Es geschah in einer Sommernacht - 6. Kapitel

6. KAPITEL

„Sind die nicht etwas übertrieben?“ Unsicher betrachtete Marina die zehn Zentimeter hohen Pumps, in denen ihre Füße steckten. Die Schuhe waren mit glitzernden Diamanten bestickt, schwarze Seidenbändchen wanden sich elegant um ihre Fesseln.

     „Machen Sie Witze?“ Bella Montrose beugte sich in ihrem Designerstuhl vor, um die Schuhe eingehend zu betrachten. „Sie wollten Dynamit, Schätzchen. Das hier ist pures Dynamit.“

     Marina warf der eleganten Stylistin mit der dunklen, rauchigen Stimme einen skeptischen Blick zu. Seit drei Tagen schon wich Bella nicht mehr von ihrer Seite.

     Die Überheblichkeit, mit der Ronan verkündet hatte, dass sich ab jetzt eine Fachfrau um Marina kümmern werde, wurmte sie heute noch. Genauso wie die Selbstzufriedenheit, mit der er auf ihren plötzlichen Meinungsumschwung reagiert hatte. Als ob ihm von Anfang an klar gewesen war, dass sie früher oder später tun würde, was er wollte.

     „Also?“ Bella hob eine perfekt gezupfte Augenbraue und bedachte Marina mit einem Blick, der bei einer weniger eleganten Frau herablassend gewirkt hätte. „Sie lieben die Schühchen. Geben Sie es doch einfach zu.“

     „Wenn ich etwas sagen darf“, mischte sich die Verkäuferin ein. „Es sind genau die richtigen Schuhe für einen besonderen Anlass. Die Seidenbänder betonen ihre wunderschönen Beine ganz hervorragend.“

     Marina drehte ihren Fuß nach außen und starrte in den Ganzkörperspiegel. Sie hatte tatsächlich noch nie solche Schuhe getragen. So hoch, so sexy – und so unglaublich teuer. Immer hatte sie Angst gehabt, in solchen Schuhen albern auszusehen. Aber ihre Füße waren schön geformt, etwas, das ihr noch nie zuvor aufgefallen war. Die Gelenke wirkten zierlich und die Waden sahen … ja, weiblich aus.

     Obwohl sie ihr liebstes Sommerkleid trug – ein Stück, das Bella am liebsten verbrannt hätte, weil es so weit geschnitten war –, sah sie mit diesen Schuhen irgendwie anders aus. Wie eine Frau von Welt.

     Bei diesem Gedanken musste sie fast lachen. Doch dann fiel ihr Blick auf die neue Frisur. Was für eine Verwandlung!

     Die etlichen Stunden bei einem der exklusivsten Friseure der Stadt hatten sich gelohnt. Marina verstand immer noch nicht ganz, was die Stylisten mit ihr gemacht hatten. Das Ergebnis war jedenfalls kein Vergleich zu der störrischen Mähne, mit der sie sich seit Jahren abmühte. Die wirren Locken glitten jetzt in sanften Wellen über ihre Schultern und rahmten schmeichelnd ihr Gesicht ein.

     Sogar ihre Hände sahen anders aus, viel weiblicher und zarter mit oval gefeilten, dezent lackierten Nägeln.

     Marina blinzelte.

     War das wirklich sie dort im Spiegelbild?

     „Ich nehme die Schuhe“, hörte sie sich sagen. Vielleicht passten die Pumps ja wirklich zu ihrem neuen Outfit. Vielleicht hatte sie aber auch einfach keine Lust mehr, immer nur vernünftig zu sein.

     Dank Bella machte ihr das Einkaufen beinahe Spaß.

     „Und die roten nimmt sie auch“, fügte Bella hinzu.

     Marina wollte schon protestieren, doch dann überlegte sie es sich anders. Die roten Sandaletten passten perfekt zu dem Kleid, das sie vorhin gekauft hatte. Sogar sie, die nicht viel von Mode verstand, wusste das.

     Obwohl sie in den drei Tagen mit Bella schon einiges über Mode und Stil dazugelernt hatte. Sie hatten sich über Farben, Schnitte, Stoffe, Haltung und Make-up ausgetauscht und verschiedene Kombinationen getestet.

     Dutzende Outfits wurden anprobiert, bis Marina schließlich selbst sah, warum einige fantastisch an ihr aussahen und andere ihr überhaupt nicht standen. Irgendwann musste sie zugeben, dass die unförmigen Kleider, die sie sonst trug, einfach nicht sehr vorteilhaft für ihre Figur waren.

     Sie hatte sogar neue Unterwäsche bekommen, obwohl sie Bella erklärt hatte, dass das unnötig war. Fast wäre sie damit herausgeplatzt, dass sie sowieso niemand so zu Gesicht bekäme. Aber Bella war eine hartnäckige Frau und bestand darauf, ihre Klientin von Kopf bis Fuß zu verändern. Und sie hatte so recht! Der Hauch von feiner Seide und Spitze auf der Haut fühlte sich einfach wundervoll an.

     Als sie heute Morgen zum Friseur kam, war sie noch sicher gewesen, einen Kurzhaarschnitt zu wollen. Die Einwände des entsetzten Stylisten überhörte sie. Erst als Bella erwähnte, dass Mr. Carlisle lange Haare wollte, ließ sie dem Friseur freie Hand. Ronan bezahlte schließlich für das neue Styling.

     Trotzdem ärgerte es Marina immer noch, dass er einfach so befahl, wie sie ihre Haare zu tragen hatte. Am liebsten hätte sie sich widersetzt, nur um ihm eine Lektion zu erteilen. Aber dann hatte sie ihr neues Ich im Spiegel gesehen … Mein Gott, wie machte Ronan das nur? Immer behielt er am Ende recht. Und vor allem – wieso hatte er sich überhaupt Gedanken um ihre Haare gemacht? Die Haarlänge war schließlich nicht besonders wichtig, auch nicht für die Rolle einer Geliebten.

