Du hast mein Herz gerettet! - 8. Kapitel

8. KAPITEL

 

„Und du willst mir erzählen, dass Cameron nur zu dir gekommen ist, weil er wissen wollte, ob es dir nach der Suchaktion gut geht, und dass er dann gegangen ist, ohne …?“ Tanya beugte sich weit zu Faith und flüsterte fast.

     Faith tauchte eine Fritte ins Ketchup auf ihrem Teller. „Er wollte nur wissen, ob es mir gut ging“, versicherte sie.

     An diesem Samstagnachmittag saßen noch vier andere Frauen an dem Tisch im Hitching Post, wo sie sich zu einem Valentins-Essen getroffen hatten. Dass Tanya dabei war, war eine große Ausnahme, die sie allein der Tatsache verdankte, dass ihr Mann heute bis spät in die Nacht Dienst hatte.

     Frannie Waters, Becka Townsend, Sharona Miles und Diana Crocker hatten im selben Jahr wie Faith und Tanya die Highschool verlassen. Seither trafen sich alle, die keinen Partner hatten, am Valentinstag zum Essen. Bisher war noch kein Jahr verstrichen, in dem nicht wenigstens zwei von ihnen erschienen waren.

     „Mein Noch-Ehemann spielt Golf mit Theo Gilmore“, berichtete Frannie und nippte an ihrem zweiten Daiquiri. „Und als er mir die Scheidungspapiere gebracht hat, da hat er mir doch erzählt, dass der Trainer nach Mitternacht Todd zu sich geholt hat, damit er auf diesen kleinen Rabauken aufpasst.“

     „Erik ist kein Rabauke“, wehrte Faith ab und bereute es sofort, als Frannie Diana anstieß.

     „Ich habe doch gleich gesagt, dass sie den Trainer mag“, rief Frannie.

     „Spielt doch keine Rolle“, behauptete Becka. „Du hast uns jetzt schon eine Stunde lang erklärt, dass die Liebe endgültig tot ist.“

     „Stimmt auch.“ Frannie hob ihr Glas. „Man hält die Liebe nur am Leben, wenn man den Typen nicht heiratet. Sobald die Hochzeitsgeschenke ausgepackt sind, geht es bergab.“ Sie ließ den Blick in der Runde wandern. „Habe ich nicht recht?“

     „Schätzchen“, antwortete Diana, „du bist beschwipst.“

     Zuerst wirkte Frannie eingeschnappt, doch dann lachte und nickte sie. „Manchmal hilft ein Drink eben über den Schmerz hinweg, nicht? Meinetwegen kannst du mich auch verbittert nennen. Wie lange dauert es, bis man das Scheitern einer Ehe überwunden hat, Faith? Wie lange liegt deine Scheidung zurück?“

     „Zwei Jahre.“ Faith gab der Kellnerin ein Zeichen, dass sie zahlen wollten.

     „Hast du noch Kontakt zu Jess?“, fragte Sharona.

     „Nein. Es gibt nichts, worüber ich mit ihm sprechen wollte. Er hat sofort wieder geheiratet, sobald die Tinte auf unseren Scheidungspapieren trocken war.“ Und wahrscheinlich hatte seine zweite Frau bereits mindestens ein Kind auf die Welt gebracht.

     „Wann hört es auf, wehzutun?“, fragte Frannie.

     „Das kann man nicht allgemein sagen. Also ich leide wegen Jess definitiv nicht mehr“, behauptete Faith. „Er hat eben getan, was für ihn am besten war.“

     Der Grund für die Trennung schmerzte allerdings unverändert. Faith war unfruchtbar. Als junges Mädchen hatte sie sich eine Infektion zugezogen, aber erst durch die Kinderlosigkeit in der Ehe erfahren, welche Folgen daraus entstanden waren.

     „Tu nicht so erhaben!“, behauptete Sharona. „Würdest du nicht noch immer wegen des Mistkerls leiden, würdest du dich schon längst wieder mit Männern treffen.“

     „Vielleicht hatte ich ganz einfach zu viel zu tun“, erwiderte Faith.

     „Jeder soll sich die Zeit nehmen, die er braucht“, gab sich Frannie nun versöhnlich. „Stimmt doch, oder?“

     „Ja“, bestätigte Diana, „nur dass die meisten Typen diese Zeit einfach nicht wert sind.“

     „Da ist was dran“, murmelte Frannie.

     Die Kellnerin brachte die Rechnung. „Kann ich noch etwas für Sie tun?“

     Tanya warf einen Blick auf die Leibesfülle der Kellnerin. Die junge Frau war gut im siebten Monat schwanger. „Sie sollten sich an den Tisch setzen und sich von uns bedienen lassen. Ich wette, am Ende der Schicht bringen Ihre Füße Sie um.“

     Die junge Frau wurde rot und legte die Hand schützend auf ihren Bauch. „Manchmal schon, aber alle Gäste sind sehr nett und verständnisvoll.“

     „Schätzchen, ich habe hier früher auch bedient“, setzte Becka nach.

     „Vor ungefähr hundert Jahren“, warf Sharona ein.

