Die schöne Heilerin - Kapitel 7

7. Kapitel

Dougal Ullyots Zustand hat sich verschlechtert, dachte Madeleine, als sie ihm ein Holzscheit zwischen die Kiefer schob und ihn fest darauf beißen ließ. Sie tat das, damit er sich nicht an seiner eigenen Zunge verschluckte. Bei der bereits einsetzenden Kiefersperre wäre es ihr später nicht mehr gelungen, die Zunge wieder nach vorn zu ziehen.

     Der Baldrian schien zu helfen, ebenso wie die Paste aus Knoblauch. Ihre selbst zusammengestellte Mischung aus Fenchelsamen und Salbei hielt zumindest das Fieber gesenkt, auch Honig und Essig trugen dazu bei. Dennoch war ihr klar, dass dies nicht ausreichte.

     Sie schickte den Wachposten nach draußen und verbarrikadierte die Tür mit einem Tisch. Anschließend legte sie Dougal die Hände auf die Brust. Der Herzschlag war jetzt schwächer und unregelmäßiger, das Delirium hatte bereits eingesetzt, und der junge Mann warf sich auf dem Bett hin und her in der verzweifelten Anstrengung, Luft zu bekommen.

     Madeleine schloss die Augen und stellte sich vor, wie das Blut aus seinem Herzen in ihr eigenes strömte, wie sich ihr starker, kräftiger Puls mit seinem schwachen vermischte. Der Druck gegen ihre Finger nahm zu, ebenso wie das Rauschen in ihren Ohren. Am nächsten Tag würde sie Kopfschmerzen haben, trotzdem machte sie weiter.

     Gleichklang und Stetigkeit. Sein Atem ging ruhiger, sein erhitzter Körper entspannte sich unter dem steten Druck. Die leuchtende Aura um ihn herum nahm an Helligkeit zu, und Madeleine spürte, wie Bewegung in das Schwarz kam, wie es sich dunkelrot färbte und schließlich auflöste. Dennoch hielt sie den Mittelfinger weiterhin fest auf seinen rechten Lungenflügel gedrückt; die Mittagssonne schien ihr nun direkt ins Gesicht. Der Schweiß rann ihr in Strömen von der Stirn, und der Atem des Jungen ging jetzt leichter als ihr eigener. Trübes Rot, lähmende Starre. Sie rang nach Luft und versuchte mit aller Kraft, die fest verschlungenen Bande zu lösen, die sie beide aneinander gefesselt hielten. Sie biss sich auf die Unterlippe, schmeckte Blut, und endlich gelang es ihr, den Hautkontakt mit Dougal Ullyot zu lösen. Sie sank zu Boden.

     Als sie einen Moment später zu sich kam, sah sie, wie er sie voller Erstaunen und Fassungslosigkeit anstarrte.

     „Wer seid Ihr?“, fragte er heiser, und sie wusste, dass er Durst hatte, doch noch hatte sie nicht wieder die Kraft, den Tonkrug neben seinem Bett anzuheben.

     „Madeleine Randwick.“

     „Die Schwarze Witwe von Heathwater?“ Furcht und Unsicherheit breiteten sich auf seinen Zügen aus.

     „So werde ich genannt.“

     „Eure Heilung eben …“, stammelte er, und Madeleine schluckte. Wie lange war er schon wieder bei Bewusstsein? Solche Fehler unterliefen ihr selten. „Ich … ich habe Euch in meinem Innern gespürt.“

     Sie musste lachen und erhob sich mühsam. „Das Delirium hängt mit dem Fieber zusammen“, erklärte sie ruhig und sammelte ihre Pulver ein. „Jetzt müsst Ihr schlafen.“ Der Aufguss aus Kamille und Baldrian, den sie ihm einflößte, war sehr stark. Ob er sich am kommenden Tag noch an alles würde erinnern können? Hoffentlich nicht. Das Gemach verschwamm bereits vor ihren Augen und wurde von dem vertrauten orangeroten Nebel verschlungen. Noch im Fallen war Madeleine dankbar für den rauen, aber dicken Läufer auf dem Fußboden und den wärmenden Sonnenschein auf ihrem Rücken.

Als die Tür aufgestoßen wurde und der Eichentisch dabei über den Boden schabte, schrak Madeleine zusammen. In der einsetzenden Abenddämmerung sah sie Alexander Ullyots Gesicht ganz dicht vor sich.

     „Was geht hier vor?“, erkundigte er sich schroff und berührte mit einem Finger den Tropfen auf ihrer Unterlippe. Madeleine sah Blut, als er die Hand zurückzog. „Warum wurde die Tür verrammelt und verriegelt? Und was ist mit Eurem Gesicht passiert? Dougal?“ In der gefährlich leise gestellten Frage schwang unüberhörbar ein Vorwurf mit.

