Du hast mein Herz gerettet! - 5. Kapitel

5. KAPITEL

 

„Sie sind wirklich gekommen!“, rief der kleine Erik begeistert, als Faith am folgenden Nachmittag sein Zimmer betrat.

     Lachend kam sie näher.

     „Da du mich heute schon drei Mal angerufen hast, konnte ich es wohl kaum vergessen.“ Das erste Mal hatte er um acht angerufen und seither immer energischer auf einen Besuch gedrängt.

     Ihr Lachen stockte, als sie Cameron bemerkte. Er saß mit einem Stapel Papiere auf dem Schoß in der Ecke.

     „Hallo“, sagte sie.

     Als Begrüßung brummte er nur und schrieb sofort weiter. Sein Rotstift kratzte förmlich auf dem Papier.

     Nahm der Mann seine Arbeit so wichtig, dass es ihm nicht einmal möglich war, aufzustehen und Faith anständig zu begrüßen? Sie schluckte ihren Frust herunter. Schließlich war sie nicht Camerons wegen hier. „Wie geht es dir denn heute?“, fragte sie den Jungen.

     „Die lassen mich hier gar nichts machen“, beschwerte er sich. „Warum soll ich bis morgen bleiben? Ich will jetzt nach Hause.“

     „Die Ärzte wollen eben ganz sicher sein, dass da drinnen alles verheilt ist“, erklärte sie und zerzauste ihm das Haar. „Erst danach lassen sie dich an Betonrohren hochklettern.“

     „An Betonrohren?“

     „Bringen Sie ihn bloß nicht auf Ideen“, warf Cam ein.

     „Ich erzähle dir bei Gelegenheit mehr darüber“, raunte sie dem Jungen zu.

     Erik lächelte, Cameron nicht.

     Neben dem Bett stapelten sich die Videospiele. „Wenigstes hast du doch deine Spiele. Da wird dir bestimmt nicht langweilig.“

     „Mann, haben Sie eine Ahnung, wie langweilig es trotzdem ist!“

     „Ich könnte dir ein Buch bringen“, schlug sie amüsiert vor und lachte laut, als er die Augen verdrehte. „Wie? Keine Lust zu lesen? Ich dachte, du gehst gern zu Miss Emeldas Lesestunde in die Bücherei.“

     „Stimmt, weil sie die besten Geschichten vorliest, aber ich brauche sie da nicht lesen.“

     „Ich brauche sie nicht zu lesen“, verbesserte Cameron seinen Sohn.

     „Ja, oder so.“

     Faith warf verstohlen einen Blick zu Cameron. Er hatte seinen Rotstift abgesetzt und betrachtete sie eingehend. Wollte er, dass sie wieder ging?

     „Wie wäre es denn mit einer Partie Schach?“, fragte sie und holte das Reisespiel aus ihrer Handtasche hervor.

     „Cool.“ Erik rutschte im Bett höher und schlug die Beine unter. „Können wir gleich spielen?“

     „Wenn dein Dad nichts dagegen hat.“ Sie drehte sich um und wartete. Nach einer Weile nickte Cameron bloß und schrieb weiter mit dem Rotstift. Himmel, der Schüler, dessen Arbeit er gerade korrigierte, konnte einem leidtun.

     Faith biss sich auf die Unterlippe, weil seine starre Miene sie nervös machte.

     Erik dagegen merkte nichts. Er stellte rasch die Figuren auf. „Weiß beginnt, Faith!“

     „Du bist eindeutig kein Novize“, stellte sie fest und lehnte sich an die Matratze.

     „Was ist ein Novize?“

     „Ein Anfänger.“

     „Dad und ich spielen das ständig“, erwiderte er lachend.

     „Wie gut, dass wir beide nicht um Geld spielen“, erwiderte sie und blickte erneut zu Cameron. Doch der schenkte ihr keine Beachtung. Wenn er nicht wollte, dass sie sich mit seinem Sohn beschäftigte, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. „Ich bin nämlich völlig aus der Übung.“

     „Sie dürfen anfangen.“

     „Oh! Und warum habe ich die Ehre?“

     „Sie sind das Mädchen, und darum fangen Sie an“, erklärte Erik in einem Ton, als wäre das selbstverständlich.

     „Nun, gegen einen erfahrenen Spieler wie dich brauche ich jede nur erdenkliche Hilfe, und darum nehme ich dein Angebot als Kavalier an.“

     „Was ist ein Kavalier?“

     „Ein Mann, der höflich zu Frauen ist“, erwiderte sie und machte ihren ersten Zug.

     „Aha.“ Erik folgte ihrem Beispiel. „Dad sagt, dass wir Männer das immer sein müssen.“

     So, so. Ein Ausbund an Höflichkeit war Cameron ja nicht gerade. Ohne lange zu überlegen, schob sie eine Figur vor. Erik schlug den Bauern und stellte ihn begeistert neben das Brett. Nachdem er ihre nächste Figur geschlagen hatte, konzentrierte sie sich mehr. Erik hatte ihr zwar die Eröffnung überlassen, kannte danach jedoch keine Gnade.

     Cameron ließ Faith nicht aus den Augen, als sie die Ärmel der Bluse hochrollte und sich weiter aufs Bett schob. Den nächsten Zug überlegte sie sich viel genauer, und sie und Erik beugten sich tief über das Spielbrett.

     Lautlos legte er die Mathearbeiten aus der Hand und verließ das Zimmer, was weder Faith noch Erik auffiel. Auf dem Korridor lehnte er sich an die Wand und versuchte, den Anblick der beiden aus seinem Kopf zu bekommen. Es gelang ihm jedoch nicht.

     Nach einer kleinen Unendlichkeit öffnete sich die Tür, und Faith trat neben ihn. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“

     Nein. Seit Lauras Tod war nichts mehr mit ihm in Ordnung. „Ich musste mir nur die Beine vertreten.“

     „Tut mir leid, wenn Sie sich durch mich gestört fühlen“, sagte sie und wich seinem Blick aus.

     „Wieso sollte ich das?“, entgegnete er erstaunt.

     „Nun, ich merke schon, dass Sie mich nicht hier haben wollen. Sobald Erik entlassen wird und wieder im Alltag angekommen ist, werde ich mich zurückziehen.“

     „Ich habe nie gesagt, dass ich Sie nicht hier haben will“, wehrte er ab. Wenn das bloß sein Problem wäre!

