Es geschah in einer Sommernacht - 2. Kapitel

2. KAPITEL

Ein edler Ritter, der in silberner Rüstung gekommen war, um den Drachen zu töten und die Prinzessin zu retten?

     Ja, klar.

     Marina starrte ihn an. Sie musste sich verhört haben. Vielleicht hatte er ihr ja statt Wasser einen doppelten Wodka gegeben.

     Eins war sicher: Kein Mann, außer ihrem Vater, hatte ihr jemals bei ihren Problemen geholfen. Sie war alt genug, um zu wissen, dass man sich nur auf sich selbst verlassen konnte.

     „Ich glaube ihnen kein Wort“, sagte sie mit gepresster Stimme. „Niemand hat so viel Macht.“

     Etwas in seinem Blick veränderte sich. Sie konnte nicht genau sagen, was es war, aber zumindest war das Ergebnis von erschreckender Kälte. Er hätte es jetzt locker mit Charles Wakefield aufnehmen können. Sie schauderte wieder.

     „Sie glauben mir nicht?“, murmelte er schließlich. „Vielleicht haben Sie recht. Sein Kopf auf dem Silbertablett wäre ein bisschen zu viel. Es würde schon reichen, ihm eine gehörige Lektion zu verpassen.“ Und immer noch verriet nichts in seinem Gesicht, dass er nur Spaß machte.

     „Und sie sind derjenige, der ihm diese Lektion verpasst. Aber sicher.“

     Sie beachtete seine ausgestreckte Hand nicht, die ihr das Glas abnehmen wollte, und stellte es stattdessen auf den kleinen Beistelltisch. Dann stützte sie sich mit beiden Händen auf der Sofakante ab und stemmte sich hoch.

     Sofort fasste er wieder um ihre Taille, um sie zu stützen. Doch diesmal funktionierte es nicht. Ihre Knie zitterten schlimmer als zuvor. Kurzentschlossen hob Carlisle sie daraufhin mit einer einzigen Bewegung auf seine Arme.

     Es ging so schnell, dass Marina ein paar Sekunden brauchte, um zu verstehen, was passierte. Wie in einem Traum spürte sie seine verführerische Körperwärme, die Sicherheit, die sie auf seinen starken Armen empfand, und die Versuchung, sich einfach fallen zu lassen.

     „Was machen Sie da?“, keuchte sie schließlich. „Lassen Sie mich sofort runter!“

     „Wieso? Damit Sie vor mir auf den Boden sinken können? So nötig habe ich weibliche Ergebenheit nun auch wieder nicht, vielen Dank.“

     Die ganze Angst und der Hass und die Wut, die sie für Charles Wakefield empfunden hatte, wendeten sich plötzlich gegen diesen neuen Peiniger. Fast war ihr danach, ihn einfach zu ohrfeigen.

     „Ich habe gesagt, Sie sollen mich runterlassen!“

     Carlisle bewegte sich keinen Millimeter, sondern stand einfach nur da, blickte sie an und hielt sie auf seinen Armen, als ob sie federleicht wäre. Sie fühlte sich hilflos wie ein kleines Kind. Und lächerlich. Jeden Moment konnte jemand kommen und sie so sehen. Eine weitere Erniedrigung in der Geschichte ihres persönlichen Untergangs.

     „Ich werde schreien“, drohte sie.

     So nah, wie sie ihm jetzt war, sah sie ein belustigtes Funkeln in seinen Augen. „Ich dachte, Sie wollten mit einem letzten Funken Würde von hier verschwinden. Oder irre ich mich? Genießen Sie es etwa, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen?“

     Sie biss die Zähne zusammen. Der Kommentar war so ungerecht, dass ihr nicht einmal eine passende Antwort einfiel.

     Er beobachtete genau, wie sie auf seine Frage reagierte. Sie ballte die Hände zu Fäusten, ihre Brust hob und senkte sich unruhig. Röte breitete sich über ihrem Gesicht aus. Offenbar versuchte sie vergeblich, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bekommen.

