Es geschah in einer Sommernacht - 8. Kapitel

8. Kapitel

„Herzlich willkommen in meinem Zuhause.“ Ronan streckte die Hand aus, um Marina aus dem Auto zu helfen. Sie zögerte, aber er stand so dicht an der Tür, dass sie nicht an ihm vorbeikam.

     „Danke.“

     Er unterdrückte ein Lächeln, als sie seine Hand nahm. Ob sie das auch fühlte, die Stromschläge, wenn sie sich berührten?

     Sie sah ihn nicht an, während sie ausstieg. Stattdessen betrachtete sie das Haus.

     Natürlich fühlte sie es auch. Sie musste. Schließlich vermied sie krampfhaft jede Berührung, seit sie sich kennengelernt hatten. Jedes Mal zuckte sie regelrecht zusammen, wenn er sich erlaubte, ihr näher zu kommen.

     Und schon wieder wich sie vor ihm zurück. Sie war nervös wie ein junges Fohlen. Dabei war sie sonst so eine selbstbewusste Frau. Nur wenn er ihr zu nahe kam, wurde sie unruhig. Ronan war sich mittlerweile sicher, dass sie ihm nichts vorspielte.

     Plötzlich bereute er, dass er Marina zu den neuen Kleidern überredet hatte. Eigentlich wollte er sie zu nichts drängen. Er wollte ihr Zeit geben, sich an die glühende Leidenschaft zu gewöhnen, die so spürbar zwischen ihnen herrschte. Weil es sie offensichtlich durcheinanderbrachte.

     Aber zum Teufel! Er hielt es kaum noch aus.

     Er war schüchterne Frauen nicht gewöhnt. Normalerweise musste er sich die Damen vom Leib halten. Und er war es auch nicht gewöhnt, so sehr um etwas kämpfen zu müssen, wie er es um Marina tun musste.

     Im Moment hätte er sie am liebsten in einem ihrer alten, unförmigen Kleider gesehen. Nicht die neue Marina mit ihrem wallenden Haar, den üppigen Kurven und der schlanken Taille. Das alles wurde heute von engen Hosen und einer ärmellosen Bluse betont.

     Ronan senkte den Blick. Fünf Knöpfe. Er schluckte. Nur fünf Knöpfe zwischen ihm und …

     „Sie haben ein schönes Haus“, meinte sie und holte ihn zurück in die Realität.

     Lächelnd legte er eine Hand an ihren Rücken, als ob es sich so gehörte, und führte sie den Weg entlang bis zur Haustür. Wie ein perfekter Gentleman. Jedenfalls war er das, solange er sich nicht von der Wärme ihres Körpers und dem Duft ihrer Haare hinreißen ließ.

     Es war ein altes Haus, das unter Denkmalschutz stand. Der Kies knirschte unter ihren Füßen, als sie auf den Eingang zugingen.

     „Ich freue mich, dass es Ihnen gefällt. Ich möchte, dass Sie sich hier wohlfühlen, Marina.“

     Sie warf ihm einen Blick zu. Es war ein Blick, den er nicht deuten konnte. Zu viele verschiedene Gefühle lagen darin. Er wusste, dass sie eigentlich nicht hier sein wollte. Das hatte sie ihm klargemacht, zuletzt heute Morgen, als die Möbelpacker ihr Haus ausgeräumt hatten.

     Aber ihr blieb nichts anderes übrig, als seine Gastfreundschaft anzunehmen. Dafür hatte er gesorgt.

     „Kommen Sie, ich stelle Ihnen Mrs. Sinclair vor. Sie ist meine Haushälterin und freut sich, dass endlich eine Frau hier einzieht.“

     Er öffnete die Haustür und führte Marina hinein. Staunend betrachtete sie die neue Umgebung. Ihre Reaktionen waren absolut faszinierend.

     Marina begeisterte sich nicht so sehr für den künstlichen Wasserfall auf der Terrasse oder die Yacht, die an seinem privaten Steg ruhte. Vielmehr entzückten sie die einfachen Dinge, denen man das Geld nicht so sehr ansah. Zum Beispiel der liebevoll gepflegte Rosengarten oder das kleine Oberlicht im Flur, das in allen Farben des Regenbogens schimmerte, wenn die Sonne hereinschien. Ganz verliebt war sie auch in die alten Zinngefäße aus dem 19. Jahrhundert, die in der Küche standen.

