Du hast mein Herz gerettet! - 1. Kapitel

1. KAPITEL

„Wann haben Sie Ihren Sohn zuletzt gesehen?“

     „Vor ungefähr zwei Stunden“, antwortete Cameron Stevenson ungeduldig dem Polizisten. Anstatt hier Zeit zu vergeuden, um Bobby Romanos Fragen zu beantworten, wollte er lieber Erik suchen. „Die Band hatte gerade ihre zweite Pause eingelegt.“

     Der Polizist machte sich Notizen. „Woher wissen Sie, dass es die zweite Pause war? Es könnte doch auch die erste oder die letzte gewesen sein.“

     Cameron widerstand dem Wunsch, den Polizisten zu erwürgen. „Es war die zweite Pause, ganz sicher“, versicherte er. „Ich wollte zu Erik, sobald die Musiker die Instrumente weggelegt hatten. Mein Sohn hatte sich nämlich schon in der ersten Pause an den Instrumenten zu schaffen gemacht, und ich wollte verhindern, dass er wieder etwas anstellt. Es war ungefähr zwanzig Uhr.“

     „Sind Sie sicher, dass Erik sich nicht nur irgendwo versteckt?“, fragte Romano und schrieb dabei etwas in sein Notizbuch. „Der Junge hat sich vielleicht nur gelangweilt. Hochzeitsfeiern sind für einen kleinen Buben vielleicht nicht ganz so spannend.“

     Halb Thunder Canyon war zur Hochzeit von Katie Fenton und Justin Caldwell in der Festhalle des Rathauses eingeladen, was war Cam also anderes übrig geblieben, als seinen kleinen Sohn mitzunehmen? Jeder mögliche Babysitter war heute auf der Hochzeit. Jetzt wünschte er sich, Erik und er wären zu Hause geblieben. Doch Katie hatte ihn gedrängt, unbedingt zu kommen. Und auch Laura hätte sicher gewollt, dass er sich am sozialen Leben von Thunder Canyon beteiligte. Laura, mit der er nur einen einzigen Winter hier erlebt hatte …

     „Erik versteckt sich nicht“, versicherte er.

     Schnee trieb zur geöffneten Tür herein. Wegen des drohenden Schneesturms waren die meisten Hochzeitsgäste schon gegangen. Andere suchten trotz des schlechten Wetters nach Erik. Nur er, Cam, saß hier fest und musste dem Polizisten Rede und Antwort stehen.

     „Woher wissen Sie, dass er sich nicht nur versteckt?“, fragte Romano.

     Cam ballte die Hände in den Manteltaschen zu Fäusten. „Weil Rhonda Culpepper auch hier war.“ Rhonda arbeitete an der Information des Rathauses und kannte jeden Winkel des Gebäudes. „Sie hat die Schlüssel, und wir haben überall nachgesehen, in jedem verdammten Raum!“, rief er gereizt, weil er sich nicht länger beherrschen konnte.

     „Hier, bitte!“ Eine Hand mit einem Becher Kaffee schob sich zwischen ihn und den Polizisten.

     Cameron betrachtete zuerst die schmale Hand und dann die Frau. Er kannte Faith Taylor nur vom Sehen. Sie gehörte zur örtlichen Such- und Rettungsmannschaft. „Ich will keinen Kaffee“, sagte er gereizt. „Ich will auch keine Fragen beantworten, wie groß Erik ist oder was er anhat. Ich will meinen Sohn suchen. Wahrscheinlich ist er irgendwo auf der Main Street. Er spielt gern Cowboy im Wilden Westen.“

     „Und dafür bieten die alten Gebäude an der Main Street die ideale Kulisse“, erwiderte Faith ruhig. „Wenn es so ist, finden wir ihn schnell. Polizisten und Freiwillige sind schon unterwegs und durchkämmen die Nachbarschaft.“

     „Ich sollte mich beteiligen. Es ist schon spät, und der Schnee fällt immer dichter.“

     Während der Hochzeitsfeier hatte Faith ein dunkelblaues bodenlanges Kleid getragen. Als bekannt geworden war, dass Erik vermisst wurde, hatte sie sich in Windeseile umgezogen. Auf ihrer Jacke stand in grellen orangefarbenen Buchstaben Search and Rescue auf dem Rücken. SAR – Suchen und Retten. Hoffentlich traf das auch auf Erik zu, hoffte Cam.