     „Und ich weiß, dass nicht alle Gäste nett sind“, fuhr Becka fort und zeigte auf das Gemälde hinter der Bar. Darauf sah man eine Frau, die nichts weiter als dünne Stoffstreifen an strategisch wichtigen Stellen trug. „Und diese Dame dort könnte das bestätigen.“

     Faith blickte zu dem Gemälde. Es stammte noch aus der Zeit, in der dieses Lokal als verrucht gegolten hatte. Wie lange musste das her sein? Gut hundert Jahre bestimmt! „Zu ihrer Zeit hat sie den anständigen Bürgern von Thunder Canyon bestimmt einen Schock versetzt.“

     Sharona nahm der Kellnerin die Rechnung aus der Hand. „Meine Damen, dieses Essen geht auf Kosten meines dritten Exmannes“, verkündete sie und zeigte lachend eine goldene Kreditkarte vor. „Möge der Himmel ihn lieben! Meine Bank tut es bereits.“

     Faith wusste allerdings, dass dieses Lachen nicht ganz echt war. Bei jeder Heirat hatte Sharona bisher geglaubt, es wäre endlich für immer.

     Die Kellnerin entfernte sich mit der Kreditkarte und der Rechnung.

     Becka hielt ihren Eistee hoch. „Auf einen weiteren Valentinstag ohne liebevollen Verehrer. Hoffen wir trotzdem, dass nächstes Jahr eine oder zwei von uns in dieser Runde fehlen werden.“

     Sie stießen an. Danach verabschiedeten sie sich und sammelten ihre Sachen ein. Die Kellnerin kam wieder an den Tisch, und Sharona unterschrieb die Quittung.

     Tanya hakte Faith auf dem Weg zu den Wagen unter. „Also, ist wirklich alles mit dir in Ordnung?“

     „Ich hatte keine Albträume nach der Suchaktion.“ Faith öffnete die Tür ihres Wagens. Ihre Träume in dieser Nacht hatten eher um Cameron gekreist. Es waren erotische Träume gewesen, solche, in denen Cameron sich nicht von ihr zurückzog. „Ja, alles in Ordnung.“

     „Bist du froh, dass du heute hier warst?“

     Faith nickte. „Ja. Und jetzt gehe ich nach Hause und backe ein paar Kekse, ganz bieder. Das habe ich Chris versprochen, er hat morgen sein zweijähriges Dienstjubiläum in der Klinik und will was Süßes mitbringen. Zur Aufmunterung der Kollegen, sie haben wohl derzeit alle wie verrückt zu tun.“

     „Ich dachte, im Krankenhaus geht es immer verrückt zu.“

     „Ja, aber es ist anscheinend schlimmer geworden.“ Faith schüttelte den Kopf. „Weißt du, was wirklich verrückt ist? Zwei Reporter waren wegen der Sache in der Mine bei mir. Nicht wegen Erik, sondern wegen dem Goldnugget, das am selben Tag dort gefunden wurde. Unglaublich, dass das Goldfieber unsere Stadt erreicht hat.“ Sie machte eine Pause und schüttelte ungläubig den Kopf. Wie sehr ein kleines Stückchen Gold die Leute doch beschäftigen konnte. „Wie geht es Toby?“

     „Er ist wieder ganz gesund“, antwortete Tanya. „Ich liebe meinen Jungen, aber als Patient ist er wirklich eine Qual.“

     „Gib ihm einen Kuss von mir.“

     „Und du gibst Erik einen Kuss von mir.“ Tanya wartete einen Moment und lachte. „Mädchen, du solltest jetzt dein Gesicht sehen! Wir hören voneinander. Ich muss nach Bozeman. Ich brauche sexy Unterwäsche, damit Derek nach der Schicht noch einige Minuten wach bleibt.“ Sie umarmte Faith und ging zu ihrem Wagen.

     Faith sah ihrer Freundin nach. Tanya und Derek hatten sich auf den ersten Blick ineinander verliebt. Damals waren sie erst siebzehn gewesen. Zwei Wochen nach dem Schulabschluss hatten sie geheiratet und ihre Eltern zum Toben gebracht. Doch nach vierzehn Jahren führten sie immer noch eine liebevolle Ehe. Sie hatten ein zauberhaftes Kind, einen anspruchsvollen Beruf und ein erfolgreiches Geschäft, und sie waren noch immer bis über beide Ohren ineinander verliebt.

     Alle Menschen sollten so glücklich sein.

     Den Kopf in den Nacken gelegt, blickte sie zum strahlend blauen Himmel hinauf. Zum ersten Mal seit Wochen hatte sie heute keinen Bereitschaftsdienst. Eigentlich hätte sie auch nach Bozeman fahren können. Aber nein, sie wollte lieber nach Hause und Plätzchen backen. Die doppelte Menge, damit auch für den kleinen Erik eine ordentliche Portion abfiel.

     Vier Stunden später schlug ihr das Herz bis zum Hals herauf. Warum konnte sie nicht gelassen bleiben und einfach cool an die Haustür der Stevensons klopfen? Hoffentlich machte Erik auf. Das wäre wesentlich leichter für sie. Dann konnte sie ihm die Plätzchen überreichen und gleich wieder wegfahren.

     Die Tür wurde jedoch nicht von dem energiestrotzenden Jungen aufgerissen.

     Sie wurde überhaupt nicht aufgerissen.

     Faith wartete eine Weile und starrte enttäuscht auf die Tür. Wenigsten schlug ihr Herz allmählich wieder normal.

     Nun ja, was hatte sie erwartet? Es war Valentinstag, und Erik und Cam unternahmen wahrscheinlich etwas miteinander.

     Sie stellte die Dose mit den Plätzchen neben der Tür ab und kehrte zum Wagen zurück. Jetzt lag ein langer einsamer Abend vor ihr. Vielleicht sollte sie ins Kino gehen.

     Nein, auf keinen Fall. Normalerweise machte es ihr nichts aus, allein einen Film anzusehen, aber bitte nicht am Valentinstag, an dem sich alle verabredeten.

