Es geschah in einer Sommernacht - 9. Kapitel

9. Kapitel

Marina drehte sich im Wasser und stieß sich von der Längsseite des Pools ab. Noch ein paar Züge, dann würde sie aufhören. Ronan kam zwar erst in ein paar Stunden nach Hause, aber sie ging lieber auf Nummer sicher und beendete das Schwimmen früh genug.

     Wenn er in der Nähe war, musste sie bei klarem Verstand sein. Sie brauchte ihre Kraft, um ihre verräterischen Gefühle zu kontrollieren. Zu ihrem Entsetzen wurde ihre Schwäche für ihn mit jedem Tag stärker. Er musste nur ins Zimmer kommen oder sie auf eine bestimmte Art ansehen, und schon wurde ihr schwindelig.

     Zum Glück mussten sie ihre Rolle nicht allzu oft in der Öffentlichkeit spielen. Es war nur das eine Mal im Opernhaus gewesen, dann auf einer Cocktailparty und bei ein paar Abendessen in teuren Restaurants. Jedes Mal hatte Ronan den perfekten Liebhaber gegeben. Mit seinem Arm um ihre Taille fühlte sie sich, als ob sie ihm gehörte – ein Gefühl, dass sie viel zu sehr genoss.

     Aber vor allem bei ihm zu Hause wurde ihre Sehnsucht immer größer. Er kam ihr nicht zu nahe, es war nicht seine Schuld, dass sie an nichts anderes mehr denken konnte als daran, von ihm geküsst zu werden. Oder dass sie während der schwülen Sommernächte stundenlang wach lag.

     Sie wusste, dass er sich kein bisschen für sie interessierte. Aber trotzdem wurde ihr Verlangen immer stärker. Die Vorstellung, seine Geliebte zu sein, erfüllte Marina mit Erregung und einer sonderbaren Ungeduld.

     Seine engen Freunde konnte sie sicher nicht täuschen. Einer von ihnen würde merken, dass nichts zwischen ihnen war. Sie trug aufregende Kleider und bewegte sich mittlerweile sicher auf hohen Absätzen. Aber sie war trotzdem noch dieselbe Marina. Langweilig. Unsicher. Voller Narben.

     Und gerade deshalb war es so seltsam, dass sie sich neben Ronan fast schön vorkam, wenn er sie anlächelte!

     Ach, wem machte sie eigentlich etwas vor?

     Sie klammerte sich an den Beckenrand, hob den Kopf aus dem Wasser und holte tief Luft. Sie war viel zu schnell geschwommen und brauchte Sauerstoff. Dann ließ sie sich wieder unter Wasser gleiten und schloss die Augen. Umso deutlicher sah sie Ronans verführerisches Lächeln vor sich.

     Als sie erneut auftauchte, streckte sich ihr eine große Männerhand entgegen. Marina sah auf und blickte geradewegs in Ronans tiefblaue Augen.

     „Kommen Sie da raus.“ Seine Stimme klang etwas heiser. „Sie haben sich jetzt lange genug verausgabt.“

     Marina beachtete seine Hand nicht, sondern stieß sich trotzig vom Beckenrand ab. Kein Mann hatte das Recht, im Anzug so unverschämt gut auszusehen. Er hatte die Ärmel hochgeschoben, sodass man seine gebräunten, sehnigen Unterarme sehen konnte. Die obersten Knöpfe seines Hemds standen offen.

     „Ich bin noch nicht fertig“, keuchte sie. Hauptsache, er ging weg.

     Ronan zog missbilligend die Brauen zusammen. „Ich glaube schon. Mrs. Sinclair sagte, dass Sie schon seit vierzig Minuten schwimmen.“

     „Sie lassen mich also von Ihrer Haushälterin ausspionieren?“ Marina mochte die Frau. Sie war unkompliziert und stand mit beiden Beinen im Leben. Doch jetzt war sie enttäuscht.

     „Seien Sie nicht albern. Sie hat nur gesehen, wie Sie rausgegangen sind, und jetzt macht sie sich Sorgen. Sie hat Angst, dass Sie sich überanstrengen.“

     Marina kam sich dumm vor und paddelte weiter auf der Stelle. Ronans immer noch ausgestreckte Hand ignorierte sie.

