklärte sie. Sie zeigte auf die Tücher, die in dem heißen Knoblauchwasser im Kessel kochten. „Und ich benötige Holzschienen.“

     In kürzester Zeit wurde ihr das gewünschte Holz übergeben, und mit flinken, sicheren Bewegungen brachte Madeleine ihre Arbeit zu Ende. Als sie fertig war, legte sie dem Verletzten die Hand auf die Stirn. Gern hätte sie die Finger noch einmal auf das Bein gelegt und die Augen geschlossen, um zu spüren, ob Gefahr bestand, aber vor Alexander Ullyot konnte sie das nicht tun.

     Er forderte die anderen auf, den Raum zu verlassen, und als alle gegangen waren, reckte sie sich.

     „Befürchtet Ihr, er könnte sterben?“, erkundigte er sich besorgt.

     „Ich hoffe es nicht“, erwiderte sie und sah ihn an. An diesem Tag wirkte er weniger unnahbar, und selbst auf die Entfernung hin nahm sie den Geruch von Ale wahr, der von ihm ausging. „Aber ich weiß nicht, ob ich nicht doch vielleicht …“

     „Manchmal kann man die besten Entscheidungen nicht mit Vernunft begründen.“

     „Wenn Dougal stirbt, wird man sagen, ich hätte die Wunde schließen müssen“, sagte sie nach einer Weile des Schweigens.

     „Und wenn er es überlebt, wird man Euch mit Lob überschütten, weil Ihr es nicht getan habt.“

     Seine Sicherheit tat Madeleine unglaublich gut. Stärke, Sicherheit, Entschlusskraft. Plötzlich erkannte sie, was ihr auf Heathwater am meisten gefehlt hatte. „Danke“, sagte sie leise, doch als er leicht nickte, wusste sie, dass er sie dennoch gehört hatte. Im hellen Licht des neu anbrechenden Tages trat die Narbe in seinem Gesicht besonders deutlich hervor. Madeleine hatte den Eindruck, als wollte er sie noch etwas fragen. Plötzlich neigte er den Kopf zur Seite, und gleich darauf konnte auch sie die Stimmen draußen hören. Das unmittelbar bevorstehende Eintreffen anderer Leute schien seine Zunge zu lösen.

     „Wart Ihr die Heilerin auf Heathwater?“

     „Wenn Noel es mir erlaubte, was aber nicht allzu oft vorkam.“

     „Wer hat Euch die Kunst zu heilen beigebracht?“

     „Meine Mutter.“

     „Eleanor de Cargne?“

     Irgendetwas in seinem Blick flackerte flüchtig auf, und das bedrückte sie.

     „Sie war nicht so, wie die Leute immer behaupten.“ Madeleine biss sich auf die Zunge und versuchte, eine gelassene Miene aufzusetzen. Sie hatte die Worte nicht laut aussprechen wollen, und sie konnte sie jetzt nicht mehr zurücknehmen. Sie kam überhaupt nicht mehr dazu, etwas zu sagen, denn in diesem Augenblick klopfte es, und Quinlan betrat das Gemach. Sein Gesicht war unnatürlich gerötet.

     „Wir haben ein Problem, Laird.“ Sein Blick fiel auf Madeleine, und sie wusste sofort, dass es sich bei dem Problem nur um ihren Bruder handeln konnte.

Sie hätte sich denken können, dass Noel andere vorschicken würde, die für ihn Forderungen stellen sollten. Und ihr hätte auch klar sein müssen, dass diese Forderungen gespickt sein würden mit Heathwater-Lügen.

     „Sie ist verlobt mit Liam Williamson, dem Earl of Harrington“, schwadronierte Andrew Milward, der Abgesandte ihres Bruders, gerade weiter. „Keine Kirche wird die Gräueltat billigen, eine Frau aus ihrem eigenen Zuhause zu entführen.“

     Father O’Sullivan neben ihm nickte zustimmend und schlug das Kreuzzeichen. Madeleine hob den Kopf und sah ihm direkt in die Augen. Unter ihrem Blick vertiefte sich die Unmutsfalte auf seiner Stirn.

