Du hast mein Herz gerettet! - 2. Kapitel

2. KAPITEL

 

Faith lehnte sich auf dem Fahrersitz zurück. „Wir finden ihn bald“, erwiderte sie heiser und überlegte zugleich, wohin sie jetzt fahren sollte.

     Bis zur Feuerwache war es ungefähr so weit wie bis zu Camerons und ihrem Haus. Sie entschied sich, nicht nach Hause zu fahren. Auf der Feuerwache konnte sie dem kleinen Erik vielleicht noch irgendwie helfen.

     Die kurze Fahrt kam ihr endlos vor. Ihre Nerven waren zum Zerreißen angespannt, und die Augen schmerzten vor Anstrengung, als sie endlich schleudernd und rutschend vor dem Gebäude hielt. Obwohl die Scheibenwischer auf Höchsttouren liefen, war die Ziegelmauer kaum zu erkennen. „Schaffen Sie es nach drinnen?“, fragte sie Cam und reichte ihm einen zusätzlichen Schal.

     Wortlos wickelte er den Schal um Hals und Gesicht und stieg aus. Faith zog ihren Schal bis zu den Augen hoch und folgte ihm zu der Mauer, die der Schnee fast vollständig verhüllte. Die Hände gegen die Ziegel gedrückt, stemmte sie sich gegen den mörderischen Sturm und tastete sich zusammen mit Cameron zum Eingang vor.

     Der Sturm schleuderte sie beide geradezu ins Innere des Hauses.

     Heftig atmend ließ sie sich nun auf den Fußboden fallen. Cameron stützte sich auf einen Aktenschrank, ließ erschöpft den Kopf hängen, zog schließlich den Mantel aus und hängte ihn über einen Stuhl.

     Faith saß keuchend da und empfand plötzlich Mitleid mit Cameron – auch wenn sie dem Mann nach wie vor verübelte, nicht genug auf sein Kind aufgepasst zu haben. Schließlich nahm sie den dicken Schal ab, aus dem Schnee und Eis auf den Boden fielen, und lehnte sich zurück. Ausgerechnet jetzt musste es ein verheerendes Unwetter geben!

     Cam ging vor ihr in die Hocke und zog ihr die dicken Handschuhe aus. Diese Geste rührte sie irgendwie.

     Cameron Stevenson war ein hochgewachsener Mann, und über seinen breiten Schultern hatte sich bestimmt früher ein Football-Trikot gespannt. Er war nicht massig, aber sehr muskulös und kräftig. Trotzdem hätte sie am liebsten die Arme um ihn gelegt und ihn getröstet wie ein Kind, das einen Kummer hatte.

     „Der Schneesturm wird sicher bald nachlassen“, versicherte sie, klang jedoch nicht überzeugend. „Dann rücken wir wieder aus.“

     Er stand langsam auf und begann, auf und ab zu gehen. Dabei taute allmählich das Eis an seinen Hosenbeinen.

     Faith stemmte sich ebenfalls hoch. Sie ging in den Umkleideraum und zog die Sachen an, die sie hier verwahrte. Einen Preis für das eleganteste Outfit würde sie damit zwar nicht gewinnen, aber die olivfarbene dicke Hose und das Sweatshirt waren wenigstens warm und trocken.

     Auf dem Weg zu ihrem Schreibtisch ließ sie Cameron im Eingangsbereich des Gebäudes zurück. An Stelle des schwarzen Anzugs, den er auf der Hochzeitsfeier getragen hatte, trug er jetzt einen grauen Pulli und Jeans. Dunkle Bartstoppeln bedeckten Wangen und Kinn, und das Haar stand wirr vom Kopf ab.

     Ihr Computer war noch immer mit dem Internet verbunden, doch es gab keine Neuigkeiten über Erik. Hilfe von den anderen Mitgliedern ihres Teams war auch nicht zu erwarten, weil die Straßen gesperrt waren.