     „Nein, gesagt haben Sie es nicht, aber Sie machen jedes Mal ein finsteres Gesicht, wenn ich nur in die Nähe von Ihnen oder Erik komme.“

     „Mache ich nicht“, behauptete er.

     „Sie haben nicht einmal Hallo gesagt, als ich kam.“

     „Erik hat Sie für uns beide ausreichend begrüßt.“

     „Ach, bitte“, wandte sie ein. „Und gestern haben Sie sich über den Schlitten geärgert. Wie gut, dass ich ihm kein Snowboard geschenkt habe. Daran hatte ich nämlich auch gedacht.“

     „Ich habe mich nicht über den Schlitten aufgeregt“, versicherte er, „sondern darüber, dass Erik etwas zustoßen kann, egal, wie gut ich auch auf ihn aufpasse.“

     „Er ist sieben“, hielt sie ihm vor, „klug und neugierig. Unfälle kann man nicht verhindern.“

     „Und manche Unfälle enden tödlich“, sagte er tonlos. „Hätten Sie ihn nicht aus dem Schacht geholt …“ Für einen Moment konnte er nicht weitersprechen. „Ich stehe in Ihrer Schuld, und das mag ich nicht. Vor allem hätte ich dafür sorgen müssen, dass erst gar nichts passiert. Ich hätte ahnen müssen, dass der Bodecker-Junge Erik einen Floh ins Ohr setzt. Ich hätte Erik gar nicht zu der Hochzeit mitnehmen sollen. Überhaupt hätte ich vieles nicht tun sollen.“ Damit meinte er nicht nur das letzte Wochenende. Seine Gedanken schweiften weiter in die Vergangenheit.

     Faith schwieg. Offenbar verstand sie nicht, warum er sich so mit Vorwürfen quälte. Wie sollte sie es auch verstehen?

     „Früher habe ich immer mit Eriks Mutter Schach gespielt“, sagte er leise. „Sogar bei unserer ersten Verabredung.“ Er hatte Karten fürs Ballett besorgt, um die Kunstliebhaberin zu beeindrucken. Letztlich waren sie stattdessen im Stadtpark gelandet und hatten die Felder einer karierten Decke als Schachbrett und Brotstückchen als Spielfiguren benützt.

     „Tut mir leid“, erwiderte Faith betroffen. „Das wusste ich nicht.“

     Wie sollte sie? Es ging auch nicht darum, dass es ihn störte, eine andere Frau mit seinem Sohn Schach spielen zu sehen. Im Gegenteil. Der Anblick von Erik und Faith erzeugte jedoch Gefühle in ihm, auf die er kein Recht hatte. Nein, er hatte keinerlei Recht mehr auf irgendwelche Gefühle. Umso schlimmer, dass er in Faiths Nähe von Mal zu Mal alles intensiver fühlte. Als ob er noch am Leben wäre …

     „Es liegt nicht an Ihnen“, sagte er schroff, „sondern daran …“

     „… dass Sie Ihre Frau vermissen.“

     Cameron schloss die Augen. Er hatte Laura geliebt, doch er hatte sein Leben erst nach ihren Wünschen geändert, als sie nicht mehr lebte und es bereits zu spät war. Vermisste er sie? Nicht einmal das wusste er mehr mit Sicherheit.

     „Ich brauche dringend einen Kaffee“, sagte er bloß.

     „Sie sehen eher so aus, als müssten Sie sich mal ordentlich ausschlafen“, entgegnete sie. „Wie ich Sie einschätze, sind Sie rund um die Uhr bei Erik geblieben?“

     „Ja, weil das meine Aufgabe ist.“

     „Die Sie bestimmt sagenhaft gut erfüllen können, wenn Sie aus Schlafmangel fast schon im Koma liegen!“

     „Ich habe geschlafen.“

     „Wo denn?“

     „Auf einer Liege in Eriks Zimmer.“

     „Das muss ja sehr bequem gewesen sein“, stellte sie fest, nachdem sie ihn eingehend gemustert hatte. „Haben Sie ihn deshalb in einem Erste-Klasse-Zimmer untergebracht? Damit Sie ständig bei ihm sein können?“

     Das Erste-Klasse-Zimmer hatte er verlangt, weil man das in der Familie Stevenson eben so machte. Als ihm damals mit sieben die Mandeln herausgenommen wurden, hatten ihm seine Eltern sogar eine private Krankenschwester besorgt.

     „Holen Sie sich einen Kaffee, Cameron“, forderte Faith ihn auf. „Und essen Sie etwas. Ich bleibe solange bei Erik – falls Sie ihn mir anvertrauen.“

     „Es geht nicht um Vertrauen“, erwiderte er heftig.

     „Worum dann?“

     Wie sollte er ihr erklären, dass er jedes Mal fast in Panik geriet, wenn er seinen Sohn nicht mit eigenen Augen sah?

     Faith merkte ihm den inneren Kampf an. „Wie trinken Sie ihn?“, fragte sie schließlich.

     „Wen?“

     „Ihren Kaffee. Keine Widerrede“, kam sie ihm zuvor. „Wenn ich schon hier bin, kann ich mich auch nützlich machen. Wenn es recht ist, bringe ich Erik einen Milchshake mit.“

     „Warum tun Sie das alles?“, fragte er.

     Die Frage hing zwischen ihnen. Irgendwo in der Nähe klapperte ein Medikamentenwagen auf dem gefliesten Boden. Musik drang aus einem Zimmer. Die Kinderstation war in fröhlichen Farben gehalten, aber es war und blieb ein Krankenhaus. Dennoch hatte Faith sich – wie ihr Bruder schon festgestellt hatte – hergewagt und war sogar über die Caféteria hinausgekommen. Erneut und diesmal sogar freiwillig.

     „Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, warum ich das tue“, erwiderte sie. „Vielleicht liegt es daran, dass Erik ein toller Junge ist.“

     „Das ist er“, bestätigte Cameron. „Schwarz und ohne Zucker.“

     „Ich lade Sie ein“, wehrte sie ab, als er nach der Brieftasche griff, und machte sich auf den Weg, bevor ihr der Verstand sagte, dass es verrückt war, sich mit einem so komplizierten, verstockten Mann wie Mister Stevenson einzulassen.