     Faiths Augen, eine Mischung aus Grün und Braun, lenkten ihn für einen Moment ab. So war das schon beim ersten Mal gewesen, als Faith ihm während einer Sitzung des Stadtrats aufgefallen war.

     „Haben Sie die Freunde Ihres Sohnes angerufen? Könnte es sein, dass er ohne Sie heimgegangen ist?“

     „Erik ist alles zuzutrauen“, räumte Cam ein. „Ja, ich habe seine Freunde gefragt. Die meisten Familien waren ohnedies hier.“

     Es war eine große Hochzeit gewesen, ungefähr dreihundert Leute hatten sich in der Festhalle gedrängt – da konnte ein Vater seinen kleinen Jungen schnell aus den Augen verlieren.

     „Sie haben die Polizei nicht sofort verständigt“, bemerkte Romano. „Gibt es dafür einen besonderen Grund?“

     Der Ton des Polizisten gefiel Cam nicht. „Ich habe das ganze Gebäude erst allein abgesucht, weil ich dachte, Erik würde sich nur verstecken. Er ist aber nicht hier. Haben Sie das endlich begriffen?“ Entschlossen zog er den Mantel an, den ihm seine Frau geschenkt hatte. Auf keinen Fall durfte er auch noch Erik verlieren. „Ich suche jetzt meinen Sohn!“

     Ohne weiter auf Romano und Faith zu achten, ging er durch den Vorraum. Der Sturm riss ihm beinahe die Tür aus der Hand, als er auf den hölzernen Bürgersteig hinaustrat. Das Vordach des Rathauses sowie die Dächer der benachbarten Gebäude boten keinen Schutz vor dem dichten Schneetreiben.

     Er schlug den Kragen hoch und überquerte die Straße. Hier gab es jede Menge Verstecke für einen Siebenjährigen. „Erik!“, schrie er und ging schneller.

     Er hätte Erik nicht zu der Hochzeit mitnehmen sollen, der Kleine hatte sich von Anfang an gelangweilt. Bereits nach zehn Minuten hatte er ihn im Waschraum ertappt, wo er sich Toilettenpapier wie einen Turban um den Kopf gewickelt hatte.

     „Erik!“, schrie Cam und wich einem langsam fahrenden Wagen aus. Bloß keine Panik!

     „Warten Sie, Mr. Stevenson!“

     Ungeduldig blieb er stehen und drehte sich zu Faith Taylor um.

     „Ärgern Sie sich nicht über Bobby“, bat sie und rutschte auf der glatten Straße. „Er will Ihnen nur helfen.“

     Cam stützte sie. „Nein. Bobby ist sauer, weil ich seinen Sohn auf der Ersatzbank sitzen lasse“, erklärte er. Danny Romano, von allen Romance genannt, war einer der besten Spieler in der Basketball-Mannschaft der Highschool, deren Trainer Cam war. Danny hatte allerdings auch die denkbar schlechtesten Noten. Doch Bobby Romano interessierte das nicht. Er wollte nur, dass sein Sohn von einem Talentjäger entdeckt wurde. Cam hingegen hatte Romance aufgefordert, mehr zu lernen. Erst wenn seine Noten sich besserten, würde er ihn wieder spielen lassen.

