Dir verzeih ich alles - 4. Kapitel

4. KAPITEL

"Ich will aber mitkommen", beharrte Lucy trotzig.

     Cage schüttelte den Kopf. "Diesmal nicht."

     "Warum nicht? Ich will Grandma sehen."

     Er wünschte, Belle würde nicht an der Spüle stehen und das Frühstücksgeschirr abwaschen. Er wünschte, sie würde aufhören, Dinge zu tun, für die er sie nicht bezahlte. Seit drei Tagen wohnte sie nun unter seinem Dach. Er hatte ihr bereits verboten, Staub zu wischen und Fußböden zu schrubben, auch wenn es nötig sein mochte. Er wollte nicht, dass sie hilfsbereit war – höchstens zu seinen Bedingungen. "Ich nehme dich ein andermal mit."

     "Wann denn?"

     "Warte noch ein paar Wochen."

     Lucy schmollte. "Aber ich habe sie den ganzen Sommer nicht gesehen."

     "Und es hat sich nichts geändert", entgegnete er schroff. Dann räumte er ein: "Vielleicht am Wochenende. Wenn Miss Day frei hat."

     Das schien Lucy zu besänftigen. Sie reckte ihm die Arme entgegen, und automatisch wollte er sie vom Küchenstuhl in den Rollstuhl heben. Doch als er einen warnenden Blick von Belle auffing, griff er stattdessen zu den Gehstützen, die an der Wand lehnten.

     Lucy machte einen Schmollmund. "Bitte, Dad!"

     Sanft warf Belle ein: "Wir haben doch gestern darüber gesprochen."

     Widerwillig nahm Lucy die Stützen und ließ sich auf die Füße helfen. "Sie hat mir gesagt, dass ich nicht gegen dich rebellieren soll, weil du ein Softie bist und dich nicht gegen mich durchsetzen kannst", wandte sie sich an ihren Vater. Mit einem trotzigen Blick zu Belle humpelte sie unbeholfen aus der Küche.

     Errötend wandte Belle sich hastig wieder dem Abwasch zu.

     Cage schenkte sich eine Tasse von dem aromatisch duftenden Kaffee ein, den sie gekocht hatte, und musterte sie stumm. Sie trug wieder eine dieser dünnen, engen Hosen, die "Jazzpants" genannt wurden. Das wusste er, seit er im letzten Winter ein paar für Lucys Tanzunterricht hatte kaufen müssen.

     Diesmal war Belles Hose tomatenrot. Ihr ärmelloses Top hatte die gleiche Farbe, umschmiegte aufreizend ihre Brüste und war bis zum Hals geschlossen.

     Sie konnte nicht viel älter als Lucy gewesen sein, als sich der Unfall ereignet hatte. Wie lange mochte ihre Genesung gedauert haben?

     Hastig trank er seinen Kaffee aus. Das Wissen, dass sie damals verletzt worden war, änderte nichts an der Tatsache, dass ihr Vater seinen Dad auf dem Highway Richtung Cheyenne getötet hatte.

     Abrupt stellte er den Becher auf den Tisch. "Softie?"

     "Das sollte sie Ihnen nicht sagen."

     "Sie ist noch jung. Sie muss die Kunst der Diskretion erst erlernen."

     "Lucy hat viele andere Dinge gelernt. Sie brauchen nicht zu befürchten, dass es sie zu sehr mitnimmt, Sie nach Cheyenne zu begleiten. Dem ist sie gewachsen."

     "Ich muss geschäftlich hin." Es ging um private Geschäfte, die er nicht einmal Lucy anvertrauen wollte. "Vermutlich werde ich erst spät zurück sein."

     Belle wirkte nicht gerade begeistert.

     "Ich sagte doch, dass ich jederzeit Emmy Johannson kommen lassen kann, damit sie auf Lucy aufpasst", bot Cage an.

     "Und ich habe Ihnen gesagt, dass es albern wäre, da ich sowieso hier bin. Wollen Sie jetzt, da Lucy außer Hörweite ist, die Diskussion von vorhin fortsetzen?" Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu und trocknete übertrieben gründlich einen Teller ab. "Ich werde bestimmt nicht Däumchen drehen zwischen dem Training und dem Unterricht. Aber darauf wollte ich eigentlich gar nicht hinaus. Haben Sie noch nicht gemerkt, dass Lucy einfach nur Ihre Gesellschaft sucht?"

     "Sie will meine Mutter sehen. Und damit Ende der Diskussion."

     Sie zuckte die Schultern und wandte sich dem Geschirr zu, und Cage verfluchte wieder einmal die Ereignisse, die ihn veranlasst hatten, sie ins Haus zu holen. Und das erinnerte ihn daran, warum er heute nach Cheyenne fahren musste.

