Es geschah in einer Sommernacht - 3. Kapitel

3. KAPITEL

Ronan schwieg, während er sich anschnallte und den Wagen startete.

     Er musste seine Beifahrerin nicht anschauen, um zu wissen, dass sie am Ende ihrer Kräfte war. Sie war mit Sicherheit eine Kämpfernatur, aber jetzt schien sie kurz vor dem Zusammenbruch zu sein. Dunkle Schatten zeichneten sich unter ihren schönen Augen ab. Ihr Körper zitterte unaufhörlich, und in ihrem Gesicht stand die pure Erschöpfung geschrieben.

     Zum Teufel. Sie konnte es nicht mit einem Monster wie Charles Wakefield aufnehmen!

     Körperlich war sie so schwach, dass sie eigentlich ins Bett gehörte. Wie sie es geschafft hatte, an dem Sicherheitsdienst vorbeizukommen, um auf die Party zu gelangen, war Ronan ein Rätsel. Sie hatte wohl mehr Glück als Verstand gehabt.

     An der nächsten Ampel hielt er und warf Marina einen forschenden Blick zu.

     Sie blickte stur geradeaus. Entweder sah sie seinen Blick nicht, oder sie beachtete ihn nicht. Ihre Schultern hingen schlaff herunter, sie kaute auf ihrer Unterlippe. Sein Blick blieb kurz an ihren Lippen hängen, bevor er wieder auf die Straße sah.

     Wer war sie? Eine zornige Frau, die sich an einem Exliebhaber rächen wollte? Wakefield war als Schürzenjäger bekannt. Oder stimmte es, was sie gesagt hatte? War sie wirklich die Schwester eines Opfers von Wakefields schmutzigen Geschäften? Und wieso nur trug sie diese unförmigen Klamotten? Ronan hatte ihre verlockenden Kurven unter dem Kostüm gespürt. Er war sich ziemlich sicher, dass Marina Lucchesi einen zweiten Blick wert war.

     Außerdem bewunderte er ihren Mut. Wahrscheinlich hatte schon lange niemand mehr so mit Charles Wakefield gesprochen. Wenn die Situation nicht zu ernst gewesen wäre, hätte er sich köstlich über Wakefields schockierte Miene amüsieren können.

     Ja, diese Frau hatte Schneid.

     Und ihre Lippen erst … Er hätte gern gewusst, wie sie wohl schmeckten. Marinas Lippen waren voll und rot, unglaublich sinnlich geschwungen … Noch nie hatte er einen so erotischen Mund gesehen.

     Ronan spürte, wie seine Erregung wuchs, und schüttelte energisch den Kopf. Dies hier war mit Sicherheit nicht der passende Augenblick für erotische Fantasien.

     Die Ampel wurde grün, und er trat aufs Gaspedal. Plötzlich hörte er neben dem Motorengeräusch noch etwas anderes. Ein leises Stöhnen? Ein Aufschluchzen?

     „Was ist?“, fragte er und blickte besorgt zur Seite.

     „Ach, gar nichts“, entgegnete sie ironisch. „Ich frage mich nur, wie ich es geschafft habe, an einem Abend gleich mit zwei Multimillionären aneinanderzugeraten. Ein neuer Rekord.“

     Er grinste. Sie war verwundet, aber sie gab nicht auf.

     Marina seufzte. „Kein normaler Freitagabend.“

     „Was wäre denn ein normaler Freitagabend für Sie?“ Es interessierte ihn wirklich. Sie war einer der interessantesten Menschen, die er seit Langem getroffen hatte.

     „Jedenfalls keine Partys mit der High Society.“

     „Nicht gerade High Society“, entgegnete er. „Es waren viele ganz normal arbeitende Menschen dort.“

     „Und viele verwöhnte, die sich noch nie in ihrem Leben die Hände schmutzig gemacht haben.“

     Er überhörte es. Es waren natürlich einige Schmarotzer da gewesen. So wie immer, wenn es etwas umsonst gab.

     „Sie hätten es mir sagen sollen“, bemerkte Marina nach einem kurzen Schweigen.

     „Was?“

     „Wer Sie sind“, sagte sie tonlos. „Ich komme mir vor wie ein Idiot.“

     „Ich weiß nicht, was das geändert hätte.“ Er versuchte so gut wie möglich, sein Gesicht aus den Klatschspalten herauszuhalten. Im Gegensatz zu Wakefield hasste Ronan den Rummel um seine Person, und er war froh, wenn er seine Ruhe hatte. Er fand es wirklich nicht besonders spaßig, überall erkannt zu werden.