     Marina setzte sich auf einen Hocker und streifte die edlen Pumps von ihren Füßen. Plötzlich spürte sie ein Ziehen in der Magengegend. Würde Ronans Plan wirklich funktionieren? Konnte sie Charles Wakefield genug beeindrucken, um ihn auch nur für eine Minute von seinen Geschäften abzulenken?

     Sie schüttelte den Kopf. Es war idiotisch zu glauben, durch neue Kleider ein anderer Mensch zu sein. Tief im Innern war sie noch immer dieselbe Marina: unerfahren und einfach viel zu schüchtern, um mit einem Mann zu flirten. Sie hatte in etwa so viel Sexappeal wie eine Ordensschwester.

     Dann hob sie zögernd den Kopf und schaute wieder in den Spiegel, aus dem ihr eine elegante, immer noch fremde Frau entgegenblickte. Vielleicht konnte sie es ja doch schaffen. Vielleicht …

     Ein leises Klingeln aus dem Hintergrund unterbrach ihre Gedanken. Bella klappte ihr Handy auf.

     „Ronan! Wie schön, dass Sie anrufen.“

     Sofort wurde Marina nervös. Es war völlig übertrieben, aber ein Anruf von Ronan Carlisle war bereits genug, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Wie ein ungestümer Wirbelsturm war er in ihr Leben getreten und hatte alles durcheinandergebracht. Nichts war mehr wie zuvor. Und Marina hatte das dumpfe Gefühl, dass vor allem sie selbst nie mehr dieselbe sein würde.

     Sie beugte sich vor und streifte ihre flachen Slipper über.

     „Klar, ich gebe Sie Ihnen!“ Schon streckte Bella ihr das silberne Handy entgegen. Es gab kein Entkommen.

     „Hallo?“ Marina warf Bella einen entschuldigenden Blick zu und trat ein Stück beiseite.

     „Marina.“ Seine Stimme klang dunkel und samtig. Es war unvermeidlich und lächerlich, aber ein erregender Schauer durchfuhr sie. „Wie läuft es mit dem Shopping? Hat Bella Sie endlich überredet, mein Geld auszugeben?“

     Na wunderbar! Wer wusste, was Bella ihm erzählt hatte!

     „Es läuft gut, danke. Man kann unmöglich in diesen Boutiquen einkaufen gehen, ohne ein Vermögen auszugeben.“

     „Ich bin sicher, dass es sich lohnt.“ Er senkte seine Stimme ein wenig, worauf Marinas Herz augenblicklich höher schlug. „Ich freue mich schon auf das Ergebnis.“

     „Ja, das glaube ich sofort. Warum haben Sie angerufen, Ronan?“ Plötzlich klang sie schroff. Aber das war immer noch besser, als ihm zu zeigen, wie aufgeregt sie war.

     „Ich möchte Sie zum Abendessen einladen. Ist das okay für Sie?“

     „Natürlich. Ich bin schließlich nicht krank.“ Sie machte eine Pause. „Wann?“

     „Heute Abend.“

     Vor Schreck blieb Marina die Luft weg. Heute Abend schon! Das war viel zu früh. Sie hatten doch eben erst diesem verrückten Plan zugestimmt. Und sie war sich noch nicht einmal sicher, ob sie es überhaupt schaffen würde.

     Vor allem wusste sie immer noch nicht, wie sie sich Ronan gegenüber verhalten sollte. Noch kein Mann hatte sie so sehr aufgewühlt. Seinetwegen konnte sie nicht mehr schlafen. Und wenn sie seine Geliebte spielte, musste sie ihm nah sein, ihn vielleicht berühren, zulassen, dass er sie berührte …

     „Marina?“

     „Ja, ich bin noch dran.“

     „Ich hole Sie um sieben ab.“

     Um sieben. Es waren nur noch ein paar Stunden bis dahin.

     „Ich … Äh …“, stotterte sie. „Natürlich. Ich werde auf Sie warten.“ So, wie sie noch nie auf etwas gewartet hatte. „Wo gehen wir hin? Was soll ich anziehen?“ Das war der Auftakt ihres Schauspiels, und sie würde sich alle Mühe geben.

     „Erst zu einer Cocktailparty, und später werden wir zu Abend essen. Irgendwo, wo man uns sieht, aber nicht hört. Fragen Sie Bella, Sie wird Ihnen helfen, etwas Passendes auszusuchen.“

     Marina hörte Stimmen im Hintergrund, dann sagte er: „Ich muss jetzt auflegen. Bis später.“

     Stille.

     Vorsichtig klappte sie das Telefon zu. Ihre Hände waren feucht, und sie wischte sie an ihrem Sommerkleid ab. Der Puls raste, in ihrem Bauch machte sich ein aufgeregtes, flattriges Gefühl breit.

     Drei Stunden, um sich zu verwandeln. Nur noch drei Stunden, bis sie so tun musste, als wäre sie Ronan Carlisles Geliebte. Sie musste kritische Beobachter davon überzeugen, dass sie eine so sexy Frau war, dass Ronan Carlisle ihr zu Füßen lag. Und sie musste Ronan davon überzeugen, keinen verstörenden Einfluss auf sie auszuüben.

     Sie musste sich selbst und ihn überzeugen, dass ihre Reaktion auf seinen Kuss ein Irrtum gewesen war, ein einmaliger, bedeutungsloser Ausrutscher. Dass er sie so verführerisch ansehen konnte, wie er wollte, ihr ins Ohr flüstern und sie im Arm halten konnte, ohne dass es sie im Geringsten beeindruckte.