     Der junge Mann auf dem Bett setzte sich hustend auf, und seine Wangen glühten vor Verlegenheit. „Ihr wurde ganz plötzlich schlecht, Laird, und dann ist sie zusammengebrochen.“

     „Und du hast sie hier einfach auf dem Boden liegen gelassen?“ Es war ganz offensichtlich, dass er Dougal nicht glaubte, und der junge Mann sah ihn voller Unbehagen an.

     „Ich konnte mich nicht aus dem Bett bewegen, Sir.“ Er schwang die Beine über die Bettkante und stand auf.

     „Und doch scheint es dir jetzt nicht die geringste Mühe zu bereiten.“

     Dougal errötete noch mehr.

     „Steht auf, Madeleine.“ Alexander Ullyots Stimme klang ganz nah an ihrem Ohr, als er sich wieder zu Madeleine beugte und sie hochzog.

     Sofort musste sie sich an die Wand hinter sich lehnen, um ihr Gleichgewicht halten zu können. Durch heftiges Schütteln des Kopfes versuchte sie, den Nebel vor ihren Augen zu vertreiben. Alexander war außer sich vor Zorn. Sie merkte es an seinem Augenausdruck und an der angespannten Stimmung im Raum. Doch dann streckte er völlig unerwartet den Arm aus, um sie zu stützen. Ohne nachzudenken, schmiegte sie sich an ihn. Dabei sah sie ihm für einen Moment in die Augen und entdeckte in seinem Blick etwas, was sie noch nie zuvor bei einem Mann wahrgenommen hatte.

     Sorge.

     Sie war eher gierige Lust oder Erschrockenheit gewohnt, wenn Männer plötzlich einer Frau gegenüberstanden, von der es hieß, sie wäre eine Hexe. Diese Empfindungen hatten sich ihr ganzes Leben lang auf einer endlosen Reihe von Gesichtern widergespiegelt. Auf Noels. Auf Harringtons. An Edwards Hof. Auf den Gesichtern der Krieger auf Heathwater und der Gefolgsmänner auf Ashblane. Nur ein von anderen Leuten völlig abgeschiedenes Leben hatte ihr Sicherheit verschafft. Sie war niemals zugegen gewesen, wenn die Legenden über ihre Hexenkünste die Runde in den beiden Königreichen gemacht und jeden abgeschreckt hatten, der ihr zuvor mit einiger Freundlichkeit begegnet war.

     Aber an diesem Morgen … Hatte Alexander ihr nicht das Leben gerettet und damit sein eigenes in Gefahr gebracht? Warum sollte er ihretwegen so viele Risiken eingehen? Das alles ergab einfach keinen Sinn. Sie wollte gerade etwas sagen, als er sie plötzlich mit grimmiger Miene auf die Arme hob.

     „Nein, Sir!“ Das war Dougals erschrockene Stimme. Madeleine öffnete die Augen und versuchte, klarer zu sehen. „Lady Randwick ist nicht so, wie alle glauben. Sie ist eine gute Hexe, keine böse!“ Flehend legte er eine Hand auf Alexanders Arm.

     „Eine Hexe? Warum?“, fragte Alexander barsch nach.

     Ein verwirrter Blick aus großen blauen Augen fiel auf Madeleine. „Ich glaube nicht … Ich weiß nicht …“, stammelte Dougal und wich zurück. Die roten Ränder um die Iris seiner Augen waren jetzt deutlicher zu erkennen.

     „Leg dich wieder ins Bett, Junge.“ Alexanders Stimme klang freundlicher. „Und sei unbesorgt, morgen wird Lady Randwick wieder nach dir sehen.“

     Draußen vor dem Gemach war es eiskalt, und Madeleine zitterte am ganzen Leib, als sich ihr Blick trübte und alles um sie herum grau wurde.

     „Mir … ist … so … furchtbar kalt“, brachte sie mühsam über die Lippen.

     „Ich weiß, Mädchen.“ Alexander stieg mit ihr eine breite, steile Treppe empor. Überall standen Wachen herum.

     In dem Gemach, in das er sie brachte, stand ein riesiges Bett. Gedämpftes Licht fiel auf den Überwurf aus Zobelfellen. Das Gemach eines Mannes. Nichts verriet die Anwesenheit einer Frau in diesem Raum. Er war sauber, nur mit dem Nötigsten ausgestattet und ohne jeden Zierrat, bis auf ein paar Schwerter in einem Holzgestell in der einen Ecke und ein Banner in Rot und Gold, auf dem das Motto des Ullyot-Clans zu lesen war. Soyez sage. Seid weise. Plötzlich war Madeleines Kehle wie zugeschnürt.