     Doch Marinas Schweigen war eher vorwurfsvoll, als dass es von Verständnis zeugte.

     „Vielleicht haben Sie recht“, gab er zu. „Ich hätte es Ihnen gleich sagen können. Aber ich kam ja gar nicht dazu. Ich musste schließlich Angst haben, dass sie jeden Moment tot umfallen.“

     „Und danach? Später?“ Sie blieb hartnäckig.

     Gute Frage. Warum hatte er es ihr nicht gesagt? Hatte er es etwa genossen, wie sein Körper auf eine Frau reagierte, die keine Ahnung hatte, wer er war? Die Mischung aus ihrer forschen Art ohne jede Ehrfurcht und ihrer körperlichen Zerbrechlichkeit hatte seinen Beschützerinstinkt geweckt. Und seine Hormone angeregt.

     „Es war einfach schön, mal mit jemandem zu sprechen, der er selbst ist. Der sich nicht verstellt, nur um einen guten Eindruck bei mir zu machen. So was kann recht anstrengend sein“, erklärte er nach einer Weile.

     „Oh, Sie Armer. Das hört sich wirklich hart an.“

     Er ignorierte ihren bissigen Kommentar. „Sie sollten sich wegen heute Abend nicht quälen, Marina.“ Er wusste, welche Spuren das Gespräch mit Wakefield bei ihr hinterlassen hatte. „Warum, glauben Sie, war Wakefield so außer sich? Doch nur, weil er Sie nicht zum Schweigen bringen konnte. Er wusste, dass sie ihm unbequem werden können.“

     Marina rutschte auf ihrem Sitz hin und her. „Aber es hat nichts genützt. Er kommt davon, und ich kann nichts dagegen tun. Rein gar nichts.“

     Täuschte er sich, oder zitterte ihre Stimme leicht? Er fuhr an den Straßenrand.

     „Warum halten Sie an?“, fragte sie verblüfft und drehte sich zu ihm um. Ihr langes Haar fiel ihr über die Schultern. Wieder roch er ihren Duft – frisch und sonnig wie ein Frühlingstag.

     „Sie müssen mir sagen, wo ich hinfahren soll. Ich weiß nicht, wo Sie wohnen.“

     „Ach so.“ Ihre Lippen formten sich zu einem einladenden Kussmund. Er musste sich zwingen, ihr in die Augen zu blicken.

     „Nach Norden“, sagte sie. „Fahren Sie über die Brücke oder durch den Tunnel, das geht beides. Wenn Sie in die andere Richtung müssen, lassen Sie mich einfach an einem Taxistand raus.“

     „Ich wohne auch im Norden.“ Er beobachtete sie genau. „Sagen Sie mir, wo Sie wohnen, und dann lehnen Sie sich zurück und machen die Augen zu. Sie sehen furchtbar müde aus.“

     Sie runzelte die Stirn, und er wusste, dass es nicht das war, was sie hören wollte.

     Automatisch zog sie die Schultern zurück und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Dann drehte sie es zu einem Knoten, der viel zu schwer für ihren schlanken Hals wirkte.

     „Mist“, flüsterte sie.

     „Was ist?“

     „Keine Haarklammern.“ Resigniert ließ sie den Zopf wieder los, das dichte seidige Haar fiel ihr ins Gesicht.

     Plötzlich verspürte Ronan den Wunsch, sie zu beschützen, und fast hätte er sich hinübergebeugt, um sie zu berühren. Aber er fühlte, dass es im Moment vor allem der Stolz war, der sie aufrecht hielt. So etwas wie Mitleid würde ihr vermutlich den Rest geben.

     „Geben Sie mir Ihre Adresse“, erklärte er bestimmt, während er den Wagen wieder anließ. „Ich bringe Sie jetzt nach Hause, und sie versuchen zu schlafen.“

 

Marina wusste nicht genau, wovon sie erwachte, aber es war bestimmt nicht der ausgehende Motorenlärm. Sie hatte das Gefühl, dass der Wagen schon eine ganze Weile nicht mehr fuhr, als sie die Augen öffnete und merkte, dass sie in ihrer Einfahrt standen.

     In der Limousine brannte kein Licht, und die Laterne am Ende der Straße leuchtete nur schwach. So konnte sie den Mann neben sich kaum erkennen. Doch sie spürte, dass er sie beobachtete. Sein intensiver Blick verursachte ihr eine Gänsehaut.