     Seufzend ging sie über den Korridor in den Teil des Gebäudes, in dem die Polizei untergebracht war. Einige Polizisten saßen noch an ihren Schreibtischen und arbeiteten. Bobby Romano dagegen lehnte in seinem Stuhl und hatte die Füße auf den Tisch gelegt. Verärgert versetzte sie seinen Beinen einen Stoß.

     „Hey!“, rief er, als ihm Kaffee aus seinem Becher auf den Bauch spritzte. „Was soll das?“

     „Tun Sie wenigstens so, als wären Sie im Dienst, Bobby“, antwortete sie, achtete nicht auf das Lachen der anderen und betrat den Funkraum. „Ich bin wieder da“, sagte sie zu Cheryl Lansky. „Du kannst die Hunde zurückpfeifen.“

     „Du hast vielleicht Nerven.“ Cheryl schüttelte den Kopf. „Ich sage nur noch dem Chef Bescheid.“

     „Da draußen wird es immer heftiger. Vor lauter Schnee sieht man die Hand vor Augen nicht mehr. Ich hätte beinahe Cameron Stevenson überfahren“, räumte Faith ein. „Was Neues?“

     „Abgesehen von Meldungen wegen des Blizzards nur der übliche wöchentliche Anruf von Emelda Ross.“

     Bobby tauchte hinter Faith auf und betupfte sein Hemd mit einem nassen Haushaltstuch. „Die Frau gehört in ein Heim.“

     Cheryl warf ihm einen geringschätzigen Blick zu.

     „Gibt es eigentlich ihre Lesestunde für Kinder in der Bücherei noch?“, fragte Faith.

     Cheryl nickte. „Mein Enkel liebt sie genau wie früher seine Mutter.“

     „Ja, Emelda hat immer die schönsten Geschichten erzählt“, bestätigte Faith. „Warum hat sie denn angerufen?“

     „Wegen der ewig gleichen Sache“, schimpfte Bobby und warf das nasse Tuch in Richtung Papierkorb, verfehlte ihn jedoch. „Sie will beachtet werden.“

     Cheryl hob das Tuch auf und beförderte es in den Papierkorb. „Sie hat jemanden auf dem Grundstück gesehen. Darüber beklagt sie sich ständig.“

     „Wurde das denn kontrolliert?“, fragte Faith und sah dabei Bobby an.

     „Wir sind vorbeigefahren, aber da hat es schon geschneit. Außerdem hatten wir Wichtigeres zu tun, immerhin ist ein Kind vermisst“, verteidigte er sich. „Bei Emelda war alles ruhig wie auf dem Friedhof, und heute Abend schleicht ohnedies niemand auf fremden Grundstücken herum.“

     „Und du kommst jetzt bitte nicht auf die Idee, bei dem Unwetter noch mal loszufahren“, warnte Cheryl Faith energisch. „Ich sage dir schon Bescheid, falls wir etwas von Belang hören.“

     „Danke“, erwiderte Faith.

     „Ich habe die Suchergebnisse zusammengefasst“, mischte sich nun Bobby ein. „Eine Kopie des Berichts liegt auf meinem Schreibtisch.“

     Faith nickte und nahm die Kopie auf dem Rückweg zu ihrem eigenen Arbeitsplatz mit.

     Dort entdeckte sie Cameron, der mit gesenktem Kopf an ihrem Schreibtisch saß und auf den Fußboden starrte. Sie setzte sich, überflog den Bericht und spürte geradezu greifbar die Anspannung, die Cam ausstrahlte.

     Im Fernsehen lief gerade wieder die Vermisstenmeldung. Erik lächelte vom Bildschirm. Dann sah man Aufnahmen von Freiwilligen, zu denen viele Mitglieder von Cameron Stevensons Basketball-Mannschaft gehörten. Sie gingen im Schnee von Tür zu Tür und suchten die Stadt ab.

     Cameron rieb sich die Augen.

     „Versuchen Sie zu schlafen“, schlug sie leise vor.