     Als sie ins Obergeschoss gingen, war sie längst nicht mehr so steif und angespannt. Ihre Finger glitten ehrfürchtig über das Treppengeländer aus Zedernholz und streiften die Lilienblüten in der Vase auf der Anrichte.

     Ronan beobachtete Marina genau und konnte sich immer weniger zurückhalten. Sie war so sinnlich, wie sie den Duft der Blumen einatmete und die Dinge mit ihren Händen berührte.

     Er wollte diese Hände auf seinem Körper spüren. Genauso, wie er endlich ihren Körper erforschen wollte.

     Als sie sich geküsst hatten, hatte er gemerkt, wie stark sie auf seine Berührungen reagierte. Wie wenig er sich ihr gegenüber kontrollieren konnte. Aber auf das hier war er nicht vorbereitet gewesen. Auf ihre Freude daran, die Dinge um sich herum zu spüren. Es erregte ihn.

     „Das hier ist Ihr Zimmer“ Seine Stimme klang fast ein wenig schroff, weil er sich so mühsam beherrschte. Er öffnete die Tür und ließ Marina eintreten. Die Hände steckte er eilig in die Taschen, als sie ihn im Vorbeigehen streifte.

     „Oh.“ Marina seufzte überrascht. Ihre kindliche Begeisterung war einfach entzückend.

     „Es ist wunderschön. Vielen Dank, Ronan.“ Für einen kurzen Moment begegneten sich ihre Blicke.

     „Mit dem größten Vergnügen.“ Seine Stimme klang heiser, als er ihr zusah, wie sie mit den Fingerspitzen über die Bettdecke aus altrosa Seide glitt. Er würde nicht daran denken, wie es wäre, sie in diesem Bett unter sich zu spüren.

     „Hier ist das Badezimmer.“ Er deutete auf die Tür an einer Seite des Zimmers. Er würde sich auch nicht vorzustellen, wie sie in der riesigen Badewanne lag, die fast die Hälfte des Raums einnahm. Oder wie sie nackt vor dem Spiegel stand.

     Noch nicht.

     Sein Handy klingelte. Widerwillig zog er es aus der Hosentasche und betrachtete die Nummer im Display. Genau die Art Ablenkung, die er jetzt brauchte.

     „Fühlen Sie sich wie zu Hause, Marina. Ich muss kurz telefonieren.“

     Sie stand am Fenster und nickte nur, während sie über den Garten hinweg zum Meer hinausschaute.

     Ronan hielt den Hörer ans Ohr und ging aus dem Zimmer. „Hey, Kleines. Wie geht’s dir?“

Marina sah Ronan zu, wie er sich durch die Menschenmenge schob und auf die Terrasse des Opernhauses von Sydney trat, um in Ruhe zu telefonieren.

     Es war wieder einmal seine Schwester. Marina wusste es in dem Moment, als er entschied, den Anruf anzunehmen. Nur wenige Leute hatten Ronans Privatnummer, und wenn seine Schwester anrief, ging er immer sofort ran. Er war ein liebevoller Bruder, der sich gewissenhaft um die Familie kümmerte. Der offensichtliche Widerspruch zu dem knallharten, erfolgsverwöhnten Geschäftsmann war irgendwie faszinierend.

     Das erste Mal, dass sie hörte, wie er mit seiner Schwester sprach – es war der Tag, als sie bei ihm einzog – hatte sie gedacht, dass es eine seiner Freundinnen wäre. Ronans Stimme hatte so ungewöhnlich weich und zärtlich geklungen.

     Oh, sie war rasend vor Eifersucht gewesen!

     Mittlerweile hatte Ronan das Gespräch beendet und kam zurück ins Foyer, wo Marina sich mit Sir John Biddulph, einem seiner Geschäftsfreunde, unterhielt. Gemeinsam plauderten sie noch eine Weile, bis es klingelte und die Pause vorüber war. Marina war überrascht, dass Ronan nicht versucht hatte, die Unterhaltung an sich zu reißen. Er schien sich genauso für ihre Meinung wie die von Sir John zu interessieren. Und ganz offenbar tat er es nicht nur aus Höflichkeit.

     Er redete tatsächlich auf Augenhöhe mit ihr. Das war es. Plötzlich wurde ihr klar, dass Ronan ihr immer dieses Gefühl gab. Also ob sie ihm etwas bedeutete.