     „Wieso haben Sie mich nicht aufgeweckt?“, flüsterte sie. Sein Schweigen erregte sie seltsam. Genauso wie die Vorstellung, dass er sie schon länger so anblickte.

     Trotz der schwülen Sommerluft durchfuhr sie ein Schauer. Ihr Atem ging schneller, und ihr Herz begann heftig zu klopfen.

     „Wir sind gerade erst angekommen“, sagte er ruhig. „Und ich dachte, ein paar Minuten mehr Schlaf würden Ihnen nicht schaden.“ Er öffnete die Tür auf seiner Seite, worauf das Licht im Inneren des Wagens anging. Marina blinzelte.

     Dann stieg er aus, ging um das Auto herum und öffnete die Beifahrertür. Umständlich löste Marina ihren Gurt. Als sie aufblickte, bemerkte sie, dass die automatische Hausbeleuchtung angegangen war und Ronan anstrahlte.

     Groß und breitschultrig stand er vor ihr. Auch sein maßgeschneiderter Anzug konnte die Aura purer Männlichkeit nicht verbergen, die Marina buchstäblich den Atem raubte. Mit seinem Seidenhemd und dem eleganten Jackett schien er ein natürlicher Teil der partyfreudigen High Society zu sein, aber seine Ausstrahlung verriet, dass da noch mehr war als das: dass er ein Mann war, der es gewohnt war, Befehle zu erteilen. Dem man gehorchte.

     Dieser Mann bedeutete Gefahr. Er sah nicht einfach nur gut aus – er war auf eine starke, mächtige Weise unwiderstehlich. Leidenschaft umspielte seine Mundwinkel. Nicht ihre Liga.

     „Marina?“ Er runzelte die Stirn, dann hob er sie kurzentschlossen aus dem Wagen.

     Seine Körperwärme, sein Duft, die breite Brust waren ihr jetzt schon fast vertraut. Es fühlte sich beinahe selbstverständlich an.

     Sie musste völlig übergeschnappt sein.

     Vorhin, als er sie gehalten hatte, hatte sie unter Schock gestanden. Diese Erklärung hatte Marina jedenfalls gefunden, um die eigene Schwäche zu entschuldigen. Doch jetzt konnte sie an nichts anderes mehr denken als an das überwältigende Gefühl, von diesem Mann im Arm gehalten zu werden. Sie atmete Ronan mit jeder Faser ihres Körpers ein. Wie wunderbar sich seine Haut anfühlte, wenn sie sie aus Versehen berührte. Wie perfekt sie in seine Arme passte. Wie sich die Leidenschaft in ihr regte – ein Gefühl, dass sie schon fast vergessen hatte.

     „Ich … Ich kann alleine gehen.“ Doch ihre Stimme versagte ihr den Dienst.

     Ronan trug sie über den Hof und dann die Treppe hinauf, so als ob sie leicht wie eine Feder wäre. Keine Frau von fast 1,80 m Körpergröße.

     Hastig kramte sie den Wohnungsschlüssel aus ihrer Handtasche und steckte ihn ins Schloss. „Vielen Dank.“ Sie sah ihm ins Gesicht, aber nicht direkt die Augen. Sein Blick machte sie noch immer nervös. „Ich bin Ihnen wirklich dankbar, dass Sie mich nach Hause gefahren haben. Das war viel angenehmer als ein Taxi.“

     „Mit dem größten Vergnügen“, antwortete er lächelnd. Seine samtige Stimme streichelte ihre angespannten Nerven. Anstatt sie abzusetzen, stieß er die Wohnungstür mit dem Fuß auf und betrat den Flur. Marina streckte automatisch die Hand aus und knipste das Licht an.

     „Wo lang?“, fragte er.

     „Ich schaffe das jetzt allein“, beharrte sie erneut. Sie versuchte, sich aus seinem Arm zu winden – als ob sie gegen ihn auch nur die geringste Chance hätte. „Nun bin ich ja zu Hause, und Sie sollten auch nach Hause fahren.“

     „Marina.“ Er blieb stehen und sah sie an. Sein Blick war unergründlich, aber er lächelte, sodass winzige Grübchen sichtbar wurden. „Sie müssen sich keine Sorgen machen. Ich möchte nur sichergehen, dass es Ihnen gut geht. Das ist alles, was ich heute Abend von Ihnen will.“

     Natürlich war das alles. Ein Mann wie er würde sich nie für jemanden wie sie interessieren. Selbst wenn er der reinste Playboy wäre, immer auf der Jagd, hätte sie nichts von ihm zu befürchten. Sie war nicht schön, nicht begehrenswert oder sexy. Sie war nicht einmal erfahren.