     Sie fühlte Camerons Blick im Rücken, bog um die nächste Ecke des Korridors und blieb stehen. Erst jetzt atmete sie tief durch. Das Herz schlug ihr bis zum Hals herauf und beruhigte sich auf dem Weg zur Caféteria kaum. Nun ja, wenigstens wäre sie gleich am richtigen Ort, falls sie einen Herzinfarkt bekam.

     Sie hatte sich wieder einigermaßen unter Kontrolle, als sie mit dem Tablett Eriks Zimmer betrat. Ihr Bruder wäre sicher nicht erfreut gewesen, dass sie dem Jungen einen großen Schoko-Milchshake, Hamburger und Pommes frites brachte, aber die Freude des Kleinen überwog bei Weitem den Ärger, den Chris ihr machen konnte. Und auch Cameron erhob keine Einwände, als sie ihm einen Becher Kaffee und einen Teller mit Roastbeef plus Beilagen reichte.

     „Woher wussten Sie, dass ich Roastbeef mag?“

     „Ein Zufallstreffer“, behauptete sie. Wozu sollte sie verraten, dass sie die Kassiererin gefragt hatte, ob der allseits bekannte Lehrer und Trainer Stevenson außer Hackbraten noch andere Vorlieben hatte? „Essen Sie, bevor es kalt wird.“

     „Und was ist mit Ihnen, Faith?“, fragte Erik und schob sich eine Fritte in den Mund.

     „Ich treffe mich mit einer Freundin zum Abendessen.“

     „Dann gehen Sie schon? Oder können wir noch eine Partie spielen?“

     „Du hast mich bereits zwei Mal geschlagen. Wir spielen ein andermal.“

     „Ja, nachdem Sie mir Schlittenfahren beigebracht haben. Sie können doch Schlittenfahren, oder?“

     „Stellst du meine Fähigkeiten infrage, weil ich ein Mädchen bin?“, fragte sie lachend. „Ja, ich kann Schlittenfahren, auch Snowboard. Ich bin allerdings nicht sonderlich gut darin, sondern habe lieber Skier an den Füßen.“

     „Dad fährt gern Ski, nicht wahr, Dad?“

     „Und was ist mit dir?“, fragte Faith.

     Erik schüttelte den Kopf. „Habe ich noch nie versucht. Dad war vor Weihnachten Skilaufen, nicht wahr, Dad?“

     „Und was hast du solange gemacht?“

     Erik verdrehte die Augen. „Ich habe Großmutter und Großvater in Denver besucht, und sie haben mich zu einer … Party geschleppt.“

     Party. Das klang aus seinem Mund nach einem grausamen Schicksalsschlag. Faith fragte sich, ob Cameron allein zum Skilaufen verreist war oder in Gesellschaft. Möglicherweise mit einer Frau. Hatte er deshalb seinen Sohn nicht dabeigehabt? Prompt verschlechterte sich ihre Laune.

     „Also, ich muss jetzt zu meiner Verabredung.“ Sie hielt Erik die Hand hin, und er schlug nach Football-Manier dagegen. „Pass auf dich auf, Kleiner“, fügte sie hinzu, ließ den Blick über den Vater des Jungen gleiten und verließ den Raum.

     Hastig strebte sie dem Ausgang zu. Doch vor dem großen Fenster der Babystation, durch das man die Bettchen sah, blieb sie stehen.

     Eine Schwester saß in einem Schaukelstuhl und hielt ein winziges Baby in den Armen.

     Ein mitgenommen aussehender junger Mann trat neben Faith und blickte mit einer Mischung aus Unglauben und Hingabe in den Raum.

     „Welches ist Ihres?“

     Er zeigte nach rechts. „Das Mädchen da im letzten Bettchen. Dabei habe ich nicht mal einen Namen für ein Mädchen ausgesucht. Meine Frau war völlig überzeugt, dass es ein Junge wird.“

     „Gratuliere“, sagte Faith.

     „Danke. Und welches gehört zu Ihnen?“

     Sie schüttelte den Kopf. „Keins. Ich wollte nur einen Blick auf diese kleinen Wunder werfen und staunen.“

     „Meine Frau hat das auch gemacht, bevor sie schwanger wurde“, erwiderte er und legte die Hand ans Fenster. Die Schwester bemerkte ihn und gab ihm einen Wink, und er fiel fast über seine Füße, so eilig hatte er es, zu seiner Tochter zu gelangen.

     Faith wandte sich seufzend ab, als die Schwester dem Mann einen Schutzkittel reichte und das Baby aus dem Bettchen hob.

     Mehr als bestaunen konnte sie nicht …

 

„Glaubst du, sie hat einen Freund?“

     Cameron stützte die Füße gegen Eriks Bett. Im Fernsehen wurde gerade ein Basketball-Spiel übertragen. „Ob wer einen Freund hat?“, fragte er, obwohl klar war, wen Erik meinte.

     „Na, komm schon, Dad!“

     „Ich habe keine Ahnung, ob Mrs. Taylor einen Freund hat.“ Die Frage hatte er sich auch schon gestellt, doch das verriet er natürlich nicht seinem neugierigen Sohn.

     „Du könntest Dr. Taylor fragen“, schlug Erik vor. „Der weiß das, weil sie seine Schwester ist. Wie ist es, wenn man eine Schwester hat?“

     „Das kann ich dir auch nicht sagen“, erwiderte Cam. „Ich habe keine.“

     „Hat meine Mom eine Schwester gehabt?“

     Cam wandte sich vom Fernseher ab und sah seinen Sohn an. „Nein, deine Mutter war auch ein Einzelkind.“

     „Und ich kann morgen bestimmt heimgehen?“

     Cam hatte sich schon längst daran gewöhnt, dass sein Sohn von einem Thema zum nächsten sprang, und nickte bloß.

     „Gut. Aber in die Schule muss ich noch nicht, oder?“

     Cam warf Erik einen warnenden Blick zu.

     „Wenn ich Tommy Bodecker auf dem Gang sehe, verhaue ich ihn.“

     Auch darauf ging Cam nicht weiter ein. Sein Sohn tat nicht einmal Käfern etwas zu Leide, sondern sammelte sie und gab ihnen Namen. Er würde niemals gegen jemand die Hand erheben, das wusste er.

