Du hast mein Herz gerettet! - 3. Kapitel

3. KAPITEL

„Erik!“ Cam starrte so angestrengt in den dunklen Schacht, dass seine Augen brannten. „Bist du verletzt?“ Aus dem Schacht drang leises Weinen. „Wir holen dich sofort heraus“, versprach er und krampfte die Finger um die gesplitterten Enden der Bretter.

     Faith verständigte ihre Kollegen per Funk und holte gleichzeitig Seile, Harnisch und Schaufel aus dem Laderaum des Schneemobils. Trotz des tiefen Schnees lief sie scheinbar mühelos zu Cameron zurück.

     „Lassen Sie mich einen Blick in den Schacht werfen.“ Sie wartete, bis er Platz gemacht hatte, und beugte sich vorsichtig über die Öffnung. „Erik, ich werfe jetzt ein paar Leuchtstäbe hinunter. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Alles klar?“

     Sekunden verstrichen, ehe er zaghaft antwortete. „Klar.“

     Sie aktivierte die Stäbe, die sie aus einer ihrer vielen Taschen geholt hatte, und warf sie hinunter. Der Schacht war eng, sehr eng sogar.

     „Ein Wagen der Feuerwehr ist bereits unterwegs“, erklärte sie Cam. „Mein Boss, Jim, ist auf solche Rettungen spezialisiert. Allerdings ist er gerade noch in Bozeman, er versucht, so schnell wie möglich einen Hubschrauber zu bekommen. Zuerst müssen wir den Schnee wegräumen.“

     Cam half ihr mit den Händen, während sie die Schaufel benützte. Schließlich überblickten sie die gesamte Abdeckung der Schachtöffnung.

     „Daddy!“, schrie Erik von unten. Seine Stimme war von Angst verzerrt.

     „Alles in Ordnung!“, rief Cam hinunter und wandte sich an Faith. „Ich kann nicht länger warten.“

     „Doch, das können Sie!“, befahl sie und hielt ihn mit erstaunlicher Kraft fest. „Ihr Sohn ist nicht hinuntergeklettert, sondern gefallen. Wir brauchen Hilfe, um ihn nach oben zu holen.“

     „Das dauert mir alles zu lange“, erwiderte Cam, schüttelte sie ab, griff zum Seil und sah sich nach einer Stelle um, wo er es festbinden konnte. „Erik ist allein da unten und weint, und Ihre Kollegen von der Feuerwehr kommen nicht durch den tiefen Schnee.“

     Faith konnte nicht anders, als ihm recht geben. Die Feuerwehr kam nur hierher durch, wenn ein Schneepflug vorher die Straßen räumte. Und das konnte angesichts der Schneemassen wirklich dauern. Dennoch, es wäre Irrsinn, wenn Cam sich in den Schacht abseilte.

     „Sie passen nicht mal in den Schacht“, versuchte sie zu argumentieren.

     „Daddy!“, jammerte Erik. „Hol mich hier raus!“

     Ohne weiter auf Faith zu achten, ging Cam zum Schneemobil, das sich noch eher als Verankerung für das Seil eignete als der morsche Zaun. Er band das Seil fest und wollte gerade zum Schacht zurückkehren, als Faith ihn von der Seite und mit aller Kraft in den Schnee warf.

     Reglos lag er da und blickte zur der Blondine hoch, die auf ihm saß. „Was soll das denn?“

     „Offenbar muss ich mit Ihnen die Football-Sprache sprechen“, erwiderte sie heftig. „Ich dulde nicht, dass Sie sich auch noch in Gefahr bringen.“

     Football-Sprache? Nun, die beherrschte er. Er hob sie mühelos hoch und ließ sie neben sich in den Schnee fallen. „Und Sie wissen offenbar nicht, was es heißt, wenn das eigene Kind in Gefahr ist.“

     Ihre geröteten Wangen wurden blass. „Es ist mein Job, mich um Kinder in Gefahr zu kümmern“, erwiderte sie steif. „Und jetzt stören Sie mich nicht weiter bei der Arbeit.“

     „Wollen Sie etwa in den Schacht steigen?“, fragte er ungläubig.