     „Ich komme in einer Minute“, sagte sie. „Wir sehen uns drinnen.“

     „Sie kommen jetzt raus.“ Diesmal war es ein Befehl. „Sie sind völlig außer Atem, das ist unverantwortlich.“

     Es stimmte. Sie hatte kaum noch Kraft. Aber das lag nicht nur an ihrem Schwimmtraining. Sondern vor allem an ihm.

     „Ich komme gleich.“ Sobald er endlich ins Haus ging und sie allein ließ! Es war schon schlimm genug, wenn Fremde sie im Schwimmbad anstarrten. Ronan sollte sie nicht auch noch so sehen.

     „Marina.“ Seine Stimme klang fast drohend. „Sie nehmen jetzt meine Hand und kommen da raus, oder ich komme rein und hole Sie.“

     Sie öffnete den Mund, um zu erwidern, dass er wohl kaum so dumm sein würde, in seinem Anzug in den Pool zu springen. Aber ein Blick in Ronans finsteres Gesicht, und sie überlegte es sich anders.

     Trotzdem zögerte sie noch. Langsam begann er, sein Hemd aufzuknöpfen.

     „In Ordnung!“, rief sie schließlich. Sie kam sich lächerlich vor. „Ich komme raus.“

     Anstatt jedoch seine Hand zu nehmen, schwamm sie auf die andere Seite des Pools, griff sie nach der Leiter und zog sich hoch. Verärgert stellte sie fest, dass Ronan recht hatte. Sie war zu lange geschwommen und schrecklich müde. Ihre Beine zitterten. Aber bis zu der Liege, wo das rettende Handtuch lag, würde sie es noch schaffen.

     Doch Ronan war schneller. Mit ausgebreitetem Handtuch kam er auf sie zu, und Marina wurde augenblicklich stocksteif, als sein Blick über ihren Körper wanderte. Die Röte stieg ihr ins Gesicht, als sie sich vorstellte, was er zu sehen bekam: hässliche Narben auf ihrem linken Oberschenkel. Jetzt war es also passiert.

     Sie hob den Kopf, um ihn anzusehen. Sein Blick war undurchdringlich. Es lag weder Mitleid noch Abscheu darin, höchstens ein dunklerer Ausdruck als sonst, so als ob er verwirrt wäre. Wahrscheinlich war er es einfach nicht gewohnt, dass ihm jemand nicht gehorchte.

     Er sagte nichts, und Marina war zu stolz, um irgendetwas zu erklären. Im Moment war es sowieso nur der Stolz, der sie aufrecht hielt. Das Schwimmen und der alberne Machtkampf hatten sie völlig erschöpft.

     Mit schnellen Schritten ging sie auf Ronan zu und griff nach dem Handtuch. Ausgerechnet in diesem Moment versagte ihr linkes Bein, sie geriet aus dem Gleichgewicht und taumelte. Mit einem einzigen Satz war Ronan bei ihr, fing sie auf und hob sie auf seine Arme. Sie hörte, wie er leise fluchte.

     „Sie müssen mich nicht halten, ich kann alleine gehen!“, zischte sie beleidigt.

     „Ja, das sehe ich“, gab er kühl zurück und wandte sich in Richtung Haus.

     Marina starrte ihn an und bemerkte die Spannung in seinem Körper. Überall sollte sie sein, aber nicht hier auf seinen Armen! Obwohl das Blut durch ihre Adern rauschte und das verbotene Begehren wie Feuer in ihr brannte.

     Ronan trug sie über die Terrasse und stieß die Verandatür mit einem kräftigen Fußtritt auf, sodass die Tür laut gegen die Wand schlug. Das Geräusch hallte durchs Haus.

     Marinas Magen verkrampfte sich. Sie spürte Angst und Erregung zugleich. Der Anblick eines so rätselhaften Mannes, der vor Wut beinahe die Kontrolle verlor, löste absolut widerstreitende Gefühle in ihr aus.

     Sie musste sich zusammenreißen.