     „Sie ist echt hübsch, nicht wahr?“

     „Ja.“

     „Aber nicht so hübsch wie Mom?“

     Cam schloss die Augen, sah jedoch Laura nicht so klar und deutlich vor sich, wie er sollte. „Deine Mom hatte pechschwarzes Haar und dunkelblaue Augen“, erwiderte er und blickte wieder zum Fernseher. Laura war knapp eins fünfzig gewesen und hatte eine sagenhafte Figur gehabt. Wollte er sie küssen, hatte er sie einfach hochgehoben.

     Bei Faith hätte er sich nur hinunterbeugen müssen. Sie reichte ihm bis zur Schulter, und wenn sie ihm entgegenkam …

     „Ich weiß“, sagte Erik. „Ich habe ein Bild von Mom in meinem Zimmer. Faith ist irgendwie … ganz golden.“

     Golden. Das traf es. „Ja. Trink noch was von dem Milchshake!“

     „Ja“, versicherte Erik und griff rasch nach dem Becher.

     Cam war froh, seinen Sohn abgelenkt zu haben, und konzentrierte sich erneut auf das Spiel. Nur schade, dass er sich selbst nicht so leicht ablenken konnte.

     Faith war tatsächlich golden. Schimmerndes blondes Haar, leuchtende braungrüne Augen, zart goldgetönte Haut, die ganz glatt war und …

     Wo sollte das bloß hinführen?

 

An diesem Freitagabend waren sämtliche Plätze in der Sporthalle der Highschool besetzt. Immerhin ging es um das Halbfinale der Landesmeisterschaft in Basketball.

     Todd Gilmore stand an der Foul-Linie und bereitete sich auf seinen zweiten Freiwurf vor, mit dem seine Mannschaft ein Unentschieden erreichen würde. Die Spielzeit betrug nur noch neunzig Sekunden.

     Die Leute trampelten und schrien Gilmores Namen. Faith spähte von der zweitletzten Reihe zu Cameron hinunter, der sich ausschließlich auf die Spieler konzentrierte. Die Ärmel des weißen Hemdes hatte er hochgerollt, die graue Krawatte gelockert. Das dichte Haar war zerzaust.

     Todd warf, und der Ball landete in einem perfekten Bogen im Korb. Die Zuschauer tobten.

     Erik stand hinter seinem Vater auf der Bank und reckte die Arme hoch. Faith wusste, dass er planmäßig aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Sie hatte am Mittwoch mit ihrem Bruder in der Caféteria ein Sandwich gegessen und danach auf dem Parkplatz von ihrem Wagen aus die beiden gesehen.

     Aus Feigheit – oder Vernunft – hatte sie sich nicht bemerkbar gemacht. Erik hatte sie jedoch entdeckt und gewunken, dass sie schon gefürchtet hatte, er könnte aus dem Rollstuhl fallen, in dem er bis zum Wagen seines Vaters sitzen musste.

     Jetzt konnte Faith den Blick nicht von Eriks Dad wenden. Cameron klatschte in die Hände, rief seinen Spielern etwas zu, blickte auf die Uhr. Die Leute sprangen auf und schrien ohrenbetäubend. Wie lang waren neunzig Sekunden?

     Faith presste die Faust an den Mund und fieberte mit den anderen. Bobby Romano war auch hier und sah finster zu seinem Sohn Danny, der noch immer auf der Ersatzbank saß.

     Der Ball wanderte von Spieler zu Spieler. Die Sekunden tickten dahin. Noch zwölf, elf, zehn …

     „Vorwärts, vorwärts!“ Faith sah angestrengt zu Cameron. Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt und die Beine gespreizt, als könnte er allein durch Willenskraft seiner Mannschaft helfen.

     Sieben, sechs, fünf …

     Der Ball flog, sprang vom Rand des Korbes ab.

     Spieler kämpften um den Ball.

     Noch ein Wurf.

     Der Ball war im Netz, der Summer ertönte.

     Die Menge schrie auf. Leute strömten aufs Spielfeld.

     Cams Mannschaft hatte gewonnen!

     Faith stieß den Atem aus. Sie hatte Herzklopfen und musste sich setzen.

     „Tolles Spiel!“, rief der Mann neben ihr. „Ganz tolles Spiel! Das erste Mal in siebzehn Jahren, dass wir es in die Endrunde geschafft haben!“

     Lachend blickte sie zu Cameron. Er hatte Erik auf die Schultern gehoben, und der Junge winkte nach allen Seiten. Eltern und Spieler drängten sich jubelnd um den Trainer. Faith griff nach ihrem Mantel und ging die Stufen hinunter.

     „Faith! Faith!“ Erik überschrie sogar das allgemeine Stimmengewirr.

     Sie winkte ihm zu. Die Spieler jubelten und schlugen sich gegenseitig auf die Schultern. Faith lachte mit ihnen, kam jedoch nur bis zur zweiten Reihe voran. „Gutes Spiel!“, rief sie dem Jungen zu.

     Erik strahlte übers ganze Gesicht. „Wann fahren wir Schlitten?“

     Sie zuckte mit den Schultern. „Das muss dein Vater entscheiden.“

     Erik strampelte, um seinen Dad auf sich aufmerksam zu machen. Cameron hob ihn von den Schultern und stellte ihn auf die Sitzbank vor Faith.

     „Haben Sie mich winken gesehen, als ich aus dem Krankenhaus gekommen bin?“

     Faith kniete sich auf die Bank, um näher bei Erik zu sein. „Du hast doch gesehen, dass ich zurückgewunken habe, oder?“

     „Warum sind Sie nicht zu mir gekommen?“

     Sie holte ihren Piepser hervor und zeigte ihn ihm. „Ich hatte einen Einsatz wegen eines verirrten Skifahrers.“ Das stimmte sogar, und sie hatte sich auf dem Parkplatz des Krankenhauses ohnedies länger aufgehalten, als sie eigentlich sollte.

     „Haben Sie ihn auch gerettet wie mich?“

     „Er war viel leichter zu finden als du“, versicherte sie.

     „Haben Sie gehört, dass Gold in der Mine gefunden wurde, und das nur, weil ich hineingefallen bin?“

     „Das wird Tommy Bodecker bestimmt ärgern“, erwiderte sie lachend.

