Es geschah in einer Sommernacht - 7. Kapitel

7. Kapitel

Wenig später sah Ronan Marina nach, wie sie das junge Mädchen nach drinnen begleitete. Der Kleinen war ein wenig übel geworden, und Marina hatte beschlossen, dass sie sich beide etwas frisch machen mussten.

     Er unterdrückte ein Lachen und fragte sich, ob Marina wohl einfach nur einen Vorwand brauchte, um allein zu sein. Als er eben vor Wakefield verkündet hatte, dass sie zu ihm ziehen würde, war sie vor Schreck erstarrt. Er wusste, dass sie sich zwingen musste, ihn nicht zu fragen, was das sollte. Er spürte auch, dass Ärger in ihr aufstieg. Aber sie hatte sich zusammengerissen und ihn nur wütend angeblickt. Hier draußen in der Dunkelheit hätte man es für Leidenschaft halten können.

     Wakefield waren bei Marinas Anblick beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen. Und als er erfuhr, dass sie zusammenziehen würden, hatte er sie beide nur noch ungläubig angestarrt. Schließlich wusste er genau, dass Ronan noch nie mit einer seiner Freundinnen zusammengelebt hatte.

     Dennoch hatte ihn das nicht davon abgehalten, um Marina herumzuscharwenzeln. Es lief genau so, wie Ronan vermutet hatte: Wakefield konnte Marina in ihrem neuen Kleid und mit dem sexy Make-up nicht widerstehen. Es wäre jedem Mann so gegangen.

     Die Erkenntnis, dass diese umwerfende Frau Ronan gehörte und offensichtlich mehr war als nur eine kurze Affäre, hatte Wakefield vor Neugier fast zum Platzen gebracht. Aber der Kerl empfand noch mehr als Neugier. Die Gier in seinem Blick war überdeutlich gewesen.

     Und dieser Blick war alles, was Ronan sehen musste. Der Feind hatte angebissen. Er würde Marina nachstellen, ihretwegen und weil er damit seinem Erzrivalen eins auswischen konnte. Und Ronan brauchte sich nur noch zurückzulehnen, den richtigen Moment abzuwarten und dann zuzupacken.

     Er wartete auf ein Gefühl von Genugtuung. Oder Vorfreude. Doch es geschah nichts dergleichen.

     Wieso war er nicht stolz auf sich? Er musste einen Moment überlegen, was das für ein Gefühl war, das ihn urplötzlich überkam und ihm die Kehle zuschnürte.

     Es war pure Wut. Wut darüber, dass ein erbärmlicher Mistkerl wie Wakefield sich einbildete, auch nur den Hauch einer Chance bei einer Frau wie Marina zu haben. Einer nicht nur wunderschönen, sondern auch intelligenten Frau.

     Verdammt, Marina gehörte ihm! Und nur ihm.

     Sein Puls schlug schneller, als er sich vorstellte, wie er Wakefield auf den Boden der Tatsachen zurückholen würde.

     „Eins muss ich dir lassen, Carlisle. Du lässt nichts anbrennen“, bemerkte Wakefield in diesem Moment grinsend und nahm einen tiefen Schluck von seinem Drink. Es roch nach purem Whisky. „Erst vor einer Woche hat sich die Kleine in die High Society eingeschlichen, und jetzt spielt sie schon die Dame von Welt. Gib’s zu, du kanntest sie bis vor Kurzem gar nicht.“ Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. „Oder etwa doch? Hast du ihr etwa diesen Auftritt auf meiner Party eingeredet?“

     Ronan lehnte sich lässig mit dem Rücken an eine Säule und stellte ein Bein vors andere. Es war eine arrogante, überhebliche Haltung, und er wusste, dass Wakefield ihn dafür hasste.

     „Ich muss dich enttäuschen, Charles, aber ich hatte keine Ahnung, was Marina vorhat. Du weißt ja, die Macho-Allüren habe ich immer dir überlassen.“

     Bis jetzt.

     Und er würde es wahnsinnig genießen, Wakefield für das bezahlen zu sehen, was er angerichtet hatte. Und dafür, dass er Marina hinterherglotzte.

     „Ich habe Marina erst auf der Party kennengelernt“, fügte er hinzu.

     Wakefield blickte rüber zum Haupthaus. „Und anscheinend hast du sie gleich mit nach Hause genommen.“ Ronan hörte einen aggressiven Tonfall heraus.