     Sie schauderte.

     Wie sollte sie das bloß schaffen?

Letztendlich hatte Marina mehr Zeit als gut war, um sich fertig zu machen. Zu viel Zeit, um sich Gedanken und Sorgen zu machen. Sie duschte und schminkte sich so, wie es ihr der Stylist gezeigt hatte. Die ganze Zeit über versuchte sie, den Gedanken zu verscheuchen, dass sie drauf und dran war, sich bis auf die Knochen zu blamieren.

     Aber wie schlimm konnte es eigentlich noch kommen? Keine Freunde, keine Firma und wahrscheinlich auch keinen Job mehr, wenn Charles Wakefield seine eigenen Leute engagierte. Und Seb und Emma bekamen ein Baby!

     Sie musste mit Ronan Carlisle zusammenarbeiten. Wenn es auch nur die geringste Chance gab, dass er ihr die Firma zurückholte, dann musste sie sich auf ihn einlassen. Ihre persönliche Erniedrigung war dabei egal.

     Einen Moment lang spürte Marina Angst. Was, wenn Ronan mehr wollte als eine Geliebte in der Öffentlichkeit? Würde er womöglich verlangen, dass sie aus Dankbarkeit das Spiel auch privat weiterspielte? Ihr stockte der Atem bei dem bloßen Gedanken.

     Doch dann kam sie wieder zur Vernunft. Die Fantasie ging ja mit ihr durch! Er hatte sie geküsst, aber hinterher war klar gewesen, dass er einfach nur neugierig gewesen war. Er wollte sie nicht. Sie war für ihn höchstens ein Mittel zum Zweck.

     In dieser Hinsicht brauchte sie sich also keine Sorgen zu machen. Gott sei Dank!

     Marina knöpfte das neue Kleid zu und trat vor den Spiegel. Ungläubig und doch fasziniert starrte sie hinein. Vor einem Jahr hatte sie das letzte Mal neue Kleider gekauft, seitdem musste sie eine gute Kleidergröße verloren haben. Sie war schlanker geworden. Aber das war nicht alles.

     Ehrfürchtig strich sie über das seidige Material, das ihre Figur so wunderbar betonte. Es war unglaublich. Sie drehte sich hin und her, um herauszufinden, warum das Kleid so toll saß. Es war nicht zu eng, aber es betonte genau die richtigen Stellen. Stellen, die jetzt einfach nur weiblich wirkten. Üppig, aber nicht plump. Der Ausschnitt war nicht zu tief – ließ jedoch genug erahnen. Sie runzelte die Stirn. Warum sah dieses Kleid so besonders aus?

     Warum machte es eine andere Frau aus ihr?

     Plötzlich war keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Es klingelte an der Tür. Marina griff nach ihrer Tasche und atmete tief durch. Sie würde jetzt nicht anfangen, an sich zu zweifeln.

     Dennoch zitterte ihre Hand, als sie die Tür öffnete.

Ronan traute seinen Augen nicht, als Marina ihm öffnete. Eine Welle hitziger Erregung schoss durch seine Adern.

     Er hatte sie seit Tagen nicht gesehen, hatte sich gezwungen, sich nur auf die Geschäfte zu konzentrieren. Doch das war schwerer als gedacht. Sehr viel schwerer. Die Geschäfte interessierten ihn einfach nicht mehr. Marina war in seinem Kopf, seit er sie das erste Mal gesehen hatte, und er konnte nichts dagegen tun.

     Und da war sie nun: Marina Lucchesi, seine Geliebte, die ihn mit ihren großen dunklen Augen fragend anblickte.

     Er musste etwas sagen, um die Spannung aufzulösen, die in der Luft lag. Aber er konnte nicht. Er stand einfach nur da und versuchte, sich von der Überwältigung zu erholen, die ihn bei Marinas Anblick ergriffen hatte.

     Mein Gott, was war sie schön. Umwerfend, mit ihrem ebenmäßigen Gesicht und ihrer perfekten Figur. Es war vollkommen unverständlich, warum sie sich bisher unter diesen formlosen Kleidern versteckt hatte.

     Jede Nacht, die er einsam und voll Sehnsucht wach gelegen hatte, hatte er sie sich vorgestellt. Allein ihr Haar war eine einzige Versuchung. Jetzt schimmerte es so seidig, dass er sich kaum beherrschen konnte, es anzufassen. Ihre Lippen bildeten ein verführerisches, dunkel schimmerndes Herz. Und ihr unglaublicher Körper versprach alles, wovon ein Mann nur träumen konnte. Wie konnte es sein, dass diese Frau schon jetzt eine solche Macht über ihn hatte?

     „Sie sehen wunderschön aus, Marina.“ Er bemerkte, wie sich in ihren Augen Freude und Schüchternheit abwechselten, und wunderte sich – es war nur ein einfaches Kompliment gewesen. Sie schien so etwas nicht gewohnt zu sein.

     „Ist das in Ordnung für die Party?“ Unsicher deutete sie auf ihr Kleid.

     „Es ist perfekt“, murmelte er. „Sie werden heute Abend die attraktivste Frau von allen sein.“

     Ihre Augen weiteten sich bei seinen Worten, und ihre Lippen öffneten sich ein kleines bisschen. Es war eine Aufforderung. Unmöglich, nicht darauf einzugehen.

     Er kam näher und senkte den Kopf, bis sein Gesicht dicht vor ihrem war. Und obwohl er den Eindruck hatte, sie würde ihn gewähren lassen, spürte er im letzten Moment doch ihren Widerstand und küsste sie nur auf Stirn. Er wusste, wie gefährlich ihre Küsse waren, und er wollte sich nicht schon wieder zu etwas hinreißen lassen. Zumindest nicht jetzt.