     Vor zwei Jahren hatte sie sich in düsteren Stunden immer mit Stricken beschäftigt, doch das ließ sie inzwischen sein. Sie hatte einen Schrank voll mit selbst gestrickten winzigen Pullis, die sie nur daran erinnerten, was ihr immer verwehrt bleiben würde: Ein eigenes Baby.

     „Faith!“ Cameron stand auf der Veranda und hielt die Keksdose in der Hand. „Ich war mir nicht sicher, ob es geklopft hat. Was ist das?“

     Jetzt hämmerte ihr Herz wieder wie verrückt. Sie lehnte sich gegen den Wagen. „Ein paar selbst gebackene Kekse zum Valentinstag. Mein Bruder hat mich gebeten, etwas zu backen – na ja, und da habe ich gleich noch eine Portion für Erik gemacht.“

     Cam öffnete neugierig den Deckel und strahlte über das ganze Gesicht. Himmel, dachte Faith, es sollte einem Mann, der nichts von einem will, verboten sein, so zu lächeln.

     „Erik wird begeistert sein“, versicherte er, nahm ein mit rotem Zucker überzogenes Herz heraus und biss hinein. „Sofern noch welche da sind, wenn er heimkommt.“

     „Erik ist nicht da?“, fragte sie und hatte bereits die halbe Strecke zum Haus zurückgelegt.

     „Er schläft heute bei Josh Lampson.“

     Aha, das war ja einmal eine Überraschung! Ließ Cam die strengen Zügel endlich etwas lockerer? „Bestimmt freut er sich sehr“, antwortete sie vorsichtig.

     Cameron zuckte zwar mit den Schultern, aber sie wusste, dass er innerlich vor Sorge bestimmt verging. „Ich habe mit der Mutter von Josh gesprochen. Sie hat derzeit die Tagschicht und ist nachts daheim.“ Er schob den Rest des Kekses in den Mund und ließ den Blick über Faith gleiten. „Willst du nicht hereinkommen?“

     „Oh.“ Ein Blick zurück zum Wagen. „Ich …“ Ich könnte heimfahren, dachte sie. Überall anders, als in seiner Nähe, wäre es für sie sicherer gewesen. „Ja, gern, ein paar Minuten.“

     Er drückte die Keksdose an sich und wich zur Seite. „Nach dir.“

     Sie trat ein und war plötzlich völlig verlegen. Was wollte sie hier? Es war doch offensichtlich, dass Cam nicht das geringste Interesse an ihr hatte.

     Seine Finger strichen über ihre Schultern, sie hielt den Atem an … aber er half ihr nur aus dem Mantel, den er auf einen Kleiderständer hängte.

     „Lass uns nach hinten gehen“, forderte er sie auf und griff wieder in die Dose. „Ich war gerade beim Korrigieren von Klassenarbeiten.“

     Erst jetzt fiel ihr auf, dass er an den Füßen nur dicke Socken trug. Es wirkte sehr intim. „Das machst du wohl oft“, entgegnete sie betont fröhlich. Himmel, dachte sie, ein dümmerer Kommentar fällt dir nicht ein? Cam war Lehrer. Es gehörte also zu seinem Job, Klassenarbeiten zu korrigieren.

     Er stellte die Keksdose auf einen Tisch. „Du trägst das Haar offen.“

     „Ja“, entgegnete sie befangen. „Musst du das alles durcharbeiten?“, fragte sie und zeigte auf den Schreibtisch, auf dem sich die Arbeiten stapelten.

     „Ja“, sagte er lächelnd. „Und das mir, der sich früher über die viele Schreibarbeit in seinem Büro beschwerte. Möchtest du auch eines?“, fragte er und nahm eine Bierflasche vom Tisch.

     Faith schüttelte den Kopf. Sie konnte seinen Blick nicht deuten, merkte jedoch, wie sie rot wurde, weil er sie unverwandt betrachtete.

     „Blau steht dir“, urteilte er. „Hast du nachher noch eine Verabredung?“

     „Nein.“

     „Wieso nicht? Es ist Valentinstag beziehungsweise -abend“, verbesserte er sich und blickte durch die Fenster in den farbenprächtigen Sonnenuntergang hinaus.

     „Na und?“ Es war ungewöhnlich, dass Erik bei einem Freund übernachten durfte. Vielleicht gab es dafür einen bestimmten Grund. „Hast du denn noch was vor heute?“ Bitte nicht.

     Cameron griff nach dem nächsten Plätzchen, biss hinein und trank einen Schluck Bier. Dabei sah er Faith genauso an wie vor dem Kuss im Schnee.

     „Habe ich vielleicht einen Affen im Gesicht?“, fragte sie leicht genervt.

     Lächelnd stellte er die Flasche auf den Tisch. „Nein, du hast keinen Affen im Gesicht. Und ich habe Erik auch nicht für die Nacht abgeschoben, um später ausgehen und eine Frau aufreißen zu können.“

     Jetzt wurde sie bestimmt rot.

     „Du siehst … anders aus“, stellte er fest.

     „Anders“, wiederholte sie. „Das ist auch eine Art, kein Kompliment zu machen.“ Sie hatte nach ihrer Backorgie geduscht, den neuen blauen Rollkragenpulli angezogen und sich sorgfältig geschminkt. Offensichtlich ohne Wirkung auf Cam.

     „Möchtest du, dass ich dir ein Kompliment mache?“

     „Nein!“

     „Könntest du denn überhaupt mit einem Kompliment umgehen?“, fragte er amüsiert.

     „Sofern ich es als Kompliment erkenne, ja.“ ‘Anders aussehen’ war aber definitiv kein Lob, fand sie.