     „Marina, ist alles in Ordnung?“

     Sie nickte und sah lächelnd zu ihm auf. „Mir geht es gut. Ich war nur in Gedanken.“

     Ronan legte einen Arm um sie und zog sie dicht an sich. Wieder spürte sie es: dieses wunderbare, seidenweiche Gefühl, das sie dahinschmelzen ließ.

     Aber während ihr Körper sich an ihn schmiegte, war ihr Kopf immer noch damit beschäftigt nachzudenken. Tatsächlich benutzte Ronan seine Macht und seinen Reichtum nicht, um sie einzuschüchtern. Er behandelte sie immer gleichberechtigt. Und mehr noch: Er behandelte sie so, als sei sie etwas ganz Besonderes.

     „Nach Ihnen.“ Beim Klang seiner Stimme dicht an ihrem Ohr fühlte Marina abermals einen wohligen Schauder. Sie huschte zu ihrem Platz. Als sie saßen, verschränkte Ronan wie selbstverständlich seine Finger mit ihren. Das Gefühl war köstlich. Doch während er ihr im Laufe der Vorstellung immer wieder die eine oder andere Bemerkung zuraunte, konnte sie meist nur mit einem geistesabwesenden Lächeln antworten.

     Ronans Nähe brachte ihre Gefühlwelt komplett durcheinander. Und das, obwohl er ihren Liebhaber lediglich spielte. Er hatte alles, was Marina sich von einem Mann wünschte: eine starke Persönlichkeit, ein gutes Herz und einen fantastischen Körper.

     Er war der gefährlichste Mann, dem sie je begegnet war.

     Sie drehte sich zu ihm um und wappnete sich automatisch für sein attraktives Lächeln.

     Er war einfach unglaublich.

     Und doch so unerreichbar.

     Und sie stellte gerade fest, dass sie drauf und dran war, sich ernsthaft in ihn zu verlieben.

„Möchtest Du noch einen Gutenachtdrink?“, fragte Ronan, als sie das Haus betraten.

     „Ich glaube nicht …“

     „Ich verspreche, dass ich nicht beiße.“

     Marinas Augen weiteten sich. Sie presste die Lippen aufeinander. Ronans Problem war nur, dass diese Lippen auch so alles andere als schmal waren. Sie waren voll, einladend und verführerisch. Verführerisch genug, um sein eigenes Versprechen Lüge zu strafen. Denn wenn Marina noch länger so vor ihm stand und er ihren köstlichen Duft wahrnehmen musste, würde er sich vorbeugen und sanft an ihren Lippen knabbern, bis sie darauf reagierte wie in jener Nacht.

     Ihm wurde feuerheiß, als er daran dachte, wie sie in seinen Armen gelegen hatte – wie sie so leidenschaftlich und voller Hingabe gewesen war.

     Nur einmal noch

     „Es ist spät“, sagte sie und machte einen Schritt zurück.

     Sofort spürte er die Enttäuschung. Von Anfang an war sie so gewesen – erst heiß wie Feuer, dann kalt wie Eis. Sie entfachte seine Lust mit ihrem Körper und ihren Blicken, und dann zog sie sich zurück und machte dicht. Dennoch spürte er, dass Marina ihn nicht mit Absicht provozierte. Dazu war sie viel zu aufrichtig.

     Aber was ging dann in ihr vor?

     „Aber müde sind Sie noch nicht, oder?“ Er versuchte, möglichst unbekümmert zu klingen.

     Natürlich war sie nicht müde. Die Oper hatte sie entzückt. Es war offensichtlich gewesen, als sie auf der Heimfahrt vor Begeisterung fast übergesprudelt war und ihn häufiger und offener angestrahlt hatte als sonst. Ihre Augen hatten so wundervoll geglänzt. Und genau deshalb war er ihm auch nicht möglich, ihr einfach Gute Nacht zu wünschen und sich den Rest des Abends um die geschäftliche Korrespondenz zu kümmern.

     „Kommen Sie, Marina. Sie sollten sich noch ein wenig entspannen, bevor Sie schlafen gehen.“

     Er wusste, dass er selbst noch lange nicht schlafen würde. Aber bestimmt nicht, weil ihn die Opernaufführung so beeindruckt hatte. Es lag einzig und allein an dieser Frau. Sie verfolgte ihn bis in seine Träume und erschien ihm dabei so real, dass sein Körper vor ungestilltem Verlangen schmerzte. Und doch durfte er sie nicht berühren. Noch nicht.