     Tief atmete er Marinas Duft ein und berührte fast unmerklich ihr Haar mit den Lippen. Er konnte das Begehren kaum zügeln, das wie Stromstöße durch seinen Körper schnellte. Sie war die Verkörperung der Versuchung, eine Frau wie geschaffen dafür, ihn zu verführen. Er holte Luft und zwang sich, ein Stück beiseite zu treten.

     Sie trug ein mit Glitzersteinchen verziertes schwarzes Seidenkleid, das ihren Körper sanft umspielte. Und an den Füßen die erotischsten Schuhe, die er je gesehen hatte. Diese Beine …

     Zum Teufel! Heute Abend würde er sich zusammenreißen müssen, dieser Frau nicht buchstäblich die Kleider vom Leib zu reißen.

     Er wusste mittlerweile, wie stur Marina war. Er erinnerte sich daran, wie energisch sie das Kinn hob, wenn sie nicht seiner Meinung war. Und daran, wie sie ihn an jenem Abend in ihrem Schlafzimmer weggestoßen hatte, obwohl ihr Körper ganz offensichtlich auf seine Zärtlichkeiten reagiert hatte. Offenbar hatte sie sich in den Kopf gesetzt, nichts dergleichen zuzulassen.

     Es war nicht der richtige Zeitpunkt. Noch nicht.

     Heute Abend wollte er der Welt Marina als seine Geliebte präsentieren. Auch um Wakefield anzulocken natürlich. Vor allem aber ging es darum, Marina genau da zu haben, wo er sie haben wollte.

     Und er war es gewohnt, am Ende zu bekommen, was er wollte. Immer.

Marina ließ sich in die weichen Ledersitze sinken und versuchte, ihren Herzschlag zu beruhigen, während sich der elegante Sportwagen einen Weg durch die Stadt bahnte.

     Seit sie Ronan Carlisle die Tür geöffnet hatte, fühlte sie sich wie eine Prinzessin im Märchenland. Obwohl kein Traumprinz der Welt so schön und so männlich aussehen konnte wie Ronan. Sein Anblick hatte einen wahren Sturm der Gefühle in ihr ausgelöst. Sie konnte nicht erkennen, was er dachte oder was er fühlte, und dennoch war er die ganze Zeit über merklich angespannt gewesen. So als ob er sich zu irgendetwas zwingen musste. Und dann, ganz plötzlich, war er ihr vor ihrer Haustür so nah gekommen, dass die Welt für Sekunden aufgehört hatte, sich zu drehen.

     Leise seufzend schloss sie die Augen.

     Beinahe hatte sie geglaubt, dass er sie in die Arme nehmen und leidenschaftlich küssen würde, wie er es schon einmal getan hatte. Und ja, sie wollte es auch! Aber dann geschah natürlich nichts. So wie in jener verhängnisvollen Nacht in ihrem Schlafzimmer. Wahrscheinlich bereute Ronan dieses Missverständnis genauso wie sie – es bereuen sollte.

     Stattdessen hatte er ihr nur einen leichten Begrüßungskuss gegeben, fast wie ein Bruder. Eine kleine Nettigkeit, sonst nichts.

     Aber egal, wie viel auch dagegen sprach, sie fühlte noch immer dasselbe für ihn. Eine verzehrende, unerklärlich schmerzhafte Sehnsucht. Ihr ganzer Körper hatte unter Strom gestanden, als er sich zu ihr herabgebeugt hatte. Alles in ihr schrie nach ihm, schrie nach mehr.

     Oh, wie dumm konnte man sein? Sie begehrte einen Mann, der sie nur als Spielball für seine persönliche Rache missbrauchte. Sie musste es sich immer wieder sagen: Diese Welt der Reichen und Schönen war nicht ihre, sie würde es nie sein. Sie musste daran denken, worum es hier wirklich ging.

     Marina schlug die Augen auf und betrachtete Ronan von der Seite. Auch mit zusammengepressten Lippen und angespanntem Gesichtsausdruck war er der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte.

     „Sagen Sie mir, wenn Sie müde sind“, sagte er plötzlich. „Wir bleiben nur kurz auf der Party, nur um uns zu zeigen.“

     „Kein Problem“, murmelte sie. Es war eine Lüge. Zwar war sie körperlich schon viel fitter als damals auf der Party bei Wakefield. Die letzten Tage hatte sie die Genesung förmlich spüren können.

     Aber würde sie dieses Schauspiel auch seelisch durchhalten? Obwohl sie die neuen Kleider verändert hatten, konnte sie sich nicht vorstellen, dass irgendjemand ihr abnahm, dass ausgerechnet Ronan Carlisle ihr verfallen war. Er konnte doch jede noch so umwerfende Frau haben …

     Und wie sollte sie sich benehmen – inmitten von Sydneys High Society? Sie war ein nüchterner Typ, ohne großen Charme und Eleganz. Sie war es einfach nicht gewöhnt, sich unter solchen Leuten zu bewegen.

     Marina wandte den Blick von Ronan ab und schaute aus dem Fenster. Für einen kurzen Moment sah sie der grausamen Wahrheit ins Gesicht. Diese Geschichte war einfach eine Nummer zu groß für sie. Man würde ihr auf die Schliche kommen und feststellen, dass rein gar nichts zwischen ihr und Ronan Carlisle war.

     Am schlimmsten aber war ihre geheimste Angst: dass Ronan irgendwann merken würde, was sie für ihn empfand. Dass er merkte, wie sehr er sie durcheinanderbrachte und ihre Gedanken und Gefühle beherrschte.