     „Du bist so wunderschön wie immer“, fuhr Cameron fort, „nur eben anders. Darum dachte ich, dass du noch eine Verabredung hast.“

     Wunderschön wie immer? Sie schluckte. „Ich habe nie Verabredungen“, krächzte sie.

     „Und wieso nicht?“

     „Wieso interessiert dich das?“

     „Nein, nein, das ist keine Antwort auf meine Frage. Außerdem hast du mich das auch schon gefragt, erinnerst du dich?“

     Nein, sie hatte gefragt, ob er seit Lauras Tod mit einer anderen Frau zusammen gewesen war. Das war etwas ganz anderes, zumindest für sie.

     Sekunden verstrichen, ohne dass einer von ihnen etwas sagte.

     „Ich sollte jetzt wieder gehen“, entschied sie, damit sie sich nicht noch mehr bloßstellte.

     „Und was willst du heute Abend machen?“

     „Das weiß ich nicht.“ Fernsehen vielleicht? Das Haus renovieren? Einen Urschrei loslassen? „Vielleicht backe ich noch mal ein paar Plätzchen, damit Erik auch welche bekommt.“

     Er schob sich den Rest eines Kekses in den Mund. „Ich hätte nicht gedacht, dass du backen kannst.“

     „Ich habe dir doch erzählt, dass ich früher immer mit meiner Mutter und meinen Schwestern gebacken habe.“

     „Nein, ich meine, dass du heute immer noch bäckst“, präzisierte er, „diese Kekse schmecken großartig, wie du ja siehst. Um dir aber Arbeit zu ersparen, hebe ich den Rest für Erik auf“, fuhr er fort und schloss die Dose. „Gut so?“

     „Ich backe gern, und es ist nett, wenn man dafür einen guten Grund hat. So, und jetzt will ich dich nicht länger von der Arbeit abhalten. Grüße bitte Erik von mir.“

     Er nickte und wartete, bis sie fast an der Tür war. „Ich bin dir immer noch ein Abendessen schuldig. Willst du nicht bleiben? Ich könnte uns ein paar Steaks machen.“

     „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee wäre“, gestand sie.

     Er kam lautlos näher. „Weil Erik nicht hier ist?“, fragte er leise und sinnlich zugleich.

     Als sie sich umdrehte, berührt sie fast seinen dicken Pullover. „Oh ja“, räumte sie ein und wich ein Stück zurück.

     „Wäre er hier, würdest du dann bleiben?“

     Sein Blick hielt sie gefangen. „Ich weiß es nicht.“

     „Der Junge kann ganz schön anstrengend sein.“

     „Er hat viel Energie, und die hat er bestimmt von dir geerbt, genau wie das Haar und die Augen.“

     „Und warum zögerst du dann?“

     Mittlerweile wusste sie nicht einmal mehr, worüber sie eigentlich sprachen. Es fiel ihr schwer zu denken, wenn sie diesen Mann ansah, der jegliches Denken unmöglich machte.

     „Bietet dir denn nur mein Sohn einen Grund, zu bleiben?“

     Faith schüttelte den Kopf. „Du weißt, dass das nicht so ist“, versicherte sie heiser.

     „Weiß ich das wirklich?“

     Der Klang seiner Stimme jagte ihr einen wohligen Schauer über den Rücken. „Ich bin nicht derjenige von uns, der Küsse und Berührungen bedauert.“

     „Bedauert? Du kannst mir glauben, dass ich sehr viel Erfahrung mit Bedauern habe. Im Zusammenhang mit dir verspüre ich aber alles andere als Bedauern.“

     „Das hat auf mich anders gewirkt“, erwiderte sie bebend, „als du mich …“

     Den Rest des Satzes erstickte er in einem Kuss.

     Es war wie beim ersten Mal: Zuerst ein kleiner Schock, der schnell von Sehnsucht und Verlangen abgelöst wurde. Alle Kälte schwand aus ihrem Inneren, als sie Cameron die Finger ins Haar schob und die Lippen öffnete.

     Als er schließlich den Kopf anhob, holte sie tief Atem, um wieder klar denken zu können.

     „Das hat sicher nichts mit Bedauern zu tun“, stieß er hervor und legte ihr die Hand in den Nacken.

     „Cam“, flüsterte sie bebend.

     Diesmal küsste er sie heftiger und leidenschaftlicher, zog sich jedoch wieder zurück. „Faith, ich will dich. Ich begehre dich, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Und du hast richtig vermutet: Für mich ist es schon lange her. Wie gerade eben habe ich seit dem Tod meiner Frau nicht mehr empfunden. Neulich nachts in deinem Haus habe ich mir eingeredet, es wäre richtig, mich von dir zurückzuziehen. Heute denke ich anders. Wenn du wirklich gehen willst, dann geh jetzt.“ Behutsam strich er mit dem Daumen über ihre Lippen. „Oder du bleibst bei mir.“

 

Gehen … bleiben … In Faiths Kopf überstürzten sich die Gedanken, und keiner ließ sich festhalten. „Es wäre für mich klüger zu gehen.“

     „Eindeutig“, versicherte Cameron und strich über ihr Kinn.

     „Aber ich will es nicht“, hauchte sie.

     Beim nächsten Kuss erwartete sie wilde Leidenschaft, doch Cameron ließ die Lippen nur sanft und forschend über ihren Mund gleiten. Sie spürte seinen Herzschlag an ihren Händen, die auf seiner Brust lagen. Und dieser schnelle Herzschlag berauschte sie mehr, als es jeder Daiquiri geschafft hätte.

     „Cam“, flüsterte sie, als er ihr Küsse auf die Mundwinkel und die Wangen drückte. Die Beine trugen sie kaum noch, und sie war froh, dass er sie fest an sich drückte.