     „Ronan“, sagte sie so ruhig wie möglich und versuchte gleichzeitig, ihr pochendes Herz und seinen wahnsinnigen Duft zu ignorieren. „Sie haben recht, ich hätte nicht so lange schwimmen dürfen. Aber Sie müssen mich nicht tragen. Ich kann alleine laufen.“

     „Vielleicht trage ich Sie ja gern.“ Seine Stimme klang harsch und ungeduldig. „Haben Sie daran schon einmal gedacht? Ich fürchte, nein.“

     Nein, das hatte sie tatsächlich nicht. Und sie konnte es sich auch nicht wirklich vorstellen.

     Sie warf ihm einen skeptischen Blick zu. Er sah einfach nur verärgert aus, verärgert und angespannt. Er meinte es sicher nicht ernst. Auch für einen so starken Mann wie ihn musste es ein Kraftakt sein, jemanden wie sie zu tragen. Sie tat ihm leid, das war alles. Er hatte Angst, dass sie gleich wieder umkippen könnte.

     Jetzt hielt er sie noch ein wenig fester an sich gepresst. Sein Griff war hart wie Stahl, seine Hände lagen bestimmt auf ihren nassen Körper. Die Berührung erzeugte eine Hitze in Marina, die durch die Poren bis tief in ihr Inneres drang.

     Sie seufzte und ergab sich endlich. Den Kopf ließ sie an seine Schulter sinken, die Hände ruhten an seiner muskulösen Brust, während Ronan sie die Treppe hinauftrug. Sie schloss die Augen und genoss einfach den Moment. Sie würde die Erinnerung auskosten, wenn sie später allein war.

     Ronan stieg die Stufen in einem gleichmäßigen Rhythmus hinauf. Gleichzeitig hörte Marina das Herz in seiner Brust schlagen. Sein Duft war stark und herb, seine Muskeln merklich angespannt.

     Ein wirklich schöner Traum.

     Sie schlug erst wieder die Augen auf, als er die Tür zu ihrem Schlafzimmer mit der Schulter aufstieß und diese mit einem Knall hinter ihnen zufiel. Ronan marschierte schweigend auf das Bett zu und ließ Marina unsanft darauf fallen.

     „Die Tagesdecke“, protestierte sie und richtete sich auf, um die kostbare Seide nicht zu zerknittern.

     „Zum Teufel mit der Tagesdecke.“ Mit einer Handbewegung warf er Marina zurück in die Kissen. „Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht, verdammt noch mal? Haben Sie überhaupt nachgedacht?“ Er beugte sich tief über sie. „Ist es Ihnen egal, was Sie ihrem Körper antun? Dass Sie einen Rückfall erleiden können, der die ganze Arbeit der Ärzte zunichte macht?“

     Marina öffnete zwar den Mund, konnte aber nichts sagen. Ronans Anblick lähmte sie. Er war nicht mehr derselbe Mann. Sie hatte sich immer gefragt, was er hinter seiner kühlen Maske verbarg. Jetzt wusste sie es.

     Ungezähmte Wut schlug ihr entgegen. Seine Augen funkelten, seine Nasenflügel bebten. Breitbeinig stand er vor ihr, wie ein richtiger Macho. Seine Nackenmuskulatur war angespannt, die Hände hatte er zu Fäusten geballt, so als könne er sich nur mühsam beherrschen.

     Sie wollte ihn. Sie wollte ihn.

     So wütend wirkte er nur noch anziehender. Und zu ihrer Überraschung hatte Marina keine Angst. Sie wusste, dass Ronan ihr niemals wehtun würde. Er gehörte nicht zu dieser Sorte Mann.

     Der Anblick, wie er versuchte, seine Gefühle zu beherrschen, entfachte ihre eigene Sehnsucht neu. Nur mit Mühe schaffte sie es, unter seinem glühenden Blick nicht aufzustöhnen. Sich den Gefühlen hinzugeben, die er in ihr auslöste.

     Sie war wirklich ausgehungert. Konnte es denn tatsächlich sein, dass sein Zorn sie erregte?

     Marina schüttelte verwirrt den Kopf und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen.