     „Wie soll ich schlafen?“

     Faith musste ihm recht geben. In dieser Situation war an Schlaf nicht zu denken. Hoffentlich war der Junge irgendwo in Sicherheit …

     Cameron stand wieder auf, ging hin und her, murmelte eine Verwünschung und wechselte von der Seite der Feuerwehr zur Polizei hinüber. Während er fort war, stützte Faith die Ellbogen auf den Schreibtisch und versuchte, sich gegen die schlimmsten Befürchtungen zu wehren. Als Cameron zurückkehrte, hatte sie sich wieder unter Kontrolle.

     „Schneit es noch?“, fragte sie.

     „Unvermindert stark.“

     „Die Sonne wird bald aufgehen.“

     „Sofern das Licht überhaupt durch die Wolken kommt.“

     „Verlieren Sie nicht die Hoffnung, Mr. Stevenson. Die Sonne geht immer auf.“

     Sein Gesicht wirkte wie eine Maske, als er sich zu ihr umdrehte. „Falls Sie damit sagen wollen, dass ich zuversichtlich sein soll, dass mein Sohn gefunden wird, können Sie sich das sparen. Ich brauche keine Aufmunterung.“

     „Ich habe bloß eine Tatsache festgestellt“, erwiderte sie ruhig. „Bei Tagesanbruch nehmen wir die Suche wieder auf.“

     „Wie viele vermisste Kinder haben Sie in Ihrem Berufsleben schon gefunden?“

     „Etliche.“ Damit er nicht fragte, ob alle unverletzt gewesen waren, kümmerte sie sich um die Papiere auf dem Schreibtisch und zuckte zusammen, als das Telefon klingelte.

     Cam starrte auf das Telefon. Faith griff nach dem Hörer. „Taylor.“

     Es war Cheryl. Sobald Faith hörte, dass es nur um Emelda Ross ging, ließ sie seufzend die Schultern hängen. Wieder nichts von Erik. Cameron ballte die Hände zu Fäusten.

     Seine Angst und Sorge gingen ihr nahe. Obwohl Faith schon mit vielen Angehörigen und Freunden von Vermissten zu tun gehabt hatte, gelang es ihr dieses Mal nicht, professionelle Distanz zu wahren. Sie war mit ihren Gefühlen längst in die Sache verwickelt. Und das gefiel ihr gar nicht.

     Sie entschuldigte sich, überquerte den Korridor und betrat Cheryls Büro. „Was hat Miss Emelda genau gesagt?“

     „Hör es dir selbst an.“ Cheryl deutete auf das Gerät, das alle Anrufe aufzeichnete. „Die Ärmste ist wegen des Unwetters schrecklich nervös. Das einzig Gute im Moment ist, dass die Sturmfront offenbar schnell weiterzieht.“ Sie drückte auf den Wiedergabeknopf.

     Auf Faith wirkte Miss Emeldas aufgezeichneter Anruf keineswegs nervös oder ängstlich. Eher sehr verärgert, weil ihr erster Anruf keine Beachtung gefunden hatte.

     Sobald die Aufzeichnung beendet war, zuckte Cheryl mit den Schultern. „Romano hat nicht übertrieben. Die alte Lady ruft tatsächlich jede Woche an.“

     „Wo wohnt sie?“

     Cheryl zeigte nun auf einen Punkt der Karte von Thunder Canyon, die an der Wand hing. „Noch immer in dem großen alten Haus an der Elk Street. Ich weiß nicht, warum sie nicht in ein neueres Haus zieht.“

     Faith sah sich die Karte an. Emelda Ross wohnte am westlichen Stadtrand. Weiter draußen kamen nur noch die Eislaufbahn und dann die Ländereien und die Farm der Familie Douglas. Cheryl berichtete, dass sie keine Gelegenheit gehabt hatte, Emelda nach Erik zu fragen, weil die alte Dame sie gar nicht erst zu Wort kommen ließ.