     Sie stand auf, ging zum Schneemobil und löste den Knoten, den er geschlungen hatte.

     „Faith, Sie können doch nicht …“

     Sie brachte ihn mit einem eisigen Blick zum Schweigen und schlang einen neuen Knoten. „Zumindest sollten Sie ein Seil so festbinden, dass sich der Knoten nicht löst“, sagte sie energisch. „Ich bin zwar die einzige Frau im hiesigen SAR-Team, aber glauben Sie mir, ich habe mir meinen Platz hart verdient“, fuhr sie fort und trug das aufgerollte Seil zur Schachtöffnung. „Wissen Sie, wie oft wir zwei Personen anstatt einer retten müssen, nur weil jemand unbedingt helfen wollte, obwohl er der Situation nicht gewachsen ist?“

     Während sie sprach, zog sie das Seil durch den Harnisch und die Rollen eines Flaschenzugs.

     „Ich möchte nicht auch noch einen Vater retten, der sich reichlich spät um seinen Sohn sorgt“, fügte sie hinzu.

     „Was wollen Sie damit sagen?“

     Ohne auf seine Frage zu antworten, trat sie auf das letzte noch vorhandene Brett der Abdeckung und warf einen Blick in die Tiefe, in der die Leuchtstäbe grünlich glühten. „Ich komme jetzt runter, Erik!“

     Wenn Jim hier auftauchte und herausfand, dass sie ohne Rückendeckung gehandelt hatte, würde er sie möglicherweise die nächsten Monate zu Schreibtischarbeit verdonnern. Doch das spielte jetzt keine Rolle. Wichtig war nur, den kleinen Erik zu retten. Langsam ließ sie sich vom Brett in die Tiefe gleiten.

     Je weiter Faith sich in den Schacht abseilte, desto deutlicher erkannte Cameron, dass er es niemals geschafft hätte. Faith füllte den Schacht ja schon fast aus. „Erik“, rief sie, stemmte sich mit den Beinen an den Wänden ab und zog vorsichtig die Jacke aus. „Ich bin Faith. Wie geht es dir da unten?“

     „Mir ist kalt“, antwortete der Junge schwach.

     Sie hingegen schwitzte. „Das kann ich mir gut vorstellen. Ich lasse jetzt meine Jacke fallen“, fuhr sie fort und schlüpfte aus den Ärmeln, weil sie mehr Bewegungsfreiheit brauchte. „Versuche, ob du sie fangen kannst. Hast du dich verletzt?“

     „Weiß nicht.“ Jetzt weinte Erik nicht mehr so heftig. „Ach, die Jacke. Ich habe sie nicht erwischt.“

     „Macht nichts, ist nur eine Jacke.“ Sie ließ sich vorsichtig tiefer sinken und wich mit den Schultern einem aus der Wand ragenden Stein aus, gegen den sie bereits schmerzhaft mit der Hüfte geprallt war. „Hast du dir den Kopf gestoßen?“

     „Weiß nicht, aber er tut weh. Wo ist mein Dad?“

     „Er wartet oben auf dich“, versicherte sie und arbeitete sich weiter nach unten. Erik hörte sich gar nicht gut an. Hatte er eine Gehirnerschütterung? Oder war er bereits lebensgefährlich unterkühlt? Sie musste dafür sorgen, dass er wach blieb. „Erik, bist du auf einem Felssims?“

     „Auf Holz, und ich habe Splitter im Hin… im Po. Dad verpasst mir bestimmt für ein Jahr Stubenarrest.“

     „Kann schon sein“, erwiderte sie fröhlich, um ihre Anspannung zu überspielen. „Meine Eltern haben mir mal ein halbes Jahr Stubenarrest gegeben.“ Endlich war sie an dem Felsen vorbei und zog den Kopf ein, als Erdklumpen auf sie herunterregneten. Sobald auch das vorbei war, blickte sie hoch und sah Cameron, der sich über den Schacht beugte. „Die Feuerwehr ist vermutlich noch nicht hier?“, rief sie hinauf.

     „Nein.“

     Jim war offenbar auch nicht eingetroffen, sonst würde er bereits an der Schachtöffnung toben.