     Er nickte. „Richtig.“

     „Soso.“ Wakefield verzog die Lippen zu einem anzüglichen Lächeln. „Die Kleine muss ja ziemlich gut im Bett sein, wenn sie dich nach weniger als einer Woche am Haken hat. Was ist ihr Geheimnis? Spielt sie die Unschuldige oder die Schlampe?“

     Am liebsten hätte Ronan das schmierige Ekel gepackt und ihm sein widerwärtiges Grinsen aus dem Gesicht geschüttelt. Er ballte die Hände zu Fäusten und richtete sich auf, sodass er ein gutes Stück größer war als Wakefield. Es verschaffte ihm eine rohe Befriedigung, leise Panik in Wakefields Augen aufflackern zu sehen.

     Ronan kannte Wakefields armselige Spielchen. Er durfte sich nicht von ihm provozieren lassen, er musste sich beherrschen. So wie er sich beherrscht hatte, als er erfuhr, was Cleo passiert war. Es war fast unmöglich gewesen, aber er hatte es tun müssen, um sie zu schützen. Wenn Wakefield irgendwann erfuhr, was hinter ihrer „Krankheit“ steckte, würde es sofort die ganze Welt wissen.

     Aber diesmal war der Kerl zu weit gegangen. Ronan konnte seine niedrigsten Instinkte nicht mehr kontrollieren. Schon allein das war ein Alarmsignal.

     „Wag es ja nicht“, presste er hervor. Seine Stimme war schneidend. Er machte einen Schritt auf Wakefields zu, worauf der sofort zurückwich.

     Er hatte die Botschaft also verstanden. Es war an seiner verängstigten Miene abzulesen. Aber Ronan wollte sichergehen, dass dieser Widerling ihn verstanden hatte.

     „Nur ein Wort dieser Art zu Marina oder hinter ihrem Rücken, und du wirst dir wünschen, du wärst nie geboren worden. Hast du mich verstanden?“

     „Schon gut.“ Wakefield machte noch einen Schritt zurück. „Kein Grund, mir zu drohen. Ich habe das Ganze wohl falsch verstanden. Ich wusste ja nicht, dass du es so ernst meinst mit dem Mädchen.“

     „Dein Fehler. Mach ihn bloß kein zweites Mal.“

     Die Falle war zugeschnappt.

     Diesmal spürte Ronan befriedigt, wie sein Puls schneller ging. Sein Plan ging auf. Wakefield wollte, was er hatte: Marina. Und sein Ego war so riesig, dass er tatsächlich glaubte, sie mit seinem schmierigen Charme verführen zu können.

     Wakefield deutete Richtung Haus. „Da kommt sie zurück.“

     Ronan wandte sich um und sah Marina und die Blonde auf sich zukommen. Beim Anblick von Marinas Silhouette, die sich dunkel von den Lichtern des Hauses abhob, wurde sein Mund trocken. Der Rhythmus, in dem sie ein Bein vors andere setzte, passte perfekt zu dem Pochen seines Herzens. Das Blut rauschte in seinen Ohren, als er daran dachte, wie sie sich sanft an seinen Körper geschmiegt hatte. Ihre Berührungen waren vielleicht etwas zaghaft gewesen, aber so unglaublich verführerisch. Egal, wo sie ihn angefasst hatte – sein Verlangen war nur noch größer geworden.

     „Ich muss zugeben, Carlisle, du hast ein Händchen für Frauen. Sie ist wirklich etwas Besonderes.“

     Wakefield versuchte, die Wogen zu glätten. Aber das Gefühl, Marina für sich allein haben zu wollen, war in Ronan plötzlich so stark, dass er sie am liebsten genommen und entführt hätte. Irgendwohin, wo sie kein anderer Mann anstarren konnte. Er ertrug es nicht, wie Wakefield sie begaffte. Er wusste nur zu gut, was in seinem kranken Hirn vor sich ging.

     „Wenn sie dieses Kleid getragen hätte, als sie auf meiner Party aufgekreuzt ist, hätte ich sie vielleicht ernst genommen“, fügte Wakefield hinzu.

     Damit bestätigte er, was Ronan immer schon geahnt hatte: dass er vollkommen oberflächlich war. Er interessierte sich nur für äußere Hüllen. Hatte der Kerl denn nicht gesehen, was sich hinter Marinas biederem Kostüm und ihrem braven Pferdeschwanz versteckte?

     Ronan schüttelte den Kopf. Wakefield war mehr als nur ein berechnender Feigling.