     „Was meint Romano dazu?“

     „Ich habe ihm noch nichts gesagt“, gestand Cheryl. „Du kennst ihn doch. Er nimmt Miss Emelda nicht ernst. Außerdem hockt die ganze Truppe wegen des Schneesturms hier im Haus fest. Außerdem war es ja kein Notruf. Hätte Emelda zum Beispiel über Atemnot geklagt, hätten wir einen Wagen der Feuerwehr hingeschickt.“

     Faith betrachtete die Karte genauer. Emelda Ross wohnte zwar am Stadtrand, aber ihr Haus war vom Rathaus aus mühelos zu Fuß zu erreichen. Die Frage war nur, ob die Strecke auch für den kleinen Erik zu bewältigen gewesen war. „Ich könnte hinfahren.“

     Cheryl verstand sofort. „Wenn Erik bei ihr wäre, hätte sie das doch erwähnt.“

     „Ja, natürlich“, bestätigte Faith.

     „Die Schneepflüge fahren noch nicht“, warnte Cheryl. „Die Straßen sind unpassierbar.“

     „Ich nehme das Schneemobil. Sag Romano Bescheid. Aber erst, wenn ich weg bin.“

     „Sicher“, erwiderte Cheryl lächelnd. Bobby Romano konnte Faith nicht leiden und arbeitete nur mit ihr zusammen, weil sein Chef es so wollte. Ein Grund für Bobbys Abneigung war sicherlich der, dass Faith und ihr Team oft mehr erreichten als die Polizei. Bobby war ein Mann, der anderen ihren Erfolg neidete.

     Faith warf einen Blick auf die Uhr, kehrte an ihren Arbeitsplatz zurück und verzichtete darauf, Cameron zu fragen, ob er sie begleiten wollte. Er saß neben dem Schreibtisch, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und … schlief. Normalerweise wäre ihr so ein Anblick peinlich gewesen. Doch bei Cam war das anders. Der Anblick seines schlafenden Gesichts rührte sie. Wie bitte? Seit wann war sie gerührt, wenn ein Mann schlief? Ein Mann, dessen Sohn vermisst wurde, um genau zu sein?

     Leise setzte sie sich an den Schreibtisch, schrieb eine kurze Notiz für ihre Kollegen und griff nach einem geladenen Funkgerät und dem Schlüssel für eines der beiden Schneemobile, die in einem kleineren Nebengebäude geparkt waren. Im Umkleideraum zog sie sich noch zusätzlich Ski-Unterwäsche an.

     Der Wind wehte bei Weitem nicht mehr so heftig wie zuvor, und es hatte zu schneien aufgehört. Die Sicht war erheblich besser geworden. Trotzdem wäre sie mit dem Geländewagen nicht über die zugewehten Straßen gekommen. Sie schloss die Garage auf, in der die Schneemobile standen, startete eine der Maschinen und fuhr in die menschenleere Stadt hinaus.

     Da sie sich nicht an Straßen halten musste, fuhr sie in einem Bogen um die Stadt herum und erreichte Minuten später Miss Emeldas altes Haus, steckte das Funkgerät ein und stieg aus.

     Noch ehe sie die Veranda erreicht hatte, wurde die Außenbeleuchtung eingeschaltet und die Tür einen Spalt geöffnet.

     „Wer ist da?“

     Faith blieb stehen. „Miss Emelda, ich bin es, Faith Taylor. Cheryl Lansky hat mir gesagt, dass Sie zwei Mal bei der Polizei angerufen haben. Ich wollte nur nachsehen, ob es Ihnen gut geht.“

     „Mir?“ Die alte Frau öffnete die Tür, und Faith blickte in die Mündung einer Schrotflinte. „Natürlich geht es mir gut. Das ist diesen Dummköpfen auf der Polizeiwache allerdings völlig egal. Komm nur rein, Mädchen. Bestimmt bist du fast schon erfroren.“

     Faith betrat die Veranda und stampfte den Schnee von den Stiefeln, während Miss Emelda die Flinte in einen Schrank stellte.

     „Eigentlich könnte ich es mir sparen, bei der Polizei anzurufen“, sagte Miss Emelda. „Das sind doch alles junge Kerle, die mich für eine verschrobene alte Frau halten, die über ihren eigenen Schatten erschrickt. Setz dich!“

     Faith folgte der Aufforderung. „Miss Emelda, vielleicht könnten Sie …“

     „Liest du noch die Klassiker?“, fragte die alte Frau und ließ sich in einen Sessel sinken.