     Als Marina jetzt seinem Blick folgte, der auf ihrem Dekolleté ruhen blieb, bemerkte sie erschrocken, dass ihre Kostümjacke offen stand. Darunter trug sie eine schlichte weiße Bluse, durch die man deutlich den ebenso schlichten weißen BH und ihre Brüste sehen konnte.

     Sie wollte irgendetwas sagen, aber da blickte er ihr schon wieder in die Augen, und ihre Empörung blieb ihr im Hals stecken.

     Seine Augen waren so sexy. Es gab kein anderes Wort dafür. Der Blick erschütterte sie bis ins Mark, und sie versuchte vergeblich, ihn zu entschlüsseln. Es war unmöglich. Carlisle war einfach undurchschaubar, bis auf dieses rätselhafte Leuchten in seinen Augen, vor dem sie am liebsten davongelaufen wäre.

     Oder dem sie sich auf der Stelle hätte hingeben können.

     Niemand hatte sie jemals so sicher gehalten. Seine Arme umfingen sie mit einer Wärme, die gleichzeitig anregend und wohltuend war. Sie hatte den Kopf an seine breite Brust gelegt und atmete den Duft ein, der von ihm ausging: rein und kräftig – sein eigener Duft, kein Aftershave oder Parfum.

     „Also, was ist Ihnen lieber?“, fragte er schließlich mit einer so sanften Stimme, dass es sie im Innersten berührte. „Gehen wir, ohne Aufsehen zu erregen, oder machen wir wieder eine Szene?“

     „Ich bin nicht der Typ für Szenen.“ Sie starrte ihn an, wütend darüber, dass er sie in der Hand hatte. Und wütend darüber, dass sie gerade eine neue Schwäche bei sich entdeckt hatte: Zu der Vorliebe für dunkle Schokolade, romantische Schwarz-Weiß-Filme und der Angewohnheit, erst zu reden und dann zu denken, kamen jetzt also noch indigoblaue Augen.

     Verdammt. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie wollte einfach nur nach Hause, wo sie in Ruhe ihre Wunden lecken konnte und diesem Mann nicht länger ausgeliefert war.

     Als hätte er ihre Gedanken erraten, wandte er sich um und trug sie zum Aufzug. Automatisch streckte sie die Hand aus und drückte den Knopf.

     „Müssen Sie nicht zurück auf die Feier?“, fragte sie so beiläufig wie möglich. So als ob es ihr nicht das Geringste ausmachte, in den Armen des attraktivsten Mannes zu liegen, dem sie je begegnet war.

     „Nein, ich wollte sowieso gerade gehen.“

     „Aber müssen Sie nicht zurück an die Arbeit? Zu Charles Wakefield?“

     Er blickte sie erstaunt an und hob eine seiner dunklen Augenbrauen. „Sie denken, dass ich für Wakefield arbeite? Was glauben Sie denn, wer ich bin?“

     Der Aufzug kam, die Türen öffneten sich. Als er sie hineintrug, zeigten die Spiegel im Inneren des Lifts das Bild eines intimen Paares.

     Das gab Marina den Rest. Sie hing wie eine Gummipuppe in Carlisles Armen, ihr Rock war verrutscht, die Jacke halb geöffnet, und die Haare sahen so wild aus, als seien sie in einen Tornado geraten.

     „Sie können mich jetzt runterlassen“, erklärte sie, als sich die Türen schlossen und sie auf engstem Raum eingeschlossen waren.

     „Drücken Sie bitte den Knopf ins Erdgeschoss“, gab er zurück, ohne auf ihre Bitte einzugehen. Als sie nicht reagierte, presste er sie noch dichter an sich, um selbst an den Knopf zu kommen.

     Sie spürte seinen kräftigen Herzschlag an ihrer Wange, und der Duft seiner Haut war jetzt noch intensiver. Gegen alle Vernunft sog sie das herbe, warme Aroma tief in sich ein und war fast enttäuscht, als er seinen Griff lockerte und ihr Kopf wieder sanft an seiner Schulter lag.