     Er lachte lautlos, und als sie ihn von sich schieben wollte, hob er sie einfach vom Boden hoch, bis ihre Lippen sich auf gleicher Höhe befanden.

     Faith hielt sich an seinen Schultern fest und blickte ihm in die Augen. Scheinbar mühelos hielt er sie und ließ die Hände von ihrer Taille an ihre Schenkel wandern. Ihre Beine schlangen sich wie von selbst um ihn, und sekundenlang bewegte sich keiner von ihnen.

     Sie atmeten heftig, während Cameron sie sanft auf den Tisch im Vorraum legte. Briefe und Autoschlüssel fegte er achtlos herunter, und er unterbrach den Kuss nur lange genug, um Faith den Pullover über den Kopf zu ziehen. Der nächste Kuss erstickte ihr leises Stöhnen, das ihr seine Hände auf den Brüsten entlockte.

     Ungeduldig zerrte sie an seinem Pullover, um endlich seine nackte Haut zu spüren. Er kam ihr zu Hilfe und zog den Pulli aus. Die Haut an seiner Schulter fühlte sich warm unter ihren Lippen an, ihre Brüste drückten sich gegen die weichen Härchen auf seiner Brust, und sie tastete blindlings nach dem Knopf seiner Hose. Erneut war Cam schneller als sie und öffnete den Reißverschluss ihrer Hose.

     „Beeil dich!“, stieß sie hervor.

     Er presste sich so fest an sie, als wolle er durch den Stoff hindurch in sie eindringen. Faith konnte spüren, wie unendlich erregt er war.

     „Nein!“, flehte sie, als er plötzlich die Hände von ihr nahm. „Nicht wieder aufhören!“

     Doch er hielt ihre Hände fest, bevor sie ihn berühren konnte. „Ich muss! Was denke ich mir denn dabei?“

     „Mir ist lieber, wenn du nicht denkst“, drängte sie. „Ich will dich einfach, wie du bist.“

     Cam biss die Zähne zusammen. „Ich will dich“, gestand er. „Ich will dich so unbeschreiblich, aber … Ich bin nicht darauf vorbereitet. Ich habe keine Kondome.“

     Faith erstarrte und spürte, wie ihr das Blut aus dem Kopf wich und gleich wieder zurückkehrte. Zuerst zögerte sie, doch dann schob sie alle Bedenken beiseite.

     Er hielt zwar ihre Hände fest, aber nicht ihre Beine, die sie enger um ihn schlang, um ihn erneut an sich zu ziehen. Gleichzeitig rieb sie sich an ihm. „Wir brauchen keines. Ich bin absolut sicher, wirklich. Es kann nichts passieren. Bitte, Cam! Soll ich flehen und betteln?“ Wenn nötig, würde sie das wahrscheinlich sogar machen.

     Eine Hand bekam sie frei, öffnete seine Hose und entlockte ihm ein Stöhnen, als sie ihn an seiner intimsten Stelle berührte.

     Mühelos hob er sie ein Stück an und befreite sie von Jeans, Stiefeln und Socken. „Bist du dir auch wirklich sicher?“, vergewisserte er sich und strich mit den warmen Händen an ihren Schenkeln höher.

     „Absolut“, hauchte sie und drückte den Mund fest an seinen Hals.

     Im nächsten Augenblick drang er in sie ein und vereinigte sich so tief mit ihr, dass sie laut aufstöhnte und sich den Kopf an der Wand stieß, weil sie sich nach hinten fallen ließ. Sie merkte es jedoch kaum, so heftig war die Lust.

     „Ich will dir nicht wehtun“, flüsterte er, drückte die Stirn an ihre Schulter und hob sie mit starken Händen an.

     Sie hörte ihn kaum. Voll Verlangen berührte sie seinen Rücken und klammerte sich an ihn. „Das tust du nicht!“

     An ihrer Brust spürte sie seinen Herzschlag, kam seinen Bewegungen entgegen und stöhnte bei jeder Vereinigung auf.

     Mit einer Hand stützte er sich über ihrem Kopf an der Wand ab und erstickte ihr Stöhnen und ihre Schreie mit heißen Küssen. Der Tisch wackelte gefährlich. Alles in ihr verlangte nach Erfüllung.

     „Faith!“, stieß er hervor und ließ die Lippen warm über ihre Wange gleiten.

     Nur ihr Name, rau und leidenschaftlich, war Auslöser für den gemeinsamen Höhepunkt. Sie wusste nicht mehr, wer eigentlich wen hielt, doch es spielte auch keine Rolle.

     Sie wurden gemeinsam vom Feuer der Leidenschaft verzehrt.

 

Sekundenlang lagen sie auf dem Tisch, Faith schlaff unter Cam, ihre Körper tief miteinander verbunden. Cam konnte sich kaum auf den Beinen halten, atmete tief durch und stemmte sich vorsichtig von der Wand ab.

     „Bleib bei mir“, flüsterte Faith heiser und klammerte sich an ihn.

     „Ich gehe schon nicht weg“, versicherte er atemlos und keuchte wie nach einem Marathonlauf.

     Er hob sie hoch und sank mit ihr auf den Teppich. Ihr Kopf ruhte noch immer an seinem Hals, ihre Beine waren mit seinen verschlungen. Es war wunderbar.

     „Ich habe noch meine Hose an“, murmelte er, strich über ihr Haar und kam sich albern vor.

     „Ich weiß“, bestätigte sie lachend.