     „Bitte?“

     „Mädchen, die Klassiker! Du hast viel früher als die anderen aus deiner Klasse gelesen. Dumas zum Beispiel, erinnerst du dich?“

     „Der Mann mit der eisernen Maske“, sagte Faith. „Erstaunlich, dass Sie das noch wissen.“

     „Natürlich weiß ich das“, versicherte Miss Emelda lächelnd. „Ich habe keines meiner Kinder vergessen, und jetzt bist du wieder in Thunder Canyon, nachdem du draußen in der Welt auf die Suche nach Abenteuern gegangen bist.“

     Faith hätte es zwar nicht unbedingt Abenteuer genannt, was sie die letzten Jahre erlebt hatte, aber sie wollte das Thema nicht vertiefen. „Miss Emelda, wieso glauben Sie, dass heute Abend jemand hier draußen herumgeschlichen ist?“ So in etwa hatte die alte Dame es der Polizei geschildert.

     „Der Hund wurde fast verrückt. Hund!“, rief sie, und ein kleiner Terrier trottete ins Zimmer. „Er bellt nur, wenn jemand im Garten ist.“

     Faith hielt die Hand dem Hund hin, der neugierig daran schnüffelte und darüberleckte.

     „Er hat auch schon gebellt, bevor ich Ihr Schneemobil gehört habe“, fuhr die alte Frau fort.

     „Darf ich mich mal ein bisschen umsehen?“

     „Aber warum solltest du das tun?“, fragte Miss Emelda überrascht. „Das ist doch Aufgabe der Polizei. Ich habe denen auch gesagt, dass jemand in meine Garage einbrechen will. Weißt du, da steht noch der Wagen meines Vaters. Und dann habe ich ein zweites Mal angerufen, weil der Hund ständig gewinselt hat. Ich dachte, der Einbrecher würde durch den Schneesturm in der Garage festsitzen.“

     Zwar konnte Faith sich wirklich nicht vorstellen, dass jemand Emeldas alten Wagen stehlen wollte, doch sie widersprach nicht. „Könnte es vielleicht der kleine Erik gewesen sein? Erik Stevenson.“

     „Erik? Du liebe Güte, wie kommst du denn auf den Jungen?“

     „Er ist von Katies Hochzeitsfeier verschwunden.“

     „Wann?“ Miss Emelda fasste sich ans Herz. „Ich habe ihn doch noch mit seinem Vater im Festsaal gesehen, und da war er munter und fröhlich wie immer.“

     „Ich würde mich gern auf Ihrem Grundstück umsehen.“

     „Natürlich, natürlich, meine Liebe, wie du willst. Ach, der arme Junge. Ich habe die Feier verlassen, als diese Band zu spielen begann. Das ist nichts mehr für meine alten Ohren. Aber wieso habe ich nichts von Eriks Verschwinden erfahren?“

     „Wir haben die Suchmeldung im Fernsehen und im Radio laufen lassen. Aber bei dem Wetter“, Faith warf einen Blick auf Emeldas Apparat, „haben die meisten hier wahrscheinlich keinen Empfang.“ Darum hoffte sie noch immer, dass Erik bei einer Familie untergekommen war, die keine Ahnung von der Suche hatte.

     Miss Emelda folgte ihr in Nachthemd und Morgenmantel zur Tür. „Der Junge ist ja so unglaublich neugierig“, bemerkte sie.

     „Das habe ich bereits gehört“, erwiderte Faith und öffnete die Tür. „Sehen Sie nur, der Himmel wird schon hell.“

     „Sei trotzdem vorsichtig, wenn du im Garten bist!“, rief Miss Emelda ihr nach. „Vor allem hinter der Windmühle dahinten. Dort liegen die ungeschützten Tunnels und Schächte der Queen of Hearts!“

     „Der Mine?“ Natürlich! Wieso hatte sie nicht gleich an die stillgelegte Goldmine gedacht, die gleich hinter Emeldas Garten lag? Vielleicht war Erik dort?