     „Es geht mir gut, Ronan. Ich bin einfach ein bisschen zu schnell geschwommen und …“

     „Und nichts! Man kann von Glück sagen, dass ich früher nach Hause gekommen bin. Sonst hätte ich Sie womöglich tot aus dem Wasser fischen können!“

     „Ach, machen Sie sich doch nicht lächerlich“, fuhr sie ihn an. Plötzlich vergaß sie alle Vorsätze, ruhig zu bleiben.

     „Lächerlich, ja?“ Er beugte sich wieder über sie und durchbohrte sie mit seinem Blick. „Und wie nennen Sie es, wenn jemand seine Gesundheit aufs Spiel setzt, nur aus albernem Trotz?“

     „Ich kann tun und lassen, was ich will!“ Marina stützte sich auf einem Arm auf. Sie konnte sich nicht im Liegen mit ihm streiten. „Ich bin eine erwachsene Frau, falls Sie das vergessen haben.“

     Er lachte spöttisch. Sein Atem schlug ihr warm ins Gesicht. „Das habe ich nicht vergessen, Marina. Bestimmt nicht.“ Er machte eine Pause und ließ seinen Blick von ihrem Gesicht über ihren Körper und ihre Beine wandern.

     Sofort wurde ihr heiß. Die Begierde breitete sich erneut in ihr aus. Ihre Brustwarzen wurden hart und schwollen an, und sie musste sich zwingen, die Brüste nicht mit den Händen zu bedecken und damit erst recht Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

     „Und Sie dachten, es wäre besser, sich bis an alle Grenzen zu verausgaben, nur damit ich das hier nicht sehe?“

     Er legte eine Hand auf ihren Oberschenkel. Es fühlte sich nicht zaghaft und vorsichtig an, wie als wenn jemand ihre hässlichen Narben abtastete. Ronans Hand lag fest und warm auf ihrer feuchten Haut.

     Marina zuckte zusammen und schnappte erschrocken nach Luft.

     Er streichelte über ihren Oberschenkel und liebkoste die abscheulichen Stellen, die sie so gern vor ihm versteckt hätte.

     „Nicht!“ Das Wort blieb ihr im Hals stecken.

     „Warum nicht?“ Jetzt sah er ihr fest in die Augen. „Die Narben gehört zu Ihnen, und Sie müssen lernen, damit zu leben.“

     Tränen der Wut stiegen Marina in die Augen und verschleierten ihr die Sicht. Sie blinzelte heftig.

     „Sie arroganter Kerl! Glauben Sie, das weiß ich nicht? Ich lebe seit Monaten mit den Schmerzen. Wie soll ich es vergessen, wenn ich die Narben jedes Mal sehe, wenn ich unter die Dusche gehe oder in den Spiegel gucke? Ich spüre die Schmerzen und erinnere mich …“

     Ihre Kehle war wie zugeschnürt, als die Bilder in ihr hochkamen. Sie saß im Auto mit ihrem Vater – es war das letzte Mal, dass sie ihn lebend sah. Das Kreischen der Bremse, als der Lastwagen über die nasse Fahrbahn auf sie zugerast kam. Der Aufprall. Der Wagen hatte sich unzählige Male überschlagen.

     Und hier saß dieser Mann, der keine Ahnung hatte, wie es sich anfühlte, einen Menschen zu verlieren, oder wie es war, so entstellt zu sein, und wollte ihr erklären, wie sie sich zu benehmen hatte! Dabei wollte sie doch nur den letzten Rest Würde bewahren, der ihr geblieben war.

     Sie starrte Ronan an. Sie wusste nicht, welches Gefühl stärker war – ihre Sehnsucht nach ihm oder der Wunsch, ihn nie wieder zu sehen.

     „Sie haben keine Ahnung.“ Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern.

     „Doch, mein Engel.“ Seine Worte klangen leise und sanft. Dann beugte er sich vor und streichelte ihr über Wange und Kinn.

     Es war eine zärtliche, liebevolle Berührung. Marina wusste, dass sie schwach werden würde. Sie konnte allem widerstehen, aber dem hier nicht.

     Um die Kontrolle wiederzuerlangen und wegen des Ärgers, der noch nicht verraucht war, stieß sie Ronans Hand fort. Dann packte sie ihn an den Schultern und küsste ihn – mitten auf den Mund.