     „Wessen Gemach ist das?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort längst kannte.

     „Meins.“

     Ärger regte sich in ihr. Seid weise. Wie denn? In dieser Nacht konnte sie sich nicht schützen, denn ihre magischen Kräfte waren zu sehr geschwächt.

     „Entspannt Euch, Lady Randwick“, tadelte er und zog den Fellüberwurf fort, ehe er sie mitten auf das Bett legte. „Ich wünsche mir eine warme, willige Frau. Nicht eine, die nach einer Hexerei halb tot ist.“

     „Dougal wird überleben!“ Sie griff eindringlich nach seinem Arm.

     „Ich weiß, aber werdet Ihr es auch?“ Er setzte sich zu ihr und betrachtete sie prüfend. „Passiert das jedes Mal?“

     „Nein.“

     „Warum dann eben?“

     Vor Erschöpfung ließ sie jede Vorsicht fallen. „Wegen … des Silbers, das Euch umgibt.“ Sie merkte selbst, wie undeutlich sie redete. Ihr Herzschlag ging unregelmäßig.

     „Madeleine!“ Als sie die Augen aufschlug, sah sie das Entsetzen auf seinen Zügen.

     „Mir ist so furchtbar kalt“, flüsterte sie erneut. Finger aus Eis schienen sich in ihr Fleisch zu graben. Plötzlich konnte sie kaum noch die Kraft zum Luftholen finden.

     „Großer Gott, Madeleine! Atmet!“ Seine Stimme klang rau und drängend. Madeleine versuchte, sich darauf zu konzentrieren, aber um sie herum war alles schwarz, und es fiel ihr zu schwer. Doch dann regte sie auf einmal ein Gefühl der Wärme an ihrem ganzen Körper, vom Kopf bis zu den Füßen. Feuer und Silber hüllten sie ein und vertrieben die Benommenheit. Seufzend gab sie sich entspannt dieser Wärme hin und tastete mit der Hand über feste, straffe Haut. Der Duft nach Seife, Leder und Rauch war ungemein beruhigend, er schenkte ihr das Gefühl, vollkommen in Sicherheit zu sein. Sie lächelte, als sich ihre Lungen wieder mit Luft füllten, dann übermannte sie der Schlaf.

Er saß neben ihr und verfluchte alles, was um ihn herum geschah. Ihren verhassten Bruder und seine Ansprüche auf Ashblane, Harringtons Mal, das Madeleine als sein Eigentum kennzeichnete, und Dougals Geschwätz über Hexerei. Er spürte den leisen Hauch ihres Atems auf der nackten Haut seiner Brust. Verflucht sollte auch sie sein. Und Ian, weil er gestorben war. Ein Fluch auf Edward, weil er sie als Hure darstellte, und ein Fluch auf die Selbstgerechtigkeit einer Kirche, die sich in alles einmischte. Die letzten Sonnenstrahlen fielen auf den Siegelring an seiner Hand, und Alexander betrachtete ihn nachdenklich. Er wusste, er konnte nicht gegen alle ankämpfen, aber Madeleine so einfach aufgeben …?

     Die Dämmerung wich der einbrechenden Nacht, und in der Ferne konnte er das Heulen des kalten Nordwinds hören, der von den Höhen der Cheviots herabblies. Großer Gott, was tat er nur? Ashblane. Sein Zuhause. Seine Leute. Sein Land. Madeleine Randwick brachte alles in Gefahr, und ein Aufstand hatte stets seinen Preis. Er schüttelte den Kopf und sog ihren Duft ein. Fenchel, Schwarzwurz und Salbei … Er musste unwillkürlich lächeln. Das waren alles Kräuter aus dem Küchengarten und kaum die teuren Duftöle einer Dirne. Sie war auch keine Hexe, sondern vielmehr eine Frau, die von ihr körperlich überlegenen Männern auf das Schlimmste ausgenutzt worden war. Und sie war keine Falstone in dem Sinn, wie ihr Bruder einer war, sondern ein mitfühlender Mensch. Dougals Bein, sein eigener Arm und ihr ruhiger, höflicher Umgang mit den Leuten auf seiner Burg. Ja, wenn sie ein zänkisches Weib gewesen wäre, hätte er sich viel leichter getan. Aber das war sie nicht.

     Das war sie nicht.

     Er rückte von ihr ab, stand auf und deckte sie mit den Zobelfellen warm zu. Die Farbe war bereits in ihr Gesicht zurückgekehrt, und auch ihre Lippen hatten den bläulichen Schimmer verloren.