     „In nomine patris et filii et spiritus sancti …“ Das lateinische Schutzgebet entging den Ullyot-Leuten nicht. Ebenso wenig wie das seltsame, funkelnde Licht, das über dem Kopf von Lady Randwick tanzte. Es stammte von einer mit Juwelen besetzten Haarnadel, die in der Sonne glitzerte, wie sich später herausstellen sollte, doch zu dem Zeitpunkt erkannten die Krieger im Außenhof das nicht. Das Einzige, was ihnen auffiel, war die Art, wie sie dastand. Groß für eine Frau und aufrecht, ihr langes rotes Haar zu einem Zopf geflochten, der ihr bis zur Taille reichte. Auch fiel ihnen das Blut an ihrem Rocksaum auf und die dunklen Ringe unter ihren Augen, die sich so deutlich von ihrer hellen, zarten Haut abhoben.

     „Ich habe Anspruch erhoben auf Madeleine Randwick als Kriegsbeute. Wäre sie wirklich so bedeutend für Euch, wie Ihr uns glauben machen wollt, hättet Ihr sie gewiss nicht so leichtsinnig in der Nähe des Schlachtfelds herumlaufen lassen.“ Alexander stand mit dem Rücken zum Fenster, seine Miene war gegen das Licht kaum auszumachen. Draußen jagten Wolkenfetzen über einen Himmel, der Regen und Sturm ankündigte.

     „Sie tut, was sie will, Laird Ullyot. Sicher habt Ihr das inzwischen auch feststellen müssen. Sie ist starrköpfig und heißblütig, und ihr Bruder hat alle Hände voll zu tun, sie im Zaum zu halten.“ Milward lächelte, als hinter ihm ein Raunen ertönte, und er fuhr ermutigt fort: „Ich bin gekommen, um sie zurückzuholen, Laird Ullyot, und Euch dadurch ein Problem abzunehmen. Als Ihr sie mitnahmt, habt Ihr ganz bestimmt nicht erkannt, dass es sich bei ihr um Lady Randwick handelte.“

     Madeleine runzelte die Stirn. Es war sehr geschickt von Andrew Milward, einen diplomatischen Ausweg aus dieser peinlichen und gefährlichen Zwickmühle anzubieten. Mit Alexander Ullyots Antwort hatte sie allerdings nicht im Entferntesten gerechnet.

     „Richtet Noel Falstone aus, dass ich seine Schwester behalte. Und teilt Liam Williamson mit, dass ich meinen Anspruch auf seine Verlobte geltend gemacht habe.“

     „Und die Kirche? Wie wollt Ihr Euch der Kirche gegenüber rechtfertigen, Mylord?“ Die Stimme des Gesandten hatte ihre vornehme Höflichkeit verloren und klang in Madeleines Ohren wieder so vertraut bedrohlich, wie sie es von Heathwater her kannte.

     „Ich würde sagen – wenn Lady Randwick tatsächlich die Frau wäre, wie Ihr sie darstellt, dann müsste die Kirche doch eigentlich erfreut sein, dass ich ihr diese Last abnehme.“

     Lächelnd sah Madeleine zu Boden. Die Heathwater-Lügen waren säuberlich aufgedeckt worden, doch Milwards nächste Worte waren weitaus beunruhigender.

     „Und was ist mit diesem Vollstreckungsbefehl?“

     Er reichte Ullyot ein zusammengerolltes Pergament. Alexander brach das Wachssiegel und rollte das Pergament auf. Nach einer Weile richtete er den Blick auf Madeleine. „Könnt Ihr lesen?“

     „Ja.“ Überrascht und dankbar nahm sie das Schriftstück entgegen. Der Erlass besagte, dass sie auf der Stelle freigelassen werden sollte. Für den Fall einer Weigerung wurde eine hohe Strafe angedroht.