     Nicht zaghaft oder zärtlich. Sondern mit der Heftigkeit all der Gefühle, die in ihr tobten: Wut, Trauer, Verzweiflung und Sehnsucht. Ihre Lippen pressten sich verzweifelt auf seine. Sie spürte kaum die rasenden Schläge in ihrer Brust und die Spannung, mit der sie sich an ihn klammerte wie eine Ertrinkende.

     Überraschenderweise ließ Ronan den Kuss zu, beugte sich sogar noch weiter vor, damit sie ihn besser erreichen konnte. Aber er küsste sie nicht richtig zurück, eher verhalten und abwartend.

     Er machte nur aus Mitleid mit! Sie tat ihm leid, deshalb durfte sie ihn benutzen, um ihren Schmerz an ihm auszulassen. Verdammt! Sie war nicht bemitleidenswert!

     Nervös glitten ihre Hände von seinen Schultern hoch zu seinem Nacken. Gleichzeitig ließ sie sich zurück in die Kissen fallen.

     Einen Moment lang spürte Marina Ronans Widerstand. Doch dann siegte die Kraft ihres Verlangens. Er ließ sich von ihr aufs Bett ziehen, sein Körper bedeckte ihren.

     Marina merkte kaum, dass er sich auf den Unterarmen abstützte, um sie nicht zu zerdrücken. Sie spürte nur, dass er da war. Bei ihr. Sie schmeckte sein verlockendes Aroma und fühlte, wie er sie endlich zurückküsste. Der Kuss wurde leidenschaftlicher, fordernder.

     Mit den Fingern fuhr sie durch sein volles Haar, saugte an seiner Unterlippe, knabberte mit den Zähnen daran und leckte mit der Zunge darüber. Bereitwillig öffnete Ronan die Lippen und ließ sie tiefer eindringen.

     Ganz allmählich wurden Marinas Berührungen entspannter, zärtlicher. Sie seufzte. Sie wollte ihn so sehr! Sein herber, männlicher Duft erregte sie auf eine unfassbare Weise. Das Gewicht seines kräftigen Körpers auf ihrem fühlte sich angenehm und aufregend zugleich an. Wie im Traum bewegte sie sich unter ihm und kostete jeden einzelnen Augenblick aus.

     Und dann war plötzlich alles anders. Es schien, als würde Ronan von einem zum anderen Moment lebendig in ihren Armen. Mit entfesselter Kraft drückte er sie auf die Matratze, und der Kuss, den sie begonnen hatte, wurde zu einer einzigen sinnlichen Begegnung. Marina klammerte sich an Ronan, voller Lust und Begehren, um keine Sekunde dieses Moments zu verpassen.

     Ronan unterdrückte ein Stöhnen. Er ließ es nicht mehr geschehen, sondern gewann die Macht zurück. Mit seinen Knien öffnete er Marinas Schenkel, damit er sich dazwischenlegen konnte. Sie spürte den Stoff seiner Hose rau an ihrer empfindlichen Haut und erzitterte vor Verlangen.

     Und dann konnte auch er seine Erregung nicht länger verbergen. Ein stöhnender Laut drang tief aus seiner Kehle und vibrierte an Marinas schwellenden Lippen.

     Gierig bewegte sie sich unter ihm, um ihm immer näher zu kommen. So nah wie sie nur konnte. Dieser Mann erfüllte sie bis in alle Fasern ihres Seins. Er nahm von ihren Gedanken Besitz, von ihrem Körper, und es zählte nichts mehr bis auf die pure Leidenschaft zwischen ihnen.

     Mit einer Hand fuhr Ronan Marina durchs Haar, berührte mit den Fingerspitzen die zarte Haut an ihrem Hals und ihrem Dekolleté. Dann endlich fand er ihre Brust und liebkoste sie sanft durch den Stoff des Badeanzugs. Marinas Körper spannte sich an, als eine Woge feuriger Hitze sie durchfuhr. Mit dem Daumen strich Ronan einmal, dann noch einmal über ihre aufgerichtete Brustspitze. Marina rang nach Luft. Sie wollte mehr, sie wollte unbedingt mehr!