     Erik griff nach ihrer Hand und musste schreien, damit sie ihn verstand. „Sie müssen mit uns ins Hitching Post kommen. Dad nimmt mich sonst nie mit, aber heute darf ich, weil wir gewonnen haben. Er hat gesagt, dass ich sein Glücksbringer bin, und darum darf ich mitgehen.“

     „Ein Glücksbringer sollte selbstverständlich immer nach dem Spiel an der Feier teilnehmen.“

     „Also, kommen Sie mit?“

     Sie wollte schon ablehnen, doch nun beugte sich auch Cameron zu ihr. Offensichtlich hatte er ihre Unterhaltung genau verfolgt. „Begleiten Sie uns!“

     Prompt bekam sie wieder Herzklopfen. Wahrscheinlich war das nur die Überraschung, dass der Mann plötzlich so freundlich war. Herzklopfen wegen Überraschung? Wem wollte sie bitte schön etwas vormachen?

     „Wir gehen alle hin“, fügte er hinzu. „Außerdem schulde ich Ihnen ein Abendessen.“ Er hob eine große Sporttasche hoch und hängte sie sich über die Schulter. „Was halten Sie davon?“

     „Bitte“, drängte Erik und zog an ihrem Arm.

     Er ist ein Familienmensch … ein Familienmensch … ein Familienmensch …

     „Ja, natürlich gern“, entschied sie und ignorierte die innere Stimme.

     „Dann treffen wir uns dort“, sagte Cameron. „Los, Erik, beeil dich!“

     Faith sah den beiden nach und hatte noch immer Herzklopfen. Dabei war sie nicht einmal sicher, ob Cameron sich nun über ihre Zusage gefreut hatte oder nicht. Tanya tauchte neben ihr auf. „Das ist ein umwerfend gut aussehender Mann“, stellte sie mit einem viel sagenden Lächeln fest.

     Faith drehte sich zu ihrer Freundin um. „Ich wusste gar nicht, dass du hier bist.“

     „Und ich wusste nicht, dass du hier bist“, erwiderte Tanya. „Also, was läuft da?“

     „Gar nichts. Hast du heute Abend den Laden geschlossen?“

     „Ja. Wozu sollte ich ihn offen haben, wenn alle Sportbegeisterten ohnehin hier sind? Derek ist im Dienst, und Toby bleibt über Nacht bei einem Freund. Das alles habe ich neulich bei unserem gemeinsamen Abendessen erwähnt, bei dem du mir etwas unkonzentriert vorkamst und bei dem du deinerseits nicht erwähnt hast, dass du heute Abend zu dem Spiel kommen würdest.“

     „Das hatte ich auch nicht vor“, behauptete Faith.

     „Aber dann konntest du einfach nicht widerstehen, nicht wahr?“ Tanya stieß sie an, als sie nicht antwortete. „Hey, ich ziehe dich nur auf. Ich finde es nämlich sehr schön, dass du endlich Interesse an einem Mann zeigst. Nachdem du dich von Jess getrennt hast …“

     „Ich bin nicht an Cameron interessiert“, warf Faith hastig ein.

     Tanya sah sie bloß an und glaubte offenbar kein Wort.

     Gemeinsam verließen sie die Sporthalle und folgten den anderen Leuten, die zu ihren Wagen gingen.

     „Er ist nicht der richtige Mann für mich“, sagte Faith.

     „Wieso das denn nicht?“ Tanya versperrte ihr den Weg. „Hör mal, wir sind Freundinnen. Du kannst offen mit mir sprechen.“

     „Ich bin an gar keinem Mann interessiert. Noch nicht“, fügte sie hinzu.

     Tanya hakte sie unter. „Na ja, das ist wenigstens etwas. Willst du auf Kaffee und Kuchen zu mir kommen? Derek hat an seinem freien Tag gebacken. Schokolade, bis der Arzt kommt. Es schmeckt himmlisch.“

     „Das klingt verlockend.“ Dereks Fähigkeiten in der Küche waren allseits bekannt. Darum musste er auch stets bei der Feuerwehr kochen, wenn er im Dienst war. „Ich kann aber leider nicht“, erklärte sie und holte die Schlüssel hervor.

     „Hast du morgen Frühschicht?“

     „Nein.“

     „Hm.“ Tanya musterte sie erneut sehr gründlich. „Also, was läuft?“

     Faith öffnete die Wagentür und warf die Tasche hinein. „Ich … also, ich habe Erik versprochen, dass ich nach dem Spiel ins Hitching Post komme.“

     „Hast du es Erik oder Eriks sagenhaft aussehendem Daddy versprochen?“

     „Tanya …“

     Ihre Freundin lachte. „Ist ja schon gut. Ich lasse dich in Ruhe, wenn du mir demnächst gestehst, dass du auf Cameron Stevenson wild bist. Dafür brauchst du dich übrigens nicht zu schämen. Es gibt hässlichere Männer als ihn. Genieße dein Leben!“ Sie ging weg, drehte sich aber nach einigen Schritten noch ein Mal um. „Ach ja, ich will alle Einzelheiten erfahren!“

     Faith wurde rot, und Tanya lachte und wich den langsam fahrenden Wagen aus. Faith stieg ein, blieb jedoch zehn Minuten am Steuer sitzen, bis auf dem Parkplatz nicht mehr viel Betrieb herrschte. In diesen zehn Minuten überlegte sie ernsthaft, ob sie nicht doch nach links abbiegen und heimfahren sollte.

     Als sie den Parkplatz schließlich verließ, fuhr der Wagen scheinbar wie von selbst nach rechts.

     Das Hitching Post war vor hundert Jahren ein beliebter Saloon gewesen und befand sich in der Altstadt in der Nähe des Rathauses. Da der Parkplatz hinter dem Gebäude bereits voll war, parkte Faith ein Stück weiter auf der Straße.

     Drinnen entdeckte sie den kleinen Erik sofort. Er saß auf einem Barhocker an der Theke, die noch aus dem Saloon stammte, und war dadurch so groß wie die Spieler.

     Country-Musik dröhnte. Faith musste sich einen Weg zwischen den Leuten bahnen, die an den hohen runden Tischen standen, und wäre beinahe von einem jungen Mann umgerannt worden, der ein Stück zurückwich.