     „Kommt dieser Erlass unmittelbar aus Edinburgh?“ Alexander hatte gewartet, bis sie zu Ende gelesen hatte, ehe er sich wieder zu Wort meldete. Madeleine hielt den Atem an, denn es kreisten schon lange die Gerüchte, dass Alexander ein Bastard des Onkels des Königs von Schottland war.

     „Nein, Laird Ullyot, die Anordnung trägt das Siegel des Earl of Montcrieff.“ Die dünne Stimme des Gesandten von Heathwater zitterte etwas. Ohne Zweifel waren auch ihm die Gerüchte bekannt, auch wenn Ullyot selbst nie geltend gemacht hatte, dem Brucegeschlecht zu entstammen.

     „Montcrieff hat das Siegel ohne ausdrückliche Erlaubnis des Königs benutzt?“

     „Verzeihung, Mylord …?“

     „Ich spreche von der in dem Schriftstück ausgesprochenen Drohung. Einer Drohung Ashblane gegenüber?“

     Milwards Augen verdunkelten sich, als er endlich begriff, welche Gefahr in dieser Ehrenkränkung lauerte, und er suchte nach einem Weg, den Schaden für seine eigene Person so gering wie möglich zu halten. „Das Mädchen übt Hexerei aus, Laird! Vielleicht wollte Montcrieff Euch nur vor ihr beschützen!“

     „Beschützen! Großer Gott, da müsst Ihr jemandem ja gewaltig in die Quere gekommen sein, Lady Randwick!“, meinte Alexander Ullyot mit Unheil verkündender Stimme, und Madeleine sah, wie Andrew Milward rot anlief.

     „Das Weib ist eine Hure, Sir, man kann ihr nicht über den Weg trauen! Das wird Euch jeder bestätigen! Wahrscheinlich hat sie Euch längst verhext, wie schon so viele andere Männer vor Euch.“

     Seine eigenen unbestimmten Befürchtungen, laut ausgesprochen von diesem Mann, schürten Alexanders Zorn nur noch weiter. „Genug. Schweigt solange Ihr noch einen Kopf auf den Schultern habt, denn die fragwürdigen Einfälle eines Earls, der für seine Launenhaftigkeit berüchtigt ist, versetzen Euch wohl kaum in die Lage, Verhandlungen führen zu können. Quinlan wird Euch aus der Burg geleiten. Nein, Ihr bleibt, Lady Randwick“, fügte er hinzu, als sie Anstalten machte, den Männern zu folgen.

     Alexander führte sie zurück in den Bergfried und wartete, bis das Tor geschlossen war. „Ich würde gern erfahren, warum Montcrieff so um Euer Schicksal besorgt ist. War er Euer Liebhaber?“

     „Nein.“

     „Der Eurer Mutter?“

     „Ja.“

     „Ich verstehe.“ Er schenkte sich etwas Wein in einen Kelch. „Und warum möchte er Euch bei sich haben?“

     „Mit Feinden lässt es sich leichter umgehen, wenn man sie genau vor der Nase hat.“

     „Und als solchen sieht er Euch? Als einen Feind?“

     Sie zuckte die Achseln, sah ihm aber nicht in die Augen. „Jede nicht gerade oberflächliche Frau kann auf einen Mann wie ihn wie ein Feind wirken.“

     „Erst recht, wenn sich unter dieser Oberfläche Geheimnisse verbergen?“ Bei dieser Frage hob sie zögernd den Kopf. Alexander runzelte die Stirn. Aus der Nähe wirkten ihre Augen wie dunkler Bernstein. Sie war schön. Wahrscheinlich war sie sogar die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Und doch war sie so vielen Edelleuten sowohl am schottischen wie auch am englischen Königshof zu Willen gewesen. Er stellte den Kelch auf dem Tisch ab und grübelte darüber nach, welche Wirkung sie auf ihn ausübte.