     Sie tat ihm wohl einfach nur leid, weil sie sich vor der Geschäftswelt von Sydney lächerlich gemacht hatte. Und weil sie sich nicht allein auf den Beinen halten konnte. Das war alles.

     Sie wollte sein Mitleid nicht.

     Tränen brannten in ihren Augen. Tränen der Wut, weil sie heute Abend versagt hatte. Weil sie es nicht geschafft hatte, Wakefield büßen zu lassen. Weil sie körperlich beinahe zusammen gebrochen war. Und weil dieser Mann, dieser aufregende Mann, sie in diesem verletzlichen Zustand gesehen hatte.

     Sie hob das Kinn und deutete den Flur hinunter. „Schlafzimmer. Die dritte Tür links“, murmelte sie. Sie sah ihn nicht an. Seine Absichten schienen gut zu sein, aber Schmerz und Enttäuschung machten sie unsicher.

     Er blieb an der offenen Tür stehen. Wieder streckte sie die Hand nach einem Lichtschalter aus. Sanftes Licht erhellte den vertrauten Raum. Die milden Creme- und Blautöne taten ihr gut. Marina hätte vor Erleichterung weinen können, als sie ihr Bett sah, das mit zurückgeschlagener Decke schon auf sie wartete.

     Jeder einzelne Knochen tat ihr weh, und sie hatte nicht mal mehr genug Energie, um sich über Ronan Carlisle zu ärgern, der sich so einfach in ihr Zuhause eingeladen hatte.

     Und dann legte er sie auf das Bett. So vorsichtig, als sei sie eine kostbare, zerbrechliche Porzellanpuppe. Dankbar ließ sie sich in die Kissen sinken.

     „Es tut mir leid, dass ich Sie so angefahren habe“, sagte sie, während sein Blick durch den Raum schweifte. Er bemerkte die Krücken in der Ecke und die Medizin auf dem Nachttisch. Dann blickte er wieder auf sie hinab.

     „Das war ungerecht von mir“, fuhr sie fort. „Ich bin froh über Ihre Hilfe. Allein hätte ich es nicht bis hierher geschafft.“

     Er ignorierte ihre Entschuldigung und fragte stattdessen: „Ist sonst niemand zu Hause? Niemand, der Ihnen helfen kann?“

     Marina biss sich auf die Lippen. Seine Worte taten ihr weh. Sie war müde. Sie hatte ihre Gefühle nicht unter Kontrolle.

     „Ich lebe allein. Und ich komme sehr gut zurecht.“

     Er runzelte die Stirn. Er schien ihr nicht zu glauben, also fügte sie hinzu: „Mein Bruder wohnt nur zehn Minuten von hier entfernt. Wenn ich etwas brauche, kann ich ihn jederzeit anrufen.“

     Ronan schien zufrieden bei dem Gedanken, dass ein männliches Wesen ein Auge auf sie hatte. Typisch Mann. Er konnte ja nicht wissen, dass Marina sich eher um ihren Bruder kümmern musste, als dass Seb eine echte Hilfe für sie gewesen wäre.

     Schließlich nickte er. „In Ordnung. Brauchen Sie irgendwelche Medikamente?“

     Sie sah hinüber zur Tablettenschachtel. Sicher würde sie heute auch ohne Hilfsmittel einschlafen können, so erschöpft, wie sie war. Aber man konnte ja nie wissen.

     „Es wäre toll, wenn Sie mir ein Glas Wasser bringen könnten. Die Küche ist den Flur entlang, und die Gläser …“

     „Ich finde mich schon zurecht“, meinte er und war verschwunden.

     Sobald er draußen war, fühlte Marina sich besser. Sie musste nicht länger die Starke spielen. Vorsichtig schwang sie ihre Beine über die Bettkante. Das Badezimmer war nur ein paar Schritte entfernt, und ihre Knie fühlten sich nicht mehr ganz so zittrig an. Ihr Schwächeanfall hatte sicher mit dem Stress zu tun, den das Treffen mit Wakefield ausgelöst hatte.

     Sie hatte sich gerade das Gesicht gewaschen und die Zähne geputzt, als Ronan zurück ins Schlafzimmer kam.