     Der Pferdeschwanz, zu dem Faith ihr langes blondes Haar gebunden hatte, wurde vom Sturm hin und her gewedelt. „Bobby kehrt jetzt aufs Revier zurück und macht Meldung. Die geht auch ans Lokalfernsehen. Haben Sie ihm ein Foto von Erik gegeben?“

     Cam nickte und sah sich auf dem Marktplatz um. Von allen Seiten wurde der Name seines Sohnes gerufen, und durch die Schneeflocken sah man die Strahlen von Taschenlampen. „Eriks Schulfoto.“ Es hatte in seiner Brieftasche gesteckt – neben einem Bild von Laura, das während der Schwangerschaft aufgenommen worden war.

     „Gut. Je mehr Leute Eriks Bild sehen, desto besser. Die Meldung kommt auch über Rundfunk. Könnte wirklich niemand Erik mitgenommen haben? Ihre Frau zum Beispiel oder …“

     „Meine Frau ist tot, und andere Familienmitglieder wohnen nicht in der Gegend.“

     „Tut mir leid, das wusste ich nicht.“ Faith zögerte kurz. „Hat Bobby mit Ihnen über die Möglichkeit eines landesweiten Orange-Alarms gesprochen?“

     Er nickte. Ein Orange-Alarm wurde gegeben, wenn ein Kind entführt worden war. Doch daran wollte Cam noch nicht einmal denken. Bloß keine Panik, befahl er sich erneut. Erik war bestimmt nichts zugestoßen. Wahrscheinlich saß er bei jemandem im Haus, trank heiße Schokolade und unterhielt sich prächtig.

     „Also, noch sind wir nicht so weit für einen Orange-Alarm“, fuhr Faith fort. Trotz der dicken braunen Hose wirkten ihre Beine lang und schlank. „Ich habe schon Kontakt zu den anderen Mitgliedern meines Teams aufgenommen, aber leider dauert es wegen des Schnees noch eine Weile, bis sie in Thunder Canyon eintreffen. Solange sich die Suche nach Erik auf die Stadt konzentriert, leitet natürlich die Polizei die Aktion.“

     „Erik ist noch in der Stadt“, beteuerte Cameron, weil er es einfach glauben wollte.

     „Wahrscheinlich haben Sie recht“, stimmte sie zu. „Gehen Sie nach Hause. Wenn überhaupt, wird Ihr Sohn dort auftauchen.“

     Sie kannte Erik eindeutig nicht. „Das macht er nicht.“

     „Mr. Stevenson …“

     „Cam.“

     „Mr. Stevenson“, beharrte sie, „lassen Sie uns unseren Job machen und gehen Sie heim.“

     „Ich soll warten, während Sie auszubügeln versuchen, dass ich meinen Sohn nicht gut beaufsichtigt habe?“, entgegnete er resigniert.

     Ein Windstoß zerrte an ihrem Kragen. „Wir sind die Profis“, sagte sie bloß und widersprach ihm nicht. „Unsere Aufgabe ist es, Erik zu finden, und zwar schnell, bevor der Sturm noch schlimmer wird. Ist er früher schon weggelaufen?“

     „Nein! Ich muss ihn finden, und wir verschwenden nur …“

     Sie legte ihm die Hand auf den Arm. „Schon gut. Sie machen sich Sorgen. Bleiben Sie ruhig, und gehen Sie heim. Erstellen Sie eine Liste von Eriks Freunden und von Orten, die er gern aufsucht. Hatte er sich über etwas aufgeregt? Gab es Streit?“

     „Er war sauer, weil er einen Anzug anziehen musste“, räumte Cam ein. „Aber er läuft nicht weg, weil er sich ärgert. Er sieht ein Kaninchen oder ein anderes Tier und läuft hinterher. Der Junge ist sieben und besitzt mehr Energie und Wissensdurst, als wir uns vorstellen können.“ In der Hinsicht war er wie seine Mutter. Cam hatte Laura nicht beschützen können. Das wollte er bei ihrem gemeinsamen Sohn nachholen.