     Dieses Lachen lockerte und löste etwas in ihm. „Ich …“

     „Warte“, bat sie und legte ihm die Hand unter den Nacken, hob den Kopf an und sah ihm tief in die Augen. „Wenn du dich jetzt entschuldigst, Cameron Stevenson, werde ich dir höchstwahrscheinlich sehr wehtun müssen.“

     Es sollte humorvoll klingen, doch ihr Blick zeigte, wie verwundbar sie in diesem Moment war.

     Sachte streichelte er ihre Wange. Immer, wenn er Faith berührte, wurde ihm wunderbar warm – und er war die Kälte so schrecklich leid.

     „Nein, dafür kann ich mich gar nicht entschuldigen“, erwiderte er. „Es sei denn, ich war ein wenig zu grob“, fügte er hinzu und streichelte ihre Arme. Vielleicht hatte er vorhin zu fest zugepackt.

     „Ich bin nicht zerbrechlich“, beteuerte sie.

     Das wusste er jedoch besser. Faith Taylor mochte tüchtig, stark und schön sein. Nach außen wollte sie unverwundbar wirken. Aber sie hatte innere Wunden, das hatte er gleich bei ihrer ersten Begegnung gespürt.

     Er wusste nicht, was genau sie für Wunden hatte. Er wusste nur eins: Er wollte dafür sorgen, dass nicht noch weitere hinzukamen. Faith sollte nie wieder verletzt werden, nie wieder.

     Behutsam drehte er sich mit ihr, ließ sie auf den Teppich gleiten, griff nach seinem Pullover und reichte ihn ihr. Faith nahm ihn und zog ihn sich über den Kopf. Sorgfältig schob er ihr den Pullover bis über die Hüften herunter und stand auf, schloss die Hose und hielt Faith die Hände hin. „Komm.“

     „Wohin?“, erkundigte sie sich verhalten.

     „Ah, sie ist misstrauisch“, stellte er fest und half ihr beim Aufstehen. „Ich will dir etwas zeigen.“

     „Deine Briefmarkensammlung? Ich bitte dich, dafür ist es jetzt zu spät.“

     Er lachte laut auf. „Du wirst es gleich sehen.“

     Er führte sie durch die Diele ins Wohnzimmer, am Tisch vorbei und zu den Fenstern, von denen aus man den Hang überblickte. Dort war sie mit Erik Schlitten gefahren. „Ich war hier drinnen, als du geklopft hast“, erklärte er. „Darum habe ich dich nicht gleich gehört.“

     Sie ließ den Blick über die roten Ledersessel und den schweren Bücherschrank wandern. Das Kaminfeuer war bereits heruntergebrannt. Jetzt legte er ein Scheit nach, schürte die Glut und ließ Funken hochfliegen.

     Nachdem er den schwarzen Ofenschirm wieder vor den Kamin gestellt hatte, wandte er sich an Faith. „Ich habe mir das angesehen“, erklärte er und zeigte auf den Großbildfernseher an der Wand. „Du hast neulich in der Schule nur die letzten zehn Minuten der Vorstellung mitbekommen“, fuhr er fort und griff zur Fernsteuerung.

     „Woher weißt du, wann ich in den Saal gekommen bin?“, fragte sie und warf ihm einen Blick zu. „Ich bin extra hinten stehen geblieben.“

     Er reichte ihr die Fernsteuerung und zog eine Locke ihres Haars aus dem Kragen des Pullovers. „Es ist mir eben aufgefallen. Genau wie ich auch immer sofort gemerkt habe, wenn du zu einer Sitzung des Stadtrats gekommen bist oder wenn du dich kurz vor dem Ende weggeschlichen hast. Ich habe es auch mitbekommen, als du dich beim letzten Spiel meiner Mannschaft auf eine Bank auf den Rängen gesetzt hast. Ich habe dich gefühlt, Faith.“

     „Oh“, flüsterte sie und strich über die Fernsteuerung, ohne jedoch einen Knopf zu drücken.

     „Ja, Oh“, erwiderte er lächelnd. „Mach es dir bequem und schau dir das Video an. Ich schmeiß solange die Steaks auf den Grill.“

     Während Faith die Kassette anschaute, holte Cam sich ein Hemd, zog die Stiefel an und schaltete den Gasgrill auf der überdachten Terrasse ein. Er liebte es, im Winter zu grillen. Steaks waren leicht zuzubereiten, und Salat gab es zum Glück fertig aus der Packung. Schnell wusch er einige Kartoffeln, stach sie ein paarmal ein, legte sie in die Mikrowelle und drückte die Taste mit der Aufschrift Kartoffeln. Auch ein Vorteil der modernen Zeit. Jetzt noch die Steaks auf den Grill gebracht, und Cameron kehrte ins Haus zurück.

     „Aha, ich sehe schon, ein Gourmet-Koch.“ Faith stand in der Küche und wirkte appetitanregender als alles andere. Mit spitzen Fingern hielt sie die Tüte hoch, aus der der Salat stammte. „Bisher hat noch kein Mann für mich gekocht.“

     „Nein?“ Er legte die Grillzange auf die Theke und ging auf sie zu. „Wenn du so vor mir stehst, würde ich jederzeit gern für dich kochen.“

     „Cam“, murmelte sie lächelnd.

     „Sag meinen Namen“, verlangte er, legte ihr einen Arm um die Taille und strich ihr mit der freien Hand durchs Haar.