     Und er gab ihr mehr. Er löste seine Lippen von ihren und küsste sie sanft auf den Hals und immer weiter hinab, bis er endlich ihre Brüste erreichte und durch den feuchten Stoff hindurch die harten Knospen leckte.

     Marina war nicht fähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen, während Ronans dunkler Haarschopf über sie gebeugt war und seine Lippen und Hände ihre Brüste berührten. Was er dabei mit seinen Zähnen anstellte, die sanft an ihr knabberten, war die süßeste Qual, die sie sich vorstellen konnte. Sie erbebte, worauf Ronan sich mit einer einzigen drängenden Bewegung hart an sie presste.

     Unzählige Gedanken wirbelten ihr durch den Kopf, aber sie ergaben alle keinen Sinn. Sie konnte nicht denken, solange der Mann, von dem sie jede Nacht träumte, so wundervolle Sachen mit ihr anstellte. Mit ihr, Marina Lucchesi.

     Als er seine Hand langsam hinunter zu ihrem Schenkel gleiten ließ, hielt sie für einen Moment die Luft an. Und als seine Finger sich fest und bestimmt zu dem dünnen Stoff zwischen ihren Beinen vortasteten, dachte sie, ihr müsse das Herz stehen bleiben.

     Er streichelte sie, liebkoste ihre empfindsamste Stelle, bis Marina sich ihm keuchend entgegen bog.

     „Ronan“, murmelte sie. Ihre Stimme klang fremd, heiser vor Verlangen. Sie wollte ihn mehr, als sie zugeben konnte. Mehr, als er je erfahren sollte.

     „Hm?“ Er küsste sich ihren Hals entlang bis zum Ohrläppchen.

     Und dann, so als wüsste er genau, was sie wollte, rutschten seine Finger unter den feuchten Stoff.

     „Ronan!“ Sie streckte sich ihm entgegen, hilflos den Gefühlen ergeben, die sie nicht einordnen konnte.

     Und wieder wusste er, was sie wollte. Er streichelte sie, tastete sich langsam vor und drang schließlich in sie ein.

     „Nicht!“, keuchte sie. Gedankenblitze sausten durch ihren Kopf. Es war das, was sie wollte. Und auch wieder nicht. Sie wollte so viel mehr. Sie wollte ihn. Ganz.

     Unbeirrt streichelte er sie immer weiter, gleichmäßig und zärtlich. Marina zuckte unter seinen Berührungen zusammen, wand sich.

     „Nicht was?“ Seine Worte drangen heiß an ihre Lippen, während er mit der Zunge neckend darüber fuhr.

     Und plötzlich verschwamm die Welt vor ihren Augen. In ihren Ohren rauschte das Blut, vor ihren Augen explodierte ein Feuerwerk. Ihr Körper zog sich zusammen, als ein unglaubliches Gefühl von ihr Besitz ergriff.

     „Nicht … aufhören“, japste sie, als er sie auf den Mund küsste und sie zu einem köstlichen, berauschenden Höhepunkt führte.

     Marina zitterte heftig, während Ronan sie fest in seinen Armen hielt.

     Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sie aus dem Meer der Gefühle wieder auftauchte. Eine Ewigkeit, bis sie wieder bei Sinnen war und spürte, wie er sie festhielt und ihr sanft über den Kopf streichelte. Erstaunt registrierte sie, wie heftig sein Herz an ihrer Brust schlug.

     Vorsichtig hob sie eine Hand und streichelte über seine Wange. Sie erschauerte, als sie spürte, wie er plötzlich nach Atem rang.

     Und obwohl er ihr gerade erst einen wundervollen Höhepunkt geschenkt hatte, spürte sie genug Lust, um mehr zu wollen. Sie sehnte sich nach der körperlichen Liebe, die nur er ihr geben konnte. Sie brauchte ihn. Und sie wusste, dass er sie in diesem Moment auch brauchte.

     Liebe mich, Ronan.

     Das war es, was sie sagen wollte.

     Aber sie wusste, dass es nicht das war, was er hören wollte.

     „Ich will dich“, flüsterte sie stattdessen.

     Er erstarrte. Fast hörte er auf zu atmen.

     Tastend glitt Marina mit ihrer Hand seinen Körper entlang, über das teure Leinenhemd, den glatten Ledergürtel, die Hose, bis sie endlich seine starke Erregung berührte, die sich groß und hart anfühlte.