     „Also, Sie gehen heim“, wiederholte Faith. „Rufen Sie auf dem Revier an, und geben Sie alles durch, was Ihnen einfällt. Und warten Sie auf Erik.“

     „Ich möchte mich an der Suche beteiligen.“

     „Aber …“

     „Todd Gilmore wartet bereits in meinem Haus für den Fall, dass Erik auftaucht“, fiel er ihr ins Wort. „Die Gilmores wohnen gleich nebenan“. Todd war der Star des Basketball-Teams und außerdem einer der besten Schüler der Highschool von Thunder Canyon, an der Cam neben Sport auch Mathematik unterrichtete.

     Faith Taylor betrachtete ihn verhalten vorwurfsvoll. Dabei machte Cam sich selbst die größten Vorwürfe. Er hielt es keinen Moment länger aus, nicht nach Erik zu suchen.

     „Ich bin Ihnen für Ihre Hilfe sehr dankbar“, versicherte er und meinte es auch aufrichtig, obwohl es ihm schwerfiel, Hilfe von anderen anzunehmen. Wenn es allerdings um Erik ging, war ihm alles recht. Und dann ging er, grußlos.

     Faith sah Cameron Stevenson nach, wie er vom dichten Schneetreiben verschluckt wurde. Sie verzichtete darauf, ihn zurückzurufen. Vermutlich wurde Erik bald gefunden, da nun viele Leute nach ihm suchten. Faith glaubte zumindest nicht, dass dem Jungen etwas zugestoßen war. Thunder Canyon zählte zwar zehntausend Einwohner, doch es gab hier so gut wie keine Verbrechen.

     Für einen Moment schloss sie die Augen, als sie Cameron Stevenson nach seinem Sohn rufen hörte. Hätte sie ein Kind gehabt, sie hätte es keine Sekunde aus den Augen gelassen. Sie hätte … Nein, solche Gedanken deprimierten sie nur. Kopfschüttelnd kehrte sie zu ihrem Geländewagen zurück, der in zweiter Reihe vor dem Rathaus parkte.

     So schnell es bei diesem Wetter ging, fuhr sie zu ihrem Büro im Gebäude der Feuerwehr zurück. Vielleicht trieb sie noch ein Mitglied des SAR-Teams auf, doch wenn das nicht klappte, wollte sie nicht untätig abwarten. Das Team bestand lediglich aus sechs Leuten und war für die ganze Gegend zuständig.

     Faith stellte den Wagen ab und betrat das Haus, in dem die Polizei und die Feuerwehr von Thunder Canyon untergebracht waren. Drinnen atmete sie auf, als sie endlich vor dem kalten Wind geschützt war.

     Zwar hatte sie kein eigenes Büro, aber einen Schreibtisch, Aktenschränke und einen Computer auf einer Seite des Gemeinschaftsbüros. Von dort aus wählte sie die Nummer des Kollegen mit der einen Hand und schaltete mit der anderen den Computer ein.

     Gleich darauf erschien auf dem Bildschirm ein Foto von Erik. Der Junge sah wie eine jüngere Ausgabe seines Vaters aus. Er besaß das gleiche kräftige Kinn, das dunkle Haar und die braunen Augen.

     „Hallo, Blondie.“ Derek Winters, Feuerwehrmann und mit ihrer besten Freundin Tanya verheiratet, zog Faith am Pferdeschwanz und setzte sich auf die Schreibtischkante. „Neuigkeiten vom kleinen Stevenson?“

     „Noch nicht.“

     „Niedliches Kerlchen.“ Derek blickte zu dem Fernseher auf einem der Aktenschränke. „Seit einer halben Stunde ist sein Bild in den Nachrichten.“

     „Gut.“ Faith legte den Hörer wieder auf, der Kollege schien nicht zu Hause zu sein. „Je öfter die Vermisstenmeldung über den Äther geht, desto besser ist es.“

     „Apropos Meldung“, sagte Derek ernst. „Der Wetterdienst hat für die nächsten sieben Stunden eine Sturmwarnung herausgegeben. Es wird damit gerechnet, dass sämtliche Straßen gesperrt werden.“

     „Erik trägt nach Aussagen seines Vaters einen Parka und Handschuhe.“ Das hätte jedoch nur unter normalen Bedingungen ausgereicht. „Ein paar Leute haben mir erzählt, dass der Junge voller Unfug steckt. Wie war denn Toby mit sieben?“, erkundigte sie sich. Mittlerweile war der Junge bereits zwölf.