     „Cam“, flüsterte sie atemlos und genoss seine Lippen an ihrem Hals. „Ich habe die Kassette wieder zurückgespult.“

     Es war ihm gleichgültig. „Ich werde nie genug von dir bekommen“, sagte er leise und zog sie fester an sich. „Eigentlich hättest du ein Essen bei Kerzenschein und mit Champagner verdient. Und ich biete dir Kartoffeln aus der Mikrowelle. Und ein selbst gedrehtes Video.“

     „Ich hatte noch nie viel für Sekt und Champagner übrig“, erwiderte sie sanft. „Und ich erwarte keine romantischen Gesten.“

     „Glaubst du nicht an Romantik?“

     „Doch.“ Sie ließ die leere Salattüte auf die Theke fallen. „Ich halte mich nur nicht für eine Frau, die einen Mann zum Romantiker macht.“

     Beinahe hätte er gelacht, doch sie meinte es ernst. „Du musst mit einem Dummkopf erster Güte verheiratet gewesen sein.“

     „Du hast deine Frau vermutlich oft mit großartigen Gesten verwöhnt.“

     „Nein“, gestand er, und ausnahmsweise schmerzte die Ehrlichkeit nicht. „Sie kümmerte sich um die Gesten. Ich war der praktische Teil in unserer Verbindung. Und habe hinterher das Chaos aufgeräumt.“

     „Das Chaos? Nun, wenn großartige Gesten ein Chaos hinterlassen, verlieren sie aber ihren Charme.“

     „Da hast du nicht unrecht“, bestätigte er und drückte sie gegen den Kühlschrank, „aber ich habe gelernt, dass sich das Chaos gelegentlich lohnt.“

     In ihre Augen trat ein verträumter Blick, als er an ihrer Unterlippe knabberte.

     „Komm“, flüsterte er. „Sehen wir uns noch einmal das Video an.“

     Es fiel ihr schwer, ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden. „Du verwirrst mich gern, nicht wahr?“

     „Ich muss jeden erdenklichen Vorteil nutzen – gegen das überlegene Geschlecht“, flüsterte er und küsste sie.

     Lächelnd dachte sie an die Schneeballschlacht, bei der sie scherzhaft behauptet hatte, Frauen wären überlegen. Cam musste sich jedoch wirklich nicht anstrengen, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen.

     Zum Glück gehörte sein Herz noch immer seiner Frau. Andernfalls hätte sie nicht mit ihm zusammen sein können, weil es zu gefährlich gewesen wäre und am Ende zu großen Schmerz ausgelöst hätte. Und das Ende war unvermeidlich, wenn er erfuhr, dass sie keine Kinder bekommen konnte.

     Hingebungsvoll erwiderte sie seinen Kuss. „Wie lange werden die Steaks brauchen?“

     „Leider nicht lange genug“, flüsterte er, ließ sich bei dem Kuss aber trotzdem viel Zeit – bei diesem zärtlichen und leidenschaftlichen Kuss.

     Schließlich führte er sie wieder in den Wohnraum und drückte sie auf die Ledercouch, griff nach der Fernsteuerung und ließ das Band anlaufen. Er setzte sich ihr gegenüber in den Sessel und ließ sie nicht aus den Augen.

     Faith sah verzückt den Kindern auf dem Großbildschirm zu und vergaß beinahe, dass Cam mehr auf sie als auf den Film achtete.

     Eriks Solo sah sie sich drei Mal an. Da war Cam schon wieder in die Küche gegangen.

     Als sie kurz darauf das Bad suchte, landete sie aus Versehen in seinem Schlafzimmer. Das Bett war riesig. Die dicke karamellfarbene Überdecke und einige braune Zierkissen wirkten behaglich.

     Die Fotos auf der Kommode zogen sie magisch an. Endlich bekam sie Laura Stevenson zu sehen.

     Cams Frau hatte sagenhaft ausgesehen. Eine Wolke schwarzen Haars, dunkelblaue Augen, die sogar auf dem Foto lebendig wirkten, eine perfekte Figur – und die Liebe zwischen ihr und dem Mann an ihrer Seite konnte man mit Händen greifen.

     Letztlich war es jedoch Cam auf dem Bild, der sie nach dem Rahmen greifen ließ. Sein Haar war ganz kurz geschnitten, dadurch kamen die energischen Gesichtszüge noch besser zur Geltung. Der Anzug, den er trug, schien exquisit und hätte auf dem Titelblatt jedes Modemagazins erscheinen können.

     Das war Cameron, doch nicht der Cam, den sie kannte, nicht der Cam, der in dicken Socken und Jeans durchs Haus lief und seinen Sohn mit Schneebällen bewarf.

     Behutsam stellte sie das Bild wieder zurück. Es war nicht richtig von ihr, so in Cams Privatsphäre einzudringen. Sie schloss die Schlafzimmertür und ging zum Bad, das genau gegenüber war. Minuten später betrat sie gleichzeitig mit Cam das Wohnzimmer. Cam hielt ein großes Tablett in den Händen.

     „Ich … ich habe das Bad benützt“, erklärte sie und hatte plötzlich ein schlechtes Gewissen. „Hoffentlich macht es dir nichts aus.“

     Er sah sie erstaunt an, weil sie es überhaupt erwähnte. „Besser meines als das von Erik. Der Junge ist schrecklich unordentlich. Komm, wir essen am Kamin.“

     Er stellte das Tablett auf den schmiedeeisernen Tisch vor der Couch, setzte sich und schaltete den Fernseher aus. Der Bildschirm senkte sich und verschwand in dem rustikalen Holzschrank, der darunter stand.

     „Du bist eindeutig nicht wie die anderen Lehrer, die ich kenne“, stellte sie fest. Das ganze Haus zeugte von großem Reichtum.

     „Wenigstens hat sich mein Mathematik- und Wirtschaftsstudium finanziell gelohnt“, erwiderte er lächelnd.