     Er hielt sie fest. Sie lächelte über seine Entschuldigung, drehte sich um und stand Cameron gegenüber. Sein Anblick genügte, um sie erneut aus dem Gleichgewicht zu bringen.

     „Ich habe mich schon gefragt, ob Sie überhaupt noch auftauchen“, sagte er und griff nach ihrem Arm. „Kommen Sie! Ich habe da drüben einen Tisch.“

     Sogar durch den Mantel hindurch lösten seine Finger ein Prickeln auf ihrer Haut aus, und während er sich einen Weg zu ihrem Tisch bahnte, holte sie tief Atem, um sich wieder zu fangen.

     Der Tisch befand sich in einer Ecke des Raums. Eine große Schale mit Nachos stand darauf. Cam hob Erik vom Barhocker, trug ihn zum Tisch und setzte ihn auf einen Stuhl. Der Junge strahlte und lachte, und seine gute Laune wirkte dermaßen ansteckend, dass Faith sich allmählich entspannte.

     Sie setzte sich auf den Stuhl, den Cameron ihr zurechtrückte, und zuckte zusammen, als er ihr die Hände auf die Schultern legte.

     „Ihr Mantel“, sagte er, als sie zu ihm hochblickte.

     Natürlich, er wollte nur höflich sein. Rasch öffnete sie den dunkelblauen Wollmantel und zog ihn aus, und Cameron legte ihn auf den vierten Stuhl, auf dem schon andere Kleidungsstücke lagen.

     Cameron setzte sich ebenfalls und stieß dabei gegen ihre Beine, obwohl der Tisch groß war. „Entschuldigung“, sagte er.

     Faith griff hastig nach einer Speisekarte und betrachtete sie, obwohl sie schon so oft im Hitching Post gegessen hatte, dass sie das Menü auswendig hersagen konnte. „Haben Sie und Erik schon bestellt?“

     „Nur das hier“, erwiderte Cameron und zog einige knusprige Nachos unter dem geschmolzenen Käse hervor, mit dem sie überzogen waren.

     Faith sah gebannt zu, wie er die Nachos in den Mund schob und den Daumen ableckte, bevor er die Hände an der Serviette abwischte.

     „Möchten Sie was trinken?“ Die zierliche Latina kellnerte erst seit wenigen Wochen im Hitching Post. Sie war der Schwarm sämtlicher männlicher Gäste unter zwanzig.

     Faith warf einen Blick auf Camerons Bier und Eriks Limonade. „Ich nehme ein Wasser.“

     „Kommt sofort“, sagte die Kellnerin und eilte weiter.

     Trotz der vielen Leute und des Lärms im Lokal fühlte Faith sich mit Cameron und Erik am Tisch irgendwie sehr privat. Erik schlürfte die Limonade durch einen Trinkhalm, und Cameron widmete sich hingebungsvoll den Käsenachos.

     „Das war ein tolles Spiel heute Abend“, stellte sie fest und legte die Speisekarte weg.

     Cameron warf ihr einen kurzen Blick zu. „Ja. Und es hat mich gewundert, dass Sie gekommen sind. Bisher habe ich Sie noch nie bei einem Spiel gesehen.“

     Das war ihm also aufgefallen? „Ich habe mich von der allgemeinen Aufregung in Thunder Canyon anstecken lassen. Jetzt geht es also zum Endspiel. Sie haben viel erreicht.“ Seine Wimpern waren sagenhaft dicht und lang.

     „Mir wäre es lieber, wenn die Jungs bessere Noten in Mathe hätten“, erwiderte er trocken. „Basketball ist schließlich nur ein Spiel.“

     „So etwas sollten sie in der Öffentlichkeit nur sehr leise sagen“, warnt sie. „In der Vergangenheit von Thunder Canyon hat es Fälle von Lynchjustiz gegeben.“

     Cameron lächelte ihr zu. Was für ein Lächeln, und wie nahe er ihr war! Zum Glück kam die Kellnerin mit dem Wasser an den Tisch, nahm die Bestellung auf und eilte weiter.

     „Und wann ist das Endspiel? Nächsten Freitag?“, fragte Faith.

     Cameron hatte sich wieder gefangen und schüttelte den Kopf. „Da ist spielfrei. Das Finale findet erst die Woche darauf statt. Reiner Aberglaube, aber niemand wollte ein Spiel an einem Freitag den Dreizehnten ansetzen.“

     An das Datum hatte sie gar nicht gedacht. „Ich nehme an, Sie haben früher selbst Basketball gespielt?“

     Cameron nickte und stand auf, als Bürgermeister Brookhurst ihm auf den Rücken klopfte und zu dem großartigen Spiel gratulierte. „Das Lob gebührt der Mannschaft allein“, wehrte Cam ab. „Die Jungs haben sich schließlich angestrengt.“

     „Nicht so bescheiden, Trainer.“ Der Bürgermeister strahlte vor Zufriedenheit. „Wenn man bedenkt, was Sie bei einem Haufen Jugendlicher erreicht haben, was könnten Sie da nicht alles im Stadtrat machen.“

     Cameron lächelte zwar, doch auf Faith wirkte es erzwungen.

     „Ich überlege es mir“, erwiderte er bloß.

     Der Bürgermeister setzte seinen Weg fort, mischte sich unter die Leute und tat, als wäre ihm der heutige Erfolg zu verdanken. Faith lachte, weil Erik unruhig auf seinem Sitz hin und her rutschte. „Du bist wie eine mexikanische Springbohne. Vielleicht sollte ich dich Juan nennen.“

     „Ich habe noch nie mexikanische Springbohnen gehabt, aber Susie in der Schule schon. Der Lehrer hat sie ihr weggenommen, weil sie damit im Unterricht gespielt hat. Die sind echt cool. Dad, waren wir schon mal in Mexiko?“

     Cameron schüttelte den Kopf, setzte sich wieder und holte einige Münzen aus der Tasche. „Zur Feier des Tages darfst du ein bisschen an die Videospiele gehen.“

     „Cool!“ Erik schnappte sich die Münzen und lief zu den Automaten hinter ihrem Tisch.