     Er war ein Vollidiot.

Ronan musste sie für völlig bescheuert halten, beschloss Marina eine halbe Stunde später. Sie ließ ihren Blick durch das elegante Restaurant schweifen, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen. Am Eingang hatte sie das Blitzlicht der Paparazzi geblendet, aber hier drinnen saßen sie ruhig und abgeschieden.

     Sie verstand nicht, was Ronan vorhatte. Diese Bemerkung, dass sie bei ihm einziehen würde, war völlig überflüssig gewesen. Aber trotzdem schien er zu erwarten, dass sie es akzeptierte. Widerspruchslos. Warum sollte sie zu ihm ziehen? So weit mussten sie ja wohl nicht gehen, nur um Wakefield davon zu überzeugen, dass sie ein Paar waren!

     Seit heute Abend glaubte sie noch weniger, dass sie es schaffen würde, Ronan Carlisles Geliebte zu spielen.

     Als sie auf die Terrasse zurückgekommen war und bemerkte, dass beide Männer sie anstarrten, hätte sie am liebsten auf dem Absatz kehrtgemacht und sich in ein Mauseloch verkrochen. Wakefields schmieriger Gesichtsausdruck gab ihr den Rest. Und von Ronans durchdringendem, rätselhaftem Blick wurde ihr schwindelig.

     Er machte ihr Angst.

     Eine einzige Berührung von ihm genügte, und alles um sie herum begann sich zu drehen. Wenn sie noch länger so tun musste, als ob sie intim miteinander vertraut wären, würde er sicher merken, dass ihre Reaktionen nicht gespielt waren. Dass ihr Begehren vollkommen echt war.

     Oh ja, sie verzehrte sich nach ihm.

     Er bräuchte nur mit dem Finger zu schnippen, und sie konnte für nichts mehr garantieren. Das war schon schlimm genug. Noch dazu gab Ronan ihr das Gefühl, etwas Besonders zu sein, und dass sie sich bei ihm geborgen fühlen konnte. Eine fantastische Erfahrung. Wenn sie nicht aufpasste, würden ihre Naivität ihren Verstand noch komplett besiegen.

     Eine Katastrophe. Niemals würde ein Mann wie Ronan Carlisle eine Frau wie sie ernsthaft begehren!

     „In Ordnung.“ Ronans leise, samtene Stimme ließ sie wohlig erschauern. „Der Kellner ist weg. Sagen Sie, was Sie sagen wollen. Niemand außer mir hört zu.“

     Marina sah auf. Ronan saß zurückgelehnt in seinem Stuhl und blickte sie über den Tisch hinweg herausfordernd an. Seine Augen glänzten im Kerzenschein, und sein Lächeln hätte das Herz der stolzesten Frau erobert.

     Der pure Wahnsinn. Das war er. Eine Nummer zu groß für dich, Marina.

     „Ich habe es mir anders überlegt“, sagte sie leise. „Ich möchte bei diesem Theater nicht mehr mitmachen.“

     Sie bemerkte, wie ein Schatten über sein Gesicht huschte. Aber sie hatte keine Ahnung, was das bedeutete.

     „Ich hätte sie nicht als Spielverderberin eingeschätzt, Marina. Oder haben Sie etwa Angst?“

     „Wovor denn Angst?“

     Er zuckte die Schultern. „Sagen Sie es mir. Ich weiß ja nicht, was in Ihrem Kopf vor sich geht.“

     „Ich habe keine Angst“, behauptete sie trotzig und hob das Kinn. Sie blickte ihm fest in die Augen, damit er nicht merkte, was für eine Lüge das war. Das Blut schoss ihr in die Wangen, als er ihren Blick erwiderte, aber sie blieb standhaft.

     „Wenn Sie keine Angst haben, warum wollen Sie dann so schnell aufgeben?“

     „Weil es nicht funktionieren wird. Ich habe sowieso nicht daran geglaubt. Ich war nur so verzweifelt, dass ich es versuchen wollte.“

     „Und jetzt sind Sie nicht mehr verzweifelt?“

     Er hatte ihren wunden Punkt erwischt. Natürlich war sie verzweifelt.