     Dass er spürte, dass ganz tief in ihrem Innern ein Teil von ihr hoffte, dass es wahr würde. Dass er und sie tatsächlich ein Paar wurden.

Eine Stunde später konnte Marina kaum glauben, wie leicht es ihr fiel, ihre Rolle zu spielen. Niemand hatte eine Bemerkung fallen lassen oder ihr einen komischen Blick zugeworfen, weil sie mit dem wohlhabendsten und attraktivsten Mann der ganzen Party zusammen war. Vielleicht waren die Leute auch einfach nur zu höflich, um ihr zu zeigen, was sie wirklich dachten.

     Jedenfalls musste Marina nichts weiter tun, als in seiner Nähe zu bleiben und so zu tun, als hätte sie nur Augen für ihn.

     Und dafür musste sie nicht einmal schauspielern!

     Jedes Mal, wenn Ronan sie zufällig am Arm oder an der Schulter berührte, durchfuhr sie ein Schauer. Es war fast beängstigend, wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlte – selbst jetzt, während er mit einem anderen Gast Börsenwerte diskutierte.

     Der Mann kam ihr seltsam bekannt vor. Sie hatte ihn schon auf Wakefields Party gesehen, als er Ronan im Vorübergehen angesprochen hatte. Aber erst jetzt erkannte sie ihn: Es war der Finanzminister persönlich!

     In diesem Moment drehte sich Ronan zu ihr um und sah sie an. Errötend senkte sie den Blick und nippte an ihrem Champagner.

     Schließlich hatten die Männer ihre Unterhaltung beendet. Der Minister gab Marina freundlich die Hand, dann ging er davon. Lächelnd sah sie ihm nach. Doch das Lächeln erstarrte, als sie am anderen Ende des Raums ein Gesicht entdeckte, das sie nur zu gut kannte. Ein Augenpaar war nur auf sie gerichtet. Marina schluckte. Ihr gefror augenblicklich das Blut in den Adern.

     Charles Wakefield.

     Die Selbstsicherheit, zu der sie sich gezwungen hatte, war verschwunden. Was würde jetzt geschehen? Wie würde Wakefield reagieren? Würde er sie vor allen Leuten lächerlich machen? Oder sie einfach nicht beachten?

     „Marina, schauen Sie mich an.“ Seine Stimme klang leise und bestimmt.

     Sie wandte sich um. „Haben Sie ihn gesehen? Wakefield…“

     „Ich weiß.“ Ronan stellte sich so dicht vor sie, dass sie nur noch ihn und sonst niemanden mehr sah. Sie legte den Kopf in den Nacken und blickte direkt in seine faszinierenden Augen. „Es gibt keinen Grund, nervös zu werden“, sagte er. „Wakefield wird keine Szene machen. Nicht, solange ich hier bin.“

     Marina wünschte, sie könnte sich das Selbstbewusstsein, das dieser starke Mann ausstrahlte, wie einen Mantel überziehen. Die Angst kroch in ihr hoch. Noch vor ein paar Tagen hatte sie Wakefield unbedingt treffen wollen. Und jetzt verursachte ihr schon der bloße Gedanke Übelkeit.

     Ronan nahm ihr das Glas aus der Hand und stellte es auf einen Beistelltisch.

     „Berühren Sie mich.“ Sein Gesicht war jetzt ganz nah an ihrem.

     „Wie bitte?“

     „Berühren Sie mich, Marina. Jetzt, während er zusieht.“ Ronans Blick glühte und das Lächeln um seine Lippen war ein einziges Versprechen.

     Wieder musste Marina schlucken. Erstaunlich, wie echt das alles wirkte.

     Vorsichtig hob sie eine Hand und legte sie auf seinen Unterarm. Sie spürte, wie sich unter dem feinen Jackettstoff seine Muskeln anspannten. Sein Atem streifte ihr Gesicht wie ein sanfter Hauch. Ohne lange darüber nachzudenken, schmiegte sie sich an ihn und atmete den männlichen Duft ein, der ihr den ganzen Abend schon die Sinne benebelte.

     „Genau so“, ermutigte er sie lächelnd. „Perfekt.“

     Einen gemeinsamen Herzschlag lang sahen sie einander in die Augen. Dann legte Ronan den Arm um ihre Taille und zog sie noch enger an sich. Durch den dünnen Stoff ihres Kleids spürte Marina die kräftigen Schläge seines Herzens an ihrer Brust. Ihr stockte der Atem, als plötzlich verbotene Bilder vor ihrem inneren Auge auftauchten.

     Gemeinsam gingen auf die gläsernen Flügeltüren zu, die zur Terrasse hinausführten. Sie traten ins Freie und schritten durch die warme duftende Abendluft, bis sie die geschützte Loggia erreichten. Ronans Hand lag noch immer auf ihrer Hüfte, so als gehöre sie dorthin. Marina spürte die Berührung wie ein Feuer, das sich tief in ihre Seele brannte und sie für immer zeichnete.

     Unsinn! Schon wieder ging die Fantasie mit ihr durch. Das hier war ein Spiel!

     Im Schatten der Jasminsträucher waren sie vom Haus aus kaum zu sehen. Dennoch hatte Wakefield bestimmt beobachtet, wie sie hinausgegangen waren. Ob er neugierig genug war, ihnen zu folgen?

     Ronan schien es zu glauben. Er hielt Marina immer noch so eng in seinem Arm, wie nur ein Liebhaber es getan hätte. Und auf diese Tatsache musste sie sich endlich besinnen: Er tat nur so, und sie hatte ihren Teil zu diesem Schauspiel beizutragen.