     „Die Leute wissen zwar, dass da nichts mehr zu holen ist.“ Emelda stand in der Tür, und ihr weißes Haar schimmerte im Licht. „Aber die Schächte und Gänge gibt es noch, an einigen Stellen ist das Erdreich eingesunken. Einige Löcher wurden abgedeckt, aber nicht alle. Also, Vorsicht.“

     Faith nickte. „Ich pass auf. Gehen Sie wieder ins Haus. Es ist kalt.“

     Widerstrebend schloss Miss Emelda die Tür. Faith kehrte zum Schneemobil zurück und meldete sich über Funk bei Cheryl.

     In einem weiten Bogen fuhr sie um Miss Emeldas Haus herum und ließ dabei den Strahl des Suchscheinwerfers wandern. Falls Erik hier gewesen war, hatte der Schneesturm alle seine Spuren verweht.

     Sie fuhr zu Emeldas Garage und versuchte, die Türen zu öffnen. Es ging nicht. Trotzdem warf sie einen Blick durch den Spalt. „Erik?“

     Ein Geräusch versetzte sie in helle Aufregung. Hastig zog sie die kleine Stablampe hervor und ließ den Strahl durch die schmale Öffnung zwischen den Türen ins Innere fallen.

     „Erik, bist du da drinnen?“

     Schnee knirschte, und eine Hand legte sich ihr auf die Schulter. Faith wirbelte herum, landete im Schnee und verlor die Taschenlampe. Der Lichtstrahl fiel auf ein Hosenbein.

     „Mr. Stevenson, was machen Sie hier?“, rief sie, als sie ihn erkannte. Wieso hatte sie seinen Wagen nicht gehört?

     Er bückte sich und reichte ihr die Taschenlampe. „Ich mache genau das Gleiche wie Sie. Ich suche meinen Sohn. Cheryl Lansky hat mir gesagt, wo ich Sie finde.“ Er rüttelte an dem alten Holztor. „Erik! Wenn du da drinnen bist, melde dich!“

     „Er ist nicht da.“

     „Erik!“

     Cameron rüttelte so hart an der Tür, dass Faith schon fürchtete, die Angeln könnten brechen. „Mr. Stevenson, Erik ist nicht in der Garage“, versicherte sie und legte ihm die Hand auf den Arm. Sogar durch den Handschuh und den Mantel hindurch spürte sie, wie hart sich seine Muskeln anspannten. „Wir müssen weitersuchen.“

     Langsam ließ er die Tür los. „Ich darf ihn nicht auch verlieren“, sagte er kaum hörbar.

     „Sie werden ihn auch nicht verlieren.“

     „Es sind jetzt schon mehr als zehn Stunden“, antwortete er rau.

     Faith zeigte auf seinen Wagen, der etwas abseits stand. Kein Wunder, dass sie ihn nicht gehört hatte. „Sie sollten heimfahren.“

     Er schüttelte bloß den Kopf.

     „Dann kommen Sie mit“, forderte sie ihn auf, zog die Strickmütze über die Ohren herunter und stieg wieder auf das Schneemobil. Cameron schwang sich hinter ihr auf den Sitz.

     Faith steuerte auf die Windmühle zu, die sich im Morgengrauen gegen den Himmel abhob. An der Mühle angekommen, hielt sie und schaltete den Motor aus. Tiefe Stille trat ein.

     „Was machen wir hier?“, fragte Cameron.

     Faith schloss die Augen und konzentrierte sich. War da nicht etwas gewesen? Nein, es war nur die Windmühle, die leise knarrte. Faith schaltete den Suchscheinwerfer aus, griff zur Stablampe und wollte sie zwischen die Zähne klemmen, doch Cameron nahm sie ihr aus der Hand und leuchtete auf die Karte, die sie auf dem Schoß ausbreitete.

     „Hier wollen Sie nach Erik suchen?“, fragte er, und sein Atem strich warm über ihre Wange.