     „Darum geht es nicht“, erwiderte sie. „Ich kann Wakefield nicht dazu zwingen, mir mein Eigentum zurückzugeben, nur weil er denkt, dass ich Ihre …“

     „Dass Sie meine Geliebte sind.“

     Marina sah, wie seine Lippen das Wort formten. Plötzlich vergaß sie, was sie sagen wollte. Sie konnte nur noch an eins denken: Wie seine Lippen sich auf ihren angefühlt hatten, wie seine Zunge ihre liebkost hatte und wie seine Hände so wissend von ihrem Körper Besitz genommen hatten.

     Und wie sie um mehr gebettelt hatte. Nicht nur einmal. Es hatte sie nicht mal gestört, dass man ihnen dabei zusehen konnte.

     Sie griff nach ihrem Wasserglas und trank es in einem Zug leer.

     „Sie können Wakefield vielleicht nicht in die Knie zwingen. Ich schon.“ Bei jedem anderen hätte es wie eine leere Versprechung geklungen. Bei ihm nicht.

     Marina sah die unversöhnliche Wut in Ronans Augen und spürte erneut fast so etwas wie Mitleid mit Wakefield. Er hätte sich nie mit Ronan Carlisle anlegen dürfen. Wenn einen Mann wie ihn die blanke Wut packte, hatte niemand mehr eine Chance. Seine harte Miene wirkte bedrohlich, der Blick funkelte angriffslustig. Nein, mit ihm war nicht mehr zu spaßen.

     „Ich weiß, was ich tue. Und ich habe nicht vor, zu verlieren.“

     Sie glaubte ihm. Zumindest, was Wakefield betraf. Aber ein unbestimmtes Gefühl sagte ihr auch, dass irgendetwas mit diesem Plan nicht stimmte. Sie spürte, dass mehr dahinter steckte, als Ronan ihr erzählte. Etwas, dass er mit Absicht verschwieg.

     Noch schlimmer war allerdings, dass sie sich trotz allem nicht gegen ihn wehren konnte. Ihre innere Stimme schrie fast, dass sie endlich verschwinden sollte, und doch tat sie es nicht.

     „Es wäre nicht klug, jetzt aufzugeben, Marina.“

     „Warum nicht? Was verheimlichen Sie mir?“ Sie beugte sich vor und bemerkte ein zufriedenes Aufblitzen in Ronans Augen, während er die Arme vor der Brust verschränkte. Die Bewegung lenkte ihre Aufmerksamkeit auf seine breiten, muskulösen Schultern.

     „Haben Sie nicht gemerkt, wie er Sie angesehen hat?“

     „Mir ist es davon eiskalt den Rücken hinuntergelaufen, falls Sie das meinen. Aber das beweist noch gar nichts.“ Wenn die Situation nicht so erbärmlich gewesen wäre, sie hätte fast lachen müssen. Der erste Abend in ihrem Leben, an dem sie sich für einen Mann attraktiv gemacht hatte, und dann war es ausgerechnet für Wakefield geschehen!

     „Er ist auf jeden Fall interessiert. Er hat den Köder geschluckt.“

     „Woher wollen Sie das wissen?“

     „Sagen wir, er hat es klar ausgedrückt.“

     Marina hörte den verächtlichen Tonfall in Ronans Stimme und wollte lieber nicht nachfragen.

     „Dann ist er eben interessiert. Und? Es gibt bestimmt viele Frauen in Sydney, an denen er Interesse hat. Sein Revier wird nicht gerade klein sein.“

     „Aber nur Sie sind mit mir zusammen. Verstehen Sie nicht, was das bedeutet? Er wird Sie mir um jeden Preis wegnehmen wollen. Ich habe das Spiel mitgespielt und ihn natürlich in seine Schranken gewiesen.“ Er lachte beim bloßen Gedanken daran.

     Trotz ihrer Vorsätze wurde Marina neugierig. Mehr noch: Sie war begeistert! Ein idiotischer, lächerlicher Teil von ihr wünschte sich, dass Ronan das getan hatte, weil ihm wirklich etwas an ihr lag. Wie tief konnte sie noch sinken?

     „Wirklich?“

     „Wirklich.“ Sein Blick hielt ihren fest. Sie wagte kaum zu atmen. „Warum habe ich ihm wohl erzählt, dass Sie bei mir einziehen?“

     „Das habe ich mich auch schon gefragt.“

     Er lächelte. „Wakefield weiß, dass ich noch nie mit einer Frau zusammengewohnt habe.“

     Marina nahm die Glaskaraffe und schenkte sich noch einen Schluck Wasser ein. Sie brauchte etwas, um das selige Grinsen zu verstecken, das sich auf ihrem Gesicht ausbreiten wollte.