     Sie atmete den Jasminduft tief ein und versuchte sich auf die herrliche Aussicht zu konzentrieren. Der Wasser im Hafen unter ihnen glühte wie flüssiges Gold in den letzten Strahlen der Abendsonne. Die unzähligen Lichter der Stadt funkelten miteinander um die Wette.

     „Wunderschön …“ Ronans tiefe Stimme fühlte sich an wie Samt und Seide auf der Haut an. Marina sah zu ihm auf und bemerkte verwirrt, dass er sie mit einem sanften, beinahe zärtlichen Ausdruck in den Augen anschaute. Ihr wurde schwindelig, alles um sie herum begann sich zu drehen, während die Sehnsucht in ihr erwachte.

     Sie vergaß, was sie sagen wollte. Die Leidenschaft in seiner Stimme und die leise Begierde, die er mit jeder Faser seines Körpers ausstrahlte, schienen so echt.

     Ein Spiel, Marina. Nur ein Spiel.

     Dennoch, entgegen jede Vernunft, beugte sie sich vor, lehnte sich an ihn, und vergaß ihre Vorsätze.

     In der Ferne hörte sie eine Melodie und fröhliches Gelächter. Hier draußen aber war nur das Geräusch ihres Herzens zu hören, das viel zu laut pochte. Und ihr Atem, der viel zu schnell ging.

     Wie es wohl wäre, wenn Ronan sie mit diesem verführerischen Blick ansähe und es ernst meinte? Kein bloßer Trick, um Wakefield reinzulegen. Kein Mitleid oder gar Langeweile wie neulich Nacht.

     Sie zwang sich, den Gedanken nicht weiterzudenken.

     „Sieht er zu?“, fragte sie und hoffte, dass Ronan ihre Aufregung nicht bemerkte.

     Er antwortete nicht und schloss sie stattdessen in seine Arme. Seine Körperwärme hüllte sie ein, während sie seinen Duft in sich aufsog.

     Plötzlich fragte sie sich, wie sie eigentlich in diese Lage gekommen war. Für ein Spiel ging die ganze Sache ziemlich weit. Dieser Mann, der eigentlich ihr Verbündeter sein sollte, entpuppte sich langsam als Bedrohung.

     Eigentlich war Ronan Carlisle viel gefährlicher als Charles Wakefield. Viel gefährlicher, als irgendein verlogener Betrüger es je sein konnte. Ronan zog die Fäden in einem Spiel, in dem sie nichts weiter als eine Marionette war.

     Dabei fühlte sie sich in seiner Nähe so anders als je zuvor. Weiblich, lebendig und so voller Sehnsucht. Voller Sehnsucht nach etwas, das sie nicht bekommen konnte.

     Marina öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Um die knisternde Spannung zu durchbrechen und die Fantasien zu zerstören, die ihr durch den Kopf schossen.

     Aber es war zu spät.

     Eng presste Ronan sie an seinen starken Körper, sodass sie jeden einzelnen seiner Muskeln spüren konnte. Langsam, ganz langsam senkte er den Kopf und berührte ihre Lippen mit den seinen. Es war ein unendlich warmes, sanftes Gefühl.

     Marina schmolz dahin. Nur ganz kurz wollte sie sich diesem wundervollen Augenblick hingeben. Nur um Wakefield ganz sicher zu überzeugen …

     Ronans Lippen waren überraschend weich. Er küsste unglaublich zärtlich, ohne den Hunger jener Nacht. Und dennoch mindestens so intensiv.

     Wie trunken vom Geschmack nach Champagner und purer Männlichkeit fürchtete sich Marina bereits jetzt vor dem Moment, da Ronan aufhören würde, sie zu küssen. Sie bekam nicht genug von ihm. Sie wollte ihn schmecken, sich in ihm verlieren. In ihrem Innern explodierte ein einziges Feuerwerk der Gefühle. Die Flammen flackerten wild, und sie versuchte nicht mal mehr, dagegen anzukämpfen.

     Instinktiv hob sie die Hände und legte sie an Ronans Brust. Sein Herz darunter schlug kräftig und regelmäßig, und Marina musste schlucken angesichts der Innigkeit des Moments. Alle Vernunft schien sie verlassen zu haben. Widerstandslos gab sie sich dem Verlangen hin, das in ihren Adern pochte, und legte ihre Hände eng um seine Hüfte. Sie hielt ihn fest, als ob er ihr gehörte.

     Er kam noch näher. Breitbeinig nahm er sie in seine Mitte, sodass seine kräftigen Beine sie an die Hitze seines Körpers pressten. Sein anderer Arm lag fest um ihre Hüfte, sodass sie kaum atmen konnte.

     Sie merkte es kaum. Seine Zunge liebkoste ihre Lippen, damit sie sie für ihn öffnete. Natürlich tat sie es. Ohne Widerstand zu leisten, gab sie sich seiner Sinnlichkeit und seiner Erfahrung hin.

     Hitze, die wie Feuer brannte. Samtige Dunkelheit und ihr Atem, der sich mit seinem vermischte. Seine Zunge, die sich an ihrer rieb. Sie waren wie gefangen in der Erotik des Augenblicks, die jeden vernünftigen Gedanken aus ihrem Kopf vertrieb. Und das Begehren, das jede Sekunde mehr wurde.

     Sie klammerte sich an ihn und spürte wie im Traum, dass Ronan sie über seinen starken Arm zurückbog. Er war ihr nah wie noch nie und drückte sich an ihre Brüste, ihre Hüften, ihre Schenkel. Und drang mit der Zunge noch tiefer in ihren Mund.

     Sein Arm glitt von ihrer Taille über ihre Hüften und noch tiefer. Seine Finger spannten sich über ihre Pobacken. Gleichzeitig zog er sie hoch und noch fester an seinen harten, muskulösen Körper. Die Bewegung war so eindeutig, dass sie keuchte.