     „Wofür haben Sie den Stubenarrest gekriegt?“

     Faith ließ sich noch einen halben Meter tiefer gleiten. Das waren jetzt ungefähr schon knapp zehn Meter. „Ich bin ohne Erlaubnis im Canyon geklettert und habe mir dabei den Arm gebrochen. Niemand wusste, wo ich war. Dann haben sie mich endlich gefunden und getröstet, und danach kam der Stubenarrest.“

     Der Schacht wurde jetzt breiter. Faith zog eine Taschenlampe aus der Hose und leuchtete nach unten. Sie entdeckte Erik ungefähr fünf Meter unter ihr.

     Der Lichtstrahl tanzte über sein schmutziges Gesicht, als sie sich bis zu ihm sinken ließ und mit den Zehen den Holzbalken berührte, auf dem er saß. „Hi. Kannst du die Taschenlampe halten?“

     „Ja.“

     Sie reichte ihm die Lampe. „Richte sie bitte nach unten. Unheimlich, nicht wahr?“, fragte sie, als er den Strahl von ihren Augen in die Tiefe lenkte.

     „Vielleicht gibt es da Fledermäuse oder so was.“

     Der Holzbalken war zu instabil, als dass Faith sich darauf abzustützen wagte. Allerdings konnte sie sich nicht mit Erik zusammen hochziehen, weil der Schacht dafür zu eng war. Sie musste ihm unbedingt den zweiten Harnisch anlegen, das ging aber nur, wenn sie selbst einen festen Halt hatte. Und das bedeutete, dass sie mit dem Jungen erst noch tiefer runter musste, um eine geeignete Stelle zu finden, wo sie beide zusammen stehen konnten.

     „Sie sind ein Mädchen“, stellte er fest.

     „Allerdings“, bestätigte sie lächelnd. „Nur siebenjährige Jungs und ein Mädchen passen durch diesen Schacht. Kannst du näher zu mir rutschen, Erik?“

     Er versuchte es, aber sofort knarrte der Balken, und einzelne Stückchen fielen in die Tiefe.

     „Nein“, wehrte sie ab, „so geht es nicht.“

     „Ich will zu meinem Daddy“, flüsterte Erik.

     „Ich weiß, Schatz“, versicherte sie mitfühlend. „Pass gut auf. Ich schwinge mich gleich zu dir, und du packst mich und klammerst dich ganz fest an mich. Dann lasse ich uns weiter nach unten sinken. In Ordnung?“

     „Ich will aber nicht weiter nach unten!“, rief er voll Panik.

     „Das Schlimmste hast du schon überstanden“, sagte sie beruhigend. „Wichtig ist nur, dass du dich an mich klammerst und nicht loslässt. Ich halte dich fest.“

     „Und wenn ich falle?“

     „Das wirst du nicht. Dafür sorge ich.“

     „Aber …“

     „Je schneller wir das hinter uns bringen, desto schneller kann ich dich nach oben schaffen. Wir können allerdings auch warten, bis meine Freunde eintreffen.“ Jim würde jedoch so wenig wie Cameron in den engen Schacht passen.

     „Wie lange dauert das?“

     „Ich weiß es nicht, Schatz. Vielleicht eine Stunde.“

     „Ich muss Pipi machen“, flüsterte er. „Und mein Kopf tut echt weh.“

     „Mit deinem Kopf kann ich dir im Moment nicht helfen“, meinte sie bedauernd. „Aber du kannst hier ruhig Pipi machen. Ich erzähle es keinem.“

     „Dad hat gesagt, dass man das nicht tut, und ich soll auch Erwachsene nicht mit dem Vornamen ansprechen.“

     „Da hat er schon recht“, erwiderte sie lächelnd. „Aber das hier ist eine besondere Situation. Ich wende dir den Rücken zu, damit du ungestört bist. Und du kannst mich ruhig Faith nennen.

     Erik zögerte. „Ich kann hier kein Pipi machen.“

     „Also schön.“ Sie nahm ihm die Taschenlampe ab und steckte sie ein. „Dann versuchen wir jetzt, dass du dich an mich klammerst. Du bewegst nicht die Beine, sondern streckst nur die Arme nach mir aus.“ Es wäre sonst durchaus möglich gewesen, dass der Balken brach und in die Tiefe stürzte. „Ich zähle bis drei. Bist du so weit?“

     „Ja“, erwiderte er atemlos.