     Faith zögerte einen Moment. „Und deine Eltern? Wie sind sie?“

     Er reichte ihr einen Teller mit Steak, Salat und Kartoffeln. „Konservativ und alter Geldadel, zumindest so alt wie Denver selbst. Beide waren schon über vierzig, als ich geboren wurde. Wir sehen uns in gegenseitigem Einverständnis so wenig wie möglich, meist nur an den Feiertagen. Dad hat es nicht gefallen, dass ich nicht in seine Firma eingestiegen bin, sondern mich als Börsenmakler selbstständig gemacht habe. Dass ich jetzt gar auch noch ein unterbezahlter Lehrer bin, hat unser Verhältnis auch nicht gerade entspannt. Das letzte Mal habe ich von ihm gehört, als er mich informierte, dass er Erik in meiner ehemaligen Privatschule angemeldet hat.“

     Betroffen ließ sie das Besteck sinken. „Du schickst ihn doch nicht ins Internat?“

     „Nein, auf keinen Fall.“

     „Du lässt ihn in Thunder Canyon aufwachsen, wie Laura das wollte?“

     „Ja“, erwiderte er knapp.

     „Lebst du gern hier?“

     „Du?“

     Faith nickte energisch. „Mit achtzehn wollte ich natürlich fort und die ganze Welt erobern, aber jetzt möchte ich nirgendwo sonst leben. Aber du hast meine Frage noch nicht beantwortet, ob du gern hier lebst.“

     „Ich weiß es nicht.“

     „Du hast doch zu allem, was in der Stadt passiert, eine Meinung. Das weiß ich aus den Sitzungen des Stadtrats.“

     „Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, was ich für Thunder Canyon empfinde“, erwiderte er lächelnd. „Ich lebe eben hier.“

     „Wie Laura das gewollt hätte?“

     „Ja.“

     Sein Blick verlor sich im Kaminfeuer, und Faith fragte sich, ob er jetzt seine schöne schwarzhaarige Frau vor sich sah. Sie legte das Besteck weg, weil sie den Appetit verloren hatte. „Vielleicht geht es mich nichts an, aber für einen Mann, der sein Leben nach den Wünschen eines anderen Menschen ausrichtet, machst du das sehr gut.“

     „Wie meinst du das?“

     Sie zog die Beine auf die Couch und streifte den Pullover bis über die Knie hinunter. „Du könntest ja auch einfach so hier mit Erik leben, ohne dich anzustrengen. Du hast ja selbst gesagt, dass du finanziell ausgesorgt hast. Und so ein Job als Lehrer ist schließlich nervenaufreibend. Trotzdem machst du ihn. Und, wie mir scheint, sogar noch gerne. Du bist wirklich ein Teil dieser Stadt. Ein wichtiger Teil.“

     Er antwortete zwar nicht, aber er drehte sich zu ihr und strich ihr durchs Haar. Sein Blick war unmissverständlich und erzeugte erneut Verlangen in ihr.

     „Ich … ich sollte jetzt gehen.“

     „Es ist kalt draußen“, wandte er ein.

     „Es ist Februar.“

     „Wir haben das Dessert noch nicht gegessen“, fügte er lächelnd hinzu.

     Sein Teller war zwar auch noch halb voll, doch Cam hatte entschieden mehr gegessen als sie. „Wir sollten die restlichen Kekse besser für Erik aufbewahren.“

     Leise lachend zog er sie zu sich heran und schob ihr die Hände unter den Pullover. „Wer hat etwas von Keksen gesagt? Mit dem Dessert habe ich dich gemeint.“

     Der Kuss fiel verzehrend aus und endete erst, als Cam aufstand und Faith ins Schlafzimmer trug. Mit einem Ruck zog er die Decke mitsamt den Kissen zur Seite und ließ Faith aufs Bett sinken.

     Die Sonne war mittlerweile untergegangen, und nur aus dem Korridor fiel Licht ins Zimmer. Es reichte jedoch aus, dass Faith Cams Gesicht betrachten konnte, während er sich langsam auszog. Er war so hinreißend schön, dass sie den Blick nicht abwenden konnte.

     „Stimmt etwas nicht?“, fragte er amüsiert.

     „Absolut nicht“, versicherte sie leise.

     Lächelnd kniete er sich aufs Bett, packte sie an den Knöcheln und zog sie zu sich heran. Während sie auf ihn zuglitt, rutschte der Pullover an ihrem Körper hoch und entblößte ihre Brüste.

     „Wenn ich von jetzt an ein Geschenk auspacke, werde ich jedes Mal an dich denken“, sagte er leise, senkte die Lippen auf ihr Knie, strich über ihre Schenkel und berührte die nahezu verheilten Kratzer an den Hüften. „Tut es noch weh?“

     Faith schüttelte den Kopf.

     „Du hättest Ja sagen müssen“, erklärte er verführerisch, „damit ich den Schmerz wegküssen kann.“

     „Das wirst du bestimmt auch ohne mein Ja machen“, flüsterte sie.

     „Du kennst mich schon“, stellte er fest.

     Ruhelos bewegte sie die Beine und hielt sich an seinen Schultern fest, als er ihre Hüften küsste. „Cameron …“

     „Ja?“ Jetzt verwöhnte sein Mund ihren Nabel.

     „Cam!“, stöhnte sie, weil er sie zum Wahnsinn trieb.

     Seine Hände drückten ihre Schenkel auseinander, während er sich über sie schob, und Faith ließ den Kopf aufs Bett sinken, als er sich mit ihr vereinigte und sie in die Arme nahm.

 

Vorheriger Artikel Du hast mein Herz gerettet! - 9. Kapitel
Nächster Artikel Du hast mein Herz gerettet! - 7. Kapitel