     Nicht vor Überraschung oder Ärger.

     Sondern weil sie merkte, dass sie mehr wollte.

     Sie wollte jetzt alles, wovon sie immer geträumt hatte. Lust und Leidenschaft. Liebe. All das, was sie nie gehabt hatte.

     Und sie wollte es von Ronan.

     Einen Moment lang konnte sie sich einreden, dass alles wirklich war. Dann ließ sein Mund von ihrem ab, und sie schnappte nach Luft. Er richtete sie beide auf und trat einen kleinen Schritt zurück. Es war genug, um eine Zärtlichkeit vorzutäuschen, aber leider merkte sie, dass das alles war. Ihr Körper schmerzte vor unerfülltem Verlangen.

     Das Blut schoss ihr in die Wangen. Nur seine starken Arme hielten sie noch aufrecht. Ihre Knie zitterten. Es hatte nichts mit ihren Verletzungen zu tun.

     Er sagte nichts, aber seine Brust hob und senkte sich heftig. Sauerstoffmangel. Sie hatte an ihm gehangen wie ein nasser Sack. Kein Wunder, dass er keine Luft mehr bekam.

     Es hätte nur noch gefehlt, dass sie sich um seinen Hals gehängt hätte, verzweifelt wie sie war.

     Und das nur, weil er sie geküsst hatte.

     Verdammt!

     Sie kniff die Augen zusammen. Aber sie wusste, dass er ihre Gefühle auch erraten konnte, wenn er sie nicht von ihren Augen ablas.

     So viel hatte ihr also ihre Vorsicht genützt. Sie hatte ihm umsonst misstraut. Und versucht, eine unabhängige, selbstbewusste Frau zu sein. Sich eingeredet, dass sie ihre Gefühle für ihn kontrollieren konnte.

     Stattdessen war nichts mehr wichtig gewesen, als er sie berührt hatte. Weder ihre Selbstachtung noch ihre Situation oder ihr Wissen darum, dass sie für ihn nicht mehr war als seine derzeitige Geschäftspartnerin.

     „Marina.“ Seine heisere Stimme löste einen neuen Wirbelsturm der Gefühle in ihr aus. Sie machte die Augen auf und sah sein Hemd an. Sie schaffte es nicht, hochzublicken und ihm in die Augen zu schauen.

     Einer seiner Hemdknöpfe stand offen. Hatte sie ihn aufgemacht? Entsetzt starrte sie den Knopf an und wünschte, sie wäre gelassen genug, um ihn einfach wieder zuzuknöpfen.

     Aber dann müsste sie ihn noch mal anfassen.

     Ja, ja, ja! schrie diese fremde Frau in ihr, die er erweckt hatte.

     Kommt nicht infrage! befahl ihr letzter Rest an Selbstachtung.

     Wieso war sie diesem Mann so sehr verfallen? Er musste sie nur anfassen, und schon löste sich ihr Selbstschutz in Nichts auf.

     „Marina“, wiederholte Ronan. „Wir haben Gesellschaft.“

     Während er redete, hörte sie Stimmen, die näher kamen.

     Jetzt sah sie ihn an, und, natürlich, er beobachtete sie genau. Sein Gesicht war ausdruckslos, aber sie sah, dass seine Halsschlagader heftig pochte. Wegen ihrer heftigen Umarmung.

     Marina straffte die Schultern und hob das Kinn. Aber sie sah ihm nicht in die Augen. Stattdessen drehte sie sich zu dem Paar um, das immer näher kam. Sie blieben neben einer großen Topfpflanze stehen, die mit Lichtern geschmückt war. Einen der beiden erkannte sie an seinem unverwechselbaren Profil. Charles Wakefield.

     Sie wartete auf die Angst. Darauf, dass ihre Nerven versagten. Aber diesmal war es anders. Ihre Sinne waren wach und damit beschäftigt, die Körpersprache des Mannes an ihrer Seite zu deuten.

     Ronan Carlisle war wahrscheinlich der geborene Pokerspieler. Mit keiner Bewegung verriet er seine Gedanken oder Gefühle.

     „Aha, der Berg kommt also zum Propheten. Ich wusste, dass er es vor Neugier kaum aushalten würde.“ Ronan lehnte sich wieder nah heran, um ihr ins Ohr zu flüstern. Sie hoffte, dass er die wohlige Gänsehaut nicht bemerken würde, die sich auf ihrer Haut ausbreitete, als sie seinen warmen Atem spürte.

     „Sind Sie so weit, Marina?“

     „Natürlich.“

     „Marina?“ Er hob ihr Kinn mit einer Hand und zwang sie, ihn anzusehen. Seine starken Finger auf ihrer zarten Haut weckte wieder die Leidenschaft in ihr. Umsonst biss sie die Zähne zusammen, um ihren Schutzwall zu erneuern.

     Sein Gesichtsausdruck war rätselhaft. „Denken Sie dran, Sie sind verrückt nach mir. Machen Sie sich keine Sorgen um Wakefield oder etwas anderes, in Ordnung?“

     „In Ordnung.“

     Nichts leichter als das, dachte sie spöttisch, als er seinen Arm um ihre Schultern legte. Er zog sie an sich, damit sie wie ein Liebespaar aussahen. Selbst diese leichte Umarmung ließ ihr Herz rasen wie wahnsinnig.

     Sie musste sich gar nicht verstellen. Verrückt beschrieb ihre Gefühle im Moment ziemlich genau.

     Eine boshafte Stimme in ihrem Inneren sagte, dass es ja so kommen musste. Ronan war wundervoll, reich, mächtig und sexy, und er hatte eine Art, die Dinge in die Hand zu nehmen, die sie anzog. Die Tatsache, dass er küssen konnte, wie es sich jede Frau erträumte, hatte jedenfalls nichts mit dieser peinlichen Schwäche zu tun.