     Aber wie lange sollte er das noch aushalten? Er fragte sich, ob er sich überhaupt noch zurückhalten sollte. Vielleicht sollte er ihre Abwehr einfach überwinden und sie verführen. Spielte es denn wirklich eine Rolle, dass sie noch nicht zugeben konnte, dass sie ihn auch wollte?

     „Gut, aber nur eine halbe Stunde. Es war ein langer Tag.“

     Ronan hoffte, dass das Lächeln, mit dem er antwortete, neutral wirkte. Nicht so hungrig und unbeherrscht, wie er sich fühlte. Er drehte sich um und ging voraus ins Wohnzimmer. Marina folgte ihm nur langsam.

     Hatte sie Schmerzen? Sie sprach nie über ihre schwachen Beine, aber er wusste, dass ihre Verletzungen noch heilten. Nach allem, was er in Erfahrung gebracht hatte, hatte sie Glück, überhaupt wieder gehen zu können.

     Beim Gedanken daran, dass sie so knapp davongekommen war, brach ihm der kalte Schweiß aus.

     „Was möchten Sie? Likör, Wein, einen Saft? Oder lieber Kaffee?“

     „Einen Saft, bitte.“

     Als er von der Hausbar zurückkam, saß Marina in einem Ohrensessel und strich mit der Handfläche über ihren Rock.

     All seine Aufmerksamkeit gehörte sofort dieser Bewegung. Es war eine eher nervöse Geste. Sein Puls begann zu rasen, als er sich vorstellte, dass es anstatt ihrer seine Hand war, die ihren Schenkel berührte. Ihn von unten nach oben streichelte, über die feine Strumpfhose hinweg und unter ihren Rock. Oder vielleicht trug sie gar keine Strumpfhose? Vielleicht waren es Strümpfe und Strapse.

     Ronan bekam eine Gänsehaut von der erotischen Kraft dieses Bildes. Fast spürte er Marinas weiche Haut tatsächlich unter seinen zitternden Fingern.

     Er blieb stehen und kippte seinen Drink hinunter. Wie Feuer brannte er in seiner Kehle. So ging man eigentlich nicht mit einem achtzigjährigen Whiskey um.

     Marina hatte keine Ahnung, wie sehr diese Geste ihre herrlich geschwungenen Beine betonte. Wie sehr sie ihre natürliche Sinnlichkeit unterstrich. Überhaupt hatte sie nicht die geringste Ahnung von der Wirkung ihres Körpers! Er, Ronan, hatte es schon in der ersten Nacht bemerkt. Dieser Körper war der einer Göttin. Jede ihrer fantastischen Kurven, jede elegante Linie war unglaublich sexy. Aber sie tat so, als müsse sie sich verstecken.

     Sogar jetzt, nachdem sie schon seit Tagen Kleider trug, die jeden Mann um den Verstand brachten, benahm sie sich, als wären es Kartoffelsäcke.

     „Danke“, murmelte Marina, als er ihr das Glas reichte. Sie sah ihm nicht in die Augen, und wie immer passte sie auf, dass sie ihn nicht unnötig berührte. Offenbar fühlte sie sich in seiner Gegenwart immer noch nicht wohl.

     Nicht wohl!

     Er litt Qualen, seit sie bei ihm wohnte. Sein Körper schmerzte vor mühsamer Selbstbeherrschung. Es tat weh, eine Lust zu unterdrücken, die so stark war, dass er Angst hatte, bald zu explodieren.

     Marina machte ihn verrückt.

     Seufzend ließ er sich in einen Sessel fallen, der weit weg genug von ihrem stand, und stellte sein leeres Glas auf den Couchtisch.

     „Ein wirklich schöner Raum“, bemerkte sie, während sie sich umschaute.

     Aha, sie wollte also eine höfliche, belanglose Unterhaltung führen. Er biss die Zähne zusammen und fragte sich, wie lange sie es wohl noch schaffte, ihn nicht anzusehen. „Danke.“

     „Sie haben wahrscheinlich einen Innenarchitekten beauftragt?“

     „Nein. Zumindest keinen ausgebildeten. Meine Schwester hat es gemacht.“ Als Ronan seine Schwester erwähnte, ließ die verlangende Hitze in seinen Adern etwas nach. Stattdessen spürte er eine andere Form von Anspannung.