     Er stand auf und nahm seinen Hut vom Haken. "Lucy hat meine Handynummer", sagte er und verließ die Küche. Er glaubte, Belle murmeln zu hören: "Fahren Sie vorsichtig", aber er war sich nicht sicher.

     Lucy war im Badezimmer, als er sich verabschieden ging. Er klopfte an und rief: "Sei brav!"

     Sie riss die Tür auf und stützte sich schwer auf die Krücken. "Mir bleibt wohl nichts anderes übrig", schmollte sie. "Du lässt mich ja nicht mehr zu den Pferden."

     "Wenn ich sicher sein kann, dass du nicht mehr zu diesem einen Pferd gehst, werde ich es mir überlegen."

     "Satin darf ich wohl nie wieder reiten, oder?"

     Es war ein altes Thema, über das er einfach nicht reden wollte. "Vergiss bitte nicht, Strudel zu füttern. Und mach deine Übungen."

     "Ich hasse sie. Sie tun weh. Und sie sind langweilig."

     "Es tut mir leid, dass sie dir wehtun. Aber ob sie langweilig sind, ist mir egal. Sie sind nötig."

     Lucy presste die Lippen zusammen und verdrehte entnervt die Augen. Dann verflog ihr Trotz von einer Sekunde auf die andere, und sie schaute ihren Vater flehend an. "Warum darf ich heute nicht mitkommen?"

     Verdammt, er war wirklich ein Softie, was sie anging. Aber diesmal musste er hart bleiben. "Ist es ein Problem für dich, den Tag mit Miss Day zu verbringen?"

     Erneut verdrehte Lucy die Augen. "Oh, Dad, sie heißt Belle. Und ich habe kein Problem mit ihr. Jedenfalls nicht wie du."

     "Ich habe ebenfalls kein Problem mit Miss Day."

     "Ach, deswegen guckst du sie immer so komisch an! Du solltest einfach mal mit ihr ausgehen oder so."

     "Ich will nicht mit Miss Day ausgehen", versicherte er ruhig. Er zog seine Tochter sanft am Zopf und küsste sie auf die Wange. "Also, sei brav."

     "Grüß Grandma von mir."

     Er nickte und ging. Falls er überhaupt schaffte, das Pflegeheim aufzusuchen, wollte er den Gruß weitergeben. Aber er wusste, dass er keine Reaktion darauf erhalten würde. Und das war der Grund, weshalb er nie im Leben mit Miss Day ausgehen wollte.

"Warst du schon mal verliebt?"

     Überrascht blickte Belle auf. "Ist der Krampf weg?"

     Lucy bewegte vorsichtig die Zehen und nickte.

     Es war Abend geworden, und sie saßen in der Scheune. Cage war noch nicht aus Cheyenne zurück.

     Belle wischte sich mit einem Handtuch das Massageöl von den Händen. "Ja."

     "In wen?"

     "Howie Bloom."

     "Howie?"

     "Wir waren zusammen in der zweiten Klasse. Ich dachte, er wäre der Richtige für mich, aber er dachte, Nikki wäre die Richtige für ihn."

     "Und? Sind die beiden zusammen gegangen?"

     "Nein. Nikki hat ihn in die Wüste geschickt. Sie hätte niemals in meinem Territorium gewildert."

     "Ich hätte auch gern eine Schwester", erklärte Lucy mit einem theatralischen Seufzer. Sie ließ sich auf die blaue Matte fallen, breitete die Arme aus und bewegte sie langsam auf und ab.

     Ob sie wohl merkt, dass sie auch beide Beine bewegt?

     Nicht zum ersten Mal fiel Belle auf, dass Lucy unbewusst das verletzte Bein einsetzte.

     "Aber ich bin ganz allein mit Dad", lamentierte Lucy. "Ich glaube, er braucht eine Frau. Vielleicht würde er mich dann nicht dauernd nerven."

     "Wenn er gern eine Beziehung hätte, würde er sich bestimmt nicht davon abhalten lassen."

     "Kann sein. Er hätte mit Anyas Mom ausgehen können. Aber sie hat sich mit Mr. Pope verlobt. Dabei ist Dad viel toller als der."

     Larry Pope war Lehrer an der Highschool und ein sehr netter Mann, soweit Belle das beurteilen konnte. Sie bezweifelte ernsthaft, dass irgendjemand in Weaver ihn hinter seinem Rücken "Ungeheuer" nannte. Aber in punkto Attraktivität konnte er Cage nicht das Wasser reichen.

     "Dann wären Anya und ich Schwestern. Aber Dad guckt Mrs. Johannson nie so an, als ob … Na ja, du weißt schon."

     "Und Anya ist gerade zu Besuch bei ihrem Vater?"

     Lucy nickte niedergeschlagen. "Noch bis nächsten Monat."