     „Kinn hoch, Prinzessin“, sagte er. „Denken Sie daran, was wir besprochen haben.“

     Was sie besprochen hatten. Klar. Marina ging die einzelnen Punkte im Kopf durch.

     Erstens: Sie sollte sich nur auf Ronan konzentrieren. Nichts leichter als das.

     Zweitens: Was Wakefield anging – jetzt hatte sie Ronan. Sie sollte zwar noch auf Wakefield wütend sein, aber so tun, als hätte sie mittlerweile andere Dinge im Kopf. Auch das würde kein Problem sein.

     „Ups, sorry. Ich hab euch zwei gar nicht gesehen.“ Eine kichernde Stimme unterbrach ihre Gedanken. Marina drehte sich um und sah ein blondes Mädchen, das garantiert nicht älter als siebzehn war.

     Er log und stahl also nicht nur. Er verführte auch noch Minderjährige.

     Marina runzelte die Stirn. Ronans Arm glitt sofort zu ihrer Taille und hielt sie fest. Ihr stockte der Atem. Da war wieder das Gefühl ganz tief in ihrem Körper, als würde sie dahinschmelzen.

     „Charles.“ Ronan sagte zuerst etwas.

     „Carlisle. Was machst du hier im Dunkeln?“ Wakefields selbstgefälliger Ton machte Marina rasend. Obwohl Ronan sie im Arm hielt, hätte sie den Mann, der ihren Bruder betrogen hatte, am liebsten angespuckt.

     Wakefield drehte sich zu ihr. Die Neugier stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er musterte sie so genau von Kopf bis Fuß, dass sie unruhig wurde. Das Kleid, das sie trug, war so gemacht, dass ihr die Aufmerksamkeit jeden Mannes sicher war. Aber Wakefields Blick gab ihr das Gefühl, dass sie eine Dusche brauchte.

     „Und Ms. Lucchesi. Ich muss sagen, ich habe Sie nicht hier erwartet.“

     Marina starrte ihn an. Was für ein Mann brachte es fertig, sie bei seiner Party rauswerfen zu lassen, ihr mit einer Klage wegen Verleumdung zu drohen und sie jetzt wie ein interessantes Insekt anzusehen?

     Ein überheblicher Mistkerl, der sich einbildet, niemandem Rechenschaft schuldig zu sein, dachte sie.

     „Ich könnte dasselbe sagen“, entgegnete sie. „Wenn ich gewusst hätte, dass sie hier sein würden, wäre ich nicht gekommen.“

     „Aber Ms. Lucchesi. Marina.“ Er breitete beschwichtigend die Hände aus. „Unsere Unterhaltung neulich war nicht angenehm. Aber es war auch nicht der richtige Ort oder die richtige Zeit.“

     Sein herablassender Tonfall brachte sie fast zum Explodieren. Sie sah hoch zu Ronan. Er streichelte beruhigend ihre Taille. Zum Glück hatte sie einen Verbündeten – auch wenn sie viel zu viel für ihn empfand.

     „Jetzt haben Sie also jemanden, der an Ihrer Stelle antwortet. Wie praktisch.“ Der Sarkasmus in seiner Stimme war deutlich.

     Ronans tiefe Stimme unterbrach ihn. „Meine Beziehung zu Ms. Lucchesi ist privat, Charles, aber eins kann ich dir verraten: Praktisch würde ich sie nicht nennen.“

     „Kaum“, ergänzte Marina. Sie funkelte Wakefield so glühend an, dass es ein Wunder war, dass sein schmieriges Grinsen nicht Feuer fing. „Und sie geht Sie auch nichts an. Aber ich spreche für mich selbst. Das werde ich immer tun“, sagte sie frostig.

     Wakefields Gesichtsausdruck war forschend. Marina konnte fast hören, wie es in seinem Gehirn arbeitete.

     „Mein Fehler“, sagte er elegant. Er blickte von ihr zu Ronan und zurück. Marina fragte sich, was wohl als Nächstes käme. Hatte er schon kapiert, dass hier etwas faul war? Niemand würde ernsthaft glauben, dass sie zusammen waren.

     „Wir haben noch etwas zu besprechen, Marina“, sagte Wakefield in einem weichen Tonfall. „Unser letztes Gespräch hat ja leider nichts ergeben. Wenn ich darüber nachdenke, dann schulde ich Ihnen eine Erklärung, was zwischen mir und Ihrem Bruder war.“

     Marina biss sich auf die Zunge, damit sie nicht herausplatzte, dass sie genau wusste, was passiert war. Seb hatte es ihr schließlich erzählt.

     Wakefield fasste ihr Schweigen als Zustimmung auf. „Wir sollten uns treffen.“ Er machte eine Pause und zeigte ihr sein Haifischgrinsen. „Dann können wir über die Sache reden.“

     Erstaunt nickte sie. War es wirklich so leicht? Wollte er wirklich mit ihr verhandeln?

     „Das würde ich gern.“ Es war leicht, ein Treffen zu verabreden. Das hieß noch lange nicht, dass Wakefield einen Rückzieher machen würde.

     „Gut“, sagte er. Sein Lächeln wurde zu einem hungrigen Grinsen. „Geben Sie mir Ihre Telefonnummer, und meine Sekretärin wird einen Termin machen.“

     Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Stattdessen antwortete Ronan.

     „Gute Idee, Charles. Sag deiner Sekretärin, sie soll bei mir zu Hause anrufen.“

     Ihr klappte die Kinnlade herunter, als er fortfuhr. „Marina zieht nämlich bei mir ein.“

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