     „Sie hat Talent.“ Marina meinte es ehrlich, das merkte man ihr an. Er hatte diesen Raum von Anfang an gemocht, mit seinem eleganten Schnitt und der unvergleichlichen Aussicht. Aber erst Cleo hatte ihn zu etwas Besonderem gemacht.

     „Danke. Ich werde meiner Schwester sagen, dass es Ihnen gefällt.“

     „Sie haben neulich erwähnt, dass sie in Perth lebt. Studiert sie dort?“

     „Nein.“ Sein Ton klang überraschend harsch. Er sah, wie Marina zusammenzuckte. „Sie studiert im Moment nicht.“

     „Ach so. Naja, es gibt bestimmt viel, was sie dort machen kann. Perth soll eine tolle Stadt sein.“

     Sie nippte an ihrem Saft. Jetzt strich sie nicht mehr über ihren Rock, sondern spielte unsicher an ihrer perlenbesetzten Handtasche herum. Mist! Es war seine Schuld. Er hätte nicht gedacht, dass sie sich für Cleo interessieren könnte. Dabei hatte Cleo alles über sie wissen wollen, als sie das letzte Mal telefonierten. Sie hatte ihm sogar erlaubt, Marina alles zu erzählen, was Wakefield ihr angetan hatte. Sie glaubte, dass sie es wissen musste, damit ihr klar wurde, mit wem sie es zu tun hatte.

     Ronan runzelte die Stirn. Er wollte Marina beschützen. So, wie du deine Schwester beschützt hast.

     Seine Hände zitterten, als er daran dachte, wie er versagt hatte. Von der Schwere seiner Schuld wurde ihm beinahe übel.

     Wie würde es sich erst anfühlen, wenn Wakefield Marina etwas antat? Hier im Haus war sie sicher vor dem Mistkerl, dafür würde er schon sorgen. Doch dann dachte er an all die Anrufe, die sein Personal abgewimmelt hatte. Wakefield versuchte seit Tagen, Marina zu erreichen. Und irgendwann würde er es vermutlich schaffen.

     Sag es ihr, hatte Cleo gedrängt.

     „Ronan, was ist los?“

     Er blickte Marina an. Sie saß kerzengerade im Sessel und betrachtete ihn mit großen Augen. Er spürte, dass sein Gesicht angespannt war. Wahrscheinlich sah er grimmig aus.

     „Es ist nichts …“ Doch ihm war nur allzu bewusst, dass Leugnen sinnlos war. Wenn er Marina wirklich beschützen wollte, musste er ihr die Wahrheit sagen. Das hatte Cleo ihm eingetrichtert, und er wusste, dass sie recht hatte.

     Trotzdem fühlte er sich wie ein Verräter. Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Erst als er erneut in Marinas große dunkle Augen sah, wusste er, dass er lange genug gezögert hatte. Sie verdiente es, die Wahrheit zu erfahren. Und er vertraute ihr. Sie würde Cleos Geheimnis für sich behalten. Er hatte noch nie jemanden getroffen, der so ehrlich war wie Marina.

     „Es ist wegen meiner Schwester. Cleo“, erklärte er schließlich.

     „Ist sie krank?“ Marina runzelte die schöne Stirn.

     „Es geht ihr gut. Jetzt jedenfalls.“ Ronan holte tief Luft und zwang sich, es auszusprechen. „Ich habe Ihnen erzählt, dass Wakefield eine Freundin von mir verletzt hat.“

     Marina nickte langsam. Sie schien zu verstehen.

     „Es war keine Freundin. Es war Cleo.“

     „Oh, Ronan.“ Ihre Stimme war ein betretenes Flüstern. „Es tut mir leid.“

     Er schüttelte den Kopf. Es war vorbei. Fast. Cleo war so stark. Sie würde bald in ihr altes Leben zurückfinden. Er musste nur noch dafür sorgen, dass Wakefield seine gerechte Strafe bekam. Und das hieß, dass er sich auf das Geschäft konzentrieren musste und nicht auf die süße Ablenkung, die ihn mit weit aufgerissenen Augen ansah und ihre Lippen zu einem sündigen Kussmund formte.