     „Wirklich, Sie können mich jetzt runterlassen. Ich kann allein stehen.“

     „Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.“ Er sah ihr tief in die Augen. „Wer, glauben Sie, bin ich?“

     Sie zuckte die Schultern. „Sind Sie nicht so eine Art Bodyguard? Ich dachte nur, weil Sie die Leute zur Seite gedrängt haben, damit sie nichts von dem Gespräch mitkriegen …“

     Der Rest ihres Satzes ging in seinem Gelächter unter. Erst grinste er nur, dann zuckte es verräterisch um seine Mundwinkel, und schließlich lachte er so ansteckend, dass sie fast mitlachen musste.

     „Sie glauben ernsthaft, ich wäre eins von Wakefields Schoßhündchen?“ Zum ersten Mal, seit sie sich begegnet waren, sah er sie völlig frei und ohne Misstrauen an. Er war einfach nur amüsiert, und das machte ihn noch attraktiver. Sein Lächeln war so gewinnend und herzlich, dass einfach jede Frau, auch wenn sie noch so beherrscht war, dahinschmelzen musste.

     „Also, Schoßhündchen habe ich nicht gesagt“, bemerkte sie. Sie dachte daran, wie er Wakefield Paroli geboten hatte. „Aber sie haben doch auf ihn aufgepasst. Wie Sie die Leute beiseite geschoben haben, das war doch, um ihn zu schützen, oder etwa nicht?“

     Sein Lächeln erlosch. „Ist Ihnen nicht in den Sinn gekommen, dass es für Sie besser war, dass nicht alle mitbekamen, wie sie Wakefield beschuldigten? Wissen Sie nicht, wie gefährlich es ist, ihn direkt vor seinen Anhängern zu provozieren?“

     Marina spürte wieder die Wut in sich aufsteigen. Sie wusste, dass er recht hatte.

     „Sie meinen, weil ich die Wahrheit gesagt habe?“

     „Genau deswegen.“ Sein Ton war unerbittlich. „Bei einem Mann wie Wakefield gibt es keinen richtigen Zeitpunkt für ehrliche Worte.“

     „Das klingt so, als hätte er sie mit seinen zweifelhaften Moralvorstellungen angesteckt“, entgegnete sie. „Ich weiß wirklich nicht, wie Sie mit ihm zusammenarbeiten können.“

     Ihre Blicke trafen sich. Das Schweigen zwischen ihnen wuchs. Und obwohl er nicht antwortete, spürte sie seine Reaktion. Die Spannung in dem kleinen Raum nahm zu, und was sie spürte, war eindeutig Ärger, der von jeder Faser seines Körpers ausging.

     Die Türen glitten auseinander. Carlisle antwortete noch immer nicht.

     Marina wusste nicht, ob sie erleichtert oder enttäuscht sein sollte, als er sie aus dem Lift hinaus und quer durch die marmorgeflieste Lobby trug. Sie waren in Sydneys elegantestem Hotel. Als sie an dem schmunzelnden Concierge und ein paar neugierigen Gästen vorbeigingen, wäre sie am liebsten im Erdboden versunken.

     „Wenn Sie Wakefield den Kampf ansagen wollen, Marina, dann müssen Sie daran denken, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie zu sein scheinen.“ Er sprach leise. Seine Worte waren nur für sie bestimmt.

     Endlich traten sie ins Freie. Marina spürte warme Luft auf ihren erhitzten Wangen, während sie versuchte, den Hotelpagen würdevoll zu ignorieren. Aber der kümmerte sich sowieso nur um Carlisle.

     „Ihr Wagen steht bereit, Sir.“

     „Danke … Paul.“ Er las den Namen des Jungen von seinem Namensschild ab.

     „Bitte sehr, Sir. Madam.“ Der Page ging auf eine große silberne Limousine zu und hielt die Beifahrertür auf. Marina kannte sich mit Autos nicht sehr gut aus, aber sogar sie bemerkte, dass es sich bei diesem Prachtexemplar um einen der teuersten Wagen in ganz Australien handeln musste.