     "Komm, lass uns Popcorn machen und Videos gucken." Vielleicht gab es in Lucys umfangreicher Sammlung ja einen Spielfilm, der Belle von der brennenden Frage ablenkte, welchen Typ Frau Cage so anguckte, als ob …

Als Cage schließlich nach Mitternacht nach Hause kam, bedeutete ihm das bläuliche Flimmern hinter dem Wohnzimmerfenster, dass der Fernseher lief.

     Er parkte den Wagen vor der Hintertür, nahm den dicken Umschlag vom Beifahrersitz und ging ins Haus. Stimmen und laute Musik ertönten aus dem Fernsehgerät. Der Duft von gebuttertem Popcorn wehte ihm entgegen. Auf dem Tisch standen zwei Schüsseln – eine leer, die andere halb voll.

     Lucy lag unter ihrer pinkfarbenen Lieblingsdecke auf dem Sofa, mit den Beinen auf Belles Schoß. Sie rührte sich nicht, und er sah, dass sie eingeschlafen war.

     "War Ihre Fahrt erfolgreich?", fragte Belle leise.

     Flüchtig blickte er sie an und registrierte, dass sie einen weißen Bademantel trug, der am Hals offen stand. "Einigermaßen." Die Verhandlungen hatten ihm zumindest eine kleine Atempause eingebracht. "Die Stadt wirkt von Mal zu Mal lebhafter, wenn ich hinkomme. Bestimmt können Sie es nicht erwarten, wieder zurückzugehen."

     "Ich werde es hier schon überleben."

     Wahrscheinlich fühlt sie sich hier wie am Ende der Welt, dachte er trotzdem. "Wie lange schläft Lucy schon?"

     "Seit Arielle ihre Beine gekriegt hat."

     Er blickte zum Fernseher. Die kleine Meerjungfrau war seit vielen Jahren Lucys Lieblingsfilm von Walt Disney. "Sie hat dieses Video, seit sie fünf war, und sie ist bisher immer dabei eingeschlafen."

     "Dazu kommt noch, dass sie heute sehr hart trainiert hat."

     "Und was ist mit Ihnen? Sie haben mir doch gesagt, dass Sie alle Übungen mitmachen."

     "Schon, aber ich bin ja auch nicht durch eine Verletzung behindert wie Lucy zurzeit."

     Cage legte den Umschlag auf den Tisch und beugte sich über die Couch. Belle hielt unwillkürlich die Luft an, seine Nähe machte sie ganz schwindelig. Ihm schien nicht bewusst zu sein, dass er ihren Oberschenkel streifte, als er die Arme unter seine Tochter schob und sie mitsamt der Decke hochhob.

     Rasch raffte Belle den Bademantel über den Beinen zusammen. Doch sie hätte sich keine Sorgen darüber zu machen brauchen, was in Cage vorgehen mochte, denn schon verschwand er mit Lucy in ihrem Zimmer.

     Belle schaltete den Fernseher ab und sammelte gerade das verstreute Popcorn vom Tisch, als Cage zurückkehrte. "Ist sie aufgewacht?"

     Er schüttelte den Kopf und nahm hastig den Umschlag vom Tisch, bevor sie danach greifen konnte. "Wenn sie nicht gerade einen Albtraum hat, muss schon eine Katastrophe eintreten, damit sie mitten in der Nacht aufwacht."

     Belle glaubte, einen Anflug von Kritik in seiner Stimme zu hören. Aber über Lucys Schlafenszeiten hatten sie bis jetzt nicht gesprochen. Daher konnte sie aufrichtig behaupten, nicht gegen eine seiner Vorschriften verstoßen zu haben. Ebenso aufrichtig konnte sie sich eingestehen, dass es ihr plötzlich viel zu intim erschien, zu so später Stunde bei gedämpftem Licht mit ihm zusammen zu sein. Wie er so gern betonte, war sie da, um einen Job zu erledigen. Das beinhaltete allerdings keine Spekulationen über den Umschlag mit der Aufschrift eines Rechtsanwalts aus Cheyenne.

     "Es ist tatsächlich mitten in der Nacht." Sie hob die Hände mit den Popcornkrümeln. "Ich werfe das hier noch schnell in den Müll." Sie wartete verlegen darauf, dass er zur Seite ging, denn er versperrte ihr den Weg in die Küche. Als er es endlich tat, eilte sie an ihm vorbei und entsorgte den Abfall. Anschließend wollte sie die Schüsseln vom Couchtisch holen, doch Cage kam ihr zuvor. Er reichte ihr die leere Schale, griff in die andere und steckte sich eine Hand voll in den Mund.

     "Zum Glück hat Lucy diesmal nicht so viel Parmesan draufgestreut wie sonst", murmelte er. "Es ist ausnahmsweise essbar."