     „Das Wasser steht auf dem Nachttisch“, hörte sie ihn leise sagen. „Brauchen Sie Hilfe im Bad?“

     „Nein, danke.“ Sie war so feige, dass sie lieber noch eine Weile im Bad blieb, als ihm in die durchdringenden Augen zu blicken.

     „Vielen Dank für Ihre Hilfe“, rief sie so fröhlich wie möglich. „Sie müssen die Haustür einfach fest hinter sich zuziehen, ja?“

     Einen Moment lang hörte sie nichts. Dann sagte er: „In Ordnung.“

     „Danke noch mal …“ Wie sollte sie ihn nennen? Mr. Carlisle war viel zu förmlich, nach allem, was passiert war, aber seinen Vornamen brachte sie nicht über die Lippen. „Gute Nacht also“, murmelte sie schließlich. Aber es kam keine Antwort mehr.

     Marina stand neben dem Waschbecken und lauschte. Es war nichts zu hören. Er war weg.

     Siehst du? Er hatte nur Mitleid mit dir. Er weiß, dass du zu Hause in Sicherheit bist, und jetzt konnte er es gar nicht erwarten, von hier wegzukommen.

     Als sie aus dem Bad kam, war das Schlafzimmer dunkel und leer. Nur die Nachttischlampe verströmte ein warmes Licht. Wahrscheinlich hatte Ronan es ihr ersparen wollen, durch das ganze Zimmer zu gehen, um das große Licht auszuknipsen.

     Marina gähnte und zog ihr Nachthemd unter dem Kissen hervor. Sie zog sich aus und schlüpfte in die kühle, dunkelblaue Seide. Der Stoff glitt wunderbar zart ihren Körper hinab. Sie lächelte über diesen privaten Luxus, den sie sich gönnte. Man musste nicht den Körper eines Supermodels haben, um schöne Wäsche genießen zu können.

     Dann hängte sie Rock und Bluse ihres Kostüms in den Schrank und nahm ihre Krücken. Sie musste noch kurz nachsehen, ob die Wohnungstür verschlossen war, dann konnte sie endlich schlafen.

     „Lassen Sie mich das machen.“ Erschrocken fuhr Marina herum und sah sich Ronan gegenüber, der mit einer dampfenden Tasse Tee in den Händen in der Schlafzimmertür stand. Ihr Puls begann zu rasen – ob vor Überraschung oder vor Erregung, war schwer zu sagen.

     Ronan lächelte, durchquerte den Raum und stellte die Tasse auf dem Nachttisch ab. Dann nahm er Marina die Krücken aus der Hand und fasste sie sanft am Arm. Die Berührung auf ihrer nackten Haut löste eine Welle herrlicher Empfindungen aus.

     „Wo wollen Sie hin? Kann ich ihnen helfen?“ Sie konnte ihren Blick nicht von seinem Gesicht nehmen. Da war sie wieder, die lodernde Flamme in seinen Augen. Marina musste schlucken.

     Doch so plötzlich wie der Moment gekommen war, war er auch schon wieder vorbei. Ronans Miene zeigte nur noch Höflichkeit, vielleicht auch leichte Besorgnis, aber nicht mehr.

     „Marina?“

     „Ich dachte, Sie wären schon gegangen. Ich wollte nachsehen, ob die Tür abgeschlossen ist.“ Plötzlich wünschte sie, sie hätte einen Bademantel gehabt, um sich zu bedecken. Obwohl ihr Nachthemd immer noch mehr verhüllte als einige der Cocktailkleider, die sie heute Abend gesehen hatte.

     Trotzdem kam sich Marina mit einem Mal viel zu nackt vor in ihrem Hemdchen aus Seide und Spitze. Und Ronan war so nah, dass sie die Hitze fühlte, die von ihm ausging. Es war, als ob er ein Feuer zwischen ihnen entfachte. Sie konnte förmlich spüren, wie die Flammen aufloderten.

     „Kommen Sie, Sie sollten nicht so lange stehen.“ Jetzt klang er ein wenig schroff, und seine Miene war ernst. So als hätte er Angst, sie vom Boden auflesen zu müssen, falls ihre Beine wieder nachgaben.

     Aber diesmal waren es nicht die Verletzungen, die Marina die Knie weich werden ließen. Es war etwas anderes. Etwas Neues.

     Es war … pures sinnliches Verlangen.