     „Ja. Das hier sind die Schachtöffnungen der Queen of Hearts“, erklärte sie und zeigte auf die Markierungen auf der Karte. „Sie sind mit Brettern verschlossen.“

     In diesem Teil von Montana wusste eigentlich jeder, dass man sich von aufgelassenen Minen fernhalten musste. Es wurde den Kindern schon in der Schule beigebracht, im Fernsehen wurde immer wieder darauf hingewiesen, und es stand sogar auf den Plakaten bei den Bushaltestellen. Stillgelegte Minen waren gefährlich.

     Doch jede Ermahnung und Aufklärung war null und nichtig, wenn es sich um einen abenteuerlustigen und neugierigen Jungen handelte. Im Gegenteil, Verbote erhöhten den Reiz der Sache noch.

     Faith faltete die Karte wieder zusammen, griff nach der Stablampe und steckte sie ein. Dann fuhr sie langsam an der Grenze von Emeldas Grundstück entlang. Der eigentliche Eingang der Mine war ungefähr fünf Kilometer entfernt, doch ihr Tunnelsystem reichte erstaunlich weit – bis hier zur Grundstücksgrenze.

     Beinahe wäre Faith über das erste Loch gefahren, weil die Bretter fast unter dem Schnee verschwanden. Sie hielt an und Cameron sprang vom Fahrzeug, ließ sich auf die Knie fallen und zerrte an den Brettern. Sie gaben jedoch so wenig nach wie Miss Emeldas Garagentor.

     Als Faith wieder anfuhr, gab sie aus Nervosität zu viel Gas. Cameron stützte sich an ihrer Hüfte ab, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Die Wärme, die diese Berührung in ihr erzeugte, ließ sie seltsam schaudern. Sie ging ihr durch und durch. „Was weiß Erik über die Mine?“, rief sie.

     Camerons Körper drückte gegen ihren Rücken, als er sich nach vorne beugte. „Nur, was Emelda Ross in der Lesestunde der Bibliothek davon erzählt hat.“

     Wenn Miss Emelda heute noch so spannend erzählte wie früher, konnte man sich die Wirkung auf einen abenteuerlustigen Jungen leicht ausmalen. „Hat er jemals den Wunsch geäußert, die Mine zu erkunden?“

     „Nein.“ Doch das hieß bei einem siebenjährigen Jungen nicht viel.

     Auch die zweite Schachtöffnung war gut gesichert, obwohl offenbar jemand mit Schrotkugeln auf die Bretter geschossen hatte. Auch beim dritten Schacht keine Spur von Erik.

     Entmutigt griff Faith erneut nach der Karte. Die Sonne tauchte bereits am Horizont auf, aber sie brachte keinen Wetterumschwung. Es war noch kälter geworden, und graue Wolken kündigten neuen Schneefall an.

     „Wir haben einen Schacht verpasst“, stellte sie fest und sah sich um.

     Cam fasste über ihre Schulter und deutete auf eine Stelle vor ihnen. „Meinen Sie den dort? Ungefähr fünfzig Meter nördlich.“

     Faith ließ den Blick über die Schneewehen wandern, unter denen der Grundstückszaun fast völlig verschwunden war. Vermutlich hatten sie längst das Grundstück von Emelda Ross verlassen und hielten sich auf dem Land der Douglas’ auf.

     „Unsere letzte Chance“, antwortete sie Cameron, der bereits vom Schneemobil gesprungen war, in Richtung des Schachts lief und laut nach seinem Sohn rief.

     Camerons Stimme hallte über den Schnee, während Faith auf die angepeilte Stelle zusteuerte und senkrecht hochragende Bretter entdeckte.

     Zeitgleich mit Cam kam sie an dem Schacht an. Cam ließ sich flach auf den Bauch fallen und steckte den Kopf in das Loch.

     „Erik!“

     Faith stockte fast der Atem, als sie eine schwache Antwort hörte.

     Sie hatten ihn gefunden.

Vorheriger Artikel Du hast mein Herz gerettet! - 3. Kapitel
Nächster Artikel Du hast mein Herz gerettet! - 1. Kapitel