     Aus irgendeinem Grund schüchterte sie das ein bisschen ein.

     „Ich sagte, Sie können mich runterlassen, und das meine ich auch so“, zischte sie. „Ich fahre nirgends mit Ihnen hin. Ich kenne Sie nicht. Und selbst wenn, mir geht es wieder gut. Ich schaffe es allein nach Hause.“

     Carlisle lächelte sie an, sodass jemand, der zufällig daneben stand, denken musste, dass sie eine zärtliche Beziehung hatten. Aber Marina sah den Ärger in seinen Augen.

     „Genau, vertrauen Sie mir bloß nicht. Das ist wahrscheinlich das Vernünftigste, was Sie den ganzen Abend über getan haben.“

     Wieder war sein Ausdruck rätselhaft, aber etwas darin wühlte sie auf und ließ sie vor Erregung schaudern. Sie wusste instinktiv, dass sie sich mit diesem Mann besser nicht anlegte.

     Kopfschüttelnd fuhr er fort: „Sie glauben doch nicht, dass ich Sie um diese Uhrzeit einfach so gehen lasse, allein und kaum in der Lage zu stehen. Mein Wagen kann Sie genauso gut nach Hause bringen wie ein Taxi“. Er klang unerbittlich.

     Natürlich würde sie auf keinen Fall zugeben, dass sie ohnehin den Bus nehmen müsste. Das ging ihn nichts an.

     „Mr. Carlisle? Alles in Ordnung?“, fragte der Junge, der an der offenen Autotür wartete.

     „Mr. Carlisle?“, wiederholte Marina. Sie hatte angenommen, dass das sein Vorname war.

     „So ist es“, erklärte er, während er zum Wagen ging und sie in die butterweichen Ledersitze gleiten ließ. „Ronan Carlisle.“

     Sein Lächeln war strahlend, trotz der Dunkelheit im Wagen. Er nahm ihre rechte Hand. „Es ist mir ein Vergnügen, Ms. Lucchesi.“

     Marina starrte ihn mit offenem Mund an.

     Wenn seine außergewöhnliche Persönlichkeit und sein überlegenes Auftreten nicht schon reichten, dann musste sie spätestens dieses Auto davon überzeugen, dass er tatsächlich der war, für den sie ihn hielt. Sie erinnerte sich an all die Frauen, die sich auf der Feier um ihn gedrängt hatten. Und an ihre gierigen Gesichter.

     Marina ließ sich in ihrem Sitz zurücksinken und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

     „Fallen Sie jetzt bitte nicht in Ohnmacht.“ Seine Stimme war nur noch ein heiseres Raunen an ihrem Ohr, als er sich über sie beugte und den Sicherheitsgurt schloss.

     „Natürlich nicht.“ Was glaubte dieser Mann eigentlich? Sein Ego war anscheinend genauso groß wie das von Charles Wakefield. „Ich bin nur müde.“ Sie hob den Kopf und sah ihm in die Augen. „Ich habe außerdem nicht gesagt, dass Sie mich nach Hause fahren sollen.“

     Er lachte leise, sein Atem streifte warm ihr Gesicht. Es fühlte sich noch intimer an als der Moment, als er sie auf seine Arme gehoben hatte. Erneut spürte Marina, wie der Widerstand in ihr schmolz.

     „Kommen Sie schon, Marina. Ich bringe Sie sicher nach Hause. Ich würde mir die ganze Nacht Vorwürfe machen, wenn ich Sie hier allein zurückließe.“

     Er blickte sie so bestimmt an, dass sie erschöpft nachgab.

     „In Ordnung. Danke. Ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen.“

     Und so kam es, dass Marina sich nach ihrem Duell mit Charles Wakefield von einem Mann nach Hause fahren ließ, der sie durcheinanderbrachte wie sonst niemand.

     Von Ronan Carlisle, zufällig einem der reichsten und mächtigsten Männer des ganzen Landes.

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