     Belle lächelte vage und verschwieg, dass sie das Popcorn gemacht hatte, nicht Lucy. Auch wenn er nicht darauf zu achten schien, dass sie nur einen Bademantel trug, machte ihr legerer Aufzug sie verlegen. "Tja, nun, Gute Nacht", wünschte sie und wandte sich ab.

     "Belle?"

     Warum erinnert er sich nur nachts an meinen Vornamen?

     "Ja?"

     "Danke, dass Sie auf Lucy aufgepasst haben."

     Überrascht sagte sie: "Keine Ursache."

     Er nickte flüchtig, während er das restliche Popcorn verschlang, als wäre er am Verhungern.

     "Haben Sie nicht zu Abend gegessen?"

     Er lehnte sich an den Schrank. "Das schmeckt gut."

     "Im Kühlschrank stehen noch Reste vom Dinner. Ich habe eine Art Hackbraten gemacht", fuhr sie fort. "Lucy hat gesagt, dass es ihr Lieblingsgericht ist. Ich habe das Rezept aus der Schachtel im Küchenschrank." Sie hatte lange gezögert, bis sie gewagt hatte, die Metallschachtel zu öffnen, die voll gestopft war mit vergilbten Zeitungsausschnitten und sauber handgeschriebenen Karteikarten mit Rezepten. Es passte zu all den anderen veralteten, aber heimeligen Dingen im Haus.

     "Die Schachtel stammt von meiner Mutter."

     Genau das hatte Belle vermutet, und deshalb hatte sie gezögert. "Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich das Rezept nachgekocht habe. Es besteht aus Hackfleisch, Karotten, Kartoffeln und …"

     "Ja." Er stellte die Schüssel auf den Schrank und musterte Belle mit unergründlicher Miene. "Meine Mutter hat es auch immer für uns gekocht. Es war das Lieblingsgericht meines Vaters."

     Wirkungsvoller hätte er das Gespräch nicht beenden können. "Es ist noch genügend für Sie übrig", sagte sie und ging dann weiter zur Treppe.

     Oben in ihrem Zimmer verspürte sie den Drang, Nikki anzurufen, aber sie tat es nicht. Nur weil es ihr schwerfiel, unter Cage Buchanans Dach zu schlafen, musste sie nicht anderer Leute Nachtruhe stören.

     Sie warf den Bademantel über den Stuhl in der Ecke, legte sich zu Bett und löschte das Licht auf dem Nachttisch. Doch sobald sie die Augen schloss, sah sie Cage vor sich – seine schmalen Hüften und schlanken Beine in zerschlissenen Jeans, seine breiten Schultern und muskulösen Arme im engen T-Shirt …

     Sie klopfte das Kissen auf, drehte sich unruhig von einer Seite auf die andere.

     Plötzlich klopfte es an ihre Tür, und sie setzte sich kerzengerade auf. "Ja?" Anstatt aufzustehen und in den Bademantel zu schlüpfen, blieb sie reglos im Bett sitzen, als Cage eintrat.

     Wortlos sah sie ihm entgegen, während er zum Bett kam. Er kniete sich hin und stützte eine Hand auf die Matratze, nur wenige Zentimeter von ihrem nackten Knie entfernt. Sofort ächzten die Federn laut.

     "Was …" Endlich fand Belle die Sprache wieder. "Was tun Sie denn da?" Sie beugte sich vor, warf sich die Decke über die Beine und beobachtete verblüfft, wie Cage unter das Bett rutschte.

     "Sie quietschen."

     "Nur morgens, wenn ich gerade aus dem Bett komme", murmelte Belle. Ein zischendes Geräusch erklang, dem ein öliger Geruch folgte.

     Dann tauchte Cage wieder auf und erhob sich. "Die Bettfedern quietschen."

     "Das habe ich gemerkt."

     Er ging zur Tür. "Ich auch."

     Diese Bemerkung beunruhigte Belle, denn sie führte zu der Frage, ob er ebenso angestrengt wie sie auf jedes Geräusch aus dem Nebenzimmer lauschte.

     Cage blieb an der Tür stehen und drehte sich noch einmal um. Das Licht aus dem Flur betonte seine breiten Schultern. "Übrigens brauchen Sie die Narben auf Ihrem Bein nicht dauernd zu verstecken."

     Sie blinzelte verständnislos.

     "Wenn Lucy sieht, dass Sie wegen Ihrer Narben Komplexe haben, bekommt sie auch welche", erklärte er schroff. Er schloss die Tür und ließ eine brüskierte Belle zurück.

     Sie sank aufs Bett. Die Federn quietschten einmal halbherzig und verstummten dann.

     Natürlich. Seine einzige Sorge gilt Lucy.

     Was störte sie nur plötzlich daran?

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