     „Verdammt“, fluchte er leise und wandte sich ab. Wie kam er überhaupt dazu, irgendetwas in dieser Richtung zu denken? Am heutigen Tag hatte er sich mit der geballten Macht von Montcrieff und Falstone angelegt, um sie zu beschützen. Und darüber hinaus hatte er auch noch den Zorn der Kirche auf sich gezogen …

     Er musterte sie eindringlich. „Lady Randwick, wenn diese Geheimnisse, die Ihr bewahrt, auch nur einen einzigen Menschen hier auf Ashblane gefährden, dann wäre es klug von Euch, sie mir jetzt zu verraten.“

     Vor lauter Nervosität hätte sie beinahe laut gelacht. Einen Menschen? Ihre Geheimnisse konnten das ganze Land in eine Krise stürzen. Doch da Jemmies Leben auf dem Spiel stand, konnte sie nicht aufrichtig sein. „Es handelt sich um Geheimnisse, die meist flüsternd in der Glut der Leidenschaft ausgetauscht werden und die bei hellem Tageslicht für niemanden mehr von Belang sind.“ Eine eindeutige Lüge, aber sie war unbedingt notwendig.

     Sie wusste, dass er ihre Worte gehört hatte, trotzdem blieb er reglos am Fenster stehen. Ein Luftzug wehte ihm das Haar aus dem Nacken, und Madeleine konnte dort ein rotes Mal erkennen. Eines wie jene, die den Hals ihres Bruders bedeckt hatten, wenn er von einem Liebesabenteuer aus London zurückgekehrt war, und die Liam Williamson zur Weißglut gebracht hatten.

     Die Frau, bei der Alexander Ullyot vor Kurzem gelegen hatte, war also leidenschaftlich und heißblütig. Bei diesem Gedanken starrte sie zu Boden; die Vorstellung, wie die beiden sich lustvoll auf seinem breiten Bett gerekelt hatten, wühlte sie seltsam auf.

     Nach einer ganzen Weile begann er, wieder zu sprechen. „Erinnert Ihr Euch an einen Krieger, dem Ihr einmal geholfen habt? Er hatte drei Finger in einer Schlacht bei Heathwater verloren. Ein Mann mit flammender Haarmähne und dazu passendem Vollbart. Ja, ich sehe Euch an, dass Ihr Euch an ihn erinnert. Er gehörte zu unserem Clan, Jock Ullyot, und er verglich Euch mit einem Engel. ‚Ein Geschöpf des Himmels von grenzenloser Güte.‘ Das waren genau seine Worte, als er letzten Winter auf dem Sterbebett lag. Er sagte, er hätte Euch zwei Jahre zuvor absolute Verschwiegenheit schwören müssen. Das sei Euer Preis für seine Heilung gewesen, verriet er uns, kurz bevor er starb. Natürlich fragte ich mich, warum ein so religiöser Mann wie Jock seinen sicheren Platz im Himmel durch eine Lüge gefährdete, nur um eine englische Hure zu schützen? Und danach stellte sich mir die Frage, warum ausgerechnet eine Falstone überhaupt Kopf und Kragen riskieren sollte, um einen Ullyot zu heilen.“ Er kam auf sie zu und legte ihr einen Finger unter das Kinn. „Ja, ich dachte, eine Hure könnte sich einen willigen Liebhaber in größerem Ausmaß zunutze machen. Eine Hure würde sich an meinen Körper schmiegen und all ihre List aufwenden, mir Versprechen abzunehmen, die sie auf andere Art nie erhalten hätte. Und eine Hexe müsste nur einen Zauber wirken lassen, und die Männer lägen ihr zu Füßen. Ihr tut nichts von alldem, Mylady, und diese Tatsache macht mich zunehmend neugierig.“

     In seinen Augen spiegelten sich Verwirrung und noch ein anderes Gefühl, das sie aber nicht deuten konnte. Madeleine war froh, als er sie wieder losließ.