     Eine Heilerin, die beim Heilen ihr eigenes Leben aufs Spiel setzte? Eine Hure mit dem Gewissen einer Heiligen? Madeleine Randwick war ein Rätsel, ein Widerspruch in sich, und als er jetzt so auf sie herabsah, wirkte sie ganz und gar nicht wie die Ränke schmiedende Hexe, als die man sie so gern darstellte.

     Andererseits – hatte sie ihm nicht von ihrer Neigung erzählt, ihre Gunst gern an vielen Orten gleichzeitig zu verteilen? Und hatte sie nicht selbst zugegeben, Lucien Randwick ermordet zu haben?

     Mit grimmiger Miene legte er wieder sein Schwert an und versuchte, sich nichts von seinen Gedanken anmerken zu lassen, als die Wirtschafterin mit ein paar zusätzlichen Kissen das Gemach betrat.

     „Soll ich Ewan bitten, sie wieder in ihr eigenes Gemach zu bringen, Laird?“

     Er antwortete, ohne zu zögern. „Nein, lass sie ruhig hier. Ich schlafe in der Kammer nebenan.“

     „Gut, dann sorge ich dafür, dass dort das Bett hergerichtet wird.“ Mrs Sim blieb eine Weile am Fußende des Bettes stehen und betrachtete Madeleine. „Sie ist ein zartes Ding für ihre Größe und ein viel zu hübsches, gutes Mädchen, um sie einfach hinauszuwerfen.“

     Er runzelte die Stirn über den Tonfall seiner Wirtschafterin, er schien ihm mehr Interesse an Madeleine zu unterstellen, als er eigentlich zugeben wollte. „Sie ist die Schwarze Witwe von Heathwater.“

     „Das mag vielleicht so sein, obwohl sie mir eher viel zu jung vorkommt, um all die schrecklichen Sachen getan haben zu können, die man ihr vorwirft. Und Jock meinte einmal …“

     „Genug!“ Mit einem letzten Blick auf Madeleine verließ er das Gemach.

Er lief zum See und ließ sich dort im Farn am Ufer nieder. Eine Weile hob er Steine auf und ließ sie über die dunkle Wasseroberfläche springen. Als er keine Steine mehr fand, hielt er seine Handflächen ins Mondlicht und betrachtete sie nachdenklich.

     Er war immer ein Krieger gewesen. So viele Jahre hatte er getötet, gekämpft und verletzt, bis der Tod und das Sterben das Einzige waren, was ihm im Leben blieb. Das Einzige, worauf er sich wirklich verstand. Er senkte den Kopf und fuhr sich durch das Haar bis hinunter zum Nacken, wo die Muskeln schmerzhaft verspannt waren.

     So lange Zeit war er nun schon allein, trug die Verantwortung für den Ullyot-Clan und sorgte dafür, dass Ashblane eine unbezwingbare und mit allem ausgestattete Burg war. Er dachte daran, welchen Frieden und welche Zuflucht er nach seiner Rückkehr aus Ägypten in diesen Bergen gefunden hatte. Ein Zuhause. Sein erstes richtiges Zuhause. Er erinnerte sich noch an die Angst, die er als hin und her geschobenes Kind inmitten der Vetternwirtschaft am schottischen Hof empfunden hatte, er, ein Bastard des außerehelichen Bruders von Robert the Bruce. Wenn er nun Madeleine Randwick Zuflucht gewährte, verdammte er dann unwillkürlich Ashblane zum Untergang?

     „Ifrinn.“ Er fluchte auf Gälisch in die Nacht hinaus und schloss die Augen, hin und her gerissen zwischen seiner Pflicht und einem ganz anderen Gefühl. Und er wurde zornig, denn er wusste genau, dass die Pflicht den Vorrang haben musste. Gillion. Katherine. Quinlan. Sechshundert Familien, die nun schon seit fast zehn Jahren von ihm abhängig waren. Er hatte gar keine andere Wahl. Er musste einen Weg finden, um Madeleine in Sicherheit zu bringen und sie aus seinem Leben verschwinden zu lassen. Und dann würde er sie vergessen, das schwor er sich im Namen des Herrn und des Heiligen Geistes. Schließlich gab es immer noch Isabella Simpson, und die hatte eine prachtvolle Figur und war stets willig.

     Aber sie war nicht so stark wie Madeleine, nicht so unabhängig und so selbstbewusst. Nach jahrelanger Suche nach anderen Eigenschaften bei einer Frau fand er diese Züge auf einmal äußerst anziehend. Mehr als anziehend, sagte er zu sich selbst und spürte, wie ihn allein der Gedanke an Madeleine erregte. Wütend legte er seinen Tartan ab und sprang kopfüber in das eisige Wasser.

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