     Cameron sah ihm nach, ehe er sich wieder an Faith wandte. „Mit einem Bruchteil seiner Energie könnte ich meine sechste Unterrichtsstunde am Tag gehörig beleben“, bemerkte er und schob ihr die Schale mit den Nachos hin. „Nehmen Sie!“

     Oh ja, sie hatte Appetit. Ein Appetit, der sich leider nicht nur auf Essbares beschränkte, sondern mit diesem Mann zu tun hatte, der ihr gegenüber saß und einfach umwerfend aussah. Nein, sie sollte sich mit den Nachos begnügen. Basta.

     „Wie waren Sie in der Schule?“, erkundigte er sich.

     „Nur darauf aus, endlich damit fertig zu werden“, entgegnete sie und tastete nach der Serviette. „Ich konnte gar nicht schnell genug aus Thunder Canyon verschwinden. Damals war ich überzeugt, dass man hier nicht richtig leben kann.“

     „Sie waren eben sehr jung, und die Stadt ist klein. Was haben Sie gemacht?“

     „Ich ging nach New Mexico ans College, lernte jemanden kennen, machte meinen Abschluss, habe geheiratet und wurde geschieden.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Nicht sonderlich interessant“, fügte sie hinzu, obwohl es ihr ganzes Leben verändert hatte. „Und Sie?“, fragte sie, als er sie bloß schweigend betrachtete. „Was hat Sie nach Thunder Canyon verschlagen? Habe ich richtig gehört, dass Sie aus Colorado kommen?“

     „Aus Denver. Meine Frau fuhr mal durch Thunder Canyon und verliebte sich in die Stadt.“

     „Und deshalb sind Sie hergezogen?“ Ihr Mann Jess hatte nie etwas getan, nur weil sie es wollte. Cameron hatte seine Frau offenbar sehr geliebt.

     „Sie hatte gerade Erik bekommen und wollte ihn lieber hier als in der Großstadt aufwachsen lassen.“

     „Eigentlich habe ich Denver nie als richtige Großstadt betrachtet.“

     „Das lassen Sie besser mal nicht die Leute von Denver hören“, erwiderte er amüsiert.

     „Na ja, verglichen mit Thunder Canyon ist Denver wirklich eine Metropole“, meinte sie und griff nach ihrem Glas. „Habe ich das vorhin richtig verstanden? Sie werden sich für einen Sitz im Stadtrat bewerben? Ich habe bemerkt, dass Sie immer bei allen Sitzungen im Publikum sind.“

     „Sie auch.“

     „Ja, aber bei mir hat es berufliche Gründe. Die SAR muss wissen, was in der Stadt läuft. Wir sind auf städtische Mittel angewiesen und können nur so erfolgreich arbeiten, weil die Städte uns unterstützen und uns zum Beispiel Büroraum und alles Mögliche zur Verfügung stellen. Wenn die städtischen Finanzen beraten werden, geraten wir jedes Mal ins Schwitzen.“

     „Der Stadtrat unterstützt die Anwesenheit Ihres Teams.“

     „Stimmt“, bestätigte sie. „Nur ein paar Leute bei der Polizei sind nicht sonderlich über meine Anwesenheit erfreut, aber letztlich klappt es immer irgendwie.“

     „Ich bin jedenfalls sehr froh, dass Sie im richtigen Moment hier waren“, sagte er und griff nach ihrer Hand.

     Für einen Moment blieb ihr das Herz fast stehen, als er mit dem Daumen über den Handrücken strich. Sogar der Lärm um sie herum rückte in weite Ferne. Doch dann zog Cameron sich wieder zurück und nahm sich ein Nacho.

     Verdammte Nachos!

     Faith legte die Hände in den Schoß und rieb die Stelle, die von der Berührung prickelte. Ein hocherfreuter Vater kam nun an den Tisch und klopfte Cameron auf den Rücken. Danach stürmte Erik zu ihnen und brachte einen etwas kleineren Jungen mit.

     „Hey, Dad, kann ich heute Nacht bei Josh bleiben? Seine Mom ist da drüben, und sie hat gesagt, dass ich darf.“

     Cameron schüttelte sofort den Kopf, ohne zu überlegen. „Sehr nett von Mrs. Lampson, aber das kommt nicht infrage.“

     Erik ließ enttäuscht die Schultern hängen. „Och, Dad!“

     Unter Camerons Blick verstummte der Junge sofort. „Hast du schon das ganze Geld verspielt?“

     „Nein.“

     „Dann geh noch mal, bevor das Essen kommt.“

     Erik nickte und entfernte sich geknickt mit Josh. Cameron sah Faith nicht an, sondern widmete sich ausschließlich den Nachos.

     „Entschuldigen Sie mich, ich komme gleich wieder.“

     Faith stand auf und fühlte Camerons Blick im Rücken, als sie Erik folgte. Er warf schmollend Münzen in ein Spielgerät.

     „Morgen habe ich etwas Zeit“, erklärte sie ihm und ging in die Hocke. „So gegen zehn. Dann könnten wir den Schlitten ausprobieren. Was hältst du davon, kleine Springbohne?“

     „Ehrlich?“, fragte Erik, und seine Augen, die sie so stark an seinen Vater erinnerten, leuchteten auf.

     „Ehrlich“, bestätigte sie und hielt die Hand hoch. Erik schlug dagegen, und während das Spielgerät gurgelnde und fiepende Laute von sich gab, kehrte sie an den Tisch zurück.

     „Worum ging es denn?“

     „Ich habe Erik angeboten, morgen mit ihm Schlitten zu fahren – sofern Sie das nicht auch ablehnen.“

     „Sie finden, ich sollte ihn bei den Lampsons übernachten lassen?“

     „Wäre das denn so schlimm?“

     „Maria Lampson arbeitet als Nachtschwester. Von Mitternacht bis acht Uhr morgens lässt sie Josh allein daheim bei seiner zwölfjährigen Schwester. Sie werden also verstehen, warum ich finde, dass Erik dort nicht übernachten sollte.“

     „Das wusste ich nicht.“

     „Jetzt schon.“

     Ihre Blicke trafen sich. Keiner sagte etwas, bis die Kellnerin mit einem Tablett an den Tisch kam.

     Erik war blitzschnell da und stürzte sich auf seinen Hamburger. „Faith fährt morgen mit mir Schlitten“, verkündete er, während ihm Ketchup übers Kinn lief.