     Ein kraftvoller, gut aussehender Mann war dieser Alexander Ullyot. Und noch dazu einer mit einem scharfen Verstand. Diese Kombination konnte sie sich nicht leisten. Die königlichen Spione lauerten überall, und wenn das Gerücht aufkam, sie hätte freiwillig beim Laird of Ullyot gelegen, verwirkten sie möglicherweise beide ihr Leben. Sie hatte sich Feinde gemacht, die weit mehr Macht besaßen als ihr Bruder, und Montgrieffs Truppen waren verschwindend klein im Vergleich zu den vereinten Truppen derer, die David und Edward treu ergeben waren. Zwei mit Makeln behaftete Könige und eine ganze Reihe von Ratgebern, die allesamt von ihrer Mutter verführt worden waren. Geheimnisse, Lügen und getuschelte, streng vertrauliche Informationen. In Eleanors Armen konnte man alles sagen. Und man tat es auch.

     Seine Stimme holte sie aus ihren Grübeleien. „Was würde geschehen, wenn ich Euch nach Heathwater zurückschickte?“

     Madeleine versuchte, die Angst aus ihrem Blick zu verbannen, doch ihr war klar, dass Alexander sie dennoch gesehen hatte. „Dann wäre ich noch Ende dieser Woche vermählt.“

     „Mit wem?“

     „Mit Harrington, wenn Ihr mich nach Heathwater schickt. Mit irgendeinem einflussarmen, aber taktisch interessanten Edelmann, solltet Ihr mich an Davids Hof schicken, und mit dem Earl of Stainmore, würdet Ihr mich Edward ausliefern.“

     „Eine sehr begehrte Braut, nicht wahr? Sind alle drei Eure Liebhaber?“ Er packte grob ihre Handgelenke, als ihn plötzlich der Zorn übermannte.

     „Wahre Macht erhält man, wenn man an vielen Orten gleichzeitig ist, Laird Ullyot. Und darin bin ich gut. Aber da ich auch die Schwarze Witwe von Heathwater genannt werde, tätet Ihr gut daran, Euch von mir fernzuhalten.“

     Hätte er nicht ihren rasenden Puls gespürt und nicht die feinen Schweißtropfen auf ihrer Stirn bemerkt, wäre vielleicht alles ganz anders gekommen.

     Ehe er sich zurückhalten konnte, hatte er sich auch schon über sie gebeugt und küsste sie.

     Glut loderte auf, als er ihre Lippen in Besitz nahm, sie kostete und sie aufforderte, sich ihm zu öffnen. Madeleine verwob die Finger in seinem Haar, strich über die Narbe auf seiner Wange, und auf einmal war nichts mehr um sie herum, nur noch sinnliches Fühlen. Das Gefühl ihres Herzschlags, seines Körpers an ihrem eigenen, als er sie fester an sich zog, des sich in ihr unaufhaltsam ausbreitenden Verlangens. Sie fühlte seine Hände auf ihrem Rücken, seine Wärme, sein stummes, beinahe verzweifeltes Flehen nach mehr.

     Es war jedoch Alexander Ullyot, der den Kuss zuerst beendete, und er wirkte nicht gerade glücklich. „Großer Gott“, stieß er rau hervor. Er strich sich das Haar aus der Stirn und wich ein paar Schritte zurück. „Ich habe kein Bedürfnis nach Schauspielerei, Lady Randwick“, meinte er schließlich leise. „Ihr wisst, dass auf Ashblane, im Gegensatz zu Heathwater, Eure Sicherheit nicht an körperliche Gunstbeweise gekoppelt ist.“ Ohne ein weiteres Wort ging er davon.

     Sie war wie vom Blitz getroffen. Vorsichtig betastete sie ihre Lippen, die immer noch brannten von seinem Kuss. Erstaunen breitete sich in ihr aus.

     Er war der erste Mann, der ihr ohne Bedingungen Sicherheit anbot, und an seinem Kuss hatte sie gemerkt, dass er sie begehrte. Sehr sogar. Konnte sie es sich leisten, einem solchen Versprechen Glauben zu schenken? „Nein“, flüsterte sie streng zu sich selbst. „Fang gar nicht erst an zu hoffen.“ Das hatte sie schon so oft getan, und jedes Mal war sie enttäuscht worden. Jetzt wollte sie erst einmal nach Dougal sehen, und dann … dann würde sie sich überlegen, wie sie und Jemmie entkommen konnten.