     Eine ungewohnte Erregung ergriff ihren Körper und lähmte ihre Gedanken, als Ronan sie zum Bett führte. Unwillkürlich stütze sie sich auf seinem Arm ab, bevor sie sich vorsichtig setzte.

     Ohne ein Wort zu sagen, schlug er das Laken zurück und beugte sich vor, um ihre Beine hochzulegen. Als sie seinen festen Griff an ihren Unterschenkeln spürte, stockte ihr der Atem, und ein heftiger Schauer durchfuhr sie.

     Sofort hielt er inne.

     Er musste es auch gespürt haben – ihr unkontrollierbares Zittern. Sie betete, dass er es auf ihre körperliche Schwäche zurückführte und nicht erriet, dass es die Reaktion auf seine Berührung war.

     Sie starrte ihn an, betrachtete wie gebannt sein Gesicht, das plötzlich zum Greifen nah war. Das tiefschwarze Haar fiel Ronan in die Stirn, seine dunklen Wimpern schienen mit einem mal unglaublich lang und seidig. Was er wohl dachte? Während sie darauf wartete, dass er sie losließ, schlug ihr das Herz bis zum Hals.

     Und sie wollte doch, dass er sie losließ. Oder etwa nicht?

     Er bewegte seine Hände ein Stück, und sie zitterte noch stärker. Dann glitten seine schlanken Finger sanft hinunter bis zu ihren Knöcheln. Es war eine unglaublich leichte, zärtliche Berührung.

     Marina musste sich auf die Lippen beißen, um einen Seufzer des Wohlbehagens zu unterdrücken. Es fühlte sich so unglaublich gut an, wie er ihre nackte Haut streichelte. Warm, sanft … und erotisch.

     Unwillkürlich krallte sie sich am Bettlaken fest. Sie rührte sich nicht, während er seine Hände Zentimeter für Zentimeter ihre Waden wieder hinaufgleiten ließ.

     Das Feuer in ihrem Unterleib wurde immer stärker. Das Zittern verwandelte sich in einen Schauer, als Ronan ihre Knie erreichte und die zarte Haut ihrer Kniekehlen entdeckte.

     Diesmal konnte sie ihre Reaktion auf seine Berührung nicht länger beherrschen. Es war wie ein Blitzgewitter in ihrem Innern, das ihre Sinne lähmte und sie willenlos machte.

     Was passierte hier?

     Es musste aufhören. Sofort!

     „Bitte …“ Mit Entsetzen stellte sie fest, dass ihre Stimme nur noch ein heiseres Flehen war. Es war offensichtlich, wie wenig sie sich unter Kontrolle hatte.

     „Bitte, Ronan, ich …“ Sie vergaß, was sie sagen wollte, als er den Kopf hob und sie anblickte.

     War das derselbe Mann? Die Konturen seiner Wangenknochen und seines Kiefers wirkten ungewöhnlich scharf, sein Mund war eine harte Linie, seine Nasenflügel bebten. Und seine Augen … Marina fuhr zusammen. Diese Augen waren hungrig, und in ihnen glitzerte etwas, das sie merkwürdig verstörte.

     „Wenn Du mich so nett darum bittest …“

     Sie traute ihren Ohren nicht, als sie hörte, was er da mit tiefer, rauer Stimme sagte. Langsam setzte er sich neben sie aufs Bett. Sie spürte seine Hüfte an ihrer, die Hitze seines Körpers ganz nah an ihrem.

     Aus ihrer Kehle kam kein Laut, deshalb hob sie eilig die Hände, um ihn abzuwehren. Sie war schrecklich erregt, aber nicht dumm. Sie würde nicht zulassen, dass er …

     In diesem Moment beugte er sich vor, sodass ihre Hände sein Seidenhemd berühren mussten. Marina spürte seine festen Brustmuskeln und den pochenden Schlag seines Herzens.

     Sie wollte ihn wegschieben, aber stattdessen glitten ihre Finger über den fließenden Stoff und über seinen kräftigen, wunderbaren Körper. Ungestümes Verlangen schoss ihr bis in die Fingerspitzen. Wie verzaubert spürte sie plötzlich Ronans Hände auf ihren nackten Schultern. Sie fühlten sich ein bisschen rau an auf ihrer zarten Haut. Männlich auf weiblich.

     Gefährlich. Viel zu gefährlich!

     Sie musste sich wehren! Die Worte finden, um diesen Wahnsinn zu stoppen.

     Aber da beugte er sich auch schon weiter vor. Und während sein Gesicht immer näher und näher kam, vergaß Marina zu atmen.

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