     Er tat doch nur so! Spielte seine Rolle. Er wollte nicht wirklich, dass sie bei ihm einzog. Aber so idiotisch es auch war – sie freute sich, dass er noch nie zuvor mit einer Frau zusammengelebt hatte.

     „Er hat angebissen.“ Ronan unterbrach ihre Gedanken. „Er hat Sie nur kurz angesehen, und schon konnte er nicht mehr klar denken. Und als ich ihm gedroht habe …“

     „Sie haben was?“

     „Ich habe ihm klargemacht, dass er mein Revier betritt.“ Ronan zuckte die Schultern. Als ob Wakefield eine lästige Fliege wäre, keine ernst zu nehmende Gefahr.

     Einen verträumten Moment lang stellte Marina sich vor, wie es wäre, wenn dieser starke Mann sie tatsächlich vor der Welt beschützte. Wenn er ihr die Last von den Schultern nahm, die sie mit sich herumtrug, seit sie dreizehn war.

     Egal, auf Dauer würde ihr das sowieso auf die Nerven gehen. Ganz sicher.

     „Als Wakefield gehört hat, dass ich es ernst mit Ihnen meine, war er sofort hellwach. Er denkt jetzt, dass Sie meine Schwachstelle sind, und kann es kaum erwarten, Sie mir auszuspannen. Vor allem, weil er einen Trumpf in der Hand hält.“

     „Welchen?“

     „Ihre Firma, Marina. Er wird versuchen, Sie damit zu erpressen.“

     Als ob dieser Schmierfink sie kaufen könnte, indem er ihr die Firma zurückgab! Oder indem er einfach nur in Aussicht stellte, darüber zu reden. Mehr hatte er schließlich nie versprochen.

     Sie hatte keine Wahl: Sie musste Ronans Spiel mitspielen. Sie saß in der Falle und hatte keine Chance bis auf die, die Ronan ihr zeigte.

     Da waren Seb und Emma. Und das Baby. Seb würde noch jahrelang unter seinem dämlichen Fehler zu leiden haben. Und dann die Firma, das Erbe ihrer Eltern. Sie konnte jetzt nicht einfach aufgeben und Wakefield freie Hand lassen. Er würde alle Angestellten entlassen. Menschen, die zu ihrem Leben gehörten. Viele von ihnen waren zu alt, um noch einen neuen Job zu finden.

     Marina betrachtete Ronan stumm. Obwohl das Licht dämmrig war, erkannte sie deutlich seinen energischen Gesichtsausdruck. Zwar konnte sie nicht ergründen, was er dachte, aber er strahlte Stärke und Willenskraft aus. Er war ein Mann, der spielte, um zu gewinnen. Ein Mann, der ihr geben konnte, was sie wollte.

     „Aber wenn er denkt, dass ich bei Ihnen einziehe, wird er aufgeben.“

     Ronan schüttelte den Kopf. „Dadurch wird die Herausforderung größer. Sein Ego ist riesig. Er wird gar nicht auf die Idee kommen, dass er Sie nicht haben kann.“

     Seine Lippen verzogen sich zu einem schmalen Lächeln, das Marina erschaudern ließ. „Er wird nicht widerstehen können.“

     Der Schauder verwandelte sich in verbotene Erregung.

     Es war lächerlich, aber sie konnte nichts dafür. Nicht, solange sich sein Blick auf ihrer Haut anfühlte wie eine glühende Liebkosung. Sein Duft, herb, männlich und aufregend, machte sie fast wahnsinnig.

     „Jedes Mal, wenn er uns zusammen sieht, wird er vor Eifersucht rasen.“

     Marina schluckte. Ihr wurde heiß von dem Feuer in Ronans Blick. Wie sollte sie es bloß aushalten, vor Wakefield so zu tun, als seien sie ein Liebespaar?

     „Aber ich muss doch nicht wirklich bei Ihnen einziehen, oder?“, fragte sie unsicher.

     Amüsiert hob er eine Augenbraue. „Natürlich müssen Sie. Es muss so aussehen, als seien wir ein richtiges Paar. Wakefield ist zwar ein egoistisches Schwein, aber er ist nicht dumm. Das macht ihn so gefährlich.“

     Marina ließ sich gegen die Stuhllehne zurückfallen. Plötzlich fühlte sie sich müde und erschöpft. Die Schlinge um ihren Hals wurde immer enger. Sie hatte dem Plan zugestimmt, jetzt musste sie mitmachen. Ganz oder gar nicht.