     Schritte ertönten, und das Blut schoss ihr in die Wangen. Kehrte Alexander Ullyot zurück, um sich dieses Mal im Zorn zu nehmen, was er vorhin noch verschmäht hatte?

     Erleichtert stellte sie fest, dass es nur Jemmie war. Hinter ihr stand der ältere Mann, von dem sie mittlerweile wusste, dass er Hugo hieß.

     „Hugo sagt, er will mich mit zu den Pferden nehmen, denn da ist eine Stute, die jeden Moment ihr Fohlen bekommen kann, wahrscheinlich noch heute Nachmittag, wie der Stallmeister meint.“

     Madeleine runzelte die Stirn. Zwei Männer und ein Stall … War Jemmie dort sicher aufgehoben? „Und wann bringt Ihr ihn zurück?“, wandte sie sich an den Mann.

     „Ach, ich denke, in ein paar Stunden, Lady Randwick. Er ist noch zu klein, um ganze zwei Tage nur in der dunklen Kammer zu hocken, und der Laird möchte, dass er sich irgendwo nützlich macht. Warum also nicht in den Stallungen? Der Junge hat großes Interesse an den Pferden gezeigt, und Gillion, der Sohn des Lairds, kommt vielleicht auch. Sieht so aus, als hätte Euer Page Freundschaft mit dem armen kleinen Tropf geschlossen.“

     Jemmie sah sie mit leuchtenden Augen an. „Hugo hat gesagt, wenn ich mich gut mache, darf ich vielleicht morgens manchmal die Pferde bewegen und mit ihnen ausreiten …“

     „Nein.“ Selbst Madeleine konnte hören, wie schroff das geklungen hatte, und sie schlug einen sanfteren Tonfall an. „Du verlässt auf gar keinen Fall die Burg, Jemmie. Hier ist es sicherer. Wenn man dich draußen erwischt …“ Sie verstummte und versuchte, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Es war alles so gefährlich, und Hugo wartete. „Mir wäre es lieber, wenn sich mein Page innerhalb der Burgmauern von Ashblane aufhält“, begann sie, während sie gegen ihre Panik ankämpfte. „Ich möchte nicht, dass ihm irgendetwas zustößt. Pferdehufe können tödlich sein, Jemmie, also stell dich niemals hinter ein Pferd, und sieh zu, dass du keins erschreckst, denn dann schlagen sie leicht aus oder beißen oder …“

     Hugos verdutzte Miene ließ sie innehalten. „Ich werde mich persönlich um den Jungen kümmern. Ich gebe Euch mein Wort darauf.“

     „Vielen Dank.“

     Sie sah Jemmies ärgerlichen Blick. Pass auf dich auf, hätte sie am liebsten gerufen. Bleib nahe bei Hugo. Sprich mit niemandem. Halte den Blick gesenkt. Doch nichts von alldem konnte sie sagen. Sie konnte den beiden nur lächelnd nachsehen, während ihre Kehle wie zugeschnürt war.

     Madeleine ließ sich auf einen Stuhl mitten im Raum fallen und konzentrierte sich darauf, sich zu beruhigen. Sie hasste sich für ihre Schwäche, für ihre Abhängigkeit. Hatte sie vielleicht einen großen Fehler begangen bei der Einschätzung ihrer Lage? Konnte Jemmie überhaupt irgendwo wirklich sicher sein?

     Wenn die Geheimnisse, die Ihr bewahrt, auch nur einen einzigen Menschen hier auf Ashblane gefährden, dann wäre es klug von Euch, sie mir jetzt zu verraten.

     Wäre es besser gewesen? Hätte sie es tun sollen? Bisher hatte sie sich noch nie den Luxus leisten können, jemandem zu vertrauen, aber bei Alexander Ullyot war die Versuchung groß gewesen.

     Aber nicht groß genug.

     „Ach, Jemmie“, flüsterte sie in die Stille. „Ich weiß nicht, wo es für uns Sicherheit gibt, aber mit jedem Tag wird dein Gesicht meinem ähnlicher, und das muss irgendwann jemandem auffallen.“

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