     Derek lächelte. „In der einen Minute ein kleiner Satansbraten und in der nächsten ein Engelchen, aber vertrauen durfte man ihm nicht.“ Kopfschüttelnd fügte er hinzu: „An Cam Stevensons Stelle wäre ich wahrscheinlich bereit, die Welt aus den Angeln zu heben, bis mein Junge wieder in Sicherheit ist.“

     Ungefähr so hatte Cameron auf Faith auch gewirkt. Sie stand auf und griff nach der Jacke. Im Wagen hatte sie extra Handschuhe und Schals. Zuerst überprüfte sie die Batterien in der Taschenlampe und nahm dann ein frisch geladenes Funkgerät vom Regal. „Cam war während der Feier ständig von Frauen umlagert“, bemerkte sie. Es war nicht zu übersehen gewesen, dass der Mann der Schwarm der Stadt war.

     „Armer Kerl“, meinte Derek amüsiert. „Es können eben nicht alle so durchschnittlich aussehen wie ich. Aber nur, weil Cam ein scharfer Typ ist, heißt das nicht, dass er nicht auf seinen Jungen aufgepasst hätte“, fügte er ernst hinzu.

     Dazu konnte Faith nichts sagen. Sie wusste nur, dass sie seit ihrer Rückkehr nach Thunder Canyon im letzten Jahr Cameron Stevenson stets von Frauen umringt gesehen hatte – sei es bei einer Sitzung des Stadtrats, auf der er gezielte Fragen gestellt hatte, oder im Hitching Post bei Hamburgern und Milkshakes nach dem Basketball-Match der Highschool.

     Dass Cameron sein Kind nicht zu einer Sitzung des Stadtrats mitnahm, verstand sie ja noch. Aber sie hatte Erik auch im Hitching Post noch nie gesehen. Nein, sie konnte nicht wirklich beurteilen, ob Cameron Stevenson sich ausreichend um seinen Sohn kümmerte. Selbst bei der Hochzeitsfeier vorhin hatte sie den Jungen kaum gesehen.

     „Ich gehe jetzt. Die Suche konzentriert sich auf die Altstadt. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass der Junge so weit gelaufen ist, aber ich habe Romano versprochen, den White Water Drive und die umliegenden Häuser zu kontrollieren. Dann arbeite ich mich zum Stadtrand vor und sehe mir die Thunder Canyon Road an.“

     „Glaubst du vielleicht, dass er zur Eislaufbahn gegangen ist?“

     „Da haben sie schon nachgesehen“, wehrte sie ab. „Und auf der Lazy-D ist er auch nicht.“ Die Lazy-D war die Ranch, die den Douglas’ gehörte, einer der wohlhabendsten Familien in der Gegend.

     Faith verabschiedete sich und ging nach draußen, wo es unverändert schneite. Sie wischte den Schnee mit dem Arm von der Windschutzscheibe ihres Wagens, stieg ein, schaltete die Heizung ein und fuhr langsam durch die Stadt, in der sie aufgewachsen war.

     Überall waren Polizeiwagen unterwegs. Bestimmt würden sie Erik finden. An eine andere Möglichkeit wollte sie gar nicht denken.

     Über die Main Street erreichte sie den Marktplatz mit der Stadthalle. Am White Water Drive bog sie nach Süden und passierte das Krankenhaus, in dem ihr Bruder Chris in der Notaufnahme arbeitete.