     Oh Gott.

     „Nein!“ Mit einem Mal fuhr er zurück, stieß ihre Hand fort und hielt sie auf Armlänge von sich weg. Marina erschrak. Sie fühlte sich klein, fast verletzlich.

     Verwirrt sah sie Ronan ins Gesicht. Seine Augen glänzten fiebrig. Warum durfte sie ihn nicht berühren?

     „Aber du hast noch nicht …“ Sie sprach den Satz nicht zu Ende, weil er plötzlich so finster aussah.

     „Das macht nichts.“ Offenbar kostete es ihn größte Anstrengung, die Worte über die Lippen zu bringen.

     „Aber …“ Marina schluckte. Was hatte sie denn falsch gemacht? „Bitte, Ronan.“ Sie vergaß ihren Stolz. Er sollte einfach wissen, wie es ihr ging. Wie sehr sie sich nach ihm sehnte. Sie hatte nichts mehr zu verlieren.

     „Bitte“, flüsterte sie wieder. „Ich will dich in mir spüren.“

     Aus der Nähe sah sie, wie seine Pupillen sich weiteten und es um seinen Mund herum zuckte. Aber dann machte er sich endgültig von ihr los und richtete sich auf.

     So plötzlich seiner Körperwärme beraubt, begann Marina zu zittern. Vielleicht lag es aber auch an dem Ausdruck in seinen Augen. Es war nicht der Ausdruck eines Liebhabers. Nicht mal der eines Freundes.

     Es war der Ausdruck eines Fremden.

     „Nein“, sagte er bestimmt. Er stieg aus dem Bett, ließ seinen Blick noch einmal über ihren Körper schweifen, fuhr dann herum und sah aus dem Fenster. „Du weißt nicht, worum du da bittest.“

     Marina biss sich auf die Unterlippe, bis es wehtat, und hoffte, dass sie es so schaffte, die Tränen zu unterdrücken.

     Sie hatte sich in ihn verliebt. Das war die Wahrheit. Sie hatte sich etwas vorgemacht, so als ob sie nicht wüsste, dass die Liebe auf den ersten Blick eine Familienkrankheit war. Ihre Eltern und Seb hatte es genauso erwischt.

     Obwohl sie sich dagegen gewehrt hatte und immer versuchte, streng mit sich zu sein, hatte sie nur von Ronan geträumt. Sie hatte mit der Fantasie gelebt, dass sie wirklich ein Paar wären und sich eines Tages ihrer Leidenschaft hingeben würden. Es war ein herrlicher Tagtraum gewesen, in dem Ronan immer für sie da war. Sie hatte sich sogar eingebildet, dass die Flamme, die sie manchmal in seinen Augen zu erkennen glaubte, echtes Begehren war. Es war ein albernes Märchen gewesen, das sie da geträumt hatte. Die schöne Prinzessin und der mutige Held, der sie rettete.

     Dabei hatte Ronan einfach nur Mitleid. So, wie er sie gerade angesehen hatte, gefiel ihm nicht mal ihr Aussehen. Er fand die Narben, die sie nicht verstecken konnte, hässlich. Wie hatte sie je etwas anderes glauben können?

     Sie drehte sich auf die Seite, damit er nicht sah, wie ihr unaufhaltsam die Tränen kamen.

     Er hatte ihre Verletzungen nicht gestreichelt, weil er sie begehrte! Und schon gar nicht, weil er Liebe für sie empfand. Das, was sie so naiv für Erregung gehalten hatte, war bei einem Mann, dem sich eine halbnackte Frau aufdrängte, wahrscheinlich eine ganz normale Reaktion.

     Du weißt nicht, worum du da bittest.

     Wütend blinzelte Marina gegen die Tränen an und vergrub ihr Gesicht in den Kissen. Er wollte sie nicht. Er wollte sie einfach nicht. Und wer konnte es ihm übel nehmen? Es hatte sich absolut nichts geändert, neue Kleider hin oder her.

     Die Wahrheit war so bitter, dass sie nicht einmal merkte, wie Ronan aus dem Zimmer ging und sie allein ließ.

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