     Cam sah zu, wie Faith seinem Sohn die Serviette gab. Erik griff danach, ohne sich wie sonst zu beschweren, wenn er eine Serviette benützen sollte.

     „Wir können doch auf dem Hang hinter unserem Haus fahren, nicht wahr, Dad? Der ist lang genug.“

     Der Hang war so steil, dass Cameron Bedenken hatte, seinen Sohn dort Schlitten fahren zu lassen, doch Faith sah ihn erwartungsvoll an. „Ja. Er ist lang genug.“

     Faith lächelte, und Cameron konnte den Blick nicht von ihren Lippen wenden. Er hätte gern gewusst, ob sie so weich waren, wie sie aussahen. Doch es war nicht an ihm, das herauszufinden.

     Schnell sah er weg, nur um festzustellen, dass die „Lästigen Drei“, wie er sie insgeheim nannte, gerade zielstrebig auf seinen Tisch zusteuerten. In den stark geschminkten Augen von Tiffany Scherer, Amber Wells und Krista Decker funkelte pure Entschlossenheit. Sie waren hübsche Mädchen mit eindeutig zu viel Zeit. Cam murmelte eine Verwünschung.

     Faith beugte sich zu ihm. „Was ist?“

     Hastig griff er nach ihrer Hand und zog sie hoch. „Tanzen Sie mit mir!“

     „Wie bitte?“, fragte sie verblüfft und ließ die Serviette zu Boden fallen. Erik riss die Augen weit auf.

     „Tanzen Sie mit mir“, wiederholte er und zerrte Faith geradezu zu der fast freien Tanzfläche, nahm sie in die Arme und blickte über ihren Kopf zu den jungen Mädchen. Die drei waren verdutzt stehen geblieben.

     „Der Himmel möge ihren Vätern beistehen“, murmelte er.

     Faith betrachtete ihn, als hätte er den Verstand verloren, und vielleicht stimmte das sogar. Unter ihrem bronzefarbenen Rollkragenpullover, der den Goldton ihres Haars hervorhob, und durch die enge braune Jeans, die ihre Beine noch länger als sonst erscheinen ließen, konnte er jeden Zentimeter ihres Körpers spüren. Er sollte sich fernhalten von Faith – anstatt sie an sich zu drücken.

     „Wessen Vätern?“, fragte sie neugierig.

     „Den Vätern von den drei Mädchen da“, erklärte er und drehte Faith so, dass sie die Mädchen sah. „Wissen Sie, wie das ist, wenn man von drei Siebzehnjährigen gejagt wird? Ein Albtraum!“

     „Die Mädchen schwärmen für Sie?“, fragte Faith lachend.

     „Das weiß ich nicht“, gestand er verlegen. „Aber sie tauchen ständig in meiner Nähe auf. Allmählich wird das zum Problem.“

     „Weil Sie die drei mögen?“

     „Ich bitte Sie!“, wehrte er energisch ab. „Das sind doch noch Kinder.“

     Ihre Hand glitt auf seine Schulter, und ihre Beine berührten seine Schenkel, während sie sich langsam auf der winzigen Tanzfläche bewegten. „Armer Mann.“

     „Sie würden das nicht so lustig finden, wären Sie das Opfer. In letzter Zeit bringen die drei mir täglich Blaubeer-Muffins in die Schule. Dabei mag ich Blaubeeren gar nicht.“

     „Ach ja, muss das schlimm sein“, erwiderte sie lachend. „Nun, ich würde das wahrscheinlich auch nicht lustig finden. Andererseits, wer weiß. Aber da sich weder junge noch erwachsene Männer je um mich gedrängt haben, kann ich Ihnen leider auch gar keinen Ratschlag geben.“

     Faith war nie umschwärmt worden? Das erschien Cam unbegreiflich. „Wenigstens unterrichte ich die drei in diesem Schuljahr nicht“, bemerkte er, während die Mädchen wieder im Getümmel verschwanden. „Ich weiß nicht, wie ich sie noch entmutigen sollte.“

     „Legen Sie sich eine Freundin zu“, schlug Faith vor.

     „Ich bin ein …“ Er stockte, weil er beinahe gesagt hätte, dass er ein verheirateter Mann war. Das stimmte nicht mehr. Er war allein. Und im Moment hielt er eine sehr schöne und sehr lebendige Frau in den Armen und genoss ihre Nähe.

     „Was sind Sie?“

     „Hungrig“, erwiderte er knapp. „Und unser Essen wird kalt“, fügte er hinzu und führte sie an den Tisch zurück.

     Wenigstens hatte er erreicht, dass ihn die Mädchen vorerst in Ruhe ließen. Leider waren dabei auch Wünsche geschürt worden, die er bisher verdrängt hatte.

     „Ich habe dich noch nie tanzen gesehen, Dad.“

     „Iss deinen Hamburger auf, Erik.“

     „Aber …“

     „Danach kannst du noch Nachtisch bestellen.“

     Erik bekam leuchtende Augen, stopfte sich fast den ganzen restlichen Hamburger in den Mund.

     Cam dagegen musste sich eingestehen, dass sich sein Hunger und seine Wünsche fast ausschließlich auf Faith konzentrierten.

     Sie griff nach dem Besteck, als es durchdringend piepte. „Mein Rufgerät“, sagte sie, nahm es vom Gürtel und warf einen Blick auf die Anzeige.

     Erik machte einen langen Hals, um etwas zu sehen.

     Faith zeigte ihm das Gerät und wandte sich an Cameron. „Tut mir leid, ich muss weg.“

     „Ein Einsatz?“

     „Ja. Die Pflicht ruft.“ Sie stand auf, griff nach dem Mantel und sah Cameron überrascht an, als er ihr hineinhalf. „Tut mir wirklich leid wegen des Essens.“

     Hätte er sie nicht auf die Tanzfläche gezogen, hätte sie mehr als nur einige Bissen von dem großen Salat essen können, den sie bestellt hatte. „Ich könnte alles für Sie einpacken lassen.“

     „Danke, aber ich werde wohl heute keine Gelegenheit mehr haben, den Salat abzuholen. Nehmen Sie ihn doch mit nach Hause“, erwiderte sie und wiederholte: „Tut mir aufrichtig leid.“

     Er sah ihr nach, als sie das Lokal verließ. Ja, ihm tat es auch leid, mehr sogar, als richtig war.

 

 

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