     „Eins.“ Faith packte das Seil und war bereit, sich ein Stück hochzuziehen oder sinken zu lassen, je nachdem, wie sich der Balken verhielt. „Zwei.“ Sie stützte sich mit dem Fuß an der Schachtwand ab, um einen besseren Halt zu haben. „Drei!“

     Im nächsten Moment schwang sie auf Erik zu, und er kam ihr entgegen und hielt sich wie an einem Rettungsring an ihr fest. Faith schlang die Arme um ihn, das Seil pfiff durch die Rollen, und gemeinsam sackten sie tiefer ab.

     Mit einem harten Ruck setzte sie auf festem Untergrund auf, ging in die Knie und ließ den Jungen zu Boden gleiten.

     Erleichtert atmete sie aus, stand auf und löste den zweiten Harnisch vom Gürtel. „Ich habe ihn!“, rief sie durch den Schacht nach oben. „Er kommt gleich hoch!“

     Cameron winkte. Vermutlich konnte er vor Aufregung nicht sprechen. Jetzt tat es ihr schon leid, dass sie ihn vorhin schroff behandelt hatte.

     „Also“, sagte sie, zog die Handschuhe aus und leuchtete ihn mit der Taschenlampe an. „Mal im Ernst. Warum hast du dich von der Hochzeit verdrückt? Was sollte das, ganz allein hierherzulaufen?“

     „Ich war nicht allein“, verteidigte er sich. „Ich war mit Tommy Bodecker zusammen. Er hat mich herausgefordert.“

     Behutsam tastete sie seine Arme und Beine ab. „Ist Tommy in deiner Klasse?“

     „Nein, der ist schon zehn.“

     „Und wo ist Tommy jetzt?“, erkundigte sie sich. Die Familie Bodecker kannte sie nur dem Namen nach.

     „Der ist heimgegangen, weil es zu schneien begonnen hat.“

     „Ach, und warum hast du ihn nicht begleitet?“

     „Weil er mich herausgefordert hat“, erwiderte Erik, als wäre das ganz selbstverständlich. „Er hat gesagt, dass ich Angst vor Gespenstern habe, und ich habe ihm gesagt, dass ich keine Angst habe. Und dann hat er gefragt, wieso ich nie zur Mine gehe und mir die Gespenster ansehe, wenn ich keine Angst habe.“

     „Aha, Gespenster. Tommy Bodecker glaubt also, dass es in der Mine spukt?“

     „Ja.“ Erik zuckte leicht zusammen, als sie über seine Schulter strich.

     „Du bist also allein zur Mine gelaufen.“ Hinter seinem Ohr entdeckte sie eine große Beule. „Du wolltest beweisen, dass du keine Angst hast.“

     „Na klar“, bestätigte er selbstzufrieden.

     Wenn sie Tommy Bodecker in die Finger bekam, würde sie ihm tüchtig die Meinung sagen. „Ich habe noch nie gehört, dass Tommy die Nacht in der Mine verbracht hat. Wenn also jemand über die Gespenster Bescheid weiß, bist du das.“

     „Ja, genau“, erwiderte er und lächelte sogar.

     „Und, hast du Gespenster gesehen?“

     Erik schüttelte den Kopf.

     „Fledermäuse?“

     Jetzt nickte er.

     „Kannst du aufstehen? Dann lege ich dir den Harnisch an.“

     Er kam etwas unsicher auf die Beine. Faith stützte ihn, legte ihm das Rettungsgeschirr um und befestigte das Seil daran.

     „Was muss ich denn machen?“

     „Gar nichts“, erklärte sie. „Du hängst am Seil, und ich ziehe dich nach oben.“

     „Cool!“, rief er, als er vom Boden gehoben wurde.