     „Cleo findet, dass ich Ihnen sagen soll, was passiert ist.“

     „Sie haben mit Ihrer Schwester über mich gesprochen?“

     „Sie möchte Sie kennenlernen. Sie ist begeistert von jedem, der Wakefield durchschaut und sich ihm in den Weg stellt.“

     „Sie müssen es mir nicht sagen.“ Marina stellte ihr Glas ab und sah ihn dabei nicht an. „Es ist privat. Außerdem ist es schon spät, ich sollte jetzt …“

     „Bleiben Sie!“ Sie wurde stocksteif, und er versuchte es in einem sanfteren Ton. „Ich meine, ich bitte Sie zu bleiben. Es ist wichtig, dass Sie es wissen.“

     Marina ließ sich wieder in ihren Sessel zurücksinken. Die Deckenlampe hüllte sie in warmes Licht und zauberte goldene Reflexe auf ihr schönes Haar. Ihre Wangen waren leicht gerötet. In diesem Moment wusste Ronan, dass es mehr war als nur Lust, was er für diese Frau empfand. Es war Wärme und das Bedürfnis, sie zu beschützen. Er fühlte sich – vollständig.

     Er sah sie fest an, als er sprach. Ihr ruhiger Blick gab ihm Kraft.

     „Letztes Jahr war ich ein paar Monate im Ausland. Ich musste mich um einige geschäftliche Dinge kümmern, und außerdem brauchte ich dringend Urlaub. Als ich zurückkam … Als ich zurückkam, hatte Wakefield aufgehört, meinen Freundinnen hinterherzusteigen. Stattdessen interessierte er sich jetzt für meine kleine Schwester.“

     Er hätte das Schwein gleich erledigen sollen, ihn verprügeln, damit es ihm leid tat, Cleo jemals zu nahe gekommen zu sein. Aber das Leben war komplizierter.

     „Cleo ist sehr viel jünger als ich. Sie wusste nichts von mir und Wakefield oder darüber, wie er wirklich ist.“ Ronan hatte nie mit seiner Familie darüber gesprochen. „Sie ist klug und voller Lebensfreude, aber manchmal ganz schön naiv.“

     Jedenfalls war sie das gewesen.

     „Natürlich ist sie ihm auf den Leim gegangen. Sie hat sich Hals über Kopf in ihn verliebt und dachte, es würde ihm genauso gehen. Egal, was die Leute über ihn sagten, sie wollte es nicht hören. Sie dachte, er würde sie heiraten.“

     Ronan sah, wie sich Marinas Gesichtsausdruck veränderte. Er drückte Beklemmung aus. Genauso ging es ihm, wenn er daran dachte, wie glücklich und voller Hoffnung Cleo gewesen war. Und wie sehr sie sich seitdem verändert hatte. Was Wakefield ihr angetan hatte.

     „Ronan?“ Marinas Stimme klang leise. Sie war bis an die Sesselkante vorgerutscht.

     „Natürlich wollte der feine Herr von einer Hochzeit nichts wissen“, fuhr Ronan fort. „Stattdessen merkte Cleo, dass sie schwanger war. Sie ging zu ihm, weil sie es ihm gleich sagen wollte. Aber sie kam gar nicht dazu. Es war der Tag, an dem Wakefield die Affäre auf seine Art beendete. Auf die grausamste Art, die man sich vorstellen kann.“ Er ballte die Hände so fest zu Fäusten, dass die Knöchel weiß hervortraten.

     „Cleo fand ihn im Bett mit einer anderen Frau. Dann sagte er ihr, dass ihre Beziehung sowieso nur ein Witz gewesen sei. Ein Zeitvertreib, um zu sehen, wie Ronan Carlisles Schwester so im Bett ist.“

     Noch immer sah er Cleos Gesicht vor sich. Blass vor Schmerz und Angst hatte sie sich an seine Hand geklammert, als der Arzt ihr mitteilte, dass sie eine Fehlgeburt erlitten hätte.

     Sie hatte nicht einmal geweint. Sie war ganz ruhig gewesen. Die Tränen kamen erst später, als die Trauer den Schock überwand. Von da an ging es erschreckend schnell bergab. Cleo wollte ihre Freunde nicht sehen, konnte nicht mehr schlafen und gab sich selbst die Schuld an allem. Am Ende stand der verzweifelte Entschluss, ihre Qual zu beenden.