     Je länger sie unterwegs war, desto dichter schneite es, bis sie nur noch im Schritttempo vorankam. Nicht einmal die Scheinwerfer durchdrangen das Schneegestöber. Kurz hinter dem Lone Pine Medical Building stieg sie aus und begann, an jeder Haustür zu klingen und nach Erik zu fragen. Niemand hatte den Jungen gesehen. Schließlich erreichte sie das Krankenhaus, wo sie ihren Wagen abstellte, sich einen heißen Kaffee gönnte und über Funk in der Polizeistation anfragte.

     Nichts Neues! Dabei war es fast schon Mitternacht.

     Zurück im Wagen, hörte sie am stationären Funkgerät, wie sich die einzelnen Polizisten zurückmeldeten. Die Suche wurde nach und nach eingestellt. Keine Spur von Erik.

     Während sie sich allmählich wieder dem Stadtkern näherte, stieg sie immer wieder aus, weckte die Leute, kontrollierte die Gärten und rief nach Erik. Es war eisig kalt, und die Suche war anstrengend, doch Faith ließ nicht locker.

     Um halb eins schneite es nicht nur noch stärker, sondern der Wind blies auch heftiger. Faith hörte nicht auf den Befehl über Funk, alle Mitglieder der Suchmannschaft sollten sich sofort vor dem Schneesturm in Sicherheit bringen. Als die Aufforderung direkt an sie ging, schaltete sie das Funkgerät kurzerhand ab. Von der Polizei nahm sie keine Befehle entgegen, sondern nur vom Leiter ihres Teams, und der hielt sich in Bozeman auf.

     Jim Shepherd wäre über ihr Verhalten nicht erfreut gewesen, doch sie bekam Eriks Gesicht nicht aus dem Kopf.

     Sie war in dieser Stadt aufgewachsen, und sie kannte jeden Winkel. Darum wollte sie weitermachen, solange sie überhaupt noch vorankam.

     Und sie kam voran, bis sie trotz des Schritttempos vor dem Hitching Post beinahe einen Fußgänger überfuhr. Erschrocken starrte sie auf den Mann vor ihrem Wagen. Eriks Vater.

     Der Sturm rüttelte am Auto. Cameron konnte sich kaum gerade halten, der Sturm zerrte förmlich an ihm.

     Mit einer Decke in der Hand stieg sie aus, schlidderte zu ihm und legte ihm die Decke um die Schultern.

     „Sind Sie verrückt?“, schrie sie gegen den Sturm an. Sein Ledermantel war für dieses Wetter völlig ungeeignet. „Sie sollten nicht hier draußen sein!“

     „Sie sind es doch auch!“, rief er.

     Der Sturm riss sie fast um. „Steigen Sie ein!“, forderte sie ihn auf und legte den Arm um ihn, damit sie beide überhaupt noch auf den Beinen blieben.

     Er schob und zog sie zur Beifahrertür, hob sie in den Wagen, folgte ihr und schlug die Tür zu. Faith stieß den Atem aus.

     „Lieber Himmel“, murmelte Cameron, während der Wagen im Sturm schwankte, seine Augen schimmerten im Licht des Armaturenbretts. „Sie haben ihn auch nicht gefunden.“

     Faith wollte den Blick von seinen Augen abwenden, konnte es jedoch nicht. Sie hasste es, versagt zu haben. Das kannte sie nicht auf beruflichem Gebiet. Privat schon, aber eben nicht im Beruf.

     „Nein, noch nicht“, erwiderte sie. Halb saß sie auf der Mittelkonsole, halb auf seinem Schenkel, bevor sie verlegen auf den Fahrersitz rutschte.

     Um sich von der Verzweiflung abzulenken, die er ausstrahlte, schaltete sie das Funkgerät wieder ein und hörte sofort ihren Namen. Seufzend griff sie zum Mikro und meldete sich.

     Cameron saß regungslos neben ihr. Bestimmt fror er, aber er hüllte sich nicht fester in die Decke. „Wir finden ihn“, versicherte sie leise.

     Er setzte mehrfach zum Sprechen an, und als er es endlich schaffte, klang seine Stimme rau.

     „Wann?“

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