     „Es ist cool, wenn ich dich endlich ins Freie geschafft habe“, erwiderte sie. „Und übrigens: Wenn du klettern willst, solltest du es richtig lernen. Hast du schon die Kletterwand bei Extension Sporting Goods gesehen, dem Sportgeschäft?“

     Er riss die Augen weit auf. „Klar, aber mein Dad hat es mir nicht erlaubt.“

     „Dort kann man sogar Unterricht nehmen. Bist du bereit?“

     Er nickte.

     „Sag mir Bescheid, wenn ich langsamer ziehen soll oder wenn dir übel wird.“

     Als er erneut nickte, verzog er das Gesicht. „Das tut weh.“

     „Ich weiß, Schatz“, meinte sie und strich ihm behutsam übers zerzauste Haar. „Aber da musst du jetzt durch. Nur noch ein paar Minuten, dann hast du es überstanden.“

     „Dad ist bestimmt sauer auf mich.“

     „Er ist sehr froh, dass wir dich gefunden haben.“

     Faith zog ihn langsam hoch. Trotzdem erreichte er den oberen Rand des Schachts in kürzerer Zeit, als sie für den Abstieg gebraucht hatte. Gleich darauf spürte sie das Gewicht des Jungen nicht mehr, und dann fiel das Seil wieder herunter.

     Erleichtert atmete sie tief durch. Von oben hörte sie Eriks hohe und Camerons beruhigende Stimme. Im Schein der Taschenlampe untersuchte sie den Stollen. Er war nach beiden Richtungen eingestürzt, und die Decke wirkte auch nicht stabil.

     Allerdings war es hier unten wesentlich wärmer als oben. Wäre Erik während des Schneesturms nicht vor der Kälte geschützt gewesen … Daran wollte sie gar nicht denken.

     Ihre Jacke lag auf dem Boden. Faith hob sie auf und befestigte sie am Gürtel. Die Hüfte schmerzte, wo sie gegen den Felsen gestoßen war.

     „Fragen Sie über Funk nach, warum das so lange dauert!“, rief sie den Schacht hinauf. „Erik braucht dringend einen Arzt!“

     Cameron beugte sich über die Öffnung. „Schon erledigt. Der Krankenwagen ist unterwegs.“

     Da Erik nun gerettet war, spürte sie die Anstrengung der letzten Stunden deutlich. Im Moment sehnte sie sich nur noch nach einem Bad und viel Schlaf. Doch zuerst musste sie aus der Mine heraus.

     Die Schachtwände eigneten sich nicht zum Klettern, und die verrottenden Balken hätten sie auch nicht getragen. Darum entschied sie, am Seil selbst hochzuklettern.

     „Kommen Sie zurecht?“, rief Cameron.

     Sie passte kurz nicht auf, stieß mit dem Knie gegen einen Balken und löste Teile davon. „Es geht schon“, erwiderte sie und zog sich vorsichtig weiter in die Höhe. Endlich hörte man auch das Heulen einer Sirene.

     Der Felsbrocken, an dem sie sich die Hüfte gestoßen hatte, stellte erneut ein Hindernis dar. Obwohl die Jacke als Bündel an ihrem Gürtel hing, war sie zu dick, um an dem Brocken vorbeizukommen. Faith löste die Jacke und ließ sie fallen. Schade. Die Uniformen mussten sie selbst bezahlen, und diese Jacken waren nicht gerade billig.

     Auch das Sweatshirt störte. Faith schlang das Seil um die Beine, damit sie den Halt nicht verlor, und zog das Sweatshirt aus. Jetzt trug sie nur noch ihr Ski-Unterhemd. Dafür passte sie endlich durch die schmale Öffnung, nicht ohne sich Kratzer und Abschürfungen zuzuziehen.

     Als sie schon dachte, es endlich geschafft zu haben, fielen Erdbrocken auf sie herunter. Sie zog den Kopf ein und rutschte mehrere Zentimeter nach unten. Die Erde regnete weiter auf sie und füllte die freien Räume zwischen ihrem Körper und den Wänden aus.

     Sie spürte, wie sich Panik in ihr breitmachte. Doch endlich war der kleine Erdregen vorbei. Faith hob den Kopf und versuchte, etwas zu erkennen. Alles dunkel.