     Ronans Herz schlug so fest, dass es wehtat. Er dachte an die hastige Fahrt ins Krankenhaus und daran, wie sie darauf gewartet hatten, dass man Cleo die Schlaftabletten aus dem Magen pumpte. Und an das vom Leid gezeichnete Gesicht seiner Mutter.

Marina hatte eine Gänsehaut am ganzen Körper. Konnte Wakefield wirklich so brutal sein?

     Es wäre einfacher gewesen zu glauben, dass Ronan übertrieb. Aber sie wusste, dass er es nicht tat. Sie hatte Wakefields Blick gesehen. Es lag etwas Kaltes und eigenartig Grausames darin. Etwas Unmenschliches.

     Eine innere Stimme sagte ihr, dass Ronan die Wahrheit sagte. Oder soviel von der Wahrheit, wie er verraten wollte. Denn es war klar, dass die Geschichte noch einige Abgründe mehr hatte. Sie sah ihm die Erschütterung und den Schmerz so deutlich an, dass sie am liebsten die Hand ausgestreckt und ihn gestreichelt hätte. Sein Kummer rührte sie. Sie hob die Hand … und ließ sie wieder sinken.

     Sie hatte kein Recht, ihn zu trösten. Die Vertrautheit zwischen ihnen war nur vorgetäuscht. Sie waren keine echten Freunde. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, als die Realität mit voller Wucht über sie hereinbrach.

     Ronan wollte ihr Mitleid nicht. Sie war einfach eins von Wakefields Opfern und tat ihm deshalb ein bisschen leid. Er hatte ihr die Wahrheit nur erzählt, damit sie den Ernst der Lage verstand. Plötzlich fühlte sie sich entsetzlich leer und traurig.

     Selbst der finstere Ausdruck und die Anspannung, unter der er stand, nahmen ihm nichts von seiner Attraktivität. Marina fühlte sich noch immer schmerzlich zu Ronan hingezogen. Sie entdeckte Gefühle in sich, die sie bis jetzt nicht kannte. Am liebsten hätte sie sein dunkles Haar gestreichelt und seinen Kopf in beide Hände genommen. Um ihm Trost zu schenken.

     Um sich selbst zu trösten.

     Sie atmete ein, erschrocken über ihren Gedanken.

     Auch wenn sie mutig genug wäre, sich ihm hinzugeben – wenn er sie denn überhaupt wollte –, sie würde ihn nur enttäuschen. Der Anblick ihrer Verletzungen würde ihn abstoßen. Und allein die Vorstellung war mehr, als sie ertragen konnte.

     Marina sank wieder in den Sessel zurück. Ihr war übel. Sie starrte aus dem Fenster auf die Lichter im Hafen.

     „Hat Wakefield denn keine Angst, dass Sie sich an ihm rächen könnten?“ Er wäre ein Idiot, wenn er nicht damit rechnete. „Nach allem, was er Ihrer Schwester angetan hat?“

     Ronan schüttelte den Kopf. „Wakefield ist sich nicht sicher, dass ich Bescheid weiß. Cleo musste es mir ja nicht erzählen.“ Er blickte Marina an. In seinen Augen lag ein rätselhafter Ausdruck. „Aber es ist meine Pflicht, ihn zu stoppen, bevor noch jemand so verletzt wird. Schließlich geht es Wakefield letzten Endes nur um mich. Es ging immer nur um mich.“

     Jetzt bekam alles einen Sinn. Seine Besessenheit mit Wakefield. Seine Bereitschaft, mit ihr zusammen gegen einen gemeinsamen Feind zu kämpfen. Er fühlte sich nicht wirklich zu ihr hingezogen. Ihr Verstand sagte ihr das schon die ganze Zeit, aber in ihrem Herzen war sie so dumm gewesen, immer noch zu hoffen. Jetzt löste sich auch die letzte Hoffnung in Luft auf.

     Für Ronan war sie nur eine Frau, die es zu beschützen galt. Wahrscheinlich erinnerte sie ihn an seine Schwester. Er hielt sie für schwach und verletzlich. Ein armes, obdachloses, krankes Opfer. Jemand, der nicht auf sich selbst aufpassen konnte.

     Marina erstickte ein Schluchzen in ihrer Kehle. Die geheime Hoffnung in ihrem Herzen war so stark gewesen. Wie dumm von ihr, dass sie auch nur eine Minute lang geglaubt hatte, dass mehr zwischen ihnen sein könnte.

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