     Und doch spürte sie tief im Innern eine undefinierbare Angst. Die Sache war ihr nicht geheuer, sie hatte sie nicht unter Kontrolle.

     Verunsichert starrte den Mann an, der so einfach ihr Leben in die Hand genommen hatte. Konnte sie ihm wirklich vertrauen? Würde sie es schaffen, einfach ihre Rolle zu spielen und nichts zu erwarten? Keine albernen Träume, vergeblichen Hoffnungen und Sehnsüchte?

     „Und Sie verkaufen ihr Haus“, bemerkte er. „Sie werden sowieso bald umziehen müssen.“

     „Es ist schon verkauft“, platzte sie heraus. Seb hatte es ihr heute Morgen gesagt. Die Schuldgefühle standen ihrem kleinen Bruder ins Gesicht geschrieben. Er wusste nur zu gut, dass seine Dummheit schuld daran war, dass sie das Haus verkaufen mussten.

     Ronan runzelte die Stirn. „So schnell?“

     Marina nickte. Es war der richtige Moment. Der Käufer war bereit, den vollen Preis zu zahlen, und in ihrer Situation musste sie einfach zustimmen. Eigentlich hatte sie morgen nach einer Wohnung suchen wollen. Das Angebot ihres Bruders, bei ihm und Emma zu bleiben, konnte sie jedenfalls nicht annehmen.

     Es war dumm, einem leeren Haus hinterherzutrauern. Trotzdem spürte Marina einen dicken Kloß im Hals. Der Verkauf war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Nach allem, was sie durchgemacht hatte, hatte sie keine Kraft mehr. Immer hatte sie irgendwie gekämpft, doch jetzt war sie zu müde und zu schwach dazu.

     Als hätte er ihre Gedanken erraten, lehnte Ronan sich plötzlich vor und schloss warm seine Hände um ihre. Marina blinzelte heftig gegen die Tränen an, die ihr in die Augen traten.

     „Sehen Sie, Sie können also sofort bei mir einziehen.“

     „Sieht so aus.“ Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her. Mit einem Mal wurde ihr klar, dass sie schon wieder keine Wahl hatte.

     Die letzten Tage waren anstrengend gewesen. Und die letzten Monate richtig erschöpfend. Kein Wunder, dass sie am Ende war.

     Langsam streichelte Ronan mit dem Daumen über ihren Handrücken. „Es wird alles gut, Sie werden schon sehen.“ Seine Stimme klang leise und sanft.

     Marina nickte. Aber sie konnte ihn nicht anblicken, bis er plötzlich ihre rechte Hand hob. Ungläubig weiteten sich ihre Augen, als er den Kopf senkte. Sein Gesicht lag im Schatten. Im nächsten Moment spürte sie seinen warmen Atem auf ihrem Handrücken.

     Dann stockte ihr selbst der Atem, als er ihre Hand umdrehte und zärtlich die Handfläche küsste. Es war ein sanfter Kuss, langsam und verführerisch. Ihre Gefühle überschlugen sich, und ihr Arm zuckte leicht. Aber Ronan hielt ihre Hand fest, hob sie an sein Gesicht und fuhr mit ihren Fingern über seine Wange und seine Lippen.

     „Alles wird gut. Ich verspreche es“, wiederholte er. Bei jedem Wort berührten seine Lippen ganz leicht ihre Haut.

     Tausende kleiner Flammen huschten über Marinas Arm hinweg, bis tief ins Innere ihre Körpers. Hitze breitete sich in ihr aus. Sie erschrak selbst angesichts der Heftigkeit ihrer Reaktion.

     Jetzt verschränkte Ronan seine Finger mit ihren, hob den Kopf und winkte dem Kellner. Ein paar Sekunden später brachte der eine Flasche teuersten Champagners.

     Die ganze Zeit über ließ Ronan Marinas Hand nicht los. Und sie hätte im Leben nicht die Kraft gehabt, sie ihm zu entziehen. Es fühlte sich einfach zu gut an.

     Der Kellner füllte ihre Gläser, dann waren sie wieder allein.

     „Ich kümmere mich um alles, Marina. Machen Sie sich keine Sorgen.“ Lächelnd hob Ronan sein Glas. „Auf den Erfolg.“

     Marina tat es ihm nach und fügte in Gedanken hinzu: Auf das Überleben.

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