     „Cameron!“, rief sie heiser, weil sie ihn nicht sehen konnte. „Ich bin hier! Das letzte Brett ist gerade durchgebrochen. Das Erdreich gibt nach!“

     Sie versuchte, ihre Hüfte von dem Felsen wegzudrehen. Dabei blieb sie mit etwas hängen, einer Gürtelschlaufe der Hose oder einem Riemen des Geschirrs, sie wusste es nicht. „Ich komme nicht weiter!“, rief sie hustend.

     „Ich ziehe Sie hoch!“

     Das Seil spannte sich an, aber Faith steckte fest. „Warten Sie!“, verlangte sie, weil es sich anfühlte, als würde sie zerrissen werden.

     Die Spannung ließ nach. Hier oben war der Schacht zwar weiter, doch er füllte sich zunehmend mit Erde. Faith kam es vor, als hätte sie den Jungen schon vor Stunden aus der Mine gezogen. Dabei war es erst Minuten her.

     „Halten Sie Erik vom Schacht fern.“

     „Er sitzt beim Schneemobil.“

     Die Füße konnte sie bewegen, doch sie fand keinen Halt, an dem sie sich abstoßen konnte. Ihre Zehen wurden bereits taub, und von dem Druck auf der Brust wurde ihr schwindelig. Eine Hand war in der Nähe des Magens eingeklemmt. Faith tastete, bis sie eine Schnalle fand.

     „Was machen Sie da unten?“

     „Ich feiere eine Party“, murmelte sie. „Ich muss aus dem Harnisch heraus.“

     „Wie kann ich Ihnen helfen?“

     „Werfen Sie mir eine Schaufel runter, damit ich die verdammte Erde loswerde.“ Hustend zog sie das Thermal-Unterhemd über Mund und Nase hoch, um nicht noch mehr Staub einzuatmen.

     „Wenigstens haben Sie Ihren Humor nicht verloren“, stellte Cameron fest.

     Sie fand den Verschluss, und sofort ließ der Druck an den Hüften nach. Mit der freien Hand klammerte sie sich am Seil fest und drehte sich hin und her, spürte Blut an der Hüfte, schaffte es einige Zentimeter höher, zog den Bauch ein und schob sich an dem Felsen vorbei. Dann war endlich auch die andere Hand frei, sodass sie mit beiden Händen nach dem Seil greifen konnte. „Ziehen Sie!“, rief sie Cameron zu.

     Der setzte alle seine Kraft ein und zog. Faith wog nicht viel, aber er hatte Angst, noch mehr Erdreich loszutreten. Außerdem ließ er Erik nicht aus den Augen. Sein Sohn hatte sich in den Schnee gelegt. Was war da los?

     „Erik!“, rief er scharf.

     Der Junge hob die Hand. Cam atmete auf. Sein Sohn würde es überstehen. Okay, eins nach dem anderen. Die Sirene wurde immer lauter, es war also Rettung in Sicht. Nur Faith hing noch im Schacht.

     Er zog. Endlich tauchte ihr Kopf auf, und er packte sie unter den Schultern und hob sie ins Freie. Und genau in diesem Moment traf auch der Schneepflug ein, gefolgt vom Krankenwagen und zwei Streifenwagen.

     Vorsichtshalber führte Cam Faith ein Stück vom Schacht weg und ließ sie in den Schnee sinken, ehe er ihre Finger behutsam vom Seil löste. Die Knöchel waren blutig aufgeschlagen. Er hatte schon viele verletzte Football-Spieler versorgt, und der Anblick von Blut hatte ihm nie etwas ausgemacht. Doch bei Faith war das anders. Ihr Blut schien direkt in sein Herz zu dringen.

     „Kümmern Sie sich um Erik“, verlangte sie heiser. Sie war von Kopf bis Fuß schmutzig, durch das weiße Ski-Unterhemd sickerte ebenfalls Blut.

     „Können Sie laufen?“, fragte er, zog seinen Mantel aus, legte ihn ihr um die Schultern und hätte sie am liebsten an sich gedrückt.

     „Mir geht es gut, danke“, versicherte sie und warf einen Blick zur Schachtöffnung.

     „Nein, ich danke Ihnen“, entgegnete er rau. Um wenigstens etwas für sie zu tun, hob er sie hoch.

     „Ich kann alleine gehen“, murmelte sie, ließ den Kopf jedoch an seine Schulter sinken.

     Cam trug sie zu dem Sanitäter, der sich bereits um Erik kümmerte. „Sie blutet“, sagte er und ließ Faith auf den Sitz des Schneemobils gleiten.

     Der blonde Mann hob den Kopf. Cam erkannte ihn. Das war kein Sanitäter, sondern ein Krankenhausarzt.

     „Was machst du denn hier?“, fragte Faith.

     „Na, hör mal! Die ganze Stadt spricht darüber, dass du Erik in der Mine gefunden hast“, antwortete der Arzt.

     Faith lächelte matt. „Das ist mein Bruder, Dr. Christopher Taylor. Wie geht es ihm?“, fragte sie mit einem Blick auf Erik.

     „Den Umständen entsprechend gut“, erwiderte ihr Bruder und lächelte, was die Ähnlichkeit zwischen den beiden noch verstärkte. „Ich möchte ihn aber für einige Tage bei uns behalten und sicherheitshalber beobachten.“

     „Ich will nicht ins Krankenhaus“, wandte Erik ein.

     „Du hast dir tüchtig den Kopf gestoßen, Kamerad“, sagte Christopher.

     „Daddy?“

     Cam kauerte sich neben Erik und strich ihm mit zitternden Händen übers Haar. Er brauchte Erik nur zu betrachten, um Laura zu sehen. Was hätte er getan, hätte er auch Erik verloren? „Ich begleite dich.“

     Die Fahrer des Krankenwagens und des Schneepflugs warteten mit einer Trage. Der Arzt bettete Erik darauf, legte ihm eine Infusion und gab Cam den Beutel zum Halten.

     „Was ist mit Faith?“, fragte Cam.

     „Fahrt ihr ruhig“, wehrte sie ab. „Ich komme schon klar.“

     „Nein, du begleitest uns“, bestimmte ihr Bruder.

     „Topher“, erwiderte sie in einem Tonfall, der klarmachte, dass ihr Bruder den Spitznamen nicht gern hörte. „Ich versorge meine Kratzer selbst.“

     „Kratzer?“ Christopher zog Faith das Unterhemd von den Hüften. Cam zuckte bei dem Anblick zusammen, obwohl sie es sofort wieder über die zerrissene Hose und die blutende Haut zerrte. „Du gehörst ins Krankenhaus“, bestimmte Christopher, „und zwar sofort.“

     „Ich komme zu euch, wenn ich geduscht habe“, sagte sie starrsinnig.

     „Wenn du nicht bald …“ Dr. Taylor verstummte, weil Erik zu würgen begann.

     „Fahrt endlich“, verlangte Faith von Cam, während der Arzt sich um den Jungen kümmerte. „Im Krankenwagen ist nicht genug Platz für uns alle. Ich fahre in einem Streifenwagen mit und lasse später das Schneemobil und Ihren Wagen abholen.“

     Ohne auf seine Antwort zu warten, griff sie nach ihrem Funkgerät und sprach hinein, ohne auf die verletzten Finger zu achten.

     Erik wurde in den Krankenwagen gehievt. Cam drückte sich in eine Ecke, damit Dr. Taylor noch Platz hatte. Gleich fuhr der Krankenwagen los.

     Durch das Heckfenster blickte Cam zu Faith zurück. In seinem Mantel wirkte sie unglaublich zierlich und zart. Wie viel Kraft in ihr steckte! Erik wäre vermutlich jetzt noch im Schacht, hätte sie ihn nicht herausgeholt.

     „Sie ist schon sehr bemerkenswert, nicht wahr?“, sagte Dr. Taylor gedämpft.

     Cam drückte Eriks schmale Hand. „Ja, sehr bemerkenswert.“ Er verdankte es Faith allein, dass sein Sohn in Sicherheit war. Trotzdem war es nicht Dankbarkeit, was er vorrangig für sie empfand. Es war etwas anderes. Persönlicheres. Tiefer Gehendes. Und das gefiel ihm überhaupt nicht.

 

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